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Kapitel 10 – Krallen im Schnee

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Kapitel 10 – Krallen im Schnee

„Du denkst wohl, wenn du mir Vorwürfe machst, vergesse ich den Namen Isa“, fügte Luke hinzu, und seine Worte hingen wie gefrorener Rauch in der Luft.

Er stieß ein kurzes, rauhes Lachen aus, das mir eine extreme Gänsehaut über den gesamten Rücken jagte. Er erhob sich langsam wieder in seine vollen zwei Meter Körpergröße und blickte eisig von oben auf mich herab – wie ein König auf sein widerspenstiges Eigentum.

„Ein netter Versuch, Leo. Wirklich“, sagte er ruhig und steckte die Hände entspannt in die Hosentaschen seines maßgeschneiderten Anzugs. „Aber du unterschätzt mich maßlos. Ich werde Adam jetzt nicht anrufen, um die Suche zu beschleunigen. Ich gebe dir vierundzwanzig Stunden Zeit. Genau vierundzwanzig Stunden, um von selbst zu mir zu kommen und mir die ganze Wahrheit zu erzählen.“

Er tat einen langsamen Schritt zurück, ließ den Blick noch einmal intensiv über meinen zitternden Körper schweifen und wandte sich dann in Richtung Treppe um.

„Nutze die offene Tür und schau dir das Haus an“, befahl er im Gehen, ohne sich noch ein einziges Mal nach mir umzusehen. „Aber denk an das elektromagnetische Feld da draußen. Und denk an die Uhr, die ab jetzt unerbittlich gegen dich tickt, Leo.“

Seine schweren, gleichmäßigen Schritte hallten auf dem kühlen Marmor wider, als er die Stufen hinunterging und mich vollkommen allein auf dem Flur zurückließ.

Ich sackte wieder ein Stück in mich zusammen und raufte mir verzweifelt die Haare. Verdammt, verdammt, verdammt!, dachte ich, und mein Kopf drohte vor Panik zu explodieren. Was sollte ich nur tun? Wenn ich es ihm erzählte, würde ich für meine Lüge bestraft werden und Isabel wäre in seinen Fängen. Wenn ich es nicht tat, würden Adam und Luke die Spur ohnehin zurückverfolgen, und dann würden wir beide die volle Härte seines Zorns zu spüren bekommen. Was sollte ich bloß tun?

Ich stand auf, doch es fühlte sich augenblicklich so an, als würden die Wände des riesigen Flurs immer näher kommen und mich erdrücken. Ich hielt es hier drin nicht mehr aus. Ich musste raus – einfach nur raus, um einen klaren Kopf zu bekommen. Ich flitzte zurück in mein Zimmer, schnappte mir hastig meine Schuhe und den warmen Mantel, bevor ich durch die Gänge eilte und nach draußen in die Kälte trat.

Ich atmete tief ein und aus. Die kühle, reine Waldluft tat unglaublich gut, auch wenn sie wegen der eisigen Temperaturen wie Feuer in meiner Kehle brannte. Es war so verdammt kalt, aber die Frische vertrieb die lähmende Benommenheit in meinem Kopf. Ich stapfte mit schweren Schritten durch den tiefen Pulverschnee, um die Villa herum, als sich plötzlich eines der Raubtiere aus dem Dickicht löste.

Es war Speedy. Er musste mich vom dichten Wald aus entdeckt haben und kam nun freudig auf mich zugerannt. In seinem Maul trug er einen kleinen, leuchtend gelben Ball. Er bremste direkt vor mir ab, legte das Spielzeug im Schnee vor meinen Füßen ab und setzte sich hin. Seine Zunge hechelte aufgeregt, und seine dunklen Augen sahen mich voller Erwartung an.

