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Kapitel – Der Preis des Trotzes

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Kapitel – Der Preis des Trotzes

Leo

Ich nickte zögernd. Ich war einfach viel zu müde, um überhaupt noch irgendetwas zu erwidern oder mich über seine kranken Regeln aufzuregen. In diesem Moment wollte ich einfach nur noch schlafen, völlig egal, wo. Wir standen auf und gingen gemeinsam nach nebenan. Das Zimmer war deutlich kleiner als seines, hatte aber ebenso ein großes Bett, einen Fernseher, ein separates Badezimmer und einen riesigen, begehbaren Schrank.

Ich spürte, wie ich mich wie in Trance langsam zum Bett bewegte. Es war eine völlig unbewusste Handlung, gesteuert von purer Erschöpfung. Ich ließ mich einfach in die Kissen fallen. Sie waren so weich, kuschelig und einladend. Und dieses Bett war so gigantisch – um ein Vielfaches größer als die schmale Matratze in meiner winzigen Wohnung. Das waren meine letzten, verschwommenen Gedanken, bevor ich augenblicklich in einen tiefen Schlaf sank.

Luke

War er gerade wirklich einfach eingeschlafen? Einfach so, mitten im Satz? Er musste nach der Flucht und der Kälte im Wald erschöpft sein. Ich schritt mit langsamen, lautlosen Schritten an das große, aus edlem Ebenholz gefertigte Himmelbett heran und zog die schwere Decke sachte über seinen Körper. Ich strich mit den Fingerspitzen behutsam über das neue, schwarze Halsband an seiner Kehle und musste unwillkürlich schmunzeln. Er sah perfekt aus.

Ich freute mich schon jetzt darauf, seinen Widerwillen, den er tief in sich trug, Stück für Stück zu brechen. Noch versuchte er, es nicht zu zeigen, aber ich würde ihn so sehr von mir abhängig machen, dass er irgendwann nicht mehr ohne mich leben wollte und konnte. Doch das brauchte Zeit. Das ungezähmte Funkeln in seinen blau-grauen Augen verriet mir, dass er sich so schnell nicht fügen würde. Ich beugte mich tief zu ihm vor und hauchte einen sachten Kuss auf seine Stirn, die von dem Bad noch leicht feucht war. Mit einer fließenden, geschmeidigen Bewegung stand ich wieder auf und machte mich auf den Weg in mein eigenes Schlafzimmer.

Obwohl jeder Instinkt in mir danach verlangte, die Nacht bei ihm zu verbringen, durfte ich nicht nachgeben. Noch nicht. Er musste es sich erst verdienen, an meiner Seite zu schlafen. Er sollte meine Nähe als Privileg, als eine Belohnung auffassen. Ansonsten wäre es viel zu leicht für ihn, und er würde niemals diese tiefe Abhängigkeit zu mir entwickeln. Ich hatte das verdeckte Verlangen nach mir in seinen Augen gesehen, aber ich durfte ihm nicht geben, wonach er lechzte. Er selbst hatte dieses Verlangen schließlich noch nicht einmal vor sich selbst akzeptiert. Ich zog mich schnell um, bevor ich mich in mein Bett legte. Dieser Junge hatte mir schlicht und einfach den Kopf verdreht, und ich war nicht bereit, das kampflos hinzunehmen. Mit diesen Gedanken schlief ich schließlich ein.

Der nächste Morgen brach an. Und wie jeden verdammten Morgen, wenn sie draußen im Gehege geschlafen hatten, stimmten die Wölfe direkt unter meinem Fenster ihr lautes Geheul an. Ich knurrte genervt auf und setzte mich im Bett auf. Draußen war es noch stockdunkel, und es schneite heftig. Die dicken, weißen Flocken schwebten sachte und langsam vom Himmel herab. Ich zwang mich aufzustehen und mich anzuziehen. Ich schnappte mir eine schlichte Jeans und einen dunklen Hoodie. Fertig angezogen schritt ich aus dem Zimmer und ging direkt nach nebenan, um zu sehen, ob mein Auserwählter schon wach war.

Und ja, das war er. Als ich lautlos das Zimmer betrat, stand er am Fenster und versuchte gerade mit aller Kraft, den Rahmen aufzudrücken.

