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Kapitel - Namen und Tee

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Kapitel - Namen und Tee

Leo

Und seltsamerweise half der feste Druck seiner Hand tatsächlich, das Zittern in meinen Fingern langsam zu stoppen.

„Die Strafe ist aufgehoben“, raunte er, während er mich unverwandt fixierte. Er rückte noch ein Stück näher zu mir auf die Bettkante, sodass ich die wohlige Wärme spüren konnte, die sein massiver Körper von der eisigen Kälte draußen noch immer abstrahlte. „Du hast Regel Nummer 4 nicht gebrochen. Du hast mir die Wahrheit gesagt. Ich werde dich nicht isolieren.“

Ein schwaches, fast unmerkliches Aufblitzen von tiefem Besitzanspruch trat in seinen Blick, als er sich etwas weiter zu mir vorbeugte. „Du bist mein kleiner Welpe, Leo“, flüsterte er, und das Wort klang auf seinen Lippen seltsam intim und gefährlich zugleich. „Ein Welpe läuft nicht weg. Und er zittert nicht vor Angst, wenn sein Herrchen im Raum ist. Atme. Ich habe das Fenster zugemacht. Dir passiert hier drin nichts.“

Er ließ meine Hand die ganze Zeit über nicht los. Er saß einfach nur schweigend da, hielt mich fest und zwang mich durch seine bloße, mächtige Präsenz dazu, wieder ruhig zu werden – auf seine ganz eigene, absolut besitzergreifende Art.

Luke

Er zitterte immer noch. Ich spürte das feine Beben seiner Finger in meiner großen Handfläche, während ich seine Hand hielt. Seine blau-grauen Augen, die mich sonst so oft mit einem trotzigen Blitzschlag musterten, wirkten im Moment riesig und völlig verloren. Das gedimmte Licht des Raumes fing sich in seinen braunen Locken und ließ diesen seltsamen, kupfernen Schimmer tanzen, den ich stundenlang betrachten könnte.

Mein kleiner, verängstigter Welpe.

Es faszinierte mich, wie zerbrechlich er war, wenn die Höhenangst ihn lähmte. Und es beruhigte etwas tief in meiner Brust zu wissen, dass er nicht versucht hatte, mich zu verlassen. Er hatte das Fenster nicht geöffnet, um zu fliehen. Er hatte mir die reine Wahrheit gesagt. Ich lockerte meinen Griff um seine Hand nicht, während sich mein Blick verfinsterte, als ich an die Tiere da draußen dachte. Leo hatte keine Angst vor meinen Raubtieren, aber vor der Höhe. Eine absurde Kombination.

„Du atmest immer noch zu schnell, Leo“, sagte ich, und meine Stimme klang tief im Raum. Ich strich mit dem Daumen über seinen Handrücken, um den Herzschlag zu beruhigen, der wild durch seine Pulse raste. „Nox wartet unten im Schnee. Er hat deinen Geruch gewittert, als du das Fenster geöffnet hast.“

Bei der Erwähnung des Namens zuckte er ganz leicht zusammen. Nox. Ich musste unwillkürlich lächeln. Für mich waren die Wölfe immer nur eine biologische Waffe gewesen, ein Schutz für mein Anwesen, namenlose Kreaturen der Dunkelheit. Aber Leo? Leo hatte keine zwei Tage gebraucht, um den Alpha-Wolf zu benennen. Nox – die Nacht. Es passte perfekt zu dem pechschwarzen Fell des Tiers. Und das Alphatier akzeptierte ihn bereits.

Ich beugte mich ein Stück vor, fixierte seine blau-grauen Augen und ließ meine lila Augen tief in seine Seele blicken. Ein neuer Gedanke formte sich in meinem Kopf. Eine Möglichkeit, ihn zu belohnen – und ihn gleichzeitig noch enger an mein Zuhause zu binden.

„Du kennst bisher nur ihn“, raunte ich und legte meine freie Hand sanft an seine Wange, spürte, wie seine blasse Haut langsam wieder wärmer wurde. „Aber Nox führt ein ganzes Rudel da draußen an. Fünf Wölfe, die auf mein Kommando hören. Und bald auf deines.“

Ich wartete kurz, um zu sehen, ob das Zittern in seiner Hand nachließ. Der Schock der Höhe schwand langsam aus seinen Zügen, ersetzt durch diese typische, leise Neugier, die ich jetzt schon so an ihm liebte.

