Der dritte Talisman
Der dritte Talisman
Es gab eine Zeit, in der Dr. Soichi Tomoe ein renommierter Wissenschaftler mit einem ausgezeichneten Ruf war. Sein Fachgebiet war die Astrophysik, und seine Arbeit galt der Erforschung ferner Galaxien. Nicht zuletzt war er ein Förderer, und beschäftigte deshalb regelmäßig vielversprechende Studenten, in denen er das Potenzial sah, Großes zu erreichen und von deren frischen Ideen er profitieren konnte.
Es war gut zwei Jahre her, als eben eines dieser vielversprechenden Talente seinen Weg zu ihm fand und eine Assistentenstelle antrat, nachdem der letzte Assistent sein Studium erfolgreich abgeschlossen hatte und neue Gebiete kennenlernen wollte.
Sie war gerade am Anfang ihres Studiums und begeistert von den Artikeln, die Dr. Tomoe in verschiedenen bedeutenden Fachzeitschriften veröffentlicht hatte. Es war ihr eine Ehre, Teil seines Teams werden zu dürfen, und ihn bei seiner Arbeit zu begleiten.
Dr. Tomoe war beeindruckt von ihr. Sie war interessiert, stellte die richtigen Fragen, und gab Impulse, die sie zu einer wertvollen Kraft machten. Es dauerte nicht lange, bis Dr. Tomoes persönliches Interesse an ihr, das wissenschaftliche überstieg. Es kam nicht selten vor, dass sie bei ihm blieb, wenn er bis in die Nacht arbeitete, und so entwickelte sich aus einem beruflichen Verhältnis, das auf gegenseitigem Respekt beruhte, ein romantisches, das vor den anderen verborgen blieb.
Es begann mit einem Lächeln, dann folgten zufällige Berührungen, die irgendwann nicht mehr zufällig waren, und in leidenschaftlichen Küssen und prickelndem Sex mündeten.
Nie hätte sie sein Verhalten anders gewertet, als dass er sie liebte. Sie war überzeugt, dass er seine Machtposition nicht auf so schändliche Weise ausnutzen würde, und sie hatte recht, Dr. Tomoe hatte sich in sie verliebt.
Es war der Tag nach einem gelungenen Experiment, in dem das Team um Dr. Tomoe es geschafft hatte, Wellen durch ein Miniaturuniversum und mit Hilfe der Verschiebung von Raum und Zeit ins Weltall zu senden, in der Hoffnung, Galaxien zu erreichen, die noch weiter entfernt waren als die JADES-GS-z14-0-Galaxie, die die am weitesten entfernte bekannte Galaxie war. Obwohl nicht damit zu rechnen war, dass das Experiment erfolgreich verlaufen sollte, weil auch die schnellsten Signale mehrere Stunden brauchten, um alleine das Sonnensystem zu verlassen, sollten sie noch am gleichen Tag eine Antwort erhalten.
Unbemerkt verfinsterte sich das Miniaturuniversum in der Glaskuppel, bis diese zersprang. Der dunkle Nebel breitete sich im Labor aus und verursachte eine Überspannung. Die technischen Geräte begannen Funken zu schlagen, gerieten in Brand und verursachten Explosionen. Fast alle Mitarbeiter, die sich im Labor befanden, starben. Nur Dr. Tomoe war noch am Leben und bei Bewusstsein. Seine geliebte Assistentin drohte, jeden Augenblick zu verbluten. Er verzweifelte, als er sie so vor sich liegen sah und nichts gegen die Blutungen unternehmen konnte. Er wusste selbst nicht, wie er aus dem brennenden Labor rauskommen sollte, doch der Gedanke, seine Geliebte dort zu lassen, war unerträglich.
Gerade als er aufgeben wollte, erschien ihm plötzlich ein Wesen. Dieses stellte sich als Germatoid vor, der der Vorbote von Pharao 90 war. Aus Dankbarkeit, dass Dr. Tomoe ihm den Weg zu diesem unerreichbaren Planeten geebnet hatte, bot er ihm an, seine Geliebte zu retten, dafür müsste er sich nur als Gefäß für Germatoid zur Verfügung stellen. Vor lauter Verzweiflung willigte der Doktor ein.
