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Kapitel 02: Ein Stern unter dunklen Flügeln

Aurelith Band 1 - Fremdes Blut — www.fanfiktion.de · All chapters

Kapitel 02: Ein Stern unter dunklen Flügeln

Am selben Abend öffnete sich in einer engen Gasse ein magischer Riss. Für einen Atemzug war Lumielle nicht mehr in London. Der Lärm der Muggelstraßen verstummte und selbst die Schwerkraft schien sie freizugeben, wobei ein vertrauter Sog sie durch eine unsichtbare Membran zog.

Als der Riss aus Licht verflog, breitete sich ihre Heimat vor ihr aus: eine schwebende Insel hoch über der Wolkendecke. Unter ihr lief das Gestein spitz zu. Aus seinen Flanken stürzten Wasserfälle lautlos hinab und lösten sich in der Luft auf, ehe sie den Nebel unter der Insel erreichten. Auf der Insel erhob sich der Palast aus schlankem, hellweißem Stein. Dahinter spannte sich ein makelloser, sommerblauer Himmel. Türme ragten spitz empor und offene Rundbögen ließen das Licht frei hindurchströmen. Blumen, große Bäume und tiefes Grün durchzogen das helle Blau und Weiß der Insel. Um sie herum schimmerte eine Schutzmembran, kaum sichtbar, aber mächtig.

Der Pfad aus hellem Stein begann auf einem erhöhten Podest und führte sanft ansteigend bis zum großen Tor, dessen Metallstäbe in feiner Arbeit geschmiedet waren. In der Mitte prangte das Wappen: ein anatomisches Herz, von Blumenranken umwoben, durchstoßen von einem aufrechtstehenden Schwert, alt und doch lebendig.

Lumielle stand mitten auf dem Pfad, ihr schwarzer Mantel noch feucht vom Londoner Regen.

„Du bist zurück.“ Die Stimme war weich wie warmer Honig. Aurelian stand am Fuß der Treppe, sein langer brauner Mantel vom Wind umspielt. Hinter ihm löste sich Tharion aus den Schatten, grau und reglos.

„Wir haben gespürt, dass etwas geschehen ist“, sagte Tharion leise.

„Ein Junge wurde in London angegriffen“, erwiderte Lumielle ruhig. „Zwei Dementoren. Es war Harry Potter, der Junge, der überlebte. Die Kreaturen wurden von Voldemort geschickt, um ihn zu töten. Etwas von seiner Macht lag auf ihnen.“

Tharion senkte den Kopf in schweres Nachdenken, während Aurelian langsam beide Brauen hob. „Voldemort schickt Dementoren nach einem Kind ... und du rettest ihn.“ Es war mehr Feststellung als Frage.

Lumielle trat weiter in den Hof, bis das sanfte Leuchten der Insel sie ganz umhüllte und sich wie feine Sternsplitter in ihren Augen spiegelte. „Ich konnte ihn nicht sterben lassen.“

„Man hat immer eine Wahl“, erwiderte Tharion sanft. „Aber du hast die richtige getroffen.“

Aurelian sah sie aufmerksamer an, als Lumielle lieb war. Nicht nur ihr Gesicht, auch die feinen Risse in ihrer Fassung schien er zu erkennen. „Du hast mehr getan, als ihn zu retten, Kind“, sagte er schließlich. „Du hast dich gezeigt und etwas verwendet, was wir dir verboten haben. Nargûl’thar, die Sprache deines Vaters, vor einem Jungen wie Harry zu benutzen.“ Er schüttelte langsam den Kopf. Seine Augen waren voller unausgesprochener Warnung.

Einen Moment lang lag nur das Gewicht der Stille zwischen ihnen, begleitet vom fernen Rauschen der Wasserfälle. Lumielle hob den Kopf und etwas in ihrer Haltung verriet, dass sie die Schelte erwartet hatte. „Sie machen Harry Potter durch Propaganda unglaubwürdig“, sagte sie leise, doch mit einer Klarheit, die keinen Widerspruch zuließ. „Sogar Dumbledore ist davon betroffen, obwohl Harry und er die Wahrheit sagen.“

Tharions Augen verengten sich. „Propaganda hat schon ganze Reiche gelenkt, Lumielle. Sie ist gefährlicher als mancher Zauber.“

Aurelian nickte kaum merklich. „Wir kennen ihre Macht. Worte können Kriege entfachen, wenn sie in die richtigen Ohren fallen.“

Lumielle atmete tief ein. „Ich konnte nicht einfach gehen. Der Schatten wird größer. Ich ... ich habe etwas gesehen, als Harry und seine Freunde vor mir standen. Rote Schleier, Tharion. Todesdaten, die sich zu früh in ihre Linien drängen.“

Tharion tauschte mit Aurelian einen schnellen Blick, eine stumme Verständigung, die schwerer wog als jedes Wort.

