Kapitel 35: Rechnungen in der Tiefe
Kapitel 35: Rechnungen in der Tiefe
Der Polizist runzelte die Stirn und wollte gerade den Mund öffnen, um zu kontern, doch ich hob ganz leicht den Zeigefinger. Eine winzige Geste, die ihn sofort verstummen ließ.
„Sie sitzen in meinem Büro, auf einem Stuhl, den ich bezahlt habe, und essen Donuts von Geld, das aus meinen Taschen stammt“, fuhr ich fort, und auf meinen Lippen bildete sich dieses sanfte, unheimlich ruhige Lächeln, das pure Gefahr ausstrahlte. „Ich kontrolliere die Richter, die Ihre Haftbefehle unterschreiben, und ich kontrolliere die Beförderungen in Ihrem Revier. Wenn am Hafen zwei Leichen auftauchen, dann waren das zwei Amateur-Diebe, die ertrunken sind. Haben wir uns da verstanden? Es gab kein Motorrad. Es gab keine Schüsse. Nur einen bedauerlichen Unfall.“
Ich öffnete die oberste Schublade meines Schreibtischs, holte einen dicken, unbeschrifteten Umschlag heraus und schob ihn mit zwei Fingern elegant über das Holz, direkt neben die fettige Donutschachtel.
„Ein kleiner Bonus für Ihre harte Arbeit, Ermittler. Sorgen Sie dafür, dass die Akten noch vor dem Mittagessen im Schredder landen“, flüsterte ich sadistisch leise, während mein Blick seine Augen fixierten. „Und wo wir gerade von Akten sprechen… Ich habe einen neuen Namen für Ihre Urlaubsliste. Ein Psychologie-Dozent namens Kraut. Er und seine Frau haben ganz plötzlich ein Sabbatjahr auf den Bahamas angetreten. Richten Sie Ihren Jungs aus, dass jede Vermisstenanzeige oder Nachforschung in dieser Richtung sofort im Keim erstickt wird.“
Der Ermittler starrte auf den dicken Umschlag. Sein Schnauzer zuckte erneut, diesmal vor Gier. Er schluckte schwer, griff nach dem Geld und ließ es geschickt in seiner Uniformjacke verschwinden. Die Wichtigtuerei war wie weggeblasen. Er erhob sich, nahm seine Donuts und nickte mir unterwürfig zu.
„Ein bedauerlicher Badeunfall am Hafen, natürlich. Und Herr Kraut genießt die Sonne. Ich kümmere mich darum, Luke“, sagte er hastig, drehte sich um und verließ fast schon fluchtartig mein Büro.
Ich sah der zuklappenden Tür hinterher und spürte ein tiefes Gefühl der Überlegenheit. Wieder eine Fliege an der Wand erledigt. Ich warf einen Blick auf die Designer-Uhr an meinem Handgelenk. Die Cops waren abgehakt. Jetzt blieb nur noch ein Termin für den Vormittag: Mein Folterer wartete im Keller auf mich. Und mit ihm Leos verantwortungsloser Bruder Ben.
Ich stieg wieder in den Fahrstuhl, reckte die Hand aus und drückte zuerst den normalen Knopf zur Tiefgarage. Doch das war nur die Tarnung. Direkt danach tippte ich in fließender, blinder Routine die eigentliche Tastenkombination in das Bedienfeld: 17, 44, 3, 4, 23, 7, 9, 8 und zum Schluss die -4.
Dieses geheime Stockwerk existierte in keinem offiziellen Bauplan. Kein normaler Mensch oder verirrter Tourist würde jemals rein zufällig genau diese Zahlen in dieser exakten Reihenfolge drücken. Und wenn es doch jemals jemand tun sollte, würde ihn auf der anderen Seite der Fahrstuhltür eine sehr böse, tödliche Überraschung erwarten.
Der Aufzug glitt spürbar tiefer, weit unter das Fundament des Gebäudes, bis die schweren Metalltüren mit einem leisen Zischen aufgingen. Ein feuchter, langer Flur lag vor mir, beleuchtet von flackernden Leuchtstoffröhren, die das schmutzige Betonweiß der Wände in ein unheimliches Licht tauchten. Ich schritt mit großen, hallenden Schritten den Gang hinunter und stieß die schwere Metalltür am Ende des Ganges auf der linken Seite mit Schwung auf.
