Bunnys Geburtstag – Teil 1
Bunnys Geburtstag – Teil 1
Kaorinite ging langsam die Stufen in einen dunklen Heizungskeller hinunter. Jeder Schritt hallte durch den großen Raum. Eigentlich verirrte sie sich nur an diesen dunklen und kalten Ort, um mit dem Doktor über die nächste Aktion zu sprechen, aber dieses Mal war ihr Ziel das Hexenzimmer. Als sie es betrat, waren alle verbliebenen Hexen anwesend. Von fünf Hexen waren nur noch drei übrig, Eugeal, Byruit und Cyprin, die sofort zur Tür schauten, als sie aufging. Kaorinite trat an Cyprin heran. Sie war es leid, dass diese lästigen Sailor Kriegerinnen alle Pläne sabotierten, und auch der Doktor war zunehmend unerfreut über die bisherigen Ergebnisse. Cyprin war nach Kaorinite die mächtigste Hexe mit dem Level 999, sodass sie es für sinnvoll hielt, sie mit der nächsten Aufgabe zu betrauen. Sie mussten unbedingt einen Erfolg verbuchen, um ihr Ziel zu erreichen.
Kaorinite reichte Cyprin eine Akte, die sie bei sich hatte. „Schau dir das an!“
Cyprin nahm die Akte entgegen und öffnete sie. Sie sah Fotos und Informationen zu einer Person und richtete ihren Blick fragend an Kaorinite.
„Sie soll das reinste Herz von allen besitzen? Sie sieht ganz normal aus.“, sagte Cyprin.
„Nach unseren Nachforschungen gibt es kein reineres Herz. Kümmere dich darum!“
„Wird erledigt!“, sagte Cyprin und begab sich an ihren Schreibtisch, um sich auf ihre Aufgabe vorzubereiten.
Bunny streifte nach der Schule durch die Straßen. Sie ließ sich einfach treiben, ohne bewusst darauf zu achten, wo sie eigentlich hinging. Sie war irgendwie rastlos. So sehr sie auch versuchte, Haruka und Mamoru zu meiden, umso öfter begegnete sie ihnen. Sie wusste kaum, wo sie sich verstecken konnte.
Sich von Haruka zu distanzieren, war kaum möglich, weil sie durch die drohende Gefahr und ihre Zusammenarbeit regelmäßig in Kontakt standen. Zwar war Bunny sehr bewusst, dass sie viel stärker war, als bei ihrem ersten Kampf gegen die Death Busters, doch sie spürte, dass die aktuelle Bedrohung nur die Spitze des Eisbergs war, und sie nicht nur die Unterstützung, sondern auch die Intuition ihrer Verbündeten brauchte, denn sie alleine konnte die Wellen nicht spüren.
Und auch die Sache mit Mamoru und seinem Date beschäftigte sie. Eigentlich wollte sie sich für ihn freuen, dass er versuchte, Rei wieder näherzukommen, schließlich wollte sie nicht in das neue Leben ihrer alten Freunde eingreifen, dennoch tat es weh. Wenn sie wieder ihren Weg in die Zukunft finden würde, würde es für ihre neuen Freunde sicher schwer genug werden. Jetzt ihrer besten Freundin den Mann wegzuschnappen, wäre mehr als egoistisch.
Haruka und Michiru würden ihren Abschied gewiss besser verstehen, dennoch war Bunny zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, wie sehr sie die Gefühlswelt aller Beteiligten, auch die von Haruka, schon beeinflusst hatte.
Plötzlich erinnerte sie sich an Harukas Worte, dass sie möglicherweise in dieser Vergangenheit bleiben musste, und alles zog sich in ihr zusammen. Mamoru war ihr Schicksal, würde sie sich etwa doch zwischen Rei und ihn stellen müssen? Sie konnte nicht begreifen, dass ihr anderes Ich, das hier und jetzt existieren sollte, einfach gestorben war. Und was war mit dem Silberkristall passiert?
