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Der Überfall

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Der Überfall

Bis tief in die Nacht hinein saßen wir in der Werkstatt und arbeiteten an den Magno-Boot-Aufsätzen. Am Ende hatten wir 10 Paare zusammen und ich war zufrieden mit unserer Arbeit. Die Magnetplatten wurden mit Gurten unter den Stiefel befestigt und waren elektronisch steuerbar. Über einen Sensor, der mit einem Gurt eng am Unterschenkel angebracht wurde, wurde der Magnet aktiviert und deaktiviert, sodass man sich fortbewegen konnte. Zusätzlich hatten wir noch einen Funksender eingebaut, der es einem ermöglichte die Magneten über die Steuereinheit an der Armschiene zu regulieren. Es mochte simpel aussehen, doch es würde seinen Zweck erfüllen. Icarus hatte während der ganzen Zeit kaum mehr als fünf Worte mit mir gesprochen. Seine vernichtenden Blicke und seine Gefühle sprachen allerdings Bände. Daher war ich froh, als ich endlich wieder allein in meinem Zimmer war und müde in mein neues Bett fiel.

Ich schlief nur ein paar Stunden und machte mich am frühen Morgen auf den Weg zu Mauls Schiff, um meine Sachen von dort zu holen. Als ich alles in meinem Zimmer verstaut hatte, ging ich zurück in den Hangar und betrat mein eigenes Schiff. Es fühlte sich gut an, die vertrauten Durastahlwände wieder um mich zu haben und ich ertappte mich dabei überall nach dem Rechten zu sehen. Zwar glaubte ich nicht, dass die Mandalorianer das Schiff durchsucht hatten, doch man konnte nie sicher genug sein. Zu meiner Erleichterung war aber alles noch an seinem Platz.

Meinen wertvollsten Besitz hatte ich ohnehin in meinem Schlafzimmer versteckt. Zielstrebig betrat ich den Raum und ließ meinen leeren Rucksack auf den Boden fallen. Ich trat an die Kommode heran und fuhr mit den Fingern über die staubige Oberfläche. Dann öffnete ich die oberste Schublade und griff mit der Hand hinein. Tastend suchte ich die Oberseite der Schublade nach dem kleinen Knopf ab, der das Geheimversteck öffnete. Mit einem leisen Klicken öffnete sich das Fach und ein schwarzes Stoffbündel fiel in meine offene Hand. Meine Finger schlossen sich um den Stoff und ich zog die Hand wieder heraus. Ich ging zu meinem Bett herüber und ließ mich auf der Bettkante nieder. Einen Moment lang starrte ich nur regungslos auf das Stoffbündel in meiner Hand. Dann atmete ich tief durch und öffnete es.

Der schwarze Stoff offenbarte zwei Kristalle. Einer von ihnen war so lang wie ein Finger und der andere hatte etwa ein Drittel seiner Größe. Beide Kristalle waren tiefblau wie das Meer und funkelten im Licht in allen erdenklichen Schattierungen. Es waren die Energiekristalle meines Heimatplaneten. Sie gehörten zu den wenigen Dingen, die ich aus unserem zerstörten Haus hatte retten können.

Schnell blinzelte ich die Tränen weg, die bei den Erinnerungen in meinen Augen aufstiegen. Seit Jahren hatte ich es nicht übers Herz gebracht sie anzusehen, aus Angst vor dem an was sie mich erinnern würden. Doch nach allem, was in den letzten Monaten passiert war, fühlte ich mich endlich wieder bereit dafür. Ich griff an meinen Gürtel und nahm das größere meiner beiden Lichtschwerter in die Hand. An seinem Knauf hatte ich Platz für eine Komponente gelassen und nun würde ich diesen Platz füllen.

Ich schloss die Augen und spürte, wie mein Lichtschwert aus meiner Hand aufstieg. Mit größter Konzentration nahm ich das Lichtschwert auseinander und ließ dann den größeren Kristall aus meiner anderen Hand aufsteigen. Langsam schwebte der Kristall in die Lücke, die wie für ihn gemacht war. Die Teile des Lichtschwertes setzten sich wieder zusammen und die schwere Waffe landete behutsam wieder in meiner Hand. Neugierig öffnete ich die Augen und musterte mein Werk. Der blaue Kristall ragte aus dem Knauf hervor und wurde von den beiden flossenähnlichen Metallteilen schützend umschlossen. Als ich die Klinge aktivierte, leuchtete der Kristall blau auf. Der Kristall war selbst ein Energiespeicher und schien auf die Energie des Kyberkristalls zu reagieren. Interessant.

