Kapitel 06: Der Maulwurf im Schloss
Kapitel 06: Der Maulwurf im Schloss
Der Weg zum Zaubertrankunterricht führte tief hinunter ins Innere von Hogwarts, durch schmale Gänge, in denen die Luft mit jedem Schritt schwerer wurde.
Der Kerkerraum öffnete sich in kühles Halbdunkel, das Geräusche zu verschlucken schien. Hohe Regale voller in Flüssigkeiten schwebender Kreaturenaugen, getrockneter Wurzeln, feiner Pulver und ätherisch schimmernder Substanzen säumten die Wände wie schweigende Zeugen vergangener Braustunden.
Vorn stand Professor Snape. Aufgerichtet, reglos und doch von wachsamer Spannung durchzogen, als sei jedes noch so leise Geräusch eine drohende Störung in einem sorgfältig austarierten Gleichgewicht. Sein Blick war messerscharf, wie eine dunkle Klinge, die nicht zuschlug, sondern geduldig wartete.
In dem Moment, in dem Lumielle den Raum betrat, fiel dieser Blick auf sie. Nur für einen Sekundenbruchteil und doch fühlte sie, wie er sie traf. Snape musterte sie. Nicht feindselig oder freundlich, sondern misstrauisch.
Die Schüler verteilten sich mit einem Scharren von Stühlen und einem Murmeln halblauter Stimmen an die Arbeitstische. Innerhalb weniger Augenblicke hatten sich die ersten Paare gefunden. Flaschen klirrten leise, Kessel wurden zurechtgerückt und die Unruhe der Klasse ordnete sich in vertraute Gruppen.
Die Mädchen sammelten sich an einem Tisch und anhand der Plätze war Lumielle sofort klar, dass jemand zu einer anderen Gruppe musste. Sie sah sich im Raum um. Es schien, als wäre nur noch an einem Arbeitstisch ein Platz frei, direkt dort, wo Draco, Theodor, Blaise, Crabbe und Goyle bereits standen. Lumielle holte kurz Luft und ging zu ihnen hinüber.
Draco gab sich alle Mühe, gelangweilt auszusehen. Sein Blick glitt träge über den Raum und sein Mund war zu einem fast verächtlich unbeteiligten Zug geformt. Doch Lumielle bemerkte, wie er den Kessel einen Hauch zur Seite rückte, als wäre es Zufall, bis ein Platz genau neben ihm entstand, wie von ihm festgelegt.
„Du bist bei uns“, sagte er knapp, als wäre es eine Notwendigkeit und keine Entscheidung.
Lumielle nickte und lächelte schwach. „Natürlich“, antwortete sie leise und nahm den Platz neben ihm ein, während der Duft von Kräutern und kaltem Stein sie wie eine unsichtbare Decke umschloss.
Professor Snape hob die Stimme. „Zaubertränke sind kein Fach für Tölpel, Prahler oder Unaufmerksame“, begann er mit kalter Gelassenheit. „Heute brauen Sie etwas, das hervorragendes Wissen über Zaubertränke und präzise Arbeitsweise voraussetzt.“
Mit einem knappen Schwung wandte er sich zur Tafel und schrieb in präzisen, scharfkantigen Buchstaben: Draught of Living Death, Trank des lebenden Todes. Ein leises Raunen ging durch die Klasse, ein Gemisch aus ehrfürchtiger Nervosität und angeberischer Furchtlosigkeit.
Professor Snape schenkte der Reaktion nicht die geringste Beachtung. „Die Zutatenliste steht hier“, sagte er trocken und tippte mit der Kreide an den Rand der Tafel, wo in enger Schrift die Komponenten aufgelistet waren. „Die Schritte sind vereinfacht. Ihr werdet in Partnerarbeit daran arbeiten.“ Sein Tonfall bei diesem letzten Wort war so tief mit Verachtung getränkt, dass ein Hufflepuff-Schüler, der gerade zur Tafel hochsah, beinahe augenblicklich erbleichte.
Lumielle lehnte sich ein wenig vor, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Die Reihenfolge ist nicht optimal“, flüsterte sie, eher zu sich selbst als zu jemand anderem. Doch Draco stand nah genug, um es zu hören.
Er griff nach der ersten Zutat, einer blauschwarzen Kugel im Glas, und setzte das Messer an.
