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Kapitel 7 – Die Scherben der Wahrheit

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Kapitel 7 – Die Scherben der Wahrheit

(Leo)

Der mattschwarze Jeep pflügte mit einem dumpfen Grollen durch den tiefen Schnee der Auffahrt. Die Heizung lief zwar auf Hochtouren, aber ich fror immer noch am ganzen Körper. Ich saß starr auf dem Beifahrersitz, hatte die smaragdgrüne Mütze tief ins Gesicht gezogen und meine Beine eng angewinkelt. Ich hatte die Knie bis zur Brust hochgezogen, meine Arme fest darum geschlungen und starrte unverwandt aus dem Seitenfenster auf die vorbeiziehenden, verschneiten Tannen. Die Kindersicherung war drin. Ich war eingesperrt, selbst in diesem fahrenden Panzer.

Luke saß direkt neben mir, seine zwei Meter Körpergröße ließen den Fahrersitz winzig wirken. Seine großen Hände lagen ruhig auf dem Lenkrad. Er wirkte eiskalt, fokussiert und strahlte eine bedrohliche Ruhe aus, die mir den Atem raubte. Er war der Don. Und ich saß direkt neben ihm. Das Schweigen im Wagen war erdrückend. Ich hielt es irgendwann einfach nicht mehr aus.

„Was wirst du mit ihm machen?“, fragte ich leise in den Raum hinein, ohne die Knie loszulassen oder ihn anzusehen.

„Mit wem?“, erwiderte Lukes tiefe Stimme, ruhig und gleichmäßig wie das Summen des Motors.

„Mit diesem Mann im Casino. Dem Vize-Boss“, ich schluckte kurz und sah ihn nun doch von der Seite an. Seine lila Augen spiegelten das matte Licht des Armaturenbretts. „Du hast gesagt, wer deine Regeln bricht, überlebt es normalerweise nicht. Bringst du ihn um?“

Ein schwaches, gefährliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen, aber sein Blick blieb starr auf die Straße gerichtet. „Ein guter Don tötet nicht aus Impuls, Leo. Er tötet aus Notwendigkeit. Der Mann hat mein Territorium missachtet und meine Leute bedroht. Er testet meine Grenzen.“

„Und was passiert, wenn man deine Grenzen testet?“, bohrte ich weiter. Mein Herz klopfte schneller. Ich wollte wissen, wie viel Brutalität in dem Mann steckte, der mir heute Morgen noch Kaffee gebracht und mir sanft durch die Haare gestrichen hatte.

Luke nahm eine Hand vom Lenkrad. Er streckte sie über die Mittelkonsole aus und legte seine warmen Finger kurz an mein Halsband, strich sanft über das schwarze Leder, bevor er meine Hand umfasste, die fest an meinem Knie klammerte. „Dann sorgt man dafür, dass derjenige nie wieder in die Verlegenheit kommt, es noch einmal zu versuchen“, raunte er. Er sah mich für den Bruchteil einer Sekunde an, und dieser intensive, lila Blick brannte sich tief in meine Seele. „Mach dir keine Sorgen um ihn, Leo. Konzentrier dich lieber auf dich selbst. Wenn wir da sind, bleibst du dicht hinter mir. Du sprichst mit niemandem, du siehst niemanden an. Du erinnerst dich an Regel 1.“

Ich zog meine Hand nicht weg. Nicht, weil ich es nicht wollte, sondern weil die Wärme seiner Finger die einzige Konstante in dieser plötzlichen, rasenden Angst war. Ich presste mein Kinn auf meine angewinkelten Knie und sah wieder aus dem Fenster. Wir näherten uns den Lichtern der Stadt. Und mir wurde klar, dass ich gleich eine Seite von Luke sehen würde, vor der es kein Zurück mehr gab.

Der Jeep kam mit einem leisen Quietschen in einer dunklen, abgesperrten Gasse hinter dem Black Diamond zum Stehen. Das grelle Neonlicht des Casinologos spiegelte sich in den Pfützen auf dem nassen Asphalt. Mein Herz hämmerte wie verrückt. Ich ließ meine Beine langsam von der Brust sinken, stellte die Füße auf den Boden und starrte auf die schwere Stahltür des Hintereingangs. Luke stellte den Motor ab. Die plötzliche Stille im Wagen war nervenzerreißend. Er drehte sich zu mir um, seine riesige Statur nahm mir fast die gesamte Sicht nach draußen. Seine lila Augen fixierten mich mit einer Intensität, die mich wie eine Fessel an den Sitz tackerte.

