Dunkle Abgründe
Dunkle Abgründe
Nach meinem Gespräch mit Maul hatte ich mich zurückgezogen. Ich war erschöpft und verwirrt und brauchte Zeit das Gesagte zu verarbeiten. Nach wie vor kam mir das alles so surreal vor. Alles, was ich mein Leben lang geglaubt hatte, schien eine Lüge gewesen zu sein. Nun war es, als würde sich langsam ein Schleier von meinen Augen heben. Ich konnte immer klarer sehen und alles ergab auf einmal so schrecklich viel Sinn. Schon in der ersten Sekunde, in der ich Maul auf Jaresh gesehen hatte, hatte ich eine seltsame Anziehung gespürt. Damals hatte ich es für Angst oder Faszination gehalten, doch es war so viel mehr als das. Die Macht hatte uns aus irgendeinem Grund zusammengeführt. Ich sollte bei Maul sein und er sollte mich die Wege der Macht lehren. Zwar wusste ich nicht, wohin mich dieser Weg führen würde, doch ich war gewillt ihn zu beschreiten.
Kurz darauf begann Maul mit meinem Training. Von der ersten Sekunde an hatte ich Maul gegenüber deutlich gemacht, dass ich keine unterwürfige Schülerin sein würde. Ich würde seinen Lehren folgen, doch ich würde ihn weder Meister nennen noch vor ihm kriechen. Dafür hatte ich zu lange unter den Stiefeln anderer gelebt. Er sollte mich wie eine Partnerin behandeln, so wie wir es ausgemacht hatten. Maul gefiel das gar nicht, dass konnte ich deutlich spüren. Er wollte einen formbaren und gehorsamen Schüler und musste sich nun mit mir begnügen. Da er jedoch keine Wahl hatte, akzeptierte er schließlich zähneknirschend meine antiautoritäre Haltung. Ich war mir sicher, dass dieser Weg für keinen von uns einfach werden würde.
Meine erste Lektion war das Meditieren. Maul erklärte mir, dass die Meditation der Schlüssel zur Macht war. Erst wenn ich die Wege der Macht verstand, würde er mein Training fortsetzen. Wir meditierten eine Woche lang tagein, tagaus. Maul bewies eine unglaubliche Ausdauer, die mir bedauerlicherweise fehlte. Dieses lange Stillsitzen lag mir gar nicht und meine Hände sehnten sich danach etwas Sinnvolles zu tun.
Dennoch gelang es mir mit jedem Tag besser, mich in den meditativen Zustand zu versetzen. Das vertraute Surren der Macht begrüßte mich und ich versuchte mich von ihr leiten zu lassen. Leider klappte das nicht besonders gut. Jedes Mal, wenn ich zu weit vordrang, erfasste mich eine unaussprechliche Angst. Sie griff mit kalten Fingern nach meinem Herzen und zerrte mich in eine unendliche Dunkelheit. Es war wie ein Alptraum. Ich hatte das Gefühl Unterwasser zu sein und überall um mich herum war der beißende Geruch von Blut.
Etwas in mir blockierte sich in diesen Augenblicken und ich wurde jedes Mal unsanft aus der Meditation gerissen. Es war, als wollte etwas in mir verhindern, dass ich zu tief vordrang. Ich wusste nicht, wovor mein Geist mich schützen wollte und ich wollte es auch nicht herausfinden. Maul hingegen wurde mit jedem Fehlschlag ungeduldiger. Er wies mich an es wieder und wieder zu versuchen, doch es kam immer auf dasselbe Ergebnis heraus. Ich fragte mich, wie lange Maul mein Scheitern noch akzeptieren würde.
Immerhin wurde ich besser darin Maul durch die Macht aufzuspüren. Regelmäßig ordnete Maul an, dass ich ihn auf dem Schiff mit meinem Geist suchen sollte. Durch den unsichtbaren Faden, der uns verband, gelang mir das immer häufiger. Ich spürte mittlerweile auch deutlich seine Präsenz, wenn er in meiner Nähe war. Für mich war das der einzige kleine Erfolg.
Maul brachte mir auch bei, wie ich Mauern um meinen Geist errichten konnte. Sie sollten andere machtsensible Personen davon abhalten, ungehindert in meinen Geist vorzudringen. Das sie auch Maul davon abhalten würden, bezweifelte ich allerdings. Maul testete die Stärke meiner Mauern auf eine brutale Art und Weise. Er versuchte ständig in meinen Geist vorzudringen und ich musste versuchen ihn daran zu hindern. Das mochte einfach klingen, doch es war unheimlich anstrengend die Mauern zu jeder Zeit oben zu halten und sie gegen Mauls Angriffe zu verteidigen. Maul versuchte es zu allen denkbaren Zeitpunkten. Wenn ich meditierte, wenn ich aß, wenn ich in der Werkstatt war und sogar manchmal wenn ich schlief.
