Kapitel 6 – Das unsichtbare Netz
Kapitel 6 – Das unsichtbare Netz
„Du glaubst wohl, du hast alles unter Kontrolle, oder?“, meine Stimme zitterte, aber ich presste die Worte so fest ich konnte hervor. „Du denkst, nur weil die Leute in dieser Stadt vor dir kriechen, bin ich jetzt auch dein braver kleiner Gefangener. Du kannst mich einsperren, Luke. Du kannst mir deine Regeln aufzwingen und deine Wölfe auf mich hetzen…“
Ich schluckte den schweren Kloß in meinem Hals hinunter, während mir eine heiße Träne der Frustration über die Wange lief, die ich viel zu spät bemerkte.
„…aber du wirst niemals besitzen, was ich über dich denke. Du bist für mich kein König. Du bist ein Monster, das sich nimmt, was es will, weil es zu feige ist, um darum zu bitten.“
Ich hielt seinem Blick stand, obwohl mein ganzer Körper vor Angst bebte. Ich hatte keine Ahnung, ob ich gerade mein eigenes Todesurteil unterschrieben hatte, aber ich konnte in diesem Moment nicht anders. Er musste einfach wissen, dass er mich vielleicht gefangen halten, mich aber nicht kontrollieren konnte. Ich hielt den Atem an. Jeder Muskel in meinem Körper war extrem angespannt, während ich auf Lukes Reaktion wartete. Ich hatte ein Monster herausgefordert. Einen Mann, der es gewohnt war, dass Menschen vor ihm zitterten und um ihr Leben bettelten. Meine Träne brannte kalt auf meiner Wange, und das dumpfe Hämmern meines Herzens dröhnte mir laut in den Ohren.
Luke bewegte sich nicht. Er saß einfach nur ruhig da, die Finger immer noch entspannt auf der dunklen Tischplatte abgelegt. Seine lila Augen verengten sich minimal, als er mich musterte – wie ein Raubtier, das eine Beute beobachtet, die unerwartet die Zähne zeigt. Es herrschte eine bedrückende, schwere Stille in der modernen Küche. Ich war mir sicher, dass er gleich aufstehen, mich grob packen und für meine Respektlosigkeit bestrafen würde. Meine Handflächen wurden feucht vor Angst.
Doch Luke tat nichts dergleichen.
Stattdessen stahl sich langsam wieder dieses vertraute, dunkle Amüsement in sein Gesicht. Seine Lippen teilten sich zu einem leisen, rauhen Lachen, das die eisige Anspannung im Raum jedoch keineswegs lockerte. Es machte mir fast noch mehr Angst. Er nahm mich nicht einmal ernst. Meine Wut, meine Tränen, meine Verzweiflung – für ihn war das alles offenbar nur pure Unterhaltung.
„Ein Monster?“, wiederholte er meine Worte mit dieser tiefen, samtigen Stimme, die so gar nicht zu dem passte, was er eigentlich war.
Er stand langsam auf. Seine zwei Meter Körpergröße schienen die gesamte Küche augenblicklich zu verschlucken, als er mit ruhigen Schritten um den Tisch herumging. Jeder seiner Schritte auf den Fliesen brachte mich dazu, mich noch tiefer in meinen Stuhl zu pressen. Ich wollte nicht feige zurückweichen, aber mein Instinkt schrie mich lautstark an, wegzulaufen. Luke blieb direkt neben meinem Stuhl stehen. Er beugte sich so tief zu mir herunter, bis sein Gesicht nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt war. Ich konnte den herben Duft von Holz und der winterlichen Kälte riechen, die noch immer an seiner Kleidung haftete.
Er hob eine Hand und strich mir mit der Rückseite seines Zeigefingers überraschend sanft die nasse Tränenspur von der Wange. Seine Haut war warm, doch die Geste fühlte sich an wie eine stumme Drohung.
