Kapitel 32: Gefährliche Analyse
Kapitel 32: Gefährliche Analyse
Noch bevor Adam überhaupt richtig aussprechen konnte, legte Luke den Kopf schief. Seine lila Augen verengten sich zu Schlitzen. Er ignorierte Adam komplett, wandte sich wieder ganz an mich und drückte seine Finger noch ein Stück fester in meinen Nacken.
„Ich bin maßlos enttäuscht von dir, Leo“, flüsterte Luke, und seine Stimme triefte vor eisiger, kontrollierter Wut. „Wie konntest du mich vor all diesen Leuten so bloßstellen? Nach allem, was ich für dich tue. Nach all den Regeln, die ich aufstelle, um dich zu beschützen. Du hast mich angelogen, du hast hinter meinem Rücken Spielchen gespielt und mich wie ein Monster darstellen lassen. Du hast mein Vertrauen missbraucht, und du weißt ganz genau, was für Konsequenzen das normalerweise hat.“
Es war der Moment, in dem in mir etwas riss. Der unerträgliche Druck der letzten Stunden, die treffenden Worte von Herrn Kraut und jetzt dieses massive Missverständnis von Luke es war einfach zu viel.
Ich riss mich mit aller Kraft aus seinem Griff, machte einen Schritt zurück und schrie ihn mitten auf dem Flur an, sodass das Echo von den Wänden widerhallte: „Ich habe diese Fragen nicht gestellt, um dich bloßzustellen! Willst du wissen, warum ich unbedingt Psychologie studieren wollte?! Warum ich mich durchgebissen habe, um in diesem verdammten Kurs zu sitzen?! Wegen dir! Weil ich dich endlich verstehen wollte! Ich wollte begreifen, wie du tickst, damit ich dich meinerseits kontrollieren kann! Damit ich genau weiß, was du brauchst, mich dir perfekt anpassen und dir noch besser gefallen kann! Ich wollte einfach nur der ideale Partner für dich werden!“
Mein offenes, schockierendes Geständnis hing schwer in der Luft. Vor Isabell und Adam hatte ich gerade meine tiefe Abhängigkeit und meine dunkle Faszination für ihn völlig offengelegt.
Lukes Reaktion war sofort spürbar. Das falsche, sanfte Lächeln verschwand in einem winzigen Sekundenbruchteil aus seinem Gesicht. Seine Mimik fror zu einer emotionslosen, eiskalten Maske ein. Keine Wut, kein Erschrecken, kein lautes Kontra. Seine lila Augen wurden völlig leer, als hätte man das Licht dahinter ausgeknipst. Er zuckte nicht einmal zusammen, als ich ihn so anschrie und ihm mein psychologisches Paradoxon ins Gesicht schleuderte. Er stand einfach nur da, unbeweglich, und sah mich mit einer schneidenden, furchterregenden Ruhe an.
Er wartete ab, bis mein Atem schwer ging und das Echo meines Schreis auf dem Flur verhallt war. In seinen leeren Augen blitzte plötzlich etwas Neues auf ein gefährliches, fast schon fasziniertes Interesse, gemischt mit seiner üblichen eiskalten Überlegenheit.
Er trat ganz langsam wieder einen Schritt näher an mich heran, senkte die Stimme zu einem kaum hörbaren, sadistischen Flüstern und sagte: „Du willst also lernen, mich zu kontrollieren, um mir zu gefallen? Du willst der ideale Partner sein? Ein faszinierender Ansatz, Leo. Aber du bist noch sehr weit davon entfernt. Wir werden das jetzt sofort zu Hause analysieren. Geh zum Motorrad. Sofort.“
Ich sah aus dem Augenwinkel, dass Isabel geschockt die Luft anhielt und sich direkt auf mich zu bewegen wollte. Ihre Hände zitterten, und sie wollte gerade meinen Namen rufen, aber Adam reagierte blitzschnell. Seine große Hand schoss nach vorne und hielt sie bestimmt am Arm zurück. Er beugte sich zu ihr herunter und raunte mit einer tiefen, unmissverständlichen Stimme: „Wir beide fahren jetzt lieber zu mir und lassen die zwei alleine.“
Isa wollte sofort lautstark protestieren, ihre Lippen öffneten sich für einen wütenden Konter, aber Adam fackelte nicht lange. Mit einem festen Griff zog er sie einfach mit sich, öffnete die große, schwere Flügeltür des Universitätsflurs und verschwand mit ihr, noch bevor sie sich losreißen konnte.
