Das Konzert
Das Konzert
Es dauerte nicht lange, bis Rei Bunny freudestrahlend über Mamorus Rettung berichtete. Nun konnte sie endlich wieder beruhigt schlafen und Bunny hatte keinen Stress mehr. Der einzige Stress, der sie verfolgte, waren ihre Gefühle und Gedanken. Es geschah immer häufiger, dass sie an Haruka denken musste und nun mischte sich auch Mamoru in ihren Kopf. Sie war regelrecht verzweifelt. Konnte sie denn gleichzeitig etwas für zwei Personen empfinden? Das durfte doch nicht möglich sein, aber warum gingen ihr die beiden nicht mehr aus dem Kopf?
Sie schlug sich eine geschlagene Woche mit diesen Gedanken herum und wusste keinen Rat. Sie konnte auch niemanden fragen, denn alle, die sie kannte, waren irgendwie darin verwickelt. Rei und Unazuki waren eindeutig zu jung, um diese Gefühle nachzuvollziehen, und Rei war auch noch die Freundin des Mannes, an den sie immerzu denken musste. Motoki hätte vielleicht die Erfahrung, aber er war so gut mit Mamoru befreundet, dass sie nicht ausschließen konnte, dass er mit ihm darüber reden würde.
Auch bei ihren Gefühlen zu Haruka hatte sie niemanden, den sie fragen konnte. Michiru war ihre Freundin und hatte möglicherweise schon etwas gemerkt. Wenn Bunny sie ansprechen würde, dann würde sie vollends begreifen, dass da etwas zwischen ihr und Haruka war.
Eigentlich sollte es Bunny auch alles nicht interessieren. Sie war sich sicher, dass es nur ein vorübergehender Zustand war und sie schon bald wieder in ihre normale Zeit zurückreisen würde. Zudem hatte sie es mit zwei Menschen zu tun, die an jemand anderen gebunden waren. Sie wollte nicht für das Zerbrechen von Beziehungen verantwortlich sein, wenn sie doch nicht bliebe. Doch Gefühle ließen sich durch Logik leider nicht abschütteln. Sie hatte Sehnsucht, sie hatte Verlangen und konnte kaum noch klar denken.
Der Einzige, den sie um Rat fragen konnte, war Yuichiro, denn er war erwachsen und hatte am weitesten mit diesem zwischenmenschlichen Chaos zu tun.
Am Freitagabend, als die Arbeit im Tempel so weit erledigt war, Rei Hausaufgaben machte, der Opa betete und Yuichiro das Abendessen kochte, gesellte sich Bunny zu ihm.
„Du, sag mal, Yuichiro!“, begann Bunny verlegen. „Ich würde dich gerne etwas fragen, aber es ist mir etwas peinlich.“
Yuichiro errötete, weil er sich nun die wildesten Fragen ausmalte, die ihm ein Mädchen in Bunnys Alter stellen konnte.
„Schieß los!“, sagte er schüchtern.
„Naja, ich weiß sonst nicht, wen ich fragen soll. Rei ist gerade mal 15. Verstehst du?!“
Nun war seine Neugier vollends geweckt.
„Kann man gleichzeitig in zwei Menschen verliebt sein.“ Nun hatte sie es doch ausgesprochen, es war gemacht. Es gab kein Zurück mehr.
„Bist du etwa in zwei Jungen verliebt?“, fragte er behutsam.
„Ja.“, sagte Bunny mit gesenktem Blick. Zwar handelte es sich bei einem der Jungen um ein Mädchen, aber das musste Yuichiro ja nicht wissen.
„Das Problem hatte ein Studienfreund von mir auch mal gehabt.“, begann Yuichiro, doch Bunny unterbrach ihn.
„Du hast studiert?“
„Ja, aber darum geht es jetzt nicht. Willst du jetzt, dass ich helfe?“
„Ja, ja.“, erwiderte Bunny. „Also, dein Freund...“
„Er war eigentlich heimlich in ein Mädchen aus der High School verliebt und hat im Studium dann ein anderes Mädchen kennengelernt, und ist mit ihr zusammengekommen. Als er in den Ferien nach Hause gefahren ist, hat ihm seine Schulfreundin ihre Liebe gestanden, und nun stand er zwischen zwei Frauen.“
„Und was hat er gemacht?“, fragte Bunny gefesselt.