Der Raum dahinter war ein Pausenraum für alle, die ihren Spaß am Foltern hatten. Für meine Männer war es wie eine offene Einladung, auf Menschen einzuschlagen und sie nach Herzenslust zu quälen, wann immer ihnen danach war. Sie mussten sich dafür lediglich bei mir anmelden und bekamen freien Zutritt zu den Zellen. Ich stellte nur eine einzige, eiserne Voraussetzung: Sie durften die Gefangenen quälen, brechen und verstümmeln, aber sie durften sie unter keinen Umständen umbringen.
Dadurch schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens ersparte ich mir die immensen Kosten für professionelle Folterer. Zweitens gab ich meinen Männern die totale Freiheit, ihr exzentrisches, dunkles Hobby ohne Angst vor dem Gesetz auszuleben. Dafür waren mir alle Anwesenden zutiefst dankbar. Sie mussten sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie sie sich unbemerkt selbst Menschen von der Straße fingen; sie konnten einfach meine bereits gefangenen Verräter und Schuldner benutzen. Wenn man es nüchtern betrachtete, bewahrte ich die armen, unschuldigen Menschen da draußen vor diesen Verrückten, indem ich ihre Bestien im Zaum hielt. Ein perfektes System.
Als ich den Pausenraum betrat, schlug mir sofort der Geruch von billigem Kaffee, Schweiß und dem metallischen Duft von frischem Blut entgegen. An einem der Tische saßen drei meiner Wachen Jackson, ein bulliger Mann mit narbigen Knöcheln, und die Zwillinge Marcus und Thomas, die gerade an einer Schachtel Zigaretten herumnestelten. An der Wand lehnte eine Auswahl an verrosteten Rohren, Elektroschockern und schweren Lederpeitschen.
Sobald meine zwei Meter große Gestalt den Raum ausfüllte, erstarben die Gespräche augenblicklich. Das laute Lachen verstummte, und alle drei sprangen stramm von ihren Stühlen auf. In ihren Augen lag eine Mischung aus totalem Respekt und dieser unterwürfigen Dankbarkeit, die sie mir jeden Tag zeigten.
„Boss“, sagte Jackson mit einer tiefen Stimme und legte eine blutverschmierte Zange auf den Tisch. Er wischte sich die Hände flach an seiner Hose ab. „Wir haben nicht mit Ihnen gerechnet. Was führt Sie nach unten?“
Ich lehnte mich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen, und auf meinen Lippen bildete sich dieses sanfte, unheimlich ruhige Lächeln, das pure Gefahr ausstrahlte. Meine lila Augen fixierten die drei nacheinander.
„Ich wollte nach dem Rechten sehen, Jungs“, raunte meine samtene Stimme, so leise und doch so glasklar in dem kahlen Raum. „Wie schlägt sich unser Neuzugang in Zelle vier? Leos Bruder Ben. Ich hoffe, er bereitet euch Freude.“
Marcus grinste dreckig und strich sich durch die kurzen Haare. „Oh ja, Boss. Und wie. Der Typ ist eine totale Heulsuse. Er hat schon nach den ersten zwei Schlägen um Gnade gefleht und seine ganze Familie verflucht. Feige bis aufs Blut. Thomas und ich haben ihm gerade erst die Kniescheiben mit dem Rohr bearbeitet. Wir haben uns genau an Ihre Regel gehalten er lebt, aber laufen wird er so schnell nicht mehr.“
„Sehr gut“, erwiderte ich, und meine Stimme sank zu einem eiskalten, sadistischen Flüstern herab. „Er hat meinen Welpen an mich verkauft und ihn danach im Schuppen auch noch beleidigt. Er verdient jeden Zentimeter dieses Schmerzes. Ich werde jetzt selbst zu ihm hineingehen. Jackson, bring mir die FK Brno Field Pistol aus meinem Schrank oben und die frischen Handschuhe. Ich will sehen, ob Ben immer noch so eine große Klappe hat, wenn sein neuer Schwager vor ihm steht.“
Die Männer nickten eifrig. Jackson flitzte sofort los, während Marcus und Thomas mir respektvoll die Tür zur eigentlichen Folterkammer aufhielten. Es war Zeit, Leos Bruder einen Besuch abzustatten.