„Nein“, sagte Lumielle sofort leise und schloss sanft, aber bestimmt die Finger um sein Handgelenk, bevor die Klinge die Oberfläche berührte. „Nicht schneiden. Druck.“
Dracos graue Augen schossen zu ihr. Überrascht, irritiert und im nächsten Moment wieder wachsam. Einen Herzschlag lang rang etwas in ihm.
Denk an den Auftrag. Denk an das, was Vater gesagt hat. Eindruck machen. Nichts verspielen.
Er schluckte den ersten Impuls hinunter, sie wegzuschubsen und zu fauchen, dass sie sich gefälligst um ihren eigenen Kram kümmern sollte. Stattdessen zog er eine Braue hoch, die Stimme leise, aber scharf genug, dass nur sie es hörte. „Als ob ich deine Hilfe brauche, Aurewyn“, sagte er, ohne das Handgelenk wegzuziehen. „Wenn du dich so wichtig fühlen willst, dann mach. Aber wehe, das geht schief.“
Lumielle sah ihn kurz an, entschuldigend, aber mit einer Sicherheit, die keine Diskussion zuließ. Sie nahm ihm das Messer ab, legte die Klinge quer über die blauschwarze Kugel und übte einen gleichmäßigen, kontrollierten Druck aus. Die Schale gab leise nach, klarer Saft perlte heraus und sammelte sich in einem bereitgestellten Glas.
Crabbe und Goyle starrten so konzentriert darauf, dass es fast wirkte, als hätten sie vergessen zu blinzeln.
Draco beobachtete sie einen Moment lang, widerwillig, aber aufmerksam.
Privatunterricht. Natürlich weiß sie mehr. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich das brauche.
Vorn aus dem Halbdunkel des Klassenraums beobachtete Professor Snape die Szene, ohne ein Wort zu verlieren. Nur eine seiner dunklen Brauen hob sich kaum merklich.
Die nächste Zeile auf der Tafel verlangte nach drei Blättern einer bestimmten magischen Pflanze, deren gezackte Ränder mattgrün im Glas schimmerten.
Draco griff automatisch nach dem größten Blatt, als würde mehr unweigerlich besser bedeuten.
„Nicht das“, sagte Lumielle leise, diesmal ohne zu zögern.
Draco hielt inne, das Blatt schon halb in der Hand. Er drehte den Kopf langsam zu ihr, die Stimme ein leises, gefährliches Zischen. „Warum sollte ich ausgerechnet auf dich hören, Privatunterrichts-Prinzessin?“ Er betonte das Wort mit einem spöttischen Unterton, als wäre es eine Beleidigung. „Oder denkst du, nur weil du zu Hause von einem Hauslehrer verwöhnt wurdest, weißt du mehr als ich?“
Lumielle sah ihn entschuldigend an, blieb in ihrer Sache aber unbeirrbar. Seinen Kommentar ignorierte sie gekonnt. „Die Blätter sind normalerweise nicht so groß“, erklärte sie ruhig. „Wenn du das nimmst, stimmt die Menge nicht mehr. Die drei Blätter dahinten haben die richtige Größe. Dieses hier würde den Trank zu dick machen und dann kannst du ihn nicht mehr umrühren.“
Draco starrte sie an, als hätte sie ihn kritisiert.
Denk an den Auftrag, mahnte er sich innerlich. Nicht streiten.
Er biss die Zähne zusammen, legte das große Blatt zur Seite und wählte die drei kleineren aus. Die Bewegung war kontrolliert, fast trotzig ordentlich und doch tat er exakt, was sie gesagt hatte.
Während an den anderen Tischen nervöses Klirren und Zischen zu hören war, arbeitete Lumielle mit ruhiger, beinahe lautloser Konzentration weiter. Die Farbe im Kessel veränderte sich gleichmäßig, Schicht um Schicht, während sich in den Ecken des Raumes verkrampfte Mienen und missratene Konsistenzen häuften. Jetzt fehlte nur noch der letzte Schritt: das Erhitzen und kontrollierte Aufkochen.
Lumielle griff nach den Feuersteinen, die neben ihrem Arbeitsplatz bereitlagen. Unter dem Kessel war ein Bett aus feiner Holzwolle vorbereitet. Sie schlug die Steine gegeneinander, bis ein Schauer heller Funken darauf niederging und eine saubere Flamme entzündete.
Draco beobachtete jeden ihrer Handgriffe. Den Rhythmus, den Abstand zur Flamme, die Selbstverständlichkeit in den Bewegungen. Irritation und widerwillige Anerkennung stritten in ihm, während der Trank sich sauber verfärbte.