„Deine Gabe ist ein Segen“, sagte Aurelian schließlich, „aber sie ist auch ein Fluch.“

Sie senkte den Kopf. „Ich glaube, Hogwarts braucht Hilfe. Ich habe bereits mit Dumbledore gesprochen. Ich habe ihm meine Unterstützung angeboten.“

Aurelian runzelte die Stirn. „Warum bietest du ihm deine Hilfe an? Das ist nicht unser Aufgabenbereich. Darum müssen sich die Ministerien kümmern.“

Lumielle schwieg einen Moment, doch Tharion musterte sie prüfend. „Du hast noch was anderes gesehen.“

Sie nickte langsam. „Ich habe in Harrys Seele etwas gesehen ... und bei jemandem aus seiner Gruppe. Etwas, das mit der Blutlinie meines Vaters zu tun haben könnte.“

Aurelian schüttelte mit hörbarer Sorge den Kopf. „Lumielle, wenn das stimmt, kann es gefährlich werden.“

„Ich weiß“, sagte sie leise. „Aber wenn es das ist, was ich glaube, kann ich nicht wegsehen. Es geht um etwas, das über irdische Gesetze hinausreicht. In gewisser Weise gehört es auch zu meiner Aufgabe, mich darum zu kümmern.“

Tharion atmete schwer aus. „Es ist nicht deine Aufgabe, dich in etwas einzumischen, das von anderen in Gang gesetzt wurde.“

Lumielle sah ihn an. „Wenn niemand eingreift, könnten viele Menschen sterben. So eine Markierung ist gefährlich, nicht nur für die Träger.“

Aurelian und Tharion tauschten einen langen Blick. Lumielle fuhr fort. „Ich habe Dumbledore meine Hilfe bereits zugesagt. Es steht schon fest.“

Aurelian schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, lag darin kein Zorn, sondern etwas anderes. „Lumielle ... du darfst Entscheidungen treffen, ja. Aber sowas hättest du mit uns besprechen müssen. Wir sind die Ältesten dieser Linie und wir tragen die Verantwortung.“

„Ich weiß.“ Sie trat einen halben Schritt näher, wobei ihre Stimme weicher wurde, beinahe flehend. „Es tut mir leid. Ich wollte nicht respektlos sein. Aber ich konnte nicht stillstehen. Nicht nachdem, was ich gesehen habe.“

Tharions Stirn legte sich in Falten. „Wie willst du sie schützen, Lumielle? Hogwarts ist kein Dorf, das man einfach bewacht. Es ist ein Schlachtfeld in Vorbereitung.“

Sie richtete sich auf. „Ich möchte als Schülerin unter ihnen studieren. Ich kann die Augen offenhalten und spüren, wenn etwas nicht stimmt. Es ist der einzige Weg, nahe genug zu sein, ohne aufzufallen.“

Aurelian hob eine Braue und in seiner Stimme lag ein Hauch von Amüsement. „Man wird dich nicht für eine gewöhnliche Hexe halten.“

„Ich werde es versuchen“, antwortete sie. „Ich gehe als Aurewyn. Niemand wird Verdacht schöpfen, wenn ich im Hintergrund bleibe.“

Tharion nickte langsam, wenn auch mit spürbarer Sorge. „Dann bleib bei Aurewyn. Die Wahrheit deiner Linie würde nur neue Fäden in diesen Krieg ziehen.“

Aurelian strich sich nachdenklich über den langen Bart. Seine Aufmerksamkeit blieb auf ihrem Gesicht, warm, aber prüfend. „Wir hielten dich so gut es ging aus der Öffentlichkeit heraus, weil viele deinen wahren Namen als Waffe nutzen würden. Nun willst du in eine Schule voller Kinder gehen, deren Eltern entweder für oder gegen den Dunklen Lord sind.“

