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Kapitel 28 Der Schatten des Alphas

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Kapitel 28 Der Schatten des Alphas

Er drehte den Kopf leicht über die Schulter zu Adam, der mit ungerührter Miene im tiefen Schatten der Halle gewartet hatte.

„Adam“, befahl Luke eiskalt, und jede Sanftheit war im Bruchteil einer Sekunde aus seiner Stimme gewischt. Vor mir stand wieder der unerbittliche Mafiaboss. „Bring die Ratte in den Keller des Hafenquartiers. Sperr ihn weg. Niemand rührt ihn an, bis ich morgen zurückkehre. Das Urteil wird verschoben.“

„Verstanden, Boss“, erwiderte Adam ruhig. Er gab den drei Schlägern ein kurzes Zeichen, und noch während Ben im Hintergrund wieder anfing, jämmerlich zu winseln und zu fluchen, drückte Luke die Klinke des schweren Stahltors herunter. Er öffnete die Tür, schlang einen Arm bombenfest um meine Taille und hob mich mit einer Leichtigkeit, die mir wieder einmal meine vollkommene Unterlegenheit bewies, im Fliegen aus der Halle heraus. Der eisige Wind des Hafens schlug uns entgegen, aber er schirmte mich mit seinem riesigen Körper komplett ab. Er trug mich direkt zum mattschwarzen Jeep, setzte mich behutsam auf den Beifahrersitz und knallte die Tür zu.

Als er auf der Fahrerseite einstieg, den Motor mit einem tiefen Grollen anließ und den Wagen mit quietschenden Reifen wendete, herrschte eine geladene, unerträgliche Stille im Cockpit. Ich lehnte den Kopf erschöpft gegen die Fensterscheibe, während die Scheinwerfer durch den dichten Nebel schnitten. Wir fuhren zurück zur Villa.

Der Jeep schnitt mit aufgeblendeten Scheinwerfern durch den dichten, nächtlichen Nebel. Das monotone Brummen des Motors schien die drückende Stille im Cockpit nur noch schwerer zu machen. Ich starrte starr aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden, dunklen Tannen. Meine Hände waren fest in den Stoff von Lukes viel zu großem Hoodie gekrallt.

„Woher kannst du so kämpfen, Leo?“, durchbrach Lukes tiefe, samtige Stimme plötzlich die Stille.

Ich zuckte ganz leicht zusammen und blickte vorsichtig zur Seite. Er hielt das Lenkrad mit den schwarzen Lederhandschuhen ruhig, während sein Blick starr auf die Straße gerichtet blieb. Seine Stimme klang ruhig, fast schon beiläufig, aber die eiskalte Schärfe darin ließ mein Herz sofort wieder schneller klopfen. „Und wann hattest du eigentlich vor, mir das zu sagen?“

Ich schluckte schwer und sah wieder aus dem Fenster. „Ich… ich habe früher immer mit meinem Bruder gekämpft“, flüsterte ich leise, und meine Stimme klang ganz rau durch das abklingende Fieber. „Er hat mich ja ständig angegriffen. So bin ich darin gut geworden. Und zusätzlich hat mein Opa mich zu Lebzeiten noch trainiert. Er wollte, dass ich mich wehren kann, falls Ben zu weit geht. Die Akrobatik… die habe ich daher, dass ich hobbymäßig getanzt habe. Ich wollte es dir nicht verheimlichen, Luke. Es gab nur nie den Moment dafür.“

Ich wartete auf eine Antwort, auf sein übliches, mörderisch sanftes Lächeln oder eine besitzergreifende Geste. Doch im Wagen blieb es totenstill. Als ich ihn von der Seite ansah, gefror mir das Blut in den Venen. Seine lila Augen waren zu zwei gefährlich kalten, pechschwarzen Schlitzen verengt. Seine Miene war komplett versteinert. Dass ich so ein massives Geheimnis vor ihm gewahrt hatte, verletzte Regel Nummer 2 auf eine Weise, die sein psychopathisches Ego nicht dulden konnte. Er war nicht bloß verärgert er war von einer tiefen, eiskalten Wut erfüllt.

