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Die Suche

Böses Erwachen — www.fanfiktion.de · All chapters

Die Suche

‚Kriege ich denn nirgendwo Ruhe vor ihnen?‘, dachte sich Bunny verändert, als sie Mamoru und Motoki aus Mamorus rotem Flitzer aussteigen sah.

Ihre Hoffnung, sich an einem ruhigen Urlaubsort vor ihm und Haruka verstecken zu können, war gerade gescheitert und ihr Gesichtsausdruck sagte mehr als tausend Worte. Während Rei und Unazuki freudig auf die Neuankömmlinge zuliefen, blickte Yuichiro nur zufällig zu Bunny und bemerkte, wie bleich sie plötzlich aussah. Ein Blick zu Mamoru und Motoki ließ ihn eins und eins zusammenzählen. Der zweite Junge, in den Bunny sich verliebt hatte, konnte nur einer der beiden sein.

„Was macht ihr denn hier?“, fragte Unazuki aufgeregt vor Freude.

„Ich konnte Kentaro überreden, meine Schicht in der Spielhalle zu übernehmen.“, erklärte Motoki.

„Und ich bin schneller mit meinen Aufgaben fertig geworden und habe frei bekommen. Da haben wir beschlossen uns euch anzuschließen“, sagte Mamoru mit einem Lächeln.

Er wagte einen verstohlenen Blick zu Bunny, um sich dann wieder Rei und Unazuki zu widmen. Doch Bunny war ganz abwesend.

Yuichiro sah sich irgendwie verpflichtet, ihr zu helfen und musste schnell überlegen, wie man die Situation lösen könnte, ohne den Spaziergang abzublasen.

„Mach dir keine Sorgen, Bunny. Ich habe eine Idee.“, flüsterte Yuichiro Bunny zu, die nicht ganz verstand, was er meinte.

„Wir wollten gerade einen Spaziergang machen.“, verkündete Rei fröhlich.

„Das ist ja klasse!“, sagte Motoki. „Nach der langen Fahrt wäre es gut, sich etwas zu bewegen.“

„Aber wir sind schon ziemlich viele.“, schritt Yuichiro ins Gespräch ein. „Wir teilen uns in zwei Gruppen auf. Ich gehe mit Mamoru und Motoki und die Mädchen gehen zusammen.“, stellte er die anderen vor vollendete Tatsachen.

Rei war sofort Feuer und Flamme. „Ja, dann können wir das Gespräch von gestern fortsetzen.“, sagte sie an Bunny gerichtet.

Auch Unazuki und Motoki waren sofort einverstanden, und somit war Mamoru überstimmt, bevor er noch einen anderen Vorschlag machen konnte. Das passte ihm nicht, denn er war es, der Motoki dazu überredet hatte, seine Schicht so kurzfristig zu tauschen, und selbst so reingeklotzt hatte, um Zeit mit Bunny verbringen zu können. Doch sich jetzt gegen die Aufteilung aufzulehnen, wäre auffällig. Er konnte ja nicht sagen ‚Nein, ich will mit Bunny gehen‘, also fügte er sich.

Bunny sagte nichts, doch war sie Yuichiro unfassbar dankbar für den Einfall. Sie nahm sich vor, sich später bei ihm zu bedanken, denn ihr war klar, dass er aufmerksamer war, als sie gedacht hatte.

Die beiden Grüppchen wanderten gemütlich durch den Wald. Rei hätte Bunny gerne weiter ausgefragt, aber das Wandern durch die hügelige Waldlandschaft brachte alle so sehr aus der Puste, dass ein Gespräch kaum möglich war. Immer mal wieder legten sie eine kleine Rast ein und bestaunten die Natur, bis sie beschlossen, weiterzugehen.

Am frühen Nachmittag traten sie den Weg zurück an und nahmen sich vor, nach dem Mittagessen für ein paar Stunden an den Strand zu gehen. Eine Stunde nach ihrer Ankunft in der Villa kamen auch die Jungs zurück. Yuichiro hatte gehofft, etwas aufzuschnappen, doch weder Mamoru noch Motoki erwähnten Bunny.