Der Prozess war unglaublich kräftezehrend, doch nach und nach bekam ich ein Gefühl dafür, wenn er an meinem Geist kratzte. Natürlich konnte ich ihn nie aus meinem Kopf verbannen, doch ich machte es ihm zumindest schwerer vorzudringen. Solange ich meine Mauern nicht konstant oben halten konnte, war es für Maul ein leichtes meine Gedanken zu lesen. Daher versuchte ich, meine Gedanken zu jeder Zeit im Griff zu haben, um unangenehme Situationen zu vermeiden.
Die einzige Abwechslung in dieser Woche war ein kurzer Stopp auf einem kleinen Planeten, um unsere Vorräte aufzufüllen. Maul kaufte eine große Menge an Rationen und füllte die Medizinvorräte wieder auf. Er schien eine längere Reise für uns beide geplant zu haben.
Zu meiner Freude hatte ich auf dem Planeten auch die benötigten Ersatzteile für Deadeye gefunden. Der kleine Droide hatte auf Jaresh arg Schaden genommen. Es sah beinah aus, als wäre seine Hülle von einer Hand zusammengedrückt worden. Ich vermutete Mauls Machtgriff dahinter. Ein Teil der Außenhülle und das Kameraauge mussten ersetzt werden und ich fand die passenden Teile in einem kleinen Laden. Dort fand ich auch Ersatzteile und Messgeräte für Mauls Beine und der Verkäufer empfahl mir Lektüre für die kybernetischen Prothesen.
Kurz darauf nahmen wir Kurs auf Kashyyyk, den Heimatplanet der Wookiees. Die Planetenoberfläche war von dichten, uralten Wäldern bedeckt und von Ozeanen, Bergen und Sümpfen durchzogen. Es gab nur wenige große Städte auf dem Planeten. Die restliche Bevölkerung lebte in Dörfern und Siedlungen inmitten der Wälder. Die riesigen Wroshyr-Bäume lieferten die lebenswichtigen Rohstoffe der Wookiees und waren zugleich das, was das Imperium auf den Planeten aufmerksam gemacht hatte. Kurz nach der Machtübernahme hatte das Imperium mit Hilfe der Trandoshaner die Wookiees unterworfen und begann nun damit Fabriken für den Harzabbau zu errichten. Bisher war der Griff des Imperiums um den Planeten allerdings noch schwach und wir würden uns direkt unter ihrer Nase verstecken.
Wir flogen einen Waldsektor am Rande einer Gebirgskette an. Hier gab es im Umkreis von 100 Klicks keine Siedlung und kein Zeichen von Zivilisation. Maul landete unser Schiff in einer großen Höhle am Fuße eines Berges, die wir bei einer ersten Erkundung entdeckt hatten. Dort waren wir vor allen Blicken geschützt und konnten durch das dichte Gestein nicht geortet werden. Es war das perfekte Versteck.
Den ersten Tag verbrachte ich damit die dichten Wälder auszukundschaften und mich mit der Flora und Fauna vertraut zu machen. Ich würde jagen und sammeln gehen, damit wir neben den Rationen noch etwas Frisches zu Essen hatten. Es gab auch einen Wasserfall in der Nähe, über den wir uns mit Trinkwasser versorgen konnten.
Maul vermutete, dass wir mehrere Wochen hierbleiben würden, um mein Training fortzusetzen. Auch wenn mir Kashyyyk gefiel, beunruhigte mich die Aussicht auf das Training und speziell die Meditation. Mal sehen wie lange das gut gehen würde.
Maul und ich waren wieder in den Trainingsraum zurückgekehrt. Ich kniete gegenüber von Maul und versuchte zu meditieren. Jedes Mal, wenn ich tief genug in den meditativen Zustand vordrang, warf mich das Gefühl der kalten Angst wieder zurück. Es war sinnlos es weiter zu probieren und ich wusste nicht, wie lange ich noch stillsitzen konnte. Meine Finger zuckten nervös und ich sehnte mich danach etwas produktiveres zu tun.
Vorsichtig öffnete ich ein Auge und sah zu Maul, der mir mit geschlossenen Augen gegenübersaß. Ich spürte den Frieden und die Ruhe, die von ihm ausgingen und fragte mich, wie er so lange ausharren konnte.
