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Kapitel - Ein Funke im Winter

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Kapitel - Ein Funke im Winter

Leo

Ich schob den Schlüssel in das Schloss und zögerte einen kurzen Moment, bevor ich die Tür aufschloss. „Ich und meine Gedanken“, murmelte ich leise gegen die eisige Luft. Es war Januar, und die Kälte draußen war kaum auszuhalten. Ich hasste den Winter. Noch schlimmer fand ich eigentlich nur extreme Hitze, weil man sich gegen die Kälte wenigstens dick anziehen konnte. Ein ziemlicher Widerspruch in sich, ich weiß, aber so war ich eben.

Ich betrat mein Café, in dem ich nun schon seit drei Jahren der stolze Gründer und Inhaber war. Wenn man den Laden betrat, wirkte er zuerst schlicht und überschaubar. Im Vordergrund standen ein paar Holztische und Stühle, dominiert von dem großen Tresen, hinter dem die teure Siebträgermaschine und die anderen Geräte glänzten. Doch wenn man weiter nach hinten ging, öffnete sich der Raum in eine kleine, gemütliche Bibliothek. Riesige Regale voller Bücher erstreckten sich bis zur Decke, unterbrochen von einladenden Sitznischen, bequemen Sesseln und großen, weichen Couches. Ich liebte diesen Laden von ganzem Herzen.

Es war alles andere als leicht gewesen, das hier aufzubauen. Mein älterer Bruder Ben war spielsüchtig und hatte es nach dem Tod unserer Eltern nur auf das Erbe abgesehen. Ich hatte regelrecht darum kämpfen müssen, meinen rechtmäßigen Anteil zu bekommen. Mit diesem Geld hatte ich mir schließlich diesen wunderschönen, urigen Traum erfüllt. Mittlerweile lief das Geschäft wie am Schnürchen. Wer hätte gedacht, dass das Konzept so beliebt werden würde? Der Name war allerdings nicht besonders kreativ: Das Café hieß schlicht Leos. Es wirkte im Nachhinein ein wenig eitel, seinen eigenen Namen zu nutzen, aber ich war damals erst sechzehn und mir war einfach nichts Besseres eingefallen. Es war ohnehin ein Wunder, dass ich als Minderjähriger überhaupt eröffnen durfte. Ich war damals ziemlich gut darin gewesen, Unterschriften zu fälschen. Stolz war ich darauf nicht, aber was hätte ich sonst tun sollen? Bei meinem spielsüchtigen Bruder bleiben, der mir jeden Cent aus der Tasche gezogen hätte? Niemals.

Ich schaltete die Lichter und die Kaffeemaschinen an, zog meinen dicken Mantel aus und band mir die beigefarbene Schürze um. Ich beeilte mich mit den Vorbereitungen, denn um Punkt sechs Uhr morgens kamen bereits die ersten Stammkunden. Da meine Mitarbeiterin im Muterschutz   war, stand ich heute komplett allein hinter dem Tresen. Das bedeutete puren Stress, aber da musste ich jetzt durch.

Ein paar Stunden vergingen, und der morgendliche Ansturm ließ langsam nach. Genau in dieser ruhigeren Phase betrat eine Gruppe Highschool-Mädchen den Laden. Sie waren in der Gegend berüchtigt dafür, arrogant und hochnäsig zu sein. Mit einem leisen Seufzer wandte ich mich ihnen zu. „Was darf ich für die Damen tun?“, fragte ich höflich.

Die Anführerin sah mich von oben herab an. „Drei Frappuccinos mit Vanillesirup, fettarmer Milch, halber Süße, Sahne und Schokostreuseln. Und noch zwei Latte Macchiato mit Honig, laktosefreier Milch, einem Hauch Vanille und Sprühsahne. Alles bitte in verschlossenen Bechern zum Mitnehmen.“

Ich tippte die Bestellung ein. „Das macht 21,40 Euro. Bar oder mit Karte?“

„Mit Karte“, erwiderte die Blonde, hielt ihr Smartphone an das Gerät und fixierte mich mit einem vielsagenden Blick. „Und dann hätte ich gerne noch deine Nummer.“