Ich lehnte mich entspannt gegen den Türrahmen, verschränkte die Arme vor der Brust und fragte kühl: „Na? Kriegst du es auf?“

Leo zuckte vor Schreck heftig zusammen und erstarrte mitten in der Bewegung. Ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter, drehte er den Kopf in meine Richtung. Seine Wangen röteten sich augenblicklich. „Ähm… das ist nicht das, wonach es aussieht.“

Ich musterte ihn schräg von der Seite, während ich langsam auf ihn zukam. „Nun, wenn es das ist, wonach es aussieht, hast du soeben Regel Nummer 4 verletzt. Also müsste ich dich jetzt eigentlich bestrafen.“

Sofort flammte heiße Wut in Leos Augen auf. Er fuhr herum und sah mich wütend an. „Nein, habe ich nicht! Deine bescheuerten Regeln besagen nicht, dass man nicht abhauen darf! Außerdem, wer denkt sich bitteschön so einen Schwachsinn aus? Ich bin kein Hundebaby, das irgendwelchen Regeln folgt, sondern ein Mensch! Und natürlich werde ich versuchen, wegzurennen! Denkst du ernsthaft, ich bleibe freiwillig bei so einem Psychopathen, nur weil du heiß bist?“

Bei seinen letzten Worten stahl sich ein gefährliches Lächeln auf meine Lippen. Mit zwei großen, schnellen Schritten war ich bei ihm. Ehe er reagieren konnte, drückte ich ihn mit meinem gesamten Körpergewicht rückwärts gegen das kalte Glas des Fensters. Ich packte das schwarze Halsband und zog leicht daran, sodass er gezwungen war, zu mir aufzusehen. Sofort wich die Wut aus seinen Zügen, und pure Anspannung trat an ihre Stelle. Schade eigentlich; ich fand es irgendwie süß, wie er sich aufgeregt hatte – wie ein kleiner Welpe, der unbeholfen versucht zu bellen.

Ich ließ meinen Blick langsam über seinen schmalen Körper wandern, hinab zu seinen Beinen, und spürte mit großer Genugtuung, wie sich der Stoff seiner Boxershorts deutlich spannte. Er wurde hart. Ich grinste verrucht und sah ihm tief in die Augen. „Du findest mich also heiß, hm?“, fragte ich mit rauer, leiser Stimme. Ich strich langsam mit dem Daumen über seine Halsschlagader, was seinen gesamten Körper augenblicklich zum Zittern brachte. „Du hast gerade versucht, mein Haus zu verlassen. Du hast meine Regeln missachtet. Eigentlich müsste ich dich jetzt dafür bestrafen, dass du die Welt da draußen immer noch nicht vergessen hast.“

Wieder flammte der Trotz in seinen blau-grauen Augen auf. Dieses wilde, ungezähmte Funkeln ließ mich auf der Stelle hart werden. „Aber wie du hier stehst, vor Wut zitterst und mir solche Dinge an den Kopf wirfst… das ist fast schon süß. Es zeigt mir nur, wie intensiv du mich wahrnimmst. Du hast Angst vor mir, du hasst mich vielleicht gerade, und trotzdem bemerkst du, wie ich aussehe“, raunte ich leise, aber unmissverständlich an seiner Wange. Ich beugte mich noch ein Stück tiefer zu seinem Ohr hinab. „Schrei ruhig so viel du willst. Beschwer dich über die Regeln. Aber gewöhn dich an dieses Fenster, Leo. Denn das Einzige, was du von nun an betrachten wirst, ist diese Aussicht – und ich. Und ob du wegen meiner Regeln bleibst oder weil ich ‚heiß‘ bin… ist mir völlig egal. Hauptsache, du bleibst. Und du gehörst mir.“

Leo erstarrte unter meinem Griff. Er hob die Hände und versuchte verzweifelt, mich von sich wegzuschieben, aber gegen meine Statur hatte er nicht den Hauch einer Chance. Er funkelte mich hasserfüllt an. „Geh weg! Lass mich los, verstanden?!“

Ich rollte amüsiert mit den Augen. „Warum sollte ich? Du machst hier nicht die Regeln, sondern ich.“

Das war zu viel für ihn. Leo holte mit einer schnellen Bewegung aus und schlug mir mit der Rückhand mitten ins Gesicht. Mein Kopf wurde durch die Wucht des Schlages zur Seite gerissen.