Ein winziges Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Ich hob den nassen Ball auf, und sofort spannte sich Speedys muskulöser Körper an. Er machte sich bereit. Ich holte mit dem Arm weit aus und tat nur so, als würde ich den Ball werfen. Speedy flitzte wie ein geölter Blitz los, bremste nach ein paar Metern jedoch abrupt ab, als er bemerkte, dass ich das Spielzeug immer noch in der Hand hielt. Er bellte mich empört an, drehte um und flitzte im Zickzackkurs zu mir zurück. Dieses Mal warf ich den Ball wirklich mit aller Kraft weit in den Garten hinaus. Speedy raste los und fing den Ball mit einer beeindruckenden Eleganz noch mitten aus der Luft ab.

Er rannte stolz zu mir zurück, und ich wollte nach dem Ball greifen, aber er dachte gar nicht daran, ihn einfach so herzugeben. Wir rangelten ein bisschen im Schnee; ich zog an dem gelben Gummi, während Speedy spielerisch knurrte, bis ich die Beute schließlich erobern konnte. Ich holte noch einmal aus und feuerte den Ball weit weg. Speedy sprintete hinterher, sprang hoch und fing ihn wieder ab – aber anstatt anständig auf seinen Pfoten zu landen, verlor er das Gleichgewicht und verschwand komplett in einem riesigen Haufen aus weichem Schnee.

Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Ein lautes, befreites Lachen entwich meiner Kehle. Speedy streckte langsam den Kopf aus der weißen Pracht; er sah mit den Schneeflocken auf der Nase ein bisschen verwirrt aus. Er kämpfte sich aus dem kalten Haufen heraus und schüttelte sein nasses Fell so kräftig ab, dass es sich regelrecht aufplusterte.

Ich lachte immer noch unbeschwert, als Speedy plötzlich auf mich zuflog. Er ließ den Ball auf halbem Weg fallen, nahm Anlauf und sprang an mir hoch. Durch die Wucht des riesigen Tieres wurde ich komplett umgerissen. Wir fielen beide hinterüber in den tiefen Schnee. Mein Lachen hallte durch die Stille der Bäume. Speedy stellte seine großen Pfoten direkt auf meine Brust und stieß ein leises, wohliges Knurbellen aus. Er sah mich so verspielt an, dass mein Trotz geweckt wurde. Ich packte ihn am Fell und versuchte, ihn umzureißen. Wir rungen eine ganze Weile im Schnee, wirbelten die weiße Pracht auf, bis ich schließlich erschöpft aufzugeben drohte.

Ich ließ mich tief in den Schnee zurücksinken. „Du hast gewonnen, Speedy“, keuchte ich glücklich.

Der Wolf stieß ein glückliches, kurzes Heulen aus und ließ seine Zunge schräg aus dem Maul hängen, bevor er sich über mich beugte und mir hemmungslos quer durch das Gesicht schlabberte. Seine feuchte Zunge kitzelte meine empfindliche Haut so sehr, dass ich abermals lauthals loslachen musste. In diesem Moment war der gesamte Schmerz, der Verrat meines Bruders und die Bedrohung durch die Mafia wie weggewischt. Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen.

(Luke)

Das dumpfe, fröhliche Lachen schnitt scharf durch die eiskalte Stille des Gartens. Ich stand auf der erhöhten Terrasse der Villa, die Hände tief in den Taschen meines schweren Mantels vergraben. Meine lila Augen verengten sich gefährlich zu zwei Schlitzen, während ich die Szene da drüben im tiefen Pulverschnee beobachtete.

Leo lag flach auf dem Rücken. Seine braunen Locken waren voller weißer Schneeflocken, und seine Wangen leuchteten in einem kräftigen, lebendigen Rot von der Kälte und der körperlichen Anstrengung. Und direkt über ihm stand Speedy. Diese brutale, auf das Töten abgerichtete Bestie hatte ihre Pfoten auf Leos Brust gestemmt und leckte ihm hemmungslos über das Gesicht, während Leo sich amüsiert wand und vor Lachen kaum noch Luft bekam.