Ich schenkte ihr ein professionelles Lächeln. „Das tut mir sehr leid, aber ich bin nicht interessiert.“

Sie zog eine Augenbraue hoch, sichtlich gekränkt. „Was? Hör mir mal ganz genau zu. Jeder hier will mich. Ich bin gerade so gnädig und wähle dich aus, also sei gefälligst dankbar.“

Ich musste kurz auflachen. „Es tut mir wirklich leid, dass ich dein Ego verletzt habe, aber wie soll ich sagen… ich schwimme auf dem anderen Ufer.“

Das Mädchen riss entsetzt die Augen auf. Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich ab und bereitete die aufwendigen Getränke zu. Als ich fertig war, stellte ich die Becher auf den Tresen. „So, die Bestellung für die Blondinen ist fertig.“ Die Anführerin schnappte sich die Becher und stolzierte wütend hinaus, dicht gefolgt von ihrer Klike.

Ich war fix und fertig. Zum Glück waren die verbliebenen Kunden alle beschäftigt – sie lasen, schrieben oder saßen am Laptop. Ich nutzte den Moment, holte meine Kopfhörer heraus und schaltete die Musik laut ein. Als Erstes spielte die Playlist Mama von Jonas Blue und William Singe. Ich summte leise mit und verlor mich in der Melodie. Das nächste Lied war A Million Dreams aus The Greatest Showman. Ich fing an, leise den Text mitzusingen, vollkommen isoliert von der Außenwelt.

Plötzlich berührte mich jemand fest am Arm.

Erschrocken zuckte ich zusammen, riss mir die Kopfhörer von den Ohren und drehte mich um. Das, was ich sah, raubte mir auf der Stelle den Atem.

Vor mir stand ein riesiger Mann, mindestens zwei Meter groß und massiv muskulös. Er trug einen eleganten Mantel, unter dem ein maßgeschneiderter Anzug zu sehen war. Seine Haare waren von einem so tiefen, reinen Schwarz, dass mir nicht einmal ein passender Vergleich einfiel. Aber seine Augen… seine Augen waren das Verblüffendste, das ich je gesehen hatte. Sie leuchteten in einem intensiven Purpur-Lila und starrten mich so durchdringend an, dass ich das Gefühl hatte, er würde mir direkt in die Seele schauen.

Luke

Es war ein unerträglich anstrengender Tag gewesen. Ich hatte heute schon zum zweiten Mal mit den Bullen reden müssen, weil sie einen meiner Leute wegen irgendeiner Sache verdächtigten. Es war ermüdend. Da war man nun schon seit sechs Jahren der Don der mächtigsten Mafia-Familie der Stadt und musste sich trotzdem mit solchen Kleinigkeiten herumschlagen. Meine Bewunderer hatten damals nicht umsonst meinen Vater gestürzt, nur um mich an der Spitze zu sehen. Ich war ein Ausnahmetalent in diesem Geschäft. Bereits mit fünfzehn Jahren hatte ich das erste Mal Menschen getötet und war nie dafür belangt worden – man hatte die Leichen einfach nie gefunden. Ich war das, was die Leute ein kriminelles Genie nannten. Ich besaß schon immer ein Talent für die Dunkelheit. Wenn man keine Gnade zeigte, war es ziemlich einfach, diese Dinge zu tun.

Aber im Moment war ich einfach nur erschöpft. Es war viel zu früh und ich hatte noch keinen Kaffee intus. „Fahren Sie zu irgendeinem Café, das gut ist“, befahl ich meinem Fahrer, der sofort nickte. Ich hasste es, nicht selbst am Steuer zu sitzen, aber nach dem Ärger mit den Cops hatte ich zu viel zu tun, um auch noch selbst zu fahren. Außerdem hätten sie mein Nummernschild zurückverfolgen können, wenn ich in meinem privaten Wagen unterwegs gewesen wäre.