„Er hat lange darüber nachgedacht und hat am Ende eine Vernunftentscheidung getroffen. Er hat sich für das Mädchen aus der Uni entschieden. Aber er hat mir verraten, dass er immer noch an seine Schulkameradin von damals denkt und sich fragt, was passiert wäre, wenn er sich für sie entschieden hätte.“
„Also ist er am Ende unglücklich geworden?“
„Nein, nein!“, lachte Yuichiro. „Er ist mit seiner Entscheidung glücklich, auch, wenn sie nicht leicht war, und er es am Anfang schwer hatte. Er wusste, dass es so besser war. Hätte er sich anders entschieden, hätte er diese Gefühle trotzdem gehabt, nur für das andere Mädchen.“
„Aber wie geht sowas?“, fragte Bunny verständnislos. „Wie kann man zwei Menschen gleichzeitig lieben?!“
„Das weiß ich auch nicht.“ Yuichiro überlegte kurz. „Ich denke, dass es die Lebensumstände sind. Jeder Mensch ist anders und jede Beziehung ist anders, und manchmal stellt uns das Leben vor Herausforderungen. Am Ende muss sich jeder entscheiden, welchen Weg er gehen möchte.“ Er lächelte Bunny an und seine Augen schauten unter seinem zotteligen Pony hervor.
Bunny musste das erst einmal sacken lassen. Für sie war immer klar, dass es nur eine wahre große Liebe geben konnte, doch diese bizarre Vergangenheit stellte sie auf so viele Proben, als wollte sie das Universum testen.
„Danke.“ Bunny lächelte. „Ich glaube, ich habe es verstanden.“
„Holst du die anderen? Das Abendessen ist fertig.“
Yuichiros Worte beschäftigten Bunny noch eine Weile. Sie überlegte intensiv, für wen ihre Gefühle stärker waren, für Mamoru oder für Haruka. Schließlich war Mamoru ihr Schicksal und ihre einzig wahre Liebe, so dachte sie zumindest. Dazu kam jedoch der Gewissenskonflikt, weil sowohl Mamoru als auch Haruka in festen Händen waren. Bunny fragte sich, ob es unter diesen Umständen etwas zu entscheiden gab und erinnerte sich im nächsten Augenblick an Harukas Annährungsversuche und Mamorus plötzlich verändertes Verhalten. Es war zum Haare raufen.
‚Am besten, ich vergesse das Ganze einfach und denke nicht mehr darüber nach.‘, nahm sich Bunny vor. ‚Ich gehöre nicht in diese Welt und darf weder bei Haruka noch bei Mamoru einknicken.‘
Mit diesem Entschluss machte Bunny es sich einfach, denn so glaubte sie, sich eine Entscheidung ersparen zu können. Sie versuchte, sich irgendwie in die Arbeit zu stürzen, um sich abzulenken. Sie ging zur Schule und versuchte fleißig zu sein, obwohl sie es nach wie vor hasste, zu lernen. Sie erledigte die Aufgaben im Tempel, ohne zu murren. Sie verbrachte ihre Freizeit mit Rei und Yuichiro und verdrängte jeden Gedanken über die Liebe. Sie war jeden Tag so erschöpft, dass sie abends in ihr Futon-Bett fiel und sofort einschlief. Sie hatte ihre Ruhe, denn Mamoru kam nur selten in den Tempel und traf sich meist in der Stadt mit Rei, und Haruka suchte sie nicht auf und meldete sich auch nicht, wenn keine Gefahr drohte, was zur Zeit der Fall war.
Unglücklicherweise konnte dieser Zustand nicht ewig anhalten.
„Bunny, da ist jemand am Telefon für dich.“, rief ihr Yuichiro zu, als sie den Boden wischte.
Sie wusch sich die Hände und ging ran. Als sie die unverwechselbare Stimme Harukas vernahm, bekam sie Herzklopfen, als hätte ihr Eingeständnis, dass sie sich verliebt hatte, etwas in ihr ausgelöst, was schon lange an der Oberfläche brodelte.