Wir erreichten die Villa. Luke stellte den Motor ab, stieg wortlos aus und öffnete nicht einmal meine Tür. Ich kletterte mit zitternden Beinen alleine aus dem Jeep und folgte ihm mit großem Abstand ins Haus. In der Eingangshalle drehte er sich langsam zu mir um. Seine zwei Meter Körpergröße warfen einen riesigen, unbarmherzigen Schatten über mich.

„Du hast meine Regeln gebrochen, Leo“, raunte seine Stimme, und die totale Kälte darin ließ mich unwillkürlich erzittern. Auf seinen Lippen lag kein Lächeln mehr. „Ein Alpha duldet keine Geheimnisse von seinem Eigentum. Ich will dich heute Abend nicht mehr sehen. Geh auf dein Zimmer.“

Die Worte trafen mich wie ein physischer Schlag. Ein plötzlicher, unerträglicher Schmerz zog sich in meiner Brust zusammen. Ich nickte ganz schwach, hielt die Tränen mühsam zurück und drehte mich um. Ich lief die Marmortreppe hinauf in den dritten Stock, betrat mein Zimmer und ließ die schwere Eichentür ins Schloss fallen. Ich lehnte den Kopf erschöpft von innen gegen das Holz, und in derselben Sekunde brachen alle Dämme. Die Tränen liefen mir unaufhaltsam über die Wangen. Er hatte mich weggeschickt. Er wollte mich nicht mehr sehen.

Plötzlich ertönte ein leises, scharrendes Kratzen von außen an der Tür. Ich blinzelte durch den Tränenschleier und öffnete die Klinke. Sofort schoben sich Nox, Cerberus, Hades, Erebos und Speedy lautlos in den Raum. Sie spürten mein emotionales Chaos sofort. Ich ging zum Bett, legte mich erschöpft auf die Matratze und weinte einfach ununterbrochen in die Kissen hinein. Das gesamte Rudel belagerte mich augenblicklich. Speedy legte sich ganz nah an mein Gesicht, während Nox sich an meinen Rücken schmiegte. Die fünf Raubtiere wimmerten und jaulten ganz leise, stießen ihre feuchten Schnauzen gegen meine Hände und zeigten mir auf ihre Art, dass sie es nicht mochten, ihr Alpha-Gegenstück so leiden zu sehen. Inmitten ihrer Wärme schlief ich schließlich vor reiner Erschöpfung ein.

Doch der Schlaf brachte keine Erlösung. Ein brutaler Albtraum riss mich in die Tiefe. Ich träumte, ich läge auf der Couch in der Villa, und Luke stünde in seiner vollen Zwei-Meter-Größe über mir. Seine lila Augen brannten eiskalt. „Das war alles nur ein Spiel, Leo“, raunte seine Stimme im Traum, von grausamen Untertönen durchzogen. „Du bist vollkommen wertlos für mich.“ Noch bevor ich schreien konnte, hob er die Hand und rammte mir ein langes Messer direkt in den Bauch. Der Schmerz war so real, dass ich nach Luft schnappte. Doch dann fasste das Monster sich mit den Lederfingern ans Gesicht, packte den Rand seiner Haut und zog eine Maske ab. Darunter kam das schmierige, blutige Gesicht von Ben zum Vorschein. Er spuckte gelben Speichel und lachte mich spöttisch und hasserfüllt aus.

„Nein!“, schrie ich und schreckte mit einem heftigen Ruck aus dem Bett hoch. Mein ganzer Körper war schweißgebadet, mein Herz hämmerte so brutal gegen meine Rippen, dass ich dachte, es zerspringt. Ich keuchte panisch nach Luft. Das Zimmer war dunkel, und die Wölfe hoben sofort alarmiert die Köpfe.

Die nackte Todesangst aus dem Traum löschte jede Vernunft in meinem Kopf komplett aus. Ich dachte nicht mehr an Lukes Wut, ich dachte nicht an sein Verbot. Ich wusste nur, dass ich seine Hitze brauchte, um zu wissen, dass er real war. Dass er kein Traum war. Ich stieg mit zitternden Knien aus dem Bett und lief aus dem Zimmer, dicht gefolgt von den fünf etwas verschlafenen Wölfen, die treu hinter mir hertrotteten. Ich ging den Flur entlang, blieb vor seiner Schlafzimmertür stehen und drückte die Klinke ganz leise nach unten. Ich trat ein.