„Schließe deine Augen und konzentriere dich“, ermahnte Maul mich plötzlich und ich seufzte genervt. Ich fragte gar nicht mehr, wie er es bemerkt hatte.
„Was soll das bringen? Wir meditieren jetzt schon seit Stunden und ich sehe nicht, dass es etwas bringt“, erwiderte ich resigniert und öffnete nun beide Augen. Auch Maul öffnete seine Augen und sah mich missbilligend an.
„Du fürchtest dich davor, dich deinen Erinnerungen zu stellen. Nur die Schwachen lassen sich von ihren Ängsten beherrschen. Du musst lernen sie zu kontrollieren und über sie hinauswachsen. Lasse zu, was die Macht dir zeigen will. Oder willst du weiterhin schwach bleiben“, fragte Maul grimmig und fixierte mich mit seinen glühenden Augen.
Ich spürte seine wachsende Ungeduld und seine Frustration. Er wollte mich herausfordern, doch meine Angst hielt mich zurück. Mein Geist hatte die Erinnerungen fortgesperrt, weil sie mich zerstören könnten. Dennoch hatte Maul recht und ich wusste es. Das machte es aber nicht einfacher.
„Ich kann es nicht beeinflussen! Mein Geist blockiert mich jedes Mal“, wehrte ich seinen Vorwurf ab und hielt Mauls Blick stand.
„Dann lass mich dir helfen“, bot er mit beherrschter Stimme an und ich zog irritiert die Augenbrauen hoch.
„Wie könntest du mir dabei helfen?“
„Indem ich in deinen Geist vordringe. Ich finde und aktiviere die Erinnerung, die dich blockiert.“ Unsicherheit flammte in mir auf.
„Du willst in meinem Kopf herumwühlen?! Auf keinen Fall!“
Maul hatte es ohnehin schon zu leicht meine Gedanken lesen. Wenn er jetzt noch in meine Erinnerungen vordrang, würde er alles über mich wissen. Und das wollte ich vermeiden.
Maul musterte mich missbilligend und musste sich offensichtlich zusammenreißen, nicht die Beherrschung zu verlieren.
„Ich werde mich von deinem Geist direkt zu der Erinnerung führen lassen. Die anderen Erinnerungen sind mir gleich. Ich kann dir helfen, aber ich werde dich nicht zwingen. Du musst wählen: Willst du den Weg der Macht gehen und wachsen oder dich weiter hinter deinen Schwächen und Ängsten verstecken? Entscheide dich endlich, sonst verschwenden wir beide unsere Zeit“, knurrte Maul finster und ich konnte seinem Blick nicht länger standhalten.
Seine Worte trafen mich wie ein Schlag. Gerne wollte ich ihm etwas Bissiges entgegnen, doch er hatte mir den Wind aus den Segeln genommen. Tief in mir wusste ich, dass ich mich meiner Vergangenheit stellen musste. Seit Jahren lief ich vor ihr davon. Ich überlebte, doch ich lebte nicht. Wenn ich mich jetzt entscheiden würde weiter wegzulaufen, würde ich wieder alles verlieren. Und dazu war ich nicht bereit.
Die Macht hatte mich zu Maul geführt. Vielleicht war es mir bestimmt, mich mit seiner Hilfe den Dämonen meiner Vergangenheit zu stellen. Das Risiko war groß, doch ich riskierte mehr, wenn ich diese Chance verstreichen ließ. Er bot mir an meine Schwäche zu überwinden und ich hatte es so satt schwach zu sein. Ich musste mein Schicksal in die Hand nehmen!
„Tu es“, forderte ich entschlossen und begegnete Mauls Blick. Auf seine Lippen stahl sich ein zufriedenes Lächeln.
„Du hast dich richtig entschieden“, lobte er und ich hoffte so sehr, dass es stimmte.
„Schließe deine Augen und entspanne deinen Geist.“
Ich atmete tief durch und versuchte die Angst in mir zu beruhigen. Dann spürte ich Mauls Finger an meiner Stirn und ich fiel in Dunkelheit. Das vertraute Surren begrüßte mich und ich spürte Mauls warme Präsenz überall um mich herum. Plötzlich durchschnitt ein stechender Schmerz meinen Geist und ich zuckte zusammen. Alles in mir schrie und ich wollte nichts mehr, als dem Schmerz zu entfliehen.
„Hör auf dich zu wehren. Dann hören die Schmerzen auf. Lasse mich in deinen Geist“, hörte ich Mauls beinahe sanfte Stimme und ich atmete zitternd ein. Ich fokussierte mich auf seine warme Präsenz und das seltsame Gefühl von Geborgenheit, die sie ausstrahlte. Mein Geist öffnete sich ihm und plötzlich hatte ich das Gefühl zu fallen.