Nachdem ich das Lichtschwert deaktiviert und zurück an meinen Gürtel geklemmt hatte, schlug ich den anderen Kristall wieder in den schwarzen Stoff ein. Er war für einen anderen Zweck bestimmt, den er vielleicht nie erfüllen würde. Ich steckte das kleine Stoffbündel sicher unter meine Armschiene, in der Absicht es in meinem neuen Zimmer wieder zu verstecken. Der Kristall war zu wertvoll, um ihn auf einer Mission zu verlieren.

Ich erhob mich wieder und ging zurück zu meiner Kommode. Dort öffnete ich eine andere Schublade, in der 14 ordentlich zusammengerollte Bandagen aus dunkelgrauem Stoff lagen. Ich hob eine der Rollen auf und fuhr mit den Fingern über den leichten, aber robusten Stoff. In der Vergangenheit hatte ich sie genutzt, um meine Tentakel damit zu verbinden. Auf diese Weise ließ sich mein auffälliges Hautmuster gut verstecken. Ich machte es allerdings nicht gerne. Es war umständlich und obwohl der Stoff atmungsaktiv war, schränkte er meine Pheromon-Wahrnehmung deutlich ein. Das mochte in manchen Situationen zwar hilfreich sein, doch es war mit dem Gefühl vergleichbar mit verbundenen Augen zu kämpfen. In der Regel war es nicht notwendig meine Identität zu verbergen, da ich als Kopfgeldjägerin von meinem Ruf lebte. Jetzt würde es allerdings nützlich sein.

Die Stoffbandagen landeten in meinem Rucksack, ebenso wie eine schwarze Tarnfarbe. Ich warf auch noch ein graues Halstuch hinein, das dem von Icarus ähnelte. Wenn ich meine Tentakel bandagierte und die Markierungen auf meinem Gesicht mit der Tarnfarbe und dem Halstuch verdeckte, würde mich niemand so schnell wiedererkennen. Neben den Tarnsachen warf ich auch noch ein paar andere Kleidungsstücke in den Rucksack und verschloss ihn dann wieder.

Nach einem letzten Blick durch mein Zimmer verließ ich das Raumschiff wieder und brachte meine Sachen in mein neues Zimmer. Überall in der Basis herrschte reges Treiben, da wir bereits in wenigen Stunden aufbrechen würden. Zeit mich vorzubereiten.

Fluchend stand ich vor meinem Badezimmerspiegel. Mit einer Hand hielt ich eine meiner Tentakel, während ich mit der anderen versuchte die Bandage darum zu wickeln. Bei zweien an der Seite meines Kopfes war es mir bereits gelungen, doch bei den Tentakeln am Hinterkopf war es immer ein Krampf.

Die Tür zu meinem Zimmer öffnete sich mit einem leisen Zischen und ich entspannte mich, als ich Mauls Präsenz spürte.

„Ren?“

„Hier drinnen“, rief ich und hörte Mauls Schritte näherkommen.

Durch den Spiegel sah ich, wie Maul in die geöffnete Tür zum Badezimmer trat und mich musterte.

„Was soll das werden“, fragte er irritiert und betrachtete die Bandage in meiner Hand.

„Ich bandagiere meine Tentakel, damit man die Musterung nicht erkennt.“ Maul legte den Kopf schief.

„Wäre es nicht einfacher eine Kapuze zu tragen“, schlug er vor, doch ich schüttelte den Kopf.

„Eine Kapuze würde mich im Kampf zu sehr einschränken. Außerdem habe ich keinen Mantel mehr, der eine Kapuze in der passenden Größe hätte.“ Den hatte ich auf diesem verdammten Sumpfplaneten zurückgelassen, als ich Maul angegriffen hatte. Es kam mir vor, als wäre das eine Ewigkeit her.

Die Bandage rutschte mir beinahe aus der Hand und ich fluchte, als ich sie gerade noch rechtzeitig auffing.

„Brauchst du Hilfe?“ Mauls Frage war zögerlich und mein Blick schnellte durch den Spiegel zu seinem.