Eigentlich hätte ich wütend sein müssen. Er hatte das Haus verlassen. Er hatte meine ausdrückliche Warnung wegen des elektromagnetischen Feldes ignoriert und war einfach unüberlegt nach draußen gerannt. Aber als ich so dastand und sein echtes, vollkommen unbeschwertes Lachen hörte, passierte etwas völlig Seltsames in meiner Brust. Mein Besitzanspruch flammte heiß und unbarmherzig auf. Er hatte mich gestern geschlagen, er hatte mich angeschrien, er hatte vor mir geweint – aber er hatte mich noch kein einziges Mal so unbeschwert angestrahlt. Dieses wunderschöne Lachen, diese unbändige Lebensfreude… sie gehörte laut meinen Regeln eigentlich mir. Sie war Teil von Regel Nummer 1: Seine Freude und seine Emotionen existierten nur im Bezug zu mir. Und jetzt schenkte er dieses kostbare Lächeln ausgerechnet einem meiner Wölfe.

Ich stieg langsam die steinigen Stufen der Terrasse hinab. Meine schweren Stiefel versanken tief im Schnee, doch ich bewegte mich so lautlos wie ein Raubtier auf der Pirsch.

Speedy war der Erste, der meine bedrohliche Präsenz bemerkte. Seine Ohren zuckten abrupt nach hinten, er hörte sofort auf zu hecheln und nahm die Pfoten von Leos Brust. Mit gesenktem Kopf und tief eingezogenem Schwanz trottete das mächtige Tier ein paar Schritte zurück in den schützenden Schatten der Tannen. Er wusste ganz genau, wer der unumstrittene Herr in diesem Reich war.

Leo merkte erst jetzt, dass die plötzliche Wärme des Wolfes verschwunden war. Sein Lachen erstarb augenblicklich auf den Lippen. Er drehte den Kopf zur Seite, und als seine blau-grauen Augen mich erblickten, kehrte das nackte, pure Entsetzen in seinen Blick zurück. Er erstarrte mitten im Schnee, während meine zwei Meter große Gestalt bedrohlich über ihm aufragte und ihn komplett beschattete.

Ich schwieg für ein paar Sekunden und sah einfach nur stumm auf ihn herab. Der kleine gelbe Ball lag nur ein paar Zentimeter von seiner Hand entfernt im Schnee.

„Du vergisst meine Regeln viel zu schnell, Leo“, raunte meine tiefe Stimme in der frostigen Luft. Ich ging langsam vor ihm in die Hocke. Die eisige Kälte schien mir absolut nichts anzuhaben, während er dalag und bereits sichtlich vor Frost zitterte. „Ich habe dir erlaubt, das Haus zu erkunden. Ich habe dir definitiv nicht erlaubt, im Schnee mit meinen Waffen zu spielen.“

Ich streckte die Hand aus, packte den Rand seines Lederhalsbandes und zog ihn sanft, aber unnachgiebig ein Stück nach oben, sodass er sich im Schnee aufsetzen musste. Meine Finger strichen dabei über seine eiskalte Haut.

„Aber dein Lächeln…“, flüsterte ich, und ich kam seinem Gesicht so unglaublich nahe, dass mein warmer Atem seine Lippen streifte. Meine lila Augen fixierten ihn absolut besitzergreifend. „…das war wunderschön. Es ist eine verdammt Schande, dass Speedy es vor mir zu Gesicht bekommen hat. Merk dir das für die Zukunft, Welpe: Ich will der Einzige sein, der dich zum Lachen bringt. Und der Einzige, der dich wieder zum Weinen bringt.“

Ich lockerte den festen Griff um sein Halsband, nahm stattdessen seine Hand und zog ihn mit einer einzigen, mühelosen Bewegung auf die Beine. Er war völlig durchnässt vom Schnee.