Germatoid schloss die Wunden und belebte die Assistentin wieder. Unbemerkt setzte er ihr den Geist eines ganz anderen Wesens ein, der liebsten Dienerin des Pharaos, Mistress 9. Diese sollte zur richtigen Zeit erweckt werden und ihn zur Erde führen, um diese in vollkommene Stille zu hüllen.
Danach übernahm Germatoid den Körper des Doktors und verließ mit der Assistentin das brennende Gebäude. In der Zeitung stand ‚Nur Dr. Soichi Tomoe und seine Assistentin, Setsuna Meiou, haben den Unfall überlebt.‘
Seit diesem Tag hütete das Abbild von Dr. Tomoe sie wie einen Augapfel an einem geheimen Ort. Sie lag im Koma und wurde nur von drei Personen besucht. Dem Doktor und Kaorinite, die kontrollierten, wie es ihr ging, sowie Hotaru, die sich um sie kümmerte, ihr das lange dunkle Haar kämmte und ihren schönen Körper mit einem feuchten Tuch reinigte. Es gab keine Schläuche oder Kabel, die sie am Leben erhalten mussten, denn das machte der Kern von Mistress 9. Sie lag da, wie Schneewittchen, die nur auf den rettenden Kuss wartete.
In Gegenwart von Germatoid erwachte sie manchmal und bat um reine Herzen, doch er musste die vertrösten, denn bis heute hatte er es nicht geschafft, nur ein einziges reines Herz zu stehlen.
Auch heute begab sich der Doktor in Begleitung von Kaorinite zu Setsunas Aufenthaltsort. Er öffnete eine Tür im Kellerbereich des Hauses mit einer Karte, von der es keine weitere Ausfertigung gab, und stieg eine schmale Treppe hinunter, die scheinbar unendlich war. Anschließend ging er einen langen, dunklen Flur entlang. Kaori folgte ihm still, ihre Schritte hallten durch den langen Raum. Nach 15 Minuten waren sie an einer weiteren Tür angelangt. Er öffnete diese, und mit seinem und Kaorinites Eintreten wurde der Bewegungssensor ausgelöst, welcher den dunklen Raum erhellte.
In einem Krankenbett lag sie da. Sie sah so makellos und schön aus. Seit dem Tag des Unfalls hatte sie sich nicht verändert.
„Kaorinite,“, begann der Doktor zu sprechen. „die drei Talismane sind erschienen, aber wir haben nur einen in unserem Besitz. Es ist uns nicht gelungen, sie vor den Sailor Kriegerinnen zu bekommen. Und zu allem Überfluss haben wir alle fünf Hexen im Kampf verloren.“
Kaorinite blickte beschämt zu Boden. „Es tut mir leid, Doktor.“
„Deine Entschuldigungen bringen mir nichts. Wir brauchen jetzt entweder die anderen Talismane oder einen so reinen Herzkristall, dass Mistress 9 endlich aus ihrem Schlaf erwacht. Wenn das der Fall ist, werden diese lästigen Sailor Kriegerinnen ganz von alleine zu uns kommen.“ Er drehte sich zu ihr und legte seine Hände auf ihre Schultern. „Ich gebe dir freie Hand, aber du darfst dich nicht in Gefahr bringen, du bist meine letzte Hoffnung.“
„Sehr wohl, Doktor.“, sagte Kaorinite unterwürfig.
Die Sommerferien waren längst vorbei, und Bunny hatte sich wieder an den Alltagstrott aus Schule und Tempel gewöhnt. In den letzten Tagen vor Schulbeginn quälte sie sich durch die Hausaufgaben und hatte schwer damit zu kämpfen, ihren Rhythmus wieder an das frühe Aufstehen zu gewöhnen.
Auch sonst hatte sich nichts getan. Es waren schon ein paar Wochen vergangen, und es war sehr ruhig geblieben. Weder die Bösen traten in Erscheinung, noch hatten sich Haruka und Michiru gemeldet. Es hätte ein Zustand sein können, an den sich Bunny gewöhnen konnte, wenn da nicht Rei wäre.
Es war nur zu offensichtlich, dass sie so tat, als wäre alles in Ordnung, doch Bunny erwischte sie gelegentlich des nachts bei der Meditation und manchmal, wenn sie zusammen unterwegs waren, konnte sie ihre Gefühle nicht überspielen. Das konnte nur bedeuten, dass die Gefahr immer noch greifbar war, es war nur eine Frage der Zeit.
