Kapitel 8 – Der neue Anker
Kapitel 8 – Der neue Anker
Ich sah mich nicht um. Ich rannte die breite Marmortreppe hoch in den dritten Stock, fast schon stolpernd vor lauter Tränen und blinder Wut. In meinem Zimmer angekommen, warf ich mich herum, packte die schwere Eichentür und knallte sie mit einer solchen Wucht zu, dass die Wände der Villa bebten.
Bamm.
Ich ließ mich mit dem Rücken gegen den harten Holzrahmen sinken, rutschte langsam nach unten, bis ich auf den Knien saß, und vergrub das Gesicht in den Händen. Mein ganzer Körper bebte. Ich war so unendlich wütend auf Ben, auf Luke, auf diese ganze verdammte Welt, die mich in diesen goldenen Käfig gesperrt hatte.
Draußen auf dem Flur blieb es still. Keine schweren, wütenden Schritte. Kein Brüllen. Ein normaler Mann wäre jetzt vielleicht komplett ausgerastet, weil man ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Aber Luke war kein normaler Mann. Er verlor nie die Beherrschung. Und genau das machte mir am meisten Angst.
Nach einer Minute, die sich anfühlte wie eine Ewigkeit, hörte ich das leise, metallische Klicken des Schlüssels auf der anderen Seite. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich drückte mich noch fester gegen das Holz, als könnte ich die Tür mit meinem bloßen Körpergewicht blockieren, obwohl ich ganz genau wusste, dass seine zwei Meter Körpergröße mich einfach beiseite schieben würden. Die Klinke senkte sich. Langsam. Bedächtig.
Die Tür drückte gegen meinen Rücken. Da ich mich nicht bewegte, spürte ich den sanften, aber unaufhaltsamen Druck von außen. Luke wendete keine rohe Gewalt an – er schob die Tür einfach mit einer beängstigenden Leichtigkeit ein paar Zentimeter auf, bis ich gezwungen war, zur Seite zu rutschen, um nicht umgeworfen zu werden.
Er trat herein. Seine lila Augen wirkten in dem gedimmten Licht meines Zimmers fast dunkel, und sein schwarzer Mantel strömte immer noch die eisige Kälte des Winters aus. Er sah nicht wütend aus. Auf seinen Lippen lag dieses unheimliche, leise Lächeln, das er immer hatte, wenn er mich wie ein faszinierendes Spielzeug betrachtete. Er schloss die Tür hinter sich mit einem leisen Klick und blieb direkt vor mir stehen. Seine riesige Gestalt warf einen schweren Schatten über mich, wo ich immer noch auf dem Boden kauerte.
„Türenknallen, Leo?“, raunte seine tiefe, samtige Stimme, und er zog sich langsam die Lederhandschuhe von den Händen. „Sehr dramatisch. Aber du vergisst, dass dieses Holz mir gehört. Genau wie das Schloss. Und genau wie der Junge, der dahinter weint.“
Er ging in die Hocke. Dadurch, dass er sich zu mir herunterbeugte, waren unsere Gesichter plötzlich auf einer Höhe. Er roch nach Schnee, teurem Parfüm und ganz schwach nach dem metallischen Geruch von Blut aus dem Casino. Er streckte die Hand aus, packte mein Kinn mit festem, unnachgiebigem Griff und zwang mich, ihn aus meinen verweinten, blau-grauen Augen anzusehen.
„Du bist sauer. Das verstehe ich“, sagte er leise, und sein Daumen strich fast schon tröstend über meine Lippe, während seine lila Augen meine Seele sezierten. „Aber lass deine Wut nicht an meinen Türen aus. Wenn du schreien willst, schrei mich an. Wenn du jemanden schlagen willst, schlag mich – auch wenn du gestern gelernt hast, dass das Konsequenzen hat. Aber flüchte dich nicht vor mir. Regel Nummer 2 gilt immer noch: Keine Geheimnisse, keine verschlossenen Türen.“ Er lockerte den Griff an meinem Kinn nicht, sondern kam noch ein Stück näher, bis sein Atem meine Stirn wärmte. „Dein altes Leben ist vorbei, Welpe. Je schneller du das akzeptierst, desto leichter wird es für dich. Morgen fangen wir von vorne an. Und jetzt… stehst du auf und gehst ins Bett.“
„Nein“, flüsterte ich, und meine Stimme brach vor lauter unterdrücktem Schmerz. Ich schüttelte den Kopf, so gut es in seinem festen Griff um mein Kinn ging. „Nein, das werde ich nicht.“
Die Tränen brannten nun unaufhaltsam heiß auf meinen Wangen. Luke verstand es einfach nicht. Für ihn war das Café nur ein Haufen Papiere, ein unbedeutendes Geschäft, das er mit einem einzigen Fingerschnippen wegradieren konnte. Aber für mich war es alles gewesen. Nach dem plötzlichen Tod unserer Eltern war dieses Café das Einzige gewesen, was mir Halt gegeben hatte. Es war mein Zufluchtsort. Das allererste Projekt, das ich ganz allein besessen und aufgebaut hatte, um die Bruchstücke meines Lebens nach ihrem Verlust irgendwie wieder zusammenzusetzen. Und er hatte es einfach kaputtgemacht, als wäre es nichts wert. Ich ballte die Fäuste so fest in den Stoff meiner Jacke, dass meine Knöchel schmerzten. Mein ganzer Körper bebte vor Aufgewühltheit.