„Geh rein“, befahl ich ruhig und klopfte ihm im Vorbeigehen etwas Schnee von der Schulter. „Bevor du mir hier draußen noch erfrierst. Wir haben immer noch ein sehr ernstes Gespräch vor uns, und deine vierundzwanzig Stunden laufen unaufhaltsam.“

(Leo)

Das herzerwärmende Gefühl, das Speedy mir gerade noch gegeben hatte, war mit einem Schlag komplett weggewischt. Ich saß im eiskalten Schnee, mein Atem ging schnell und flach, und ich starrte Luke direkt in seine unheimlichen lila Augen. Er hatte mich mühelos auf die Beine gezogen, als wäre ich bloß eine leichte Feder, und stand nun wieder in seiner vollen Zwei-Meter-Größe vor mir. Seine Eifersucht auf einen Wolf war so absolut absurd, aber die besitzergreifende Kälte in seiner Stimme zeigte mir, wie psychopathisch sein Denken wirklich war. Er meinte das todernst. Er duldete keine andere Freude in meinem Leben außer sich selbst.

Mein Trotz flammte durch die bittere Kälte in mir auf, gemischt mit einer verzweifelten, heißen Wut. Ich wollte nicht, dass er mir diesen einen, kleinen Moment des Glücks auch noch madig machte.

Ich machte einen schnellen Schritt zurück, um seiner erdrückenden Nähe zu entkommen, und schlang die Arme fest um meinen nassen Mantel. Ich zitterte am ganzen Körper vor Frost, aber ich sah ihn direkt und mutig an. „Er ist keine Waffe, Luke!“, stieß ich verzweifelt hervor, und meine Stimme überschlug sich fast in der frostigen Winterluft. Ich spürte, wie mir vor lauter Wut die Tränen der Ohnmacht in die Augen stiegen. „Er ist ein Lebewesen! Er hat mir nur einen Ball gebracht! Er war nett zu mir – das Einzige in diesem verdammten Gefängnis, was im Entferntesten nett zu mir ist!“

Lukes Miene veränderte sich kein Stück. Er blinzelte nicht einmal. Er stand einfach nur ungerührt da wie eine unbezwingbare Mauer aus schwarzem Stoff und eiskalter Kontrolle. Seine lila Augen wanderten kurz zu Speedy, der immer noch geduckt und mit angelegten Ohren im Schatten der Tannen saß, und dann wieder zurück zu mir. Dass ich ihm so heftig Kontra gab, schien ihn überhaupt nicht zu stören. Im Gegenteil. Es war, als würde er meinen hilflosen Widerstand regelrecht genießen.

„Er ist nett zu dir, weil ich es ihm erlaube, Leo“, erwiderte er mit dieser unerträglich ruhigen, tiefen Stimme, die mir durch Mark und Bein ging. Er trat wieder einen Schritt vor, verringerte den geringen Abstand zwischen uns vollends und schattierte mich komplett vor dem fahlen Winterlicht. Er hob eine große Hand und strich mir erstaunlich sanft eine nasse, schneebedeckte Locke aus der Stirn. Seine Finger waren kochend warm auf meiner gefrorenen Haut. „Wenn ich ihm den Befehl gebe, dich auf der Stelle zu zerfleischen, tut er es ohne zu zögern. Vergiss das nicht. Jede kleinste Freundlichkeit, die du in diesem Haus erfährst, geht allein von mir aus.“

Er ließ die Hand langsam sinken und deutete mit einem leisen Kopfnicken zur Villa.

„Und jetzt geh rein. Dein Mantel ist durchnässt. Wenn du krank wirst, gefällt mir das ganz und gar nicht.“

Ich presste die Lippen so fest zusammen, dass sie schmerzten. Ich hasste es, wie recht er mit seiner grausamen Logik hatte. Ich hasste es zutiefst, dass ich von ihm abhängig war, selbst wenn es um die Zuneigung der Wölfe ging. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte ich mich um und stapfte mit schweren, wütenden Schritten durch den tiefen Schnee zurück zur Terrasse. Meine Füße waren mittlerweile vollkommen taub, mein Herz raste wild und die Panik wegen Isabels 24-Stunden-Ultimatum kroch sofort wieder mit voller Wucht in meinen Kopf.

