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Kapitel – Im Netz des Spinnenkönigs

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Kapitel – Im Netz des Spinnenkönigs

Leo

Ich wurde am nächsten Morgen von einem lauten Hämmern an meiner Tür geweckt. Verschlafen und völlig überrumpelt stand ich auf und öffnete die Tür. Davor standen zwei extrem muskulöse Kerle, die mich auf den ersten Blick an die Schlägertypen aus dem Fernsehen erinnerten.

Ich blinzelte und räusperte mich. „Ähm… hallo? Was kann ich für Sie tun?“

Der größere von beiden musterte mich kalt. „Sind Sie Leo?“

Ich nickte verwirrt.

Der andere machte einen Schritt nach vorn. „Haben Sie einen Bruder namens Ben?“

Ich nickte erneut, diesmal jedoch deutlich misstrauischer. In genau diesem Moment packte mich der eine grob am Handgelenk und zerrte mich mit Wucht nach draußen auf den Flur.

„Hey! Loslassen! Hilfe!“, schrie ich aus vollem Hals, doch meine Stimme wurde im Keim erstickt. Der andere presste mir ein Tuch über Mund und Nase, das widerlich chemisch stank. Panik flutete meinen Körper, während alles um mich herum rasant schwarz wurde. Meine Glieder wurden schlaff, bleischwer und gaben nach.

Luke

Mein Handy klingelte laut auf dem massiven Schreibtisch. Ich war gerade erst im Büro angekommen, nachdem ich gestern noch bis spät in die Nacht hinein gearbeitet hatte. Ich nahm ab.

Eine tiefe Stimme ertönte am anderen Ende der Leitung. „Wir haben den engsten Verwandten gefunden, Chef. Es ist sein Bruder. Sollen wir ihn zu Ihnen bringen?“

„Ja“, bestätigte ich kühl. „Fesselt und knebelt ihn, nur zur Sicherheit. Und tut ihm noch nicht weh. Ich kümmere mich schon selbst um ihn.“

Ich legte auf und streckte mich ausgiebig. Ich war schrecklich verspannt und dachte kurz darüber nach, dass ich mal wieder zur Massage gehen müsste. Gerade überlegte ich, wie schnell ich wohl heute in mein neues Lieblingscafé kommen könnte, als ich von draußen das dumpfe Aufheulen eines Motors hörte. Ich schritt durch mein riesiges Büro zum Panoramafenster und schaute zehn Stockwerke tief nach unten auf den Parkplatz.

Ein schwarzer SUV kam dort gerade abrupt zum Stehen. Zwei meiner Männer stiegen aus und schleiften eine gefesselte Gestalt aus dem Wagen. Aus dieser Höhe konnte ich ihn nicht genau erkennen, aber er wirkte zierlich. Ich ging zurück zu meinem Schreibtisch, lehnte mich in dem schweren Ledersessel nach hinten und wartete.

Nach etwa vier Minuten klopfte es energisch an der Tür. Die beiden Männer traten herein und zerrten den Gefangenen hinter sich her. In genau dieser Sekunde gefror mir das Blut in den Adern.

Es war Leo.

Er starrte mich aus weit aufgerissenen, blau-grauen Augen an und versuchte verzweifelt, gegen den dicken Knebel in seinem Mund irgendetwas zu sagen. Ich legte den Kopf schräg und musterte ihn kühl. „Ist er der Richtige?“

„Ja, Sir“, antwortete einer der Männer sofort. „Er ist der Bruder von Ben. Und Ben hat sich vorhin sogar selbst gemeldet. Er hat gesagt, wir sollen seinen Bruder als Bezahlung nehmen statt der achtzig Millionen, die er uns schuldet.“

Ich sah genau, wie Leos Augen sich bei diesen Worten schockiert weiteten und sich eine schwere Träne aus seinem Augenwinkel löste.

Ich seufzte leise und wandte mich wieder an meine Leute. „Nun, ihr kennt mich. Was wird in so einem Fall gemacht?“

„Wir behalten den Jungen und jagen trotzdem den Bruder, da er seine eigene Familie verraten hat“, erwiderte der Mann prompt.

