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Kapitel 9 – Das seidene Netz

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Kapitel 9 – Das seidene Netz

Seine blau-grauen Augen schnellten sofort auf. Er zuckte heftig zusammen, und das nackte Entsetzen schoss für einen Bruchteil einer Sekunde in seinen Blick, bevor er mich erkannte. Er atmete schwer, starrte mich an und wich instinktiv ein Stück ins Kissen zurück.

„Du… du bist schon da“, stammelte er, und seine voice war noch ganz rau vom Schlaf. Sein Blick flitzte für einen winzigen Moment nervös in Richtung der Nachttischschublade. Nur ein Wimpernschlag, aber mein Verstand registrierte es sofort. Die Schublade. Hatte er dort etwas versteckt? Ich ließ mir nach außen hin absolut nichts anmerken, behielt es aber im Hinterkopf.

„Ich habe dir Frühstück gebracht“, sagte ich ruhig, nahm die Hand von seiner Brust und strich ihm stattdessen flüchtig über eine weiche Locke, die ihm in die Stirn gefallen war. „Raus aus dem Bett. Wir müssen reden.“

Er setzte sich langsam auf und zog die Decke wieder enger um sich. „Worüber reden?“

Ich erhob mich in meine volle Größe und ging zum Tisch am Fenster, um die Kaffeetassen zu holen. „Über deinen Bruder Ben. Adam hat die ganze Nacht damit verbracht, seine Spur zu verfolgen. Er hat das Land nicht verlassen, Leo. Er versteckt sich hier in der Stadt. Und ich werde ihn finden.“ Ich drehte mich um und reichte ihm die Kaffeetasse. Seine Finger zitterten ganz leicht, als er sie entgegennahm. „Und noch etwas“, fuhr ich fort, und ein dünnes, gefährliches Lächeln stahl sich auf meine Lippen, während meine lila Augen in seine Seele blickten. „Adam hat mir heute Morgen berichtet, dass dein Café einen neuen Käufer gefunden hat. Jemand hat es in den späten Abendstunden blitzschnell aufgekauft, bevor meine Papiere zur endgültigen Schließung durch waren. Weißt du zufällig, wer so lebensmüde ist, sich in meine Geschäfte einzumischen, Leo?“

Ich beobachtete sein Gesicht ganz genau. Jede kleinste Regung. Ich wollte sehen, ob er wusste, wer dahintersteckte.

(Leo)

Mein Herz setzte einen heftigen Schlag aus. Jemand hatte das Café gekauft. Isabel hatte es wirklich getan! Ein wilder Funke der Erleichterung schoss mir durch die Brust, doch im selben Moment legte sich eine eiskalte Schlinge um meine Kehle.

Weißt du zufällig, wer so lebensmüde ist, sich in meine Geschäfte einzumischen, Leo?

Lukes tiefe Stimme vibrierte im Raum. Er stand in seiner vollen Zwei-Meter-Größe vor mir, die Kaffeetasse in der Hand, und seine lila Augen bohrten sich förmlich in mein Gesicht. Er las in mir wie in einem offenen Buch – das wusste ich inzwischen. Wenn ich jetzt log, würde er es sofort merken. Aber wenn ich ihm Isabels Namen nannte, lieferte ich meine beste Freundin direkt dem Teufel aus.

„Ich… ich habe keine Ahnung“, stammelte ich und zwang meine Finger, die heiße Kaffeetasse fester zu umschließen, um das Zittern zu verbergen. Ich wich seinem Blick aus und starrte starr auf den dunklen Kaffee. „Ich bin hier eingesperrt, Luke. Woher soll ich wissen, wer da draußen Immobilien kauft?“

Es war eine logische Antwort. Eigentlich. Aber ich merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Stille im Zimmer wurde schlagartig so drückend, dass mir das Atmen schwerfiel. Ich riskierte einen Blick nach oben. Luke hatte sich kein Stück bewegt. Das dünne, gefährliche Lächeln war von seinen Lippen verschwunden. Seine lila Augen waren leicht verengt, eiskalt und vollkommen fixiert auf mein Gesicht. Er war ein Don, der feine Mikrobewegungen und die kleinste Veränderung meines Herzschlags sofort registrierte. Er wusste, dass ich log. Oder zumindest, dass ich ihm etwas verschwieg.

Und noch schlimmer: Mein panischer Blick zur Nachttischschublade von vorhin schien immer noch in seinem Kopf zu arbeiten. Er tat etwas, das mich innerlich komplett erstarren ließ. Er stellte seine Kaffeetasse extrem langsam auf dem Nachttisch ab – genau neben der Schublade, in der mein Handy lag. Das leise Klack des Porzellans klang in meinen Foren wie das Laden einer Waffe.

