Kapitel 13 – Das Gesetz des Don
Kapitel 13 – Das Gesetz des Don
Er weckte mich nicht, indem er das grelle Deckenlicht anknipste oder mich unsanft an den Schultern rüttelte. Er setzte sich mit einer beängstigenden, kalkulierten Ruhe auf meine Bettkante, sodass die schwere Matratze unter seinem enormen Gewicht tief nachgab. Mein eigener Körper rollte durch die Neigung unwillkürlich ein ganzes Stück in seine Richtung, direkt in seine Bannmeile hinein.
Dann beugte er sich tief über mich. Seine zwei Meter Körpergröße schnitten mich augenblicklich komplett von der restlichen Außenwelt ab. Ich spürte die intensive, fast schon erdrückende Wärme, die sein Körper trotz der nächtlichen Kälte ausstrahlte. Er streckte eine große, nackte Hand aus, vergrub die langen Finger überraschend sanft in meinen braunen Locken und zog meinen Kopf ganz leicht nach hinten, während sein Daumen in einer langsamen Bewegung über meine Wange strich. Seine Lippen waren so unerträglich nah an meinem Ohr, dass sein tiefer, samtiger Atem meine Haut regelrecht verbrannte.
„Wach auf, Welpe“, raunte seine Stimme. Sie war so tief und leise, dass mein ganzer Körper augenblicklich in absolute Alarmbereitschaft versetzt wurde. Mein Gehirn schaltete sich auf der Stelle ab, während meine Handflächen unter der Daunendecke feucht wurden.
Ich riss die blau-grauen Augen auf und starrte ihn fassungslos an, unfähig, auch nur ein einziges Wort herauszubringen. Mein Herz hämmerte mir sofort wieder bis zum Hals. Luke ließ mein Kinn nicht los. Seine lila Augen fixierten meine Lippen, die von unserem gestrigen, harten Kuss immer noch leicht gerötet und empfindlich waren. Ein dünnes, gefährliches Lächeln stahl sich auf seine markanten Züge.
„Die vierundzwanzig Stunden sind um, Leo“, sagte er ruhig, und sein Tonfall war vollkommen dominant. „Und wir werden jetzt nicht mehr über deine laute Freundin Isabel reden. Ich habe ihr dein Café gelassen, damit du siehst, dass ich dir jeden Wunsch erfülle, solange du mir gehörst. Aber wir müssen über etwas viel Wichtigeres reden. Über das, was du mir gestern in deiner Panik ins Gesicht geflüstert hast.“
Er beugte sich noch ein Stück weiter vor, bis seine Nasenspitze fast die meine berührte. Ich war wie gelähmt unter seinem Blick.
„Dein erster Kuss“, raunte er, und seine Finger wanderten langsam von meinem Gesicht hinunter zu dem Lederhalsband an meiner Kehle, wo er einen ganz leichten, besitzergreifenden Druck ausübte. „Du hast mir gestanden, dass vor mir noch nie ein Mensch deine Haut oder deine Lippen berührt hat. Du bist vollkommen rein. Und ich werde dir jetzt genau erklären, was das für deine Zukunft in dieser Villa bedeutet. Ich werde der Erste und der Einzige in deinem Leben sein, Leo. Mit jedem einzelnen ersten Mal, das dir noch bevorsteht. Und heute… fangen wir damit an, dass du lernst, wie man dem Don der Unterwelt bedingungslos vertraut.“
Er ließ das Halsband langsam los und klopfte mir zweimal sanft auf die Wange. „Zieh dir etwas Warmes an. Keine Daunendecke, keine Ausflüchte mehr. Wir gehen gleich nach draußen in den Schnee. Nox und das Rudel warten schon – und du wirst heute lernen, wie man Raubtiere führt. Denn wer an meiner Seite leben will, darf vor nichts auf dieser Welt mehr Angst haben. Außer vor mir.“
Mein Kopf fühlte sich an wie ein einziges, chaotisches Trümmerfeld. Er wollte ernsthaft, dass ich Raubtiere führte? Während ich mir mit zitternden Fingern den dicken Pullover, die warme Hose und meine Stiefel anzog, versuchte mein Gehirn verzweifelt zu begreifen, was genau Luke eigentlich vorhatte. Das heftige Kribbeln im Bauch und das rasende Hämmern meines Herzens ließen sich einfach nicht abstellen. Er hatte Isabel das Café gelassen – für mich. Er hatte eine Grenze verschoben. Aber der Preis für dieses Zugeständnis war meine absolute Freiheit. Ich war sein Welpe, der nun von ihm lernen sollte, wie man Bestien zähmte.