Ich schritt den feuchten Flur hinunter direkt auf Zelle vier zu. Während meine Schritte auf dem kalten Beton hallten, streifte ich mir mit einer fließenden Bewegung die frischen, schwarzen Lederhandschuhe über. Jackson kam mir eilig hinterhergelaufen und reichte mir respektvoll meine FK Brno Field Pistol. Ich nahm die schwere Waffe entgegen, prüfte mit einem kurzen, mechanischen Klack den Ladestatus und entsicherte sie mit dem Daumen. Meine lila Augen fixierten die schwere Eisentür, bevor ich die Klinke herunterdrückte und den Raum betrat.
Und da saß er.
Ben. Leos verantwortungsloser Bruder. Er war mit dicken, rostigen Ketten stramm an einen massiven Holzstuhl gefesselt. Sein Oberkörper hing schlaff nach vorne, und über seinem Kopf befand sich ein dreckiger, blutverschmierter Jutesack, der ihm jede Sicht nahm. Durch den dicken Stoff drang ein leises, völlig irres Murmeln. Er schien das Zeitgefühl komplett verloren zu haben; seine Stimme klang heiser und zittrig, während er immer wieder zusammenhangslose Worte von irgendwelchen Fröschen vor sich hin lallte. Der Verstand des Mannes fing bereits an, unter der Folter meiner Jungs zu bröckeln.
Ich schloss die Tür lautlos hinter mir und baute mich in meiner vollen Zwei-Meter-Größe direkt vor ihm auf. Mein Schatten verschluckte ihn vollkommen. Ich sagte vorerst nichts, sondern genoss für ein paar Sekunden das jämmerliche Bild, das er abgab.
„Du sprichst von Fröschen, Ben?“, durchbrach meine samtene Stimme schließlich die Stille des Raumes. Sie war leise, ruhig und tödlich.
Das Murmeln unter dem Sack erstarb augenblicklich. Ben zuckte so heftig zusammen, dass die Ketten lautstark gegen das Holz des Stuhls klirrten. Er hob panisch den Kopf, obwohl er mich nicht sehen konnte, und atmete hysterisch durch die Nase ein und aus. Er hatte meine Stimme sofort wiedererkannt.
„L-Luke?!“, schrie er mit erstickter Stimme. „Bitte! Bitte, ich flehe dich an! Ich habe dir Leo gegeben! Ich habe meine Schulden bezahlt! Lass mich laufen, verdammt, ich krepiere hier drin! Sag diesem Monster da draußen, er soll aufhören!“
Auf meinen Lippen bildete sich dieses sanfte, unheimlich ruhige Lächeln, das pure Gefahr ausstrahlte. Ich trat einen Schritt näher an ihn heran, hob die FK Brno Field Pistol und richtete den Lauf mit einer erschreckenden Gleichgültigkeit direkt auf seinen linken Fuß.
„Du hast deine Schulden mit dem Leben deines Bruders bezahlt, Ben“, flüsterte ich sadistisch leise, und in meinen lila Augen blitzte die eiskalte Maske des Mafiabosses auf. „Das war ein akzeptabler Deal für mich. Aber du hast vergessen, dass Leo jetzt mir gehört. Er ist mein wertvollster Besitz. Und als du es gewagt hast, ihn im Hafenschuppen als feigen Welpen zu beschimpfen und ihn anzuschreien… hast du dein eigenes Todesurteil unterschrieben. Niemand beleidigt das, was mir gehört.“
„Nein, bitte—!“
PÄMM.
Der ohrenbetäubende Knall der Waffe zerriss die Luft in der kleinen Zelle. Die Kugel durchschlug seinen Fuß mit brutaler Präzision und bohrte sich tief in den Betonboden darunter.
