Ein Neuanfang
Ein Neuanfang
Hallo liebe Leser*innen,
ich wollte mich an dieser Stelle ganz herzlich für eure Resonanz bedanken, die Sterne, die Herzen und die leiben Kommentare. Ich freue mich wirklich sehr. <3 Ich hoffe, dass euch die Geschichte weiterhin gefallen wird.
LG
MissMolnja
***
Nachdem alle Untersuchungen an Bunny abgeschlossen waren, wurde sie vom Arzt nach Hause entlassen und zu zwei Wochen Ruhe verdonnert. Untätigkeit passte so gar nicht zu ihr, doch sie musste die meiste Zeit das Bett hüten und durfte sich nicht überanstrengen. Obwohl Rei ihr eine ganze Reihe ihrer Mangas geliehen hatte und Yuichiro jede freie Minute nutzte, um Bunny zu beschäftigen, wurde sie immer trübsinniger und fing an zu grübeln. Es fiel ihr mit jedem Tag schwerer, dem zu entkommen.
Früher wäre sie gewiss gelangweilt gewesen, doch jetzt, wo sie in einer bizarren Vergangenheit gefangen war und niemand da war, um sie zu bemuttern, wurde ihr wieder ihre Einsamkeit bewusst. Sie dachte an ihre Familie, die zwar in erreichbarer Nähe lebte, die sie aber nicht besuchen konnte. Sie dachte an ihre kleine schwarze Fellnase, die ihr eine neue Welt eröffnet hatte, und an ihre Freunde, mit denen sie durch dick und dünn gegangen war. Am meisten vermisste sie Mamoru. Es war so unerträglich, dass er ständig um sie herum war und trotzdem so weit entfernt.
Als sie eines Tages in ihrer bequemen Miko-Kleidung draußen vor der offenen Schiebetür ihres Zimmers saß und etwas abwesend und gedankenverloren in den Garten starrte, bekam sie Besuch von einer der wenigen Freundinnen, die sie inzwischen hatte.
„Hallo, Engelchen. Wie geht es dir heute?“ Haruka setzte sich zu ihr.
„Frag besser nicht.“, reagierte sie niedergeschlagen.
Haruka holte eine rosa Pappschachtel hervor und hielt sie Bunny vor die Nase. „Das heißt, ich soll den Kuchen wieder mitnehmen?“
„Kuchen?“ Bunny war wieder voll da und strahlte.
Sie konnte ein feines Stück Gebäck niemals ausschlagen und freute sich, dass Haruka sie mittlerweile so gut kannte, dass sie ihr ihr Lieblingstrostpflaster mitbrachte.
„Ich habe übrigens meinen Detektiv noch einmal angehauen, ob er was über deine Katze herausfinden konnte, aber er hatte leider keinen Erfolg.“, erklärte Haruka. „Er meinte, dass es nicht so leicht ist, eine schwarze Katze zu finden.“
„Hat er auch bei mir zuhause...“ Bunny hielt kurz inne, denn ihr Zuhause war nun der Hikawa-Tempel. „Ich meine, hat er auch bei den Tsukinos gesucht?“
„Ja, aber die haben keine Haustiere.“
Bunny schaute traurig zu Boden. Sollte sich ihre Vermutung bewahrheiten und Luna existierte in dieser Welt nicht? Haruka fiel ihre Niedergeschlagenheit auf, und sie versuchte, sie zu trösten.
„Hör zu, Engelchen, Michiru und ich werden dich nicht im Stich lassen. Du gehörst jetzt zu uns, egal was passiert!“
Bunny lächelte Haruka dankbar an. Diese schaute Bunny an und konnte ihre Augen nicht mehr von ihr lassen. Sie merkte plötzlich selbst, dass sie Bunny anstarrte.
Haruka räusperte sich kurz und stand auf. „Ich muss jetzt leider los. Michiru hat bei einem komischen Pärchen-Wettbewerb böse Kräfte gespürt und uns angemeldet.“
„Aber braucht ihr nicht meine Hilfe?“, fragte Bunny enttäuscht.
„Wir werden damit schon fertig. Es ist wichtig, dass du erstmal wieder gesund wirst.“
‚Komischer Pärchen-Wettbewerb?‘, dachte sich Bunny und erinnerte sich plötzlich an Umino, der das Opfer der Bösen wurde. Sie fragte sich, ob Umino und Naru wieder daran teilnehmen würden oder, ob die beiden sich überhaupt ineinander verliebt hatten. Haruka und Michiru würden sicher wieder alle beeindrucken und kurz vor dem Sieg hinschmeißen.
