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Kapitel 31 Das Labyrinth der Sinne

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Kapitel 31 Das Labyrinth der Sinne

Luke wandte sich mit einer fließenden Bewegung zu Adam und sagte mit seiner tiefen, unbarmherzigen Ruhe: „Fahrt schon mal vor. Wir holen euch ein. Und parkt auf dem Parkplatz direkt inadeneben. Informiere alle Einheiten, ihn keine Sekunde lang aus den Augen zu lassen. Ich will am Ende dieses Tages ganz genau wissen, was er wann, wie und wo gemacht hat und zwar von jedem einzelnen Mann.“

Ich hob sofort warnend den Finger und sagte trotzig: „Außer in den Vorlesungen, Luke.“

Luke spannte sich merklich an, seine Muskeln erhärteten sich unter der Kleidung und er knurrte leise: „Außer in den Vorlesungen. Dennoch bleiben sie unbarmherzig in der Nähe.“

Adam nickte kurz und ging dicht gefolgt von Isa nach draußen in den kühlen Morgen, während Luke sich wieder ganz zu mir wandte und mich aus seinen lila Augen fixierte. „Bist du bereit, Welpe?“

Ich nickte schwach und flüsterte nur aufgeregt: „Ja.“

Luke ging langsam auf mich zu, seine großen, kochend heißen Hände glitten sachte über meine Schultern hinunter bis zu meiner Hüfte, wo er mich fest an sich zog. Ich schlang die Arme um seine breiten Schultern, sah ihn aus meinen blau-grauen Augen an und sagte leise: „Du weißt doch, dass ich immer zu dir zurückkomme, nicht?“

Luke nickte schwach, presste meinen zierlichen Körper regelrecht gegen seine nackte Brust und raunte an meinem Hals: „Ich weiß es, Leo. Aber ich vertraue der Welt da draußen nicht. Die Menschen sind gefährlich. Sie wollen dich mir wegnehmen. Da du mir gehörst, ist es für dich auf diesen Straßen gefährlicher als für alle anderen. Da du mich gewählt hast und ich dich. Menschen werden versuchen, dich an sich zu bringen, nur um mich zu verletzen, um mich zu schwächen. Also bin ich wohl um einiges angespannter als normal. Ich brauche heute dringend irgendetwas zum Abreagieren.“

Ich strich ihm sanft über den Nacken. „Hey, hey, alles gut, okay? Mir wird nichts passieren. Es ist alles gut, Luke. Ich bin doch nur knapp drei Stunden da, okay? Danach darfst du mich einsperren, so viel du willst.“

Luke schmunzelte auf diese unheimliche, psychopathische Art und sagte leise: „Ich freue mich schon jetzt darauf, dich wieder anzuleinen, Welpe. Und jetzt schwing deinen verdammt süßen Hintern auf meine Kawasaki, verstanden?“

Ich lachte leise und sagte: „Na gut, na gut. Aber bitte bau keinen Unfall, diese Dinger sind nicht sicher.“

Luke lachte rau auf und stieg auf das schwere Motorrad. „Los, hinten drauf, Leo.“

Ich nickte gehorsam und setzte mich direkt hinter ihn auf den Sitz. „Ähm… wo sind hier eigentlich die Anschnallgurte, Luke?“

Luke lachte laut auf, ein tiefes, amüsiertes Geräusch. „Es gibt hier keine Gurte, Welpe. Du musst dich ganz fest an mir festhalten.“

Ich schluckte den trockenen Kloß in meiner Kehle mühsam hinunter; dieses Ding konnte doch unmöglich sicher sein. Ich schlang meine Arme fest um seinen breiten Körper und klammerte mich im wahrsten Sinne des Wortes an ihn, als er Gas gab. Wir fuhren los und es fühlte sich an, als würden wir fliegen. Wir fuhren so schnell, dass mir im Fahrtwind beinahe kalt wurde, und ich drückte mich instinktiv noch ein Stück enger an Lukes heißen Rücken. Luke betätigte im Fahren einen Knopf an seinem Motorrad ein kurzes Kribbeln an meinem Hals durchzuckte mich, und da waren wir auch schon über der unsichtbaren Grenze auf dem direkten Weg zur Universität.