„Du hast recht, Leo“, raunte er, und sein warmer Atem streifte meine Lippen. „Ich bitte nicht. Ich nehme mir, was ich will. Und im Moment will ich dich.“ Er legte seine große Hand fest an meinen Nacken und zwang mich sanft, ihn anzusehen, sodass ich seinem intensiven Blick nicht ausweichen konnte. „Schrei mich an, hasse mich, nenn mich ein Monster. Solange du mich so ansiehst, mit diesem feurigen Trotz in deinen Augen, ist mir völlig egal, was du über mich denkst. Du bist hier, an meinem Tisch. Du trinkst meinen Tee. Und du wirst mein Haus nicht mehr verlassen. Dein Trotz bricht meine Regeln nicht, er macht es für mich nur noch viel interessanter.“
Er drückte meinen Nacken ganz leicht, bevor er mich losließ und sich wieder aufrichtete. Ein spöttisches Funkeln lag in seinen Augen, als er auf mich herabsah. „Trink deinen Tee aus, bevor er kalt wird, Leo. Wir gehen gleich wieder hoch.“
(Luke)
Ich trat einen Schritt zurück und sah kühl auf ihn herab. Seine blau-grauen Augen brannten immer noch vor dieser hilflosen, wunderschönen Wut, während er die Tasse Chai-Tee umklammerte, als wäre sie ein schützendes Schild. Dass er mich ein Monster genannt hatte, berührte mich nicht im Geringsten. Ich war weiß Gott Schlimmeres gewöhnt. Aber dass er trotz seiner offensichtlichen Angst stolz das Kinn hob und mir die Stirn bot, flößte mir eine seltsame Art von Stolz ein. Er brach nicht so leicht. Mein kleiner Welpe hatte Krallen.
Ich ging langsam um den Küchentisch herum, zog meinen Stuhl zurück und setzte mich wieder hin. Ich lehnte mich entspannt an die Rückenlehne, verschränkte die Arme vor der Brust und fixierte ihn ruhig mit meinen lila Augen. „Trink“, sagte ich leise und gab ihm mit einem leichten Kopfnicken das Zeichen.
Leo starrte mich eine Sekunde lang an, als würde er ablegen, ob er den Tee aus reinem Protest stehen lassen sollte. Doch die Kälte draußen im Schnee saß ihm wohl noch zu tief in den Knochen. Er hob die Tasse an die Lippen und nahm einen kleinen Schluck. Er vermied es tunlichst, mich dabei anzusehen, aber ich spürte seinen aufmerksamen Blick trotzdem auf mir. Jede seiner Bewegungen war vorsichtig, fast schon mechanisch vor Schreck.
Ich schwieg. Das Schweigen war eine meiner mächtigsten Waffen; es zwang die Menschen dazu, in ihren eigenen Ängsten zu ertrinken. Ich beobachtete, wie er den Tee langsam austrank, Schluck für Schluck, bis der Boden der Tasse komplett leer war. Als er sie mit einem leisen Klackern auf dem Tisch abstellte, atmete er tief durch, bereit für das, was als Nächstes kommen würde.
Ich stand auf. Sofort zuckten seine Schultern nach oben, und sein Blick schnellte zu mir. „Komm mit“, befahl ich, drehte mich um und ging voraus in den Flur. Ich musste nicht prüfen, ob er mir folgte. Er hatte keine Wahl, und das wusste er jetzt besser als je zuvor.
Wir nahmen die breite Marmortreppe nach oben in den dritten Stock. Als wir die schwere Eichentür zu seinem Zimmer erreichten, öffnete ich sie und trat beiseite. Er ging hinein, sichtlich erleichtert, wieder in seinem goldenen Käfig zu sein. Doch bevor er die Tür vor meiner Nase schließen konnte, blockierte ich den Rahmen mit meinem massiven Körper. Ich sah in sein blasses, müdes Gesicht. Der Tag hatte ihn viel Energie gekostet.
„Morgen früh wirst du lernen, was es bedeutet, an der Seite des Don zu leben“, sagte ich leise, und mein Blick wanderte über seine braunen Locken. „Du bleibst heute Nacht hier drinnen. Ruh dich aus. Und Leo?“ Ich wartete, bis er mir direkt in die Augen sah. „Vergiss das Fenster nicht. Hades und Nox schlafen heute Nacht direkt darunter.“
Mit diesen Worten zog ich die Tür zu und schloss sie mit einer schnellen Bewegung ab. Das metallische Geräusch des Riegels hallte laut im Flur wider. Er war wieder sicher verwahrt. Mein kostbarster Besitz.