Der Wagen hielt schließlich vor einem Laden namens Leos. Wer nannte sein Café bitte so? Das war völlig kreativlos. Ich stieg aus und stieß den Atem aus. Die Kälte draußen war betäubend. Ich öffnete die Tür, trat ein und hörte augenblicklich die wohl schönste Stimme, die mir je untergekommen war. Ein junger Mann sang hinter dem Tresen, völlig in seiner eigenen Welt versunken: „I think of what the world could be, a vision of the one I see… A million dreams is all it's gonna take…“

Ich schritt langsam auf den Tresen zu und stupste ihn am Arm an. Er zuckte heftig zusammen, nahm die Kopfhörer ab und drehte sich zu mir um.

Er war wunderschön. Er war deutlich kleiner als ich, wahrscheinlich um die 1,80 Meter. Seine blasse Haut leuchtete fast schon im warmen Licht der Lampen. Seine leicht lockigen, braunen Haare schimmerten im Schein der Leuchten zart kupferrot. Und seine Augen… ich hatte noch nie so faszinierende Augen gesehen. Dieses Blau-Grau war einfach wunderschön. Seine Lippen wirkten weich, sanft und leicht rosa. Ich spürte das absurde Verlangen, augenblicklich hineinzubeißen. Der Junge starrte mich einfach nur mit leicht geöffnetem Mund an.

Leo

Dieser Mann war ein absoluter Adonis. Moment mal, was dachte ich da eigentlich gerade?, schoss es mir durch den Kopf. Ich räusperte mich hastig, um die aufkommende Nervosität zu überspielen. „Oh, Entschuldigung. Ähm… was kann ich für Sie tun?“, fragte ich. Meine Stimme hörte sich unnormal rau an.

Der Fremde lachte tief und rau auf. „Du hast eine sehr schöne Stimme. Wie heißt du?“

Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg, und lief rot an. „L-Leon… aber alle nennen mich Leo. Und wie heißen Sie?“

Der Mann lächelte verführerisch, und ich hatte das Gefühl, auf der Stelle dahinzuschmelzen. „Ich bin Lucas. Aber mich nennen alle nur Luke“, erwiderte er.

Ich erwiderte das Lächeln zaghaft. „Was kann ich für dich tun, Luke?“

Luke räusperte sich kurz und ließ den Blick über die Karte schweifen. „Was kannst du mir denn empfehlen?“

„Ich persönlich mag Latte Macchiato“, erklärte ich ehrlich, während ich seine Erschöpfung musterte. „Aber wenn du gerade müde oder gestresst bist, empfehle ich einen Americano mit einem Extra-Espresso-Shot. Das würde ich dir im Moment wirklich raten. Du siehst ziemlich fertig aus.“

Lukes Lächeln wurde breiter. „Woher weißt du das?“

„Ich habe da so ein Gespür“, scherzte ich, wandte mich der Maschine zu und fing an, die Kanne vorzubereiten. „Welche Milch darf es sein? Ich schätze mal… laktosefrei?“

Luke nickte verblüfft. „Woher weißt du das jetzt schon wieder?“

Ich warf ihm über die Schulter einen amüsierten Blick zu. „Du siehst nicht aus wie jemand, der gerne normale Milch trinkt. Und wahrscheinlich nimmst du nur einen Würfel Zucker, obwohl du Würfelzucker eigentlich gar nicht magst. Aber wir haben gerade nur Würfel. Die Omas haben heute Morgen alle Zuckertütchen geklaut.“

Während ich redete und das Getränk zubereitete, beobachtete Luke jede meiner Bewegungen. Er ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Ich konnte nicht behaupten, dass mich das störte – der Typ war verdammt heiß. Als der Kaffee fertig war, stellte ich den Becher vor ihm auf die Theke.

Ich warf einen Blick auf die Wanduhr. Es war punkt zwölf Uhr mittags. Meine Mittagspause fing an. Ich drehte das kleine Schild auf dem Tresen um, sodass nun „Bin in einer Stunde zurück“ zu lesen war, und hängte meine Schürze an den Haken. Ich fuhr mir mit der Hand durch meine leicht lockigen Haare und sah zu dem riesigen Mann auf. „Ich gehe mir jetzt drüben etwas zu essen holen. Vielleicht sieht man sich ja noch mal.“

Er grinste breit. „Ich kann doch einfach mitkommen.“

Mein Herz machte einen kleinen Satz. „Gerne“, lächelte ich. „Ich wollte rüber in den Kombini.“

Ich zog mir meinen schwarzen Mantel über, und gemeinsam schritten wir aus dem Café hinaus in die kalte Winterluft. Draußen fröstelte ich sofort und schüttelte mich heftig. Ich fluchte leise. Warum musste der Winter nur immer so kalt sein?