Meinte er das Ernst? Ich wusste das es mit seiner Hilfe viel schneller gehen würde. Für ihn mochte es keine Bedeutung haben, doch für mich wäre es etwas beinahe Intimes, wenn ich ihn an meine Tentakel lassen würde. Es war nicht so, dass ich es nicht wollte und Maul war der Einzige, bei dem ich es zugelassen hätte. Und doch hielt mich genau diese Tatsache zurück.

„Danke, aber ich komme schon klar“, erwiderte ich daher ablehnend und bemerkte Mauls spöttischen Blick.

„Das sehe ich.“

Er beobachtete jede meiner Handbewegungen und machte keine Anstalten zu gehen. Ich gab mein Bestes mich dadurch nicht ablenken zu lassen, doch das gelang mir nicht besonders gut. Als ich gerade die Hälfte meiner Tentakel umwickelt hatte, rutschte mir die Bandage aus der Hand. Sie fiel und löste dadurch den Teil, der bereits umwickelt war.

„Kriff“, fluchte ich laut und schloss resigniert die Augen.

Ich hörte Mauls Schritte und plötzlich stand er direkt hinter mir. Sofort spürte ich seine Wärme auf meiner Haut und der Geruch von Rauch und Metall füllte meine Sinne. Meine Augen flogen auf und begegneten seinem glühenden Blick im Spiegel. Hätte ich mich nur ein kleines Stück zurückgelehnt, dann hätte ich mit dem Rücken Mauls Brust berührt. Der Zabrak streckte seinen Arm aus, sodass seine Hand nun vor mir war. Ich löste meinen Blick von seinem und starrte auf die Bandage, die in seiner offenen Hand lag.

„Bist du sicher, dass du keine Hilfe brauchst?“ Seine dunkle Stimme jagte einen Schauer durch meinen Körper. Ich wusste nicht, ob er es mit Absicht machte, doch es war beinahe hypnotisierend. Bevor ich mich daran hindern konnte, hatte ich ihm schon geantwortet.

„Vielleicht brauche ich ja doch Hilfe.“ Ich sah zurück zu Mauls Gesicht und entdeckte das Lächeln, das an seinen Mundwinkeln zog. Seine Hand schloss sich um die Bandage und er zog sich von mir zurück, um in mein Zimmer zu treten.

„Komm“, forderte er mich auf und ich folgte ihm, nachdem ich die übrigen Bandagen aufgesammelt hatte.

Maul ging zu der Sitzecke und zog einen Stuhl heraus, auf dem er sich niederließ.

„Setz dich.“

Seine Augen deuteten auf den Platz zwischen seinen Beinen und ich schluckte unwillkürlich. Ich legte die Bandagen auf dem Tisch ab und ließ mich dann im Schneidersitz auf dem Boden zwischen seinen geöffneten Beinen nieder. Maul betrachtete forschend die beiden Tentakel, die ich bereits umwickelt hatte und rollte ein Stück von der neuen Bandage ab.

„Lehn deinen Kopf ein Stück zurück“, bat er und ich kam seiner Aufforderung nach.

Dann spürte ich, wie seine behandschuhten Finger einer meiner Tentakel berührten. Gänsehaut breitete sich auf meinem Körper aus, als er sie vorsichtig ein Stück anhob und in seine offene Hand legte. Die Wärme seiner Hände drang selbst durch das Leder der Handschuhe und sickerte langsam in meine Haut. Ich musste mich zusammenreißen, um meinen Kopf nicht weiter in seine Berührung zu lehnen.

„Sag Bescheid, wenn es etwas unangenehm ist.“ Ich nickte nur, zu überfordert, um zu sprechen.

Maul begann die Bandage um die Basis der Tentakel zu wickeln und ich schloss unwillkürlich meine Augen. Es war das erste Mal seit 20 Jahren, dass ich jemand anderes meine Tentakel auf diese Weise berühren ließ. Ein Sturm von Gefühlen brach in mir los, den ich schnell zu bändigen versuchte. Ich konzentrierte mich auf jede Berührung und jede Bewegung, als Maul die Bandage nach und nach um die gesamte Länge meiner Tentakel wickelte, bis nur noch die hellblaue Spitze zu sehen war. Er befestigte das Ende sorgsam und griff nach der nächsten Bandage.

Maul griff nach der darunterliegenden Tentakel und streifte dabei die sensible Haut am Übergang zur Kopfhaut. Ein Zittern durchfuhr meinen Körper und ich atmete scharf ein. Maul hielt sofort inne und ich spürte seinen besorgten Blick auf mir.