Was Mamoru anging, konnte sie ihm erfolgreich aus dem Weg gehen. Das war auch kein Kunststück. Im Tempel ließ er sich selten blicken, und sie selbst mied das Crown, so dass sich Motoki schon nach ihr erkundigte. Eigentlich war Bunny neugierig und wollte wissen, wie es zwischen Rei und Mamoru so lief, nachdem Motoki sie bei einem Date unterstützt hatte und dabei fast sein Herz verloren hätte, aber ihr fiel niemand ein, den sie hätte fragen können, ohne Verdacht zu erregen. Zu ihrem Leidwesen musste sie sich schon bald mit ihm konfrontieren, da Rei sie zum Schulfest ihrer Schule eingeladen hatte. Es war klar, dass wieder die ganze Truppe dabei wäre, einschließlich Mamoru.
Gerade, als sie sich daran gewöhnt hatte, dass sie scheinbar ein normales Leben lebte, meldeten sich Haruka und Michiru und schlugen ein Treffen nach der Schule vor. Das geschah natürlich nicht ohne Hintergedanken, denn zum einen hatten sie Informationen, die sie mit Bunny teilen wollten, zum anderen hielt es Haruka kaum noch aus, Bunny nicht zu sehen und im Ungewissen zu bleiben, was sie nach seiner Aktion empfand. Er glaubte, alle seine Bemühungen mit einem Schlag zunichte gemacht zu haben.
Als Bunny das ruhige Café in Juban betrat, musste sie nicht lange nach ihren Freunden suchen. Als sie auf die beiden zuging, bemerkte sie, dass Haruka sie von seinem Platz aus sah. Sein Blick war erwartungsvoll, doch sie versuchte möglichst cool zu bleiben.
Am Tisch angekommen, musste sie sich entscheiden, ob sie sich neben oder gegenüber von Haruka setzen würde. Egal welche Wahl sie treffen würde, sie konnte keine Distanz zu ihm halten. Er rutschte auf der Sitzbank schon Richtung Fenster, um ihr Platz zu machen, doch sie hatte nach der Begrüßung einen fordernden Blick an Michiru gerichtet, so dass diese sofort wusste, dass Bunny neben IHR Platz nehmen wollte. Die unangenehme Situation war allen mehr als bewusst, obwohl Michiru nicht wusste, was zwischen den beiden vorgefallen sein musste, dass Bunny dieses Verhalten an den Tag legte, und auch Haruka sich ihr gegenüber so anders verhielt, wie sie es von ihm nicht kannte.
Nachdem auch Bunny sich einen Eiskaffee mit einer dicken Sahnehaube und einer Kirsche oben drauf bestellt hatte, begann Michiru.
„Ich habe Nachforschungen über Yui Bido angestellt, aber es scheint, als wäre sie vom Erdboden verschluckt. In der Schule wurde sie weder als krank noch als vermisst gemeldet.“
„Das ist ja merkwürdig.“, sagte Bunny.
„Das ist es. Wir wissen nur, dass sie eine Eliteschülerin gewesen ist und keiner sich Gedanken darüber zu machen scheint, dass sie einfach verschwunden ist.“
„Ich habe unsere Recherchen zu der Mugen-Schule noch einmal durchgeschaut,“, setzte Haruka fort. „und habe diesen Artikel gefunden.“
Er schob Bunny eine Kopie einer Schlagzeile von 1992 rüber. Bunny schaute auf das Blatt und erkannte ihn, den Artikel, den Mamoru ihr damals online gezeigt hatte und der die Vorfälle zur Explosion in Dr. Tomoes Labor beschrieb.
Haruka konnte sehen, wie sich Bunnys Blick veränderte. Sie sah aus, als hätte sie einen Geist gesehen.
„Engelchen, was ist los?“, fragte er forsch.
„Das ist sie.“, stammelte Bunny. „Das ist Sailor Pluto!“
„Was?“, reagierte Michiru.
Haruka griff nach dem Papier und schaute es sich an und reichte es dann an Michiru weiter.
„Setsuna Meiou?“, fragte er.
„Ja!“
„Aber wenn das stimmt, dann wissen wir auch, wo der dritte Talisman ist.“, kam von Michiru.