Hinter mir ertönte Lukes leises, tiefes Lachen. „Das hat der Winter nun mal so an sich.“

Ich nickte zustimmend. „Und der Sommer ist mir viel zu warm.“

Luke zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Das heißt, es gibt für dich kein perfektes Wetter?“

„Nun ja, als Sonnenallergiker und Frostbeule hat man es eben nicht leicht“, gab ich schmunzelnd zu.

Wir betraten den Kombini, und ich flitzte sofort zu den Onigiris mit Thunfisch. Dazu holte ich mir noch ein Sandwich mit Frischkäse und Gorgonzola, bevor ich entschlossen zur Kasse ging. Ich kannte die Kassiererin gut. Wir hatten eine feste Abmachung: Ich bekam alles aus ihrem Laden kostenlos, und das Gleiche galt für sie bei mir im Café. Wir vertrauten uns blind und wussten, dass der andere diese Vereinbarung niemals ausnutzen würde. Sie begrüßte mich mit einem strahlenden Lächeln. Ich persönlich fand es insgeheim peinlich, dass ich mir ihren Namen einfach nie merken konnte.

Ich lächelte zurück. „Wir haben eine neue Lieferung Boys-Love-Bücher bekommen.“

Die Frau sah mich mit großen Augen an. „BL oder normal?“

Ich zwinkerte ihr zu. „BL.“

Sie quietschte vor Freude auf. Das hatten wir gemeinsam: Wir liebten Boys-Love-Geschichten. „Komm doch später rüber, wenn bei mir weniger los ist“, schlug ich vor.

Sie nickte begeistert. „Genieß deine Pause.“ Sie zwinkerte mir vielsagend zu, und ich spürte, wie ich errötete. Ich wusste ganz genau, worauf sie anspielte – und ich ertappte mich dabei, wie ich denselben Gedanken gar nicht so schlecht fand.

Luke trat dicht hinter mich, seine enorme Statur war wie ein Schild gegen den Rest des Ladens. „So, wollen wir?“, fragte er.

Ich nickte, und wir gingen gemeinsam zurück ins Café, wo wir uns an einen der freien Tische setzten. Zwischen zwei Bissen brach ich das Schweigen. „Wie alt bist du eigentlich?“

„Einundzwanzig“, antwortete er locker. „Und du?“

„Neunzehn.“

Er grinste breit. „Das ist ein sehr schönes Alter.“

Ich erwiderte das Grinsen, seufzte dann aber leise. „Manchmal wünschte ich, ich wäre älter.“ Ich warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass meine Pause schon wieder vorbei war. Ich schluckte den letzten Rest meines Essen hinunter. „So, ich muss wieder an die Arbeit. War schön, dich getroffen zu haben, Luke.“

Luke sah mich mit leicht geöffnetem Mund an, sichtlich überrascht. „Was? Du musst jetzt schon wieder gehen?“, fragte er ungläubig.

Ich nickte entschuldigend. „Ich muss noch die neue Mitarbeiterin einweisen. Sie dürfte jeden Augenblick kommen. Also… man sieht sich.“

Luke brauchte einen Moment, nickte dann aber und stand auf. Ich hatte beinahe schon wieder vergessen, wie riesig er eigentlich war. Ich wollte mich gerade umdrehen und zurück hinter die Theke gehen, als er mit seiner großen Hand sanft durch meine Haare strich.

„Bis bald“, raunte er mit einer Stimme, die mir eine Gänsehaut bescherte, bevor er den Laden verließ.

Ich taumelte ein Stück zurück und musste mich am Tresen festhalten. War das gerade wirklich passiert oder träumte ich nur? Meine Knie zitterten heftig, aber ich zwang mich, aufrecht stehen zu bleiben. Das würde definitiv noch ein langer Tag werden.

