LNCrawler

Kapitel 18 Die Herrschaft des Schattens

Café Und Mafia — www.fanfiktion.de · All chapters

Kapitel 18 Die Herrschaft des Schattens

Ich sah Speedy an, der leise und friedlich im Schlaf fiepte, während er seinen Kopf auf meinem Kissen abgelegt hatte. Ich konnte in diesem Moment einfach nicht anders; ich streckte vorsichtig die Hand aus und kraulte ihn ganz sanft hinter den Ohren. Das weiche, dunkle Fell puffte unter meinen Fingern sofort ein Stück weit auf, und der Wolf stieß ein tiefes,  zufriedenes Seufzen aus, ohne auch nur ein einziges Mal die Augen zu öffnen. Dann wanderte meine Hand langsam hinunter zu Nox. Ich strich dem großen, mächtigen Alpha behutsam über die breite Flanke, spürte die unbändige, gefährliche Kraft der Muskeln unter seiner dichten Haut und kuschelte mich unwillkürlich noch ein Stück enger an sein warmes Fell. Sie hatten mich gestern im dichten Wald beschützt. Sie hatten mich getröstet, als meine gesamte vertraute Welt in Schutt und Asche zusammengebrochen war.

Klopf. Klopf.

Das leise, merklich verhaltene Geräusch an der schweren Eichentür zerriss die friedliche Stille des Raumes wie ein scharfer Schnitt. Sofort zuckten Nox’ Ohren flach nach hinten. Er hob augenblicklich den mächtigen, breiten Kopf, und auch Cerberus schlug im selben Moment seine gelben Augen auf. Das gesamte Rudel war in Sekundenschnelle hellwach, angespannt und bereit, aber keines der Tiere knurrte. Sie warteten ab.

Mein Herz fing sofort wieder an, in einem rasenden Tempo zu klopfen, und das vertraute, heiße Kribbeln in meinem Bauch flammte wieder auf. War es Luke? Wollte er seine dunkle Drohung von gestern Abend nun endgültig wahrmachen und mir zeigen, was es bedeutete, wenn er sich einfach nimmt, was ihm laut seinen Regeln rechtmäßig gehört?

Die Klinke senkte sich langsam und bedächtig nach unten. Die schwere Tür öffnete sich einen Spalt breit, und eine Gestalt schlüpfte vorsichtig und leise herein. Es war nicht Luke. Es war Isabel.

Sie trug immer noch den viel zu großen, geliehenen Pullover, ihre wilden braunen Haare waren provisorisch zusammengebunden und ihr rechter Arm war frisch und ordentlich verbunden. Sie sah unglaublich müde aus. Doch als sie das riesige Bett erblickte und mich, wie ich mitten im Kreis von fünf riesigen Raubtieren saß –, fror sie auf der Schwelle komplett ein. Jede Bewegung erstarb. Ihre tiefbraunen Augen weiteten sich vor blankem Entsetzen.

„O-Oh mein Gott, Leo…“, flüsterte sie so leise, dass es in der Stille des Zimmers kaum zu hören war. Sie klammerte sich verzweifelt am hölzernen Türrahmen fest, als würde sie vor Schock jeden Moment umkippen. „Du… du liebst das Risiko neuerdings auch irgendwie, oder? Beweg dich bloß nicht.“

„Isa!“, rief ich gedämpft und versuchte, mich vorsichtig aufzurichten, was Cerberus mit einem leisen, tiefen Schnauben quittierte, als er seinen narbigen Kopf langsam von meinen Beinen hob. „Es ist alles gut, sie tun mir nichts. Komm rein.“

Isabel schluckte mühsam den Speichel hinunter, machte zwei extrem vorsichtige Schritte weiter in den Raum hinein und schloss die schwere Tür hinter sich. Sie hielt einen riesigen Sicherheitsabstand zu den Wölfen, die sie mit ihren klugen, gelben Augen ununterbrochen fixierten.