Sie ist anders. Nützlich. Ärgerlich nützlich.
Sein Kiefer spannte sich an.
Die Stunde verstrich unter dem leisen Zischen von Kesseln, dem Klirren von Glas und Snapes Kommentaren, die wie kalte Luft durch den Kerker schnitten, wann immer er den Tisch wechselte.
Er glitt von Gruppe zu Gruppe. Der schwarzen Robe war kaum anzumerken, wie schnell er sich bewegte. Doch seine Worte ließen keinen Zweifel daran, wie wenig Geduld er für Fehler hatte. „Farbe falsch.“ Ein kurzer, abwertender Blick. „Wasser zu heiß.“ Ein kaum hörbares Schnauben. „Minus fünf Punkte.“ Die Luft war schwer von Anspannung und dem bitteren Geruch missratener Tränke.
Schließlich trat er an den Tisch von Draco und Lumielle. Er beugte sich minimal vor und sah in ihren Kessel. In dieser kleinen Bewegung lag eine Veränderung, so fein, dass wohl nur geübte Augen sie bemerkt hätten. Der Trank war gelungen.
Ein dunkler, glatter Rauch lag wie ein seidiger Schleier auf der Oberfläche, genauso wie es in der Beschreibung stand, weder zu dicht noch zu dünn, von ruhiger, gefährlicher Perfektion.
Professor Snape atmete langsam ein, als prüfe er, ob auch der Duft stimmte. „Fünf Punkte für Slytherin“, sagte er schließlich trocken, ohne Wärme. Und doch wurde die Luft um den Tisch einen Hauch leichter.
Draco nahm die Punkte zur Kenntnis, so, wie man einen Sieg hinnahm, der auf dem Papier gut aussah. Ein Teil von ihm war zufrieden, denn Slytherin konnte jeden Punkt für den Hauspokal gebrauchen. Der andere Teil jedoch blieb unangenehm wach. Es störte ihn, dass der Erfolg nicht aus seinem eigenen Können resultierte. Er sagte nichts dazu, doch er beschloss, dass es beim nächsten Mal anders laufen würde.
Lumielle lächelte währenddessen nur ganz leicht, ein kaum merkliches Aufleuchten, das ebenso schnell wieder verblasste.
Professor Snape wandte sich schon ab, seine Robe rauschte leise, doch seine nächste Bemerkung schnitt direkt zu Draco hinüber. „Miss Aurewyn hat recht: Die Zutat selbst, aber auch die Methode ist wichtig.“ Kein Lob, eher eine sachliche Feststellung, aber in Snapes Mund war selbst das fast eine Auszeichnung.
✵
Als die Stunde vorbei war und die Schüler in kleinen Wellen aus dem Klassenzimmer strömten, prallten die Blicke an Lumielle fast so deutlich wie Schultern aneinander. Manche sahen sie mit versteckter Bewunderung an, andere mit skeptisch verengten Augen oder offener Missgunst.
Geflüster hing in der Luft wie dünner Rauch und zog ihr nach, während sie ihre Sachen zusammenpackte. Unter all diesen Blicken fühlte sie sich plötzlich kleiner, als sie war, als hätte der Raum sie um ein paar Zentimeter zusammengedrückt.
Sie war gerade auf dem Weg zur Tür, als sie eine vertraute Stimme hörte. „Aurewyn.“ Draco stand hinter ihr, nur eine Armlänge entfernt. Seine Miene wirkte zufrieden, doch der Spott hing ihm wie eine bereitliegende Klinge am Mundwinkel. Darunter lag eine klare Neugier, die er zu spät bemerkte, um sie vollständig hinter Arroganz zu verbergen. „Wenn du so weitermachst, sind das Punkte für Slytherin. Also verpatz es nicht. Seit wann kannst du so gut brauen?“, fügte er beiläufig hinzu.
Sie hob kurz die Schultern, ein kleines, ausweichendes Zucken. „Ich habe es schon früh beigebracht bekommen“, antwortete sie leicht verlegen.
Draco betrachtete sie einen Moment länger, als hätte sie ihm ein Rätsel hingelegt, das er nicht ganz zufriedenstellend lösen konnte. „Dein Privatunterricht war wohl … nicht gerade oberflächlich“, stellte er fest, beiläufig im Ton, aber zu interessiert, um wirklich gleichgültig zu sein.