Luke

Seine Haare waren so unglaublich weich und flauschig gewesen. Ich spürte das Gefühl noch immer an meinen Fingerspitzen, obwohl ich das Café bereits seit einer halben Stunde verlassen hatte. Ich wusste nicht, was es war, aber irgendetwas an diesem Typen ließ mich einfach nicht mehr los. Ich musste ununterbrochen an sein Lächeln denken – und daran, wie er diese andere Verkäuferin angelächelt hatte. Das missfiel mir zutiefst.

Mein Chauffeur fuhr mich ohne Umwege direkt zu einer unserer Spielhallen. Es war mal wieder an der Zeit, von meinen Unterbossen abzuklären, wer seine Schulden beglichen hatte und wer nicht. Im Ernstfall musste ich das Geld selbst eintreiben. Es war lästig, aber notwendig. Ich betrat die verrauchte Spielhalle und sah mich kurz um, bis mich ein schwarz gekleideter Mann zu sich winkte. Er führte mich in einen Nebenraum. An der Wand stand eine große, U-förmige Couch, auf der bereits einer meiner Unterbosse saß, zusammen mit irgendeiner billigen Frau, die sich flehend an ihn presste. Ich nahm die Liste entgegen und las sie schweigend durch. Die meisten hatten nach drei Aufforderungen bezahlt. Nur vier Personen machten Probleme: ein Makler, ein Bäcker, ein Bankmitarbeiter und ein Arbeitsloser namens Ben. Letzterer hatte seine Schulden seit einem ganzen Jahr nicht beglichen, sondern stattdessen immer nur noch mehr Schulden angehäuft.

Ich seufzte genervt. „Wo ist dieser Ben?“

„Er ist draußen in der Halle“, antwortete mein Unterboss.

Ich drehte mich um und ging hinaus, froh darüber, von ihm und der Frau wegzukommen. Ich hasste Frauen, die sich schamlos an Männer ranmachten. Sie waren mir schlicht zu aufdringlich. Ich schritt an den endlosen Reihen der Spieltische vorbei und blieb schließlich an einem der einarmigen Banditen stehen. Dort saß ein Mann mit schmierigen, braunen Haaren, die regelrecht an seiner Kopfhaut klebten. Er roch, als hätte er seit Monaten keine Dusche mehr gesehen. Seine Kleidung war übersät mit Schmutzflecken und Löchern, und seine Zähne waren ungepflegt und gelb.

Ich winkte ein paar meiner Security-Leute herbei. Sie packten den Mann grob und schleiften ihn nach hinten in den abgesperrten Bereich. Ich blickte auf das Stück Dreck hinab, das wimmernd auf dem Boden kauerte. „So, so, Ben. Wann kriegen wir denn unser Geld? Wir warten nicht gerne.“

Ben zuckte heftig zusammen und sah mit panischen Augen zu mir auf. „Bald, versprochen! Ich brauche nur noch etwas Zeit!“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, packte ich einen seiner Finger und brach ihn mit einer schnellen Bewegung. Er schrie gellend auf, aber das kümmerte mich nicht im Geringsten. Ich packte den nächsten Finger, beugte ihn ganz langsam nach hinten und fixierte ihn mit meinen lila Augen. „So langsam werden wir ungemütlich, mein Lieber. Du solltest lieber schnell handeln, bevor wir dir weitaus schmerzhaftere Sachen antun als bloß Finger zu brechen. Ich würde das hier noch als harmlos erachten.“

Knack. Der nächste Finger brach.

„Du hast zwei Tage Zeit. Ansonsten werde ich ungemütlich. Haben wir uns verstanden?“

Ben nickte hastig unter Tränen.

„Jungs, erteilt ihm noch eine kleine Lektion“, wies ich meine Männer an. Sie lächelten grimmig, während ich mich umdrehte und das Gebäude verließ. Seine Schreie hallten hinter mir her und waren wie Musik in meinen Ohren.