„Der… der Riese hat mich hochgeschickt“, stammelte sie leise, und ihre Stimme zitterte ganz leicht vor lauter Nervosität. Sie sah mich mit einem  besorgten Blick an, der mir das Herz schwer machte. „Luke ist unten in der Küche. Er macht Frühstück für uns alle. Er hat gesagt, ich soll dich wecken und wir sollen zusammen runterkommen. Leo… er hat mich die ganze Nacht im Gästezimmer eingesperrt. Er hat mich gestern noch stundenlang über Ben ausgequetscht. Wir müssen reden, bevor er uns wieder jede Sekunde im Auge behält.“

Kaum hatte Isabel den zweiten Schritt auf mein Bett zugemacht, veränderte sich die Luft im Zimmer schlagartig. Die friedliche Wärme war in einer Zehntelsekunde verflogen, ersetzt durch eine eiskalte, tödliche Anspannung. Nox’ Ohren legten sich flach an seinen mächtigen Schädel. Er richtete sich langsam und drohend auf, und aus seiner tiefen Brust drang ein dumpfes, markerschütterndes Grollen, das die gesamte Matratze spürbar erzittern ließ. Auch Cerberus hob den narbigen Kopf, fletschte gefährlich die Zähne und entblößte seine messerscharfen Fänge. Hades und Erebos sprangen lautlos von der Matratze und bauten sich wie zwei dunkle Schatten direkt vor Isabel auf. Ihre gelben Augen fixierten sie unnachgiebig. Das Rudel duldete es  nicht, dass sich ein Fremdling mir näherte. Für sie war ich ihr Welpe, den es bedingungslos zu beschützen galt und Isabel war in diesem Moment die Gefahr.

Isa fror mitten in der Bewegung ein. Jede Farbe wich aus ihrem Gesicht, und sie wurde so kreidebleich, dass sie im fahlen Licht fast transparent wirkte. Ihr rechter, verletzter Arm zitterte so heftig, dass der Verband leise raschelte.

Mein Herz hämmerte mir augenblicklich bis zum Hals. Die nackte Panik schoss mir durch die Glieder. Wenn sie jetzt schrie oder unüberlegt weglief, würden die Wölfe sie jagen. Und ohne Lukes Befehl würden sie nicht mehr aufhören.

„Isa…“, flüsterte ich mit erstickter, panischer Stimme. Ich hob langsam die Hände, um ihr zu signalisieren, dass sie sich nicht bewegen durfte, während ich mich vorsichtig an Nox’ massiver Flanke vorbeischob. „Isa, beweg dich nicht. Keinen einzigen Zentimeter. Atme ganz tief aus und zeig ihnen auf gar keinen Fall deine Angst, hörst du? Raubtiere riechen das sofort.“

Isabel schluckte hörbar, ihre Pupillen waren maximal geweitet vor Angst. Sie presste die Lippen so fest zusammen, dass sie weiß anliefen. Sie tat genau das, was ich sagte: Sie stand da wie eine leblose Statue, starr vor Schreck, vollkommen unfähig, auch nur zu blinzeln.

„Du musst… du musst umkehren“, raunte ich, und der kalte Schweiß trat mir trotz des Winters auf die Stirn. Ich spürte Hades’ warmen Atem nur einen Meter von ihren Beinen entfernt. „Geh ganz langsam rückwärts zur Tür. Und dann hol Luke. Hol ihn sofort, Isa! Bevor sie dich zerfetzen! Er ist der Einzige, auf den sie hören!“

Isa gab ein winziges, fast unhörbares Wimmern von sich. Der absolute Problemfall, der gestern noch mit Anwälten gedroht hatte, war komplett gebrochen vor nackter Angst. Sie verstand die tödliche Gefahr in diesem Raum. Mit einer unheimlichen, quälend langsamen Bewegung schob sie einen Fuß nach hinten, ohne den Blick von den zähnefletschenden Wölfen abzuwenden. Sie tastete mit der Hand nach der Klinke hinter ihrem Rücken.

In diesem Moment ertönten schwere, ruhige Schritte auf dem Flur. Die Schritte, die ich mittlerweile unter Tausenden heraushören würde. Die Tür wurde von außen komplett aufgestoßen.

Lukes zwei Meter große Gestalt baute sich im Rahmen auf. In den Händen trug er entspannt ein großes Tablett mit dampfendem Frühstück. Seine lila Augen wanderten in Sekundenschnelle über die Szene: die knurrenden Wölfe, die zitternde Isabel an der Wand und ich, der mitten im Bett saß und um das Leben seiner Freundin bangte. Ein dünnes, mörderisch sanftes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Das psychopathische Amüsement war sofort zurück in seinen markanten Zügen. Er genoss dieses Bild der absoluten Kontrolle über uns alle.