„Ich habe zwei Karten für Michirus Konzert nächste Woche. Begleitest du mich?“
„Ich habe nichts anzuziehen.“ Bunny versuchte nicht zu nervös zu klingen.
„Keine Sorge, ich regle das.“
„Aber...“
Haruka wartete nicht und legte auf, als würde sie ahnen, dass Bunny eine Ausrede suchen würde, um sie nicht begleiten zu müssen. Bunny raufte sich unterdessen die Haare. Sie sah ihre Aufgabe in der Verteidigung dieser Vergangenheit. Sie war optimistisch, wieder zu gehen und wollte sich nicht in irgendwelche unglücklichen Liebesgeschichten verstricken und fremde Beziehungen ruinieren. Sie wollte weder Mamoru noch Haruka treffen, wenn es nicht unbedingt notwendig war.
Wenn sie dieser Zwiespalt plagte, musste sie auch immer an ihren Mamoru denken, den sie erst vor kurzem verloren hatte. Er sollte es sein, an den sie dachte und nicht diese beiden Menschen. Auch wenn sie froh war, nicht der Trauer erlegen zu sein und eine Aufgabe in dieser Zeit gefunden zu haben, wollte sie die Liebe zu ihm nicht beschmutzen.
Als Bunny eine weitere Woche später an einem Freitag nach Hause kam, empfing Rei sie mit einem neugierigen und aufgeregten Blick. „Bunny, da ist ein Paket für dich gekommen.“
„Wirklich?“, fragte Bunny überrascht.
Sie setzten sich gemeinsam nach draußen in die warme Sonne und Bunny löste die seidene Schleife der großen Pappschachtel und öffnete sie langsam. Als erstes erblickte sie eine Karte mit roter Borte, auf der stand. ‚Ich hole dich morgen um 15 Uhr ab.‘ Nur noch das Seidenpapier verbarg den restlichen Inhalt, ein wunderschönes apricotfarbenes Cocktailkleid. Der obere Teil war enganliegend, hatte ¾ lange Ärmel und war dezent mit weißen Blumen bestickt, der untere Teil war ein zart flatternder mehrlagiger Rock, der bis zu den Knien reichte. Weder Bunny noch Rei hatten so ein wertvolles Kleid gesehen, abgesehen von Serenitys Robe, an die Rei sich selbstverständlich nicht erinnern konnte.
„Los, du musst es sofort anziehen.“, drängte Rei.
Bunny war sich unsicher, ob es passen würde, doch zu ihrer Überraschung saß es wie angegossen.
„Bunny, du siehst so schön aus.“ Rei strahlte, und sogar Yuichiro war beeindruckt.
Am Samstag machte sich Bunny zurecht. Rei half ihr dabei. Sie lieh ihr Schuhe mit niedrigen Absätzen, die farblich passten, und steckte ihr einen dezenten Blumenanstecker ins Haar. Es war fast so, als würde sie sich für ein Date fertig machen, was Bunny sich selbst gegenüber vehement verneinte.
Als sie die Stufen zum Hikawa-Tempel langsam herunterschritt, stand Haruka bereits mit ihrem Cabrio am Straßenrand und wartete. Sie sah Bunny und wurde kurz rot. Sie hätte nie erwartet, dass sie so zauberhaft aussehen würde, wie ein Engel. Bunny schaute verlegen und stieg ins Auto. Sie kam nicht umhin zu bemerken, wie gut Haruka der schwarze Smoking stand. Als sie sich neben Haruka ins Auto setzte, wurde ihre Nervosität immer stärker, und mit ihr alleine zu sein, machte es nicht besser. Sie schaute nur weg, wohingegen Haruka immer wieder den Blickkontakt suchte und still ihre Schönheit bewunderte. Zu ihrer Erleichterung brach Haruka das Schweigen nicht, bis sie auf ihren Plätzen im Konzertsaal saßen, die sich am äußeren Rand der Tribüne befanden.
Es dauerte einen Augenblick, bis das Licht abgedunkelt, die Bühne erleuchtet wurde und die ersten Töne von Vivaldis „La Primavera“ erklangen. Michiru stand mit ihrer Violine in der Mitte der Bühne und war umringt von weiteren Musikern, die sie begleiteten. Sie war die Einzige, die ein beeindruckendes paillettenbesetztes Kleid in einem dunklen türkis trug, während die Begleitmusiker in schwarz gehüllt waren.