Er setzte sich wieder zu mir auf die Bettkante. Die Matratze gab unter seinem enormen Gewicht nach, und er drängte mich allein durch seine physische Präsenz ein Stück zurück in die Kissen. Er streckte eine große Hand aus, legte seine warmen Finger fest an mein Kinn und zwang mich sanft, aber unnachgiebig, ihn anzusehen.

„Du bist ein miserabler Lügner, Leo“, raunte er, und seine Stimme war so leise, dass sie mir eine extreme Gänsehaut über den Nacken jagte. Er drückte mein Kinn ganz leicht, gerade so fest, dass ich nicht wegsehen konnte. „Dein Puls rast. Deine Pupillen weiten sich. Du weißt ganz genau, wer diesen Laden gekauft hat.“

Ich presste die Lippen zusammen und starrte ihn trotzig, aber mit nackter Angst in den Augen an. „Selbst wenn ich es wüsste, würde ich es dir nicht sagen.“

Lukes Augen blitzten gefährlich auf, doch er schlug nicht zu, er schrie nicht. Er blieb so verdammt ruhig, genau wie Isabel es gestern am Telefon prophezeit hatte. Und genau diese emotionale Kälte machte mir am meisten Angst. Er strich mit dem Daumen über meine Unterlippe, fast schon zärtlich, während er eine eiskalte Warnung aussprach. „Ich werde es ohnehin herausfinden, Leo. Adam braucht höchstens ein paar Stunden, um die Kontodaten des Käufers zurückzuverfolgen. Und wenn ich herausfinde, dass diese kleine, laute Kellnerin Isabel ihre Nase in meine Angelegenheiten gesteckt hat…“

Er ließ mein Kinn los, erhob sich langsam wieder und sah von oben herab auf mich. Sein Blick wanderte ganz kurz, fast beiläufig, zur Nachttischschublade, bevor er mich wieder fixierte. Er hatte den Verdacht, dass ich irgendwie kontakt nach draußen hatte, aber er wollte seine Karten noch nicht offenlegen. Er wollte mich zappeln lassen.

„Iss dein Frühstück“, befahl er ruhig und trat einen Schritt zurück. „Ich muss ein paar Telefonate führen. Ich lasse die Tür heute offen, damit du dich im Haus bewegen kannst. Aber denk an das elektromagnetische Feld draußen. Und denk an Regel Nummer 2: Wenn ich herausfinde, dass du ein Geheimnis vor mir hast, wird die Strafe dieses Mal nicht aufgehoben.“

Er drehte sich um und verließ das Zimmer, ohne die Tür abzuschließen. Er ließ sie einen Spalt breit offen. Er gab mir absichtlich Freiraum, weil er ganz genau wusste, dass ein gefangener Vogel, der sich unbeobachtet fühlt, irgendwann zu seinem Versteck fliegt. Er wartete nur darauf, dass ich einen Fehler machte und mein Handy aus der Schublade holte.

Mein Herz hämmerte so heftig gegen meine Rippen, dass ich dachte, es springt mir gleich aus der Brust. Ich starrte auf die einen Spalt breit offene Zimmertür. Die Stille der Villa wirkte plötzlich wie eine Falle. Luke testete mich. Er gab mir absichtlich Freiraum, um zu sehen, ob ich eine Dummheit beging. Einen kurzen Moment lang überlegte ich tatsächlich, einfach die Treppe hinunterzurennen, mich vor diesen zwei Meter großen Mafia-Boss zu stellen und ihm die Wahrheit zu sagen. „Isabel hat das Café gekauft, bitte tu ihr nichts.“ Aber mein Gehirn schaltete sich gerade noch rechtzeitig wieder ein. Wenn ich Luke alles erzählte, würde er sofort wissen, dass ich Kontakt nach draußen hatte. Er würde mein Handy suchen, es finden und Isabel wäre erst recht in Gefahr. Einem Don liefert man seine beste Freundin nicht auf dem Silbertablett aus.

Ich musste Isabel warnen. Jetzt. Bevor Adam die Kontodaten zurückverfolgte.