Als die beiden Gruppen wieder zusammentrafen, wurde Bunny wieder schweigsamer. Auch ihren Bikini wollte sie nicht mehr so freizügig zeigen, wie sie es sich gestern getraut hatte, doch dieser Plan ging nicht auf, denn die Überziehjacke war bei diesen Temperaturen einfach unerträglich.

Sie konzentrierte sich voll auf Rei und Unazuki und wollte gar nicht wissen, welche Blicke Mamoru und Motoki ihr zuwarfen. Das registrierte dagegen Yuichiro, der die beiden Jungs deutlich beeindruckt starren sah. Und auch jetzt erkannte er nicht, wer der beiden Harukas Nebenbuhler sein könnte.

Yuichiro war klar, dass Bunnys Verzweiflung nicht von einer einseitigen Liebe herrühren konnte und das mehr dahinterstecken musste. Bei Motoki wäre es halb so schlimm, er war schließlich Single. Bei Mamoru aber verwerflich, denn er war Reis Freund. Doch Yuichiro wusste, dass sich in Reis Leben einzumischen nach hinten los gehen konnte und beschloss, die Situation zu beobachten und einzugreifen, wenn es notwendig werden sollte.

Langsam wurde es spät und alle beschlossen, wieder in die Villa zu gehen. Die Männer gingen zuerst baden, denn trotz der europäischen Ausstattung des Hauses hatte es ein sehr großes, traditionelles, japanisches Bad. Die Mädchen gingen ins Wohnzimmer und wollten sich noch ein wenig auf der Couch ausruhen, als Bunny sich an den Hals griff und merkte, dass sie keine Halskette mehr trug.

Sie geriet in Panik. „Meine Halskette ist weg?“

„Was meinst du?“, fragte Unazuki.

„Ich hatte eine Halskette um, und sie ist weg!“, sagte sie aufgeregt.

„Aber du hattest die Kette doch den ganzen Tag nicht um, dachte ich.“, bemerkte Rei.

„Doch, ich habe sie heute Morgen umgelegt.“

„Als wir aus dem Wald zurückkamen, hattest du keine Kette um.“, sagte Rei nachdenklich.

Bunny sprang auf. „Ich muss sie im Wald verloren haben.“

Sie begab sich sofort zum Eingang und begann sich, ihre Schuhe anzuziehen.

„Warte, Bunny, es wird langsam dunkel, warte doch bis morgen, dann suchen wir sie alle gemeinsam.“, rief Unazuki, doch Bunny ließ sich nicht aufhalten und rannte aus der Tür.

„Warum ist sie so unvernünftig?“, fragte sich Rei und wandte sich an Unazuki. „Wir müssen den anderen Bescheid sagen!“

„Soll ich das etwa machen?“ Unazuki lief rot an. „Sie baden gerade.“

„Aber einer davon ist dein Bruder.“, reagierte Rei selbst verlegen.

Unazuki stapfte hoch und blieb vor der Tür stehen. Sie sammelte sich etwas Mut und klopfte dann beherzt.

„Motoki!“, rief sie laut. „Ihr müsst schnell rauskommen, Bunny ist weggelaufen.“

Auf der anderen Seite der Tür hörte sie plötzlich lautes Wasserplätschern und Gepolter. Die Jungs schienen alarmiert zu sein. Aus Angst, sie könnten etwas zu voreilig das Bad verlassen, rief sie schnell hinterher.

„Zieht euch schnell an, wir warten unten.“

Die Jungs beeilten sich, sich so weit wie nötig abzutrocknen und hastig ihre Kleidung anzuziehen. Als sie unten angekommen waren, atmeten sie gehetzt. Mamorus und Motokis Haare waren schnell trocken gerubbelt und etwas verwuschelt, Yuichiros Haare tropften noch. Die Kleidung klebte noch an der nicht ganz sorgfältig abgetrockneten Haut und zeichnete besonders bei Mamoru und Yuichiro den trainierten Oberkörper ab.