„Was ist? Habe ihr dir wehgetan?“ Ganz im Gegenteil. Ich versuchte das angenehme Kribbeln meiner Haut zu ignorieren, die seine Berührung ausgelöst hatte.

„Nein. Alles gut. Mach einfach weiter“, beruhigte ich ihn und versuchte meine leicht zittrige Stimme in den Griff zu bekommen. Ich musste mich irgendwie ablenken…

„Ist alles für den Aufbruch vorbereitet“, fragte ich daher und zupfte unruhig an der Bandage an meiner Hand herum. Nach einem kurzen Zögern fuhr Maul mit seiner Arbeit fort, nun noch vorsichtiger als vorher.

„Alle Vorbereitungen sind getroffen. Habt ihr die Vorrichtungen fertiggestellt?“

„Ja, Icarus hat sie bereits auf das Schiff gebracht. Er war eine echte Hilfe, auch wenn er mich wahrscheinlich am liebsten umbringen würde“, murrte ich und Maul brummte zustimmend.

„Du wirst ihr Vertrauen erst gewinnen müssen. Diese Mission bietet dir die Möglichkeit den ersten Schritt dafür zu machen.“

Maul hatte recht. Ich war nicht hier, um Freunde zu gewinnen, doch es wäre von Vorteil zumindest mit irgendeiner Form mit ihnen zurecht zu kommen. Schließlich würde ich auf unbestimmte Zeit hierbleiben und jeden Tag mit ihnen in Kontakt kommen. Ich musste sie nur davon überzeugen, dass sie mir vertrauen konnten. Doch das würde bestimmt nicht so einfach werden.

„Ist dein Zimmer zu deiner Zufriedenheit?“ Die Frage kam unvermittelt und riss mich glücklicherweise aus meinem Strudel an Gedanken.

„Ja, es ist perfekt“, erwiderte ich und zögerte kurz, bevor ich meiner Neugierde nachgab.

„Darf ich dich was fragen? Du hättest mich überall in dieser riesigen Basis unterbringen können. Warum also gerade hier?“ Maul stoppte in seinen Bewegungen.

„Missfällt es dir?“ Er wich meiner Frage aus und ich merkte das sie ihn verstimmte. Ich drehte mich soweit es ging zu ihm um und sah zu ihm auf. Vorsichtig legte ich eine Hand auf seine Knieplatte und sah in seine leuchtenden Augen.

„Ganz im Gegenteil. Aber ich frage mich warum du ausgerechnet mich in deiner Nähe haben willst.“ Maul schwieg einen Moment und sein Blick fuhr zu der Hand, die auf seinem Knie ruhte.

„Ich will dich einfach im Auge behalten, das ist alles.“

„Was soll das denn heißen“, fragte ich verwirrt und Maul grinste.

„Solange du dich hier mit allen anlegst, bist du in meiner Nähe am sichersten.“

„Ich brauche keinen Beschützer. Ich kann meine Konflikte selbst austragen“, protestierte ich entschlossen und Maul schüttelte grinsend den Kopf.

„Genau darüber mache ich mir Sorgen.“ Nachdenklich musterte ich Maul.

„Das ist aber nicht die ganze Wahrheit, oder?“ Maul sah mich überrascht an und für einen Moment schien es, als wollte er mir die Wahrheit sagen. Doch dann verhärtete sich seine Miene wieder und er sah auf die Bandage in seiner Hand hinab.

„Ich weiß nicht, was du meinst. Dreh dich wieder nach vorne, damit ich weitermachen kann.“

Verwirrter als vorher setzte ich mich wieder gerade hin und Maul setzte seine Arbeit fort. Wir schwiegen beide und ich rätselte über die mögliche Bedeutung seiner Worte. Trotz allem ertappte ich mich dabei, dass die Situation genoss. Ich beschloss den Moment auszukosten, solange er währte.

Als Maul fertig war, waren alle 14 Tentakel ordentlich bandagiert. Ich stand auf und ging ins Badezimmer, um mich im Spiegel zu betrachten. Maul hatte gute Arbeit geleistet, soviel stand fest. Es war eine ganze Weile her, seit ich das letzte Mal so ausgesehen hatte. Doch noch war ich nicht fertig.