Scheinbar konzentrierten sich sowohl Haruka als auch Bunny voll auf die lieblichen Klänge ihrer Violine, doch ihre Gedanken waren ganz woanders. Bunny schaute konzentriert zur Bühne. Ihr Herz hörte nicht auf zu klopfen und ihre Gedanken kreisten. Um ihren Mamoru, den sie damals am Flughafen zuletzt gesehen hatte, um den Mamoru, den sie vor zwei Wochen an der Bushaltestelle gesehen hatte, und Haruka, die neben ihr saß und ihr immer verstohlene Blicke zuwarf. Diese Gefühle waren so verwirrend und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.
Haruka hingegen hatte nur Bunny im Kopf. Die Gefühle für sie waren schon lange da, seit sie sich in der Disco gezwungenermaßen körperlich nähergekommen waren. Bis dahin konnte Haruka sich nicht erklären, was sie an diesem fremden Mädchen so faszinierte, doch spätestens dieser Moment hatte sie wie ein Blitz getroffen. Plötzlich war da dieses Gefühl, das sie zu Bunny hinzog und ihre Gedanken dominierte.
Sie wollte Bunny nicht verunsichern und konnte sich zunächst selbst nicht eingestehen, dass diese Gefühle unwiderruflich da waren. Schließlich war es der Unfall auf der Rennstrecke, der ihr gezeigt hatte, dass man das Leben und die Liebe nicht vor sich herschieben, sondern sie ergreifen sollte.
„Gefällt dir die Musik?“ Haruka kam Bunny nahe und flüsterte ihr leise ins Ohr, um die anderen Gäste nicht zu stören. Sie atmete Bunnys zarten Duft ein, der sie sofort betörte.
„Ja.“, antwortete sie zaghaft und ebenso leise. Harukas plötzliche Nähe irritierte sie.
Es dauerte 20 Minuten, bis Haruka sich erneut zu Bunny rüber lehnte. „Ich habe dich und Mamoru in der Volleyballhalle gesehen. Ihr versteht euch mittlerweile ganz gut!“
In Harukas Worten schwang eine unterschwellige Eifersucht, doch diese nahm Bunny nicht wahr, denn die erneute Nähe und die damit verbundenen Sinnesanregungen machten ihr mehr zu schaffen. Sie konnte Harukas Eau de Cologne riechen, ihren heißen Atem spüren, ihr kurzes, blondes Haar fühlen, das sie bei jeder Annäherung berührte und ihre Lippen sehen, wenn sie sich traute, die Augen zu öffnen. Sie wollte das alles nicht fühlen, nicht so ein Herzklopfen bekommen, doch gegen ihren Körper kam sie nicht an. Die Frage ignorierte Bunny. Es brachte sie nur wieder in diese gedankliche Zwickmühle von Entscheidungen, die sie nicht treffen musste, nicht wollte und nicht konnte.
„Wie kommt das? Ich dachte, er würde dich hassen.“, hackte Haruka nach, als Bunny konsequent schwieg.
Bunny wusste nicht mehr weiter. Ganz ab davon, dass sie in diesem Moment nicht über Mamoru sprechen wollte, übermannte sie dieses Gefühl der Nähe langsam. Sie atmete unbewusst immer schwerer und ihr Herz drohte, ihren Brustkorb zu durchbrechen. Haruka vernahm das, und auch ihr ging es ähnlich. Der Drang, Bunny zu berühren, wurde immer stärker.
„Wenn ich dich nicht gleich küsse, werde ich verrückt.“
Harukas Lippen waren so nah und Bunny schloss die Augen. Sie wollte sich nur noch fallen lassen. Es war fast so, als wäre niemand um sie herum, doch sie saßen in mitten von vielen Menschen.
Haruka verließ plötzlich ihren Platz und ging ein paar Schritte, bis sie stehen blieb und Bunny mit einem Blick aufforderte, ihr zu folgen, was diese auch tat. Bunny folgte ihr mit gemischten Gefühlen. Sie fürchtete sich davor, dass das, was sie so sehr wollte, gleich real werden würde.