„Die Kapuze bleibt auf, Leo“, raunte er, griff nach vorn und zog mir den Stoff meiner dicken Jacke über den Kopf, sodass meine braunen Locken und die smaragdgrüne Mütze komplett verdeckt waren. Seine Finger strichen dabei fast schon zärtlich über das Halsband unter meinem Kinn. „Du weichst mir nicht von der Seite. Du siehst niemanden an. Wenn mich jemand angreift, bleibst du hinter mir. Verstanden?“

Ich konnte nur stumm nicken. Meine Kehle war wie zugeschnürt.

Er stieg aus, und im nächsten Moment klickte die Zentralverriegelung. Die Beifahrertür wurde von außen geöffnet. Luke packte mich fest am Oberarm und zog mich mit einer Leichtigkeit aus dem Jeep, die mich wieder einmal daran erinnerte, wie unterlegen ich ihm physisch war. Noch bevor wir die Stahltür erreichten, flog sie auf. Ein Mann in einem perfekt sitzenden, grauen Anzug trat heraus. Er hatte kurzes, braunes Haar, grüne Augen und seine karamellfarbene Haut hob sich edel von dem hellen Hemd ab. Mein Atem stockte. Das war Adam. Er war damals mit Luke in meinem Café gewesen.

Als Adam Luke sah, atmete er sichtlich auf. Doch im selben Moment glitt sein Blick an Lukes riesiger Gestalt vorbei und fror augenblicklich ein, als er mich bemerkte. Seine grünen Augen weiteten sich vor blankem Entsetzen. Er wusste natürlich genau, wer ich war. Er sah mich mit einer Mischung aus tiefem Mitleid und Nervosität an.

„Luke…“, sagte Adam mit gedämpfter, dringlicher Stimme, während er einen Schritt auf uns zumachte. „Was macht er hier? Wir haben da drinnen eine tickende Zeitbombe im VIP-Bereich und du schleppst ihn mit?“ Adam schüttelte fassungslos den Kopf und sah mich direkt an. „Leo… es tut mir leid wegen der ganzen Sache. Aber dein Bruder Ben hat uns keine Wahl gelassen. Als er mit dem Geld abgehauen und spurlos verschwunden ist, warst du der Einzige, den er als Ersatz zurücklassen konnte. Das war Bens Deal, nicht Lukes…“

„Adam. Halt dein verdammtes Maul“, unterbrach Luke ihn mit einer Eiskälte, die mir das Blut in den Venen gefrieren ließ.

Aber es war bereits zu spät. Die Worte waren heraus. Sie hingen wie giftiger Rauch in der kalten Luft der Gasse. In meinem Kopf hörte alles auf, sich zu drehen. Ben? Ein Deal? Als Ersatz zurückgelassen?

Ein brutaler, brennender Schmerz schoss mir durch die Brust. Mein eigener Bruder hatte mich an die Mafia verkauft? Er war mit dem Geld abgehauen und hatte mich wissentlich diesem zwei Meter großen Monster überlassen? Ich dachte die ganze Zeit, ich sei das Opfer eines zufälligen, psychopathischen Entführers geworden. Aber ich war bloß eine verpfändete Ware. Verraten von meinem eigenen Fleisch und Blut. Mir wurde so schwindelig, dass meine Beine nachgaben. Wäre Lukes eiserner Griff nicht an meinem Oberarm gewesen, wäre ich wohl direkt auf den nassen Asphalt gestürzt.

„Leo“, raunte Luke tief, und zum ersten Mal schwang eine unterschwellige, gefährliche Anspannung in seiner Stimme mit. Er sah nicht zu Adam. Seine lila Augen waren fest in mein kreidebleiches Gesicht gebohrt. Er merkte sofort, dass Adam sich verquatscht hatte. Dass das Geheimnis keines mehr war.