„Wenn du dich beruhigt hast und dein Atem wieder normal ist… bringe ich dich nach unten“, schlug ich vor und strich mit den Fingern durch seine weichen, leicht lockigen Haare. „Nicht durch das Fenster. Wir nehmen die Treppe. Ich werde dich den anderen Wölfen vorstellen. Schließlich brauchen sie auch Namen, wenn der Alpha schon einen hat. Und du wirst sie ihnen geben.“

Ich wollte sehen, wie er reagierte. Die Vorstellung, meinen hübschen Gefangenen inmitten meiner Raubtiere im Schnee stehen zu sehen, während sie sich an ihn klammerten, war berauschend. Denn am Ende gehörten sie alle mir – die Wölfe, das Anwesen und vor allem er.

Leo

Ich nickte sanft und wisperte mit leicht zittriger Stimme: „Ich… ich ziehe mich nur vorher um.“

Luke erwiderte das Nicken, stand auf und sagte ruhig: „Dann los. Sie werden da draußen schon ungeduldig.“

Im Nu flitzte ich in meinen großen, begehbaren Kleiderschrank und kam wenig später komplett umgezogen wieder heraus. Ich hatte mir einen dicken Pullover und eine dazu passende Strickmütze in Smaragdgrün ausgesucht, dazu einen schweren, schwarzen Wintermantel und eine dicke Thermojeans.

Luke musste bei meinem Anblick breit grinsen. „Na dann, mal los.“

Wir schritten gemeinsam die große Wendeltreppe hinunter und steuerten zielgerichtet auf die gläserne Schiebetür zu, vor der sich die fünf schwarzen Wölfe bereits ungeduldig versammelt hatten.

„Lass mich vorgehen und sie ein bisschen zurückdrängen“, wies Luke mich an. „Ansonsten überfallen sie dich vor Freude.“

Ich nickte folgsam. Luke trat als Erster nach draußen, schob die fünf riesigen Tiere geschickt zurück und nickte mir dann ermutigend zu. Ich trat zögernd ins Freie. Sofort stürmte der Alpha Nox auf mich zu und warf mich mit seiner enormen Wucht ungebremst um. Er schlabberte mir quer übers Gesicht, während ich mitten im weichen Pulverschnee lag und laut lachen musste. Die anderen vier Wölfe stürmten ebenfalls sofort auf mich zu und beschnupperten mich neugierig von allen Seiten.

Ich setzte mich im Schnee auf und fing an, sie alle gleichzeitig zu streicheln. Ich betrachtete die imposanten Tiere eingehend und studierte ihre Merkmale. Dann wandte ich mich stolz an Luke, der uns beobachtete.

Ich deutete auf den Wolf mit dem kleinen, grauen Fleck um das Auge. „Der da… das ist Erebos. Und der hier…“ Ich zeigte auf den kleinsten im Bunde, der unaufhörlich um mich herumsprang und im Kreis lief. „…das ist Speedy!“

Luke musste laut grinsen, da der Wolf genau in diesem Moment die Zunge schräg aus dem Maul streckte und den Kopf niedlich zur Seite legte. Ich bemerkte es, lachte auf und machte es Speedy prompt nach. Das Tier bellte freudig und leckte mich abermals ab. Ich schob den Quirl sanft von mir runter und fuhr fort. Ich deutete auf den Wolf mit den eiskalten, hellblauen Augen, der auffallend ruhig und majestätisch neben mir im Schnee saß. „Das ist Hades.“

Luke nickte langsam und fragte amüsiert, während er auf das letzte Tier zeigte: „Und was machst du mit ihm hier?“ Der Wolf lag vollkommen entspannt im Schnee und schlief einfach seelenruhig.

Ich überlegte kurz, legte den Kopf schräg und sagte: „Er hat irgendwie drei Persönlichkeiten.“

„Drei, hm?“, spiegelte Luke meine Worte.