Eine eisige, drückende Stille beherrschte plötzlich den Raum. Ich fluchte nicht. Ich schrie nicht. Meine Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen, und das Lächeln verschwand komplett von meinen Lippen. Langsam, Zentimeter für Zentimeter, drehte ich den Kopf wieder zurück zu Leo. Ich packte seine Handgelenke mit einem eisernen Griff und drückte so fest zu, dass er leise aufkeuchte. Ich presste seine Arme über seinem Kopf gegen das Fensterglas, sodass er absolut keine Chance mehr hatte, sich zu rühren. Ich beugte mich tief zu ihm hinunter, bis unsere Nasenspitzen sich fast berührten.

„Das war ein Fehler“, sagte ich, und meine Stimme war messerscharf wie eine Klinge. Ich verstärkte den Druck auf seine Handgelenke gerade so sehr, dass sie nicht brachen oder bleibende Schäden erlitten, aber ihm unmissverständliche Schmerzen bereiteten. „Ich habe dir gesagt, dass ich deine Wut süß finde. Aber verwechsle meine Geduld niemals mit Schwäche. Du hast gerade deine Hand gegen mich erhoben. Die Hand, die ich füttere. Die Hand, die mir gehört.“

Ich zog die Hand, die mich eben geschlagen hatte, langsam zu meinen Lippen und küsste sachte seine Knöchel, während ich Leo keine Sekunde aus den Augen ließ. Er zitterte nun am ganzen Körper, und seine blau-grauen Augen waren randvoll mit nackter Angst.

„Ich werde dich dafür nicht schlagen, Leo. Ich verunstalte meine Besitztümer nicht“, erklärte ich eiskalt. „Aber du wirst lernen, wo dein Platz ist. Diese Hand wird mich nie wieder berühren, es sei denn, ich erlaube es ihr ausdrücklich. Und zur Strafe für diesen kleinen Ausrutscher…“ Ich ließ seine Handgelenke los und packte stattdessen wieder fest sein Halsband. Ich zog ihn so nah an mich heran, dass seine Hände flach auf meiner Brust lagen und er meinen Herzschlag spüren konnte. „…wird Regel Nummer 3 ab jetzt drastisch verschärft. Du wirst die nächsten drei Tage absolut niemanden sehen, nicht einmal mich. Du wirst in diesem Zimmer sitzen und ununterbrochen darüber nachdenken, wie sich meine Haut anfühlt und wie sehr du diese Berührung vermisst, wenn sie dir entzogen wird. Eigentlich wollte ich dich gerade abholen, damit wir zusammen die Wölfe füttern. Aber nun wird daraus wohl nichts. Zu schade.“

Leo starrte mich einfach nur fassungslos an, bevor er mit brüchiger Stimme fragte: „Warum… warum sollte ich deine Berührungen vermissen?“

Ich lächelte düster, ballte die Hand und griff mit einer schnellen Bewegung tief nach unten, genau zwischen seine Beine. Er stöhnte heftig auf und keuchte: „Lass das…!“

Ich grinste kalt an seinen Lippen und gab ihm die Antwort auf seine Frage: „Weil du alleine von meiner Nähe hart wirst, Leo. Dein Körper will mich unbedingt, aber du hast es nur noch nicht akzeptiert.“

Mit diesen Worten ließ ich ihn los, schritt mit großen Schritten aus dem Zimmer und schloss die schwere Tür hinter mir ab.

Leo

Das Schloss klickte mit einem dumpfen, endgültigen Geräusch, als Luke es von außen verriegelte. Im selben Moment sackte ich kraftlos in mich zusammen. Meine Knie gaben nach, und ich rutschte an der Wand hinunter, bis ich auf dem Teppich saß.

Was zur Hölle war das gerade gewesen? Hatte er mich wirklich dort berührt… dort, wo mich noch nie ein Mensch zuvor berührt hatte? Und das Schlimmste war: Warum war ich verdammt noch mal hart geworden? Das gerade hatte doch nicht den leisesten Hauch von irgendetwas Romantischem an sich gehabt! Warum hatte es mir insgeheim gefallen, wie nah er mir gewesen war? Warum hatte es mich so erregt, wie er mich behandelte? Wieso nur? Warum war er mir so nah gekommen, und wieso… wieso hatte ich ihn geschlagen?