„Nox. Hades. Zurück“, befahl seine tiefe, samtige Stimme. Es war kein Schreien, nur ein ruhiges Raunen aber es wirkte auf die Tiere wie ein unbrechbarer Zauber.

Das Knurren von Nox erstarb augenblicklich. Hades und Erebos machten kehrt, trotteten gehorsam zurück zum Bett und legten sich mit einem tiefen Schnauben wieder hin. Die Bestien waren augenblicklich gezähmt. Luke trat an der völlig fertigen Isabel vorbei, stellte das Tablett auf dem Tisch ab und baute sich vor meinem Bett auf. Sein riesiger Schatten verschluckte mich komplett, und als sein Blick mein eng anliegendes Lederhalsband streifte, blitzte dieser dunkle,  intensive Besitzanspruch wieder in seinen Augen auf.

„Ich sehe, mein Rudel leistet hervorragende Arbeit, um mein Eigentum zu beschützen“, sagte er ruhig und sah von oben herab auf mich, während Isabel sich keuchend an die Wand sacken ließ, um nicht umzukippen. „Guten Morgen, Leo. Ich hoffe, du hast gelernt, wer hier draußen wirklich die Regeln diktiert.“

Ich presste die Lippen zusammen und starrte wütend zu seiner zwei Meter großen Gestalt hoch. Die Erleichterung darüber, dass Isa noch lebte, schlug augenblicklich in pure, heiße Frustration um. Er hatte dieses Szenario genau kalkuliert.

„Du wusstest das“, sagte ich, und ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme trotzig und leicht sauer klang. Ich kniff die blau-grauen Augen wütend zusammen. „Du wusstest ganz genau, dass ich noch nicht weiß, wie man sie zurückruft. Deswegen hast du Isa absichtlich allein hierhergeschickt, richtig? Du wolltest ihr Angst einjagen.“

Luke rührte sich keinen Millimeter. Er stand  entspannt am Bettende, die Hände nun locker in den Hosentaschen vergraben. Bei meinen Worten legte er den Kopf ein Stück schief, und dieses hauchdünne, psychopathische Lächeln kehrte auf seine Lippen zurück. Seine lila Augen glänzten vor unbarmherzigem Amüsement. Er liebte es einfach, wenn ich seine Gedankengänge durchschaute.

„Ein Don überlässt  nichts dem Zufall, Leo“, raunte seine tiefe, samtige Stimme im stillen Raum. „Deine Freundin musste lernen, dass sie hier drinnen nichts zu melden hat. Und du… du hast deine Lektion von gestern perfekt umgesetzt. Du hast keine Angst gezeigt. Du wirst ein immer besseres Alpha für mein Rudel.“

Das Wort Alpha ließ augenblicklich eine bizarre, intensive Hitze durch meinen gesamten Bauch schießen, aber noch bevor ich dieses emotionale Gefühlschaos überhaupt ansatzweise verarbeiten konnte, explodierte die Situation direkt neben uns.

Isas Schockstarre an der kühlen Wand löste sich schlagartig auf. Als sie Lukes arrogantes, ungerührtes Geständnis hörte, brannte bei ihr jede einzelne Sicherung durch. Ihr Hang zum absoluten Problemfall überrollte jede Vernunft und jede Vorsicht. Ihre karamellfarbene Haut rötete sich vor blanker, unbändiger Wut.

„Du mieses, riesiges Stück Dreck!“, schrie sie lautstark auf, ballte die Hände zu festen Fäusten und wollte wütend und blind vor Zorn direkt auf Luke zustürmen. „Du hättest mich fast von deinen Viechern zerfleischen lassen, nur für deine kranken Machtspielchen?! Ich bring dich um, du…“

Sie war nicht mal zwei Schritte weit gekommen.

WROOOOARRR.

Ein ohrenbetäubendes, synchrones Fauchen und Knurren zerriss die Luft im Zimmer. Alle fünf Wölfe schossen gleichzeitig wie aus Kanonen gefeuert in die Höhe. Nox fletschte so brutal die Zähne, dass sein rosa Zahnfleisch drohend zu sehen war. Cerberus baute sich knurrend auf dem Bett auf, während Hades, Erebos und Speedy mit flach angelegten Ohren direkt vor Luke sprangen und eine unüberwindbare Wand aus dunklem Fell und fletschenden Fangzähnen bildeten. Sie verteidigten ihren Schöpfer, ihren wahren Alpha, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern.