Ich stand nun ganz alleine da. Mein Herz hämmerte mir bis zum Hals, während ich immer noch starr in Lukes lila Augen blickte. Er machte seinerseits ebenfalls keine Anstalten, den Blick zu senken oder auch nur wegzusehen. Seine Mimik war wie eingefroren.
Ich schluckte den Kloß in meiner Kehle hinunter, ballte die Hände in den Taschen meines weiten Hoodies zu Fäusten und sagte leise, aber fest: „Nein.“
Luke runzelte langsam die Ergänzung. Das sanfte, gefährliche Lächeln kehrte für einen kurzen Moment auf seine Lippen zurück, doch seine Augen blieben eisig. „Nein? Was meinst du damit, Süßer?“, fragte er, und seine samtene Stimme klang fast schon amüsiert über meinen plötzlichen Mut.
„Ich gehe nicht mit dir mit“, erwiderte ich, während mir die Tränen der Wut in die Augen stiegen. „Ich bin gerade verdammt sauer auf dich.“
Lukes Reaktion kam ohne jede Vorwarnung. Er fing gar nicht erst an zu diskutieren oder meine Worte zu kommentieren. Für einen riesigen, mächtigen Mann wie ihn existierte mein Protest schlichtweg nicht. Bevor ich überhaupt die Luft einsaugen konnte, um einen Schritt zurückzuweichen, schoss seine Hand vor. Er packte mich blitzschnell an der Hüfte, hob mich mit spielerischer Leichtigkeit an und warf mich kurzerhand grob über seine breite Schulter.
„Luke! Lass mich runter! Verdammt, lass mich los!“, schrie ich und hämmerte mit meinen Fäusten gegen seinen massiven, heißen Rücken.
Doch es war, als würde ich gegen eine Betonwand schlagen. Meine akrobatischen Fähigkeiten brachten mir in dieser Position gar nichts. Er hielt mich mit einem einzigen, eisernen Arm bombenfest, während er mit ruhigen, großen Schritten über den Flur und nach draußen auf den Parkplatz marschierte. Die wenigen Studenten, die noch herumstanden, starrten uns mit offenen Mündern nach, aber niemand wagte es, sich dem finsteren Mafiaboss in den Weg zu stellen.
Am Motorrad angekommen, setzte er mich unsanft auf den Soziussitz der pechschwarzen Kawasaki Ninja H2R. Noch bevor ich mich wegdrehen oder absteigen konnte, riss er mir den mattschwarzen Helm aus der Hand. Seine lila Augen fixierten mich sekundenlang ganz nah, dann stülpte er mir den Helm mit einer fast schon besorgten, aber extrem bestimmten Bewegung über den Kopf und rastete das Visier mit einem lauten Klick ein. Mein wütender Protest wurde sofort gedämpft und von der dicken Polsterung verschluckt.
Direkt danach griff er nach seinem eigenen Helm, zog ihn über und schwang sich vor mich auf die brutale Maschine.
„Halt dich fest, Welpe“, befahl seine Stimme durch das Intercom des Helms.
„Nein! Ich halte mich ganz sicher nicht an dir fest!“, zischte ich wütend und presste meine Hände flach auf meine eigenen Oberschenkel, um zu beweisen, dass ich es ernst meinte.
Ein leises, dunkles Lachen drang durch die Lautsprecher an mein Ohr. Luke fackelte nicht lange. Er startete den Motor, der mit einem ohrenbetäubenden, aggressiven Aufheulen zum Leben erwachte und den Asphalt unter uns vibrieren ließ. Er riss den Gashebel herum und die Kawasaki schoss wie ein geölter Blitz vom Universitätsgelände. Wir hatten kaum die Straße erreicht und eine enorme Geschwindigkeit aufgebaut, als Luke ohne jede Vorwarnung voll in die Eisen stieg.