Wir blieben auf dem großen Parkplatz stehen. Ich stieg mit weichen Knien ab und zog meinen Helm ab. Ich wollte ihn Luke geben, aber er schüttelte den Kopf. „Behalte ihn, bis ich dich nachher wieder abhole.“

Ich nickte schwach, und gemeinsam schritten wir auf das riesige Universitätsgelände zu. Isa und Adam schlossen sich uns mit wenigen Schritten an. Kurz vor den großen, schweren Eingangstoren blieben wir schließlich stehen. Luke baute sich in seiner vollen Zwei-Meter-Größe direkt vor mir auf, sodass sein massiver Schatten mich komplett verschluckte und mich vor den Blicken der anderen Studenten abschirmte. Er sah umwerfend gut aus in seiner schwarzen Jeans und dem Hemd, dessen obere Knöpfe offen waren. Er verlor keine großen Worte vor den anderen, aber seine nackten Hände glitten langsam an meinen Oberarmen hinauf, bis seine Daumen ganz sachte über das glänzende Silber an meiner Kehle strichen. Ein mörderisch sanftes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, und der unmissverständliche, verlockende Tonfall in seinem Blick ließ mein Herz wie verrückt gegen meine Rippen hämmern.

„Erinnere dich an meine Regeln, Welpe“, flüsterte er so leise, dass nur ich es hören konnte. „Ich zähle die Minuten. Geh jetzt.“

Er beugte sich tief zu mir herunter und drückte mir einen kurzen, aber heißen Kuss auf die Lippen, der mein Gehirn im Nu komplett ausschaltete. Als er sich langsam von mir löste, spürte ich immer noch das heftige, klebrige Kribbeln im Bauch.

Isa packte mich sofort am Arm, warf Luke noch einen trotzigen Blick zu und zog mich mit sich. „Komm schon, Leo, sonst verpassen wir den Start!“, rief sie, während Adam im Hintergrund die Arme vor der Brust verschränkte und sie mit seinen intensiv grünen Augen unentwegt verfolgte, was Isa sofort wieder leicht erröten ließ.

Wir gingen direkt zur Einführung. Das gesamte Gelände war gigantisch und glich einer eigenen, hochmodernen Stadt. Ein riesiger, massiver Zaun zog sich um das komplette Areal, um neugierige Zivilisten und die breite Öffentlichkeit rigoros fernzuhalten. Drinnen war alles perfekt aufeinander abgestimmt. Ein älterer Professor leitete unsere Gruppe und führte uns stundenlang durch die Anlage, während meine und Isas Kiefer vor Staunen immer wieder nach unten klappten. Die Führung war der Wahnsinn. Wir liefen an insgesamt vier riesigen Sporthallen vorbei, sahen die zwei gigantischen Schwimmbäder mit olympischen Ausmaßen und blickten ehrfürchtig in einige der insgesamt neunzig Hörsäle, die modernste Technik besaßen. Draußen erstreckten sich weitläufige Outdoor-Sportplätze sowie riesige Arenen für Wettkämpfe und hochmoderne Fitnessstudios, die rund um die Uhr geöffnet waren. Der Professor zeigte uns die fünfzig Wohnanlagen, die wie luxuriöse Apartments zwischen wunderschön angelegten Parks eingebettet waren. Das Verrückteste waren jedoch die eigenen Saunen und Spa-Bereiche für die Studenten, die eher an ein Fünf-Sterne-Wellnesshotel erinnerten als an eine gewöhnliche Universität.