Als ich schließlich die breite Marmortreppe hinunterging, wartete er bereits in der riesigen, kühlen Eingangshalle auf mich. Seine zwei Meter Körpergröße wirkten im fahlen, bläulichen Licht des anbrechenden Morgens wie die Silhouette eines mächtigen Dämons. Auf dem harten Marmorboden stand bereits ein großer Metalleimer voller rohem, frischem Fleisch und direkt daneben ein schweres, silbernes Tablett.
Luke sah mich an, und seine lila Augen wanderten in einer langsamen, prüfenden Bewegung an mir herab. Er wirkte eiskalt, vollkommen fokussiert, aber als sein Blick an dem schwarzen Lederhalsband hängen blieb, stahl sich sofort wieder dieses besitzergreifende Glänzen in seine Augen.
„Pünktlich“, raunte seine tiefe, samtige Stimme. Er bückte sich, hob den schweren Eimer mit einer Leichtigkeit an, die mir wieder einmal meine vollkommene physische Unterlegenheit demonstrierte, und reichte mir mit der anderen Hand das schwere Metalltablett. „Nimm das. Und verliere da draußen kein einziges Wort meines Befehls.“
Er öffnete die massive Eingangstür der Villa, und die eisige Winterluft schlug mir sofort brennend in die Kehle. Der tiefe Schnee glänzte unheimlich im ersten, schwachen Licht der Morgendämmerung. Draußen im Garten war es totenstill – bis auf das leise, rhythmische Knurren, das tief aus dem Schatten der verschneiten Tannen drang.
Sobald wir den verschneiten Vorhof betraten, tauchten sie auch schon auf. Fünf riesige, pechschwarze Gestalten schälten sich lautlos aus der Dunkelheit. Nox ging majestätisch voraus, sein dichtes Fell staubte vor feinem Schnee, dicht gefolgt von dem narbigen Cerberus, den Brüdern Hades und Erebos und ganz hinten von Speedy, der bei meinem Anblick kurz aufmerksam die Ohren spitzte. Doch als Luke sich mit seiner massiven Statur aufbaute, blieben alle fünf Wölfe sofort wie angewurzelt stehen. Ihre gelben Augen fixierten uns hungrig, aber voller Respekt vor ihrem Anführer.
Luke stellte den Metalleimer im Schnee ab, baute sich direkt hinter meinem Rücken auf und legte seine großen, warmen Hände fest auf meine Schultern. Seine unmittelbare Nähe strahlte eine erdrückende Hitze aus, die mich trotz der frostigen Temperaturen schwitzen ließ. Seine Lippen waren so unendlich nah an meinem Ohr, dass sein Atem meine Haut verbrannte.
„Hör mir genau zu, Leo“, flüsterte er, und seine Stimme vibrierte vor absolut dominanter Kontrolle direkt in meinem Kopf. „Raubtiere riechen keine Angst. Sie riechen Unsicherheit. Wenn du vor ihnen zitterst, bist du für sie reine Beute. Du wirst jetzt das Tablett flach vor dir halten. Ich werde dir das Fleisch auflegen. Und du wirst Nox mit seinem Namen rufen. Deine Stimme darf dabei nicht brechen. Du weichst keinen einzigen Zentimeter zurück, selbst wenn du seine scharfen Zähne an deiner Handfläche spürst. Du bist das Alpha an meiner Seite, oder du bist gar nichts. Verstanden?“
Ich schluckte schwer. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, und meine Handflächen unter dem schweren Metall wurden augenblicklich feucht vor Angst. Ich starrte in die eisigen Augen des schwarzen Alpha-Wolfs, der langsam und bedächtig einen ersten Schritt auf mich zumachte.