Es wurmte Bunny, dass sie nicht dabei sein konnte. Sie stand entschlossen auf, ging in ihr Zimmer, schob die Tür zu und zog sich um. Gerade, als sie davonschleichen und den Tempel verlassen wollte, wurde sie jedoch von Yuichiro ertappt, der sie gemeinsam mit Rei wieder in ihr Zimmer schleifte und bei ihr blieb, bis sie aufgab.
Nun lag Bunny wieder da und grübelte. Wenn sie schon nichts an der Front tun konnte, musste sie überlegen, wo sie Luna möglicherweise finden würde, doch es gab unzählige Stellen, an denen sich eine Katze aufhalten konnte. Es wäre eine Suche wie die Nadel im Heuhaufen.
‚Aber wenn Luna und auch Artemis existieren würden, könnten sie bei Minako sein!‘, dachte sich Bunny aufgeregt.
Sie wusste, dass Rei und Yuichiro nach ihrem Versuch, sich rauszuschleichen, ein Auge auf sie haben würden, um sie vor ihrer eigenen Dummheit zu bewahren. Daher nahm sie sich vor, später bei den Ainos aufzuschlagen, um ihren Verdacht zu überprüfen. Dieses Ziel gab ihr neue Hoffnung, und sie konnte nicht erwarten, endlich wieder den Tempel verlassen zu dürfen.
Die erste Woche brachte Bunny an den Rand der Frustration. Sie hatte das Gefühl, wie ein Staatsschatz bewacht zu werden, weil ihre Freunde sich vor ihrer Unvernunft fürchteten, aber nun durfte sie wieder raus, solange sie sich nicht überanstrengen würde. Bunny versprach hoch und heilig, dass sie auf sich aufpassen würde und trat einen langen Spaziergang an.
In ihrer langen Ruhephase hatte sie genug Zeit, sich Gedanken zu machen, was sie den Ainos sagen würde. ‚Hallo, lebt hier eine Katze namens Artemis?‘ war keine Option. Die Leute würden sie wieder wie eine Verrückte ansehen, und das musste Bunny unbedingt vermeiden. Glücklicherweise hatte sie immer ihren Verwandlungsfüller bei sich und konnte ihn auch in diesem Fall einsetzen.
‚Luna wäre bestimmt nicht böse.‘, dachte sie sich entschlossen. ‚Schließlich ist es ja nur, um sie zu finden.‘
Als sich Bunny in Minakos Wohngegend befand, versteckte sie sich in einer ruhigen Gasse und sprach die Zauberformel: „Macht des Mondes, verwandle mich in eine wunderschöne Angestellte des Veterinäramts.“
Sie ging zur Tür des Hauses, atmete tief durch und klingelte. Sie wünschte sich, dass Minako an die Tür kam, damit sie sie wenigstens einmal sehen konnte, doch zu Bunnys Enttäuschung öffnete ihre Mutter die Tür.
„Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“, fragte sie freundlich.
„Guten Tag, ich komme vom staatlichen Veterinäramt. In dieser Gegend wurden uns zwei Fälle von Freigängern mit Tollwut gemeldet, daher gehen wir von Haus zu Haus und kontrollieren, ob Sie Katzen haben.“ Bunny war jedes Mittel recht, um an ihre Informationen zu kommen, auch wenn sie Minakos nette Mutter vielleicht ein wenig erschrecken würde.
„Wir haben keine Katze.“
Bunny wurde bleich. „Sie haben gar keine Katze?“
„Nein, meine Tochter wollte zwar gerne eine haben, aber mein Mann ist allergisch, darum geht das nicht.“, erklärte sie. „Da kann ich ja von Glück sprechen.“
Bunny verlor mit einem Schlag jede Hoffnung. Sie riss sich zusammen, bedankte und verabschiedete sich, um an der nächsten Straßenecke stehen zu bleiben und leise zu weinen.
„Es gibt sie also doch nicht.“, flüsterte Bunny vor sich hin, als ihr die Tränen ihre mittlerweile geröteten Wangen runterliefen.
Wie sollte sie damit nur fertig werden, dachte sie sich, als sie den langen Weg nach Hause antrat. Ihr Kopf war gesenkt, und sie lief beinahe intuitiv durch die Straßen, um wieder zum Tempel zu gelangen und sich in ihrem Zimmer zu verkriechen.
„Hey, wenn du weiter so nach unten schaust, rempelst du bestimmt wieder irgendjemanden an.“, sagte plötzlich eine vertraute Stimme.
Bunny schaute hoch und zu ihrer Überraschung stand Mamoru vor ihr. Ihr erstaunter Gesichtsausdruck wandelte sich aber schnell zu einem grimmigen. „Willst du wieder Streit?“
„Sag mal, hast du gerade geweint?“, fragte Mamoru, als er nun endlich in Bunnys Gesicht schauen konnte.