Ich war vollkommen überwältigt von der schieren Größe. Während wir durch die Parks liefen, suchten meine blau-grauen Augen im Hintergrund immer wieder nach den Wachen, die Luke erwähnt hatte. Sie tarnten sich perfekt wie ganz normale Studenten mit Rucksäcken und Büchern, aber ich wusste ganz genau, dass sie mich keine einzige Sekunde aus den Augen ließen. Jedes Mal, wenn ich an meinem Silberhalsband tastete, wurde mir bewusst, dass ich trotz dieser gigantischen, neuen Welt für immer an Lukes Leine lag und der Gedanke an mein geheimes Psychologiestudium, um diesen mächtigen Mann irgendwann selbst besser zu kontrollieren, ließ mein Herz in einer völlig neuen, gefährlichen Vorfreude schlagen.

Die große Führung war endlich vorbei, und die riesige Gruppe spaltete sich auf. Der Professor schickte uns in die einzelnen Fachrichtungen, und Isa und ich steuerten direkt auf das hochmoderne Gebäude der Psychologie zu. Meine Hände zitterten so heftig, dass ich die Bändel meines Hoodies noch fester umklammerte. Als wir den riesigen Hörsaal betraten, klappte mir fast der Kiefer herunter. Alles war aus dunklem Holz und glänzendem Glas, die Stuhlreihen stiegen steil nach oben an, und ganz vorne an der gigantischen Leinwand stand eine junge, streng aber elegant gekleidete Professorin. Wir suchten uns schnell zwei Plätze im mittleren Bereich. Ich rutschte unruhig auf dem Klappsitz hin und her. Mein Blick wanderte instinktiv nach ganz hinten, in die obersten Reihen des Raumes. Und tatsächlich: Da saßen zwei bullige, breitbeinige Männer in unauffälligen Jacken. Sie taten so, als würden sie auf ihre Handys starren, aber ihre Augen scannten ununterbrochen die Studenten um mich herum. Lukes unsichtbare Schatten. Sie passten auf sein Eigentum auf.

„Guten Morgen, meine Damen und Herren“, ertönte die klare, energische Stimme der Professorin über die Lautsprecher. „Willkommen in der Psychologie. Um das Eis zu brechen, beginnen wir heute mit einer kurzen Vorstellungsrunde. Jeder sagt bitte seinen Namen, woher er kommt und was sein Hauptziel in diesem Studium ist.“

Bei dem Wort Vorstellungsrunde rutschte mir das Herz augenblicklich komplett in die Hose. Die nackte Panik schoss mir bis in die Fingerspitzen, und ich fing panisch an, auf meiner Unterlippe herumzuknabbern. Das tiefe Purpurrot breitete sich unbarmherzig auf meinen Wangen aus. Was sollte ich denn bitte sagen? „Hallo, ich bin Leo, ich trage ein Silberhalsband mit Peilsender und studiere Psychologie nur, um meinen psychopathischen Mafia-Freund besser manipulieren und kontrollieren zu können“? Sie würden mich alle für geisteskrank erklären!

Isa reagierte sofort auf mein hysterisches Atmen. Ihr Hang zum Problemfall schaltete sofort auf Beschützermodus um. Sie stupste mich fest mit dem Ellbogen an, beugte sich zu mir rüber und flüsterte mir mit einer frechen Entschlossenheit ins Ohr: „Ganz ruhig, Welpe. Ich mache das für uns beide. Wenn du dran bist, sagst du einfach nur deinen Namen und dass du Menschen verstehen willst. Den Rest binde ich denen auf die Nase.“ Die Runde wanderte unaufhaltsam näher zu unserer Reihe. Studenten redeten von klinischer Psychologie, Forschung und dem Helfen von traumatisierten Menschen. Dann war Isa an der Reihe. Sie stand mit einer absoluten Selbstverständlichkeit auf, warf ihre wilden braunen Haare nach hinten und legte ihr unverschämtes, breites Grinsen auf.