Ich grinste kalt. „Richtig. Also abmarsch. Ich rufe gleich Adam an, damit er den Jungen in mein Haus bringt.“

Ich sah es in diesem Moment nicht mehr als etwas Schlimmes an, dass Leo hier war. Oh nein, ich sah es als eine Fügung des Schicksals. Das Universum wollte, dass er mir gehörte und zwar mir allein. Warum sollte ich mich dem widersetzen? Jetzt würde Leo mein wahres Ich zu sehen bekommen und nicht die weiche Maske, die ich gestern aufgesetzt hatte, um ihm zu gefallen oder mich menschlicher zu geben. Es würde eine interessante Aufgabe werden, ihn zu brechen und ihn so widerstandslos zu machen, wie es mir gefiel.

Leo

Ich konnte nicht anders, ich starrte ihn einfach nur fassungslos an. Was war hier eigentlich los? Wo war ich, und wer war dieser Mann, den ich gestern noch heimlich angebetet hatte, in Wirklichkeit? Und was hatte das alles mit meinem Bruder zu tun? Ich hatte so viele brennende Fragen, aber alles, was ich herausbrachte, war ein undeutlicher, erstickter Laut gegen den Stoff in meinem Mund.

Ich hatte Angst. Eine so schreckliche Angst, wie ich sie nie zuvor für möglich gehalten hätte. Ich zitterte vor dem Mann, vor dem ich auf den Knien kauerte. Luke – wenn das überhaupt sein echter Name war – leckte sich langsam über die Lippen. Ein heftiger Schauer lief mir über den Rücken, und ich spürte, wie die Tränen nun unaufhaltsam über meine Wangen liefen. Ich schluchzte nicht, sondern ließ sie einfach stumm fließen, während mein ganzer Körper bebte.

Luke stand auf. Seine Bewegungen waren elegant und schnell wie die eines Raubtiers auf der Jagd. Und ich war seine Beute. Er schritt langsam um mich herum, bevor er sich direkt vor mir auf ein Knie gleiten ließ. Vorsichtig wischte er mir mit dem Daumen eine Träne von der Wange. Ein regelrechter Stromschlag fuhr bei dieser Berührung durch meinen Körper. Es war, als würde meine gesamte Haut überempfindlich werden und allein von seiner bloßen Anwesenheit anfangen zu kribbeln. Das musste bestimmt an den Nachwirkungen der Drogen auf dem Tuch liegen, anders konnte ich mir das nicht erklären.

„Alles ist okay“, sagte er mit tiefer, ruhiger Stimme. „ Niemand wird dir wehtun. Also gibt es keinen Grund zu zittern.“

Die schwere Bürotür ging erneut auf, und der Mann namens Adam schritt herein. Er sah mich an und blieb abrupt stehen. Entsetzt blickte er zu Luke. „Luke! Du kannst doch nicht einfach Menschen entführen, in die du…“

„Halt die Klappe!“, zischte Luke ihn scharf an und schnitt ihm das Wort ab. „Es ist anders, als du denkst. Bring ihn zum Wagen und dann in meine Villa. Danach kümmerst du dich um ein paar Erledigungen. Ich fahre euch hinterher.“

Adam seufzte, schnitt die Seile los, die um meine Beine gewickelt waren, und sah mich mitleidig an. „So, aufstehen. Es geht los.“

Ich erhob mich auf zitternden Beinen, wohlwissend, dass Adam ein Messer in der Hand hielt und wer weiß was noch unter seinem Jacket verbarg. Wir gingen gemeinsam zum Fahrstuhl. Ich wurde angewiesen, mich ganz hinten an die Wand zu stellen, während Luke und Adam sich wie eine Mauer vor mir aufbauten. Ich hatte keine Chance zu entkommen. Aber ich wollte entkommen. Das alles musste einfach ein schlechter Traum sein. Ein furchtbarer Albtraum.

Wir schritten draußen zu dem großen Jeep, und ich musste hinten einsteigen. Adam setzte sich nach vorn ans Steuer, während Luke vorerst außer Sichtweite blieb. Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten; die Tränen flossen nun unaufhaltsam. Wir fuhren eine ganze Weile durch einen gigantischen, dichten Wald, bis sich die Bäume schließlich lichteten und den Blick auf die riesige, schwarze Villa freigaben.

Adam hielt den Wagen an, stellte den Motor ab und sah über die Schulter zu mir nach hinten. „Er meint das nicht böse, aber er ist extrem besitzergreifend. Das musst du verstehen.“

Ich runzelte die Stirn. Wovon redete der Kerl eigentlich?