Es war, als würde ich aus einem Traum erwachen. Ich blinzelte und das Bild vor meinen Augen begann sich zu klären. Dieser Ort, ich kannte ihn. Ich war zuhause!
Das kalte, klare Wasser von Glee Anselm umschloss mich wie eine lang ersehnte Umarmung. Mein Körper entspannte sich und ich fühlte mich auf einmal so friedlich. Vor mir lag die kleine Stadt, in der ich aufgewachsen war. Sie lag so tief unter der Wasseroberfläche, dass nur noch wenig Sonnenlicht zu ihr vordrang. Das hieß aber nicht das es dunkel war. Überall zwischen den prächtigen und künstlerisch gestalteten Gebäuden füllte warmes Licht die Dunkelheit. Neben den künstlichen Lichtquellen durchzogen biolumineszente Pflanzen- und Algenarten das farbenfrohe Korallenriff, auf dem die Häuser gebaut waren. Am Rande der Stadt erstreckte sich ein Meeresgraben, der in schier unendliche Tiefe führte. Dieser Graben war der Grund für den Reichtum und die Schönheit unserer Stadt.
Wenn man tief genug tauchte, fand man in der aufgebrochenen Planetenschicht Kristalle von außergewöhnlicher Seltenheit und Schönheit. Die blauen Kristalle waren Energiespeicher von unerschöpflicher Kapazität. Sie machten Licht und jede andere Form von Energie selbst durch nur kleine Mengen möglich. Die Kristalle, die hier abgebaut und verarbeitet wurden, versorgten halb Glee Anselm mit Energie. In unserer Stadt lebten viele Ingenieure, Handwerker und Künstler, die sich auf den Umgang mit der wertvollen Ressource spezialisiert hatten. Die Stadt wuchs und florierte und verlor doch nie ihren Charme.
Ich schwamm durch die mir nur allzu vertrauten Tunnel, die die verschiedenen Ebenen der Stadt auf natürliche Weise verbanden. Jedes Haus und jede Koralle schien mir so vertraut und ich fand meinen Weg wie von alleine. Dann sah ich es. Mein Zuhause! Voller Vorfreude schwamm ich auf das Haus zu, in dem ich mit meiner Familie lebte.
Durch den Vorhang aus Seegras schwamm ich in hinein und spürte sofort die Wärme, die mich umgab.
„Da bist du ja, kleine Welle. Wir haben schon auf dich gewartet“, erklang die melodische Stimme meiner Mutter und sie drehte sich zu mir um. Sofort spürte ich ihre Liebe und Fürsorge und mein Herz schlug schneller vor Freude.
Meine Mutter war die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Ihre hellblaue Haut war mit den gleichen Mustern überzogen, die auch meinen Körper zierten. Ihre Markierungen hatten jedoch die Farbe von flüssigem Silber und leuchteten beinahe im Dunkeln. Meine kleine Schwester hatte ihre Hautfärbung geerbt, während ich mehr nach der dunkelblauen Haut meines Vaters kam.
„Ich habe noch mit Telu gespielt“, antwortete mein 12-jähriges Ich und meine Mutter lächelte warm.
„Geh bitte deinen Vater holen, wir wollen Essen“, bat sie mich und ich schwamm sogleich in die Werkstatt meines Vaters.
Der große Nautolaner war über den Energiekern eines Nachtrochens gebeugt, eines kleinen Gleiters zur Fortbewegung unter Wasser. Mein Vater war ein begnadeter Ingenieur und arbeitete an einer Vielzahl von Projekten in der Stadt.
„Papa“, rief ich freudig aus und schwamm auf ihn zu. Ein warmes Lächeln umspielte seine Lippen, als er zu mir aufsah und seine Schutzbrille absetzte.
„Ren, meine Kleine. Möchest du mir helfen“, fragte er und hielt mir eines seiner Werkzeuge hin.
Ich nickte freudig und nahm das Werkzeug entgegen, bevor ich einen Blick auf den Energiekern warf. Die Energiezufuhr war unterbrochen und ich testete ein paar Dinge, bevor ich selbstsicher zu meinem Vater aufsah.
„Die Pole müssen neu kalibriert werden“, stellte ich fest und mein Vater lachte herzlich.
„Du hast Recht, kleine Welle. Zeig deinem alten Vater wie man das macht“, forderte er mich auf und ich lächelte stolz.
Wir bastelten zusammen an dem Energiekern, bis die Stimme meiner Mutter erklang.