Ich griff nach der schwarzen Tarnfarbe auf meinem Waschbecken und öffnete den Tiegel. Unter dem Wasserhahn befeuchtete ich einen Schwamm und nahm damit etwas von der schwarzen Farbe auf. Sorgsam verteilte ich sie über meine Augenpartie und die Musterungen auf meiner Stirn. Zufrieden betrachtete ich mein Spiegelbild und zog das Halstuch bis über meine Nase. Ohne meine Musterungen war ich nur eine von vielen Nautolanerinnen in dieser Galaxis. Niemand würde mich erkennen.

Mit dem Halstuch vor dem Gesicht trat ich zurück in mein Zimmer. Maul saß weiterhin auf dem Stuhl und hob seinen Blick, als er mein Näherkommen bemerkte. Ich griff nach der schwarzen Robe, die auf meinem Bett lag. Es war die Robe, die Maul mir damals in der ersten Nacht auf seinem Schiff gegeben hatte. Ich zog sie über mein schwarzes Top und schnürte sie zu, sodass nun auch meine Arme bedeckt waren. Mauls Augen folgten mir dabei aufmerksam.

„Und, kann man mich noch erkennen?“ Ich drehte mich einmal langsam und erschrak, als Maul auf einmal vor mir stand.

„Ich würde dich immer erkennen“, raunte Maul und der Blick in seinen Augen raubte mir fast den Atem.

Mein Herz begann zu rasen, als Maul seine Hand ausstreckte und zwei Finger unter den Rand meines Halstuches schob. Er zog es langsam von meinem Gesicht und seine Finger verharrten für eine Sekunde an dem Stoff. Ich war wie erstarrt, als sein behandschuhter Daumen sanft über mein Kinn strich.

Dann schien Maul auf einmal zu begreifen, was er da tat und der Moment war so schnell vorbei, wie er gekommen war. Maul zog sich zurück und sein Gesicht verschloss sich wieder.

„Es ist Zeit. Nimm deine Sachen, wir müssen zum Schiff.“ Maul drehte sich um und ging zur Tür. Einen Moment sah ich ihn nur perplex an. Was war das denn gerade gewesen? Und warum wollte ich mehr davon?

Ich schüttelte meinen Kopf und griff schnell nach der Tasche und den Waffen, die schon bereitlagen. Dann trat ich neben Maul und sah zu ihm auf.

„Es kann losgehen.“

Der Flug nach Corvus verging quälend langsam. Die Anspannung lag deutlich in der Luft und alle wussten, welches Risiko wir eingehen würden. Und doch verspürte ich bei keinem der anderen den kleinsten Anflug von Angst. Jeder von ihnen war wild entschlossen die Kredits zu stehlen. So wie ich.

Das Brummen der Triebwerke hallte laut im schummrigen Laderaum des alten Frachters wider. Ich saß in einer dunklen Ecke auf einer Kiste und prüfte zum vermutlich hundertsten Mal meine Ausrüstung. Es war beinahe ein Tick, doch ich musste mich auf meine Ausrüstung verlassen können. Maul war mit Rook und den beiden Piloten im Cockpit. Styx, die Brüder und fünf weitere Mandalorianer hatten im Laderaum platzgenommen. Die beiden Zabraks hatten sich ebenfalls abgekapselt und schwiegen eisern. Ich fragte mich, ob sie allgemein wenig sprachen oder ob sie sich einfach in der Gegenwart von anderen zurückhielten. Die Mandalorianer waren dagegen alles andere als still. Sie rissen derbe Witze, lachten und fachten gegenseitig ihre Kampfeslust an. Es war ein rauer Haufen und keine Gesellschaft, in der ich mich gerne aufhielt. Ein kleines bisschen bewunderte ich Rook dafür, dass sie diesen Haufen unter Kontrolle hatte. So wie diese Männer sprachen, hatten sie keine allzu hohe Meinung von Frauen. Doch solange sie kämpfen konnten, sollte mir das vorerst egal sein.

Rook betrat den Laderaum und ich sah von meinem Blaster zu ihr auf.

„Wir verlassen gleich den Hyperraum und sind in 10 Minuten an der Absprungstelle. Macht euch bereit.“

Alle setzten sich sogleich in Bewegung. Ich stand auf und steckte meine beiden Dolche und den Blaster in ihre Holster zurück. Dann trat ich zu den anderen, die sich bereits die Magno-Boot-Aufsätze an die Stiefel schnürten. Im Schnelldurchlauf erklärte ich ihnen, worauf sie achten mussten und wie sie die Magneten bedienen konnten. Jeder von ihnen probierte es aus und glücklicherweise funktionierte alles fehlerfrei. Jetzt musste es nur so bleiben.