Der Raum war nur vom schwachen, warmen Schein der Nachttischlampe erleuchtet. Luke war noch wach. Er lag im Bett, den muskulösen Oberkörper frei, und trug eine filigrane Lesebrille, während er aufmerksam in einem Buch blätterte. Beim leisen Geräusch der Tür hielt er inne. Er zog sich die Brille mit einer langsamen, eleganten Bewegung aus dem Gesicht und legte sie bedächtig auf den Nachttisch. Dann hob er den Blick. Seine lila Augen fixierten meine zitternde, kleine Gestalt, die im Rahmen stand. Ich trug immer noch seinen viel zu großen Hoodie, meine Beine waren nackt, und in meinen großen Bambi-Augen schimmerten die frischen, heißen Tränen aus dem Albtraum. Hinter mir drängten sich die Wölfe in den Raum.

Ein quälend langer Moment des Schweigens verging, in dem die Luft im Zimmer förmlich stillstand. Seine Miene veränderte sich nicht plump, aber als er mein heftiges Zittern und die Tränen sah, erlosch die eiskalte Härte in seinem Blick schlagartig. Eine tiefe, verlockende Ernsthaftigkeit kehrte in seine lila Augen zurück, gepaart mit diesem tiefen, psychopathischen Besitzanspruch, der mich sofort wieder komplett lähmte. Luke starrte mich eine gefühlte Ewigkeit an. Die Stille in seinem Schlafzimmer war so dicht, dass ich das wilde Klopfen meines eigenen Herzens laut hören konnte.

Luke starrte mich eine gefühlte Ewigkeit an. Die Stille in seinem Schlafzimmer war so dicht, dass ich das wilde Klopfen meines eigenen Herzens laut hören konnte. Die Wölfe drängten sich lautlos hinter meine Beine, ihre warmen Körper gaben mir Halt, während ich wie Espenlaub zitterte. Ich dachte, er würde mich jetzt anschreien. Ich dachte, seine eiskalte Wut von vorhin würde mich endgültig vernichten. Doch die Bestie in ihm blieb ruhig.

Luke bewegte sich mit dieser unheimlichen, raubtierhaften Langsamkeit. Er legte das schwere Buch beiseite, richtete sich im Bett auf und breitete mit einer fließenden Bewegung seine gewaltigen, nackten Arme aus. Seine stählernen Muskeln glänzten im warmen Licht der Nachttischlampe. Er sah mich einfach nur an, und in seinen lila Augen lag kein Funken Zorn mehr. Da war nur noch dieses tiefe, besitzergreifende und verlockende Leuchten.

„Komm her, Welpe“, raunte seine tiefe, samtige Stimme durch den Raum.

Bei diesem Tonfall brach der letzte Funken meiner Beherrschung komplett zusammen. Ich vergaß den Stolz, ich vergaß seine Grausamkeit ich wusste nur, dass ich seine Hitze brauchte. Ich lief los, stolperte über die Bettkante und warf mich regelrecht blind vor Tränen in seine geöffneten Arme. Der harte Aufprall gegen seine nackte, stahlharte Brust raubte mir den Atem. Luke fackelte nicht lange. Seine riesigen Arme schlossen sich bombenfest um meinen zitternden Körper. Er zog mich mit einer unnachgiebigen Kraft mitten auf seinen Schoß, hüllte mich komplett in seine Statur ein und drückte mein Gesicht sanft, aber bestimmend an seine warme Schulter. Seine nackte Haut verbrannte meine Wangen, und das klebrige Kribbeln in meinem Bauch explodierte heftiger denn je.

„Pshh… ganz ruhig“, raunte er unbarmherzig leise direkt an meinem Ohr, während seine großen Finger sich beruhigend in meinen braunen Locken vergruben und mein Lederhalsband ganz leicht streiften. „Was ist los? Warum weinst du so, Leo?“