„Was ist passiert? Wo ist Bunny hin?“, fragte Mamoru aufgeregt zu Rei.

Diese stand in der Tür und schaute Bunny nach, um wenigstens eine Richtung zu wissen, in die sie gelaufen war.

„Bunny hat im Wald einen Anhänger verloren und ist losgegangen, ihn zu suchen.“, teilte Rei besorgt mit.

„Nichts als Ärger mit ihr, bei der Dunkelheit wird sie sich nur verlaufen.“ Die Besorgnis stand Mamoru im Gesicht und in der Stimme.

„Wir müssen sofort los, sonst finden wir sie nicht mehr.“, sagte Rei ebenso aufgeregt.

Yuichiro schien in der Situation als Einziger klar zu denken.  Er richtete seine Blicke auf Unazuki und Rei. „Ihr bleibt hier. Es ist zu gefährlich für euch im Wald, ich will nicht, dass ihr euch auch verlauft.“

„Und es ist besser, jemand ist da, wenn sie vor uns wieder zurückkommt.“, ergänzte Motoki ruhig.

Yuichiro kramte aus einer Schublade mehrere Taschenlampen heraus, steckte schnell Batterien rein und testete sie auf Funktion. Er drückte Mamoru und Motoki je eine in die Hand und beschrieb ihren den Wald so, dass sie sich orientieren konnten, bevor alle drei in verschiedene Richtungen aufbrachen. Rei konnte ihnen sagen, wo sie Bunny aus den Augen verlor, wonach sich Yuichiro richtete.

Als die Jungs sich aufteilten, hatte Yuichiro Zeit über die Situation nachzudenken. Im Bad war es zu hektisch, als dass er auf etwas achten konnte, doch an der Tür fiel ihm Mamorus Verhalten deutlich auf. Er schien sehr in Sorge zu sein, deutlich mehr, als er und Motoki es waren. Falls er recht hatte, konnte er für Bunny nur hoffen, dass er oder Motoki sie zuerst finden würden.

Bunny folgte dem Pfad, den sie glaubte, mit den Mädchen gelaufen zu sein. Sie schaute sehr genau auf den Boden und hoffte, irgendein kleines Funkeln oder Glitzern zu sehen, das sie den Anhänger schnell finden ließ.

Sie merkte nicht, wie es zunehmend dunkler wurde, bis sie plötzlich nichts mehr sehen konnte und die Orientierung verlor. Es war einfach nur dunkel und nichts war da, was ihren Standort erleuchten konnte. Sie sah nur noch die Silhouetten der Bäume und Sträucher.

Plötzlich bekam sie Angst. Angst, den Anhänger nicht mehr zu finden und selbst nicht mehr gefunden zu werden. Sie wusste nicht einmal mehr, ob sie versehentlich eine falsche Abzweigung genommen hatte und vergeblich suchte.

Sie setzte sich an einen dicken Baum am Wegesrand und vergrub ihr Gesicht in den Armen, die sie auf ihre Knie gestützt hatte. Sie wusste nichts über diesen Wald. Gab es hier wilde Tiere, könnte sie möglicherweise in Gefahr sein? Vielleicht suchten die anderen schon nach ihr. Sie fragte sich mit einem Mal, warum sie überhaupt so überstürzt losgelaufen war. Warum war ihr dieser Anhänger so wichtig? Was bedeutete ihr Haruka?

Bunny kamen Tränen. Sie wollte Haruka und Mamoru entfliehen, aber das brachte sie nicht weiter, stattdessen saß sie jetzt alleine im Wald auf der Suche nach einem Geschenk, des der alten Bunny sicher deutlich weniger bedeutet hätte, und im Ferienhaus saß Mamoru, dem sie entkommen wollte.