Adam hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund, als er an Lukes Reaktion und meinem nackten Entsetzen begriff, was er gerade angerichtet hatte. „Du… du wusstest es nicht?“, stammelte Adam und weilte einen Schritt zurück.

Ich brachte kein einziges Wort heraus. Die Tränen schossen mir in die Augen, heiß und unaufhaltsam. Ich starrte Luke an, unfähig zu atmen, während der Mann, der mich gefangenhielt, mich einfach nur stillschweigend festhielt, während meine gesamte Welt in Schutt und Asche sank. Ich stand kurz vor dem Zusammenbruch. Die Luft in meinen Lungen fühlte sich an wie flüssiges Glas, und die Gesichter von Luke und Adam verschwammen vor meinen tränennassen Augen. Mein eigener Bruder. Ben hatte mich verkauft wie ein Stück Vieh, um seine eigene Haut zu retten.

„Leo. Sieh mich an“, Lukes Stimme durchschnitt das ohrenbetäubende Rauschen in meinen Ohren. Sie war nicht laut, aber sie besaß diese unerbittliche, dunkle Autorität, der ich mich physisch nicht entziehen konnte. Als ich nicht reagierte, spürte ich seine riesigen Hände an meinen Schultern. Mit einer Leichtigkeit, die mich erschaudern ließ, drückte er mich rückwärts gegen die kalte Ziegelwand der Gasse. Er baute sich so eng vor mir auf, dass seine zwei Meter Körpergröße mir jede Sicht auf Adam oder die Welt da draußen nahmen. Seine lila Augen brannten sich tief in meine blau-grauen. „Dein Bruder ist ein feiges Stück Dreck, und wir werden ihn finden. Darüber reden wir, sobald wir wieder zu Hause sind“, raunte er, und seine großen Finger schlossen sich fest um meinen Nacken. Der Druck war intensiv, tat aber nicht weh. Er erdete mich mitten in diesem bodenlosen Gefühlschaos. „Aber jetzt gehört deine Aufmerksamkeit mir. Da drinnen wartet ein Mann, der mein Eigentum bedroht. Und du bist mein Eigentum, Leo. Du wirst jetzt tief durchatmen, das Kinn heben und mit mir da reingehen. Niemand sieht dich so schwach. Niemand außer mir.“

Seine Worte waren grausam und besitzergreifend, aber die Sicherheit, die er ausstrahlte, wirkte wie eine eiserne Stütze für mein wackeliges Fundament. Ich schluckte den bitteren Geschmack des Verrats hinunter und nickte schwach. Er wischte mir mit dem Daumen die Tränen von der Wange, zog meine Jackenkapuze wieder tief ins Gesicht und packte mich fest am Arm. Adam ging mit gesenktem Kopf voran. Er zitterte sichtlich vor Angst vor Lukes Zorn, öffnete uns aber wortlos die Türen.

Wir passierten die verglaste Treppe und betraten schließlich die VIP-Lounge. Drinnen saß der untersetzte Vize-Boss des feindlichen Clans auf den Ledersofas und trank Lukes teuren Whiskey, flankiert von seinen vier schwer bewaffneten Bodyguards.

„Na, sieh mal an“, dröhnte die raue Stimme des Mannes, als wir eintraten. Ein schmieriges Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Der Don höchstpersönlich. Und was hast du uns da mitgebracht? Ein neues Spielzeug, Luke?“

Ich spürte, wie sich Lukes Griff um meinen Arm so heftig verstärkte, dass meine Knochen fast knackten. Seine Muskeln spannten sich an wie gezogene Drahtseile. Ich trat instinktiv einen Schritt zurück, tief in seinen riesigen Schatten. Die Luft im Raum fror augenblicklich ein. Luke würdigte den Mann keines Blickes. Er zog mich mit sich, ging direkt auf den großen Mahagoni-Schreibtisch am Ende der Lounge zu und setzte sich in den schweren Ledersessel. Mit einem kurzen, festen Ruck zog er mich an seine Seite, sodass ich direkt neben seiner Stuhllehne stehen bleiben musste, halb verdeckt von seiner Statur.