Als ich die schwere Glastür zur Villa aufschob, spürte ich Lukes lila Blick ununterbrochen wie eine Last in meinem Rücken. Die warme Luft des Hauses schlug mir entgegen, aber sie schenkte mir keinerlei Geborgenheit. Die Uhr tickte unerbittlich. Und ich hatte immer noch keine Ahnung, wie ich mich und vor allem Isabel aus den Klauen dieses Monsters retten sollte.

Ich stapfte die breite Marmortreppe hoch in den dritten Stock, während der nasse Schnee von meinem Mantel eine verräterische Spur auf die Stufen tropfte. In meinem Zimmer angekommen, riss ich mir die durchnässten Sachen hektisch vom Leib. Mein Blick glitt kurz zu der zerwühlten Daunendecke auf dem Boden, in der mein Handy sicher vergraben lag. Ich widerstand mit aller Kraft dem drängenden Impuls, danach zu greifen. Luke war unberechenbar; vielleicht beobachtete er mich genau in diesem Moment durch eine versteckte Kamera. Ich zog mir einen frischen, warmen Pullover und eine trockene Hose an, schnappte mir ein dickes Buch aus dem Regal und ging direkt wieder nach unten. Ich wollte ihm demonstrieren, dass er mich nicht brechen konnte.

Als ich das riesige Wohnzimmer betrat, hörte ich wieder seine tiefe Stimme. Er stand am großen Panoramafenster, das schwarze Satellitentelefon am Ohr, und blickte hinaus in den verschneiten Wald. Er telefonierte schon wieder mit Adam.

Ich würdigte ihn keines Blickes. Stattdessen ging ich zielstrebig auf die riesige, dunkle Ledercouch zu, ließ mich demonstrativ tief in die weichen Kissen sinken und schlug die Beine übereinander. Ich öffnete das Buch, hielt es mir dicht vor das Gesicht und tat so, als wäre ich vollkommen vertieft in die Zeilen. Es war mein purer, trotziger Protest. Ich wollte ihm signalisieren: Du bist mir egal. Deine Mafia-Geschäfte interessieren mich nicht im Geringsten. Und dein Ultimatum macht mir keine Angst.

In Wahrheit las ich kein einziges Wort. Die Buchstaben verschwammen zu einem einzigen Brei. Mein Herz hämmerte so wild gegen meine Rippen, dass ich das schwere Buch kaum stillhalten konnte. Ich lauschte mit jeder einzelnen Faser meines Körpers auf seine tiefe Stimme.

„…nein, Adam. Wenn die Spur nach Übersee führt, blockier das Konto sofort“, raunte Luke eiskalt in den Hörer. „Ich will den echten Namen des Käufers bis heute Abend auf meinem Schreibtisch haben. Keine Ausnahmen.“

Ein eiskalter Schauer lief mir bei diesen Worten über den Rücken. Die Schlinge um Isabel zog sich unaufhaltsam enger.

Das leise, dumpfe Klack des Telefons verriet mir kurz darauf, dass er aufgelegt hatte. Die Stille, die daraufhin im Wohnzimmer einkehrte, war erdrückend und lähmend. Ich starrte starr auf die gedruckten Zeilen vor mir, bewegte mich keinen Millimeter und hielt das Buch wie ein Schutzschild vor mein Gesicht. Ich hörte seine schweren Schritte auf dem Parkett. Sie kamen näher. Langsam. Unaufhaltsam.

Er blieb direkt vor der Couch stehen. Seine riesige Zwei-Meter-Gestalt nahm mir augenblicklich das gesamte Licht der Stehlampe. Sein Schatten fiel schwer über mich und die weißen Seiten meines Buches. Ich atmete flach, weigerte mich aber strikt, das Buch auch nur einen Zentimeter zu senken oder zu ihm hochzusehen.