„Hier seid ihr. Ich hätte mir ja denken können, dass ihr beide wieder am Tüfteln seid“, sagte sie vorwurfsvoll, doch ihr Lächeln betrog sie.
„Wir kommen sofort, mein Herz“, erwiderte mein Vater und sah zu mir herunter.
„Komm, wir wollen deine Mutter nicht länger warten lassen“, raunte er und ich nickte eifrig.
Wir schwammen zurück in den Hauptraum unseres Hauses, wo meine Mutter schon mit meiner kleinen Schwester auf uns wartete. Keela war gerade 5 Jahre alt geworden und ihre Tentakel standen noch kurz von ihrem Kopf ab. Ich nahm den Platz neben ihr am Tisch ein und fuhr ihr mit der Hand durch die Tentakel.
„Lass das, Ren“, erwiderte Keela lachend und zog zur Rache an einer meiner Tentakel.
„Kinder, wir benehmen uns beim Essen“, mahnte meine Mutter mit liebevoller Strenge und wir ließen lachend voneinander ab.
Beim Essen erzählten wir uns gegenseitig von unserem Tag und langsam merkte ich, wie ich müde wurde. Unsere Mutter brachten uns kurz darauf ins Bett und küsste jeden von uns auf die Stirn.
„Schlaft gut, meine Süßen“, flüsterte sie und schon bald waren wir eingeschlafen.
Ich erwachte unsanft, als ich an der Schulter wachgerüttelt wurde. Müde blinzelte ich und erkannte das Gesicht meiner Mutter über mir. Sorge machte sich in mir breit, als ich ihre Angst spürte.
„Ren, du musst sofort aufwachen“, flüsterte meine Mutter eindringlich und ich sah sie mit großen Augen an.
„Was ist los, Mama“, fragte ich ängstlich und dann hörte ich die Geräusche von draußen. Es waren Blasterschüsse.
„Ihr müsst euch verstecken. Nimm Keela und schwimme zur Schlucht. Versteckt euch dort, bis ich euch hole.“
Bevor ich fragen konnte was los war, stürzte auf einmal ein Karkardon in unser Zimmer. Der haiartige Mann ging sofort auf meine Mutter los und verbiss sich in ihrer Schulter. Die Schmerzensschreie meiner Mutter mischten sich mit den ängstlichen Schreien von Keela und mir. Plötzlich kam mein Vater dazu und ging mit einem Dolch auf den Karkardon los.
„Ren, ihr müsst fliehen“, schrie er und ich blickte wie erstarrt auf das grausige Schauspiel vor mir.
Blut verfärbte das Wasser des Raumes rot und Angst, Schmerz, Verzweiflung und Wut erfüllten alles um uns herum. Meine Mutter trieb reglos im Wasser, die schöne Haut in blutigen Fetzen. Mein Vater rang mit dem Angreifer, der wild nach ihm schnappte. Das Einzige, was mich wieder zur Besinnung kommen ließ, waren die Hände meiner Schwester, die sich ängstlich an mich klammerten.
Mein Körper reagierte wie in Trance. Ich griff Keela und schwamm so schnell in konnte aus dem Zimmer. Als wir aus dem Haus kamen, empfing uns blankes Chaos. Überall um uns herum waren Karkardon, Quarren und Mon Calamari, die die Stadtbewohner im Schlaf angriffen. Ein paar Nautolanern gelang es sich zur Wehr zu setzten, doch es war ein ungleicher Kampf.
Ich zerrte meine schluchzende Schwester hinter mir her, während wir durch ein Meer aus Blasterfeuer, Leichen, Blut und Angst schwammen. Zwei Quarren tauchten hinter uns auf und versuchten uns zu schnappen, doch wir schüttelten sie in den verwinkelten Tunneln ab. Mein Herz schlug so wild, dass es aus meiner Brust zu springen drohte. In meinen Ohren hallten die Schreie meiner Eltern wider und ich musste mich zusammenreißen, um mich vor Angst ohnmächtig zu werden.
Endlich erreichten wir den Rand der Schlucht, die sich wie eine tiefschwarze Wunde unter uns öffnete.
„Ich will zu Mama“, schluchzte Keela laut und ich drückte ihre Hand fest, als die Bilder meiner reglosen Mutter vor meinem inneren Auge auftauchten. Wir konnten nicht mehr zu ihr zurück.
„Du musst still sein“, bat ich Keela mit zittriger Stimme und tauchte mit ihr in die Schlucht hinein. Wir mussten uns verstecken, bis der Alptraum vorbei war.
