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Kapitel – Kalte Spuren

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Kapitel – Kalte Spuren

Leo

Ich legte mich entspannt auf mein viel zu kleines Einzelbett und schaltete den Mini-Fernseher an. Ein riesiges Glück hatte ich immerhin: Ich konnte die Streaming-Dienste des vorherigen Bewohners nutzen. Der hatte dummerweise seine Passwörter direkt in die Wand über dem Fernseher geritzt, sodass ich problemlos gucken konnte, was ich wollte. Ich entschied mich für Friends, da ich die Serie schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte, und lehnte mich gemütlich zurück.

Luke

Ich wachte an diesem Morgen auf, weil meine Hunde mir allesamt quer durch das Gesicht schlabberten. Ich schob die pelzigen Riesen sanft beiseite. Ich musste ihnen irgendwann mal Namen geben, aber das konnte definitiv warten. Ich zog meinen schwarzen Bademantel an und lief die große Wendeltreppe hinunter in die Küche, dicht gefolgt von meinem Rudel. Ich öffnete die gläserne Schiebetür und ließ die fünf Tiere raus in den Wald. Jeder von ihnen trug ein spezielles Halsband, das es ihnen unmöglich machte, die Grenze meines Territoriums zu überqueren, es sei denn, ich schaltete das elektromagnetische Feld per Fernbedienung aus.

Ich ging zu meiner Kaffeemaschine und musste unwillkürlich schmunzeln. Sie erinnerte mich sofort an den Jungen von gestern – Leo. Ich fragte mich, ob er heute wohl auch wieder arbeiten würde und ob ich mal bei ihm vorbeischauen sollte. Ich trank meinen Espresso in einem Zug aus und ging zum Kühlschrank. Ich schnappte mir eine Gurke und fünf saftige Steaks. Die Steaks schnitt ich in kleine Stücke und drapierte sie auf einem hölzernen Tablett. Währenddessen schnitt ich die Gurke und aß sie genüsslich auf. Morgens brauchte ich eigentlich nie mehr als eine Gurke.

Ich ging in mein Zimmer zurück, um mich fertigzumachen. Ich zog eine bequeme Jogginghose und einen gefütterten Hoodie an, schnappte mir meinen Mantel und schlüpfte in die Stiefel. Mit dem Tablett in der Hand lief ich ein Stück in den Wald hinein. Ich versteckte hier und da ein paar Brocken Fleisch im Geäst, bis das Tablett leer war. Ich wusste, dass die Hunde kein Extrafutter brauchten, da sie hervorragende Jäger waren, aber das sollte eine kleine Übung für sie sein, wie man an höher gelegene Beute gelangte. Die Hunde waren speziell dafür ausgebildet worden, mich zu beschützen. Sie waren genetisch so optimiert, dass sie mindestens achtzig Menschenjahre lebten. Da ich sie erst zu meinem achtzehnten Geburtstag als Welpen bekommen hatte, würden sie höchstwahrscheinlich genauso alt werden wie ich selbst. Diese Tiere waren waschechte Killer. Sie griffen alles und jeden an, den sie für eine Bedrohung hielten oder sobald ich den Befehl dazu erteilte. Sie hatten mir schon oft gute Dienste erwiesen, vor allem bei meinen Drogengeschäften oder den Abkommen mit ein paar Unterbossen. Manchmal ließ ich auch Verräter im Wald frei und versprach ihnen: Wenn sie lebendig hier herausfanden, waren sie frei. Es war immer wieder ein Spaß, ihnen dabei zuzusehen, wie sie um ihr Leben rannten, in dem festen Glauben, zu überleben – und das nackte Entsetzen in ihren Augen zu sehen, wenn sie merkten, dass sie keine Chance hatten. Ihre Schreie waren wie Musik in meinen Ohren, sobald einer der Wölfe sie entdeckte und zubiſs.