„Hi, ich bin Isabel“, verkündete sie laut und ungeniert, während ihr loses Mundwerk die Worte abfeuerte. „Ich bin eigentlich nur hier, weil mein bester Freund ein absoluter Magnet für hochgradig gestörte, psychopathische Kontrollfreaks ist und ich lernen muss, wie man diese wandelnden Monster therapiert, bevor sie uns beide komplett adoptieren. Und mein Ziel ist es, eine eigene Praxis direkt neben unserem zukünftigen Café zu eröffnen.“

Im Hörsaal ging ein leises, amüsiertes Raunen durch die Reihen, und sogar die Professorin musste schmunzeln, weil sie dachte, Isa würde nur einen extrem sarkastischen Scherz machen. Nur ich wollte am liebsten augenblicklich im Erdboden versinken. Mein Gesicht brannte wie Feuer. Sie hatte es tatsächlich laut ausgesprochen!

Bevor die Professorin nachhaken konnte, setzte Isa sich wieder hin, stupste mich an und raunte: „Du bist dran, Partner. Lass den Mafioso stolz sein.“

Ich schluckte den trockenen Kloß in meiner Kehle hinunter und erhob mich mit zitternden Knien. Das Silberhalsband mit dem grünen Stein blitzte am Ausschnitt meines weiten Hoodies hervor, und ich spürte das klebrige, verführerische Kribbeln in meinem Magen so heftig wie noch nie. Ich suchte kurz Isas Blick, atmete tief durch und sah direkt zur Professorin.

„Ich... ich bin Leo“, sagte ich, und meine Stimme klang erstaunlich klar durch den großen Raum, während ich meine Finger fest in den Stoff meines Hoodies krallte. „Ich bin hier, weil mich die menschliche Psyche fasziniert. Ich möchte lernen, wie man das Verhalten von... extrem dominanten Persönlichkeiten versteht. Um zu wissen, wie man sich in ihrer Nähe verhalten muss, damit sie... damit man ihnen gefällt. Und um zu lernen, wie man sie vielleicht irgendwann mit ihren eigenen Mitteln lenken kann.“

Als ich mich wieder hinsetzte, pochte mir das Herz bis zum Hals. Die Professorin nickte anerkennend und machte sich eine Notiz, während ich mich erschöpft in den Sitz zurückfallen ließ. Ich hatte die Wahrheit gesagt, perfekt getarnt als wissenschaftliches Interesse. Ganz hinten im Hörsaal bewegte sich einer von Lukes Schlägern und tippte flink etwas in sein Handy. Er informierte die Basis. Luke würde in genau diesem Moment erfahren, was sein kleiner Welpe gerade über ihn gesagt hatte und die drei Stunden bis zu seiner Rückkehr auf der Kawasaki schienen plötzlich  gefährlich zu werden.

Es dauert ungefähr eine Stunde, bis sich alle vorgestellt hatten. Danach begann der Unterricht. Der Lehrer stellte sich kurz vor, er hieß Herr Kraut.

Er begann: „So, da sich hier sehr viele für Psychopathen interessieren, habe ich beschlossen, euch die verschiedenen Typen von Psychopathen zu zeigen und euch zu erklären, wie man sie erkennt.

Da wäre zuerst der ‚charmante Verführer‘, also der klassische narzisstische Psychopath. Er nutzt seinen Charme gezielt als Waffe, um Menschen zu manipulieren und für seine Zwecke einzuspannen. Er ist der geborene Blender. Auf den ersten Blick wirkt er extrem attraktiv, charismatisch und eloquent. Er gibt jedem das Gefühl, die wichtigste Person im Raum zu sein, und überschüttet andere regelrecht mit Komplimenten ein Phänomen, das wir als ‚Love Bombing‘ bezeichnen. Aber man kann ihn entlarven. Achten Sie mal auf den sogenannten ‚Servierer-Test‘: Zu Vorgesetzten oder Dates ist er zutiefst unterwürfig und charmant, aber Kellner, Reinigungskräfte oder Untergebene behandelt er herablassend und arrogant. Zudem zeigt er ein extremes Chamäleon-Verhalten. Seine Persönlichkeit, seine Hobbys und Meinungen ändern sich radikal, je nachdem, mit wem er spricht, nur um der Person zu gefallen. Und wenn Sie mal tiefer bohren oder nach echten emotionalen Schwächen fragen, merken Sie schnell, dass da keine echte Tiefe ist. Er weicht dann einfach mit einer perfekt einstudierten, oberflächlichen Anekdote aus.