Lumielle lächelte höflich. „Er war sehr gründlich.“
„Gründlich“, wiederholte Draco knapp. „Das ist selten. Und nützlich.“
Er sah sie noch einen Moment an.
Sie ist nützlich. Zu nützlich, um sie sich zum Feind zu machen.
Der Gedanke kam ungebeten und er hasste ihn sofort. Doch er konnte ihn nicht wegschieben.
Er ging an ihr vorbei und kaum war er außer Hörweite, kamen die Mädchen zu ihr herüber. Eliana grinste klein, aber aufrichtig. „Das lief ziemlich gut“, sagte sie so leise, dass es niemand außerhalb der kleinen Gruppe hören konnte. Anastasia fügte ein kurzes „Beeindruckend“ hinzu, eher als Feststellung denn als Lob.
Kassandra warf Draco einen schmalen Seitenblick zu, weder frech noch offen herausfordernd, eher ein trockener Kommentar ohne Worte, bevor sie leichthin sagte: „Malfoy war selten so höflich.“
Lumielle spürte, wie Draco bei diesen Worten minimal den Kopf drehte, nicht empört, eher irritiert darüber, überhaupt Gegenstand einer Bemerkung zu sein. Sie zwang ein kleines Lächeln hervor, um die Spannung aus dem Moment zu nehmen.
✵
Als die Mädchen Lumielle schließlich mit sich zogen, füllte sich der Korridor mit dem dumpfen Rauschen durcheinanderfließender Stimmen. Taschen wurden geschultert und die Schüler machten sich auf den Weg zur nächsten Stunde.
Lumielle trat hinaus auf den Flur, wo ein Streifen Sonnenlicht durch ein hohes, schmales Fenster fiel und sich wie eine warme Hand über ihre Schultern legte.
Für einen einzigen Atemzug fühlte sie sich wie ein ganz gewöhnliches Mädchen auf dem Weg zur nächsten Unterrichtsstunde. Dann spürte sie Aurelians Warnung wie ein Gewicht im Hinterkopf, eine leise, beharrliche Erinnerung: Keiner wird dich für eine normale Schülerin halten.
Neben ihr schlenderte die kleine Slytherin-Gruppe den Gang entlang. Die anderen unterhielten sich, und ihre Worte purzelten ineinander, halb gelangweilt, halb lebhaft.
„Ist lustig, oder? Jedes Jahr ein neuer Lehrer in Verteidigung“, meinte Blaise und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
„Lustig?“, schnaufte Pansy verächtlich. „Eher peinlich. Quirrell, Katastrophe.“
„Zweites Jahr Lockhart“, sagte Anastasia trocken und zog eine Braue hoch. „Hübsch, aber nutzlos.“
„Drittes Jahr Lupin“, sagte Theodor leise und zum ersten Mal klang seine Stimme weich, beinahe respektvoll. „Einer der besten Lehrer überhaupt.“
Draco verzog das Gesicht, als hätte er einen nassen Hund gerochen. „Ein Werwolf“, sagte er kurz, mit einem spöttischen Schnauben. „Als ob das etwas zu feiern wäre. Ein Köter, der sich für einen Lehrer hält. Typisch für diese Schule, die jeden nimmt, der noch atmet.“
Theodor warf ihm einen scharfen Blick zu.
„Und? Er war trotzdem besser als Moody.“
„Der Moody war ein Todesser in Verkleidung“, erwiderte Eliana streng.
Daphne meinte spitz: „Das Ministerium schweigt dazu …“, als spreche sie von einer persönlichen Verschwörung.
Lumielle lauschte den Fetzen, ließ die Namen und Urteile an sich vorbeiziehen wie fremde Sterne, deren Muster sie noch nicht kannte.
Dann fragte sie von echter Neugier getragen: „Ihr hattet … jedes Jahr andere Lehrer?“
„Ja“, sagte Draco tonlos, den Blick nach vorn gerichtet. Dann schlich sich ein härterer Unterton in seine Stimme, spöttisch und beißend. „Meistens, weil Potter irgendetwas ruiniert hat. Der Held der Welt oder was er sich einbildet. Es muss ja immer alles um ihn gehen, bis alles in Trümmern liegt.“
Lumielle verstand und schwieg. Der Potter-Junge, das hatte sie bereits gemerkt, war bei diesen Leuten kein gutes Thema.