Ich klatschte begeistert in die Hände. „Ich hab's! Wie wäre es mit Cerberus?“ Erwartungsvoll sah ich zu dem riesigen Mann hoch. „Was hältst du von den Namen?“

Luke stieß ein leises, rauhes Lachen aus, das fast wie ein tiefes Knurren in seiner Brust klang. Er trat einen Schritt näher im Schnee, bis seine riesige Statur mich komplett beschattete. „Erebos, Cerberus, Hades… du machst mein Zuhause also zu deiner persönlichen Unterwelt, hm?“, fragte er mit einem verruchten Grinsen, während er mir die smaragdgrüne Mütze spielerisch ein Stück tiefer in die Stirn zog. „Mir gefällt es. Es zeigt mir, dass du anfängst, dich hier einzurichten. Solange du den Wölfen Namen gibst und nicht versuchst, an ihnen vorbeizulaufen, darfst du sie nennen, wie du willst.“

Ich richtete meine Mütze wieder auf und strahlte ihn an. In diesem Moment schien es so, als hätte ich jegliche Angst vor ihm komplett vergessen. Die Bedrohung war wie weggewischt. Ich hatte nur noch Augen für die fünf riesigen Wölfe, die sich eng an mich schmiegten, und für ihn. Luke genoss den Anblick sichtlich, mich so unbesorgt inmitten seiner Raubtiere zu sehen.

Als meine Lippen jedoch langsam anfingen, vor Kälte blau anzulaufen, erlöste Luke uns. Wir gingen wieder rein, zogen die nassen Mäntel und Schuhe aus und er reichte mir ein Paar bequeme Hausschuhe. Dann betraten wir gemeinsam die moderne Küche. Ich hatte die smaragdgrüne Mütze immer noch auf dem Kopf, die perfekt zu meinem Hoodie passte, und meine Nasenspitze war vom Wind zart rosa gefärbt.

Luke sah mich an, seufzte leise und wandte sich den Schränken zu, um uns etwas Warmes zuzubereiten. Er fragte über die Schulter: „What möchtest du trinken? Tee, Kakao oder einen Kaffee?“

„Einen Chai-Tee, bitte“, antwortete ich leise.

Luke grinste, setzte einen Topf auf den Herd und holte zwei große Tassen heraus. Nach zehn Minuten war das Getränk fertig, und er goss es dampfend ein. Der süßliche, würzige Duft von Zimt und Kardamom erfüllte augenblicklich die gesamte Küche, während der heiße Dampf aus den beiden Tassen emporstieg.

Luke stellte mir meinen Chai-Tee hin und setzte sich direkt mir gegenüber an den Tisch. Seine intensiven, lila Augen ruhten schwer auf mir. Ich hatte die smaragdgrüne Mütze nun abgesetzt, und meine braunen Locken fielen mir wild in die Stirn, trugen aber im warmen Küchenlicht immer noch diesen leichten Kupferschimmer, den er so faszinierend fand. Meine Wangen waren von der Kälte draußen immer noch gerötet. Ich umfasste die heiße Tasse fest mit beiden Händen, als suchte ich Schutz in der Wärme. Das Zittern wegen der Höhenangst war zwar vollkommen verschwunden, aber in seiner unmittelbaren Gegenwart blieb ich sichtlich wachsam.

Luke

„Du hast ein Faible für die griechische Unterwelt, Welpe“, brach ich schließlich die drückende Stille. Meine Stimme klang tief und ruhig im warmen Raum. „Hades, Erebos, Cerberus… Woher kommt das?“

Leo sah langsam von seiner Tasse auf. Seine blau-grauen Augen fixierten mich für einen kurzen Moment misstrauisch, bevor er sich ein Stück auf seinem Stuhl zurücklehnte. „Ich habe früher viel gelesen. Die Mythologie hat mich schon immer fasziniert. Die Unterwelt ist kein reiner Ort des Schreckens. Sie ist ein Ort, an dem Seelen zur Ruhe kommen. Und die Wächter dort… sie tun im Grunde nur ihren Job.“ Er machte eine kurze Pause, und ein vertrauter, trotziger Funke blitzte in seinem Blick auf. „Genauso wie deine Wölfe. Oder du.“

Ein leises, amüsiertes Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Er verglich mein Mafia-Reich also wirklich mit der griechischen Unterwelt. Und mich mit dem Gott, der sie beherrschte.