Luke nahm ein großes, blutiges Stück Fleisch aus dem Eimer und ließ es mit einem dumpfen, nassen Klatsch auf mein Tablett fallen. Der metallische Geruch nach Eisen stieg mir sofort intensiv in die Nase. Seine Hände verließen meine Schultern, aber ich spürte seine zwei Meter Statur wie eine unbezwingbare Schutzmauer direkt in meinem Rücken.
„Ruf ihn“, raunte Luke eiskalt von oben herab.
Ich atmete tief die eisige Luft ein, sammelte all meinen verbliebenen Trotz und meine Frustration über die letzten Tage und zwang meine Stimme, so fest und entschlossen wie möglich zu klingen. „Nox. Hierher.“
Der riesige, schwarze Wolf hielt kurz inne. Seine feuchte Nase zuckte, er witterte das frische Fleisch – und dann sah er mir direkt in die blau-grauen Augen. Er kam langsam näher, jeder seiner Schritte im tiefen Schnee war vollkommen lautlos. Als er direkt vor dem silbernen Tablett zum Stehen kam, war er so riesig, dass sein mächtiger Kopf fast an meine Brust reichte. Er entblößte ganz leicht die Fangzähne und stieß ein tiefes, vibrierendes Knurren aus.
Mein ganzer Körper schrie in diesem Moment danach, feige zurückzuweichen. Die nackte Angst lähmte mich fast, aber ich dachte an Lukes unerbittliche Worte. Du bist das Alpha an meiner Seite. Ich krallte meine Finger mit aller Kraft in den kühlen Rand des Tabletts, presste die Lippen fest zusammen und blieb wie eine leblose Statue stehen. Ich wich keinen Millimeter zurück.
Nox schnappte mit einer blitzschnellen Bewegung nach vorn. Seine Zähne schrammten hörbar über das Silber des Tabletts, und seine warme, feuchte Schnauze berührte für den Bruchteil einer Sekunde meine nackten Finger. Mit einem kräftigen Ruck riss er das Fleisch an sich, drehte sich um und trottete stolz zurück, um es im tiefen Schnee zu verzehren.
Ich atmete schlagartig aus, und meine Knie fühlten sich plötzlich an wie weiches Blei. Ich hatte die Anweisung richtig umgesetzt. Ich hatte nicht gezittert, ich war nicht geflohen.
Hinter mir ertönte ein leises, rauhes Lachen, das mir eine extreme Gänsehaut über den Nacken jagte. Bevor ich mich überhaupt umdrehen konnte, schlang Luke einen Arm von hinten fest um meine Taille. Er zog meinen Rücken brutal gegen seine breite Brust und drückte mir mit der anderen Hand das Gesicht sanft nach oben, sodass ich direkt in seine lila Augen sehen musste. Auf seinen Lippen lag ein mörderisch sanftes, absolut triumphierendes Lächeln. „Perfekt, mein kleiner Welpe“, raunte seine tiefe, samtige Stimme, und sein Atem streifte meine Lippen. „Du hast nicht nachgegeben. Du hast gelernt, vor den Bestien zu stehen, weil du weißt, dass die größte Bestie direkt hinter dir steht und dich hält. Und jetzt… machen wir mit den anderen vier weiter. Cerberus wartet schon.“
Ich dachte, das Schlimmste hätte ich bereits hinter mir. Doch Luke dachte gar nicht daran, mich so einfach davonkommen zu lassen. Psychopathen lieben es, die Latte jedes Mal ein Stück höher zu legen, um die Belastbarkeit ihrer Opfer zu testen. Seine großen Hände ruhten schwer auf meinen Schultern, und die Hitze, die von seinem riesigen Körper ausging, war der einzige Schutz gegen die beißende Winterkälte.
„Nox war nur das Aufwärmen“, raunte seine tiefe, samtige Stimme direkt an meinem Ohr, was mir augenblicklich eine heftige Gänsehaut über den Nacken jagte. „Jeder meiner Wölfe fordert eine andere Art von Dominanz. Wenn du an meiner Seite überleben willst, musst du sie alle beherrschen. Als Nächstes ist Cerberus dran. Stell das Tablett weg.“
Ich schluckte schwer und ließ das silberne Tablett in den tiefen Schnee gleiten. Meine Handflächen waren eiskalt, aber mein Herz hämmerte so wild, dass mir heiß wurde. Luke nahm ein zähes, blutiges Stück Fleisch aus dem Eimer und drückte es mir direkt in die nackte Hand.