Der erstickte Schrei meiner Schwester ließ mich innehalten. Der beißende Geruch von Blut erfüllte das Wasser um uns herum und als ich zu ihr heruntersah, weiteten sich meine Augen in blankem Horror. Aus Keelas Brust ragte die Spitze einer Harpune, die sich von hinten in sie gebohrt hatte.
„Ren“, hauchte sie panisch und Blut strömte aus ihrem Mund.
Bevor ich reagieren konnte, traf mich ein brennender Schmerz. Meine Augen fuhren voller Panik zu der Harpune, die sich in meine Schulter gebohrt hatte. Gelächter ertönte und ich sah die Quarren über uns, die auf uns geschossen hatten. Einer von hatte ein vernarbtes Gesicht und blickte voller Mordlust auf uns herab. Ein Blasterschuss traf mich in die Seite und ich schrie schmerzerfüllt auf.
Blut füllte alles um uns herum und ich konnte mich nicht mehr bewegen. Die leblose Hand meiner Schwester glitt mir durch die Finger, als wir langsam in der Dunkelheit versanken. Es gab nur noch Dunkelheit und Blut. Ich erstickte.
„Ren! Ren, wach auf“, hörte ich plötzlich eine Stimme und ich wurde wild geschüttelt.
Mein Körper zuckte unkontrolliert. Ich bekam keine Luft. Die Trance war so tief gewesen, dass mein Körper dachte er wäre Unterwasser. Meine Lungen hatten ihre Arbeit eingestellt und meine Kiemen versuchten verzweifelt, Sauerstoff aus dem nicht vorhandenen Wasser zu ziehen. Ich erstickte wirklich!
„Du musst atmen, Ren! Atme!“
Über mir erkannte ich ein vertrautes Gesicht. Ich lag auf dem Boden des Trainingsraums. Jemand hatte mich bei den Schultern gepackt und versuchte mich aus meinem Zustand zu reißen. Maul. Die Realität brach wie eine Welle über mich hinein.
Mein Körper reagierte endlich und meine Lungen sogen gierig die Luft ein. Keuchend und hustend kroch ich von Maul weg. Mein Herz schlug so wild, dass es wehtat. Die Panik aktivierte meinen Fluchtinstinkt. Taumelnd kam ich auf die Beine und begann zu rennen. Ich rannte aus dem Trainingsraum, aus dem Schiff und in den Wald hinein. Ich rannte blind und so lange, bis meine Beine unter mir nachgaben. Auf dem weichen Waldboden blieb ich kauernd liegen und machte etwas, das ich seit Jahren nicht getan hatte. Ich weinte.
Ich wusste nicht, wie lange ich dort gelegen hatte. Irgendwann hörte mein Körper auf zu zittern und ich hatte keine Tränen mehr, die ich weinen konnte. Alles was blieb war das Gefühl von unglaublicher Leere.
Auf allen Vieren kroch ich zum nächsten Baumstamm und lehnte mich mit dem Rücken dagegen. Mein Blick war starr geradeaus gerichtet, doch alles was ich sah, waren die Gesichter meiner toten Familie.
Ich spürte Mauls Präsenz noch bevor ich seine Schritte hörte. Der Zabrak blieb einige Meter entfernt hinter mir stehen, als hätte er Angst ich würde wieder fliehen, wenn er mir zu nahekam. Flüchtig spürte ich seine Unsicherheit und … Sorge? Doch ich war nicht vor Maul geflohen, sondern vor meiner Angst.
„Hast du es gesehen“, fragte ich tonlos und erschreckte mich über den heiseren Klang meiner Stimme.
„Ja“, erwiderte Maul knapp und kam langsam weiter auf mich zu.
Er verschwieg mir, dass er es nicht nur gesehen, sondern auch gefühlt hatte. Die Angst, den Schmerz, die Trauer und die Verzweiflung. Ihm waren diese Gefühle nicht fremd.
Ungestüm wischte ich mir über das Gesicht, auf dem die Tränen längst getrocknet waren. Maul ließ sich mir gegenüber nieder und lehnte sich ebenfalls an einen Baumstamm. Seine leuchtend goldenen Augen fanden meine und ich blickte beschämt auf den Waldboden. Maul schien einen Moment nach den richtigen Worten zu suchen und entschied sich schließlich für eine Frage.
„Wer waren die Angreifer“, fragte er und ich spürte eine altbekannte Wut in mir aufsteigen.