Das erste fahlgraue Licht des Morgens schnitt durch die hohen Fenster der luxuriösen Villa. Ich hatte bereits ausgiebig geduscht, meinen maßgeschneiderten schwarzen Anzug angezogen und stand in der Küche, um den Kaffee aufzusetzen. Das gesamte Haus war vollkommen still. Keine Angestellten, keine Wachen, kein unnötiger Lärm. Ich duldete keine fremden Menschen in meiner Nähe, erst recht nicht jetzt, wo Leo hier war. Meine Geschäfte regelte ich per verschlüsseltem Satellitentelefon oder direkt in der Stadt. Hier draußen, in meinem privaten Refugium, gab es nur mich, meine Wölfe und meinen Gefangenen.
Ich warf einen kurzen Blick auf den großen Kontrollbildschirm an der Küchenwand. Die grünen Linien liefen absolut stabil. Das unsichtbare elektromagnetische Feld, das mein gesamtes, kilometerweites Grundstück umschloss, war voll aktiv. Leo dachte gestern vielleicht, es gäbe keine Zäune, die ihn aufhalten könnten, falls er an Nox vorbeikäme. Ein fataler Irrtum. Er war von einer unsichtbaren Mauer aus purer Energie umgeben.
Ich stellte zwei Teller mit frischem Frühstück und die Kaffeetassen auf ein silbernes Tablett. Dann ging ich die Marmortreppe hoch in den dritten Stock. Als ich die Eichentür aufschloss und leise eintrat, lag Leo noch im Bett. Seine braunen Locken waren völlig zerzaust, und die warme Bettdecke war bis zu seiner Nase hochgezogen. Er schlief nicht mehr; seine blau-grauen Augen schnellten sofort zu mir, als das Schloss geklackt hatte. Er wirkte blass, aber das Zittern vom Vortag war komplett verschwunden. Ich stellte das silberne Tablett ruhig auf dem Nachttisch ab, baute mich in meiner vollen Größe vor seinem Bett auf und sah kühl auf ihn herab. Meine lila Augen fixierten ihn unnachgiebig. „Guten Morgen, Leo“, sagte ich, und meine Stimme dröhnte ruhig im stillen Raum. „Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Dein gestriger Fluchtversuch hat mich dazu veranlasst, dir heute Morgen ein paar technische Details meines Anwesens zu erklären.“
Er setzte sich langsam auf, zog die dicke Bettdecke eng um seine Brust und starrte mich zutiefst misstrauisch an. „Welche Details?“
Ein dünnes, gefährliches Lächeln stahl sich auf meine Lippen. „Du hast gestern nach Zäunen Ausschau gehalten, als du das Fenster geöffnet hast. Du wirst keine finden. Das gesamte Anwesen ist von einem unsichtbaren elektromagnetischen Feld umgeben. Wenn du diese Grenze überschreitest, bekommst du durch dein Halsband extrem schmerzhafte Stromschläge, Leo. Es sei denn, ich erlaube es dir persönlich. Also spar dir die Mühe, auch nur an einen Spaziergang im Wald zu denken.“
Ich reichte ihm seine heiße Kaffeetasse. Er zögerte kurz, nahm sie dann aber mit kühlen Fingern entgegen, ohne den Blick auch nur eine Sekunde von mir abzuwenden. Die Nachricht über das Kraftfeld schien ihn sichtlich zu dämpfen. Seine Ausweglosigkeit war nun endgültig besegelt.
„Trink deinen Kaffee“, raunte ich und strich ihm flüchtig über eine weiche Locke, die ihm wild in die Stirn gefallen war. „Danach ziehen wir dich an. Ich möchte dir den Rest meines Hauses zeigen. Schließlich wirst du den Rest deines Lebens hier verbringen.“
Plötzlich zerriss das schrille Vibrieren meines Satellitentelefons die Stille des Raumes. Leo zuckte erschrocken zusammen. Ich zog das Gerät aus meiner Tasche und blickte auf das Display. Adam. Mein bester Freund und der einzige Mann in meiner Organisation, dem ich mein Leben blind anvertraute. Er rief mich niemals auf dieser speziellen Nummer an, es sei denn, die Hölle war im Begriff auszubrechen.