Sie wurde etwas langsamer und sah zwischen den anderen hin und her. „Wird bei euch eigentlich einfach jeder irgendwann Professor?“, fragte sie mit ehrlicher Verwunderung. „So, wie ihr darüber redet, scheint jedes Jahr jemand anderes vor der Klasse zu stehen.“
Antonia lachte leise. „Ganz so schlimm ist es normalerweise nicht.“
„Im Grunde entscheidet die Schule, wer unterrichtet“, erklärte Eliana. „Aber dieses Jahr hat das Ministerium die neue Professorin eingesetzt.“
„Warum?“, fragte Lumielle.
Kassandra hob die Schultern. „Angeblich, weil der Posten ständig neu besetzt werden muss. Was sie wirklich damit bezwecken, weiß vermutlich niemand so genau.“
Draco schnaubte. „Das Ministerium bezweckt immer etwas. Meistens Kontrolle.“
Lumielle schwieg einen Moment und versuchte, die vielen Namen, früheren Lehrer und unausgesprochenen Rangordnungen in ihrem Kopf zu sortieren. Dann suchte sie im Gehen die Nähe von Antonia und Anastasia.
Antonia bemerkte es. „Wie war dein Unterricht eigentlich? Hattest du immer nur einen Privatlehrer?“
Lumielle schüttelte den Kopf. „Nein. Ich wurde gemeinsam mit einigen meiner Cousins unterrichtet. Wir waren aber immer nur eine sehr kleine Gruppe.“
„Und ihr hattet für alles denselben Lehrer?“, fragte Anastasia.
„Nein. Je nach Fach kamen unterschiedliche Meister zu uns. Manche blieben über Jahre, andere unterrichteten uns nur in einem bestimmten Gebiet.“
Eliana sah sie überrascht an. „Dann hattest du doch andere Kinder um dich.“
„Ja, aber immer dieselben wenigen“, antwortete Lumielle. „Keine großen Klassen, keine ständig wechselnden Gruppen und keine Hunderte von Stimmen gleichzeitig.“ Sie sah kurz über die Schulter zu den Schülern, die hinter ihnen durch den Korridor strömten. „Hier ist alles sehr laut. Und ich verstehe die Hierarchien noch nicht ganz. Wer zu wem gehört, wer wem folgt und weshalb manche Menschen einander hassen, obwohl sie kaum miteinander sprechen.“
Antonia senkte die Stimme. „Warum hat deine Familie euch außerhalb einer Schule unterrichten lassen?“
Ein Schatten glitt über Lumielles Gesicht und ließ ihre Züge für einen Moment älter wirken. „Sie hielten es für besser“, sagte sie. „Sicherer. Unsere Familie lebt sehr zurückgezogen und manches sollte nicht außerhalb unserer eigenen Kreise bekannt werden.“
Draco wurde kaum merklich langsamer. In Verbindung mit Reinblut, Privatunterricht und mehreren Fachmeistern klang zurückgezogen nicht nach bloßer Bequemlichkeit. Es klang nach Abschirmung. Nach einer Familie, die ihre Kinder nicht nur ausbildete, sondern vor fremden Blicken verbarg.
Er sagte nichts, musterte Lumielle jedoch aus dem Augenwinkel, als hätte sich in seinem Kopf ein weiteres Stück an seinen Platz geschoben.
Eliana bemerkte den feinen Riss in der Stimmung und lenkte das Gespräch in harmlosere Bahnen. „Also … deine Paste für die Haare. Ich habe vorhin eure Unterhaltung mitbekommen“, sagte sie mit einem aufmunternden Lächeln.
Lumielle nickte und strich sich eine Strähne aus der Stirn. „Es ist ein Rezept meiner Mutter.“
Bevor jemand den leichten Schleier auf ihrem Gesicht zu lange betrachten konnte, drehte sich Anastasia zu ihr um und strahlte sie an. „Dann musst du sie beim nächsten Mal für uns alle mit anrühren. Meine Haarspitzen könnten davon wirklich profitieren.“
Blaise schnaubte. „Wir gehen schon mal vor. Hier wird sich jetzt wohl nur noch über Mädchenkram unterhalten. Kommt ihr?“
Er setzte sich schneller in Bewegung. Theodor, Crabbe und Goyle folgten ihm ohne weitere Fragen, froh über ein klares Ziel.