Mein Chauffeur fuhr mich endlich nach Hause. Meine Villa lag komplett abgeschottet von jeglicher Zivilisation tief im Wald, umgeben von einem elektromagnetischen Feld, das das gesamte 70.000 Hektar große Gebiet abgrenzte. Die dichten Bäume des Waldes lichteten sich nach einer Weile und gaben den Blick auf ein atemberaubendes Anwesen frei. Die Villa war dreistöckig, komplett in Schwarz gehalten und besaß einen gigantischen Außenpool. Große Glasfenster boten eine perfekte Aussicht auf den riesigen Wald. Allerdings waren die Scheiben so stark getönt, dass man von außen unmöglich sehen konnte, ob jemand herausschaute. Aber wer sollte hier auch schauen? Ich lebte allein, abgesehen von einem Butler, der ohnehin selten da war.

Der Wagen hielt, ich stieg aus und ging auf die Eingangstür zu. Nach einem kurzen Augenscan öffnete sich die Tür und ich betrat das Haus. Das gesamte Gebäude war kugel- und bombensicher – uneinnehmbar wie ein riesiger Bunker, nur in schön und deutlich sicherer. Ich schritt die große Wendeltreppe hinauf in mein Zimmer, in dem ein gigantisches Doppelbett mit Daunenkissen und schweren Decken stand. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, sprangen mich auch schon meine schwarzen Wolfshunde an. Es waren fünf stattliche Tiere. Eigentlich sollten sie nicht in meinem Schlafzimmer sein, sondern unten in ihren Körbchen, aber ich konnte ihnen nicht böse sein. Ich kraulte ihnen ausgiebig die Bäuche, bevor ich mich duschte, meinen Pyjama anzog und mich erschöpft zusammen mit den Hunden in das große Bett legte.

Leo

Ich war fix und fertig. Das war ein unglaublich anstrengender Tag gewesen. Ich wollte nur noch nach Hause, in mein Bett und schlafen. Ich schlos den Laden ab, wobei meine Hände heftig zitterten. Es war einfach viel zu kalt für mich. Ich schlang meinen Mantel enger um mich und lief eine Straße weiter zu meinem Mietshaus. Ich öffnete die Tür im dritten Stock und stellte sofort fest, dass die Heizung heute Morgen ausgefallen war. Das bedeutete, dass mir eine verdammt kalte Nacht bevorstand. Aber egal, ich würde das schon schaffen.

Ich zog mir zwei dick gefütterte Hosen und zwei Pullover übereinander an. Ich besaß insgesamt nur drei Pullover und drei Hosen, also hatte ich für morgen immerhin noch genug Kleidung übrig. Ich legte meinen Umsatz für den Tag vorsichtig in ein großes Glas. Darin sparte ich für eine bessere Wohnung. Lange konnte ich in diesem winzigen Zimmer definitiv nicht mehr bleiben. Es engte mich ein, vor allem das schmale Einzelbett. Ich hasste Einzelbetten, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Es war ja nicht so, dass ich arm war, aber ich hatte in der letzten Woche etwas unglaublich Dämliches getan: Ich hatte meinem Bruder Ben Geld geliehen, damit er angeblich über die Runden kommt. Ich hätte es besser wissen müssen. Natürlich hatte er es nur benutzt, um weiterzuspielen. Ich war so naiv gewesen, ihm nochmals zu vertrauen. Diesen Fehler würde ich garantiert nicht noch mal machen. Ben konnte mich mal. Egal, in was für Schwierigkeiten er steckte, ich wollte nichts mehr damit zu tun haben.

Ich legte mich in das schmale Einzelbett und zog die Decke bis über die Nase. Ich schlief in dieser Nacht unruhig. Meine Gedanken kreisten ständig um diesen Luke und das Gefühl, wie er mir sanft über den Kopf gestrichen hatte. Normalerweise löste so eine Geste überhaupt nichts in mir aus. Also warum jetzt? Warum ausgerechnet bei ihm?

Ich wachte schweißgebadet auf und sah panisch auf die Uhr. Es war schon halb sieben. Ich hätte längst im Laden sein müssen! Doch dann erinnerte ich mich schlagartig: Ich hatte heute frei. Heute war Samstag, und meine Kollegen waren mit der Schicht dran, nicht ich. Erleichtert ließ ich mich zurück in die Kissen sinken. Ich beschloss, den restlichen Tag faul im Bett zu verbringen und einfach nur Serien zu schauen.