Der zweite Typ ist der ‚Schatten-Boss‘, der machiavellistische Chef. Ihm geht es um Macht, Kontrolle und Status. Er bricht in der Regel keine Gesetze, sondern nutzt das System perfekt aus, um seine Konkurrenten kaltlächelnd zu ruinieren. Der erste Eindruck ist oft der eines kompetenten, eiskalt kalkulierenden und extrem disziplinierten Anführers, der auch in Krisen  keine Nerven zeigt. Man erkennt ihn am ‚Treten und Schleimen‘-Prinzip: Er heimst die Lorbeeren für die Arbeit anderer ein, schiebt Misserfolge aber sofort irgendwelchen Sündenböcken zu. Wenn Sie ihn genau beobachten, fällt Ihnen vielleicht sein falsches Lächeln auf seine Augen lächeln nämlich nie mit, und seine Mimik wirkt oft wie eine Maske, die er sekundenbruchteilig an- und ablegt. Dazu kommt ein völliges Fehlen von Reue. Wenn ein Mitarbeiter wegen des enormen Drucks zusammenbricht, zeigt er kein Mitgefühl, sondern wertet die Person als ‚schwach‘ oder ‚unbrauchbar‘ ab.

Dann haben wir den ‚parasitären Trittbrettfahrer‘, den man auch als professionellen Jammerlappen beschreiben kann. Er nutzt nicht Macht oder Charme, sondern gezielt das Mitleid anderer aus. Er lebt im Grunde auf Kosten seiner Mitmenschen, ohne jemals etwas zurückzugeben. Zuerst wirkt er hilflos, vom Pech verfolgt und missverstanden, sodass man ihn sofort beschützen und ihm helfen möchte. Aber er flüchtet sich in eine ewige Opferrolle und übernimmt nie Verantwortung. Wenn er den Job verliert, die Miete nicht zahlt oder eine Beziehung scheitert, sind immer die bösen anderen oder das System schuld. Es ist eine völlig einseitige Dynamik. Er fordert ständig Gefallen, Geld, Zeit oder emotionale Unterstützung. Versucht man jedoch, von ihm Hilfe einzufordern, hat er plötzlich eine Ausrede oder wird aggressiv. Langfristige Pläne hat er keine. Er lebt komplett im Hier und Jetzt, macht Schulden und verlässt sich einfach darauf, dass schon der nächste Retter auftaucht.

Der vierte Typ entspricht eher dem kriminellen Klischee: der ‚unberechenbare Hitzkopf‘ oder impulsive Soziopath. Er kann seine Impulse schlichtweg nicht kontrollieren und reagiert bei der kleinsten Frustration sofort mit Aggression. Auf den ersten Eindruck wirkt er reizbar, intensiv, oft unruhig oder getrieben wie eine tickende Zeitbombe. Hier sehen wir den klassischen ‚Null-auf-Hundert‘-Effekt: Wegen einer absoluten Kleinigkeit, zum Beispiel weil ihm jemand die Vorfahrt nimmt oder widerspricht, rastet er völlig aus. Seine Wut steht in keinem Verhältnis zum Auslöser. Meistens zieht er eine lange Akte an Konflikten hinter sich her ständig wechselnde Jobs, abgebrochene Ausbildungen, Schlägereien, oft ist er auch polizeibekannt. Er hält sich schlicht an keine Regeln. Und das Erschreckende ist seine Unfähigkeit, aus Strafen zu lernen. Selbst wenn er erwischt und bestraft wird, tut er es wieder. Er besitzt keine vorausschauende Angst vor Konsequenzen.