Dracos Aufmerksamkeit blieb noch einen Moment bei Lumielle, länger als nötig. Dann wandte er sich abrupt den anderen zu und beschleunigte den Schritt, um aufzuholen.
„Antonia“, fragte Lumielle, „was haben wir denn als Nächstes?“
Die Mädchen schauten sich leicht belustigt an. „Verteidigung gegen die dunklen Künste“, antwortete Antonia. „Die neue Lehrerin soll eine Angestellte des Zaubereiministeriums sein.“
Etwas in Lumielles Miene verdunkelte sich.
Eine Ministeriumsangestellte hier, ausgerechnet in diesem Fach. Das verheißt nichts Gutes.
✵
Der Weg zum Klassenturm war warm und lichtdurchflutet. Durch die hohen Fenster fiel goldenes Licht in den Treppenaufgang und die große Uhr im Inneren von Hogwarts hatte gerade geschlagen.
Sie traten in den Flur des Turms hinaus. Dort wartete sie bereits. Die Tür zum Klassenraum stand offen und Professor Crowe stand genau daneben. Aufrecht, die Hände vor dem Körper gefaltet und mit einem Lächeln, das so glatt war, dass es jede Herzlichkeit verweigerte.
Ihr Kleidungsstil ließ Lumielle sofort die Schultern ein wenig anspannen. Ein rosa Twinset, eine glänzende Brosche, perlenartige Knöpfe, alles so penibel aufeinander abgestimmt, dass es wie eine Uniform der Selbstzufriedenheit wirkte.
Professor Crowe hob das Kinn leicht, während die Schüler an ihr vorbeiströmten. Sie musterte jeden Einzelnen mit einem Lächeln, das nicht einmal den Versuch machte, warm zu sein. Bei jedem blieb sie eine Sekunde zu lange hängen, als wolle sie nicht nur das Äußere prüfen, sondern gleich die Gedanken dahinter sortieren.
Dann richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf Lumielle, und Professor Crowes Augen verengten sich ein wenig. In diesem schärfer werdenden Fokus lag zu viel Interesse und zu viel Misstrauen.
Lumielle erwiderte den Blick, ohne den Kopf zu heben, nicht trotzig, nicht offen herausfordernd, sondern still wissend. In ihrem Inneren formten sich Worte, die sie nicht aussprach.
Ich weiß, warum du hier bist. Ich weiß, dass du nichts beibringen wirst.
Ein sichtbares Zucken ging über Professor Crowes Lippen, als hätte Lumielle sie tatsächlich laut angesprochen.
Der Klassenraum selbst wirkte falsch und unnatürlich sauber. Nicht für Unterricht vorbereitet, sondern für eine Inspektion. Kein Staubkorn auf den Fensterbrettern, kein Kratzer an den Tischen, die Tischreihen exakt gerade, wie mit einem Lineal ausgemessen. Die Bodendielen glänzten frisch gewischt, ohne die kleinsten Spuren von Leben, Stolpern oder Unordnung, wie sie sonst überall in Hogwarts zu finden waren.
An den Wänden hingen keine Bilder, keine Wandteppiche, keine Kreaturen in Glasrahmen, die sich rührten oder flüsterten. Eine Stille lag im Raum, die nicht aus Konzentration geboren war, sondern aus Unterdrückung. Lumielle spürte die Kontrolle förmlich, schwer wie ein unsichtbares Netz.
Professor Crowe schritt mit klackernden Absätzen nach vorn, verschränkte die Hände vor sich und lächelte. „Verteidigung gegen die dunklen Künste“, begann sie mit heller Stimme. „Ein Fach, das in den letzten Jahren …“ Sie machte eine genüssliche Pause und ließ den Blick über die Klasse gleiten. „… zugegebenermaßen unter einem ungünstigen Stern stand.“
Einige Schüler stöhnten leise auf, zu müde von der Geschichte dieses Faches, um sich noch die Mühe zu machen, es zu verbergen. „Professor Quirrell“, fuhr Professor Crowe fort, „war eine Enttäuschung. Professor Lockhart eine Peinlichkeit. Professor Lupin—“
„War einer der Besten!“, rief Theodor impulsiv dazwischen, bevor sein Verstand ihn bremsen konnte.
Professor Crowes Kopf fuhr zu ihm herum, ihr Lächeln gefror und ihr Blick wurde so kalt, dass man die Temperatur im Raum fast sinken fühlen konnte. „Ein Werwolf ist kein Vorbild, Mr. Nott“, sagte sie schneidend.