„Was mache ich mir eigentlich vor?“, schluchzte sie.

Ein Knacken löste sie aus ihren Gedanken und sie blickte ängstlich auf. Sie starrte in den Lichtkegel einer Taschenlampe und war zumindest beruhigt, dass es kein Bär oder Wildschwein war. Erst, als die Person die Taschenlampe von Bunny weg richtete, erkannte sie ihn.

„Mamoru?“, fragte sie und schaute ihn mit großen Augen an.

„Zum Glück habe ich dich gefunden.“ Sein Blick war sanft. „Was hast du dir nur dabei gedacht?“, setzte er mit ruhiger Stimme fort.

„Ich weiß auch nicht.“ Bunnys Augen füllten sich mit Tränen.

Mamoru konnte nicht ertragen, sie weinen zu sehen, aber er hatte Angst etwas Falsches zu tun und erneut von ihr abgewiesen zu werden. Er entschied sich, sich neben sie zu setzen und einfach für sie da zu sein.

Man hörte das leise Rascheln der Blätter und das Zirpen von Grillen. Andere Geräusche, die von kleinen Tieren des Waldes kommen mussten und Bunny gerade noch verängstigten, waren plötzlich nicht mehr bedrohlich. Sie fühlte sich sicher in Mamorus Nähe. Eigentlich hätte sie aufstehen und sich auf den Weg machen können, doch beide saßen nur da, bis Mamoru das Wort ergriff.

„Bedeutet dir der Anhänger so viel?“, fragte er.

„Ja.“, antwortete sie knapp.

Mamoru hielt inne. War es ein Geschenk von Haruka oder ein altes Erbstück, das einen großen emotionalen Wert hatte? Er traute sich nicht sie danach zu fragen, weil er fürchtete, die Antwort könnte ihm nicht gefallen.

Nach einer kurzen Pause fuhr er fort. „Ich habe gesehen, dass du auf der Party die Ohrringe getragen hast.“

Sie blickte ihn überrascht an. „Es ist dir aufgefallen?“

Er erwiderte ihren Blick und schwieg, doch seine Augen sagten alles.

Sie schaute wieder weg. „Hätte ich gewusst, dass du auch kommst, hätte ich andere Ohrringe getragen.“

„War es so schlimm, mich auf der Party zu treffen?“

„Ja.“ Bunny vergrub ihr Gesicht wieder in ihren Armen.

„Warum machst du das mit mir?“, fragte Mamoru verwirrt. „In einem Augenblick sagst du, dass du mich küssen willst und im nächsten weißt du mich ab. Ich verstehe dich nicht.“

„Wann habe ich denn sowas gesagt?“ Bunny schaute wieder hoch, dieses Mal deutlich verwirrt.

„Als du die Dose Sakura Sake auf Ex ausgetrunken hast.“

Bunny erinnerte sich wieder, wurde rot und ihr Kopf verschwand wieder in ihren Armen. „Das war nicht so gemeint.“, nuschelte sie in ihre Arme.

„Ach ja? Wie war es denn gemeint?“ Mamoru war neugierig.

Bunny schwieg und antwortete schließlich. „Du erinnerst mich an jemanden, den ich sehr geliebt habe. Da ist mir vielleicht etwas rausgerutscht, als ich betrunken war.“

„Und wo ist er jetzt?“

„Er lebt nicht mehr.“, sagte Bunny bedrückt. Es war komisch, Mamoru von seinem anderen Ich und seinem Schicksal in der anderen Realität zu erzählen, doch anders hätte sie ihm das in diesem Augenblick nicht erklären können.

„Das tut mir leid.“, sagte er mitfühlend.

Auch, wenn Mamoru Bunnys Situation nachfühlen konnte, da er sehr früh seine gesamte Familie verloren hatte, erklärte das nicht die Spannung, die er zwischen ihnen wahrnahm. Er war sich sicher, dass es auf Gegenseitigkeit beruhte.