„Cerberus fütterst du aus der Hand“, befahl er eiskalt von oben herab. „Kein Tablett als Schutz. Du streckst die flache Hand aus und ziehst sie nicht zurück, wenn er seine scharfen Zähne an deine Haut presst.“
Ich atmete tief die frostige Luft ein und rief den narbigen Riesen. Cerberus kam mit langsamen, schweren Schritten näher. Seine gelben Augen fixierten das Fleisch in meiner Hand. Als er zuschnappte, spürte ich den enormen Druck seiner Kiefer und das heiße, feuchte Gefühl seiner Lefzen direkt auf meiner Handfläche. Die nackte Angst schoss mir durch die Adern, aber ich hielt die Hand absolut still. Luke beobachtete jede meiner Muskelbewegungen haargenau. Als Cerberus das Fleisch abriss und zurückwich, atmete ich zittrig aus. Meine Finger waren unversehrt.
„Gut“, kommentierte Luke ruhig. Ein Hauch von diesem dunklen, berauschenden Triumph schwang in seiner Stimme mit. Er gab mir das nächste Stück Fleisch. „Jetzt kommt Hades. Du hältst das Fleisch hinter deinem Rücken. Hades ist hochintelligent. Du musst ihm in die Augen sehen und mit fester Stimme sagen, in welcher Hand du es hältst. Er wird dich umkreisen, aber du drehst dich nicht um.“
Ich versteckte das Fleisch in meiner rechten Hand hinter meinem Rücken. Hades, der Wolf mit den pechschwarzen, klugen Augen, trottete heran. Er begann, mich langsam zu umkreisen. Ich spürte seinen Atem an meinen Beinen, hörte das Knirschen des Schnees hinter mir. Meine Knie fühlten sich an wie weiches Blei, aber ich starrte starr geradeaus. „Rechts, Hades“, sagte ich, und ich war stolz darauf, dass meine Stimme nicht brach. Der Wolf tauchte an meiner rechten Seite auf, stieß seine Schnauze gezielt gegen meine Hand und nahm sich seine Belohnung.
Luke stieß ein leises, amüsiertes Lachen aus, das mir die Sinne vernebelte. Er trat so nah an mich heran, dass sein muskulöser Oberkörper meinen Rücken komplett stützte. Dann nahm er selbst ein Stück Fleisch aus dem Eimer.
„Und jetzt die ultimative Lektion im Vertrauen, Leo“, flüsterte er, und seine großen Finger schoben sich an mein Kinn, um meinen Kopf sanft, aber unnachgiebig nach hinten zu zwingen. Luke hielt mir das Fleisch direkt vor mein Gesicht. Mein Atem stockte. Seine Hand war so nah, das blutige Fleisch fast an meinen Lippen. „Erebos. Komm her.“
Der schüchterne Wolf, der sich sonst immer im Schatten der Bäume hielt, schlich heran. Er witterte die Beute direkt vor meiner Nase. Seine riesige Schnauze kam meinem Gesicht so unglaublich nahe, dass ich seine Barthaare auf meiner Wange spüren konnte. Ich kniff die blau-grauen Augen nicht zusammen. Ich starrte Luke direkt in seine lila Augen, während Erebos das Fleisch millimetergenau von Lukes Hand schnappte, ohne mich auch nur zu berühren. Es war ein bizarrer, hochgefährlicher Moment des absoluten Vertrauens zwischen uns dreien.
„Und zum Schluss… etwas zum Auflockern“, raunte Luke, ließ mein Kinn los und reichte mir das letzte Stück. „Für Speedy wirfst du es wie einen Ball.“
Bei Speedy musste ich unwillkürlich an unser Spiel von vorhin denken. Ich holte aus und feuerte das Fleisch weit in den Garten. Speedy flitzte wie ein geölter Blitz los, sprang ab und fing den Brocken elegant mitten aus der Luft, bevor er glücklich im Schnee landete. Ein kleiner Funken Freude schoss mir durch den Bauch, doch Lukes Reaktion holte mich sofort in die Realität zurück.