„Wir müssen nur herausfinden, wo sie sich aufhält.“, sagte Haruka siegessicher.
Bunny klang bedrückt. „Das war es also. Das war der Grund, warum Hotaru so anders war.“
„Was meinst du?“ Beide schauten sie verwundert an, doch Bunny redete einfach weiter, als hätte sie es nicht gehört.
„Wenn die Death Busters Setsuna zuerst finden, haben wir ein Problem, weil sie auch den dritten Talisman hat.“
Die Stimmung war plötzlich sehr bedrückend. Wenn das der Fall sein sollte, standen die Kriegerinnen vor einem weitaus größeren Problem.
„Haruka, wir müssen noch einmal Herrn Takegawa bemühen.“
„Ich weiß.“, sagte Haruka zähneknirschend, weil er es hasste, von anderen abhängig zu sein und die Schuldigkeiten, die noch offen waren dafür verschwendet hatte, herauszufinden, was aus Bunnys Freunden geworden war. Er war Bunny dennoch nicht böse, er hatte auch zu Beginn ihrer Bekanntschaft das Bedürfnis, ihr zu helfen und sie glücklich zu sehen.
Nun waren sie einen großen Schritt weiter, ohne einen Zentimeter voran gekommen zu sein. Haruka hatte gehofft, nach dem Austausch einen entspannten Nachmittag mit Bunny zu verbringen, doch angesichts der neuesten Erkenntnisse, war es alles andere als angebracht, fröhlich durch den Park zu spazieren.
Auch wenn Haruka gerne mehr Zeit mit Bunny verbrachte hätte, stand Michiru auf und sprach auch für ihn.
„Haruka, wir müssen los, es zählt jede Minute.“ Sie wandte sich an Bunny und sprach sanft. „Mach dir keine Sorgen. Sobald wir etwas wissen, werden wir sofort Kontakt aufnehmen. Es ist ein Glück, dass wir dich an unserer Seite haben.“
Als sie zu dritt vor dem Café standen, sah Bunny so bedrückt aus, dass Haruka kein Wort rausbekam. Er erkannte sich selbst nicht wieder. Und so trennten sich ihre Wege.
Nach ein paar Metern drehte sich Michiru um und vergewisserte sich, dass Bunny außer Reichweite war.
„Haruka, was ist zwischen euch passiert?“, fragte sie missmutig.
„Ich weiß nicht was du meinst.“
„Sie hat dich seit unserer Rettung kein einziges Mal angeschaut und du benimmst dich seitdem wie ein liebeskranker Idiot.“, sagte sie schonungslos. „Dass da nichts passiert ist, kannst du jemandem erzählen, der dich nicht kennt.“
Haruka seufzte und knickte ein, sie waren so lange zusammen, dass er ihr nichts vormachen konnte. Nachdem er ihr alles gebeichtet hatte, was ab dem Ball bei Edward zwischen ihm und Bunny geschehen war, ohne zu sehr in die schmutzigen Details zu gehen, sah er einen Gesichtsausdruck von Michiru, den er noch nie zu sehen bekommen hatte.
„Du bist wirklich ein Idiot! Ich wusste ja, dass du in sie verliebt bist, aber du weißt, dass sie ihrem Freund nachtrauert, der hier und lebendig ist. Was denkst du dir nur dabei?“
„Ich kann nicht mehr denken. Je länger ich sie kenne, desto mehr vernebelt sie mir meine Gedanken.“, sagte er reumütig.
„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass du mit ihr spielst.“
Er blieb stehen und schaute Michiru an. „Das ist nicht wahr! Seit ich sie kenne, zieht sie mich mehr und mehr in ihren Bann. Ich erkenne mich ja selbst nicht wieder.“ Er legte seine Hand auf die Stirn. „Du weißt, dass die Pflicht für mich immer Vorrang hatte, aber bei ihr vergesse ich alles um mich herum.“
„Schaff das aus der Welt, sonst wird das ein Problem, das wir gerade nicht brauchen!“, sagte Michiru, ungewohnt herrisch. „Und jetzt lass uns zu Herrn Takegawa gehen. Je schneller wir ihn beauftragen, desto eher können wir die Welt vor dem drohenden Unheil bewahren.“
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