„Ja“, sagte sie ruhig. „Ich kenne das Risiko. Aber ich gehe nicht, um zu kämpfen. Ich gehe, um zu verhindern, dass die Markierung Tote fordert. Gerade, weil es diesmal eine Schule betrifft.“

Aurelian schloss für einen Moment die Augen, als müsse er eine Entscheidung von uralter Bedeutung abwägen. Dann trat er zu ihr und legte ihr beide Hände auf die Schultern. Seine Berührung war schwer vor Sorge, doch getragen von etwas Zärtlichem, das Lumielle oft bei ihm spürte. „Wir unterstützen deine Entscheidung“, sagte er schließlich. „Wir helfen dir bei allem, was nötig ist.“

Tharion nickte zustimmend. „Aber wir müssen vorsichtig planen. Krieg liegt in der Luft, Lumielle. Sollte Britannien brennen, können wir als Van Hallow Linie nicht eingreifen, ohne das Gleichgewicht zu zerstören.“

Er schwieg einen Herzschlag lang, dann sprach er leiser weiter. „Nicht, weil wir uns dafür zu fein wären. Wir haben nur zu oft gesehen, was geschieht, wenn alte Häuser offen in einen Krieg treten. Unsere Schritte bleiben nie ohne Antwort. Wenn die Van Hallows sichtbar eingreifen, werden andere Häuser ebenso sichtbar dagegenhalten. Wir dürfen lenken, warnen, verhindern, aber wir dürfen nicht die Fahne heben und es Krieg nennen. Dafür haben wir auf der Welt zu viele Familienmitglieder in hohen Ämtern.“

Lumielle nickte. „Deshalb gehe ich allein. Nicht als Waffe, sondern als Schutz.“

Aurelian verzog den Mund, ein Ausdruck zwischen Ärger und Respekt. „Dumbledore war damals offiziell als Gast auf der Insel. Er kannte die Linie und er kannte den Namen Van Hallow.“

Er hielt kurz inne. „Dann hat er zugehört. Er hat alte Geschichten gelesen, die nur noch als Randnotizen existieren. Er hat gesehen, wie wir sprechen, wann wir schweigen, welche Namen wir in welcher Umgebung benutzen.“ Aurelian senkte die Stimme. „Irgendwann kam er von selbst darauf, dass Van Hallow nicht dein einziger Name ist, sondern der, der nach außen gehört. Der andere ist der Name, unter dem du dich heimlich bewegst.“

Lumielle atmete langsam aus. „Ich war froh“, sagte sie leise, „dass er den Namen meines Vaters benutzt hat und nicht die Linie.“

Tharion nickte sofort. „Natürlich. Er ist nicht naiv.“ Sein Blick wurde eine Spur schärfer. „Der Familienname Van Hallow ist bekannt. Er weckt Aufmerksamkeit, alte Loyalitäten und alte Feindschaften. Mit einem einzigen Satz hätte er dich zu einer politischen Figur gemacht.“

„Er weiß auch um deine Kräfte“, sagte Aurelian. „Nicht alles. Nicht die ganze Tiefe. Aber genug, um zu begreifen, was du auf diesem Spielbrett bist.“ Er sah sie direkt an. „Er wird dich schützen, ja. Aber er wird dich auch einsetzen, wenn er es für nötig hält. Nicht aus Grausamkeit, sondern aus Überzeugung.“

Seine Hand legte sich auf ihre Schulter. „Komm“, sagte er sanft. „Wir gehen hinein. Es gibt viel zu bedenken.“

Gemeinsam wandten sie sich dem Palast zu und gingen den weißen Steinpfad hinauf.

✵

Malfoy Manor lag ein paar Tage später in tiefer Dunkelheit, als hätte sich die Nacht selbst durch die hohen Fenster gesenkt und die Halle in einen stillen Schatten gehüllt.

Lucius und Narzissa standen dicht beieinander, die Haltung straff, während der Hauself Kreacher vor ihnen kniete, klein und zitternd. Nahe der Mitte der Halle verharrte der Dunkle Lord in unbeweglicher Wachsamkeit.