Ich wusste es eigentlich ganz genau: Weil ich unendlich sauer gewesen war und reagiert hatte wie ein kleines, trotziges Kind. Ich hatte einfach komplett die Kontrolle verloren. Ganz anders als er. Aber warum musste er auch ausgerechnet in dem Moment ins Zimmer kommen, in dem ich bloß versucht hatte, das Fenster zu öffnen, um zu lüften? Natürlich hatte es verdammt noch mal so ausgesehen, als würde ich fliehen wollen. Aber das wollte ich überhaupt nicht! Ich wäre im Leben nicht auf die Idee gekommen, aus diesem Fenster zu springen. Ich hatte nämlich schreckliche Höhenangst – und wir befanden uns hier definitiv nicht gerade im Erdgeschoss. Ich seufzte leise, weil ich genau wusste, dass ich meiner Strafe so oder so nicht entkommen konnte. Mühsam stand ich auf, schnappte mir eine der großen Daunendecken und setzte mich direkt an das riesige Fenster. Eigentlich war es gar kein normales Fenster, sondern die gesamte Außenwand bestand aus Glas. Es wirkte wie ein riesiges Panoramazimmer, nur ohne Balkon. Von hier aus konnte ich über den gesamten Wald blicken. Auch wenn es mir Angst machte, so nah am Abgrund zu sitzen, war es immer noch besser, als mich mit meinen eigenen, verwirrenden Gefühlen auseinanderzusetzen. Es war einfach alles viel zu chaotisch in meinem Kopf.

Ich starrte eine Weile hinaus in das weiße Treiben, bis Luke im Garten auftauchte. Er trug einen eleganten Mantel und hielt ein großes, hölzernes Brett mit Fleischstücken in den Händen. Er pfiff einmal scharf durch die Zähne und wartete. Binnen weniger Sekunden rannten fünf stattliche Wölfe aus dem dichten Dickicht der Bäume herbei. Einer von ihnen war Nox – er war deutlich der größte im Rudel. Ich nahm an, dass Luke den anderen einfach keine Namen gegeben hatte. Wie schade. Dabei hatte es doch jeder von ihnen verdient, einen eigenen Namen zu bekommen. Sie sammelten sich aufgeregt um den Riesen und sprangen an ihm hoch, gierig nach dem Fleisch.

Ich musste bei diesem Anblick unwillkürlich lächeln und kuschelte mich enger in die dicke Daunendecke. Sie war so herrlich weich und roch intensiv nach Wald – genau wie er. Stopp! Was dachte ich da eigentlich gerade schon wieder? Nein, nein, nein. Ich mochte diesen Typen nicht. Er war ein Psychopath, ich verabscheute ihn zutiefst. Ja, genau so war es. Aber er war eben auch verdammt heiß. Seine Haut, seine Statur und vor allem diese Augen…

Moment, diese Augen. Ich schreckte jäh aus meinen Gedanken auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass er sich da unten umgedreht hatte und mich direkt fixierte. Er starrte zu mir hoch. Ich drehte meinen Kopf sofort weg, atmete schwer und fragte fassungslos in den leeren Raum hinein: „Was zum Teufel war das denn gerade?“ Ich drehte mich nach einer gefühlten Ewigkeit ganz langsam wieder um, um zu sehen, ob er mich immer noch im Visier hatte. Genau das war der Fall. Ein leichtes Grinsen schien auf seinen Lippen zu liegen, und er legte den Kopf schief.

Ich blickte beschämt zu Boden. Mir war auf einmal wirklich viel zu heiß. Ich erhob mich erneut aus meiner Decke und versuchte noch mal, das verdammt Ding aufzubekommen. Aber der Rahmen wollte sich einfach nicht bewegen. Ich zwang mich, starr nach oben zu sehen und auf keinen Fall nach unten zu blicken. Aus irgendeinem seltsamen Grund war es vorhin okay gewesen, als ich auf dem Boden saß. Da war es erträglich, nach unten zu schauen – zumindest, solange es nicht zu hoch war, maximal drei bis zehn Meter. Aber sobald ich aufrecht stand, war es die reinste Hölle. Ich durfte jetzt unter gar keinen Umständen runterschauen. Mit einem kräftigen Ruck schaffte ich es endlich, dieses bescheuerte Fenster zu öffnen. Es war ein Schiebefenster, kein Kippfenster. Ich setzte mich rasch wieder auf den Boden, atmete kurz tief ein und wieder aus, bevor ich den Blick nach unten wagte.