Draußen auf dem Flur lehnte Haruka sich lässig an die Wand und fixierte Bunny mit ihrem durchdringenden Blick. Bunny erwiderte diesen zurückhaltend, doch das Feuer, welches in ihr entfacht wurde, konnte Haruka deutlich sehen. Dass Haruka erneut schwieg, verunsicherte sie sehr, doch ihr Blick durchbohrte sie regelrecht.
„Habe ich eine Chance bei dir?“, fragte Haruka offen.
Bunny schaute zur Seite. Wie sollte sie diese Frage beantworten, ohne sich selbst zu belügen?
Da sie nicht antwortete, sprach Haruka weiter. „Als du vor ein paar Monaten plötzlich aufgetaucht bist und wusstest, wer wir wirklich sind, hast du uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Wir dachten, wir wären aufgeflogen. Zu deiner ‚Einladung‘ ins Café wollten wir erst gar nicht gehen, und als wir da waren, habe ich dich einfach nur für verrückt gehalten. Aber aus irgendeinem Grund musste ich danach ständig an dich denken. Du gingst mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Mit jeder Begegnung wurden meine Gefühle für dich immer stärker und als ich den Unfall hatte, habe ich mich an ein früheres Leben erinnert und wurde mir meiner wahren Aufgabe bewusst. Ich bin nicht nur hier, um die Menschen der Erde zu beschützen, sondern um das Sonnensystem vor Eindringlingen zu verteidigen.“
Mittlerweile schaute Bunny Haruka gebannt an. Sie verfolgte jedes Wort. Bisher hatte sie nur über Harukas Empfindungen spekulieren können, doch dass sie schon so früh Gefühle für sie entwickelt hatte, hätte Bunny nicht für möglich gehalten.
„Du erinnerst dich bestimmt an dein früheres Leben als Prinzessin Serenity.“, setzte Haruka fort. „Zu deinem 15. Geburtstag hat Königin Serenity eine Olympiade veranstalte, bei der sich alle sechs Sailor Kriegerinnen messen konnten.“
„Sechs?“, fragte Bunny etwas erstaunt.
„Ja, Merkur, Mars, Jupiter, Venus, Neptun und ich, Uranus.“
„Und Saturn und Pluto?“
„Pluto ist die Kriegerin von Raum und Zeit, ihr ist es nicht gestattet, ihren Posten zu verlassen. Und Saturn ist die Kriegerin des Todes. Wenn sie erscheint, herrscht völlige Vernichtung.“
„Ach so.“ Bunny erinnerte sich wieder. Diese Dinge vergaß sie, denn in der Zeit, aus der sie kam, waren beide wichtige Verbündete.
„Ich hatte dich in deiner königlichen Zuschauerloge gesehen und konnte meine Augen nicht mehr abwenden. Ich wollte nur für dich siegen, ich wollte, dass du mich bemerkst. Als du mir bei der Siegerehrung einen Kuss auf die Wange gegeben hast, wusste ich, ich würde niemals eine andere lieben können. Nach der Olympiade musste ich wieder zurückkehren, um das Sonnensystem zu beschützen. Nur die Gewissheit, dass du irgendwo da draußen bist, hat mich aufrechterhalten. Bis eines Tages der Mond angegriffen wurde, Saturn die völlige Zerstörung eingeleitet hat und das Universum auf null setzte. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass wir wiedergeboren werden und du mir so nah sein würdest. Als ich den Unfall hatte, habe ich beschlossen, nicht mehr zu schweigen. Ich will mit dir zusammen sein!“
In Bunnys Brust zog sich alles zusammen. Diese Erinnerungen teilte sie nicht, obwohl sie sich an alles erinnern konnte, was im Silberjahrtausend passiert war. Und obgleich sie etwas für Haruka empfand, konnte sie es ihr gegenüber nicht eingestehen und wollte es auch nicht.
„Aber, ich gehöre zu Mamoru.“, sagte sie entschlossen.