Ich klammerte mich mit beiden Händen in seinen Nacken, schluchzte unkontrolliert an seiner Schulter und erzählte ihm alles. Ich stammelte von dem Albtraum. Ich erzählte ihm, wie er über mir gestanden hatte, wie er mich ein wertloses Spiel genannt und mir das Messer in den Bauch gerammt hatte. Und wie er sich das Gesicht weggerissen hatte und mein Bruder Ben darunter zum Vorschein gekommen war, der mich hysterisch auslachte. Luke rührte sich keinen Millimeter, während ich redete. Er hielt mich einfach nur fest an den Boden seiner Brust gepresst. Erst als ich den Namen Ben erwähnte, spürte ich, wie sich die Muskeln an seinen breiten Schultern schlagartig wie gezogene Drahtseile anspannten. Seine lila Augen verengten sich zu zwei mörderisch kalten Schlitzen. Als ich fertig war und nur noch keuchend nach Luft schnappte, hob er mein Kinn mit einem unnachgiebigen, heißen Griff an. Er zwang mich, ihm direkt in die Augen zu sehen. Auf seinen Lippen bildete sich dieses hauchdünne, mörderisch sanfte Lächeln, das mir das Blut in den Venen gefrieren ließ.

„Ein perfider Traum, Leo“, flüsterte er direkt an meinen Lippen, und sein warmer Atem trocknete meine Tränen. Der besitzergreifende Stolz in seinem Tonfall ließ mein Herz wie verrückt gegen meine Rippen hämmern. „Aber du vergisst das Wichtigste: Ich würde dich niemals ein Spiel nennen. Und ich würde dich niemals einer Ratte wie Ben überlassen. Du bist mein wertvollstes Meisterwerk. Ich habe dich heute Abend weggeschickt, weil du mich belogen hast. Ein Alpha bestraft sein Eigentum, wenn es Geheimnisse hat. Aber ich lasse dich nicht zerstören. Vor allem nicht von Geistern deiner Vergangenheit.“ Er drückte mein Gesicht wieder sanft an seine Schulter und verstärkte den eisernen Griff um meine Taille, sodass keine Handbreit Luft mehr zwischen uns passte. „Morgen früh werde ich zu Ben in den Keller fahren. Und ich werde dafür sorgen, dass er nie wieder in deinen Träumen auftaucht. Du schläfst heute Nacht genau hier. Niemand rührt dich an, außer mir.“

Die Wölfe reagierten sofort auf die beruhigte Energie ihres wahren Alphas. Sie warteten nicht auf einen Befehl. Nox sprang als Erster lautlos auf das riesige Bett und legte sich wie eine schwere, fellige Schutzmauer direkt an meinen Rücken. Cerberus rollte sich am Fußende über meinen Beinen zusammen, während Hades, Erebos und Speedy sich links und rechts eng an uns drängten. Das gesamte Rudel umschloss uns in einer perfekten, warmen Symbiose. Ich vergrub mein Gesicht tiefer in Lukes Halsbeuge, atmete seinen Geruch aus Holz und Gefahr ein und spürte, wie das Fieber endgültig wich. Ich war sein Gefangener, gebrandmarkt durch sein Halsband aber in seinen nackten Armen und umringt von seinen Bestien schlief ich in dieser Nacht so tief und sicher wie noch nie zuvor in meinem Leben.

(Luke)

Als das erste, fahle Licht der Morgendämmerung durch die hohen Fenster brach, war ich der Erste, der wach war. Genau genommen hatte ich in dieser Nacht kaum ein Auge zugetan. Mein psychopathischer, sonst so perfekt kalkulierender Verstand war völlig aus dem gewohnten Rhythmus geraten. Leo hatte in den Stunden nach seinem ersten Zusammenbruch noch zwei weitere, heftige Albträume. Er hatte im Schlaf gewimmert, sich verzweifelt gegen unsichtbare Feinde gewehrt und sich so brutal eng an meine nackte Brust gekrallt, dass seine Fingernägel deutliche Spuren auf meiner Haut hinterlassen hatten. Jedes Mal, wenn er schweißgebadet hochschreckte, musste ich ihn mit fester, unnachgiebiger Gewalt an mich drücken, bis das wilde Rasen seiner Halsschlagader unter meinem Lederhalsband endlich abflachte. Ich konnte mich einfach nicht mehr beruhigen. Ich konnte nicht schlafen, ohne mir ununterbrochen Sorgen um ihn zu machen.