Sie drehte ihren Kopf schnell zur Seite, denn sie wollte sich vor ihm keine Blöße und neuen Anlass zum Spott geben.
„Das geht dich nichts an.“, reagierte sie niedergeschlagen und weniger bissig, als sie gerne geklungen hätte.
„Meinst du, es würde dir besser gehen, wenn ich dich zu einem Stück Kuchen einladen würde?“, fragte Mamoru überraschend verständnisvoll.
„Willst du mich ärgern?“ Bunnys Blick wurde noch grimmiger, doch Mamoru hatte nicht die Absicht, sie erneut zu triezen.
„Ich weiß, das habe ich verdient, aber ich wollte gerne mit dir über neulich sprechen, als du mich gerettet hast.“
Bunnys Blick wandelte sich und sie schaute ihn erstaunt an. Sie war so in ihrer negativen Gedankenspirale gefangen, dass sie nicht mehr daran gedacht hatte, dass sie sich schützend vor ihn gestellt hatte.
„Na gut.“, sagte sie vorsichtig.
Beide fanden Platz in einem nahegelegenen Café und saßen sich schweigend gegenüber. Bunny war immer noch niedergeschlagen und wusste nichts zu sagen, da sie außer Rei keine Gemeinsamkeiten hatten. Mamoru wusste, dass er das Gespräch beginnen musste, doch er wusste nicht so recht, wie er anfangen sollte. Ihm war klar, dass er Vorwürfe vermeiden musste, denn das würde sie nur wieder verschrecken.
„Wieso hast du mich beschützt?“, fragte er, als er nun glaubte, die richtigen Worte gefunden zu haben.
„Ich weiß es nicht.“, log Bunny, die alles tun würde, um ihre Freunde und ihre große Liebe zu beschützen. „Ich habe wohl im Affekt reagiert.“
„Ich habe mir wegen dir große Sorgen gemacht, als du plötzlich bewusstlos vor mir lagst. Zum Glück sind diese beiden Mädchen aufgetaucht.“
„Das war nicht nötig. Wie du siehst, geht es mir schon wieder besser.“ Bunny zwang sich ein Lächeln auf ihre Lippen.
„Du musst besser auf dich aufpassen, das hätte ins Auge gehen können.“, sagte er mahnend.
Sie schwieg. Seit sie im Café saßen, hatte sie jeden Augenkontakt vermieden. Sie wusste auch nicht so recht, was sie sagen sollte, und stocherte in ihrem Kuchen herum, den sie sonst fröhlich und in Windeseile verputzt hätte.
„Weißt du noch, was du mir gesagt hast, bevor du bewusstlos wurdest?“, fragte er sie und beobachtete dabei ganz genau, welche Reaktion sie zeigen würde, doch sie enttäuschte ihn.
„Nein, was habe ich denn gesagt?“, fragte sie ohne jegliche Regung.
Mamoru hielt inne. Sie wusste es also nicht mehr. Sie wusste nicht mehr, dass sie ihm sagte, dass sie ihn vermisste. Wahrscheinlich wusste sie auch nicht mehr, dass sie ihn küssen wollte, aber unter Alkoholeinfluss vergas man manchmal, was man tat. Er beschloss, es dabei beruhen zu lassen.
„Ist schon gut.“ Er zögerte einen Augenblick. „Du bist heute gar nicht so fröhlich und frech wie sonst, so würde es gar keinen Spaß machen, mit dir zu streiten.“
Er lächelte und hoffte, die Situation etwas aufzulockern, doch sie starrte immer noch ihr Stück Kuchen an.
Er wagte einen neuen Versuch. „Ich hoffe, ich bin nicht zu direkt, aber ist gerade etwas passiert, worüber du vielleicht sprechen möchtest?“
Bunny war deprimiert, und dieses erneute Gefühl der Ausweglosigkeit verleitete sie dazu, sich ihm anzuvertrauen. Es war ja doch alles egal, dachte sie sich.
„Ich habe alles verloren, was ich hatte. Ich bin nicht freiwillig hier, und jedes Mal, wenn ich versuche, jemanden aus meinem früheren Leben zu finden, versage ich und fühle mich noch einsamer.“
Mamoru schaute sie erstaunt an. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich ihm tatsächlich öffnen würde. Er erinnerte sich, was Rei ihm über Bunny erzählt hatte und verstand nun.