„Zu welchem Mamoru?“, fragte Haruka ruhig. „Der, der nicht mehr am Leben ist, oder der, der mit deiner Freundin liiert ist? Und was, wenn du nicht in deine Zeit zurückkehrst? Willst du dann eine fremde Beziehung zerstören?“
„Was soll das denn?“ Bunny reagierte gereizt. „Wenn ich mit dir zusammenkäme, würde ich doch auch eine Beziehung zerstören, also was soll das bitte?!“
„Wie meinst du das?“, fragte Haruka verwundet.
„Willst du mich auf den Arm nehmen? Ich meine Michiru.“, reagierte Bunny sauer.
„Du glaubst, ich bin mit Michiru zusammen?“ Harukas Augen verrieten ihre Überraschung und sie musste kurz auflachen.
„Bist du nicht?“
„Nein, bin ich nicht und war ich auch nie.“
Bunny wurde schlagartig rot. „Aber...“
„Wir stehen uns sehr nah, seit wir zu Sailor Kriegerinnen wurden, aber es ist viel mehr als Liebe, sie ist wie Familie für mich.“
Bunny wurde verlegen, sie fürchtete, dass sie Haruka mit ihrer Behauptung gekränkt hätte. Auch ihre Befürchtung, eine Beziehung zu zerstören, traf hier nicht mehr zu. Was war, wenn Haruka sogar Recht hatte und sie nun für immer in dieser Zeit feststecken würde? Sollte sie tatsächlich Reis Leben zerstören?
Haruka beobachtete sie noch eine Weile und trat auf sie zu, was sie nur noch mehr verunsicherte. Sie beugte sich leicht über Bunny, die sich an ein Geländer klammerte. Obwohl sie es wollte, fürchtete sie sich vor weiterer Nähe. Zu ihrer Überraschung hielt Haruka kurz vor ihren Lippen inne, küsste sie auf die Wange und ging wieder einen Schritt zurück.
„Jetzt, wo ich dir so nah bin, werde ich dich nicht aufgeben.“
Sie drehte sich um, ging wieder in die Konzerthalle und ließ Bunny völlig nervös und aufgeregt zurück.
In dieser Nacht lag Bunny wach. Ihre Gedanken kreisten nur noch um ihre verworrenen Gefühle gegenüber Mamoru und Haruka. Sie konnte sich nicht mehr ablenken. Sobald sie die Augen schloss, sah sie entweder den einen oder die andere vor ihrem geistigen Auge. Auch die Geschichte mit der Olympiade ging ihr nicht aus dem Kopf. Sie kramte in ihren Erinnerungen herum, doch egal, wie sehr sie sich bemühte, diese Veranstaltung war im Silver Millennium, wie sie es kannte, nie geschehen. Harukas Liebesgeständnis hatte Bunny nicht erwartet, doch es hatte sie auch nicht überrascht. Zu oft hatte sie Bunny in ihren Bann gezogen und ihr durch ihre Gesten gezeigt, was sie fühlte. Bunny konnte sich die Anziehungskraft zu ihr nicht erklären, denn das, was sie jetzt empfand, hatte sie für die Haruka aus ihrer Zeit nicht gefühlt. Wo kam das alles plötzlich her? Oder hatte sie es einfach nicht wahrgenommen, weil sie ihr nie so nah gekommen war? Wieso war da plötzlich etwas? Lag es an der Zeitreise? Bisher war Michiru ihr einziger Anker, Haruka nicht zu verfallen, doch dieser Anker funktionierte nicht mehr, denn eine Beziehung zwischen den beiden gab es offenbar nicht. Haruka machte keinen Hehl daraus, dass sie um Bunny buhlen würde und Bunny musste sich in Acht nehmen, nicht ihrem Charme zu erliegen. Sie war noch nie so sehr in Gefahr, ihr zu verfallen.
Bunny schob die Außentür ihres Zimmers zum Garten hin auf, zog sich eine Strickjacke über den Yukata und setzte sich nach draußen. Trotz dessen, dass es schon Juni war, waren die Nächte etwas kühl. Der Mond erleuchtete mit seinem Schein den gesamten Garten. Bunny schaute sehnsüchtig zu ihrem geliebten Mond und flehte. ‚Bitte beschütze mich! Bitte, lass mich nicht schwach werden! Weder bei Haruka noch bei Mamoru.‘
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