Luke bewegte sich nicht. Er hockte immer noch vor mir, seine riesige Zwei-Meter-Gestalt schottete mich komplett von der Außenwelt ab. Seine lila Augen fixierten mich sekundenlang starr und ausdruckslos. Das amüsierte, spöttische Lächeln auf seinen Lippen erlosch langsam, als er sah, wie tief dieser Schmerz in mir saß. Ein Don wie er empfand kein echtes Mitleid, aber er analysierte meine emotionale Wunde wie ein Wissenschaftler ein kostbares Forschungsobjekt. Er begriff, dass es hier nicht um bloßen Trotz ging, sondern um ein echtes, tiefes Trauma. Sein Griff an meinem Kinn wurde spürbar sanfter. Er ließ mich nicht los, aber der unnachgiebige Druck wich einer fast schon besitzergreifenden Zärtlichkeit.
„Es war dein Anker, nicht wahr?“, raunte seine tiefe, samtige Stimme, und er kam mir so nah, dass seine Lippen beim Sprechen beinahe meine Wange streiften. Er benutzte keinen Kosenamen, sein Tonfall war auf eine unheimliche Art vollkommen ernst. „Das Erste, was dir ganz allein gehört hat, nachdem deine Eltern starben.“
Ich schluchzte leise auf und wandte den Blick ab, unfähig, dieses lila Leuchten in seinen Augen zu ertragen. Er wusste es. Er las in mir wie in einem offenen Buch.
„Ich habe es nicht kaputtgemacht, Leo“, flüsterte er direkt an meinem Ohr, während seine große, warme Hand an meinen Hinterkopf wanderte und meine braunen Locken sanft nach hinten strich. Seine Berührung spendete mir in diesem eisigen Moment der Trauer unfreiwillig Wärme. „Ich habe es nur beendet. Weil ein kleiner, unbedeutender Laden in einer dreckigen Straße nicht mehr der Ort ist, an den du gehörst. Du brauchst diesen alten Anker nicht mehr, um dich an die Vergangenheit zu klammern.“ Er übte einen leichten, warmen Druck an meinem Nacken aus und zwang mich sanft, aber bestimmend, mein Gesicht an seine breite Schulter zu lehnen. Er umarmte mich nicht wie ein normaler Mensch, aber sein massiver Körper umgab mich wie eine unbezwingbare Schutzmauer.
„Deine Eltern sind tot, dein Bruder hat dich verraten und dein Café existiert nicht mehr“, sagte er mit einer erschreckenden, eiskalten Logik, während seine Hand ruhig auf meinem Rücken lag. „Die Welt da draußen hat dir nichts als Verlust gebracht. Aber hier drinnen? Hier bist du sicher. Ich werde dir ein neues Imperium aufbauen, Leo. Alles, was du dir wünschst, wirst du in dieser Villa bekommen. Aber dein Anker… das bin ab jetzt ich.“
Ich krallte meine Finger instinktiv in den teuren Stoff seines schwarzen Mantels. Ich hasste ihn dafür, dass er mein Leben zerstört hatte, und doch war er in diesem Moment der einzige Mensch auf der Welt, der mich hielt, während ich in meiner Trauer versank.
„Luke…“, flüsterte ich gegen den schweren Stoff seines Mantels, während meine Stimme von den Tränen ganz rau war. Ich drückte mich ganz sachte von seiner breiten Brust weg, gerade so viel, dass ich ihn wieder ansehen konnte. „Könntest… könntest du mir bitte einen Moment Zeit für mich geben? Es ist schon so spät…“ Ich hielt den Atem an und starrte direkt in seine lila Augen. Ich hatte schreckliche Angst, dass er mein Flehen als Rebellion auffassen würde. Nach all dem Blut im Casino, dem Verrat meines Bruders und dem Verlust meines Cafés war mein Kopf so voll, dass ich einfach nur noch atmen musste. Ohne dass er mich fixierte. Ohne dass er mich analysierte. Ich brauchte diese Einsamkeit, um überhaupt zu begreifen, wer ich ab jetzt war.