Plötzlich klingelte mein Handy. Ich fummelte es aus meiner Manteltasche, was mit den schweren, schwarzen Lederhandschuhen gar nicht so einfach war. Ich nahm ab. „Was gibt’s, Adam?“

„Guten Morgen, Chef“, ertönte Adams Stimme. „Also, ähm… wie soll ich es sagen? Ein kleiner Drogen-Dealer spielt sich gerade ziemlich auf. Er will unbedingt mit dir reden, weil er denkt, du hättest ihn beschissen und unsere Lieferung Kokain wäre nicht rausgegangen.“

Ich seufzte schwer. Dass Adam mich in dieser Frühe belästigte, war nervig, vor allem mit solchen Kindereien. Wäre es ein anderer gewesen, der mich gestört hätte, hätte ich ihn einen Kopf kürzer gemacht. Aber es war Adam – mein bester Freund seit Kindertagen und die einzige Person, der ich voll und ganz vertraute. Gleichzeitig war er mein Assistent. Es ärgerte mich zwar, aber ich wusste, dass er keine Absicht hatte, Probleme zu verursachen. Er war noch recht unbeholfen in solchen Sachen, da er den Job erst seit einem Jahr machte. Aber gut, irgendwie war das auch seine eigene Schuld. Er wollte ja damals nicht, dass ich ihm einfach Geld lieh. Nein, er wollte es sich unbedingt selbst verdienen. Dabei brauchte er das verdammte Geld doch so dringend, um seiner Mutter zu helfen. So war er eben, daran konnte ich nichts ändern.

„Ich bin in fünf Minuten da. Stellt ihn so lange ruhig. Ich nehme an, du bist nicht alleine?“

„Nein, Donevan und Tahyn sind bei mir“, antwortete Adam. „Soll ich es sie regeln lassen?“

„Ja“, stimmte ich zu. „Bis gleich, ich komme so schnell es geht. Ach, und such online die Bestelllisten raus. Ich habe das Gefühl, er bescheißt uns.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, legte ich auf und stapfte durch den tiefen Schnee direkt zu meiner Tiefgarage. Ich legte den dicken Mantel ab und hängte ihn an einen Haken. In meiner Garage stand eine riesige Auswahl an Sportwagen, Jeeps und Motorrädern. Ich entschied mich heute für mein absolutes Lieblingsmotorrad: eine schwarze Kawasaki Ninja H2R / H2 Carbon. Bei den Autos sah das anders aus, da hatte ich insgesamt nur vier absolute Favoriten, natürlich alle in edlem Schwarz: einen Bugatti La Voiture Noire, einen Lamborghini Revuelto in Mattschwarz, einen Rezvani Hercules 6x6 und meinen kleinen Liebling, einen Brabus Rocket 900. Von den Motorrädern besaß ich hingegen deutlich mehr.

Ich ging zu der Wand und drückte zwei Knöpfe. Zwei Geheimschränke öffneten sich lautlos. In dem einen befanden sich Helme, in dem anderen ein ganzes Waffenarsenal. Ich entschied mich für einen Icon Airflite Rubatone Helm, nahm mir ein Holster von der Wand und befestigte es geschickt. Ich steckte meine FK Brno Field Pistol hinein, setzte den Helm auf und stieg auf meine Kawasaki. Ich startete den Motor, der kraftvoll aufheulte, und fuhr aus der Tiefgarage.

Ich jagte den engen Waldweg entlang. Einer meiner Wölfe rannte aufmerksam neben mir her und bellte freudig, bis wir nach einer Weile die Grundstücksgrenze erreichten. Dort blieb er abrupt stehen und wandte sich wieder um. Ich fuhr immer weiter. Wie sehr ich es doch vermisst hatte, selbst zu fahren!

Als ich vor der Lagerhalle anhielt und abstieg, hörte ich den Tumult im Inneren bereits von weitem. Ich seufzte genervt und stieß die schwere Tür auf. Drinnen lag ein kleiner, fetter Mann auf dem Boden, schätzungsweise Ende dreißig. Er hatte rotes Haar und wimmernte erbärmlich. Sein Körper war übersät mit Schnittwunden und blauen Flecken. Über ihm standen zwei meiner großen Jungs, während Adam bequem in einem Sessel saß und auf seinem Handy Hay Day spielte.