Zu seiner Rechten standen Cassian Mulford und Lorian Flint, beide in die dunklen Roben des inneren Zirkels gehüllt. Männer mit Zugriff auf Register, Archive und Ermittlungsakten des Ministeriums, deren Loyalität längst im Verborgenen besiegelt worden war.

Narzissa senkte den Blick auf den Elfen. Ihre Stimme blieb ruhig, trug aber den unmissverständlichen Ton einer Black. „Kreacher. Wiederhole, was du mir berichtet hast.“

Der Elf zuckte zusammen, doch seine alte Ergebenheit gegenüber dem Haus Black ließ ihn gehorchen. „Jawohl, Herrin“, knurrte er, die Lippen vor Ekel verzogen. „Kreacher hat ein Mädchen gesehen ... dieses fremde Ding mit dem blassen Gesicht. Haut wie altes Pergament, Haare lang und dunkelbraun, viel zu ordentlich, als wolle sie jemanden täuschen. Blaue Augen, wach wie ein Rabe, der einen anstarrt ohne Respekt. Um ihren Hals trug sie ein sonderbares Schmuckstück, Herrin. Eine Blume aus Kristall, viel zu hell für jemanden wie sie.“ Ein leises Fauchen entrang sich ihm. „Nicht würdig, sowas zu tragen ... nein, ganz und gar nicht.“

Lucius hob eine Braue. Seine Stimme war kaum mehr als ein skeptisches Schnauben. „Ein Mädchen also. Eines, das offenbar mit Dementoren interagiert, wenn Kreachers Bericht stimmt. Lumielle Aurewyn soll sie angeblich heißen.“

Die Luft kühlte spürbar ab, als Voldemort den Kopf nur leicht wandte. „Ein Mädchen, das Harry Potter hilft“, sagte er leise. „Jeder, der Potter hilft, ist mein Feind.“

Lorian trat einen halben Schritt vor. „Mein Lord, wir kommen über Umwege an Informationen. Wir können die Register des Ministeriums durchsuchen. Wenn ihr Name irgendwo festgehalten wurde, in Familienbüchern, Archiven oder Bewegungsprotokollen, finden wir ihn.“

Cassian nickte knapp.

Der Dunkle Lord lächelte dünn, ohne Wärme, ohne Hast. „Dann sucht. Alles.“ Sein Blick streifte den knienden Elfen und kehrte zu den Malfoys zurück. „Kein gewöhnliches Kind widersetzt sich meinen Dementoren.“

Mit einem kaum hörbaren Rascheln lösten sich Mulford und Flint aus den Schatten und verschwanden durch die hohe Tür, dicht gefolgt vom Dunklen Lord, dessen Gestalt sich wie ein kalter Windzug aus der Halle zurückzog.

Kreacher blieb zitternd zurück, tief vor Narzissa gebeugt, bis ihre ruhige Stimme die Stille durchschnitt. „Gute Arbeit, Kreacher. Du wirst im Grimmauld Place deine Ohren weiter offenhalten.“

„Jawohl, Herrin“, krächzte er, ehe er mit einem Knacken verschwand.

✵

Zur selben Zeit lag Professor Dumbledores Büro in der goldenen Stille eines späten Sommerabends. Staub schwebte im Licht wie winzige Funken. Auf dem Schreibtisch lagen zwei Briefe. Einer trug ein goldenes Siegel, der andere den offiziellen Stempel des Ministeriums.

Professor McGonagall stand steif vor dem Tisch, die Lippen zu einem dünnen Strich gepresst. Die Hände hatte sie hinter dem Rücken gefaltet. Professor Snape verweilte im Schatten an der Wand, die Arme verschränkt. Seine schwarze Robe verschmolz fast mit der Dunkelheit und seine Augen waren nur ein wenig schmaler als sonst.

Dumbledore hob den Brief mit dem goldenen Siegel auf. Ein anatomisch korrektes Herz, umwoben von feinen Blumenranken, mit einem Schwert in der Mitte.

Er öffnete das Pergament vorsichtig und begann zu lesen. McGonagall bemerkte sofort, wie sich sein Ausdruck kaum merklich veränderte. Sie wusste in demselben Moment, dass dies mehr war als eine gewöhnliche Entscheidung.

„Albus?“, fragte sie leise.

„Miss Aurewyn kommt“, sagte Dumbledore ruhig, ohne den Blick vom Pergament zu heben.