„Du hast drei Sekunden Zeit, deine Augen von ihm zu nehmen, bevor ich sie dir aus dem Schädel schneiden lasse“, sagte Luke. Seine Stimme war leise. Tödlich leise. Kein Schreien, kein Zorn, nur die eiskalte Feststellung einer Tatsache.

Der Vize-Boss verlor augenblicklich sein schmieriges Lächeln. Er schluckte sichtbar und sah hastig weg, direkt auf Lukes Hände, die flach auf der Schreibtischplatte lagen. Seine vier Bodyguards griffen nervös an ihre Innentaschen, aber niemand wagte es, eine Waffe zu ziehen. Die bloße Präsenz von Luke lähmte den gesamten Raum.

„Wir sind nicht hier, um über meine Begleitung zu sprechen“, fuhr Luke ruhig fort und trommelte langsam mit den Fingern auf dem Holz. „Du bist in mein Casino gekommen. Du hast meine Dealer bedroht. Du hast behauptet, wir würden betrügen. Erzähl mir, Gennaro… warum sollte ich dich heute Abend lebend aus diesem Gebäude gehen lassen?“

Ich stand starr daneben, das Herz klopfte mir bis zum Hals. Der Schock über meinen Bruder saß mir tief in den Knochen, aber die eiskalte, psychopathische Macht, die Luke in diesem Moment verströmte, ließ mir das Blut in den Venen gefrieren. Ich begriff erst jetzt, dass der Mann, der mich in der Villa gefangen hielt, eine Bestie war, die eine ganze Stadt kontrollierte.

(Leo)

Ich trommelte im Rhythmus des Herzschlags dieses fetten Idioten Gennaro auf das dunkle Mahagoniholz meines Schreibtischs. An meiner Flanke spürte ich Leos Präsenz wie eine geladene Waffe. Er stand vollkommen starr da, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, aber ich konnte hören, wie flach und schnell er atmete. Der Verrat seines Bruders arbeitete in ihm. Ich würde Ben dafür finden, dass er mir mein Eigentum beschädigt hatte. Aber erst musste diese Ratte vor mir beseitigt werden.

Gennaro schluckte den letzten Rest seines Whiskeys herunter. Er dachte, weil sein Clan im Süden ein paar Straßen kontrollierte, könnte er in meinem Black Diamond die Regeln diktieren. Ein fataler Irrtum.

„Du glaubst wohl, du bist unantastbar, Luke?“, knurrte Gennaro und stellte das Glas mit einem lauten Klack ab. Seine vier Bodyguards spannten sich an. „Wir wissen beide, dass deine Dealer die Roulette-Tische manipulieren. Mein Boss wird davon erfahren. Es sei denn… wir einigen uns auf eine angemessene Entschädigung.“ Er grinste dreckig. Das war sein Fehler. Er versuchte, mich in meinem eigenen Haus zu erpressen. Aber die Gier machte ihn unvorsichtig. Seine Augen wanderten wieder vom Schreibtisch weg und glitten, getrieben von purer Provokation, direkt zu Leo an meiner Seite. „Oder du überlässt mir den hübschen Jungen dort als Anzahlung. Ich mag lockiges Haar.“

Das war der Moment, in dem Gennaro sein Todesurteil eigenhändig unterschrieb. Niemand sah mein Eigentum an. Niemand sprach so über ihn. Regel Nummer 1 und Regel Nummer 3 waren für die ganze Welt gültig, nicht nur für Leo.

Ich gab kein Signal. Ich veränderte nicht einmal meine Miene. Aber Adam, der lautlos an der Tür stand, kannte mich gut genug. Mit einer fließenden Bewegung zog er seine Waffe mit dem Schalldämpfer und schoss dem ersten Bodyguard direkt zwischen die Augen, noch bevor dieser die Hand in sein Sakko stecken konnte. Der Mann sackte lautlos in sich zusammen.

Gennaro sprang keuchend auf, doch ich war schneller. Meine zwei Meter Körpergröße schnellten über den Schreibtisch. Bevor seine Männer auch nur blinzeln konnten, flog meine Hand nach vorn. Ich packte Gennaros Handgelenk – die Hand mit dem fetten Goldring – und schlug sie mit einer solchen Wucht auf die harte Tischplatte, dass das Holz splitterte und die Knochen seiner Finger mit einem hässlichen, lauten Knacken brachen.