Ich sah ihn streng an. „Adam, hast du gerade wirklich nichts Besseres zu tun, als dieses dumme Spiel zu spielen?“

Adam blickte erschrocken auf. Seine grünen Augen weiteten sich ein wenig, als er mich bemerkte, und er stammelte sofort: „Also… ähm…“

Ich seufzte tief. „So. Wo ist jetzt das Problem?“

Adam stand hastig auf. „Nun, also… er hat versucht, uns aufs Ohr zu legen.“

Ich zog eine Augenbraue hoch. Dieses Wort hatte er ja noch nie benutzt. „Was?“

„Ich lerne gerade Jugendsprache“, erklärte Adam stolz. „Das ist voll goofy.“

Ich hob abwehrend die Hand. „Nein, stopp. Hör auf damit. Das klingt ja schrecklich. Rede bitte einfach ganz normal.“

Er nickte einsichtig. „Ich wollte dich gerade anrufen, um zu fragen, ob wir ihn auf Eis legen sollen.“

Ich überlegte kurz und schüttelte den Kopf. „Geldstrafe. Es war das erste Mal, nehme ich an? Dann lassen wir die beiden hier noch ein wenig Spaß haben. Er muss uns bis nächste Woche eine Million bringen. Wenn nicht, darfst du deinen Spaß mit ihm haben, okay?“

Adam nickte eifrig und fragte dann: „Du, hast du Lust, einen Kaffee trinken zu gehen? Ich bin irgendwie ziemlich müde.“

Ich grinste bei dem Gedanken. „Ich kenne den perfekten Laden.“

Wir schritten nach draußen. Adam stieg in seinen schlichten, schwarzen Audi RS6 Avant, den ich ihm zum Geburtstag geschenkt hatte – da er sonst mit dem Bus gefahren wäre und ich so etwas bei meinem besten Freund nicht duldete. Er fuhr mir hinterher, und kurz darauf parkten wir direkt vor dem kleinen Café Leos. Wir öffneten die Tür, und ich nahm meinen Helm ab. Doch die Person, von der ich so sehr gehofft hatte, dass sie da wäre, stand nicht hinter der Theke. Stattdessen bediente dort eine kleine, braunhaarige Frau, die ungefähr in Leos Alter war. Auf ihrem Namensschild stand Isabel.

Wir gingen zum Tresen. „Einen Latte bitte. And für Adam einen Schokochino.“

Die Frau errötete leicht unter meinem Blick und nickte eifrig. „Natürlich, kommt sofort.“

Wir setzten uns an einen Tisch am Fenster. Adam sah sich neugierig um. „Woher kennst du diesen Laden? Der ist ja echt süß.“

„Ich war gestern hier und er hat mir gefallen“, erwiderte ich kurz angebunden.

Adam zog vielsagend die Augenbrauen hoch. Ich nickte nur stumm, sah verträumt und mit einer deutlichen Spur Enttäuschung aus dem Fenster. Er war nicht hier, dabei hätte ich ihn doch so gerne wiedergesehen.

Leo

„Hatschi!“

Ich schnäuzte erschöpft in ein Taschentuch. Ich musste jetzt schon seit einer gefühlten halben Stunde ununterbrochen niesen. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. War ich etwa krank? Ich setzte mich mühsam auf und ging zum Medizinschrank, um mir irgendetwas gegen den aufkommenden Schnupfen zu holen. Zu meiner Enttäuschung fand ich zwischen den staubigen Regalböden aber nur Pflaster und Desinfektionsmittel. Ich stöhnte verzweifelt auf. „Dann muss ich wohl raus und mir was besorgen“, raunte ich frustriert in den kalten Raum. „An meinem freien Tag… wie nervig.“ Ich zog mir schnell meine warmen Sachen an, wickelte mir den Schal um den Hals und machte mich auf den Weg. Vielleicht sollte ich noch mal beim Café vorbeischauen und mir einen heißen Tee bestellen. Ja, genau das würde ich machen.