Die Bremsen griffen brutal. Durch die extreme physikalische Fliehkraft wurde mein ganzer Körper mit voller Wucht nach vorne geschleudert. Mein Oberkörper prallte hart gegen seinen massiven Rücken. Um nicht über ihn hinweg auf die Straße katapultiert zu werden, setzten meine Instinkte ein: Völlig automatisch schlangen sich meine Arme um seine Taille, und ich klammerte mich mit purer Todesangst an seinem heißen Körper fest.
Ich spürte durch das Leder seiner Jacke hindurch, wie sich seine Muskeln vor Amüsement entspannten. Er hatte dieses kleine Machtspiel gewonnen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Er beschleunigte sofort wieder, und diesmal ließ ich nicht mehr los.
Die Fahrt, die nun folgte, war der blanke Horror. Luke fuhr rücksichtslos, aggressiv und mörderisch schnell. Er legte das schwere Motorrad so tief in die Kurven, dass mein Knie fast den Asphalt berührte. Die Autos auf der Landstraße flogen nur so als verschwommene Blechstreifen an uns vorbei. Der Fahrtwind riss mit einer solchen Gewalt an meinem Helm, dass ich das Gefühl hatte, mein Kopf würde abgerissen, wenn ich mich auch nur einen Zentimeter bewegte. Ich presste mein Gesicht so fest ich konnte in seinen Rücken, schloss die Augen und zitterte am ganzen Körper. Ich war stinksauer auf ihn, ich hasste seine totale Kontrolle über mich, aber in diesem Moment war seine enorme Körperwärme und sein breiter Rücken meine einzige Rettung vor dem sicheren Tod.
Nach wenigen Minuten veränderte sich das Licht hinter meinen geschlossenen Augenlidern. Die Helligkeit wich einer drückenden, schattigen Dunkelheit. Ich öffnete vorsichtig die Augen und sah durch das getönte Visier, dass wir die Hauptstraße verlassen hatten. Wir waren in seinen gigantischen, 70.000 Hektar großen Wald eingebogen. Die pechschwarzen Bäume rasten links und rechts wie eine endlose, bedrohliche Wand an uns vorbei. Das einzige, was in der Dunkelheit des Waldes schwach aufleuchtete, war das giftgrüne Licht meines Silberhalsbandes, das sich im Display der Motorradarmaturen spiegelte eine ständige, blinkende Erinnerung daran, dass ich auf dem Weg zurück in meinen goldenen Käfig war.
Luke drosselte das Tempo nicht im Geringsten. Er jagte die Kawasaki über die privaten, perfekt asphaltierten Waldwege, direkt auf die dreistöckige Luxusvilla zu, in der mich die Wölfe und meine persönliche Hölle bereits erwarteten.
Luke fuhr mit einem dumpfen Grollen direkt in die unterirdische Tiefgarage der Villa und stellte den Motor ab. Die plötzliche Stille in der Garage war fast ohrenbetäubend. Kaum stand die Kawasaki still, löste ich mich mit einer abrupten Bewegung von seinem Rücken. Die Wut in mir brannte so heiß, dass ich keine Sekunde länger in seiner Nähe sein wollte. Ich zog mir den mattschwarzen Helm vom Kopf, marschierte schnellen Schrittes zu dem Geheimschrank an der Wand und hängte ihn auf seinen Platz. Ich drehte mich nicht einmal zu Luke um, würdigte ihn keines Blickes, sondern schritt auf direktem Wege nach draußen, um die Tiefgarage zu verlassen.
„Hey. Warte“, rief Lukes tiefe, samtene Stimme mir hinterher. Der Befehlston darin war unüberhörbar, aber ich war an einem Punkt angekommen, an dem mir die Konsequenzen egal waren.