Isa stieß einen spitzen, gellenden Schrei aus. Die Wut war in einer einzigen Millisekunde wie weggewischt. Sie machte eine filmreife Kehrtwende und flitzte im Bruchteil einer Sekunde im Krebsgang zurück in die äußerste Ecke des Raumes. Sie drückte sich so fest an die Wand, als wollte sie mit der Tapete verschmelzen, und atmete panisch in kurzen, flachen Zügen.

Ich schlug mir fassungslos eine Hand vor das Gesicht und stöhnte leise auf. „Isa, bitte… ich habe dir doch gesagt, du sollst dich hier drin nicht hektisch bewegen.“

Luke stieß ein tiefes, rauhes Lachen aus, das mir eine heftige Gänsehaut über den Nacken jagte. Er machte eine einzige, kleine Handbewegung, ohne die Wölfe überhaupt direkt anzusehen. „Down.“

Die fünf Raubtiere beruhigten sich augenblicklich wieder. Nox ließ sich mit einem tiefen Schnauben neben mir auf die Matratze sinken, hielt seine gelben Augen aber unnachgiebig auf die zitternde Isa im Eck gerichtet. Luke trat einen Schritt näher an mein Bett heran, sodass sein riesiger Schatten mich komplett verschluckte. Er strich mir mit zwei Fingern erstaunlich sanft über das Lederhalsband an meiner Kehle und zwang mich, zu ihm aufzusehen.

„Sie lernt es einfach nicht, dein kleiner Problemfall“, flüsterte er direkt an meinen nassen Lippen, und sein Blick wurde  besitzergreifend. „Aber du… du bleibst schön ruhig. Und jetzt essen wir. Isa, komm aus deiner Ecke und setz dich an den Tisch, bevor ich Nox erlaube, dein Frühstück zu fressen.“

Als sich der ohrenbetäubende Lärm gelegt hatte und die Wölfe sich wieder beruhigt hatten, herrschte eine dicke, fast physisch greifbare Stille im Zimmer. Luke ging hinüber zu dem kleinen Tisch am Fenster und setzte sich auf einen der Holzstühle. Seine zwei Meter Körpergröße wirkten auf dem Möbelstück fast schon absurd, aber er strahlte eine so unerschütterliche, eisige Eleganz aus, dass man den Blick nicht von ihm abwenden konnte.

Isa löste sich zitternd aus ihrer Ecke. Ihre tiefbraunen Augen brannten immer noch vor stummem Zorn, aber nach der zweiten harten Lektion durch das Rudel riskierte sie vorerst keine laute Lippe mehr. Sie schlich vorsichtig zum Tisch und setzte sich so weit wie möglich von Luke entfernt hin. Ihr Teller mit dem Rührei stand vor ihr, aber sie rührte die Gabel nicht an.

Ich blieb auf dem Bett sitzen, die Daunendecke über meine Beine gezogen. Die Raubtiere hatten mich sofort wieder in ihre schützende Mitte genommen. Cerberus legte seinen schweren, narbigen Kopf auf meinen Schoß, während Speedy und Erebos sich eng an meine Flanken schmiegten und ihre wohlige Wärme an mich abgaben. Nur Nox lag kerzengerade da. Seine gelben, klugen Augen waren unnachgiebig auf Isa gerichtet, und jede ihrer kleinsten Bewegungen am Tisch wurde von dem pechschwarzen Alpha-Wolf genauestens seziert.

Ich strich Nox geistesabwesend über das dichte Fell am Nacken, spürte das Lederhalsband an meiner eigenen Kehle und sah zu Luke hinüber. Eine Frage ging mir schon seit dem Moment draußen im Schnee nicht mehr aus dem Kopf.

„Luke…?“, brach ich leise die drückende Stille. Mein Herz klopfte ein bisschen schneller. „Warum nennst du mich eigentlich Alpha? Also… als du da draußen im Schnee mit mir gesprochen hast. Wäre ich nicht viel eher der Beta? Ich meine… du bist der Don, du befehligst das Rudel und du kontrollierst  alles hier. Du bist der Alpha.“

Luke hielt mitten in der Bewegung inne. Er hatte gerade seine Kaffeetasse angehoben, stellte sie jetzt aber mit einem leisen, langsamen Klack auf dem Holz ab. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die langen Finger vor der Brust und fixierte mich ruhig mit seinen lila Augen. Das hauchdünne, psychopathische Lächeln kehrte auf seine Lippen zurück. Er genoss es sichtlich, dass ich über seine Hierarchie nachdachte.