Ich schritt schnurstracks in den Kombini neben meinem Café und holte mir schnell Nasenspray, Hustensaft, Propolishonig, Spenglersan sowie Eukalyptusöl. An der Kasse verabschiedete ich mich von der netten Frau und schritt durch die Tür meines eigenen Cafés. Kaum hatte ich den Laden betreten, quietschte Isabel auch schon laut auf und stürmte mit großen Schritten auf mich zu. Sie schlang die Arme um mich. „Ich bin so froh, dass du da bist! Ich muss dir so viel erzählen. Ich und Bela… wir haben es getan!“

Ich zog skeptisch die Augenbrauen hoch. „Bela? Warum er? Ich dachte, er wollte mit deiner besten Freundin schlafen, damit du mit ihm Schluss machst. Zusätzlich hat er dich als Schlampe bezeichnet und so weiter. Du hast dich doch gerade erst von ihm getrennt. Mädchen, warum tust du das? Der Typ ist sogar noch minderjährig. Er kauft dir zwar Zigaretten, aber die kriegst du auch woanders her.“

Isabel winkte beschwichtigend ab. „Ich weiß, ich weiß… aber Freundschaft Plus ist ja nicht verboten, oder?“

Ich seufzte schwer. „Meinetwegen… Hatschi!“ Ich musste schon wieder heftig niesen.

Isabel sah mich mitleidig an. „Oh, das war ein voll süßes Niesen. Komm, setz dich. Ich mach dir einen Tee und dann muss ich dir unbedingt noch…“

Sie wurde jäh von einer tiefen, rauhen Stimme unterbrochen. „Leo.“

Ich drehte mich um. Tatsächlich stand er dort: der Kerl von gestern. Luke. Zusammen mit einem anderen Mann an seiner Seite. Ich lächelte matt. „Hi. Lange nicht mehr gesehen.“

Er erwiderte das Lächeln leicht. „Ja, seit gestern ist eine wirklich lange Zeit. Aber sag mal, bist du erkältet?“

Ich wollte gerade antworten, als Isabel mir zuvorkam. „So, sitz!“, bestimmte sie und schubste mich sanft auf einen der Stühle.

Ich lachte leise über ihre Art. „Du bist unverbesserlich, oder?“

„Natürlich“, sagte sie stolz und verschwand hinter dem Tresen, während Luke langsam auf mich zuschritt. Deutliche Sorge lag in seinen markanten Zügen. Er kniete sich vor mir auf ein Bein, sodass wir uns genau auf Augenhöhe befanden. Er hob seine große Hand und legte sie mir sachte an die Stirn. Ich spürte augenblicklich, wie mir die Hitze ins Gesicht schoss und mir das tiefe Rot in die Wangen trieb. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken.

„Immerhin hast du kein Fieber“, stellte er fest. Er stand auf und setzte sich auf den freien Stuhl neben mich, gefolgt von dem anderen, fremden Mann.

Ich räusperte mich kurz. „Hi, ich bin Leo.“

Der Fremde nickte mir freundlich zu. „Ich bin Adam. Aber sag mal… ist er der Luke?“

Luke lächelte schief. „Ja.“

Ich legte verwirrt den Kopf schief. „Muss ich das jetzt verstehen?“ Die beiden schüttelten gleichzeitig den Kopf.

Da kam auch schon Isabel mit einer dampfenden Tasse Tee zurück. Ich lächelte sie dankbar an. Sie setzte sich ebenfalls neben mich und hielt tröstend meine Hand. Ich wandte mich wieder an sie. „So, meine Liebe, ich stelle dir jetzt ein Ultimatum. Entweder du siehst ein, dass Bela ein absoluter Idiot ist, oder…“

Isabel lachte laut auf. „Oder was? Du hältst eh immer zu mir, auch wenn du meine Entscheidungen nicht für richtig hältst.“

Ich seufzte und gab mich geschlagen. „Ja, mehr als warnen kann ich dich nicht. Aber hast du nicht jetzt Vape-Pause?“

Sie nickte heftig. „Stimmt! Boah, ich habe schon voll den Nikotinentzug. Will jemand mit?“

Adam nickte eifrig. „Ja, ich brauche auch eine Zigarette.“ Die beiden standen auf und gingen gemeinsam aus dem Laden.