Und zu guter Letzt gibt es noch eine besonders gefährliche Form: den sadistisch-machiavellistischen Kontroll-Psychopathen. Das ist eine psychologische Mischung, die die absolute Gefühlskälte des primären Psychopathen mit dem extremen Größenwahn des bösartigen Narzissten verbindet. Er ist ein strategischer Planer und handelt niemals unüberlegt oder im Zorn. Jede Aktion, jede Bestrafung und jede Regel ist von ihm monatelang im Voraus kalkuliert. Dabei trägt er anfangs eine perfekte Maske der Sanftmut. Er kann sich als charmanter, netter und beschützender Traummann inszenieren, um tiefes Vertrauen aufzubauen. Später nutzt er instrumentelle Gewalt wie ein unsichtbares oder in manchen Fällen sogar reales Halsband. Er setzt Schmerz und Strafe völlig emotionslos und eiskalt als reines Erziehungswerkzeug ein, um Grenzen zu setzen. Er erschafft eine kontrollierte Realität und erträgt keinen Zufall. Er bestimmt den Alltag seines Opfers durch starre Regeln und eine lückenlose Überwachung, fast wie durch Wachen. Das psychologische Paradoxon daran ist, dass er freiwillige Unterwerfung verlangt. Er will kein verängstigtes Haustier, sondern er will, dass sein Opfer ihn trotz oder gerade wegen der Grausamkeit am Ende aus freien Stücken liebt und anhimmelt.

Diese Form kommt häufiger vor, zwar nicht exakt so extrem, aber Mischungen daraus gibt es oft. Ihr werdet lernen, sie zu erkennen.“

Mir stockte der Atem. Diese letzte Beschreibung traf genau auf Luke zu. Ich hob den Arm. Herr Kraut deutete auf mich.

„Ja?“, sagte er.

Ich sagte: „Äm, nur mal angenommen, man wäre mit so jemandem befreundet und der hätte jetzt einen Freund... Was wäre der beste Rat für den Freund, damit man ihn warnt?

Herr Kraut sah mich einen Moment lang schweigend an. Die Kreide in seiner Hand hielt inne, und die anfängliche Lockerheit in seinem Gesicht wich einem tiefen, professionellen Ernst. Er legte das Kreidestück langsam auf das Pult, atmete tief durch und stützte sich mit den Händen auf der Tischkante ab, während sein Blick mich ganz genau fixierte.

„Wenn dieser Fall tatsächlich eintritt“, begann er mit einer Stimme, die plötzlich viel leiser, aber  eindringlich klang, „dann befindet sich der Partner dieses Menschen bereits in einer psychologischen Gefahrenzone, die Außenstehende völlig unterschätzen. Mein  wichtigster und dringlichster Rat an den warnenden Freund lautet: Gehen Sie niemals, unter keinen Umständen, in die direkte Konfrontation mit dem Psychopathen.“

Er machte eine kurze Pause, um sicherzugehen, dass alle im Raum zuhörten.

„Solche Menschen besitzen ein perfekt ausgebautes Kontrollsystem. Wenn Sie versuchen, den Partner plump zu warnen oder den Psychopathen bloßzustellen, wird Folgendes passieren: Der Psychopath wird Ihre Warnung sofort gegen Sie verwenden. Er wird dem Partner einreden, dass Sie eifersüchtig sind, die Beziehung zerstören wollen oder verrückt geworden sind. Am Ende erreichen Sie nur, dass sich das Opfer noch enger an den Peiniger klammert und Sie komplett isoliert werden. Schlimmer noch: Sie werden für den Psychopathen von einer unbedeutenden Person zu einer direkten Bedrohung. Und ein sadistisch-machiavellistischer Typ wird sich nicht im Streit rächen er wird Ihre soziale oder psychische Vernichtung im Hintergrund kühl und strategisch planen.“

Herr Kraut ging einen Schritt auf die Mitte des Raumes zu.