Ich ignorierte ihn komplett. Ich beschleunigte meine Schritte und fing auf dem Kiesweg vor dem Haus regelrecht an zu rennen. Ich war wütend, so unfassbar wütend über seine Kontrolle, seine Regeln und diese ganze erstickende Situation. Meine Beine trugen mich instinktiv in Richtung des riesigen Waldes. Mir war vollkommen bewusst, dass ich nicht entkommen konnte. Ich wusste, dass der unsichtbare, elektromagnetische Zaun irgendwo da vorne wartete und mein silbernes Halsband mich sofort grillen würde, wenn ich die Grenze überschritt. Aber ich musste einfach weg von ihm. Nur ein paar Minuten atmen.
Ichelief immer weiter zwischen die hohen, dunklen Bäume, bis plötzlich das Unterholz knackte. Ein riesiger, pechschwarzer Schatten stürmte mit mörderischer Geschwindigkeit aus dem Dickicht direkt auf mich zu. Noch bevor ich reagieren oder ausweichen konnte, riss mich die schiere Masse des Tieres von den Beinen. Ich prallte auf den weichen, nach Moos riechenden Waldboden, die Luft wurde kurz aus meinen Lungen gepresst. Erschrocken sah ich nach oben und blickte direkt in die klugen, dunklen Augen von Nox.
Der mächtige Anführer des Rudels knurrte nicht. Stattdessen fing er sofort an, mir fröhlich und stürmisch über das Gesicht zu schlabbern. Es kitzelte so extrem auf meiner Haut, dass die Wut für einen Moment von mir abfiel.
„Nein, Nox! Hör auf, das kitzelt!“, rief ich lachend aus und versuchte, seinen riesigen Kopf sanft wegzudrücken.
Doch es blieb nicht bei ihm. Aus dem Schutz der Bäume stürmten vier weitere, gigantische Schatten auf uns zu. Hades, Erebos, Cerberus und der kleine Speedy sprangen mit wild wedelnden Ruten herbei. Sie stürzten sich allesamt auf mich, vergruben ihre Schnauzen an meinem Halsband, stupsten mich an und begrüßten mich überschwänglich, als wäre ich ihr lange verlorener Welpe, den sie um jeden Preis beschützen mussten. Ich lag mitten im Laub, begraben unter weichem, schwarzem Fell, und für ein paar Sekunden vergaß ich den goldenen Käfig um mich herum.
Ein einziger, extrem scharfer, lautloser Pfiff durchschnitt die Waldluft. Er war nicht laut, aber er besaß eine mörderische Autorität.
Sofort erstarrten die fünf Riesenwölfe. Das fröhliche Hecheln verstummte. Nox hob blitzschnell den Kopf, die Ohren steil aufgerichtet. Hades und Erebos machten synchron einen Schritt von mir weg und senkten unterwürfig die Ruten. Die spielerische Leichtigkeit war in einer Millisekunde verflogen. Die Wölfe wichen von mir zurück, bildeten eine schützende, aber ehrfürchtige Gasse und starrten starr in eine Richtung.
Ich drehte den Kopf im Laub und spürte, wie mir das Blut in den Adern fror. Luke stand am Rand des Dickichts. Seine zwei Meter große Gestalt wirkte zwischen den Baumstämmen wie die eines dunklen Waldgottes. Er hatte die Arme in den Taschen seiner schwarzen Jacke vergraben, die lila Augen funkelten kalt im Schatten der Blätter. Er hatte sich nicht einmal beeilt, um mir zu folgen. Er hatte genau gewusst, dass ich nirgendwo hinrennen konnte. Auf seinen Lippen lag wieder dieses sanfte, unheimlich ruhige Lächeln, das pure Gefahr ausstrahlte.
Luke senkte den Blick zu Nox und machte eine kaum merkliche, herrische Handbewegung in meine Richtung. „Bringt ihn zu mir“, befahl seine samtene Stimme, leise, aber mit der Gewissheit, dass ihm jedes Lebewesen in diesem Wald bedingungslos gehorchte.
Nox zögerte keine Sekunde. Der riesige Anführer trottete zu mir zurück, packte den dicken Stoff meines weiten Hoodies vorsichtig, aber extrem bestimmt mit den Zähnen und fing an, mich sanft, aber unnachgiebig vom Waldboden hochzuziehen. Die anderen Wölfe stellten sich links und rechts von mir auf und drängten mich mit ihren massiven Körpern sanft vorwärts. Sie bissen mich nicht, sie taten mir nicht weh, aber sie ließen mir keine Wahl. Mein eigenes Rudel, die Wölfe, die mich eben noch geliebt hatten, eskortierten mich jetzt wie Gefangene direkt auf ihren wahren Meister zu.