Bunny setzte sich auf eine Bank in einem schönen, weitläufigen Park. Der Brunnen plätscherte vor sich hin und verbreitete ein wenig Kühle, die Sonne schien, und schien alle Passanten glücklich zu stimmen. Aber Bunny nahm das alles nicht wahr, weder das Vogelzwitschern noch das Rauschen der Bäume oder das fröhliche Kinderlachen. Sie war so tief in ihren Gedanken gefangen, dass sie nicht weiterwusste. Sie bemerkte auch nicht, wie plötzlich Michiru mit ihrer Schultasche und dem Geigenkasten vor ihr stand.
„Hallo, Usagi.“
Bunny schaute überrascht auf, aus ihren Gedanken gerissen. „Michiru?!“
„Du siehst sehr besorgt aus. Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte Michiru mitfühlend.
„Bitte!“ Bunny deutete mit ihrer Hand auf den Platz neben sich.
„Ist alles in Ordnung bei dir?“
Bunny schwieg einen Moment. Sie musste überlegen, ob sie sich Michiru anvertrauen konnte, denn schließlich war sie ihr inzwischen eine wichtige Freundin geworden, etwas, das im alten Leben nicht der Fall gewesen war. Doch ihre Gefühle und Gedanken über Mamoru und Haruka wollte sie für sich behalten. Es fühlte sich nicht richtig an, darüber zu sprechen, denn egal wie sie sich entschied, sie würde jemanden verletzen. Sie wollte nicht egoistisch sein.
„Ich zerbreche mir den Kopf darüber, was aus dem Silberkristall geworden ist.“
„Meinst du den Silberkristall in deiner Brosche?“, fragte Michiru verwundert.
„Nein, ich meine den Silberkristall, den die Sailor Moon aus dieser Zeit eingesetzt hat, um Königin Perilia zu besiegen.“, erklärte Bunny.
„Das ist genau so eine Frage wie der Standort der Talismane. Wir wissen, dass sie existieren, aber sie könnten überall sein. Vielleicht ist der Silberkristall noch da, wo Sailor Moon ihren letzten Kampf gefochten hat, aber vielleicht ist er irgendwo hier in Tokyo und möchte gefunden werden.“, spekulierte Michiru.
„Ich verstehe auch nicht, warum sie nicht einfach wiedergeboren wurde, wie ich damals.“ Bunnys Blick wurde immer deprimierter.
Michiru legte eine Hand auf Bunnys Schulter. „Usagi, du darfst nicht verzweifeln. Der Silberkristall ist ein mächtiges Werkzeug und wird zur richtigen Zeit erscheinen. Es ist Schicksal, dass du ausgerechnet jetzt hierher gesandt wurdest und uns bei unserem Kampf unterstützt.“
Michirus Worte waren beruhigend. Bunny wollte es dabei belassen und verschwieg auch die Sorgen um ihre Existenz in dieser Zeit und in der Zukunft, aus der sie kam. Jetzt, wo sie die Welt dieser Zeit rettete, könnte Galaxia die Gelegenheit für sich genutzt und die Erde ohne Widerstand vernichtet haben.
Doch sie war in der Vergangenheit. Durfte sie zurückreisen, könnte sie sich vielleicht gestärkt ihren Feinden stellen. Und wenn sie bleiben müsste, würde diese Zukunft unweigerlich auf sie zukommen, und sie würde mit einem ganz anderen Wissen in die Schlacht ziehen können.
„Na gut, vielleicht hast du recht.“, lächelte Bunny sanft.
„Eigentlich habe ich dich sowieso gesucht.“, wechselte Michiru unerwartet das Thema.
Bunny schaute sie verwundert an. „Ach ja?“
„Haruka hat mich darum gebeten, dir eine Nachricht zu übermitteln.“
Bunny schaute missmutig. Es war wieder so eine Situation, in der sie ihr aus dem Weg gehen wollte und sie sie fand, wenn auch indirekt.