„Sie waren Söldner. Eine Spezialeinheit, um Unterwasser zu kämpfen und zu marodieren. Die Anselmi hatten sie beauftragt, weil sie an die Kristallgründe kommen wollten. Die Nautolaner und die Anselmi leben schon lange im Konflikt. Die Anselmi können nicht Unterwasser leben und sind eifersüchtig auf den Reichtum des Meeres. Sie haben lange versucht mein Volk dazu zu bringen, ihnen die Kristalle zu verkaufen. Doch die Ressource ist in unserer Kultur heilig und mein Volk wollte sie nicht an Land und damit in die Galaxis tragen. Deswegen haben die Anselmi beschlossen, sich die Kristalle mit Gewalt zu nehmen. Die Söldner schlachteten beinahe die ganze Stadt im Schlaf ab. Nur wenige konnten fliehen. Als nautolanische Krieger eintrafen, war die Stadt schon verwüstet. Sie haben die Söldner vertrieben und am Ende haben die Anselmi die Kristalle nicht bekommen. Es war alles umsonst!“
Meine Frustration entlud sich und ich hieb wütend mit der Faust auf die Wurzel neben mir. Der Schmerz tat gut.
„Und wie hast du überlebt“, hakte Maul vorsichtig nach und ich zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Als man mich fand, hatte ich mich an einem Felsvorsprung im Graben verfangen. Ich war alleine. Keela war …“, fing ich an, doch meine Stimme brach ab. In meinen Augen brannten neue Tränen und ich atmete tief durch, um sie zurückzuhalten.
„Man brachte mich zu einem Heiler. Ich war mehr tot als lebendig. Alle gingen davon aus, dass ich sterben würde. Und ich wollte sterben. Meine Eltern waren tot und meine kleine Schwester ist irgendwo in der Tiefe versunken. Die Bilder verfolgten mich und ich sah keinen Grund mehr zu leben. Aber ich konnte einfach nicht sterben.“ Meine Hand fuhr zu der Schulter, auf der die Harpunennarbe schmerzte.
„Als ich wieder halbwegs genesen war, habe ich ein Schiff bestiegen und bin nie wieder zurückgekehrt. Eine Weile lang habe ich mich mit betteln durchgeschlagen, bevor ich kleine Jobs erledigt habe. Da ich technisch begabt war, hat mich eine Kopfgeldjägerin aufgenommen. Ich bin zwei Jahre bei ihr geblieben, bevor auch sie umgebracht wurde. Von da an bin ich alleine weitergezogen. Über die Jahre habe ich alle Informationen gesammelt, die ich zu den Söldnern finden konnte. Rache war das Einzige, was mich noch angetrieben hat. Als ich endlich stark genug war, habe ich sie gejagt. Einen nach dem anderen. Sie haben für das bezahlt, was sie mir angetan haben. Nur einen konnte ich nicht finden. Rask Vorr. Er ist derjenige, der meine Eltern getötet hat. Ein Jahr lang habe ich nach ihm gesucht. Irgendwann habe ich akzeptiert, dass er in dieser Nacht wohl gestorben sein muss. Ich habe meine Rache bekommen, doch ich mochte die Person nicht, zu der ich geworden war. Ich habe alles aus dieser Zeit verbrannt und nie zurückgesehen. Bis jetzt.“
Endlich löste ich meinen Blick vom Waldboden und sah zu Maul auf.
„Ich hätte in dieser Nacht auf Glee Anselm sterben sollen. Ich hätte mein Leben sofort gegeben, um das meiner Schwester zu retten. Warum habe ich es verdient zu leben, wenn alle die ich geliebt habe tot sind?!“
Ich erwartete Abscheu in seinem Blick zu sehen. Erwartete zu hören, wie er meine Schwäche verspottete. Das er sagte, dass ich erbärmlich bin und dass er mich zurücklassen würde. Er tat nichts davon. Alles, was in seinen Augen lag war Verständnis. Kein Mitleid, kein Hohn. Nur das Verständnis von jemandem, der an einem ähnlichen Punkt gewesen war.
Maul schwieg einen langen Moment. Als er sprach, war seine Stimme ruhig und kontrolliert.
„Du glaubst du hast es nicht verdient noch zu leben. Doch was würde dein Tod ändern? Es würde niemanden wieder zurückbringen. Die Toten bleiben tot und nur die Überlebenden können ihr Andenken bewahren. Dein Überleben war kein Zufall. Du hast überlebt, weil es so sein sollte.“ Maul wandte seinen Blick kurz ab.
„Ich hätte auch sterben sollen, aber mein Durst nach Rache und die dunkle Seite der Macht haben mich am Leben erhalten. Meine Familie und mein Anrecht auf Macht wurden mir genommen. Und doch bin ich noch da. Mein Verlust hat mich nicht schwächer gemacht, sondern stärker.“ Er sah wieder zu mir auf.
