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Hanami

Böses Erwachen — www.fanfiktion.de · All chapters

Hanami

Am Samstagabend hatten Rei und Yuichiro die Picknickkörbe gepackt, während die kulinarisch untalentierte Bunny ihnen Gesellschaft leistete und sie anfeuerte. Die Körbe waren groß und schwer, und das Essen darin würde problemlos sieben Personen versorgen. Da auch Volljährige anwesend waren, hatte Yuichiro neben Limonade und Tee in Dosen auch Bier und Sake eingepackt.

Das Picknick fand in einem nahegelegenen Park statt, der fußläufig gut zu erreichen war, dennoch wurde Mamoru mit seinem Auto zum Tempel bestellt, um die schweren Picknickkörbe abzuholen. Rei und Opa stiegen in das Auto, und Yuichiro und Bunny machten sich zu Fuß auf den Weg, da durch die Picknickkörbe kein Platz mehr in dem sportlichen Wagen war.

Es war ein warmer, sonniger Sonntag und Bunny und Yuichiro genossen den Spaziergang durch das Stadtviertel. Viele Bäume standen in voller Blüte und erschienen in einem zarten rosa Gewand, das bei der kleinsten Brise die feinen Blüten wie Schneeflocken zu Boden rieseln ließ.

Bunny machte sich indes Gedanken darüber, dass sie gleich Mamoru gegenübersitzen würde. Sie wusste nicht so recht, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte, und malte sich die wunderlichsten Dinge aus, wie er mit ihr umspringen würde. Es war alles dabei, von Streit bis Ignorieren, doch nicht, dass er plötzlich nett zu ihr wäre, denn das war dieser Mamoru einfach nicht.

„Du, sag mal, Yuichiro,“, begann Bunny, als sie in das Einkaufsviertel einbogen. „Wie ist Mamoru eigentlich zu Rei?“

Yuichiro musste einen Augenblick überlegen. „Ich weiß nicht, eigentlich ganz nett, aber sie bringt ihn nicht sehr oft mit. Wieso fragst du?“

Bunny grübelte. Sollte es so sein, dass sie sich immer bei ihm trafen?

„Ich bin ihm ein paar Mal zufällig über den Weg gelaufen und er war so überhaupt nicht nett. Ich habe mich gefragt, ob er zu Rei auch so fies ist.“

„Fies?“, fragte Yuichiro verwundert.

„Wir sind uns zwei Mal begegnet und er war kein einziges Mal nett zu mir, ganz im Gegenteil.“, erklärte sie.

Yuichiro lächelte Bunny an. „Machst du dir Gedanken, dass er gleich wieder fies zu dir sein wird? Mach dir keine Sorgen, ich bin auch noch da, und Rei würde sicher nicht zulassen, dass er sich mit dir streitet.“

Als die beiden im Park ankamen, saßen die anderen schon gemütlich um die rote, karierte Decke und packten die leckeren Dinge aus den Körben. Der Platz, den sie sich ausgesucht hatten, war mitten im Park und umzäunt von zahlreichen Kirschblütenbäumen. Dafür hatten sich Motoki und Unazuki bereits früher auf den Weg gemacht, um diesen perfekten Platz für ihre Freunde zu sichern.

Bunny wurde immer nervöser, als sie sich der bereits fröhlichen Runde näherten. Ihr Kopfkino ging in die nächste Runde und sie konnte es einfach nicht abschütteln, sich auszumalen, welches unangemessene Verhalten Mamoru ihr gegenüber an den Tag legen würde. Sie ging gemeinsam mit Yuichiro rüber und achtete genau auf Mamorus Gesichtsausdruck. Er würdigte sie jedoch, bis sie saßen, keines Blickes.

Bunny fand Platz zwischen Yuichiro und Motoki, der sich überaus freute, das nette Mädchen aus der Spielhalle wiederzusehen. Auch Unazuki wurde ihr als Motokis Schwester und, zu Bunnys Überraschung, als Reis Klassenkameradin vorgestellt. Mamoru warf nur einen kurzen Blick rüber, um ‚Hallo‘ zu sagen und kümmerte sich nicht weiter um das freche Mädchen, welches ihm bei jeder Begegnung auf den Geist ging.