Ben stieß einen markerschütternden, gellenden Schrei aus, der von den nackten Wänden widerhallte. Er bäumte sich wild in den Ketten auf, wankte mit dem ganzen Stuhl hin und her, während das frische, dunkle Blut sofort durch seinen Schuh sickerte und sich auf dem Boden ausbreitete. Seine Schreie wurden zu einem hysterischen Wimmern.
Ich sah nicht einmal hin. Mit einer emotionslosen Kälte sicherte ich die Waffe wieder, drehte mich auf dem Absatz um und stieß die Zellentür auf. Ich trat zurück in den Pausenraum, wo Jackson, Marcus und Thomas bereits strammstanden und auf meine Befehle warteten. Das Brüllen aus Zelle vier war durch die Wände immer noch gedämpft zu hören.
Ich reichte Jackson die Waffe zurück, zog mir die Lederhandschuhe mit einem kurzen Ruck von den Fingern und warf sie achtlos in den Müll.
„Er hat ein neues Loch im linken Fuß“, sagte ich mit meiner geschäftsmäßigen, eiskalten Ruhe zu den drei Folterern. „Kümmert euch um die Wunde. Verwendet sehr viel Desinfektionszeug. Ich will nicht, dass er mir an einer Blutvergiftung wegstirbt, bevor wir nicht vollständig fertig mit ihm sind. Er soll jeden einzelnen Tag spüren. Macht weiter, wenn er aufgehört hat zu heulen.“
Die Männer nickten eifrig mit einem dreckigen Grinsen auf den Lippen. Ich drehte mich um, schritt zum Fahrstuhl zurück und tippte die Tastenkombination ein, um dieses feuchte Loch wieder zu verlassen. Mein Vormittag war erledigt. Jetzt war es an der Zeit, zu prüfen, wie sich mein Welpe an der Universität schlug.
Der Aufzug glitt lautlos zurück in den 20. Stock. Ich schritt durch die Türen meines Büros, steuerte direkt auf den Mahagoni-Schreibtisch zu und griff nach meinem Smartphone, das ich vorhin in der Eile hier vergessen hatte. Ich entsperrte das Display mit einem kurzen Wisch und sah sofort die Benachrichtigungen: Drei verpasste Nachrichten. Eine von Leo und zwei von meinen verkleideten Wachen auf dem Campus.
Ich klickte zuerst auf die Nachricht meines Welpen.
„Luke, also bitte wundere dich nicht, aber unser neuer Professor ist gerade krank und deswegen sind Isa und Adam schon gegangen. Ich habe gesagt, ich würde dir schreiben, aber dann habe ich gesehen, dass sie hier ein riesiges Fitnessstudio haben. Und eigentlich darf ich ja eine Vorlesung lang an der Uni sein, also dachte ich mir, ich könnte ja auch ein wenig trainieren gehen, da mir langweilig ist und ich dich jetzt nicht stören wollte. Also bin ich im Fitnessstudio, falls du mich suchst.“
Ich starrte auf den Text. Meine Kiefermuskeln spannten sich so heftig an, dass es in meinen Ohren knackte. Meine lila Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen. Er dachte tatsächlich, er könnte einfach eigenmächtig den Plan ändern? Ohne meine direkte Erlaubnis? Ein plötzliches, eiskaltes Brodeln breitete sich in meiner Brust aus.
Noch bevor ich den Vorfall sacken lassen konnte, tippte ich auf die zwei Nachrichten meiner Wachen.
Die erste Nachricht war vor zehn Minuten eingegangen:
„Boss, der Professor ist ausgefallen. Das Zielobjekt hat das Gebäude gewechselt und sich in Richtung des universitätseigenen Sportkomplexes bewegt. Wir folgen ihm im Abstand.“
Doch die zweite Nachricht, die erst vor zwei Minuten geschickt worden war, ließ mein Blut endgültig zu Eis gefrieren:
„Dringendes Update, Boss: Wir haben ein Problem. Der Sportkomplex ist extrem weitläufig und unübersichtlich. Das Zielobjekt ist in den Umkleidekabinen der Männer verschwunden. Wir durften nicht sofort hinterher, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Als wir nachgerückt sind, war er weg. Es gibt einen zweiten Ausgang durch die Duschen zu den hinteren Tennisplätzen. Wir können Leo nicht mehr sehen. Wir haben den Sichtkontakt vollständig verloren. Wir durchkämmen das Gelände.“
In diesem Moment setzte mein Verstand für den Bruchteil einer Sekunde aus. Sie hatten ihn verloren. Meinen Besitz. Meinen Welpen. Das Bild, wie Ben ihn damals in dem Schuppen versteckt hatte, schoss mir wieder durch den Kopf. Oder noch schlimmer: Was, wenn ihn jemand entführt hatte? Was, wenn meine Feinde herausgefunden hatten, wer Leo für mich war?