„Er wollte dich am Donnerstag nach der Schule zum Shopping ausführen.“
„Nein!“, sagte Bunny sehr direkt. „Und warum fragt sie mich nicht selbst?“
„Weil er damit gerechnet hat, dass du ihm gar nicht erst zuhörst.“
„Da hat Haruka richtig gedacht.“ Bunny schaute grimmig und dachte sich ihren Teil. ‚Sie wird sich doch nur an mich ranmachen.‘
„Ist zwischen Haruka und dir etwas vorgefallen?“
Bunny musste wieder überlegen, wie viel sie preisgab. „Nein, aber… doch…“ Bunny atmete tief durch. „Sie hat mir ihre Zuneigung gestanden, und ich glaube nicht, dass es gut ist, mit ihr alleine zu sein.“
„Ich glaube, Haruka hat keine bösen Absichten. Er muss dich sehr mögen, wenn er Zeit mit dir verbringen will.“
„Das ist ja das Problem. Eigentlich gehört Mamoru an meine Seite, und eigentlich sollte ich gar nicht hier sein.“
„Du solltest die Einladung trotzdem annehmen, es ist Haruka sehr wichtig, dass du ihn begleitest.“
Bunny atmete aus. „Ich überlege es mir. Ich muss jetzt los, ich habe heute Schicht im Tempel.“
Sie sprang auf und ging. Sie wollte sich nicht weiter damit befassen und hoffte ein bisschen, dass diese uneindeutige Antwort Haruka abschrecken würde.
Sie hatte falsch gedacht. Pünktlich zum Unterrichtsende stand Haruka in ihrem Cabrio vor der Schule und wartete. Sie zog alle Blicke auf sich. Alle Mädchen wollten wissen, wer dieser coole Typ war, und alle Jungs wollten so sein, wie sie.
„Hallo Engelchen!“, begrüßte sie Bunny, als diese perplex vor dem Wagen stand.
„Was machst du denn hier?“
„Du sagtest Michiru, dass du es dir überlegst. Das ist kein ‚Nein‘.“, sagte Haruka salopp.
„Das war aber auch kein ‚Ja‘!“ Bunny konnte sich nicht zurückhalten.
„Lass mich heute bitte nicht hängen, Engelchen.“, bat Haruka ungewöhnlich flehend.
Bunny rollte mit den Augen. „Na gut. Aber wehe, du stellst etwas an.“
Haruka wusste sofort, was Bunny meinte, und fühlte sich ertappt.
Sie fuhren los, und Bunny kam nicht umhin, Fragen zu stellen.
„Du hattest Zeit, dich umzuziehen?“, fragte Bunny, als sie sah, dass Haruka ihren beigefarbenen Anzug mit dem schwarzen Shirt darunter trug.
„Wenn ich mit dir ausgehe, möchte ich nicht meine Schuluniform tragen.“
„Aber ICH trage noch meine Schuluniform.“
„Das macht nichts, das ändern wir heute.“
„Ich habe aber gar nicht so viel Geld, um mir Kleidung zu kaufen.“, entgegnete Bunny.
„Das musst du auch nicht, darum werde ich mich kümmern. Ich habe gemerkt, dass du nicht so viel Freizeitkleidung hast, und neulich hast du auch noch das schöne Kleid zerrissen, darum wollte ich dich einladen.“
„Aber das kannst du doch nicht machen, das ist mir unangenehm.“
Bunny wollte protestieren, aber Haruka hatte ein unschlagbares Argument. „Das ist mein Geburtstagsgeschenk.“
„Was sagst du da?“ Bunny fiel aus allen Wolken. „Aber woher weißt du das?“
„Luna hat es mir verraten.“ Haruka lächelte Bunny an.
„Aber durch meine Zeitreise habe ich das Jahr noch gar nicht voll.“, protestierte sie.
„Das ist doch nicht so schlimm. Usagi Tsukino ist an diesem Tag geboren, und mir war es sehr wichtig, diesen Tag mit dir zu verbringen.“
Bunny wusste nicht mehr, was sie darauf sagen sollte. Sie hatte ihren eigenen Geburtstag vergessen, und fühlte sich auch nicht danach, diesen zu feiern, aber sie konnte Haruka nicht böse sein, weil sie sie zu dieser Shoppingtour entführt hatte, ganz im Gegenteil, fand sie es sehr süß und aufmerksam. Früher, als sie noch in ihrer eigenen Zeit war und das Leben normal voran ging, war Shoppen eines ihrer liebsten Hobbys, aber nun war es so unwichtig geworden, dass sie es einfach verdrängt hatte.
„Nur dass das klar ist,“, verkündete Haruka. „Auch wenn ich mich zurückhalten werde, es ist ein Date.“
Bunnys Wangen wurden rot. Irgendwas musste ja kommen, womit Haruka ihr Herz zum Klopfen brachte.