Ich bedeutete Leo mit einem scharfen, warnenden Blick, den Mund zu halten, und nahm ab. „Rede.“
„Luke, wir haben ein massives Problem im Black Diamond“, Adams Stimme klang ungewohnt angespannt. Im Hintergrund hörte ich das dumpfe Rauschen des Casinobetriebs. „Ein hochrangiger Vize-Boss eines verfeindeten Clans sitzt im VIP-Bereich. Er hat nicht nur zwei unserer Dealer bedroht, sondern behauptet, wir würden die Tische manipulieren. Er hat seine bewaffneten Männer dabei und droht, den Laden mitten im Hauptbetrieb komplett aufzumischen. Die Situation droht völlig zu eskalieren. Du musst herkommen. Sofort.“
„Ich bin in zwanzig Minuten da“, erwiderte ich eiskalt und legte sofort auf.
Ein verfeindeter Clan in meinem Casino. Eine offene Provokation. Mein Blut pulsierte vor eiskalter Wut, aber ich ließ mir nach außen hin nichts anmerken. Ich steckte das Telefon weg und sah zu Leo hinunter, der mich mit großen, aufmerksamen Augen musterte. Er hatte jedes einzelne Wort mitbekommen.
Jetzt stand ich vor einer folgenschweren Entscheidung. Konnte ich ihn hierlassen? Das elektromagnetische Feld und die Wölfe würden ihn zwar daran hindern, das Grundstück zu verlassen, aber ein Verstand wie der meine überließ nichts dem Zufall. Wenn er in meiner Abwesenheit eine Dummheit beging und in das Feld lief, während ich in der Stadt war, könnte er sich verletzen. Er war mein kostbarster Besitz. Ich würde ihn ganz sicher nicht allein lassen.
„Zieh dich an, Leo. Du kommst mit“, befahl ich und ging mit großen Schritten zum Kleiderschrank, um ihm eine dicke Jacke herauszusuchen.
„Was?! Nein! Du hast gestern gesagt, ich darf dieses Haus nicht verlassen!“, protestierte er sofort und wich ein Stück im Bett zurück.
„Du verlässt es auch nicht freiwillig. Du bleibst in meiner Nähe“, raunte ich, packte ihn am Handgelenk und zog ihn sanft, aber unnachgiebig aus dem Bett. „Wir haben einen Notfall im Casino. Und du wirst mir keine Sekunde von der Seite weichen.“
Normalerweise hätte ich für so eine Fahrt meine schwarze Kawasaki genommen, um durch den dichten Verkehr der Stadt zu pflügen. Ein Motorrad bedeutete Schnelligkeit. Aber ich blickte aus dem Fenster auf die verschneite Auffahrt und dann zurück zu Leo. Auf dem Motorrad bei dieser Kälte würde er mir erfrieren, und ich konnte ihn nicht während der Fahrt fixieren. Nein. Wir nahmen den Jeep. Der schwere, mattschwarze Geländewagen hatte genug Power für den Tiefschnee, bot ihm Schutz vor der Kälte und – was noch viel wichtiger war – ich konnte die Kindersicherung der Türen aktivieren, damit er mir nicht während der Fahrt heraussprang.
„Beweg dich“, sagte ich, drückte ihm die dicke Jacke in die Hand und strich im Vorbeigehen kurz über das schwarze Leder seines Halsbandes. „Wenn wir im Casino sind, bleibst du stumm hinter mir. Du wirst heute sehen, wie der Don der Unterwelt wirklich arbeitet.“
Leo stand der Mund offen vor Schock, aber zu meiner Erleichterung begann er schließlich, sich hastig anzuziehen. Knapp zwanzig Minuten später stiegen wir in meinen Jeep und fuhren aus der Tiefgarage direkt in Richtung Casino.