Eine mörderische, sadistische Wut überflutete mein gesamtes System. Das sanfte Lächeln war vollkommen aus meinem Gesicht gewischt. Ich ballte meine freie Hand zu einer so festen Faust, dass die Knöchel weiß hervortraten. Diese unfähigen Idioten. Ich würde sie eigenhändig im Keller an die Ketten legen, wenn meinem Welpen auch nur ein einziges Haar gekrümmt wurde.
Ich wartete keine Sekunde länger. Ich steckte das Handy ein, wirbelte herum und stürmte aus dem Büro. Ich rannte nicht, aber meine Schritte waren so groß und energisch, dass die Angestellten auf dem Flur panisch zur Seite wichen, als sie den mörderischen Ausdruck in meinen Augen sahen. Ich stieg in den Fahrstuhl, drückte den Knopf für die Tiefgarage und jagte das System nach unten.
Als ich meinen pechschwarzen Brabus Rocket 900 erreichte, riss ich die Tür auf, warf mich auf den Fahrersitz und ließ den Motor mit einem brutalen, ohrenbetäubenden Aufbrüllen anspringen. Die Reifen quietschten gellend auf dem Beton der Tiefgarage, als ich den Wagen mit Vollgas aus der Ausfahrt katapultierte.
Während ich mit lebensgefährlicher Geschwindigkeit durch den Stadtverkehr in Richtung Universität raste, wählte ich Adams Nummer über die Freisprecheinrichtung. Mein Atem war flach und kontrolliert, aber meine Stimme war pures, flüssiges Gift, als Adam abhob.
„Adam“, raunte ich, und der eiskalte Mafiaboss in mir übernahm vollkommen die Kontrolle. „Nimm dir Isabel. Fahrt sofort zurück zum Sportkomplex der Universität. Meine Wachen haben Leo aus den Augen verloren. Wenn er versucht hat zu fliehen, oder wenn ihn jemand angefasst hat… sorgt dafür, dass das gesamte Gelände abgeriegelt wird. Ich bin in fünf Minuten da. Und Gott helfe jedem, der zwischen mir und meinem Eigentum steht.“
(Leo)
Ich schritt gemächlich in Richtung der großen Trainingshalle. Ich hatte mich gerade in den Umkleidekabinen umgezogen ein großes Glück, dass sie hier Sportklamotten zum Ausleihen hatten, sonst hätte ich meinen gesamten Plan wohl ändern müssen. Nun trug ich eine kurze, schwarze Sporthose mit weißen Streifen an den Seiten und ein weinrotes, eng dazupassendes Tanktop.
Ich wollte gerade zum Aufwärmbereich auf den weichen Matten gehen, als mich plötzlich jemand mit voller Wucht anrempelte. Ich stolperte ein paar Schritte vorwärts, konnte aber im letzten Moment mein Gleichgewicht halten und fing mich ab.
„Es tut mir so leid!“, sagte eine tiefe, raue Stimme direkt vor mir.
Ich blickte auf und sah einen gut durchtrainierten, schwarzhaarigen Jungen, der einen Football fest unter den Arm geklemmt hatte. Seine Augen sahen ehrlich besorgt aus, als er mich musterte, und sie hatten eine ganz faszinierende, grün-gelbe Farbe. Er streckte mir eine Hand entgegen. „Ich bin Tim.“
Ich nahm seine Hand kurz an, spürte den festen Händedruck und lächelte nur leicht, ohne etwas zu sagen.