Er jaulte auf wie ein getretener Hund, als ich ihn nach vorn zog, sein Gesicht brutal auf das Mahagoni presste und mein Knie in seinen Rücken rammte. Seine verbliebenen drei Wachen starrten in die Mündungen von Adams Waffe und den zwei Türstehern, die geräuschlos hereingestürzt waren. Sie bewegten sich keinen Millimeter.

„I habe dir gesagt, was passiert, wenn du ihn ansiehst“, raunte ich Gennaro direkt ins Ohr. Meine Stimme war ein tiefes, eiskaltes Grollen. Ich zog ein schmales, messerscharfes Skalpell aus meiner Innentasche. „Wer mein Eigentum begehrt, verliert das Recht auf seine Augen. Oder auf die Hand, die danach greifen will.“

Ich schnitt ohne Zögern. Die Klinge glitt durch die Sehnen seines Handgelenks. Gennaro schrie gurgelnd auf, während das Blut über den Schreibtisch schoss. Ich ließ ihn los und stieß ihn angewidert zurück aufs Sofa, wo er sich wimmernd die verstümmelte Hand hielt. Ich nahm ein Taschentuch, wischte mir seelenruhig die Finger ab und sah endlich zur Seite. Zu Leo.

Er hatte die Hände vor den Mund geschlagen. Seine blau-grauen Augen waren riesig, geweitet vor nacktem, purem Entsetzen. Die Blässe in seinem Gesicht war so extrem, dass er fast transparent wirkte. Er starrte auf das Blut auf dem Schreibtisch, dann zu mir, als wäre ich der leibhaftige Teufel. Seine Knie zitterten so heftig, dass er sich an der Lehne meines Sessels festkrallen musste, um nicht den Halt zu verlieren. Er brachte keinen Laut heraus, aber der pure Schrecken in seinem Blick zeigte mir, dass er jetzt begriffen hatte, was die Mafia wirklich bedeutete. Dass meine Regeln kein Spiel waren.

Ich trat an ihn heran, ignorierte das Winseln des Mannes auf dem Sofa und legte meine saubere Hand fest um Leos Nacken. Ich zwang ihn, das Gesicht von dem Blut wegzudrehen und mich anzusehen. Seine Pupillen waren geweitet, sein Herz raste spürbar gegen meine Handfläche.

„Adam, lass die Reste wegschaffen und schick dem Boss im Süden Gennaros Ring per Post. Als Warnung“, befahl ich, ohne den Blick von Leo abzuwenden. Dann drückte ich Leo sanft, aber unnachgiebig vor mir her in Richtung Ausgang. „Und wir beide gehen jetzt nach Hause, Leo. Du hast heute genug gelernt.“ Ich saß wieder im Jeep, die Beine so fest an die Brust angewinkelt, dass meine Knie schmerzten. Meine Arme hielten mich fest umklammert, als könnte ich dadurch verhindern, dass ich in tausend Teile zerbrach. Ich zitterte unkontrolliert am ganzen Körper. Die smaragdgrüne Mütze hatte ich tief ins Gesicht gezogen, aber das half überhaupt nicht gegen die brutalen Bilder, die sich in meine Netzhaut eingebrannt hatten.

Das Knacken der Knochen. Das Skalpell. Das Blut, das über das Mahagoniholz geschossen war.

In meinem Inneren tobte ein verheerender Krieg. Ich war zu Tode verängstigt. Ich saß neben einer Bestie, die einen Menschen verstümmelt hatte, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Gleichzeitig war da aber dieser absurde, dunkle Funke einer bizarren Faszination, den ich mir selbst nicht verzeihen konnte. Luke hatte diesen fetten Gennaro nicht wegen des Casinos oder des Geldes verstümmelt. Er hatte es getan, weil Gennaro mich als Spielzeug bezeichnet hatte. Er hatte eine Grenze überschritten, die für Luke vollkommen unantastbar war. Luke hatte mich beschützt. Auf eine grausame, psychopathische Weise hatte er sein Versprechen vom Fenster eingelöst: Er hielt mich fest, während die Welt um mich herum im Chaos versank.