„Fünf Punkte Abzug für Slytherin, dafür, dass Sie dazwischen gesprochen haben, ohne sich zu melden.“
Theodor presste die Lippen zusammen und die Hände verkrampften sich um die Tischkante.
Draco rollte genervt die Augen, der Ausdruck auf seinem Gesicht eine Mischung aus Verachtung für Professor Crowe und Frustration über die verlorenen Punkte.
„Professor Moody“, nahm Professor Crowe den Faden wieder auf, „war leider … nicht er selbst.“
Sie legte eine dramatische Pause ein. „Und nun bin ich hier.“ Sie legte eine Hand auf ihr Herz, als wäre sie eine Wohltäterin, die sich selbstlos in Gefahr begab. „Gesandt vom Ministerium, um Ordnung, Struktur und akademisches Niveau in dieses Fach zu bringen.“
In Lumielles Kopf formte sich ein ruhiger, klarer Gedanke, hart wie ein Stein: Das Ministerium will nur, dass wir nichts lernen.
Professor Crowe schwang ihren Zauberstab mit einer eleganten, fast koketten Bewegung. Ein Stapel Bücher erhob sich vom Pult, schwere, harte Bände mit grauem und vollkommen uninteressantem Einband. Sie schwebten durch den Raum und klatschten unsanft vor jedem Schüler auf den Tisch, so schwer, dass das Holz leise knarrte.
Ein blondes Ravenclaw-Mädchen namens Mary hob die Hand.
„Professor …?“, begann sie zögernd. „Hier steht … nichts. Keine Anwendungen. Keine Abbildungen. Es ist nur … Theorie.“
Professor Crowe lächelte dünn. „Das Ministerium hat entschieden, dass Theorie ausreichend ist“, sagte sie. „Praktische Magie birgt Risiken. Wir wollen schließlich nicht, dass Sie sich verletzen.“
Einer der Ravenclaws konnte sich nicht mehr halten. „Das ist doch ein Witz!“, rief er laut in die Stille.
„Ruhe!“, fuhr Professor Crowe ihn an, ihre Stimme plötzlich scharf und schneidend, bevor sie sich zu einem künstlich milden Ton zwang.
„Wir …“ Sie holte einmal tief Luft und sammelte ihre Fassade wieder ein. „Das Ministerium möchte den Schülern in Hogwarts nicht noch mehr zumuten als in den letzten Jahren.“ Ihre Worte wirkten wie ein verschlossenes Gitter um den Unterricht: sauber, glatt, kalt.
Lumielle blätterte das Buch durch, Seite für Seite. Dichte Textblöcke, trockene Definitionen, endlose Absätze ohne ein einziges praktisches Beispiel. Mit jeder umgeschlagenen Seite wuchs das Gefühl in ihr, dass hier nicht Wissen vermittelt, sondern Wissen gezähmt werden sollte.
„Bitte lesen Sie Kapitel drei und machen Sie eine Zusammenfassung. Sie haben bis Ende der Stunde Zeit“, sagte Professor Crowe.
Ein Stöhnen ging durch die Reihen, begleitet von gemurmeltem Protest und Frust, der wie ein dumpfes Grollen unter der Oberfläche vibrierte.
Professor Crowe klatschte in die Hände, die Finger hart und präzise. „Ruhe. Schreiben.“ Der Befehl schnitt die Geräusche sauber ab.
Die Schüler beugten sich über ihre Pergamente und der Raum füllte sich mit dem gleichförmigen Kratzen von Federn.
Draco warf seinem Buch einen mörderischen Blick zu. Theodor seufzte so leise, dass nur sein Tischkreis es hörte, doch Lumielle schrieb währenddessen.
Sie war nicht die Art von Schülerin, die sich weigerte, sondern arbeitete geordnet, strukturiert. Ihr Schriftbild war sauber, ihre Gliederung klar und jeder Satz durchdacht. Auf dem Pergament gab sie keine Widerworte, innerlich aber flackerte ein Sturm, ein stilles Feuer ohne Ventil.
Sie bringen ihnen nichts bei. Gar nichts. Wie sollen sie kämpfen? Wie sollen sie überleben? Ich muss mit Professor Dumbledore sprechen.
Draco Malfoy sah zu ihr hinüber. Er wollte sich nicht anmerken lassen, dass er es tat, und zwang sich, den gewohnten, lässig arroganten Ausdruck beizubehalten.