Adam führte mich ins Haus, brachte mich in den großen Wohnbereich und sah mich eindringlich an. „Luke wird gleich hier sein. Versuch einfach nichts Dummes zu tun, okay?“

Ich nickte stumm. Kaum war die schwere Eingangstür hinter Adam ins Schloss gefallen, sah ich mich panisch um. Mein Blick fiel sofort auf die Küchenzeile, in deren Block mehrere Messer steckten. Ich zögerte keine Sekunde. Ich flitzte hinüber, schnappte mir eines der scharfen Messer und versuchte hastig, die Seile an meinen Handgelenken zu durchtrennen. Vor lauter Hektik rutschte ich ab und schnitt mir tief in die Handfläche. Es brannte höllisch, aber der Schmerz war mir im Moment völlig nebensächlich. Hauptsache, die Fesseln waren ab. Ich riss mir den Knebel aus dem Mund und warf ihn achtlos weg. Dann rannte ich zur großen Glas-Schiebetür, riss sie auf und stürmte hinaus – mitten in den tiefen Schnee des Waldes.

Ich rannte, so schnell mich meine Beine trugen. Obwohl der kalte Schnee an meinen Füßen brannte und meine Socken sofort durchnässt waren, war mir das egal. Ich rannte und rannte, getrieben von purem Adrenalin, bis plötzlich ein tiefes, markerschütterndes Heulen durch die Stille brach.

Erschrocken drehte ich den Kopf und sah einen riesigen, pechschwarzen Wolf, der mich mit fixiertem Blick direkt anvisierte und hinter mir herjagte. Pure Panik überrollte mich. Ich schrie auf und versuchte, noch schneller zu rennen, aber das Tier war um ein Vielfaches schneller. Der Wolf holte auf, fletschte die Zähne und schnappte nach dem Stoff meiner Kleidung. Doch noch bevor er richtig zubeißen konnte, ertönte ein scharfer, lauter Pfiff durch den Wald. Der Wolf ließ sofort von mir ab und bremste.

Im selben Moment stolperte ich über eine verborgene Baumwurzel und fiel der Länge nach in den tiefen Schnee. Ich keuchte schwer. Mein ganzer Körper brannte, und meine Lunge schmerzte so heftig, dass ich das Gefühl hatte, überhaupt keine Luft mehr zu bekommen. Ich drehte mich zitternd auf den Rücken und sah Luke, der lässig an einen Baum gelehnt dastand. Der riesige Wolf hatte sich direkt neben ihm hingesetzt.

Luke sah auf mich herab. „Na, mein Schöner? Bist du genug gerannt?“

Ich keuchte nur, absolut unfähig, eine klare Antwort herauszubringen. Er kam mit langsamen Schritten auf mich zu. „Versuch erst gar nicht, mir wegzulaufen. Das schaffst du nicht.“

„Wie… warum? Warum ich? Wo bin ich? Was ist hier eigentlich los? Ich… ich…“, stammelte ich unter Tränen. Die Verzweiflung raubte mir jedes weitere Wort. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand einen riesigen Kloß in den Hals gestopft. Ich krümmte mich weinend im Schnee zusammen. Das alles war einfach zu viel. Ich wollte nur noch aufwachen.

Plötzlich packten mich zwei starke Hände, hoben mich mühelos aus dem eiskalten Schnee und setzten mich auf etwas unglaublich Weiches und Warmes. Ich krallte meine Finger instinktiv in dichtes Fell – es war tatsächlich der Wolf, der auf eine unnatürliche Weise riesig war. Ich zitterte am ganzen Körper. Nun, da ich nicht mehr rannte, wurde die Kälte unerträglich. Im nächsten Moment wurde ein schwerer, warmer Mantel über meine Schultern gelegt. Er roch intensiv nach Luke – ein angenehmer, herber Duft nach Nadelbäumen, Wald und Holz. Ich atmete den Geruch tief ein und seufzte leise.

Ein rauhes, leises Lachen erklang über mir, und ich wurde erneut hochgehoben. Ich riss erschrocken die Augen auf und sah direkt in Lukes lila Augen. Es war, als wäre ich augenblicklich von diesem Blick hypnotisiert. Er trug mich auf seinen Armen den ganzen Weg zurück zur Villa, während der Wolf uns schweigend folgte. Er legte mich vorsichtig auf die riesige Ledercouch im Wohnzimmer.

„So. Ich bin gleich wieder da“, sagte Luke ruhig und blickte zu dem Tier. „Wolf, pass auf ihn auf.“

Ich runzelte trotz meiner Erschöpfung die Stirn. Wolf? „Heißt er wirklich Wolf?“, krächzte ich.