Tim runzelte verwirrt die Stirn, ließ meine Hand aber nicht sofort los. „Und wer bist du? Oder… darfst du nicht mit Fremden sprechen?“
Ich nickte langsam. Nun sah Tim noch ein ganzes Stück verwirrter aus. Ich seufzte leise, dachte kurz an Lukes eisernes Regelwerk an der Uni und sagte mit leiser Stimme: „Mein Freund mag es nicht sonderlich, wenn ich mit anderen Menschen rede.“
Tim schnaubte belustigt auf und schüttelte den Kopf. „Ah ja, interessant. Wer ist dein Freund? Ein Mafiaboss oder wie?“ Er lachte laut auf über seinen eigenen Witz.
Ich erwiderte sein Lachen nicht. Mein Gesicht blieb vollkommen ernst, was ihn kurz stutzen ließ. Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, packte Tim mich sanft am Handgelenk. „Komm, ich stelle dich dem Team vor. Wir machen gerade ein bisschen Sparring auf den Matten. Du kannst gerne mitmachen!“
Ich keuchte erschrocken auf und versuchte, meine Hand zurückzuziehen. „Wenn mein Freund das herausfindet, wird er alles andere als erfreut sein…“
Tim lachte nur abfällig, ignorierte meine Warnung komplett und zog mich einfach mit sich. „Darum können wir uns später kümmern! Und jetzt komm mit, da vorne sind sie schon.“
Mir wurde augenblicklich schlecht. Vor uns auf den Matten standen fünf große, muskulöse Jungs und winkten uns gut gelaunt zu. Sie sahen alle verdammt gut trainiert aus und waren nicht gerade hässlich das würde Luke auf gar keinen Fall gefallen. Wenn er mich hier so sehen würde, flöge das ganze Gebäude in die Luft.
Tim zog mich weiter mitten auf die Matte und rief den anderen zu: „Leute, das ist… ähm, wie heißt du eigentlich?“
„Leo“, sagte ich leise und blickte unsicher in die Runde.
Tim nickte eifrig. „Stimmt, Leo. Sag mal, Leo, hast du zufällig irgendwelche Kampfsport-Erfahrungen?“
„Ich? Nein, überhaupt nicht“, antwortete ich, was allerdings nicht ganz der Wahrheit entsprach.
In genau diesem Moment grinsten alle fünf Jungs gleichzeitig dreckig. Mir schwante sofort schrecklich Übles. Sie bildeten blitzschnell einen engen Kreis um mich herum, schnitten mir jeden Fluchtweg ab, und Tim rief mit einem Mal laut durch die Halle: „Attacke!“
Alle fünf Jungs stürzten sich gleichzeitig auf mich. Sie dachten wohl, sie könnten den schmalen Jungen im Tanktop einfach wie eine Puppe überrennen. Doch in meinem Kopf machte es Klick. Die lähmende Angst vor Lukes Regeln und der Schrecken meines Traumas wurden schlagartig von purem Adrenalin weggespült. Mein Körper schaltete in einen instinktiven Überlebensmodus, gesteuert von einer atemberaubenden, akrobatischen Beweglichkeit.
Der erste Junge war mir am nächsten. Noch bevor seine Arme mich packen konnten, tauchte ich blitzschnell unter seinem Griff durch. Ich nutzte seinen eigenen Schwung, packte ihn fest am Handgelenk, drehte mich mit einer fließenden Bewegung ein und hebelte ihn aus. Mit einem sauberen Hüftwurf flog er in hohem Bogen über meine Schulter und knallte mit einem dumpfen Stöhnen flach auf den Rücken.
„Was zum?“, rief Tim geschockt, doch zwei weitere Jungs stürmten schon von links und rechts auf mich zu.
Anstatt zurückzuweichen, spannte ich meine Muskeln an und sprang mit einem kräftigen Satz geradewegs nach vorne. Ich drückte mich mit beiden Händen auf den Schultern des linken Typen ab, zog die Knie an die Brust und wirbelte in einem perfekten Salto rückwärts mitten durch die Luft über ihre Köpfe hinweg. Ich landete federleicht auf den Fußballen direkt hinter ihnen. Bevor sie begriffen, wo ich war, verpasste ich dem einen einen harten Tritt gegen das Knie, sodass er einknickte, und dem anderen einen gezielten Stoß mit dem Ellenbogen in die Magengrube.