Sie ist wütend, aber still.
Kein Geschrei, kein Drama, nur diese kalte, unterdrückte Glut, die er aus dem Augenwinkel bemerkte, als sie den Kopf leicht drehte.
Als ob das mein Problem wäre.
„Die Zeit ist vorbei. Gebt jetzt eure Berichte hier vorn am Schreibtisch ab!“, rief Professor Crowe am Ende der Stunde. Ihre Stimme war wieder messerscharf und erstickte jeden Gesprächsansatz.
Stühle kratzten, Schüler stellten sich an, Pergamente raschelten. Lumielle reihte sich ein und gab ihr Pergament ab: ordentlich gearbeitet, mit sauberen Rändern und ohne einen einzigen Tintenklecks.
Professor Crowes Hand griff wie zufällig, in Wahrheit jedoch zielgenau nach Lumielles Bericht. Sie schlug die erste Seite auf und las. Ihre Brauen bewegten sich minimal, kaum wahrnehmbar, doch dieser kleinste Zug verriet eine Mischung aus Anerkennung und Verärgerung darüber, dass sie beeindruckt war. Sie schloss das Pergament ein wenig zu langsam, als wolle sie den Eindruck korrigieren, den sie bereits hinterlassen hatte, und beugte sich leicht vor. „Ich werde Sie beobachten, Miss Aurewyn“, sagte sie so leise, dass nur Lumielle es hören konnte.
Sie hielt ihrem Blick stand und lächelte, nicht frech, nicht herausfordernd, aber still wissend. „Das dachte ich mir“, erwiderte sie hörbar.
Professor Crowes Lächeln wurde schmaler. Ein feiner Riss zog durch die makellos korrekte Fassade und zwischen ihnen stand nun etwas Unsichtbares, das sich wie ein unausgesprochenes Versprechen anfühlte.
Die Schüler strömten heraus, frustriert, enttäuscht und wütend.
„Wir lernen gar nichts!“
„Ich hasse Crowe.“
„Wie soll man sich gegen dunkle Kreaturen verteidigen, wenn man nicht mal erfährt, wie eine aussieht?“
Worte voller Empörung wirbelten durcheinander.
„Lumi, hast du gesehen? Sie hat dich fixiert“, sagte Eliana gedämpft neben ihr.
Lumielle lächelte sanft, ein kleines, kontrolliertes Lächeln, das kaum verriet, was in ihr vorging. „Ich habe es gemerkt“, antwortete sie ruhig.
Theodor, die Hände tief in den Taschen, schnaubte. „Ich sag doch, Lupin—“
„Wir haben es verstanden, Nott“, fuhr Draco ihn an und konnte diesen Namen langsam nicht mehr hören.
Lumielle schaute noch einmal in den Klassenraum zurück.
Das wird ein schweres Jahr für die Schüler.
Sie ging mit den anderen den Korridor entlang zur Pause.
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Die großen Türen der Großen Halle standen weit geöffnet und ließen goldene Lichtstreifen auf die abgetretenen Steinfliesen fallen.
Lumielle trat über die Schwelle. Das Licht fing sich in ihrem Haar, ließ es glänzen wie dunkle Seide und die silbernen Schwertnadeln, die es hielten, blitzten kurz auf.
Draco sah zu ihr hinüber. Er wollte sich nicht anmerken lassen, dass er zu ihr hinübersah, und zwang sich zu seinem gewohnten, lässig-arroganten Gang zum Slytherintisch. Dennoch wurde sein Tempo unwillkürlich langsamer, als sein Blick sie erneut suchte.
Er ging zu dem Platz am Slytherintisch, den er in Gedanken bereits für sich beanspruchte. Dann war sie da, neben ihm. Ohne ein Wort setzte sich Lumielle auf den freien Platz an seiner Seite, als wäre es das Natürlichste der Welt.
Der Stoff ihrer Robe strich leise über seine. In diesem Moment traf Draco ein kurzer, verräterischer Impuls: Passt. Wenn sie schon neben ihm saß, dann wenigstens, weil sie Punkte für Slytherin brachte.
Doch sofort folgte ein zweiter, unangenehmer Gedanke: Diese Nähe wirkte zu offen, zu riskant und zu sehr wie etwas, das man gegen ihn verwenden konnte.
Er richtete den Blick stur nach vorn, die Miene sorgfältig neutral und tat so, als hätte ihn nichts berührt.