Es war ein völlig absurdes, zutiefst ungewohntes Gefühl in meiner Brust. Ein Don der Unterwelt sorgte sich nicht. Ein Mann wie ich empfand keinerlei Empathie für den Zustand anderer Menschen. Für mich gab es normalerweise nur Besitzen, Kontrollieren oder Eliminieren. Aber dieser Junge, mein kleiner, lockiger Welpe, hatte eine völlig neue Variable in meine Welt gebracht. Er war mein unbeschriebenes Blatt, und der Gedanke, dass seine Psyche von den Geistern seiner Vergangenheit beschädigt wurde, fachte eine mörderische Beschützerlust in mir an. Ich lag vollkommen unbeweglich da, umgeben von meinen treuen Waffen. Nox bildete immer noch die fellige Schutzmauer an Leos Rücken, während Cerberus, Speedy und die Brüder zusammengerollt das Bett blockierten. Sie atmeten schwer und ruhig.

Ich zog mir langsam die nackte Hand über das Gesicht, beugte mich ein Stück über Leo und begann, ihm mit den Fingerspitzen überraschend sanft durch die weichen, braunen Locken zu streichen. Ich sah ihn einfach nur an. Seine Wangen waren vom abklingenden Fieber immer noch leicht gerötet, seine Lippen ein wenig geöffnet. Er trug meinen tiefschwarzen Hoodie, der seinen zierlichen Körper fast komplett verschluckte. Auf seinen langen Wimpern glänzten noch die angetrockneten Tränen der Nacht. Er sah so rein aus und er lag schutzsuchend auf meinem Schoß. Mein mörderischer Besitzanspruch flammte heißer auf als jemals zuvor, gekoppelt mit einer tiefen, düsteren Faszination.

Plötzlich bewegte er sich. Seine Lider zuckten, und nach einem leisen, erschöpften Seufzen schlug er langsam die blau-grauen Augen auf. Im ersten Moment blinzelte er nur verwirrt gegen das schwache Morgenlicht. Doch als sein Blick klarer wurde und er realisierte, wo er lag, veränderte sich seine Miene im Bruchteil einer Sekunde. Er merkte, dass er seine Arme immer noch fest um meine nackte Taille geschlungen hatte, seine Beine halb über meinen lagen und ich ihn ununterbrochen fixierte, während meine Hand in seinen Haaren lag. Das tiefe, unübersehbare Purpurrot schoss ihm augenblicklich mit einer solchen Wucht in die Wangen, dass es fast wehtat. Seine blau-grauen Augen wurden riesig, tränenfeucht und weiteten sich vor dieser typischen, verlockenden Panik, die ich so an ihm liebte. Er hielt mitten im Atemzug inne, und unter meinen Fingern spürte ich sofort, wie sein Herz wieder wie verrückt gegen seine Rippen zu hämmern begann. Das klebrige Kribbeln in seinem Magen musste in diesem Moment wie eine Supernova explodieren. Er wollte sich instinktiv hastig von mir wegdrehen und unter die Decke flüchten, völlig überfordert von der intimen Nähe und der Erinnerung daran, wie er sich in der Nacht an meine nackte Brust geklallt hatte. Doch ich fackelte nicht lange. Ich verstärkte den eisernen Griff meines Arms um seine schmale Taille minimal, drückte ihn sanft, aber unnachgiebig zurück in die Kissen und beugte mich so tief zu ihm herunter, dass mein warmer Atem seine Lippen streifte. Auf meinen Zügen bildete sich dieses hauchdünne, mörderisch sanfte Lächeln.

„Guten Morgen, mein kleiner Welpe“, raunte meine tiefe, samtige Stimme direkt in sein Gesicht, und mein Blick fixierte seine zitternden Lippen. Ich wanderte mit den Fingerspitzen langsam von seinen braunen Haaren hinunter zu dem Lederhalsband an seiner Kehle und übte einen ganz leichten, besitzergreifenden Druck aus. „Kein Grund, dich vor mir zu verstecken. Du hast die ganze Nacht in meinem Schatten verbracht. Und heute… wird das abklingende Fieber dich nicht mehr vor meinen Regeln beschützen.“

Der Junge unter mir wurde so tief rot, dass es fast ungesund wirkte. Seine Lippen bebten leicht, während ich das Leder an seiner Kehle fixierte, und er versuchte verzweifelt, den brennenden Blick meiner Augen zu meiden.