Nun blieben nur noch Tim und der letzte Junge übrig. Ihre Gesichter waren wie versteinert. Das selbstgefällige Grinsen war komplett aus ihren Mienen gewischt; sie starrten mich aus riesigen, ungläubigen Augen an.
Tim stürmte mit einem lauten Schrei vor und versuchte, mich tief an der Taille zu tackeln. Ich wartete bis zum allerletzten Moment. Als er fast an mir dran war, machte ich einen eleganten Radschlag zur Seite, wich seinem Griff spielerisch aus und verpasste ihm im Vorbeigehen einen leichten, aber bestimmten Tritt gegen das Gesäß, der ihn direkt vorwärts auf die Matte stolpern ließ.
Ich stand keuchend in der Mitte der Halle, die Haare zerzaust, mein Blick hellwach. Alle fünf Football-Jungs lagen stöhnend oder fassungslos auf den Matten um mich herum verstreut. Niemand war ernsthaft verletzt, aber ihr Ego war vollkommen zertrümmert.
Doch die Freude über meinen Triumph verflog augenblicklich, als ich an mir herabsah. Durch die schnellen Bewegungen und Saltos war mein weinrotes Tanktop verrutscht. Das silberne Halsband lag komplett frei und direkt daneben prangte der frische, leuchtend rote Bissabdruck, den Luke mir letzte Nacht verpasst hatte. Mir wurde schlagartig eiskalt.
In genau diesem Moment flitzten die großen Doppeltüren der Trainingshalle mit einem ohrenbetäubenden Knall auf. Die Luft im Raum schien sofort um zehn Grad zu fallen. Ich wirbelte herum und mein Atem stockte endgültig.
Dort in der Tür stand Luke. Seine zwei Meter große Gestalt wirkte in dem hellen Hallenlicht wie ein mörderischer Dämon. Seine maßgeschneiderte, dunkle Jacke stand offen, seine lila Augen brannten vor einer sadistischen, unkontrollierbaren Wut, und hinter ihm tauchten mit besorgten Gesichtern Adam, Isabel und die zwei verängstigten Wachen auf. Lukes Blick fegte über die am Boden liegenden Jungs und blieb dann mit einer erschreckenden, besitzergreifenden Intensität an mir und meinem freiliegenden Hals hängen.
Ich überlegte keine Sekunde. Scheiß auf die Regeln, scheiß auf die Wachen und scheiß auf die Kälte, die er ausstrahlte. Ein breites, glückliches Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Ich rannte mit schnellen Schritten los, direkt auf die zwei Meter große Gestalt des Mafiabosses zu. Ich sprang ihn regelrecht an. Meine Beine schlangen sich bombenfest um seine schmale Hüfte, und meine Arme wickelten sich eng um seinen massiven Nacken.
Luke reagierte blitzschnell. Seine riesigen, warmen Hände schossen vor, packten mich fest unter dem Gesäß und hielten mich mühelos oben. Aber sein Gesicht… sein Gesicht war ein wahres Kunstwerk. Er sah in diesem Moment haargenau so aus, als hätte man ihm gerade hochoffiziell erzählt, dass Krokodile ab morgen zahme Schoßhündchen wären. Die mörderische Wut in seinen lila Augen wandelte sich in Sekundenbruchteilen in eine fassungslose, tiefe Verwirrung.
„Was ist hier passiert?“, raunte seine samtene Stimme dicht an meinem Ohr, während seine Finger sich besitzergreifend in mein Tanktop krallten. Sein Blick glitt über meine Schulter hinweg zu den stöhnenden Footballern. Seine Stimme sank zu einem gefährlichen, eisigen Flüstern herab. „Und warum liegt der Sohn des französischen Mafiabosses da hinten auf der Matte? In meinem Revier?“
Ich war noch immer ziemlich außer Atem von dem ganzen Kampf, aber ich war einfach nur unheimlich glücklich, dass er da war. Ich kuschelte meine Nase kurz an seine Wange, spürte den Duft seiner teuren Lederjacke und kicherte leise.
„Sie haben mich attackiert!“ gab ich atemlos, aber mit einem stolzen Funkeln in den Augen zurück.