Vogelblut
Vogelblut
Es ist der nächste Morgen und Vogelblut will Blitzzahn und Himmel wie jeden Morgen wecken, aber da fällt ihr schlagartig ein, dass Himmel ihre Prüfung nicht bestanden hat und Blitzzahn nun ein Kämpfer und Vogelblut ganz allein in ihrem Bau ist. Wie konnte das passieren, wir wollten doch für immer zusammenbleiben. Vor Kummer zerreißt es ihr fast das Herz und sie wimmert vor Trauer.
Sie rennt aus ihrem Bau, in der Hoffnung, dass frische Luft ihre Laune bessert. Sofort kommt ihr Jäger Kralle an, verneigt sich und fragt: „Kann ich etwas für dich bringen?“ Unbehaglich antwortet Vogelblut: „Ja, du kannst mir Wasser vor meinen Bau bringen.“ Er läuft los, um Moos zu holen, dass er dann mit dem Wasser, von dem spärlich um das Lager fließenden Bach, tränkt. Vogelblut wartet das aber gar nicht erst ab, sondern läuft aus dem Lager in den Wald, in der Hoffnung dort wenigstens für sich zu sein. Hoffentlich läuft Kralle mir nicht hinterher.
Sie jagt Vögel, was eigentlich einer Mörderin nicht würdig ist, aber sie hofft, dass das hilft ihre Gedanken zu sortieren. Nach einiger Zeit erwischt sie auch eine Amsel und bringt ihn ins Lager und hofft dabei nicht darauf angesprochen zu werden, weil eine Mörderin ihre Beute nicht selber tragen und schon gar nicht selber jagen würde, aber im Lager sind alle so mit sich selber oder ihren Aufgaben beschäftigt, dass Vogelblut gar nicht bemerkt wird.
Aus einem Bauchgefühl heraus läuft sie zum Jägerbau und sucht dort drin Himmel und als Vogelblut sie gefunden hat, flüstert sie leise: „Himmel, komm her.“ Als Himmel ihre Schwester sieht, leuchten ihre Augen kurz auf, bis sie sich erschrocken vor ihr verneigt. Um den Schein zu wahren, denn jetzt sind auch die anderen Jäger, die im Bau beschäftigt sind, auf Vogelblut aufmerksam geworden und beäugen sie misstrauisch, befiehlt sie in einem halbwegs glaubwürdigen Tonfall: „Komm mit nach draußen Himmel, ich habe eine Aufgabe für dich!“
Dann nimmt Vogelblut die Amsel, die sie draußen vor dem Jägerbau abgelegt hat, in den Wald, damit Himmel ihn ungesehen essen kann und erklärt in einem gespielt fröhlichen Tonfall: „Der ist für dich, ich weiß du magst Elstern zwar lieber, aber ich hoffe Amseln schmecken dir auch.“ Himmel guckt ungläubig und schnuppert vorsichtig an dem Vogel und fragt misstrauisch: „Und der ist wirklich für mich?“ „Ja, du kannst ihn ruhig essen“, antwortet Vogelblut. Himmel sieht zwar immer noch misstrauisch aus, aber fängt vorsichtig an zu essen.
Als sie die Amsel aufgegessen hat, bedankt sie sich und erklärt entschuldigend: „Ich sollte wieder zurück ins Lager, Fischtot wartet bestimmt schon auf mich.“ „Aber verrate niemanden hiervon, das muss unter uns bleiben“, bläut Vogelblut ihr eindringlich ein und Himmel nickt verstehend und eilt dann schnell zurück ins Lager. Vogelblut sucht sich unter einem Busch einen bequemen Platz und legt sich traurig hin.