In Shibuya angekommen, durfte Bunny nach Herzenslust in jeden Laden reingehen und sich etwas aussuchen. Haruka gab ihr die freie Wahl, und auch wenn Bunny am liebsten tausend neue Sachen gekauft hätte, hielt sie sich zurück, denn seit der Ankunft in dieser Zeit und ihrer Arbeit im Tempel wusste sie den Wert des Geldes zu schätzen.
Anfangs war Bunny noch zaghaft und versuchte, sich nur das Nötigste auszusuchen, aber Haruka ermutigte sie, auch Kleidung anzuprobieren, die sie nicht kaufen würde, einfach nur, um etwas Schönes anzuziehen und sich selbst im Spiegel zu bewundern. Natürlich war Haruka auch sehr gespannt, sich die Modenschau anzusehen, und motivierte Bunny dazu, die Kleider vorzuführen. Anfangs war es Bunny etwas peinlich, aber mit jedem neuen Kleidungsstück wurde sie mutiger und selbstbewusster. Sie probierte lauter schicke Sachen an und zeigte sie Haruka, die immer ein ehrliches Urteil parat hatte. Meist waren ihre Worte aber sehr schmeichelhaft, und auch wenn Haruka ein Mädchen war, brachte es Bunny ein wenig in Verlegenheit. So hatte Bunny aber zu keinem Zeitpunkt Probleme damit, die süßen, verspielten oder die Weiblichkeit betonenden Kleidungsstücke vorzuführen. Sie wusste nicht, wie sie sich fühlen würde, wenn sie diesen Tag mit Mamoru verbracht hätte, aber Haruka war ein Mädchen, also war es okay für Bunny.
Als sie das vierte Geschäft verließen und mindestens ein schönes Outfit aus jedem der Geschäfte mitgenommen hatten, musste Haruka etwas verkünden.
„Engelchen, ich möchte, dass du mich in zwei Wochen zu einer Party begleitest.“
„Eine Party?“, rief Bunny begeistert.
„Ja, ein englischer Gentleman, der große Begeisterung für Jugend und Zukunft hegt, veranstaltet diese Party auf seinem Anwesen.“
„Aber willst du nicht lieber Michiru mitnehmen? Ich glaube, dass sie eine bessere Begleitung wäre.“, gab Bunny etwas vorsichtig zu bedenken.
„Ich sorge dort mit Michiru für die musikalische Unterhaltung, aber wenn wir fertig sind, möchte ich mit dir tanzen.“ Haruka schaute Bunny eindringlich an.
Ihr fiel die Entscheidung schwer. Eigentlich liebte sie nichts mehr, als zu feiern, aber hatte sie gerade einen Grund dazu? Und was würde es bedeuten, Haruka zu begleiten? Aber Michiru wäre ja auch dabei, das bedeutete, dass es kein Date wäre.
Haruka beobachtete Bunny eine Weile und sah ihren Zwiespalt.
„Worum machst du dir Sorgen, Engelchen?“ Haruka versuchte, die Situation aufzulockern. „Es werden viele Menschen da sein, es wird Walzer und moderne Musik gespielt, und wir werden zu dritt viel Spaß haben.“
Das war ausreichend, um Bunny zu überzeugen.
„Na gut!“, lächelte Bunny glücklich.
„Dann machen wir jetzt noch einen Abstecher zu ‚Dazzlin‘ und kaufen dir ein passendes Kleid.“
„Aber ich habe doch noch das Kleid von unserem Konzertbesuch!“, protestierte Bunny, die nicht wollte, dass Haruka noch mehr Geld für sie ausgab, doch es war vergebens.
Haruka genoss es, mit Bunny den Tag zu verbringen und die Freude in ihren Augen zu sehen. Sie hatte befürchtet, dass Bunny sich wieder zurückhalten würde, schließlich ging sie ihr so offensichtlich aus dem Weg, dass sie sogar Michiru einspannen musste, um dieses Date wahrwerden zu lassen. Doch jetzt, da sie unterwegs waren und Bunny stöberte, schöne Kleidung und Dinge entdeckte und diese Freude mit ihr teilte, war Haruka nicht nur zufrieden, sie war glücklich.
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