Das Grollen des Motors war das einzige Geräusch, während wir die Lichter der Stadt hinter uns ließen und wieder in die dunklen, verschneiten Wälder eintauchten.

„Du bist still, Leo“, durchbrach Lukes tiefe Stimme schließlich die Dunkelheit im Wagen. Er sah nicht zu mir, seine großen Hände lagen wieder ruhig auf dem Lenkrad.

Ich presste mein Kinn härter auf meine Knie. „Du hast ihm die Hand aufgeschlitzt“, flüsterte ich, und meine Stimme klang heiser und brüchig. „Du hast ihn verstümmelt, als wäre er gar kein Mensch.“

„Er war eine Ratte, die vergessen hat, wo ihr Platz ist“, erwiderte Luke eiskalt, aber ohne jeden Zorn. „Er hat mein Eigentum angesehen und begehrt. Ich habe dir gestern gesagt, dass Regel Nummer 1 absolut gilt. Niemand außer mir sieht dich so an.“

Ein bitteres, hysterisches Lachen entwich meiner Kehle, das sofort in ein leises Schluchzen überging. Die Tränen, die ich im Casino mühsam unterdrückt hatte, bahnten sich nun heiß und unaufhaltsam ihren Weg über meine Wangen.

„Eigentum…“, brachte ich brüchig heraus und drehte den Kopf langsam zu ihm. Meine blau-grauen Augen mussten im fahlen Licht des Armaturenbretts schimmern. „Darum ging es also. Mein Bruder Ben… er hat mich wirklich an dich verkauft, oder? Adam hat die Wahrheit gesagt.“

Luke schwieg für ein paar Sekunden. Die Anspannung im Auto stieg ins Unermessliche. Dann nahm er eine Hand vom Lenkrad, streckte sie über die Mittelkonsole und legte seine warmen Finger wieder fest an meinen Nacken. Er drückte ganz leicht zu, ein stummer Befehl, dass ich den Blick nicht von ihm abwenden sollte.

„Ben hatte Schulden bei mir. Gewaltige Schulden“, sagte er ruhig. „Er hat versucht, mich zu hintergehen und ist abgehauen. Aber er wusste ganz genau, dass ich mir hole, was mir zusteht. Er hat dich als Pfand angeboten, um Zeit zu gewinnen. Er dachte, du bist mir genug, um seine Schuld zu begleichen.“

„Und?! Bin ich das?!“, schrie ich fast, während mir die Tränen über das Gesicht liefen. Meine Stimme überschlug sich vor purer Verzweiflung. „Bin ich bloß ein Stück Dreck für dich, das die Schulden meines Bruders abbezahlt?!“

Luke lenkte den Jeep mit einer Hand zielsicher durch die engen Waldwege, während wir die unsichtbare Grenze des elektromagnetischen Feldes passierten. Er bremste den Wagen vor der Villa ab, stellte den Motor aus und löste seinen Gurt. Dann drehte er sich ganz zu mir um. Seine lila Augen brannten sich tief in meine.

„Ben dachte, du wärst eine Währung, Leo“, raunte er, beugte sich über die Mittelkonsole und fasste mit beiden Händen an mein Lederhalsband, sodass er mein Gesicht ganz nah an seines zog. „Aber er hat dich unterschätzt. Und er hat mich unterschätzt. Du bezahlst hier gar nichts ab. Du bleibst hier, weil ich beschlossen habe, dass du ab jetzt an meine Seite gehörst. Dein Bruder ist Vergangenheit. Deine Zukunft liegt in dieser Villa.“

Ich starrte ihn an, unfähig zu atmen. Die Angst vor seiner Brutalität und die berauschende Gewissheit, dass dieses Monster mich um jeden Preis behalten wollte, lähmten mich komplett.

Seine Worte spickten meine Haut wie Eiskristalle. Deine Zukunft liegt in dieser Villa.

Die Erkenntnis, dass er mich niemals wieder gehen lassen würde, entfachte etwas Wildes in mir. Die Panik und die Faszination wurden in Sekundenbruchteilen von purer, verzweifelter Gegenwehr überrannt. Mit einer Wucht, die ich mir selbst niemals zugetraut hätte, hob ich die Arme und schlug seine großen Hände grob von meinem Halsband weg.