Luke rührte sich nicht, als ich, flankiert von den fünf Bestien, wieder vor ihm zum Stehen kam. Er sah an mir herunter, wischte mir mit einem großen Daumen ein trockenes Blatt von der Wange und flüsterte: „Schöner Fluchtversuch, Welpe. Aber du hast deine fünf Wärter wohl vergessen. Und jetzt... gehen wir ins Büro. Die Analyse wartet.“
Ich schnaubte verächtlich, obwohl mein Herz wie verrückt gegen meine Rippen hämmerte, und sah Luke direkt in seine faszinierenden lila Augen. „Ich wollte überhaupt nicht fliehen“, stieß ich wütend aus und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Ich hatte einfach nur keine Lust mehr, mich weiter mit dir zu streiten. Und ich muss nicht tun, was du sagst.“
Lukes Reaktion war eine unheimliche, fast schon lähmende Stille. Das sanfte Lächeln auf seinen Lippen verschwand nicht, aber es wurde breiter, tiefer und weitaus gefährlicher. In seinen Augen blitzte kein Funke von heißer Wut auf. Stattdessen sah er mich an, als hätte ich gerade einen unglaublich amüsanten, aber furchtbar naiven Witz erzählt.
Er tat einen langsamen, lautlosen Schritt auf mich zu. Die fünf riesigen Wölfe hinter mir spürten die Veränderung der Luft sofort; sie wichen lautlos ein Stück zurück und überließen mich ganz meinem Schicksal. Luke baute sich in seiner vollen Zwei-Meter-Größe direkt vor mir auf, sodass sein massiver Schatten mich komplett verschluckte. Die Hitze, die von seinem Körper ausging, war in der kühlen Waldluft fast erstickend.
Ohne Vorwarnung hob er eine Hand. Seine großen, warmen Finger schlossen sich nicht grob, aber mit unerbitterlichem Druck um mein Kinn. Er zwang mich, den Kopf in den Nacken zu legen, sodass ich ihn ansehen musste. Mit dem Daumen strich er fast schon zärtlich über meine Unterlippe, während seine Stimme zu einem samtweichen, mörderischen Flüstern sank.
„Du musst nicht tun, was ich sage?“, wiederholte er meine Worte, und der sadistische Unterton darin ließ mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen. „Ein mutiger Satz für einen kleinen Welpen, der ein Halsband trägt, das ich kontrolliere. Für jemanden, der in meinem Wald steht, auf meinem Boden, und dessen gesamte Zukunft in meinen Händen liegt.“
Er ließ mein Kinn los, doch bevor ich aufatmen konnte, glitten seine Finger langsam meinen Hals hinunter. Er tippte mit dem Zeigefinger genau gegen das silberne Halsband, präzise auf die Stelle, hinter der sich der grüne Stein und der Elektroschock-Sensor befanden. Das kalte Metall auf meiner Haut bildete einen brutalen Kontrast zu seinen heißen Fingern.
„Vergiss nicht, wo du bist, Süßer“, hauchte er, und sein Atem streifte meine Wange. „Du hast mir vor weniger als einer Stunde auf dem Flur deiner Universität gestanden, dass du dich mir perfekt anpassen und mir noch besser gefallen willst. Dass du der ideale Partner sein willst. Und jetzt behauptest du, du müsstest mir nicht gehorchen? Das ist ein psychologisches Paradoxon, Leo. Du widersprichst dir selbst.“
Er trat einen halben Schritt zurück, wandte sich um und ging mit eleganten Schritten voraus in Richtung der Villa, ohne sich noch einmal umzusehen. Er wusste ganz genau, dass ich ihm folgen würde.