Luke warf mir einen kurzen Blick zu. „Ja. Er und die anderen haben keine Namen.“ Ich stutzte. Er hatte also ernsthaft keine Namen für sie? Ich blickte zu dem riesigen Tier hinab. „Hey… du siehst aus wie ein Alpha“, sagte ich leise. Der Wolf bellte zustimmend auf, und ein kleines Lächeln stahl sich auf meine Lippen. „Ich glaube, ich nenne dich Nox. Wie findest du das?“ Er bellte erneut und fing plötzlich an, meine verletzte Hand sachte abzulecken. Ich strich ihm mit der unversehrten Hand über den Kopf; sein Fell war wunderschön weich.

In diesem Moment kam Luke zurück in den Raum. „Wolf, zurück!“, rief er sofort streng.

„Er heißt Nox“, entgegnete ich trotzig, ohne aufzuhören, das Tier zu streicheln.

Luke blieb abrupt stehen und starrte mich ungläubig an. „Du hast ihm einen Namen gegeben?“

Ich nickte nur stumm. Luke schritt heran, packte das Tier am Halsband und zog es ein Stück weg. „Aus. Wir lecken nicht an Wunden, Nox.“ Plötzlich griff Luke nach einem scharfen Messer auf dem Tisch.

„Nein!“, schrie ich erschrocken auf. „Tu dem armen Tier nichts, bitte!“

„Keine Sorge“, erwiderte Luke gelassen. Er setzte die Klinge an und ritzte mit ein paar präzisen Schnitten den Namen Nox direkt in das Leder des Halsbandes. „Sonst kann ich ihn mir nicht merken. Und jetzt raus mit dir. Los.“ Der Wolf jaulte leise, senkte den Kopf und trottete brav durch die geöffnete Tür nach draußen.

Luke schloss die Tür, drehte sich um und wandte sich wieder mir zu. Er schritt bedrohlich langsam auf mich zu, und augenblicklich überkam mich die nackte Angst. Zentimeter für Zentimeter wich ich auf der Ledercouch zurück, bis ich gegen die Rückenlehne stieß und mich flach dagegenpresste. Luke setzte sich mit kontrollierten, langsamen Bewegungen neben mich und öffnete den Erste-Hilfe-Koffer. Er holte Desinfektionsmittel und frische Binden hervor. „Gib mir deine Hand.“

Ich schluckte schwer und zog meine Hand instinktiv enger an meinen Körper.

Luke

Er hatte Angst vor mir. Ich genoss jeden einzelnen Moment davon. Als er vorhin im Wald weggelaufen war, hatte das mein Jagdfieber erst recht angestachelt. Und nun saß dieses verängstigte Tier mitten in meiner Falle. Mit einer blitzschnellen Bewegung packte ich sein Handgelenk. Die Wunde blutete noch immer, und dieser verdammte Nox hatte sie zuerst abgeleckt – wie konnte er nur?

Ich fixierte Leo mit meinen lila Augen, während ich langsam und sanft mit der Zunge über seine Wunde leckte. Er keuchte auf und stöhnte leise. Seine blau-grauen Augen wurden augenblicklich glasig. Ich grinste düster. Ich hatte ihn vollkommen unter Kontrolle. Ich löste meine Zunge von seiner Haut, sprühte die Schnittwunde mit Desinfektionsmittel ein und umwickelte sie fachgerecht mit einer sauberen Bandage.

„Komm mit“, befahl ich, während ich den Koffer schloss. „Du musst baden, und danach brauchst du neue Kleidung.“

Leo zog sich nur noch weiter in die Polster zurück und wisperte mit brüchiger Stimme: „Lass mich bitte gehen…“

Ich lachte rau auf und beugte mich so tief zu ihm vor, bis mein Gesicht nur noch Zentimeter von seinem entfernt war. „Nein. Du gehörst mir.“

Er wimmernte leise. „Keine Angst, ich werde gut für dich sorgen“, raunte ich an seiner Lippe. „Es sei denn, du widersetzt dich mir. Dann muss ich weitaus härtere Geschütze auffahren.“

Er zitterte am ganzen Körper. Bevor er überhaupt reagieren konnte, packte ich ihn fest. Er schrie kurz auf, als ich ihn mir mühelos über die Schulter warf und die große Wendeltreppe nach oben stapfte. Leo strampelte verzweifelt und schlug mir gegen den Rücken. „Lass mich runter! Bitte, lass mich runter… Lass mich einfach gehen, bitte!“, rief er immer wieder. Ich beachtete seine Flehen überhaupt nicht. Ich trug ihn zielstrebig in mein Zimmer, ging direkt weiter in mein angrenzendes Badezimmer und setzte ihn dort auf den kalten Fliesen ab.