Es war eine lustige und ausgelassene Gesellschaft, und alle unterhielten sich nett. Bunny verstand sich auf Anhieb gut mit Unazuki und auch Motoki war, zumindest in Bunnys Augen, ganz der Alte. Man redete über das tolle Essen, Rei und Unazuki spekulierten, ob sie dieses Jahr in die gleiche Klasse kommen würden, Mamoru und Motoki sprachen über die Studienfächer, die sie zu belegen planten, und der offenbar trinkfeste Opa zischte sich einen Sake nach dem anderen.

Bunny beteiligte sich hier und da an den Unterhaltungen, beobachtete aber lieber, wie sich ihre Freunde verhielten und, ob sie anderes waren, als sie es in Erinnerung hatte. Und tatsächlich musste sie feststellen, dass einzig Mamoru nicht derselbe war. Er benahm sich weniger charmant, als sie es von ihm kannte, und war nicht verlegen darum, auch mal einen abwertenden Spruch loszulassen. Es war einfach der Mamoru, dem sie vor vielen Jahren ihre Mathearbeit an den Kopf geworfen hatte, und der sich bis zum Sieg gegen das dunkle Königreich nicht verändert hatte. War es möglich, dass er so war, weil ihm seine wahre Identität nicht bewusst war, fragte sich Bunny. Rei gegenüber war er aber trotzdem nett. So bitter es für Bunny auch war, sie passten gut zusammen. Beide hatten einen starken Charakter und ließen sich durch nichts beirren.

Sie nahm sich vor, diese Gedanken auszuschalten. Sie war nun mal nicht in ihrer Gegenwart, sondern in einer abgedrehten, bizarren Vergangenheit. Und Mamoru war nun mal nicht ihr Mamoru, sondern ein anderer Mensch, der zu Rei gehörte. Auch, wenn sie sich langsam an diese Realität gewöhnte und es ihr nicht mehr vorkam, wie ein böser Traum, wollte sie nicht in Reis und Mamorus Leben eingreifen und unüberlegt ihre Beziehung kaputt machen, um bloß wieder mit Mamoru zusammen sein zu können.

Nachdem Bunny drei Reisbällchen, fünf Omelett-Röllchen und ein paar Würsten in Form von Oktopussen verdrückt hatte, bekam sie Durst. Ihr Blick fiel auf die Kühlbox mit vielen verschiedenen Getränkedosen, von denen sie einige Marken noch nie gesehen hatte. Sie griff sich eine hübsche mintgrüne Dose mit pinken Kirschblüten darauf. Sie machte sich nicht die Mühe, die Aufschrift zu lesen, weil sie sich sicher war, einen leckeren grünen Tee geschnappt zu haben. Sie war so durstig, dass sie die Dose rasch öffnete und das süße und aromatische Getränk in einem Zug runterkippte. Keiner hatte sich auf sie konzentriert, bis sie die Dose senkrecht in die Höhe hob, um die letzten Schlucke auszutrinken.

„Oh nein, Bunny, das war der Sake!“ Unazuki beugte sich schnell nach vorne und streckte ihren Arm in Bunnys Richtung, als könnte sie sie irgendwie aufhalten, aber es war zu spät, die Dose war leer.

„Waaas?“, fragte Bunny erschrocken, doch nun war das Kind in den Brunnen gefallen.

Es war nicht das erste Mal, dass sie aus Versehen zu Alkohol gegriffen hatte, und auch dieses Mal schmeckte sie nicht heraus, dass es etwas anderes sein könnte, als ein köstlicher, süßer Saft. Bunnys Wangen wurden ganz rot und eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem Körper aus. Es war nicht zu übersehen, dass sie von Minute zu Minute immer heiterer wurde. Rei und Unazuki waren besorgt um Bunnys Zustand, da sie gerade einen 15% Reiswein auf Ex runtergekippt hatte. Die selbst etwas angeheiterten Yuichiro und Motoki dachten sich nichts Schlimmes und unterhielten sich mit Bunny angeregt über Zeitreisen, während der Opa sich köstlich über die Ereignisse amüsierte und sich weiterhin einen Sake nach dem anderen runtergoss. Einzig Mamoru saß da und schwieg. Sein Gesichtsausdruck war vollkommen neutral und hätte keinem der Beteiligten nur den geringsten Aufschluss über seine Gedanken gegeben. Tatsächlich riss er sich aber nur zusammen, weil er Rei versprochen hatte, keinen Streit mit seiner neuen Erzfeindin anzufangen, und er respektierte diesen Wunsch.