„Wir gehen jetzt ins Büro“, rief er mir über die Schulter zu, und seine Stimme hatte wieder diese geschäftsmäßige, eiskalte Ruhe angenommen. „Du wirst mir dort ganz genau erklären, wie du mich kontrollieren willst, wenn du nicht einmal deine eigenen Impulse unter Kontrolle hast. Bewegung, Welpe. Die Geduld deines Besitzers hat Grenzen.“
Ich atmete einmal tief und zittrig ein. Ich presste die Hand auf meine Brust, um mein wild schlagendes Herz irgendwie zu beruhigen, das gegen meine Rippen hämmerte wie ein gefangener Vogel. Ich durfte vor ihm jetzt keine Schwäche zeigen. Ich durfte nicht einknicken.
Mit einer langsamen, sanften Handbewegung deutete ich Nox und den anderen zu, dass sie gehen konnten. Der riesige Anführer stieß ein leises Schnauben aus, gab mir einen letzten, stupsenden Nasenstupser gegen die Hüfte und drehte sich dann um. Zusammen mit den anderen vier pechschwarzen Schatten verschwand das Rudel lautlos im dichten, dunklen Wald.
Erst als ich wieder ganz allein war, drehte ich mich um und ging mit langsamen, bewussten Schritten in Richtung der Villa. Ich betrat das riesige Anwesen durch die gläserne Schiebetür, die lautlos hinter mir zuglitt. Die vertraute, drückende Stille des Hauses empfing mich. Ohne zu zögern oder nach links und rechts zu blicken, hielt ich direkt auf die schwere Eisentür von Lukes Büro zu. Ich drückte die Klinke herunter und trat ein.
Luke saß bereits in seinem massiven, schwarzen Schreibtischstuhl aus Leder. Er hatte sich zurückgelehnt, die Ellbogen auf die Armlehnen gestützt und die Finger zu einem Dach zusammengelegt. Seine lila Augen fixierten mich in dem Moment, als ich die Schwelle überschritt. Er sagte nichts. Er wartete ab.
Ich schloss die Tür hinter mir, ließ die Klinke jedoch nicht sofort los. Ich musste mir eine Sekunde geben, um meine Maske aufzusetzen. Dann ging ich entschlossen auf den großen Schreibtisch zu. Anstatt mich klein zu machen oder schüchtern stehenzubleiben, zog ich mir einen der schweren Lederstühle gegenüber von ihm heran. Ich setzte mich hin, kreuzte die Beine, verbarg meine zitternden Hände im Schoß und sah ihm direkt in die Augen. Wenn er eine Analyse wollte, konnte er sie haben.
„Du wolltest wissen, was ich gelernt habe?“, begann ich, und ich war stolz darauf, wie fest meine Stimme trotz allem klang. „Ich habe gelernt, dass Menschen wie du Machiavellisten, Psychopathen nicht unberechenbar sind. Ihr folgt Mustern. Ihr kontrolliert eure Umwelt, weil ihr das Gefühl von Chaos hasst. Jede Regel, die du aufstellst, jedes Geschenk, das du mir machst, ist ein strategischer Schachzug, um mich emotional an dich zu binden. Du willst totale Transparenz, weil mein Schweigen das Einzige ist, was du nicht kontrollieren kannst.“
Luke bewegte sich keinen Millimeter. Sein Gesicht blieb eine emotionslose, eiskalten Maske, aber das Licht in seinen lila Augen veränderte sich. Da war kein Ärger mehr. Da war dieses furchterregende, sadistische Interesse, von dem ich vorhin auf dem Uniflur schon einen Vorgeschmack bekommen hatte. Er schien jede meiner Silben wie ein köstliches Gift aufzusaugen.
Er neigte den Kopf ein winziges Stück zur Seite. Ein extrem feines, fast unsichtbares Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
„Sehr gut, Welpe“, flüsterte er, und seine samtene Stimme schickte mir augenblicklich eine Gänsehaut über den Nacken. „Ein sauberer Vortrag. Du hast im Unterricht von Herrn Kraut also tatsächlich aufgepasst. Aber du vergisst das Wichtigste bei deiner kleinen Analyse.“
Luke beugte sich langsam über den massiven Schreibtisch nach vorne, sodass mir seine körperliche Präsenz wieder die Luft abschnürte, obwohl eine Holzplatte zwischen uns lag.