Luke starrte mich immer noch an. Allerdings hatten sich seine Züge mittlerweile komplett verfinstert. „Warum hast du das Fenster aufgemacht?!“, rief er mit lauter Stimme zu mir herauf.

„Weil mir schon die ganze Zeit über verdammt warm ist!“, schrie ich wütend zurück. „Oder warum, dachtest du, wollte ich das Fenster aufmachen? Würdest du mich auch nur ansatzweise kennen, dann wüsstest du, dass ich schreckliche Höhenangst habe! Aber nein, dich kümmert ja nicht mal im Geringsten, was ich zu dem Thema zu sagen habe!“

Luke wandte sich ohne eine Reaktion wieder den Wölfen zu und verfütterte das letzte große Stück Fleisch an Nox, bevor er sich mir erneut zuwandte. Er hob den Kopf, um mich direkt anzusehen. Auf diese Entfernung konnte ich seine Augen zwar nicht genau erkennen, aber ich spürte das eiskalte Brennen seines Blicks bis hoch in den dritten Stock. Er antwortete nicht. Er ging einfach wortlos zurück ins Haus.

Mein Herz hämmerte wie wild gegen meine Rippen. Ich zog die Daunendecke enger um meine Schultern, starrte auf das geöffnete Schiebefenster und verfluchte meine Höhenangst. Der Abgrund da draußen drehte mir regelrecht den Magen um.

Es dauerte keine zwei Minuten, bis ich schwere Schritte auf dem Flur hörte. Die Tür flog nicht auf – Luke klinkte sie mit einer fast schon unheimlichen, bedrohlichen Ruhe auf. Er trat herein, und die eisige Kälte des Winters klebte noch an seinem schwarzen Mantel. Seine zwei Meter Körpergröße schienen den Raum im selben Moment komplett zu verschlucken. Er sah mich an, wie ich da eingekuschelt in der Daunendecke saß, und dann wanderte sein finsterer Blick zum offenen Schiebefenster. Ein dunkles, gefährliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

„Höhenangst also?“, raunte seine tiefe Stimme. Er zog sich die schwarzen Lederhandschuhe Finger für Finger aus und warf sie achtlos auf den Tisch. Dann kam er langsam auf mich zu. Jeder einzelne seiner Schritte verpasste mir eine heftige Gänsehaut. „Und du denkst ernsthaft, mich kümmert nicht, was du zu sagen hast, mein süßer kleiner Welpe?“

Bevor ich überhaupt reagieren oder mich tiefer in meine schützende Decke flüchten konnte, war er auch schon bei mir. Seine riesige Hand packte diesmal nicht mein Halsband, sondern schloss sich mit festem Griff um meine Taille. Mit einer Leichtigkeit, die mich zutiefst erschreckte, hob er mich mitsamt der schweren Daunendecke vom Fenstersitz hoch.

„Luke! Lass mich los!“, fuhr ich ihn panisch an und krallte meine Finger instinktiv in den festen Stoff seines Mantels.

Er ignorierte mein Flehen komplett. Statt mich vom Abgrund wegzubringen, drückte er mich direkt an den Rand des offenen Fensters. Die eisige Winterluft schlug mir unbarmherzig ins Gesicht, und als ich unwillkürlich nach unten sah, schoss das nackte Entsetzen durch meine Venen. Drei Stockwerke. Tiefer, weißer Schnee und da unten die Wölfe, die immer noch hungrig nach oben sahen. Mein Kopf drehte sich heftig, und ich klammerte mich in purer Panik an ihn.