Ich sah zu dem Riesen neben mir. „Schön dich zu sehen, Luke.“

Luke lächelte. „Ebenso. Aber sag mal, warum bist du nicht im Bett?“

Ich erwiderte müde: „Ich kann nicht lange bleiben. Ich sollte mich wahrscheinlich wirklich ausruhen, da ich morgen wieder arbeiten muss.“

Luke runzelte die Stirn, sichtlich unzufrieden mit meiner Antwort. „Warum?“

„Weil ich das Geld brauche, um mir eine neue Heizung zu kaufen“, erklärte ich ehrlich.

„Warum?“, hakte der lilaäugige Mann nach.

„Meine ist kaputt. Also brauche ich eine neue, weil der Vermiter meint, das sei nicht sein Problem. Und eigentlich hätte ich das Geld schon zusammengehabt… aber nun ja, dann kam mein Bruder und ich habe etwas Dummes gemacht und ihm Geld geliehen. Aber egal.“

Lukes Stirn legte sich noch tiefer in Falten. „Warum war das dumm?“

„Weil ich weiß, dass er es mir nie zurückgeben wird“, sagte ich leise und blickte auf meine Tasse. „Aber ich habe einfach gehofft, dass es ihm hilft. Ich rede nicht gerne über ihn, weißt du?“

Luke nickte verständnisvoll. „Bist du fertig mit dem Tee?“ Als ich abwatschte, stand er auf. „Ich bringe dich noch nach Hause. Einverstanden?“

Ich nickte erneut. Vor der Tür verabschiedete ich mich noch schnell von Isabel, bevor wir losliefen. Luke passte seine riesigen Schritte meinem Tempo an. „Wo wohnst du?“, fragte er ruhig.

„Die nächste Straße, dann links.“

Er nickte, und wir liefen schweigend nebeneinanderher, bis wir schließlich vor meiner schäbigen Haustür standen. „Na dann… bis hoffentlich bald“, verabschiedete ich mich schüchtern. Er nickte mir noch einmal zu, und ich schloss rasch die Tür hinter mir.

Luke

Ich konnte es kaum glauben. Dieser wunderschöne Mann lebte in so einer absoluten Bruchbude und lieh seinem Bruder dann noch Geld, obwohl er es selbst so dringend brauchte. Warum war er nur so gutgläubig? Ich seufzte schwer und stapfte durch den tiefen Schnee zurück zum Café, wo Adam bereits rauchend auf mich wartete.

„Na, der war ja mal schnuckelig“, stellte Adam grinsend fest, als ich vor ihm stehen blieb.

Ich knurrte gefährlich und funkelte ihn mit meinen lila Augen an. „Er gehört mir.“

Adam hob sofort beschwichtigend die Hände. „Ich meinte das doch nicht für mich, sondern für dich! Aber das mit dem Gehören… weiß er das eigentlich auch schon?“

Ich schüttelte stumm den Kopf. „Lass uns was essen gehen. Wollen wir zu mir?“ Adam nickte, und wir stiegen ein.

Während der gesamten Fahrt musste ich ununterbrochen an Leo denken. Es machte mich wahnsinnig, wie er diesem Mädchen im Laden die ganze Zeit zugelächelt hatte und wie sie seine Hand genommen hatte, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Und wie sie sein Niesen kommentiert hatte… Natürlich, es war das süßeste Niesen gewesen, das ich je gehört hatte, aber trotzdem machte mich die Erinnerung an die Nähe der beiden rasend vor Eifersucht. Ich trat das Gaspedal durch. Die Maschine unter mir heulte auf, und ich wurde immer schneller. Die Wut hatte mich fest im Griff und wollte mich einfach nicht loslassen. Ich zwang mich dazu, tief durchzuatmen und an etwas anderes zu denken, aber es gelang mir einfach nicht. Mein Kopf war voll von ihm. Ich musste ständig an seine leicht rote Nasenspitze denken, an seine süßen Locken und wie wunderschön er errötet war, als ich meine Hand an seine Stirn gelegt hatte. Er war einfach zu süß.