„I-Ich… ich habe mich deinen Regeln nicht widersetzt, Luke“, stammelte er mit einer Stimme, die vom heftigen nächtlichen Weinen noch völlig rau und belegt war. Er schluckte schwer, und seine Finger krallten sich unsicher in das weiße Laken unter uns. „Ich brauche nur… manchmal einfach ein bisschen Luft. Raum zum Atmen. Sonst ersticke ich hier drin. Auch wenn ich… nun ja…“ Er brach mitten im Satz ab, verbarg sein Gesicht halb im Kragen meines Hoodies und hauchte den Rest so leise heraus, dass ich mich noch ein Stück tiefer vorbeugen musste: „…auch wenn ich es mag, bei dir zu sein.“

Dieses winzige, ehrliche Geständnis reichte vollkommen aus, um mein Ego auf eine völlig neue, gefährliche Weise zu füttern. Er gab freiwillig zu, dass er meine Nähe suchte. Er gab zu, dass dieses brutale Gefängnis für ihn kein reiner Albtraum mehr war. Ich sah ihn schweigend an, während die Rädchen in meinem Kopf auf Hochtouren liefen. Ich verstand ihn. Mein Verstand begriff die psychologische Logik hinter seinen Worten: Wer zu fest zugreift, zerbricht am Ende die Beute. Wenn ich ihm gar keinen Freiraum ließ, würde er geistig verkümmern, und das wollte ich unter gar keinen Umständen. Ich wollte kein leeres, gebrochenes Gehäuse; ich wollte dieses feurige, trotzige Gegenstück, das mich gestern im Lagerhaus am Hafen so erbittert mit dem Schwert verteidigt hatte. Aber verstehen bedeutete nicht, dass ich ihn jemals wieder gehen lassen würde. Er war mein wertvollstes Besitztum. Ich wollte ihn jede Sekunde um mich haben, ihn kontrollieren, ihn spüren.

Das hauchdünne Lächeln auf meinen Lippen wich einer unerbittlichen, besitzergreifenden Miene. Ich lockerte den Druck am Halsband nicht, sondern beugte mich so nah zu ihm, dass meine Lippen seine Ohrläppchen berührten.

„Du willst atmen, Leo?“, flüsterte ich, und meine Stimme vibrierte wie dunkler Samt direkt an seiner Haut. Er hielt augenblicklich die Luft an. „Ich gebe dir jeden Raum, den du brauchst. Du darfst in diesem Haus frei herumlaufen, du darfst mit meinen Tieren spielen, und du darfst dein Café behalten. Aber mach dir keine Illusionen, Welpe: Du atmest ab jetzt nur noch die Luft, die ich dir zugestehe. Du wirst an meiner Seite bleiben, in meinem Bett schlafen und jeden meiner Befehle verinnerlichen. Ich lasse dich nicht mehr aus den Augen.“

Durch unseren unterdrückten, aber intensiven Wortwechsel geriet das Bett in Bewegung. Die Unruhe übertrug sich sofort auf das Rudel. Nox schlug als Erster die großen, bernsteinfarbenen Augen auf. Der schwarze Alpha hob den massiven Kopf von den Kissen, gähnte ausgiebig und bleckte dabei die beeindruckenden Fangzähne. Direkt an Leos Füßen streckte sich Cerberus aus, während Speedy aufgeregt mit der Rute auf die Decke klopfte, weil er merkte, dass sein Spielgefährte wach war. Die Brüder Hades und Erebos sprangen lautlos von der Matratze und schüttelten ihr dichtes Fell aus. Sie knurrten uns nicht an sie spürten die enorme, geladene Energie zwischen uns beiden und traten respektvoll einen Schritt zurück, blieben aber wachsam im Raum stehen.

Ich drückte Leos Handgelenke noch einmal kurz, aber bestimmt in die Kissen, um meinen Punkt endgültig zu besiegeln. Er starrte mich aus riesigen, überwältigten Bambi-Augen an, und das rasende Klopfen seiner Halsschlagader verriet mir, dass das klebrige, verlockende Gefühl in seinem Körper ihn komplett lähmte.