„Nein!“, schrie ich ihm entgegen, während die Tränen heiß über meine Wangen brannten. „Das kann ich nicht! Ich habe ein Café, das ich führen muss! Ich habe ein eigenes Leben! Und ich habe Freunde, die es nicht einfach so akzeptieren werden, dass ich weg bin!“

Luke rührte sich nicht. Seine lila Augen verengten sich zu zwei gefährlichen Schlitzen, während seine Hände regungslos in der Luft hingen, wo ich sie weggestoßen hatte. Die Luft im Jeep war so dick, dass man sie hätte schneiden können. Aber ich konnte nicht mehr aufhören. Der Damm war endgültig gebrochen.

„Isabel zum Beispiel!“, stieß ich hervor, und mein Atem überschlug sich. „Isabel wird nach mir suchen! Sie wird nicht eher ruhen, bis sie weiß, wo ich bin! Und ich bin verdammt noch mal nicht bereit dazu zuzusehen, wie du mit ihr das machst, was du gerade eben mit diesem Mann getan hast! Sie ist meine beste Freundin, Luke!“

Bei der Erwähnung ihres Namens veränderte sich etwas in Lukes Zügen. Das eiskalte, psychopathische Amüsement kehrte langsam in sein Gesicht zurück. Ein dünnes, fast spöttisches Lächeln legte sich auf seine Lippen. Er kannte Isabel. Er und Adam hatten sie damals im Café oft genug erlebt, wenn sie hinter der Theke stand. Klein, mit wilden braunen Haaren, tiefbraunen Augen und einer Persönlichkeit, die man getrost als absoluten Problemfall bezeichnen konnte. Sie war laut, impulsiv, steckte ihre Nase in alles und hatte ein loses Mundwerk, das selbst stämmigen Mafia-Bossen Kontra gab.

Luke lehnte sich langsam wieder in seinen Fahrersitz zurück. Er trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad, und das Geräusch klang in meinen Ohren wie das Ticken einer Zeitbombe.

„Isabel…“, wiederholte er ihren Namen leise, als würde er den Geschmack auf der Zunge prüfen. „Die kleine, laute Kellnerin mit dem Hang zur Selbstzerstörung.“ Er drehte den Kopf wieder zu mir. Sein Blick war nicht wütend. Er war viel schlimmer: Er war voller mitleidiger Überlegenheit. „Glaubst du wirklich, dein Café oder diese winzige Person könnten mich aufhalten, Leo?“, fragte er mit dieser tiefen, ruhigen Stimme, die mir eine heftige Gänsehaut über den Rücken jagte. Er beugte sich wieder ein Stück zu mir rüber, ohne mich zu berühren, aber seine reine Präsenz erdrückte mich fast. „Dein Café existiert seit heute Morgen offiziell nicht mehr. Adam hat die Papiere bereits aufgesetzt. Es ist geschlossen, die Verträge sind komplett aufgelöst. Und was deine beste Freundin angeht…“

Er streckte die Hand aus und strich mir trotz meines Widerstands mit dem Zeigefinger über das Kinn, direkt über den Rand des Lederhalsbandes.

„…wenn dieser kleine Problemfall versucht, meine Grenzen zu testen, wird sie sehr schnell lernen, wer die Fäden in dieser Stadt zieht. Ich werde sie nicht verstümmeln, Leo. Ich weiß ja, wie viel sie dir bedeutet. Aber ich werde dafür sorgen, dass sie schlicht vergisst, dass du jemals existiert hast. Niemand stellt sich zwischen mich und mein Eigentum. Nicht einmal eine laute, braunhaarige Kellnerin.“

Er öffnete die Fahrertür, und die eisige Winterluft schlug uns unbarmherzig entgegen. „Steig aus. Wir gehen rein.“

Die Kälte da draußen spürte ich kaum. Die Nachricht, dass mein Café – mein gesamtes Lebenswerk – einfach so wegradiert worden war und dass Luke Isabel wie eine lästige Fliege behandelte, hatte mich innerlich vollkommen betäubt. Ich stieg wortlos aus dem Jeep, ging mit schnellen, wütenden Schritten an ihm vorbei und stürmte durch die massive Eingangstür direkt in die Villa.