„Noch zwei Minuten“, gab Rook durch und ich spürte Mauls vertraute Präsenz hinter mir.

Ich drehte mich um und sah zu dem Zabrak auf. Er war in einen weiten, schwarzen Poncho gehüllt und hatte die Kapuze über seinen gehörnten Kopf gezogen. Einen Moment sah er mich mit einem unleserlichen Blick an, bevor seine Augen zu den Lichtschwertern an meinem Gürtel fuhren.

„Du musst deine Lichtschwerter hierlassen. Es würde zu viel Aufmerksamkeit erregen, wenn du sie benutzt.“

Das stimmte. Unsere Aktion würde ohnehin schon die Aufmerksamkeit des Imperiums auf sich ziehen, da mussten nicht auch noch die Inquisitoren dort herumschnüffeln. Ich nahm die beiden Lichtschwerter von meinem Gürtel und hielt sie Maul auffordernd hin.

„Die will ich wiederhaben“, sagte ich grinsend und Maul nahm sie aus meiner Hand, um sie an seinen eigenen Gürtel zu klemmen.

„Alle an die Laderampe. Absprung in 60 Sekunden. Und öffnet eure Commlink Kanäle auf der verschlüsselten Frequenz.“

Ich folgte Rooks Befehl und ging zu den anderen. Mein Commlink piepte, als ich die Frequenz aktivierte. Der Kanal würde die ganze Zeit offenbleiben, sodass wir untereinander kommunizieren konnten und Maul unseren Fortschritt vom Schiff aus nachverfolgen konnte. Er würde hierbleiben, da er zu leicht erkannt werden würde. Ich merkte das es ihm missfiel, doch es war sicherer so.

Der Rest von uns war gut getarnt. Die Brüder hatten sich Sturmhauben übergezogen, sodass nur noch ihre Augen zu sehen waren. Es sah seltsam aus mit ihren Hörnern, doch es erfüllte seinen Zweck. Ausnahmsweise trugen sie langärmlige Shirts, um damit ihre tätowierten Arme zu verdecken. Rook hatte die auffälligen Merkmale ihrer Rüstung mit Tarnfarbe übermalt und die anderen Mandalorianer trugen ohnehin unauffällige Rüstungen.

Ich zog mein Halstuch über meine Nase und sah zu Styx, der neben mich getreten war. Er trug eine ähnliche graue Rüstung wie die anderen Mandalorianer. Seine rot-schwarze Rüstung mit den Hörnern hätte dem Imperium sofort verraten, für wen er arbeitete.

„Kommst du ohne deine Lichtschwerter klar, Nixe?“ Styx grinste herausfordernd und ich beschloss dieses Mal den Spitznamen zu ignorieren.

„Ich habe jahrelang ohne sie gekämpft, da werde ich es jetzt auch schaffen“, erwiderte ich grimmig und Styx lachte.

„Das werden wir ja sehen.“ Der Mandalorianer zwinkerte mir zu und setzte seinen Helm auf.

Die Laderampe öffnete sich vor uns und die heiße Luft des Planeten schlug uns entgegen. Vorsichtig trat ich an den Rand der Laderampe und blickte hinunter. Etwa 10 Meter unter uns waren die Schienen, auf denen der Zug uns in Kürze passieren würde.

„Seilwerfer bereit machen“, befahl Rook und ich zog meinen Blaster, an der der Seilwerfer befestigt war.

`Sei vorsichtig´, hörte ich auf einmal Mauls Stimme in meinem Kopf und ich sah über meine Schulter. Meine Augen fanden seine und ich nickte knapp, bevor Rooks Befehl meinen Blick wieder nach vorne zog.

„Feuer!“

Die Haken der Seilwerfer verankerten sich in der Felswand und ich löste die Seilrolle von meinem Blaster, um sie an meinem Gürtel zu befestigen. Dann steckte ich die Pistole weg und umfasste das Seil mit beiden Händen. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Einatmen, ausatmen. Fokus.