Er versuchte sofort, an mir vorbei durch die offene Tür zu fliehen, aber ich versperrte ihm den Weg. Er prallte ungebremst gegen meine breite Brust und taumelte zurück, bis er den Halt verlor und auf den Boden fiel. Ich sah kühl auf ihn herab. „Du hast zehn Minuten, um dich zu duschen. Andernfalls komme ich rein und bin dir dabei behilflich.“

Leo blieb der Mund offen stehen. Er brachte vor Schock kein einziges Wort heraus. Ich verließ das Badezimmer und schloss die schwere Tür von außen ab.

Leo

Ich konnte es einfach nicht fassen. Dieser Typ musste ein Psychopath mit zu viel Geld sein, anders konnte ich mir das alles nicht mehr erklären. Ich musste so schnell wie möglich hier weg, bevor er mich noch umbrachte. Aber wie?

Ich stieg in die Badewanne und wusch mir den ganzen Dreck und den kalten Schnee aus dem Wald von der Haut. Das warme Wasser tat unglaublich gut und lockerte die extremen Verspannungen in meinen Muskeln. Es war kaum zu glauben, dass ich diesen Mann gestern noch sympathisch, nett und attraktiv gefunden hatte. Er war das genaue Gegenteil. Er hatte mich entführt, verdammt noch mal! Aber warum… warum wurde mein Körper bei jedem seiner intensiven Blicke trotzdem so seltsam starr? Warum reagierte ich überhaupt so auf ihn? Das konnte einfach nicht gesund sein. Ich tauchte für einen Moment komplett unter Wasser und versuchte, meinen rasenden Herzschlag zu beruhigen.

Als ich wieder auftauchte, wischte ich mir die nassen, braunen Haare aus der Stirn und erhob mich mit zitternden Knien aus der Wanne. Ich schnappte mir die Boxershorts, die neben der Wanne bereitgelegt worden waren, und schlüpfte in den kurzen, flauschigen Bademantel. Ich wollte mir gerade die Haare fönen, als die Tür abrupt geöffnet wurde und Luke eintrat.

Ich zuckte heftig zusammen. Er starrte mich unentwegt mit seinen lila Augen an. „Na, bist du fertig?“

Ich schüttelte leicht den Kopf. Er kam wortlos herüber, nahm mir den Föhn aus der Hand und begann, in Windeseile meine Haare zu trocknen. Sobald er fertig war, rollte er das Kabel ordentlich zusammen. Ich sah meine einzige Chance gekommen. Ich spannte die Muskeln an und stürmte an ihm vorbei durch die offene Tür, in der Hoffnung, schnell genug zu sein. Doch ich schaffte es nicht einmal bis hinter das riesige Bett. Eine große, feste Hand packte mich grob am Arm und schleuderte mich mit voller Wucht auf die Matratze.

Ich keuchte schmerzhaft auf und schnappte hektisch nach Luft. Als ich aufblickte, sah ich einen wütenden Luke über mir stehen. Seine lila Augen glühten vor unterdrücktem Zorn. Mit einer einzigen Hand umschloss er meine Kehle und drückte leicht zu. Ich versuchte verzweifelt, seine Finger von meinem Hals zu lösen, aber es war unmöglich. Sein Griff war hart wie Stahl.

„Jetzt reicht es mir“, sagte er mit gefährlich leiser Stimme. Er griff blind neben sich und holte ein schwarzes Halsband hervor. Er legte es mir um den Hals, und das Schloss rastete mit einem metallischen Klicken ein. Es sah exakt so aus wie das Lederband von Nox vorhin.

Ich keuchte schwer. „Was… was ist das?“

Luke lächelte kalt. „Ein Elektroschock-Halsband. Solltest du eine gewisse unsichtbare Linie auf diesem Anwesen übertreten, wird automatisch ein heftiger Stromstoß ausgelöst. Das ist sehr schmerzhaft. Also tust du ab jetzt besser ganz genau das, was ich dir sage. Verstanden?“

Ich nickte schwach gegen seine Hand. „Warum ich? Was habe ich getan?“, brachte ich mühsam hervor.