Diese Gedanken beruhigten mich schließlich ein wenig, und ich drosselte das Tempo wieder. Er hatte also einen Bruder, den er nicht mochte. Aber was hatte dieser Bastard getan, um den Zorn dieses so zarten Jungens zu erregen?

Ich fuhr in meine Tiefgarage und stellte den Motor ab. Ich schwang mich aus dem Sattel, hängte meinen Helm und die Waffe zurück an ihren Platz, bevor ich nach oben ins Haus ging und Adam die Tür öffnete. Wir gingen in die Küche und begannen gemeinsam zu kochen. Adam erzählte irgendetwas über einen Typen, den er gerade datete, aber ich hörte ihm nicht mal ansatzweise zu. Meine Gedanken drehten sich im Kreis, immer nur um Leo.

„Hallo? Erde an Luke!“, rief Adam plötzlich laut.

Ich blickte auf und blinzelte. „Hm?“

Adam rollte genervt mit den Augen. „Dieser Kleine hat dir mächtig den Kopf verdreht.“

„Stimmt ja gar nicht“, blockte ich sofort ab.

„Doch, stimmt wohl“, erwiderte Adam mit einem breiten Grinsen. „Das ist nur etwas untypisch für den kalten, herzlosen Mafia-Boss. Du hast sogar gelächelt und ihn angefasst. Das machst du doch sonst auch nie. Also, was ist das zwischen euch?“

Ich stieß den Atem aus. „Ich weiß es doch selbst nicht. Ich bin unfähig, an etwas anderes als an ihn zu denken. Mein Herz rast, und ich würde ihn am liebsten einsperren und ihn dazu zwingen, nur noch für mich zu lächeln.“

Adams Grinsen wurde noch breiter. „Du bist verknallt.“

„Bin ich nicht“, brummte ich, um die Wahrheit zu verdrängen, und aß ein Stück Hähnchen.

Noch bevor Adam antworten konnte, klingelte sein Handy. Er nahm ab. „Ja, was gibt’s?… Oh. Verstehe. Ich sag’s ihm gleich, aber ich werde meinen Kopf dafür nicht ins Feuer legen.“ Er legte auf und sah mich mit ernster Miene an. „Dieser Ben ist geflohen. Wir können ihn nicht aufspüren.“

Ich ballte die Fäuste so fest zusammen, dass meine Knöchel weiß anliefen. Dieser Bastard. Was dachte er eigentlich, wer er war? „Ruhig weiter suchen“, befahl ich mit eisiger Stimme. „Und wenn nicht, muss halt die Familie bezahlen. Spürt die engsten Mitglieder seiner Familie auf und bringt sie mir morgen gefesselt in mein Büro. Sag das den anderen, verstanden? Vielleicht sind sie ja wenigstens dazu in der Lage.“

Adam nickte ernst. „Alles klar. So, ich glaube, ich muss jetzt wieder zum Yoga.“

Ich nickte knapp. „Viel Spaß. Ich fahre jetzt ins Büro und sehe nach, was noch an Papierkram zu erledigen ist.“ Adam verabschiedete sich, und wir verließen beide das Haus.

Leo

Als ich meine schäbige Wohnung betrat, raste mein Herz wie verrückt. Ich lehnte mich erschöpft gegen die zugefallene Tür und ließ mich langsam an ihr heruntergleiten, bis ich auf dem kalten Boden saß. Dieser Mann war einfach perfekt. Er war heiß, sexy und so unglaublich groß. „Ich glaube, ich bin verknallt“, sagte ich leise in den leeren, kalten Raum hinein.

Ich nahm meine Medikamente ein, wobei ich die ganze Zeit unwillkürlich grinsen musste. Ich konnte einfach nicht anders. Ich musste immerzu an seine Augen denken. Diese wunderschönen, lila Augen, die mich so ununterbrochen angestarrt hatten. Ich machte mir noch einen heißen Tee und setzte mich auf mein Bett, um weiter Friends zu schauen. Dabei merkte ich, dass ich ein schlief.