„Wenn ich Hades bin…“, raunte ich, beugte mich ein Stück über den Küchentisch und genoss es sichtlich, wie er bei der Bewegung instinktiv den Atem anhielt. „…weißt du dann auch, was Hades mit Persephone getan hat, als er sie in sein Reich geholt hat?“

Leo schluckte schwer, versuchte aber verzweifelt, sich nichts anmerken zu lassen. „Er hat sie entführt.“

„Er hat sie zu seiner Königin gemacht“, korrigierte ich ihn sanft, aber mit eiskaltem Nachdruck. „Er hat ihr die gesamte Unterwelt zu Füßen gelegt. Sie durfte die Welt der Lebenden zwar nicht mehr betreten, aber sie war an seiner Seite mächtiger als je zuvor.“

Ich beobachtete haargenau, wie er die Lippen fest zusammenpresste. Er verstand die Parallele, die ich zog, ganz genau. Ich wollte ihm zeigen, dass sein Aufenthalt hier kein reines Gefängnis sein musste. Solange er meine Regeln akzeptierte, konnte er alles von mir haben, was er wollte.

„Glaubst du ernsthaft, du bist ein Gott, Luke?“, fragte er leise, fast schon spöttisch, aber seine Stimme verriet die leichte Nervosität.

„In diesem Haus? Ja“, antwortete ich ohne zu zögern. Ich stellte meine Tasse ab und fixierte ihn ruhig, aber mit einer tiefen, besitzergreifenden Wärme, die in diesem Moment nur ihm galt. „Hier drinnen bestimme ich allein die Regeln des Lebens und Sterbens, Leo. Aber im Gegensatz zu Hades werde ich dir keine Granatapfelkerne aufzwingen, damit du bleibst. Der Chai-Tee tut es fürs Erste auch.“

Für einen kurzen Moment schien die extreme Anspannung von ihm abzufallen. Er starrte fassungslos auf seinen Tee, als müsste er gegen ein unwillkürliches Lächeln ankämpfen. Er fand meinen Humor seltsam, das wusste ich. Aber es funktionierte. Er taute langsam auf. Er gewöhnte sich an meine Präsenz. Und genau das war mein Ziel.

„Warum hältst du dich eigentlich für den Boss der Unterwelt?“, fragte Leo plötzlich und sah mich herausfordernd an. „Erstens heißt einer deiner Wölfe schon Hades. Und zweitens bist du doch auch nur ein reicher Typ mit viel zu viel Freizeit.“

Ein leises, fast tonloses Lachen entwich meiner Kehle. Es war faszinierend, wie naiv er trotz allem immer noch war. Er dachte tatsächlich, ich sei bloß ein verrückter Millionär mit einem großen Haus und einer Vorliebe für Raubtiere.

„Warum ich mich für den Boss der Unterwelt halte?“, wiederholte ich seine Frage langsam. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und verschränkte die Finger vor der Brust. Meine lila Augen fixierten seine blau-grauen, in denen gerade eine Mischung aus Trotz und echter Neugier lag. „Erstens, Leo, weil mein Wolf Hades nur ein Name ist, den du ihm gegeben hast. Und zweitens… weil du überhaupt keine Ahnung hast, wer ich wirklich bin.“

Leo zog die Stirn kraus, hielt die warme Tasse Chai-Tee aber immer noch fest umschlossen. „Du bist ein reicher Mann mit einer extremen Kontrollsucht, Luke. Mehr nicht.“

„Mehr nicht?“, raunte ich gefährlich leise. Ich beugte mich wieder langsam nach vorn, stützte die Ellbogen auf den Tisch und verkleinerte den Abstand zwischen uns, bis er meinen Atem auf seiner Haut spüren musste. Das amüsierte Funkeln in meinen Augen wich einer eiskalten, ernsthaften Dominanz. „Glaubst du wirklich, man wird in diesem Land so reich, indem man einfach nur ein bisschen kontrollsüchtig ist? Glaubst du, die Polizei hält sich von diesem riesigen Anwesen fern, weil ich nett darum gebeten habe?“

Er wurde merklich steifer. Seine Pupillen weiteten sich ein Stück, als mein Tonfall die gewohnte, bedrohliche Schärfe annahm.

„Die Wölfe da draußen beschützen mich nicht vor harmlosen Einbrechern, Leo“, sprach ich mit tiefer, ruhiger Stimme weiter, die keinen Raum für Zweifel ließ. „Sie bewachen die Grenzen meines Reiches. Ich besitze diese Stadt. Die Politiker, die Richter, die Straßen – alles läuft über meinen Tisch. Ich bin kein gelangweilter Millionär. Ich bin der Kopf der Mafia.“

Das Wort hing wie eine eiskalte Guillotine in der warmen Luft der Küche. Mafia.