„Gehst du mir deshalb aus dem Weg oder fühlst du, was ich für dich fühle.“ Mamoru sah sie eindringlich an.

Ihr Blick wurde bitter. Sie fühlte so viel für ihn. Auch wenn er nicht ihr Mamoru war, war er trotzdem ihr Mamoru und die Zuneigung und Spannung waren da und nahmen zu. Aber wie sollte sie ihm das erklären? Ihr Ziel war es nicht hier zu verweilen, sondern diesen Ort und diese Zeit zu verlassen, sobald der Pharao besiegt worden war. Sie wusste nicht was danach folgen sollte und wollte die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich ohne der Bunny dieser Zeit entwickelt hatten, nicht zerstören.

„Ich habe dir doch gesagt, dass Haruka mein Freund ist.“ Bunny versuchte Mamoru von seinen Gedanken abzubringen.

„Ja, das weiß ich, aber das ändert nichts daran, was ich zwischen uns gefühlt habe.“

„Und was ist mit Rei?“, appellierte Bunny erneut an sein Gewissen.

Doch es bewirkte nur das Gegenteil. Mittlerweile wurde der Ton harscher und sie schaute nicht mehr weg und versuchte sich auch nicht mehr vor ihm zu verstecken.

„Ich würde Rei für dich verlassen!“ Mamoru schaute Bunny tief in die Augen. „Du musst nur ein Wort sagen.“

Ihr Blick sagte so viel, aber das änderte nichts an den Tatsachen. „Sowas darfst du nicht mal denken!“

Mamoru konnte sich nicht erklären, warum er sich von Bunny so angezogen fühlte und wieso ihn diese Gefühle so übermannten. Er hasste sie doch, wann hatte sich dieser Hass in eine so tiefe und leidenschaftliche Liebe verwandelt, gegen die er sich kaum noch wehren konnte?

Er hielt es nicht mehr aus und umarmte Bunny. Einen kurzen Augenblick war sie überrascht und hätte ihn am liebsten weggedrückt, doch ihren Mamoru festzuhalten, war etwas, was sie nicht mehr für möglich gehalten hätte, und dass sie noch ein einziges Mal spüren und riechen wollte, bevor es wieder in den Alltag zurück ging. Sie klammerte sich fest an ihn und begann zu weinen.

Sie lagen sich in den Armen. Bunnys Herz schmerzte von der Erinnerung an den Mamoru ihrer Zeit und klopfte vor Aufregung. Am liebsten hätte sie den Moment eingefroren, aber es war und würde nicht ihr Mamoru werden, egal wie sehr sie es sich wünschte.

„Mamoru.“, flüsterte sie leise, ihre Gedanken weit weg bei der Offenbarung seines Todes.

„Bunny.“

„Du musst mich jetzt loslassen.“, bat sie ihn widerwillig.

„Nein, wenn ich dich jetzt loslasse, werde ich dich nie wieder zu fassen bekommen.“ Er umarmte sie nur noch fester, als würde sie sonst verschwinden.

Doch dann löste er sich langsam von ihr und schaute sie an. Das Blau seiner Augen war in der Dunkelheit zu sehen und erschien wie das tosende Meer. Sein eindringlicher Blick, seine Anwesenheit, seine Stimme hypnotisierten sie regelrecht. Wäre es so falsch ihn zu küssen? Nur ein einziges Mal seine Lippen zu spüren?

Sie vermisste ihren Mamoru sehr und musste sich eingestehen, dass dieser Mamoru nicht viel mit ihrem Mamoru zu tun hatte. Er war der rüpelige Kerl, dem sie damals ihre Mathearbeit an den Kopf geworfen hatte, aber auch viel leidenschaftlicher und nicht so zurückhaltend, wie sie ihn kannte. Sie konnte und wollte sich gerade keine Erklärung dafür zusammenreimen.