„Und jetzt aufstehen“, raunte ich, löste den Griff und erhob mich in meine volle Größe auf dem Bett, während die Muskeln meines nackten Oberkörpers im fahlen Morgenlicht spielten. „Zieh dir etwas Ordentliches an. Wir gehen heute nicht an den Hafen. Adam hat mir eben eine Nachricht geschickt: Er bringt Isabel und die neuen Berichte direkt hierher in die Villa. Wir klären das Schicksal deines Bruders am Frühstückstisch.“

Wir erhoben uns gemeinsam aus den Kissen. Meine Muskeln spannten sich an, als ich mich im kühlen Morgenlicht streckte. Leo stand sichtlich erschöpft, aber ohne weiteren Widerstand neben dem Bett und blickte mich aus seinen großen, blau-grauen Augen an. Er tat genau das, was ich von ihm verlangt hatte: Er bediente sich erneut an meinem Kleiderschrank. Mit zitternden Fingern zog er sich einen meiner riesigen, waldgrünen Pullover über den Kopf, der ihm bis zur Mitte der Oberschenkel reichte und ihn wie eine zierliche Puppe wirken ließ. Das eng anliegende Lederhalsband bildete dazu den perfekten, unmissverständlichen Kontrast an seiner Kehle.

Ich selbst streifte mir meinen maßgeschneiderten, tiefschwarzen Anzug über. Als ich die Knöpfe meines Hemdes schloss und die makellosen Lederhandschuhe mit den Zähnen festzog, kehrte die eiskalte Aura des Unterwelt-Bosses vollständig in meine Züge zurück.

„Gehen wir runter, Welpe“, raunte meine tiefe Stimme, und ich legte meine Hand bestimmend an seinen Nacken, um ihn vor mir her aus dem Zimmer zu führen. Das Rudel ließen wir für den Moment oben, doch die Bestien blieben in Alarmbereitschaft.

Als wir die Stufen der Marmortreppe hinunterstiegen und die offene Wohnküche betraten, bot sich uns ein Anblick, der selbst meinen sonst so unerschütterlichen Verstand für eine Sekunde komplett einfrieren ließ. Adam und Isabel waren bereits da. Auf dem hölzernen Tresen stand eine riesige, bunte Schachtel voller glasierter Donuts von Dunkin' Donuts. Doch das Gebäck war völlig nebensächlich. Adam hielt Isabel fest an der Taille umschlungen und küsste sie ungeniert und intensiv mitten auf den Mund. Meine sonst so emotionslose, professionelle rechte Hand hatte über Nacht in seiner Wohnung anscheinend jegliche kriminelle Distanz verloren. Der wandelnde Problemfall hatte den eiskalten Killer komplett gezähmt.

Ich hielt mitten auf der Treppe inne. Meine lila Augen verengten sich zu zwei schmalen Schlitzen, bevor sich ein berauschendes, ungläubiges Amüsement auf meinen Lippen ausbreitete. Das war die Krönung dieses Morgens.

Leo neben mir reagierte weitaus heftiger. Bei dem völlig unerwarteten Anblick seiner besten Freundin in den Armen meines besten Killers setzte sein Herz anscheinend einen Schlag aus. Die nackte Überforderung und der pure Schock trafen ihn so unvorbereitet, dass er die Luft anhielt und vor Schreck ein kurzes, helles Aufschreien von sich gab.

Dieses schrille Geräusch war der fatale Fehler des Morgens. Oben im dritten Stock reichte Leos kleiner Schrei völlig aus, um die Instinkte meiner Waffen zu triggern. Sie dachten, ihr Alpha-Gegenstück sei in akuter Lebensgefahr.

WROOOOARRR!

Ein ohrenbetäubendes, synchrones Knurren zerriss die Stille der Villa. Im nächsten Moment erbebte das gesamte Treppenhaus. Alle fünf Wölfe rasten wie eine unaufhaltsame Lawine aus Fell und Fangzähnen die Marmorstufen hinunter. Nox pflügte an der Spitze, die Lefzen mörderisch hochgezogen, dicht gefolgt von Cerberus, Speedy und den Brüdern. Sie schlitterten mit ausgefahrenen Krallen um die Ecke der Halle und bauten sich mit gefletschten Zähnen direkt vor dem Küchentresen auf. Sie waren bereit, jeden in Stücke zu reißen, der es gewagt hatte, ihren Welpen zu erschrecken. Das Spektakel wechselte im Bruchteil einer Sekunde die Fronten.