Luke trat von hinten an mich heran, schlang einen Arm bombenfest um meine Taille und zog mich brutal eng gegen seine breite Brust. Er hob sein Gesicht an meinen Nacken und sog meinen Geruch tief ein. Auf seinen Lippen lag dieses mörderisch sanfte, psychopathische Lächeln, das mich komplett hilflos machte.
„Du hast jede einzelne Anweisung perfekt umgesetzt, Welpe“, flüsterte seine tiefe, samtige Stimme direkt an meiner Haut, während seine nackten Finger besitzergreifend über das Leder meines Halsbandes strichen. Seine lila Augen brannten vor einem berauschenden Stolz. „Du hast bewiesen, dass du vor meinen Bestien keine Angst hast, weil du tief in deinem Inneren genau weißt, dass die größte Bestie dich im Arm hält. Du hast mir heute bewiesen, dass du bereit bist, mir bedingungslos zu gehorchen. Und jetzt… gehen wir rein. Ich will sehen, wie du zitterst, wenn wir wieder allein im Haus sind.“
(Luke)
Ich drückte die schwere Glastür hinter uns ins Schloss, und die wohlige Wärme der Villa empfing uns. Leo zitterte leicht, seine Wangen waren von der eisigen Luft tiefrot gefärbt und seine blau-grauen Augen wirkten noch größer als sonst. Er war erschöpft von der mentalen Anspannung, die ich ihm da draußen abverlangt hatte, aber in seinem Blick lag dieses berauschende, hilflose Funkeln, das mich seit seinem Geständnis über den ersten Kuss nicht mehr losließ.
Ich gab ihm keine Zeit zum Nachdenken. Ich packte ihn am Handgelenk und zog ihn unnachgiebig mit mir ins Wohnzimmer. Mit einem leichten Stoß drängte ich ihn rückwärts auf die große, dunkle Ledercouch. Leo sank tief in die weichen Kissen und starrte zu mir hoch, während ich mich in meiner vollen Zwei-Meter-Größe über ihm aufbaute, die Knöpfe meines Mantels löste und das Kleidungsstück achtlos zu Boden gleiten ließ.
Mein psychopathisches Verlangen nach ihm war in diesem Moment unerträglich heiß. Da draußen hatte er meine Raubtiere beherrscht, er hatte bewiesen, dass er mein Alpha sein konnte. Und nun war es an der Zeit, sich das zu nehmen, was mir rechtmäßig gehörte. Ich stützte meine Hände links und rechts von seinem Kopf auf die Rückenlehne, beugte mich so tief zu ihm hinunter, dass meine Lippen fast seine Haut berührten. Ich sah, wie sein Herz wild gegen seine Brust hämmerte, wie seine Handflächen feucht wurden. Er war eine vollkommen unbeschriebene Seite. Und ich wollte in diesem Moment jede einzelne Zeile darauf diktieren.
Ein schriller, ohrenbetäubender Sirenenton zerriss schlagartig die Stille der Villa. Das rote Warnlicht an der Decke des Flurs begann im Takt des Alarms heftig zu pulsieren.
Grenzalarm.
Ich fror mitten in der Bewegung ein. Meine lila Augen verengten sich zu zwei eiskalten Schlitzen. Dieser spezifische Alarm ging nur an, wenn ein Fremdkörper die unsichtbare Linie des elektromagnetischen Feldes am Waldrand passierte. Niemand kam ohne meine ausdrückliche Erlaubnis hierher. Niemand war so lebensmüde. Mein Verlangen wich augenblicklich einer mörderischen, fokussierten Wut. Jemand hatte mein Territorium verletzt. Jemand störte mein Spiel.
Ich richtete mich abrupt auf, ließ Leo ohne ein weiteres Wort auf der Couch zurück und ging mit schnellen, schweren Schritten in die Küche zum zentralen Kontrollbildschirm.
Leo sprang regelrecht von der Couch auf und stolperte mir panisch hinterher, die Hände fest um seinen Pullover gekrallt. Seine blau-grauen Augen waren geweitet vor nacktem Schrecken. Er wusste ganz genau, was passierte, wenn Menschen meine Grenzen verletzten. Er hatte Gennaros blutiges Schicksal im Casino miterlebt.