„Ich weiß genau, wie du dich fühlst.“, sagte er sehr ernst und ehrlich. „Als ich klein war, habe ich auch alles verloren. Ich wusste nicht einmal mehr, wer ich bin.“
Bunny schaute ihn plötzlich mit großen Augen an. ‚Natürlich, er hat seine Eltern und sein Gedächtnis verloren.‘
Natürlich war ihm nicht bewusst, dass Bunny diesen Fakt seines Lebens schon kannte, denn er hatte es damals nur ihr erzählt. Selbst, wenn er es Rei erzählt hätte, war es keine Geschichte, mit der man hausieren ging. Bunny war sehr gerührt, dass er diesen Teil seines Lebens erneut mit ihr teilte.
„Wie bist du damals damit klargekommen?“, fragte sie interessiert.
„Eigentlich gar nicht. Ich war noch klein, als das passiert ist, und ich habe mich mit der Zeit daran gewöhnt. Ich habe bis zu meinem High-School Abschluss in Koshigaya bei Verwandten gelebt und bin danach nach Tokio gezogen. Irgendetwas hat mich hierhin gezogen. Ich habe auch nach etwas aus meiner Vergangenheit gesucht und es irgendwie nie gefunden. Das Gefühl ist mit der Zeit vergangen und ich habe mich damit abgefunden.“
Bunny hörte sehr aufmerksam zu, auch wenn sie die Geschichte bereits kannte. Sie fragte sich, ob er sich immer noch an die Suche nach der Prinzessin und den Silberkristall erinnerte. Sein Gesichtsausdruck wirkte auf sie etwas traurig, aber er ließ sich nichts anmerken.
„Du glaubst also, dass ich mich damit abfinden sollte?“
„Du solltest solange suchen, wie du es für richtig hältst.“, empfahl er ihr. „Doch pass auf, dass du dich nicht verrennst.“
Bunny begann endlich zu lächeln. Mamoru und sie waren im früheren Leben Feinde und Geliebte, aber sie waren nie einfach Freunde. Sie teilten eine tragische Vergangenheit in einer fernen Zeit, die Shakespeare nicht hätte besser schreiben können. Doch in ihrer Gegenwart war Mamoru die tragische Figur, der sie beistehen und der sie Trost spenden konnte. Sie hätte nie daran geglaubt, dass diese Zeitreise sie in eine Vergangenheit bringen würde, in der sie unbeabsichtigt ein ähnliches Schicksal teilte und in ihm einen neuen Freund finden könnte.
Bunny verputzte den Kuchen, trank ihren Milchshake aus und lächelte zufrieden. Sie musste ihm nicht sagen, dass er ihr geholfen hatte, denn es war mehr als deutlich an ihrem Verhalten und ihrem Gesichtsausdruck zu erkennen. Mamoru schlug vor, sie noch ein Stück des Weges zu begleiten. Sie liefen nebeneinander her und unterhielten sich. Sie zankten nicht und ärgerten sich nicht gegenseitig. Es war ein schönes Gefühl, gemeinsam mit Mamoru einfach die Straße entlangzugehen. Es fühlte sich ganz anders an, als das Beisammensein mit ihrem Mamoru, doch sie war zufrieden, denn diese ewigen Streitereien mit ihm brachen ihr das Herz.
Sie schlenderten durch die Straßen und Bunny fragte hier und da etwas zu den Geschäften, die es in ihrer Gegenwart nicht gab. Sie liefen auch an einem kleinen, gemütlichen Dorayaki-Laden vorbei, den Bunny zwar nicht kannte, den sie aber uninteressant fand und ihm keine Beachtung schenkte. Dieser kleine Laden wurde von einer niedlichen, älteren Frau betrieben. Sie war schon immer klein, aber das Alter und ihr Rundrücken machten sie noch kleiner und niedlicher. Sie trug stets einen typischen japanischen Kittel, der ihre Kleidung vollständig bedeckte, und ein weißes Kopftuch. Sie bereitete ihre Zutaten auf traditionelle Art und in Handarbeit selbst zu. Ihre Geräte waren etwas veraltet, aber das störte sie nicht, denn sie wusste genau, wie man mit ihnen umging.
Am Schaufenster sah man sofort, dass in dieser kleinen Stube die Tradition herrschte. Fast unsichtbar in einer Ecke dieses Schaufensters lagen zwei Fellknäule, die sich zum Schlafen ineinander gerollt hatten. Das weiße und schwarze Fell bildete beinahe das Yin und Yang Zeichen. Die beiden pelzigen Gefährten waren schon seit über einem Jahr fester Bestandteil dieses kleinen Dorayaki-Ladens, doch die rüstige, ältere Frau fühlte, dass es nur eine Zwischenstation war, als würden sie auf etwas warten.
Anmerkung: Dorayaki sind diese Teigfische mit Schoko- oder Bohnenpaste-Füllung.
https://www.youtube.com/watch?v=c8zq4kAn_O0&list=RDc8zq4kAn_O0&start_radio=1