Plötzlich spürte ich eine Bewegung. Luke fluchte nicht. Er schimpfte nicht wegen meines offensichtlichen Trotzes. Stattdessen griff er mit seinen großen, warmen Fingern nach der oberen Kante meines Buches und drückte es mit einer beängstigenden, aber sanften Leichtigkeit nach unten, bis er mir direkt in die Augen sehen konnte. Er hatte sich nicht einmal zu mir hinunterbeugt. Er stand in seiner vollen Größe vor mir, die Hände nun entspannt in den Hosentaschen seines schwarzen Anzugs vergraben. Auf seinen Lippen lag wieder dieses hauchdünne, psychopathische Lächeln, das mich innerlich erzittern ließ. Seine lila Augen glänzten vor dunklem Amüsement. Er fand meinen trotzigen Couch-Protest einfach nur niedlich.

„Ein Buch, Leo?“, raunte seine tiefe, samtige Stimme, und der Spott darin war unüberhörbar. „Du versuchst wirklich mit aller Kraft, mich zu ignorieren. Du sitzt hier wie ein bockiges Kind, das hofft, dass das Monster verschwindet, wenn es nur fest genug die Augen verschließt.“

Ich presste die Lippen zusammen und versuchte, das Buch wieder nach oben zu ziehen, aber er blockierte es mühelos mit einem einzigen Finger an der Oberkante.

„Du kannst dich so viel hinter diesen Seiten verstecken, wie du willst, Welpe“, flüsterte er, und sein Blick wurde schlagartig ernst und unendlich besitzergreifend. Er nahm die Hand vom Buch und strich mir stattdessen mit dem Zeigefinger über das Lederhalsband an meiner Kehle. „Aber du hast gerade Adams Bericht gehört. Die Uhr tickt unbarmherzig weiter. Du hast noch knapp zwanzig Stunden, um mir die Wahrheit über Isa zu sagen, bevor ich sie mir selbst hole. Genieß dein Buch, solange du noch die Ruhe dafür hast.“

Er drehte sich um und ging mit ruhigen Schritten hinüber zu seinem Arbeitszimmer, ohne die Tür hinter sich zu schließen. Er ließ mich mit meinem rasenden Herzen und der nackten Panik allein auf der Couch zurück.

Das Buch zitterte so heftig in meinen Händen, dass die Buchstaben vor meinen Augen tanzten. Die Puzzleteile in meinem Kopf rasten im Kreis: Wenn Adam Isabels Konto bis heute Abend knackte, würde Luke sie herholen lassen. Er hatte gesagt, wenn sie mit Ben unter einer Decke steckt, stirbt sie. Luke verstand absolut keinen Spaß, das hatte ich im Casino in aller Brutalität gesehen. Ich musste sie schützen. Jetzt. Auch wenn es bedeutete, dass ich einen Teil meiner Karten aufdecken musste.

Ich schlug das Buch mit einem lauten Klack zu, legte es auf den Couchtisch und stand auf. Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding, aber die nackte Panik trieb mich unaufhaltsam voran. Ich ging auf sein Arbeitszimmer zu. Die Tür stand einladend offen. Als ich die Schwelle übertrat, sah ich ihn an seinem großen Schreibtisch sitzen. Er tippte auf einem Laptop, die Ärmel seines schwarzen Hemdes waren leicht hochgekrempelt. In dem gedimmten Licht des Raumes wirkten seine lila Augen fast dunkel. Er blickte nicht einmal auf, als ich eintrat, aber ich wusste, dass er mein Herannahen schon längst registriert hatte.

„Luke“, meine Stimme klang brüchiger und leiser, als mir lieb war. Ich blieb ein paar Schritte vor seinem wuchtigen Schreibtisch stehen und ballte die Hände zu festen Fäusten in den Taschen meines Pullovers.

Er tippte noch ein letztes Wort, dann klappte er den Laptop mit einer langsamen, vollkommen kontrollierten Bewegung zu. Er lehnte sich in seinem schweren Ledersessel zurück, verschränkte die Finger vor der Brust und fixierte mich schweigend. Dieses hauchdünne, psychopathische Lächeln kehrte auf seine Lippen zurück. Er wusste genau, warum ich hier war. Er hatte das psychologische Schachspiel gewonnen.