„Wie hilft man also wirklich? Erstens: Bleiben Sie ein unerschütterlicher Anker in der Realität. Das Opfer leidet unter permanentem Gaslighting und zweifelt an der eigenen Wahrnehmung. Widersprechen Sie nicht dem Partner, sondern sagen Sie dem Opfer einfach nur: ‚Ich sehe dich. Du bist nicht verrückt. Deine Gefühle sind real.‘ Zweitens: Halten Sie die Verbindung um jeden Preis. Drängen Sie das Opfer nicht zu einer Trennung, denn das erzeugt nur denselben Druck, den der Partner ohnehin schon ausübt. Das Opfer muss von selbst aufwachen. Aber signalisieren Sie immer: ‚Egal was passiert, meine Tür steht für dich immer offen.‘ Und drittens: Wenn das Opfer bereit ist zu gehen, helfen Sie im Geheimen. Bei diesem Typus Mensch ist der Moment der Trennung der gefährlichste. Da braucht es einen Fluchtplan, Dokumente an einem sicheren Ort und die Unterstützung von Profis wie der Opferhilfe.“

Herr Kraut sah mich noch einmal direkt an, und für einen Sekundenbruchteil wirkte es, als würde er durch meine Fassade hindurchsehen.

„Retten Sie nicht den großen Helden. Seien Sie einfach der  sichere Hafen, an den sich das Opfer wenden kann, wenn die Fassade bröckelt.“

Isabell hob nun ebenfalls die Hand und fragte: „Und was, wenn die Person schon in ihn verliebt ist und jemand versucht hat, ihn vorher rauszuholen? Der Psychopath akzeptiert die Freundin aber, weil das Opfer ihn darum angefleht hat?“

Herr Kraut hielt mitten in der Bewegung inne. Die Stille im Raum war nun so dicht, dass man das leise Summen der Deckenbeleuchtung hören konnte. Er sah von mir zu Isabell, und seine Augen verengten sich ein wenig. Als erfahrener Psychologe spürte er sofort, dass wir hier keine theoretischen Fälle aus einem Lehrbuch besprachen. Wir redeten über die Realität. Über unsere Realität.

Er ging langsam zu seinem Pult zurück, nahm die Kreide wieder in die Hand, drehte sie nachdenklich zwischen den Fingern und antwortete mit einer Professionalität, die unter die Haut ging:

„Das ist ein psychologisch hochgradig explosives Szenario. Wenn das Opfer den Psychopathen darum anflehen muss, eine Freundschaft zu akzeptieren, zeigt das bereits, wie tief die Gehirnwäsche und die emotionale Abhängigkeit fortgeschritten sind. Das Machtgefälle ist zu diesem Zeitpunkt bereits absolut. Diese vermeintliche Erlaubnis ist in Wahrheit ein reines Kontrollwerkzeug, denn ein strategischer Narzisst tut niemals etwas aus Gutmütigkeit oder echter Toleranz. Er gewährt diese Ausnahme nur, um dem Opfer das Gefühl zu geben, dass er gar nicht so schlimm ist und die beste Freundin erlaubt was eine perfide Methode ist, um das Opfer noch dankbarer und gefügiger zu machen. Für den Partner bedeutet diese Freundschaft ab jetzt ein absolutes Minenfeld, da er unter dem enormen Druck steht, dem Psychopathen jeden Tag beweisen zu müssen, dass die Freundin keine Gefahr für das Kontrollsystem darstellt. Jedes falsche Wort oder jeder falsche Blick kann dazu führen, dass der Psychopath die Freundschaft sofort wieder verbietet. Zudem wird die Freundin dadurch instrumentalisiert, da der Psychopath sich vor ihr von seiner charmanten Seite zeigt, um ihre Zweifel zu zerstreuen und die einzige Person zu entmachten, die dem Opfer noch helfen könnte. Wenn Sie diese Freundin sind, die geduldet wird, müssen Sie diese Position extrem klug ausnutzen. Sie haben damit das geschafft, was fast keinem Außenstehenden gelingt, nämlich den Zutritt zum inneren Kreis des Kontrollsystems. Spielen Sie das Spiel des Psychopathen oberflächlich mit, seien Sie höflich, unauffällig und scheinbar harmlos, aber bleiben Sie im Geheimen der Spion der Realität. Sie sind jetzt die wichtigste Lebenslinie nach draußen, die Sie nicht durch unüberlegte Rettungsversuche abreißen dürfen.“

