Die Vergangenheit klopft an
Die Vergangenheit klopft an
Es war früh, als der Wecker sie unbarmherzig aus dem Schlaf riss.
Hermine öffnete müde die Augen und tastete nach dem kleinen Gerät auf ihrem Nachttisch. Mit einem leisen Seufzen brachte sie es zum Schweigen. Für einen Moment blieb sie einfach liegen und starrte an die Decke.
Neben ihr schlief Ron noch tief und fest. Er war am gestrigen Abend erst spät von einem Aurorenauftrag zurückgekommen. Hermine hatte ihn nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich war er kaum noch dazu gekommen, seine Schuhe auszuziehen, bevor er ins Bett gefallen war.
Sie drehte den Kopf zu ihm und betrachtete ihn einen Augenblick.
Ein müdes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Auf dem kleinen Tisch neben dem Bett lag noch der Zettel, den sie ihm gestern Abend hinterlassen hatte.
Dein Essen steht im Kühlschrank. Ich Liebe dich.
Sie wusste, dass Ron sich über solche kleinen Dinge freute. Also beugte sie sich zu ihm hinüber und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
Ron grummelte im Schlaf und drehte den Kopf zur anderen Seite.
Hermine musste leise lachen.
„Guten Morgen“, flüsterte sie, obwohl er sie ohnehin nicht hören würde.
Sie stand auf.
Der erste Weg führte sie wie jeden Morgen ins Badezimmer. Toilette, Dusche, Zähne putzen. Die Handgriffe gingen beinahe von selbst. Sie musste nicht darüber nachdenken, was als Nächstes kam.
Vielleicht war genau das der Grund, warum sie diese Routine mochte.
Sie musste über nichts nachdenken.
Nachdem sie ihre Haare getrocknet hatte, band sie sie zu einem Dutt zusammen. Anders als während ihrer Schulzeit fielen ihre Haare inzwischen in weichen Wellen über ihre Schultern. Sie betrachtete sich kurz im Spiegel, griff nach der Wimperntusche und trug anschließend etwas Puder auf.
Ihr Blick blieb einen Moment an ihrem eigenen Spiegelbild hängen.
Sie sah müde aus.
Nicht ungewöhnlich. Sie arbeitete viel.
Hermine wandte sich vom Spiegel ab.
Ein Bleistiftrock in Hellgrau, eine schlichte Bluse. Sie zog sich an, griff nach ihrer Tasche und verließ das Schlafzimmer.
In der Küche nahm sie sich einen Apfel. Der Kaffee würde im Ministerium ohnehin besser schmecken.
Zumindest redete sie sich das ein.
Kurz darauf trat sie in den Kamin und war im nächsten Augenblick im Ministerium.
Die Flure waren noch beinahe leer. Natürlich waren sie leer. Hermine war schließlich fast immer eine der Ersten.
Sie holte sich einen Kaffee und ging in ihr Büro.
Auf ihrem Schreibtisch warteten bereits die Akten.
Hermine stellte die Tasse ab, zog den ersten Ordner zu sich und setzte sich.
Wie jeden Morgen.
Sie hatte kaum mit der ersten Akte begonnen, als es an ihrer Tür klopfte.
„Herein“, sagte sie und konzentrierte sich wieder auf das Hier und Jetzt.
Sarah, ihre Assistentin, steckte den Kopf durch die Tür.
„Hermine, guten Morgen. Ich wollte dich nur kurz briefen, was heute ansteht“, sagte sie und trat ein.
„Wie geht es dir, Hermine? Du wirkst müde …“, ergänzte Sarah.
Hermine setzte ihr typisches Lächeln auf.
„Mir geht es gut, danke. Und dir? Was steht denn heute an?“, fragte die Brünette.
Doch das Lächeln erreichte ihre Augen nicht.
„Du hast heute einen Termin mit Kingsley. Anschließend ein Gespräch mit jemandem aus Amerika, um unsere strategischen Vorkehrungen zur internationalen magischen Zusammenarbeit zu besprechen. Und dann hast du am Nachmittag noch ein Meeting“, führte Sarah die Tagespunkte auf.
Hermine nickte beinahe mechanisch.
„Mit wem ist das Meeting am Nachmittag?“, fragte sie und machte sich sogleich Notizen in ihrem Planer.
Sie blickte auf, als Sarah zögerte.
„Sarah?“, fragte Hermine und hob eine Augenbraue.
„Narzissa Malfoy hat sich angekündigt, Hermine“, sagte Sarah.
Hermine fiel die Feder aus der Hand.
Was zur Hölle wollte Narzissa Malfoy denn von ihr?
Sarah blickte auf die Feder, die Hermine aus der Hand gefallen war. Hermine atmete tief durch und blickte Sarah entgegen.
„Weißt du, was Narzissa von mir möchte? Hat sie den Grund ihres Termins genannt?“, fragte Hermine und nahm die Feder wieder in die Hand.
Kurz verzog sie das Gesicht, als sie den Tintenfleck auf ihrem Planer sah. Mit einem Wisch ihres Zauberstabes entfernte sie diesen sogleich.
„Nein, leider weiß ich nicht, weshalb Narzissa Malfoy einen Termin bei dir vereinbart hat“, sagte Sarah.
Beinahe kam es Hermine so vor, als hätte Sarah Mitleid mit ihr.
„Danke, Sarah“, sagte sie freundlich.
Ihre Assistentin blickte ihr noch kurz entgegen, ehe sie aus dem Büro verschwand.
Hermine stützte ihren Kopf auf ihre Hände. Ihr Hirn arbeitete auf Hochtouren.
Kam Narzissa beruflich zu ihr? Ging es um Lucius oder Draco? Oder gar um Narzissa selbst?
Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr fiel ihr auf, wie lange sie die Familie Malfoy nicht mehr gesehen hatte.
Fünfzehn Jahre.
So lange war es her, seit der Krieg geendet hatte.
Das letzte Mal hatte sie ihnen im Gerichtssaal gegenübersessen. Narzissa war damals freigesprochen worden – nicht zuletzt wegen ihrer Handlungen in jener Nacht und der Tatsache, dass Draco zu dieser Zeit noch minderjährig gewesen war.
Lucius hatte weniger Glück gehabt.
Seine aktive Unterstützung Voldemorts hatte dafür gesorgt, dass er seinen gesellschaftlichen Einfluss verlor. Ob er aus Überzeugung oder aus Angst um seine Familie gehandelt hatte, hatte damals keine Rolle gespielt.
Danach waren die Malfoys aus ihrem Leben verschwunden.
Hermine wusste nicht einmal, was aus ihnen geworden war.
Bis heute.
Sie schüttelte leicht den Kopf. Sie kam auf keine zufriedenstellende Erklärung dafür, weshalb Narzissa ausgerechnet sie sprechen wollte.
Sie blickte auf die Uhr. Der Termin mit Kingsley war in zehn Minuten.
Zügig griff sie nach ihrer Kaffeetasse und trank daraus.
Hermine verzog das Gesicht.
Der Kaffee war eiskalt.
Sie griff nach ihrem Notizbuch und ihren Unterlagen, ehe sie sich erhob und aus dem Büro verschwand.
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Kingsley saß hinter seinem imposanten Schreibtisch, als Hermine an die Tür klopfte und anschließend eintrat.
„Hermine, setz dich bitte“, sagte der Zaubereiminister mit einem warmen Lächeln.
Die Brünette erwiderte das Lächeln automatisch und ließ sich auf dem Stuhl ihm gegenüber nieder.
„Wie geht es dir?“
„Gut, danke.“
Ihre Antwort kam beinahe zu schnell.
Kingsley betrachtete sie einen Moment, sagte jedoch nichts dazu. Stattdessen griff er nach einem Pergament, das vor ihm lag.
„Wie weit sind die Verhandlungen mit den Franzosen?“
Sofort wechselte Hermine in den beruflichen Modus.
„Weit genug, dass wir nächste Woche unterschreiben könnten. Vorausgesetzt, sie kommen uns bei den Sicherheitsauflagen noch entgegen.“
„Was genau fordern sie?“
Hermine schlug ihren Ordner auf.
„Sie möchten, dass wir für die gemeinsame Absicherung des Projekts einen Teil unserer Auroren bereitstellen. Gleichzeitig lehnen sie es ab, eigene Auroren für die Zusammenarbeit abzustellen.“
Kingsley hob eine Augenbraue.
„Das klingt nicht besonders ausgewogen.“
„Ist es auch nicht.“
Hermine zog ein Pergament hervor und schob es über den Tisch.
„Ich habe ihnen gestern bereits einen Gegenvorschlag zukommen lassen. Wenn sie den akzeptieren, können wir die letzten Änderungen an die Rechtsabteilung weitergeben. Dann sollte einer Unterzeichnung nächste Woche nichts mehr im Weg stehen.“
Kingsley überflog das Dokument und nickte bedächtig.
„Gut. Dann lass uns hoffen, dass sie sich darauf einlassen.“
Hermine nickte und machte sich eine kurze Notiz.
Kingsley legte das Pergament beiseite.
„Es gibt allerdings noch etwas, weshalb ich dich heute sprechen wollte.“
Hermine sah auf.
„Ich habe gehört, dass du heute Nachmittag einen Termin mit Narzissa Malfoy hast.“
Ihre Hand hielt mitten in der Bewegung inne.
Nur für einen Sekundenbruchteil.
Dann legte sie den Stift wieder auf den Tisch.
„Das stimmt.“
Kingsley bemerkte ihre Reaktion, ging jedoch nicht darauf ein.
„Wusstest du, dass die Malfoys vor einigen Jahren ein Unternehmen gegründet haben, das in deinem Zuständigkeitsbereich tätig ist?“
Hermine schüttelte den Kopf.
„Nein. Davon wusste ich nichts.“
„Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren ziemlich gut entwickelt.“
Hermine zog leicht die Augenbrauen zusammen.
„Und was hat das mit mir zu tun?“
„Dein Bereich wäre der richtige Ansprechpartner für eine mögliche Kooperation mit dem Ministerium.“
Hermine verschränkte die Arme.
„Eine Kooperation?“
„Davon gehe ich aus. Mrs. Malfoy hat ausdrücklich um ein Gespräch mit dir gebeten.“
Hermine schluckte.
„Warum ich?“
Kingsley lehnte sich zurück.
„Das wirst du sie wohl selbst fragen müssen.“
Nachdem sie und Kingsley noch einige höfliche Floskeln ausgetauscht hatten, ging Hermine zurück in ihr Büro und hatte kurze Zeit später das Kamingespräch mit ihrem Verhandlungspartner aus Amerika.
Auch dort konnte sie immerhin einen Erfolg erzielen.
Die Verträge wurden am folgenden Tag unterschrieben und somit war diese Zusammenarbeit gesichert.
Hermine war anschließend in ihren Akten vertieft. Sie hatte sich ablenken wollen. Doch nachdem sie das Kamingespräch beendet hatte, kreisten ihre Gedanken wieder um das kommende Meeting.
Sie war zugegebenermaßen nervös.
Und neugierig zugleich.
Die Brünette schreckte aus ihren Gedanken auf, als es an der Tür klopfte. Sie richtete sich auf und setzte eine professionelle Miene auf.
„Herein.“
Die Tür öffnete sich.
Und da stand sie.
Narzissa Malfoy.