Bevor er jedoch antworten konnte, ertönte Isas Stimme. Ihr Hang zum Problemfall war einfach nicht totzukriegen, selbst wenn sie nackte Angst hatte. Sie schnaubte leise und warf mir einen fassungslosen Blick zu.

„Leo, ernsthaft?“, flüsterte sie kopfschüttelnd über den Tisch. „Du diskutierst mit deinem Entführer über Wolfs-Rangordnungen? Für mich bist du hier eher die eingesperrte Prinzessin und er der Drache, der die Höhle bewacht. Du bist ganz sicher kein Alpha, du bist schlicht sein Gefangener.“

„Schweig, Isabel“, raunte Luke eiskalt, ohne den Blick auch nur eine Sekunde von mir abzuwenden. Seine Stimme war so unbarmherzig ruhig, dass Isa augenblicklich den Mund schloss und wütend auf ihr Rührei starrte. Luke beugte sich ein Stück über den kleinen Tisch vor, und seine lila Augen brannten sich tief in meine blau-grauen.

„Ein Beta ist ein Mitläufer, Leo“, erklärte er mit seiner tiefen, samtigen Stimme, die mir eine extreme Gänsehaut über den Rücken jagte. „Ein Beta gehorcht aus Angst oder aus reinem Zwang. Er ordnet sich unter, weil er schwach ist. Aber du? Du hast gestern meine Hand grob weggestoßen. Du hast mich geschlagen, du hast mich angeschrien, und du bist heute Morgen ohne zu zögern vor meine Wölfe getreten, um das Fleisch flach aus deiner nackten Hand fressen zu lassen.“ Er machte eine kurze Pause, und sein Blick wanderte bedeutungsvoll über die Raubtiere, die sich so friedlich an mich drückten. „Siehst du sie nicht an, Welpe? Meine Wölfe fressen normalerweise Menschenfleisch, wenn ich es ihnen befehle. Sie akzeptieren niemanden außer mir. Aber vor dir kuschen sie. Sie wärmen dich, sie beschützen dich vor Isabel und sie erkennen dich an. Ich bin der Alpha dieses Hauses und meiner Organisation, das ist wahr. Aber du bist nicht mein Untertan. Du bist das Alpha an meiner Seite. Du bist die einzige Person, der ich erlaubt habe, mein Rudel zu führen. Ein Beta bist du ganz sicher nicht. Du bist mein ebenbürtiges Gegenstück.“

Ich starrte ihn mit großen Bambi-Augen an, vollkommen unfähig, auch nur ein einziges Wort herauszubringen. Das verrückte, intensive Kribbeln in meinem Bauch explodierte schlagartig wie ein Lauffeuer. Seine Worte waren so  besitzergreifend, so  dominant, aber der Gedanke, dass er mich als sein ebenbürtiges Gegenstück sah, jagte mir eine Hitze durch den Körper, die mich völlig fassungslos machte.

Ich wich seinem Blick überfordert aus, blickte hinunter zu Cerberus und flüsterte leise, um meine Verwirrung zu verbergen: „Ein ebenbürtiges Gegenstück mit einer Leine um den Hals…“

Luke stieß ein tiefes, rauhes Lachen aus, das die eisige Anspannung im Raum fast schon gemütlich wirken ließ. „Die Leine sorgt nur dafür, dass mein schönes Gegenstück nicht vergisst, wo sein Zuhause ist, Leo. Und jetzt iss dein Frühstück.“

Isa schaute auf meinen Teller, den Luke mir hingestellt hatte, und zog skeptisch eine Augenbraue hoch. Ihr Blick wanderte von dem Essen zu mir und wieder zurück. Ein anzügliches, ungläubiges Grinsen stahl sich auf ihre Lippen, das jede Angst vor den Wölfen für einen kurzen Moment komplett verdrängte.

„Sag mal, Leo…“, fing sie laut an und deutete vielsagend mit der Gabel auf mein Frühstück. „Ist das eigentlich ein verdammter Zufall, dass auf deinem Teller genau zwei gekochte Eier und ein ziemlich langes Würstchen liegen? Obwohl du weder gekochte Eier noch Würstchen überhaupt gerne isst?“