Ich beobachtete jede kleinste Regung in seinem Gesicht. Das leichte Rosa auf seinen Wangen wich augenblicklich einer extremen Blässe. Seine blau-grauen Augen wanderten ungläubig über meine Züge, als würde er nach einem Anzeichen suchen, dass ich bloß einen Scherz machte. Doch er fand keins. Er sah, wer ich wirklich war: das Monster, das im Schatten der Gesellschaft die Fäden zog.

Seine Hände fingen wieder leicht an zu zittern, sodass der Tee in seiner Tasse kleine Wellen schlug. Er schluckte schwer. Das nackte Entsetzen war zurück, aber diesmal war es nicht die Höhenangst. Es war die Realisation, dass er von einem Mann entführt worden war, den niemand suchen oder jagen würde, weil alle vor ihm krochen.

„Du… du bist…“, stammelte er, und seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Hauchen. Er wollte den Satz nicht aussprechen, als würde das Wort es noch realer machen.

„Der Don“, beendete ich den Satz für ihn und spürte, wie mein Besitzanspruch bei seinem Anblick nur noch größer wurde. Er war so wunderschön, wenn er Angst vor mir hatte. „Und jetzt weißt du auch, warum meine Regeln absolut gelten. Wer meine Regeln bricht, überlebt es normalerweise nicht. Aber für dich mache ich eine Ausnahme. Weil du mir gehörst. Und ein Boss teilt sein Imperium nur mit den Menschen, die an seiner Seite stehen.“

Ich streckte meine Hand über den Tisch und legte meine Finger um seine eiskalt gewordenen Knöchel. Er zuckte heftig zusammen, zog die Hand aber nicht weg. Er war schlicht zu starr vor Schreck.

Leo

Mafia.

Das Wort hallte in meinem Kopf wie ein dumpfer, markerschütternder Glockenschlag wider. Die Wärme des Chai-Tees in meinen Händen schien in Sekundenschnelle zu erfrieren. Ich starrte fassungslos in Lukes lila Augen und suchte verzweifelt nach einem Zeichen dafür, dass er mich nur einschüchtern wollte. Dass das alles ein schlechter Scherz war. Doch in seinem Gesicht lag nur diese unerschütterliche, eisige Gewissheit.

Er meinte das todernst.

In meinem Inneren zog sich alles schmerzhaft zusammen. Ein reicher Psychopath war eine Sache – vor dem konnte man weglaufen, man konnte auf die Polizei hoffen, auf ein Wunder. Aber der Kopf der Mafia? Mir wurde schlagartig schwindelig, als die Puzzleteile in meinem Kopf endlich zusammenfielen. Die schwer bewaffneten Wachen auf dem Flur, die Schulden meines Bruders, die riesigen Wölfe da draußen, die auf sein bloßes Wort hörten… Sie waren kein exzentrisches Hobby. Sie waren seine Privatarmee. Niemand suchte nach mir. Niemand würde jemals diese Türen eintreten, um mich zu retten, weil niemand es wagte, sich mit Luke anzulegen. Ich war in der Hölle gelandet, und der Teufel saß mir leise lächelnd gegenüber und trank Tee.

Als sich seine großen, warmen Finger über meine eiskalten Knöchel legten, durchfuhr mich ein heftiger Schauer. Seine Berührung brannte regelrecht auf meiner Haut. Er nannte mich sein Eigentum, als wäre ich eine Trophäe, die er sich einfach genommen hatte.

Die Angst schnürte mir die Kehle komplett zu, aber tief in mir flammte plötzlich eine verzweifelte, wütende Gegenwehr auf. Ich wollte mich von ihm nicht brechen lassen. Nicht so leicht.

Mit einem Ruck zog ich meine Hand unter seiner weg und umklammerte meine Tasse so fest, dass meine Fingerkuppen weiß anliefen. Ich zwang mich, den Kopf zu heben, obwohl mein Herz so heftig gegen meine Rippen schlug, dass ich kaum Luft bekam. Ich sah ihm direkt in diese seltsamen, faszinierenden lila Augen.