Herr Kraut legte die Kreide endgültig ab und blickte Isabell direkt in die Augen. Ein Frösteln lief mir über den Rücken, als ich Isabell von der Seite ansah. Herr Kraut hatte keine Ahnung, wie exakt er Lukes perfides Spiel gerade durchschaut hatte.

Isabell nickte und sagte laut: „Gut, dass das alles nur Theorie ist. Ich glaube, wäre das wirklich so, wäre ich weggerannt.“

Alle im Raum lachten. Anscheinend hatte sie auch Herrn Kraut überzeugt, denn er grinste und sagte: „Manche Menschen fänden so etwas wohl toll. Ich meine, jedes einzelne Dark-Romance-Buch basiert auf diesem Typen Psychopath. So, der Unterricht ist vorbei.“

Isa und ich standen auf und verließen den Vorlesungssaal. Wir schlenderten scheinbar gemütlich zum Ausgang, doch mein Puls raste. Am Ende des Flurs warteten zwei wütend aussehende Männer auf uns. Der eine hatte lila Augen und der andere strahlend grüne. Isa und ich schluckten gleichzeitig. Wir wussten sofort, dass unsere Freunde nicht gerade glücklich über diese erste Unterrichtsstunde waren.

Luke stand mit verschränkten Armen da, seine lila Augen blitzten gefährlich kühl im fahlen Licht des Flurs. Er hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt, und auf seinen Lippen lag dieses unheimlich ruhige, sanfte Lächeln, das mich sonst immer beruhigt hatte, mir jetzt aber das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er stieß sich langsam von der Wand ab und ging auf uns zu. Jeder seiner Schritte wirkte perfekt kontrolliert.

„Da seid ihr ja“, sagte Luke mit einer Stimme, die so sanft wie Samt war, in der aber eine eisige Unterströmung mitschwang. Er sah nicht mich an, sondern fixierte Isabell mit einem Blick, der sie regelrecht aufspießte. „Ihr habt euch ja drinnen prächtig amüsiert. Und ihr habt anscheinend sehr viele... interessante Fragen gestellt.“

Er trat so nah an mich heran, dass ich seine Körperwärme spüren konnte, und legte mir besitzergreifend eine Hand in den Nacken. Seine Finger waren kühl, und der Druck war genau fest genug, um mir zu zeigen, dass ich nirgendwo hinging.

„Ich dachte, wir hätten vereinbart, dass dieser Kurs reine Zeitverschwendung für dich ist“, raunte er mir ins Ohr, während sein Blick wieder zu Isabell wanderte. „Aber du und deine Freundin scheint die Theorie ja extrem spannend zu finden. Wollen wir hoffen, dass ihr nicht anfangt, Gespenster zu sehen, wo keine sind. Nicht wahr, Isabell?“

Adam trat einen Schritt vor, seine strahlend grünen Augen funkelten vor Zorn und seine Kiefermuskeln arbeiteten sichtbar. Er sah von Isabell zu Luke und schnaubte verächtlich, bevor er seinen Blick wütend auf Isa richtete. „Ihr habt drinnen ja ganz schön große Reden geschwungen. Glaubt ihr im Ernst, dieser theoretische Schwachsinn von irgendeinem Möchtegern-Professor ändert irgendwas an der Realität? Ihr solltet verdammt noch mal besser aufpassen, was ihr für Fragen stellt.“