Ich stieß mich von der Laderampe ab und fiel ein Stück, bis das Seil sich mit einem Ruck spannte. Meine Füße trafen auf die Felswand und ich stützte mich mit meinen Händen gegen den scharfen Stein ab. Die anderen landeten zu beiden Seiten von mir und das Schiff begann sofort mit dem Abflug. Meine Augen begegneten noch für eine Sekunde denen von Maul, bevor sich die Laderampe schloss. Das Schiff stieg auf, um außer Sichtweite der Patrouillen zu bleiben. Es würde erst wieder zu uns aufschließen, wenn wir die Ware geborgen hatten. Wir anderen blieben an der Felswand zurück.

„Die Patrouille passiert uns in 7 Minuten und der Zug folgt eine Minute später. Haltet euch bereit“, ertönte Rooks gedämpfte Stimme über das Commlink.

Mit den Beinen drückte ich mich ein Stück von der Felswand ab und drehte meinen Körper, sodass ich mich umsehen konnte. Ich löste eine Hand von dem Seil und griff nach dem Fernglas an meinem Gürtel, um mir einen besseren Überblick über die Umgebung zu verschaffen.

Corvus komplette Oberfläche war von kilometertiefen Furchen durchzogen, die Minenarbeiter auf ihrer Suche nach Gold über Jahrhunderte in den Planeten gegraben hatten. Manche Furchen waren so tief, dass sie fast bis zum Planetenkern reichten. Es war ein Wunder, dass der Planet noch nicht auseinandergefallen war.

Wir waren so tief unter der Planetenoberfläche, dass wir den Himmel nicht mehr sehen konnten. Es drang kaum Tageslicht bis hier unten vor und doch war es nicht komplett dunkel. Tief unter uns flossen riesige Lavaströme, die die Felswände in ein gespenstisches orangenes Licht tauchten. Sie erschufen eine beinahe unerträgliche Hitze und ich spürte bereits, wie sich Schweiß auf meiner Stirn bildete. Die Luft war schwer von Rauch, Ruß und Schwefel und trotz meines Halstuches spürte ich den metallischen Geschmack auf meiner Zunge. Meine Augen brannten und ich beneidete die Mandalorianer um ihre Helme.

Mein Blick folgte den Schienen, die sich eng an die geschwungene Felswand schmiegten. Zwischen dem Zug und der Felswand würde so gut wie kein Abstand sein und auf der anderen Seite der Schienen fiel der Boden steil ab. Was dort hinunterfiel, fiel geradewegs in die Tiefe und damit direkt in die Lavaflüsse.

Plötzlich erbebte die Felswand und ich steckte eilig mein Fernglas weg, um mich mit beiden Händen an das Seil zu klammern.

„Achtung, Steinschlag“, rief einer der Mandalorianer und ich blickte erschrocken nach oben.

Wir drückten uns schutzsuchend an die Felswand, als mehrere faustgroße Steine an uns vorbei in die Tiefe rauschten. Sie prasselten auf die Schienen nieder und fielen in den Abgrund. So gefährlich es auch war, vielleicht bot es uns einen Vorteil. Wenn das häufiger vorkam, würden die Wachen unsere Landung auf dem Zug vielleicht für einen weiteren Steinschlag halten und gar nichts erst misstrauisch werden.

„Da kommen die Patrouillen! Alle in Deckung!“

Zuerst sah ich das Schiff, dass sich uns von Seiten des Lagers näherte. Die Scheinwerfer tasteten sich wie Finger über die Schienen und die Felswand, stets auf der Suche nach Eindringlingen. Dann tauchte das zweite Schiff von der Produktionshalle auf und kam dem anderen entgegen. Wir pressten uns eng in die Schatten der Felsen und ich hielt unwillkürlich die Luft an, als die beiden Schiffe näherkamen. Einer der Scheinwerfer streifte uns, doch zum Glück schienen die Wachen uns nicht zu bemerken. Die Schiffe kreuzten sich vor uns und flogen dann in die jeweils entgegengesetzte Richtung weiter. Ich atmete erleichtert auf und fuhr mir mit dem bandagierten Handrücken über die schweißnasse Stirn.

„Da kommt der Zug. Seilt euch ab und macht euch bereit zum Sprung“, befahl Rook und ich griff nach der Seilrolle an meinem Gürtel.