Luke hielt mich fest umschlungen; sein massiver Körper war wie eine unbezwingbare Mauer hinter mir. Er beugte sich tief über meine Schulter, sodass sein warmer Atem mein Ohr streifte. „Siehst du, wie tief es hier ist, Leo?“, flüsterte er, und ich konnte das deutliche Amüsement in seiner Stimme hören. „Du hast recht. Ich wusste nichts von deiner Höhenangst. Aber weißt du, was der entscheidende Unterschied zwischen mir und der Welt da draußen ist?“ Er drückte mich ein winziges Stück weiter nach vorn über die Kante – gerade genug, um meine Panik ins Unermessliche anzufeuern, während sein Griff um meine Taille bombenfest blieb. „Die Welt da draußen lässt dich gnadenlos fallen. Aber ich? Ich halte dich. Ich bin der Einzige, der verhindert, dass du dort hinunterstürzt. Ich kümmere mich sehr wohl um das, was du sagst. Ich lerne dich gerade erst kennen. Und jetzt weiß ich, dass diese Höhe dich dazu bringt, dich an mich zu klammern, als wäre ich dein einziger Lebensretter.“ Er lachte leise auf – ein tiefes, vibrierendes Geräusch in seiner breiten Brust. „Und genau das bin ich auch. Merk dir das. Du brauchst keine Angst vor der Höhe zu haben, solange meine Hände an dir sind.“

Mit einem kräftigen Ruck zog er mich vom offenen Fenster weg, schob das Schiebeelement mit der anderen Hand krachend zu und setzte mich unsanft, aber vollkommen unbeschadet auf dem großen Bett ab. Er trat einen Schritt zurück, strich seinen Mantel glatt und sah kühl auf mich herab. „Ist dir immer noch warm, oder hat die Höhenangst dich fürs Erste abgekühlt?“, fragte er mit diesem psychopathischen, spöttischen Funkeln in den Augen.

Mein Herz raste wie verrückt, und das Adrenalin schoss heiß durch meine Adern. Es war einfach alles viel zu viel. Ich atmete schnell und schwer, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen. Ich merkte, wie meine rechte Hand leicht zu zittern begann – so wie sie es immer tat, wenn mich die nackte Panik packte.

Luke bewegte sich nicht. Es war vollkommen still im Raum, bis auf mein keuchendes, unruhiges Atmen. Ich spürte seine Augen auf mir. Er analysierte jede meiner Reaktionen. Dann hörte ich das leise Rascheln seines Mantels. Seine schweren Schritte kamen wieder näher, diesmal viel langsamer und bedächtiger als zuvor. Er kniete sich nicht vor mir nieder – dafür war er schlicht zu stolz –, aber er setzte sich schwer direkt neben mich auf die Bettkante. Seine enorme Statur nahm mir fast das gesamte Licht, aber der bedrohliche Druck wich plötzlich einer seltsamen, fast schon erdrückenden Intensität.

„Leo“, sagte er ruhig. Seine Stimme hatte das spöttische Funkeln komplett verloren. Sie war jetzt tief, ernst und absolut dominant. „Sieh mich an.“

Ich konnte es nicht. Ich starrte stattdessen weiter stur auf meine zitternde Hand. Plötzlich schoben sich zwei seiner langen Finger fest unter mein Kinn, und ich war gezwungen, den Kopf zu heben und direkt in Lukes lila Augen zu blicken. Diese Augen, die das Schönste waren, das ich je gesehen hatte. Ich wollte mich am liebsten in ihnen verlieren und nie wieder auftauchen.

Er atmete langsam aus. Das eiskalte, psychopathische Lächeln war vollkommen verschwunden. Stattdessen lag eine dunkle, tief besorgte Ernsthaftigkeit in seinen markanten Zügen. „Du wolltest vorhin gar nicht springen“, stellte er fest. Es war keine Frage, seine Stimme war beinahe leise. Er strich mit dem Daumen sanft über meine Wange – viel zu sanft für einen Mann, der gerade noch eiskalt Wölfe im Schnee gefüttert hatte. „Du hast wirklich panische Angst vor der Höhe. Du konntest überhaupt nicht weglaufen.“

Ich brachte keinen einzigen Ton heraus und presste nur überfordert die Lippen zusammen. Luke ließ mein Kinn langsam los. Seine große Hand wanderte stattdessen zu meiner rechten, zitternden Hand. Er umfasste sie komplett, schloss seine langen Finger fest um meine und drückte sie sachte. Seine Hand war so riesig, dass sie meine eigene vollkommen umschloss und schützte.