Seine Lippen näherten sich ihren und sie spürte schon seinen warmen Atem und das Gefühl einfach nachgeben zu wollen. Vorsichtig kam er immer näher, als würde er nicht wissen, ob er sie wirklich küssen durfte. Er kam so nah, dass ihre Lippen sich zaghaft aber noch nicht vollends berührten, es fehlte nur noch ein Hauch.

„Mamoru!“, erschallte plötzlich eine laute Stimme und eine Taschenlampe leuchtete ihnen aus der Ferne in die Gesichter.

Beide drehten sich ertappt um und sahen eine Silhouette hinter dem Licht, das sie blendete. Nur an der Stimme erkannten sie Motoki. Bunny drehte sich verschämt weg. Auch Mamoru wurde rot. Er ließ sie los, stand auf und reichte ihr eine Hand. Sie ergriff sie und er zog sie hoch. Motoki warf Mamoru einen strafenden Blick zu, doch der ignorierte ihn. Früher oder später würden sie ohnehin darüber sprechen.

Sie machten sich auf den Weg und die Taschenlampen erleuchteten den Pfad. Da Bunny berichtete, dass sie ihren Anhänger nicht gefunden hatte, suchten sie zu dritt, aber bis zum Ferienhaus wurden sie nicht fündig. Als sie endlich den schmalen Waldpfad verließen und auf das Haus zugingen, sah Bunny Rei auf der gut beleuchteten Veranda vor dem Haus sitzen. Sie sprang sofort auf und rannte zu Bunny, um sie zu umarmen.

„Zum Glück ist dir nichts passiert.“, sagte sie aufgeregt und klammerte sich an Bunny, als würde sie wieder weglaufen können.

„Es tut mir leid.“, sagte Bunny reumütig.

Mittlerweile war es Mitternacht. Bunny begab sich ins Bad und Unazuki und Rei in ihr Bett, denn sie waren sehr müde von den Ereignissen des Abends. Yuichiro, Mamoru und Motoki saßen im Wohnzimmer und Yuichiro holte drei Whiskygläser aus Kristall und eine Flasche eines sehr edlen Tropfens. Yuichiro, der kurz nach der Vermissten und ihren Begleitern eintraf, hielt diesen Moment für geeignet, sich mit Mamoru und Motoki zusammenzusetzen und sich von den Strapazen zu erholen. Die beiden schauten beeindruckt zu Yuichiro und ließen sich einschenken.

Er hätte nur zu gerne angesprochen, was er beobachtet hatte, die Aufregung, die von Mamoru ausging, bevor die Suche losging, doch es würde keinen Sinn machen. Er wusste nur, dass mehr hinter Mamorus Verhalten steckte, als bloße Sorge, doch alles andere konnte er nur erahnen. Besser war es, der Sache nicht zu sehr auf den Grund zu gehen, schließlich wollte er nicht, dass etwas offenbart würde, was Rei verletzte. Um des Friedens willen verbarg er seine Gefühle.

Bunny saß indes in der heißen Badewanne und verfluchte sich. Sie hatte weder den Anhänger gefunden noch konnte sie sich bei Mamoru zurückhalten. Die Sache mit der Kette würde sie Haruka bestimmt erklären können, aber bei Mamoru war sie eindeutig zu weit gegangen. Sie versuchte doch so krampfhaft, sich von ihm loszueisen und nun hatte sie ihn fast geküsst. Das würde nur dazu führen, dass er weiterhin versuchen würde, ihre Nähe zu suchen, und vielleicht Rei verlassen würde. So konnte sie nicht weitermachen.

Ihr Blick wurde ernst und sie fasste einen Entschluss. Sie konnte nicht mit Mamoru zusammen sein. Sie war sich sicher, dass sie einen Weg finden würde, zurückzukehren und bis dahin würde sie nicht diejenige sein, die Reis Leben zerstörte. Jetzt war nicht daran zu denken, diese Realität zu verlassen. Ohne Sailor Moon würde der Pharao diese Welt verschlingen und in Dunkelheit tauchen, sodass es keine Zukunft geben würde, aber sobald das erledigt war, müsste sie einen Weg finden. Es gab bisher immer einen Weg.