Luke lächelte düster. „Weil dein Bruder dich quasi an uns verkauft hat. Und nun ja… ich war sehr erfreut über dieses Angebot. Eigentlich wollte ich es dir schonend beibringen und vorher noch ein wenig mit dir ausgehen. Aber im Grunde wollte ich dich schon am allerersten Tag entführen und brechen. Nun erreiche ich mein Ziel durchaus schneller und habe viel mehr Spaß daran.“

Ich zitterte nun am ganzen Körper. Er musste wirklich komplett verrückt sein. Er strich mir langsam über die Seite und sah mich intensiv an. „Gefällt dir, was du siehst?“

„Nein“, flüsterte ich schwach. „Das ist widerlich.“

Luke lachte leise auf. „Dein Körper sieht das wohl anders.“

Wut staute sich in mir an. Mit aller Kraft schlug ich nach ihm und schubste ihn von mir runter, sodass ich mich schnell in die hinterste Ecke des Bettes retten und mich dort verängstigt zusammenkauern konnte.

Luke

Er hatte mich tatsächlich geschlagen. Eine Welle von heißem Zorn überrollte mich. Ich schoss nach vorne, packte ihn unsanft am Nacken und zwang seinen Kopf nach oben, sodass er mich ansehen musste. „So nicht, mein Schöner“, zischte ich eisig. „Ich habe da ein paar Regeln, an die du dich ab jetzt strikt halten wirst. Es sei denn, du willst, dass wir diese Isabel aus dem Café holen, sie vergewaltigen und danach langsam ausbluten lassen.“

Leos Augen weiteten sich vor blankem Entsetzen. „Nein, bitte nicht!“, wimmerte er sofort unter Tränen. „Ich mache alles, was du sagst! Aber lass sie da raus, bitte!“

Ich grinste zufrieden. „Gut. Es gibt fünf Regeln, an die du dich halten musst. Ansonsten bestrafe ich dich nach meinem eigenen Ermessen.“ Ich fixierte ihn mit meinen lila Augen.

„1. Du darfst niemanden außer mich anlächeln. Dein Glück, deine Freude und deine Emotionen existieren ab jetzt nur noch im Bezug zu mir. Wenn du andere Wachen oder Bedienstete auch nur ansiehst oder sie anlächelst, hat das brutale Konsequenzen für sie und für dich.

2. In deinen Räumen gibt es keine verschlossenen Türen für mich. Du wirst dich niemals vor mir verstecken oder versuchen, deine Gedanken oder deine Tränen vor mir zu verbergen. Ich weiß alles, ich sehe alles, und du teilst jede deiner Regungen freiwillig mit mir.

3. Du wirst von niemandem sonst berührt, und du berührst niemanden. Selbst deine eigene Pflege oder das Servieren deines Essens geschieht nur nach meinen Regeln. Jede Form von physischer Nähe in dieser Welt geht allein von mir aus.

4. Du wirst nicht nach deiner Familie, deinen Freunden oder deinem alten Leben fragen. Dieses Zimmer und ich, wir sind ab jetzt deine gesamte Welt. Die Vergangenheit existiert für dich nicht mehr; deine Zukunft beginnt und endet in meinen Armen.

5. Alles, was ich dir gebe – Kleidung, Essen, Luxusgüter oder meine Zuneigung –, nimmst du mit tiefster Dankbarkeit an. Ein Ablehnen meiner Fürsorge wird als Verrat an meiner Liebe gewertet.“

Leo

Ich erstarrte völlig. Was sollten das für kranke Regeln sein? Merkte dieser Mann denn nicht, wie absolut gestört das war? Ich spürte, wie mir eine weitere Träne über die Wange kullerte. Eine Frage schoss mir unaufhaltsam durch den Kopf: Er nannte das Ganze tatsächlich Liebe. Aber wie konnte etwas, das eigentlich so schön sein sollte, so grausam und brutal sein?

Ich blickte zaghaft zu ihm auf. Tat er das alles vielleicht nur auf seine eigene, kranke Art, weil er mich beschützen wollte? Sofort widersprach ich mir selbst im Geist. Nein, so fangen wir gar nicht erst an. Dieser Mann braucht dringend professionelle Hilfe. Ich senkte den Blick wieder zu den Bettdecken und nickte schwach.

Luke lächelte zufrieden und strich mir über die Wange. „Guter Junge.“

Ich fühlte mich, als würde meine gesamte Welt in diesem Moment in tausend Scherben zerbrechen. „Wo… wo ist mein Schlafzimmer?“, wisperte ich tonlos.

Luke seufzte leise und sah mich an. „Eigentlich hier bei mir. Aber ich glaube, du bist noch nicht ganz bereit dafür. Du schläfst im Zimmer direkt nebenan.“