Da Mamoru der einzige anwesende Mann war, der nichts Alkoholisches getrunken hatte, konnte er dem Thema der drei Schluckspechte auch nichts abgewinnen. Er hatte ja ohnehin keinen Respekt vor diesem bekloppten Mädchen, das ihn bei jeder Begegnung, ob mit oder ohne Absicht, attackieren musste. Jetzt bewies sie auch noch, dass sie sich nicht zügeln konnte und schwachsinnige Themen ausgrub, wenn sie einen im Tee hatte.

Da Bunny bis zum oberen Rand vollgefuttert war, dauerte es ein wenig, bis die große Menge des süßen Nektars ihr den Rest gab. Es begann schleichend, doch Bunny wurde zunehmend immer schwindeliger, bis sich ihre Augen drehten und sie fast nach hinten gekippt wäre, wenn Motoki und Yuichiro sie nicht von beiden Seiten aufgefangen hätten.

Rei begann sich richtig Sorgen zu machen. „Oh nein, Bunny! Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut?“

„Ja, Ja!“, lallte Bunny und begann zu kichern.

„Yuichiro,“, begann Rei, von Bunnys Antwort nicht sehr überzeugt. „Würdest du sie nach Hause bringen? Sie hat wirklich genug für heute.“

„Ich habe eine bessere Idee.“, tönte Motoki angeheitert. „Mamoru könnte sie fahren. Ich glaube nämlich nicht, dass sie zu Fuß sehr weit kommt und Yuichiro kann sie nicht den ganzen Weg tragen.“

Mamorus Gesichtsausdruck transportierte eindeutiges Missfallen, doch er war nun mal der Einzige, der mit dem Auto gekommen war und nichts getrunken hatte.

„Ich komme mit.“ Rei wollte die beiden Streithähne nicht alleine lassen.

„Schon gut, ich schaffe das schon, ist ja nicht so weit. Bleib du hier und amüsiere dich, ich bringe sie bis zum Tempel und komme gleich wieder zurück.“, lächelte Mamoru Rei sanft an.

„Aber…“

„Keine Sorge, ich halte mich zurück!“, versprach er noch einmal. „Motoki, hilf mir mal, sie zum Auto zu begleiten.“

Die beiden geleiteten Bunny über die Wiese, vorbei an den dichtgedrängten Besuchern des Hanami-Fests und verfrachteten sie in Mamorus roten Alfa Romeo SZ. Bunny fühlte sich trotz leichter Übelkeit und Schwindelgefühlen irgendwie wohl. Es war ein vertrautes Gefühl mit Mamoru und Motoki zusammen zu sein und in diesem Auto zu sitzen, dass tatsächlich genauso roch, wie es riechen sollte. Sie vergaß beinahe, dass sie nicht neben ihrem Mamoru saß, sondern neben Reis Mamoru.

Die Fahrt bei offenen Fenstern tat gut, die frische Luft, die Bunny um die Ohren wehte, war so angenehm, dass zumindest die Übelkeit nachließ.

„Das waaa sooo ein lekaraa Saft, kaum schu glauben, dassas Akohol war.“, lallte Bunny mit einem Grinsen vor sich hin und hielt ihren Kopf in Richtung des offenen Fensters, um jeden Luftzug mitzunehmen.