„Auch dich hat dein Verlust stärker gemacht. Das du immer noch atmest ist der beste Beweis dafür. Du fragst, warum du noch am Leben bist. Das ist die falsche Frage.“
„Welche ist die richtige“, fragte ich unsicher.
„Die Frage ist was du aus deinem Leben machst“, erwiderte Maul und sah mich eindringlich an.
Ich schwieg kurz und ließ mein Leben an meinem inneren Auge vorbeiziehen. Ein trauriges Lächeln trat auf mein Gesicht.
„Mir war ein Leben als Ingenieurin vorbestimmt, mit einem liebevollen Partner und einer eigenen Familie. Meine Eltern hatten sogar ganz nach unserer Tradition eine Ehe für mich arrangiert. Mit 18 hätten wir uns beide entscheiden können, ob wir zueinander passen oder nicht. Es war mein größter Wunsch einen Partner zu finden, mit dem ich den Rest meines Lebens glücklich sein kann. Und was ist aus mir geworden? Eine Kopfgeldjägerin, die für Geld und Rache tötet. Ich bin vollkommen alleine. Meine Eltern würden verabscheuen, was aus mir geworden ist.“ Meine Worte waren verbittert und ich wich Mauls Blick aus.
Maul erhob sich und machte einen Schritt auf mich zu.
„Hör auf nach den Vorstellungen anderer zu leben. Wir tun, was wir tun müssen, um zu überleben. Und dafür darfst du dich niemals entschuldigen", sagte Maul entschlossen und ich sah überrascht zu ihm auf.
„Du kannst deine Vergangenheit nicht mehr ändern. Aber du kannst bestimmten, wie deine Zukunft aussehen soll. Du musst dein Schicksal nur selbst in die Hand nehmen.“
Maul sprach voller Überzeugung und streckte mir auffordernd seine Hand entgegen. Ich zögerte kurz und griff dann danach, um mich von ihm auf die Füße ziehen zu lassen.
„Wie hast du es geschafft deine Vergangenheit hinter dir zu lassen?“ Maul zögerte kurz.
„Das habe ich nicht“, gab Maul zu und sein glühender Blick fixierte mich.
„Ich habe sie zu meiner Waffe gemacht."
Seine Antwort überraschte mich. Ich hatte als Kind gelernt, meine Gefühle zu kontrollieren und mich nicht von ihnen beherrschen zu lassen. Daran war ich kläglich gescheitert. Was Maul mir hier vorschlug war eine andere Art von Kontrolle. Er wollte den Schmerz und die Trauer nicht kontrollieren, um Frieden zu finden. Er wollte sie kontrollieren, um sie für sich einzusetzen. Es war ein dunkler Weg und ich war mir nicht sicher, wohin er führen würde. Doch in diesem Moment beschloss ich meine Schwächen ein für alle Mal hinter mir zu lassen. Ich würde den Weg gehen, den Maul mir anbot. Ein Weg zur Kontrolle und zu Stärke.
„Zeig es mir“, sagte ich entschlossen und Maul lächelte.
„Komm“, entgegnete er und ging dann voran, zurück zu unserem Schiff. Nach ein paar Schritten hielt er inne und sah mich über seine Schulter hinweg an.
„Du bist nicht mehr alleine.“ Seine Worte waren ruhig, beinahe vorsichtig.
„Die Macht ist mit dir. Und du bist jetzt bei mir.“
Überrascht sah ich Maul hinterher, als er zwischen den Bäumen davonschritt. Ein Gefühl der Wärme breitete sich in meiner Brust aus.
Ich wusste nicht genau was Mauls Worte bedeuteten. Ich wusste nur, dass ich mich das erste Mal seit Jahren nicht mehr alleine fühlte.
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Notes:
Das ist schnell eskaliert. Arme Ren. Endlich kennen wir ihre Vergangenheit. Und Maul kennt sie jetzt auch. Er versteht Leid besser als jeder andere und kennt ihren Schmerz. Zwei einsame Seelen, die zueinander gefunden haben. Mal sehen, wohin das führt. :)
Macht es mir Spaß, meine Charaktere leiden zu lassen? Vielleicht ein bisschen zu sehr. XD
Das nächste Kapitel wird nächsten Sonntag veröffentlicht.
Wie immer freue ich mich riesig über Favos oder Kommentare. Ich freue mich über jede Art von Feedback, wenn euch die Geschichte gefällt. Jede einzelne Rückmeldung bedeutet mir unglaublich viel. Eure Unterstützung lässt mich weitermachen. <3