Langsam seilten wir uns ab, bis wir etwa drei Meter über den Schienen waren. Die Scheinwerfer des Zuges waren in der Ferne zu erkennen und er näherte sich schnell. Es war ein langer Zug, mit mehr als 30 Wagons. Und einer davon transportierte unsere Kredits. Jeder Muskel in meinem Körper war angespannt, bereit zum Sprung. Ich hatte nur einen Versuch. Ein Fehler und ich würde zwischen dem Zug und der Felswand landen oder in die Tiefe stürzen. Beides wäre fatal. Innerhalb weniger Sekunden hatte der Zug uns erreicht und zischte unter uns auf den Schienen entlang. Der Fahrtwind erfasste uns und ich hielt mich an der Felswand fest, um mich zu stabilisieren.

„Jetzt!“

Ich löste die Seilrolle von meinem Gürtel und stieß mich mit aller Kraft von der Wand ab. Im Fallen aktivierte ich meine Magno-Boots und landete hart auf dem Dach des viertletzten Wagons. Rook und ein Mandalorianer landeten neben mir, während die anderen auf den beiden Wagons vor und hinter uns landeten. Ohne die Magneten hätten wir uns keine Sekunde auf dem Dach halten können. Der Fahrtwind riss stark an uns und ich kniete mich auf einem Bein nieder, um ihm weniger Angriffsfläche zu bieten. Meine Tentakel wehten wild hinter mir und ich blinzelte die Tränen weg, die der Wind und der Rauch in meine Augen trieben.

„Styx, ihr drei bleibt auf dem fünften Wagon. Alle anderen kommen hier rüber. Scorn, du gehst zu der Tür auf der anderen Seite. Ren und Icarus, mit mir!“

Zusammen mit Rook kämpfte ich mich über das Dach bis zu der Leiter, die zwischen den vierten und dritten Wagon führte. Obwohl die Magno-Boots auf die Muskelbewegung reagierten, musste man sie praktisch mit jedem Schritt vom Boden abreißen. Rennen war unmöglich und jeder Schritt war anstrengend. Als ich die Leiter erreichte, deaktivierte ich die Magneten über meine Steuereinheit und kletterte herunter, bis ich auf der kleinen Plattform vor der Tür landete. Icarus kam von der anderen Seite, während die Mandalorianer auf den vierten Wagon kletterten. Ich blickte auf die Energiekupplung zwischen den beiden Wagons, unter der die Schienen schnell an uns vorbeizogen.

„Ich störe ihr Funksignal. Du trennst die Verbindung“, rief Rook über das laute Rauschen des Zuges und ich nickte zustimmend.

Knapp über dem Boden entdeckte ich das Kontrollpanel für die Energieversorgung. Ich griff nach einem meiner Dolche und hebelte das Kontrollpanel heraus, das nun an mehreren Kabeln aus der Wand hing. Mit der Klinge durchtrennte ich das Kabel für die Energiezufuhr und mein Blick schnellte zu der Kupplung. Das Energiefeld brach zusammen und die Wagons lösten sich voneinander. Die letzten drei Wagons fielen auf den Schienen zurück und verschwanden rasch hinter einer Kurve. Selbst wenn die Wachen uns folgen wollten, so würden sie uns zu Fuß niemals einholen.

„Das hätten wir. Jetzt zur Tür“, sagte ich und fischte mein Datapad aus einer meiner Taschen.

Ich klinkte das Kabel in das Kontrollpanel neben der Tür ein und umging manuell den Sicherheitsmechanismus. Rook und Icarus traten an die Tür heran und sie öffnete sich mit einem leisen Zischen. Doch hinter der Tür wartete keine Kredits auf uns. Erschrocken machte ich einen Schritt zurück, als ich die Sturmtruppler erblickte. Der ganze Wagon war voll von ihnen und sie schienen genau so überrascht wie wir.

„Was zum…“, fluchte Rook, doch dann durchschnitt der erste Blasterschuss die Luft.

„Schließ die Tür“, schrie Rook, doch ich war schon dabei. Die Tür schloss sich gerade noch rechtzeitig, bevor die erste Wache hindurchgelangen konnte. Ich zog mein Datapad vom Kontrollpanel ab und Icarus feuerte darauf, damit die Wachen die Tür nicht mehr öffnen konnten.

„Scorn, verriegelt sofort die andere Tür! Der Wagon ist voll mit Wachen!“

Doch es war bereits zu spät. Und dann brach die Hölle los.

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Notes:

Viel Spaß mit dem Cliffhanger! XD

Bis nächste Woche!