„Willst du mich auf den Arm nehmen?“, fragte Mamoru verwundert. „Du greifst zur bekanntesten Sake Marke in ganz Japan und tust so, als hättest du es aus Versehen gemacht?“

Bunny schaute ihn scharf an. „Aba in meiner Zukunft gibbessooowas nischt.“

„Was hast du gerade gesagt?“ Mamoru drehte seinen Kopf ruckartig zu ihr. „Fängst du schon wieder mit dem Zeitreisequatsch an?“

Bunny fuhr zusammen. Hatte sie sich gerade verplappert? Doch das war egal, er würde es doch eh nicht glauben oder verstehen.

„Ach, lass mischin Ruhe.“, lallte sie eingeschnappt.

„Das ist verdammt schwer. Du tauchst überall auf, wo ich bin und wohnst jetzt sogar bei meiner Freundin. Wenn du wenigstens nicht eine weiche Birne hättest. Manchmal glaube ich, du machst das aus Absicht.“ Mamoru ließ alles raus, was er während des Picknicks runtergeschluckt hatte und fieberte den letzten Metern der ohnehin kurzen Strecke entgegen.

Bunny fühlte sich verletzt. Selbstverständlich wurde dieses Gefühl durch ihre Betrunkenheit um ein Vielfaches potenziert, weshalb sie es auch nicht einfach abtun konnte. Sie verstand nicht, wie Mamoru so etwas sagen konnte, egal ob es nun ihr oder Reis Mamoru war.

Sie wusste nicht warum, aber in ihr blitze die Erinnerung auf, wie sie sich beim Kampf gegen Königin Perillia mit einem Kuss von ihrem leblosen Mamoru, oder besser Endymion, verabschieden wollte, und verspürte einen Schmerz in ihrer Brust.

Als das Auto zum Stehen kam, stieg sie aus und schlug mit Schwung die Tür des roten Flitzers zu. Mamoru wollte ihr, wie versprochen, die Stufen zum Tempel raufhelfen, doch das ließ sie nicht zu.

„Bleib ja sissen und faaass misch nisch an.“, krakelte sie unkontrolliert laut. „Und disch wollte isch küssn.“

Sie warf ihm noch einen bösen Blick zu und schlurfte die Stufen hinauf. Sie war so traurig und aufgebracht und murmelte den gesamten Weg nach oben, dass sie es gewusst hatte. Sie wollte ihn so gerne hassen, doch irgendetwas in ihr sträubte sich dagegen. Schließlich kannte sie diese Seite von Mamoru aus längst vergangenen Tagen.

Mamoru war sprachlos. Er stand neben seinem Auto und schaute Bunny Stufe für Stufe zu. Es war nicht seine Art, eine hilflose Person im Stich zu lassen, egal wie unausstehlich er sie fand. Ihre letzten Worte gaben ihm allerdings zu denken. Was sollte das bedeuten, sie wollte ihn küssen? Sie hatte doch nicht wirklich Interesse an ihm oder hatte er was falsch verstanden?

Als sie schließlich sicher oben angekommen war, stieg er ins Auto und blieb noch einen Moment sitzen. Er dachte angestrengt nach, ob es einen Moment zwischen ihnen gab, der ihre Worte veranlassen würde, doch ihm fiel nichts ein. Letzten Endes entschied er sich dazu, es dem Alkohol zuzuschreiben und nicht mehr darüber nachzudenken.

Bunny betrat ihr Zimmer, kramte umständlich den Futon aus dem Schrank, legte ihn sich irgendwie zurecht und schmiss sich, wie ein nasser Sandsack darauf. Es war helllichter Tag, doch Bunny hatte noch nie Probleme gehabt, schnell einzuschlafen. Während sie da lag und ihr Kopf sich drehte, musste sie die ganze Zeit an Mamoru denken. Diese gemischten Gefühle von Wut und Traurigkeit machten sie fertig. Ihre Gedanken kreisten wie Geier um ein verendendes Tier, unaufhörlich immer weiter. Es war nicht ihr Mamoru. Bei dieser Erkenntnis rollte ihr eine Träne über die Wange.

Sie fasste einen Entschluss, sie musste ihm aus dem Weg gehen, egal was die Zukunft bringen würde, er sollte darin keine Rolle mehr spielen. Und so nickte Bunny an diesem wunderschönen, sonnigen Aprilsonntag ein.

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