Snape hob eine dunkle Braue.

„Sie tritt als Schülerin ein“, fügte Dumbledore hinzu, als lese er eine Zeile, mit der er längst gerechnet hatte.

McGonagall schaute ihn ungläubig an. „Als Schülerin?“

Der Name Van Hallow war ihr nicht fremd. Man sprach über diese Familie selten offen, doch wer lange genug an Hogwarts unterrichtet hatte, kannte die Gerüchte über ihren Einfluss, ihre abgeschirmten Kinder und jene Art von Privatunterricht, die weniger nach häuslicher Bequemlichkeit klang als nach einer Erziehung für Aufgaben, die gewöhnlichen Schülern nie begegneten. Gerade deshalb wirkte der Gedanke beinahe befremdlich, dass ein Mädchen aus diesem Hintergrund nun unter einem anderen Namen zwischen Fünftklässlern sitzen sollte.

„Ungewöhnlich“, sagte Dumbledore, „aber nicht wirklich überraschend. Die Familie Van Hallow wirkte seit Jahrhunderten im Hintergrund. Als Berater, als Richter oder als Minister. Durch ihre Ämter verhinderte sie Kriege, wo es ihr möglich war. Nicht durch Zauberduelle, sondern durch Entscheidungen.“ Dann senkte er den Blick wieder auf den Brief:

„Sehr geehrter Professor Dumbledore,

hiermit halte ich das Versprechen ein, das ich Ihnen gegeben habe. Ich werde Hogwarts jedoch unter dem Namen Lumielle Aurewyn betreten. Meine Blutlinie muss vorerst verborgen bleiben. Unsere Oberhäupter sind über die gegenwärtige Lage informiert. Ich bitte Sie, aufgrund der aktuellen Umstände ausschließlich Ihre beiden engsten Vertrauten einzuweihen. Ein kalter Wind zieht über Großbritannien und selbst Hogwarts wird davon nicht unberührt bleiben.

Lumielle L. Aurewyn“

Dumbledores Stimme blieb ruhig, doch in der Luft lag eine feine Spannung. Er lächelte mild, mit jenem undurchdringlichen Lächeln, das mehr verbarg, als es preisgab. „Lumielle hält, was sie verspricht“, sagte er mit einem milden, undurchdringlichen Lächeln.

Snape löste die Arme voneinander und trat einen Schritt aus dem Schatten. „Das wird interessant. Die Dementoren hatte sie ja in einem sehr jungen alter ohne Mühe vertreiben können. Sich jetzt hier als Schülerin auszugeben, wird vielleicht bei ihrem Wissen schwierig. Gerade, da sie Aufmerksamkeit auf sich zieht.“

Dumbledore hob langsam den Blick. „Severus, wie meinen Sie das?“

„Potter zu retten war notwendig“, erwiderte Snape kühl. „Was danach folgte, war eine Show. Sie kannte kaum einen der Anwesenden und bot dennoch an, unsere Lage zu beobachten und die Kinder zu schützen. Das zeugt entweder von bemerkenswerter Sicherheit oder von mangelnder Zurückhaltung.“

McGonagall kannte die Ereignisse jener Nacht bislang nur aus Dumbledores knappem Bericht. „Trotzdem ist es bemerkenswert, dass eine Hexe ihres Alters beide zurückdrängen konnte.“

„Bemerkenswert, gewiss“, sagte Dumbledore. „Aber eine einzelne Handlung und ein kurzes Auftreten verrät uns aber noch nicht, wie sie sich im Alltag verhalten wird.“

McGonagall presste die Lippen aufeinander. „Gerade deshalb überrascht es mich, dass sie als gewöhnliche Schülerin hierherkommt. Miss Aurewyn wurde fast ausschließlich privat unterrichtet und hatte offenbar nur wenig Kontakt zu größeren Gruppen Gleichaltriger. Hogwarts könnte für sie schwieriger werden.“

Snape hob kaum merklich eine Braue. „Viele Schüler meines Hauses wurden vor ihrer Ankunft privat unterrichtet.“

McGonagall wandte sich zu ihm. „Nicht alle lebten dabei nahezu abgeschirmt von anderen Kindern. Fachwissen ersetzt keine Erfahrung mit einem Schulalltag.“