Luke rührte sich erst nicht. Er hockte immer noch vor mir, seine Hand lag schwer und warm an meinem Nacken. Seine Augen wanderten über mein verweintes Gesicht, suchten nach einem Zeichen von Täuschung oder dem geheimen Wunsch, doch noch eine Flucht zu planen. Er wusste genau, dass ich mit meiner Höhenangst und dem elektromagnetischen Feld draußen im Wald nirgendwohin konnte.
Nach einer quälend langen Sekunde der Stille entspannte sich seine Miene. Ein fast unmerkliches, dunkles Nicken folgte.
„Einverstanden, Leo“, raunte er, und seine Stimme klang überraschend sanft in der Stille des Zimmers. Er ließ meinen Nacken los und erhob sich langsam in seine volle Zwei-Meter-Größe. Er warf einen letzten, besitzergreifenden Blick auf mich herab. „Ich gebe dir deine Zeit. Du hast heute viel verarbeiten müssen. Aber denk an Regel Nummer 2: Versteck dich nicht vor mir, wenn ich morgen früh diese Tür öffne.“
Er drehte sich um, ging mit seinen schweren, ruhigen Schritten zur Eichentür und trat hinaus auf den dunklen Flur. Mit einem leisen Klick zog er die Tür hinter sich ins Schloss, und kurz darauf ertönte das vertraute, metallische Geräusch des Riegels. Er hatte mich wieder eingeschlossen. Er ging in sein eigenes Zimmer, das nur ein paar Türen weiter lag, und ließ mich allein.
Als das Geräusch verhallt war, stieß ich einen zittrigen Atemzug aus. Das Zimmer fühlte sich ohne seine enorme Präsenz plötzlich riesig und kalt an. Ich raffte mich mühsam vom Boden auf. Meine Beine fühlten sich an wie Blei. Mechanisch ging ich ins Badezimmer, wusch mir kaltes Wasser ins Gesicht, um die Tränenspuren zu beseitigen, und zog mir meinen Pyjama an. Mein Blick fiel im Spiegel kurz auf das eng anliegende Lederhalsband an meinem Hals – die unsichtbare Fessel, die mich für immer an Lukes Welt band. Ich schaltete das Licht aus, kroch unter die schwere, warme Daunendecke und starrte an die dunkle Decke des Zimmers.
Bis mir plötzlich einfiel, dass er mir mein Handy gar nicht abgenommen hatte! Ich sprang regelrecht aus dem Bett, stürmte zu meinen Sachen und wühlte hektisch in meiner Hosentasche. Und da war es tatsächlich: mein Handy. Ich entsperrte hastig den Bildschirm und wählte Isabels Nummer. Wenn ich Glück hatte, war sie noch nicht betrunken, bekifft oder machte mit irgendeinem Typen rum. Es klingelte. Ich lief rasch zurück ins Bett und betete inständig, dass sie abnahm.
Da meldete sich eine vertraute Stimme am anderen Ende: „Oh mein Gott, Leo! Ich habe bei dir daheim vorbeigeschaut, aber du warst nicht da! Und der Laden wurde zum Verkauf freigegeben… Natürlich habe ich ihn gekauft! Ich weiß doch, wie viel er dir bedeutet. Aber kannst du mir mal erklären, was verdammt noch mal bei dir los ist?! Wo bist du?“
Ich konnte nicht anders, ich musste bei dieser gewohnten Vertrautheit einfach laut auflachen. Mir wurde ganz warm ums Herz, als ich hörte, dass mein Café nicht verloren war, sondern nun meiner besten Freundin gehörte. Ich wusste im ersten Moment gar nicht, was ich sagen sollte, doch dann sprudelte einfach alles aus mir heraus: dass mein Bruder mich quasi verkauft hatte, dass ich entführt worden war, dass das Haus so riesig war, dass über tausend Menschen reinpassten, dass der mysteriöse, heiße Typ in Wirklichkeit ein Mafia-Boss und Psychopath war, dass er fünf ziemlich süße Wölfe besaß, von meiner Flucht, dem Halsband und den heutigen Geschehnissen im Casino.