„Du denkst, du kannst mich kontrollieren, indem du meine Muster verstehst“, fuhr er leise fort, und seine Stimme triefte vor eisiger Überlegenheit. „Aber das Gegenteil ist der Fall, Süßer. Indem du versuchst, mich zu entschlüsseln, studierst du mich Tag und Nacht. Du denkst an mich, wenn ich nicht da bin. Du richtest dein ganzes Studium, deine ganze Energie nur darauf aus, mir zu gefallen. Du kontrollierst mich nicht, Leo. Ich habe mich so tief in deinen Verstand geschlichen, dass ich deine gesamte Realität geworden bin. Genau so, wie es Hausregel Nummer vier verlangt.“
Er hielt meinen Blick gefangen, und ich spürte, wie die mühsam aufgebaute Sicherheit in mir wieder zu bröckeln begann. Er benutzte meine eigene Intelligenz, um mich noch fester an sich zu binden.
Ich verzog den Mund zu einem unübersehbaren Schmollmund, sackte ein wenig in dem schweren Lederstuhl zusammen und verschränkte die Arme fest vor der Brust. Die ganze mühsam aufgebaute Fassade des distanzierten, klugen Studenten war in sich zusammengebrochen.
„Das ist nicht fair“, sagte ich mit trotziger, leicht brüchiger Stimme und sah absichtlich an ihm vorbei zur Wand. „Immer musst du gewinnen.“
Lukes Reaktion auf diesen plötzlichen, kindlichen Gefühlsausbruch war sofort spürbar. Die eiskalte, starre Maske, die er eben noch getragen hatte, schmolz in einer Sekunde dahin. Seine Augen verengten sich, aber nicht vor Wut, sondern vor einem tiefen, fast schon berauschten Vergnügen. Ein leises, unheimlich sanftes Lachen entrann seiner Kehle ein tiefes, vibrierendes Geräusch, das mir sofort eine wohlige und gleichzeitig erschrockene Gänsehaut über den Rücken jagte. Er liebte es. Er genoss meinen Trotz wie eine Droge.
Er erhob sich langsam aus seinem massiven Schreibtischstuhl. Seine zwei Meter große Gestalt baute sich hinter dem Tisch auf, und mit langsamen, raubtierhaften Schritten kam er um das Möbelstück herum. Er bewegte sich vollkommen lautlos, bis er direkt vor meinem Stuhl stehen blieb.
Ich weigerte mich beharrlich, ihn anzusehen, und starrte stattdessen stur auf den teuren Teppich. Doch Luke duldete keine Ignoranz. Er beugte sich zu mir herunter, griff nach meinen verschränkten Armen und löste sie mit sanftem, aber unnachgiebigem Druck voneinander. Er zog mich an den Handgelenken ein Stück nach vorne, zwang mich, mich aufzurichten, und trat so nah zwischen meine Knie, dass ich seine enorme Körperwärme wie eine Wand spürte.
„Fair?“, hauchte seine samtene Stimme ganz nah an meinem Gesicht. Er hob eine Hand, legte zwei Finger unter mein Kinn und zwang mich sanft, den Kopf zu heben, bis ich wieder in seine faszinierenden lila Augen blicken musste. Auf seinen Lippen lag dieses wunderschöne, mörderische Lächeln. „Mein süßer, kleiner Welpe... In meiner Welt gibt es kein 'fair'. Es gibt nur Macht. Und die Tatsache, dass du jetzt schmollst, beweist mir nur, dass du tief in deinem Inneren genau weißt, dass ich im Recht bin.“
Er ließ mein Kinn los und strich stattdessen mit der warmen Handfläche über meine Wange, bis seine Finger an den kühlen Gliedern des Silberhalsbands zum Stehen kamen. Er drückte nicht zu, aber die bloße Berührung reichte aus, um mich erzittern zu lassen.
„Du hast versucht, dein Herrchen zu analysieren, um die Oberhand zu gewinnen“, flüsterte er sadistisch, während sein Daumen meinen Puls am Hals spürte.