Am nächsten Tag sollte es schon nach Hause gehen. Mamoru hatte die Hoffnung, dass Bunny mit ihm und Motoki mit dem Auto zurückreisen würden, doch die Entscheidung war zugunsten von Unazuki und Rei gefallen. Bunny sagte sogar sehr schnell und entschlossen, dass sie lieber mit Yuichiro den Zug nehmen wollte. Sie würde den gestrigen Tag ohnehin besser verarbeiten, wenn sie nicht bei ihm wäre. Sie packten das schwere Gepäck in den Kofferraum und machten sich zu Fuß auf den Weg.

Rei wollte gerade ins Auto steigen, als sie ein kleines Funkeln an der Treppe zum Eingang bemerkte. Sie musste es sich genauer ansehen und entdeckte eine dünne, sehr fein gearbeitete Goldkette mit einem kleinen, filigranen Sichelmondanhänger. Sie schaute genauer und sah den kaputten Verschluss.

Als Bunny und Yuichiro im Zug saßen und sie ihm die halbe Wahrheit über die Rettungsaktion berichtet hatte, während sie noch weiteren Smalltalk über die Reise, das Wetter und die Aussicht während der Zugfahrt hielten, wurde Yuichiro plötzlich etwas direkter.

„Es ist Mamoru, nicht wahr?“, fragte er.

„Woher weißt du das?“, schoss es aus der überraschten Bunny heraus.

„Wegen seiner Reaktion, als du ohne Vorwarnung in den Wald gelaufen bist. Da war mir alles klar.“, gab Yuichiro zu. „Jetzt verstehe ich auch, was du meintest. Du willst die Beziehung zwischen ihm und Rei nicht kaputt machen, oder?“

„Genau.“ Bunny senkte den Blick. „Ich weiß nicht, wie lange ich noch hierbleiben muss, und will niemandem weh tun, darum will ich auch nicht mit Mamoru oder Haruka zusammen sein. Früher oder später muss ich sie verlassen.“

„Du willst Tokyo wieder verlassen?“, hakte Yuichiro verwundert nach.

„Wahrscheinlich ja, ich weiß es noch nicht.“, musste sie zugeben.

„Aber wenn du so viel Rücksicht auf die Beziehung von Rei und Mamoru legst, unterscheidest du dich gar nicht so sehr von mir.“ Er lächelte sie an.

„Yuichiro!“, sagte Bunny plötzlich sehr vertraut. „Ich danke dir, dass du da bist.“

„Gerne. Egal was ist, du kannst immer zu mir kommen.“ Sein Gesichtsausdruck veränderte sich kurz. „Aber Mamoru möchte ich gerne eine reinhauen.“

Bunny schaute alarmiert auf. Sie hatte nie beabsichtigt, dass es ans Licht kam und wollte kein Chaos verursachen. Aber das hatte Mamoru ganz alleine geschafft.

„Es ist vielleicht schwer zu verstehen, aber Mamoru trifft keine Schuld.“, versuchte Bunny zu erklären und merkte, dass diese Aussage den Fokus auf sie lenkte. „Versteh das nicht falsch!“, erhob sie beschwichtigend die Hände. „Ich habe ihn nicht provoziert oder sowas. Wir sind uns einfach nur zur falschen Zeit über den Weg gelaufen.“, nun senkte Bunny den Kopf. „Ich will Reis Glück niemals im Weg stehen.“

„Schon gut, Bunny.“, sagte er verständnisvoll. „Wir sind Freunde, und ich vertraue dir.“

Sie lächelte ihn erleichtert an. Voller Dankbarkeit und neuer Entschlossenheit fuhr Bunny wieder zurück nach Tokyo.

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