Isabel unterbrach mich kein einziges Mal. Sie hörte mir nur still zu und machte an den passenden Stellen schockierte Laute. Als ich endlich fertig war, räusperte sie sich. „Ich weiß, dass du das jetzt wahrscheinlich nicht hören willst… aber du kennst mich, ich bin ehrlich. Also für mich hört es sich so an, als wärst du in diesen Typen verknallt. Und nicht nur ein wenig. Es ist, als wärt ihr beiden mitten in einer Dark-Romance-Fantasy.“
Ich musste unwillkürlich grinsen. Sie hatte schon irgendwie recht. Ich seufzte schwer. „Es ist einfach so verflucht kompliziert. Ich weiß nicht, was ich fühle. Immer wenn er da ist, schlägt mein Herz schneller, meine Handflächen werden nass und mein Gehirn schaltet sich komplett ab. Andererseits macht er mich so wütend. Ich habe ihn geschlagen, hörst du? Geschlagen und angeschrien! Das Schlimmste ist, dass er ruhig bleibt. Er schreit nicht, er schlägt nicht zurück. Er bleibt so verdammt ruhig, und ich weiß nicht, wieso mir das so große Angst macht. Und ich finde es irgendwie anziehend, wenn er mir dann so nahe kommt, mir über das Gesicht streicht und mich so ansieht, als würde er mich am liebsten gleich entkleiden.“
Isabel kicherte amüsiert. „Uh, du bist anscheinend noch schwerer verliebt, als ich dachte.“
Ich ließ meinen Kopf stöhnend in die Kissen fallen. „Warum ich? Was habe ich getan, um das zu verdienen?“
Isabel lachte leise. „Womit? Na damit, dass du immer so nett und süß bist.“
Ich schmunzelte. „Du bist besoffen, stimmt's?“
„Bestätigt!“, gluckste Isabel fröhlich.
Ich seufzte kopfschüttelnd. „Trink nicht Hugo und vape zur gleichen Zeit. Du weißt doch, dass du davon schreckliche Kopfschmerzen kriegst.“
Sie kicherte nur noch mehr. „Wenn du wüsstest, mit wem ich gerade rumgemacht habe…“
Ich verdrehte die Augen. „Wenn du jetzt Bela sagst, schwöre ich, ich bringe dich um.“
Isabel gluckste nur noch lauter.
„Ich lege mal lieber auf“, sagte ich leise. „Nicht, dass Luke noch was mitkriegt.“
„Gute Nacht, Süßer“, antwortete Isabel. Ich legte auf, versteckte das Handy sicher in meiner Nachttischschublade und schlief kurz darauf erschöpft ein.
(Luke)
Der nächste Morgen brach an, und der dichte Nebel des Winters hing tief über den Tannen meines Anwesens. Ich hatte die Nacht in meinem eigenen Bett verbracht, doch meine Gedanken waren kaum zur Ruhe gekommen. Leo. Sein Schmerz über das Café, der Verrat seines Bruders – er nahm viel mehr Raum in meinem Kopf ein, als es ein Gefangener jemals tun sollte. Aber er war eben kein gewöhnlicher Gefangener. Er war mein Welpe.
Ich ging in die Küche und bereitete das Frühstück vor. Rührei, frische Brötchen, dunkler Kaffee. Ich verzichtete diesmal auf das silberne Tablett und trug die Teller und Tassen direkt in meinen großen Händen nach oben in den dritten Stock.
Als ich den Schlüssel im Schloss der Eichentür drehte, ertönte das vertraute, metallische Klicken. Ich drückte die Tür geschickt mit dem Ellbogen auf, trat ein und schloss sie leise hinter mir mit dem Fuß.
Im Zimmer war es noch dämmrig. Leo lag tief vergraben unter der schweren Daunendecke. Seine braunen Locken schauten wild hervor, und er schlief so tief, dass er mein Eintreten gar nicht bemerkte. Ich stellte das Essen auf dem kleinen Tisch am Fenster ab und ging leise auf sein Bett zu. Meine zwei Meter Körpergröße warfen einen langen Schatten über ihn. Er sah so friedlich aus. Unschuldig. Niemand würde vermuten, dass dieser Junge mir gestern noch gedroht und meine Hände weggestoßen hatte.
Ich setzte mich langsam auf die Bettkante. Das Holz knarzte leise unter meinem Gewicht, und Leo bewegte sich kurz im Schlaf. Ich beugte mich tief zu ihm hinunter. Meine lila Augen fixierten sein Gesicht, während ich eine Hand ausstreckte und ihm vorsichtig die Decke bis zur Schulter hinunterzog. Das schwarze Lederhalsband kam zum Vorschein, ein perfekter Kontrast zu seiner hellen Haut.
Um ihn zu wecken, rief ich nicht seinen Namen. Ich beugte mich so nah an sein Ohr, dass meine Lippen fast seine Haut berührten, und atmete langsam aus. Dann legte ich meine Hand flach auf seine Brust, spürte das sofortige Beschleunigen seines Herzschlags unter meiner Handfläche und raunte mit tiefer, ruhiger Stimme:
„Wach auf, Leo.“