„Das wird sich zeigen“, sagte Dumbledore ruhig. „Möglicherweise ist genau diese Erfahrung etwas, das ihr guttun wird.“

Snape betrachtete das goldene Siegel noch einen Augenblick. „Wenn sie Glück hat, kommt sie nach Slytherin. Mit ihrer Erziehung und ihrem gesellschaftlichen Hintergrund dürfte sie dort zunächst auf wenig Widerstand stoßen.“ Ein kühler Zug glitt über sein Gesicht. „Vorausgesetzt, niemand erfährt, welcher Familie sie tatsächlich angehört. Sollte der Name Van Hallow bekannt werden, wird sie in meinem Haus keine ruhige Minute mehr haben. Das würde erhebliche Wellen schlagen.“

„Vielleicht kommt sie auch nach Gryffindor“, wandte McGonagall ein. „Dann hätte sie mit Potter, den Weasleys und Miss Granger zumindest früh Kontakt zu Gleichaltrigen, die von ihrer eigentlichen Herkunft nichts wissen.“

Dumbledores Augen funkelten leicht. „Diese Entscheidung liegt weder bei Ihnen noch bei Severus.“

McGonagall hob das Kinn ein wenig. „Ravenclaw wäre bei ihrer Ausbildung ebenfalls nicht unwahrscheinlich.“

„Der Sprechende Hut wird sehen, wohin sie gehört“, sagte Dumbledore. „Und wir werden sehen, wie sie dort zurechtkommt.“

Noch bevor Snape was sagen konnte, griff Dumbledore nach dem zweiten Brief, brach das Siegel und überflog die ersten Zeilen. „Das Ministerium stellt diesmal eine Professorin für den offenen Posten“, sagte er ruhig.

Snape verzog keine Miene. „Weiß das Ministerium, dass der Posten für Verteidigung gegen die Dunklen Künste in den letzten Jahren für die Professoren nie gut geendet hat?“

Dumbledore sah ihn lange an. Es war ein stilles Gespräch voller unausgesprochener Wahrheiten, Misstrauen und jener sonderbaren Art von Vertrauen, die zwischen ihnen bestand. Schließlich wandte er sich zum Fenster.

„Dennoch brauchen wir jemanden für den Posten.“ Sorgfältig faltete er das Pergament zusammen und legte es beiseite. „Das Ministerium glaubt“, sagte er, „dass die Professorin, die sie gegen meinen Willen eingesetzt haben, scharfsinnig, misstrauisch, aber gehorsam ist und für Ruhe sorgen wird.“

In McGonagalls Gesicht flackerte Unbehagen auf und Snape verschränkte die Arme noch fester vor der Brust.

„Das Ministerium will Kontrolle“, sagte er kühl. „Das erreicht es nur, wenn eine eigene Beauftragte die Schüler unterrichtet. So kann sie ihm als wertvolle Informantin dienen.“ Seine Lippen verzogen sich kaum merklich, als schmecke ihm schon das Wort bitter.

Dumbledore erhob sich und zog mit den Fingerspitzen eine silbrig schimmernde Erinnerung aus seiner Schläfe, die wie flüssiges Licht an seinem Zauberstab hing. Behutsam ließ er sie in das Silber des Denkariums gleiten. McGonagall und Snape beugten sich unwillkürlich ein wenig vor, als die Oberfläche kurz aufflackerte und Wellen aus Licht über den Rand schlugen.

Das Bild formte sich: Dumbledore auf dem Van Hallow Ball. Goldenes Licht erfüllte eine Halle, so glanzvoll, dass selbst Hogwarts dagegen beinahe schlicht gewirkt hätte. Schimmernde Kuppeln, glitzernde Bögen, tanzende Schatten, die sich über den polierten Boden zogen wie lebendige Muster. Zwischen den Gästen stand ein junges Mädchen mit Augen wie blaue Sterne.

Lumielle war still, fast unbeteiligt am Wirbel der Musik, das Gesicht ruhig und doch unergründlich.

Dumbledore betrachtete das junge Mädchen in der Erinnerung, ohne dass sich aus seinem Gesicht lesen ließ, welche Gedanken ihn bewegten. „Es ist schonmal gut, dass sie nach Hogwarts kommt“, sagte er schließlich. „Was sie daraus macht, wird sich zeigen.“