Ich sprang lautlos aus dem Bett, schlich zur Nachttischschublade und zog sie zentimeterweise auf, damit sie kein Geräusch machte. Ich griff nach meinem Handy. Meine Hände zitterten so heftig, dass ich es fast fallengelassen hätte. Ich entsperrte den Bildschirm, öffnete unseren Chat und tippte mit rasenden Fingern eine Nachricht:

„Luke weiß, dass das Café gekauft wurde! Adam sucht nach den Kontodaten. Ändere sofort den Namen auf den wichtigen Unterlagen für den Laden! Benutze deinen Spitznamen Isa oder Isi, damit sie die Spur nicht direkt zu dir führt! Bitte sei vorsichtig!“

Ich drückte auf Senden. Sobald das kleine Häkchen auf dem Display auftauchte und signalisierte, dass die Textnachricht durchgegangen war, reagierte ich rein aus einem tief sitzenden Überlebensinstinkt heraus. Meine Finger bewegten sich fast schon mechanisch. Ich tippte hektisch auf die gesendete Nachricht und wählte im Menü sofort die Funktion „Für mich löschen“. Im Bruchteil einer Sekunde verschwand der verräterische Text von meinem Bildschirm. Doch das war noch nicht genug. Ich wechselte mit fliegenden Fingern in die Telefon-App meines Smartphones und löschte rigoros die komplette Anrufliste vom gestrigen Abend. Jeder einzelne Eintrag wurde ausradiert. Wenn Luke dieses verdammte Handy jemals in die Finger bekäme, durfte er hier drinnen nicht den geringsten Hinweis finden.

Jetzt brauchte ich blitzschnell ein neues Versteck. Die hölzerne Nachttischschublade war endgültig verbrannt; er hatte meinen panischen Blick vorhin beim Kaffeetrinken ganz genau registriert. Mein Verstand raste, während ich mich gehetzt im Zimmer umsah. Das riesige Himmelbett? Nein, viel zu offensichtlich. Der begehbare Kleiderschrank? Dort schaute er garantiert als Erstes nach, wenn er meine Sachen durchsuchte. Mein Blick blieb schließlich an der schweren, voluminösen Daunendecke hängen. Sie lag immer noch zerwühlt und achtlos auf dem Dielenboden, genau dort, wo ich sie vorhin im ersten Zorn hingeworfen hatte. Ich kniete mich daneben und bemerkte, dass am unteren Rand des Bezugs der verdeckte Reißverschluss ein kleines Stück offen stand. Perfekt. Ich schlüpfte mit der Hand hinein, schob das flache Smartphone tief in den Bezug hinein, mitten in die dicken, weichen Entendaunen, und zog den Reißverschluss anschließend komplett zu. Ich schüttelte die Decke einmal kurz auf, bis der Stoff wieder perfekt lag. Niemand würde eine Daunendecke Zentimeter für Zentimeter abtasten, um ein Mobiltelefon zu finden.

Ich atmete einmal tief und zittrig durch, strich die Falten aus meiner Kleidung und ging festen Schrittes zur Zimmertür. Wenn ich jetzt hier drinnen wie ein verängstigtes Tier hocken blieb, musste das auf einen Mann wie ihn extrem verdächtig wirken. Ich drückte die schwere Eichentür ganz auf und trat hinaus auf den riesigen, prachtvollen Flur des dritten Stocks. Die gesamte Villa war totenstill, fast schon unheimlich. Aber die offen stehende Tür war meine Einladung gewesen, mich endlich umzusehen. Ich beschloss, die breite Marmortreppe hinunterzugehen. Ich musste einfach wissen, wo Luke steckte, was er am Telefon mit Adam besprach und ob ich vielleicht einen Hinweis darauf finden konnte, wie nahe sie meinem Bruder Ben schon auf der Spur waren.

Ich schlich auf Socken über den dicken, weichen Läufer des Flurs, um nicht das leiseste Geräusch zu verursachen. Als ich den oberen Rand der breiten Marmortreppe erreichte, hielt ich kurz inne. Das Geländer bestand aus schwerem, kunstvoll verziertem dunklem Holz. Ich machte mich so klein wie möglich, kniete mich auf die oberste Stufe und spähte vorsichtig durch die hölzernen Streben nach unten in die riesige, sterile Eingangshalle. Die Villa wirkte in ihrer Einsamkeit wie eine verlassene, düstere Kathedrale.

Doch dann durchbrach etwas die Stille. Es war das dumpfe, tiefe Vibrieren von Lukes Stimme. Er stand unten in der Halle, unweit der massiven Eingangstür, das schwarze Satellitentelefon fest an das Ohr gepresst. Seine zwei Meter Körpergröße wirkten aus dieser Perspektive von oben noch massiver, noch erdrückender. Das schwarze Hemd spannte sich gefährlich über den breiten Schultern, während er langsam auf und ab ging.

„…ich will keine Ausreden hören, Adam“, raunte Luke. Seine Stimme war beängstigend ruhig, aber die eiskalte Härte darin ließ mir augenblicklich eine heftige Gänsehaut über die Arme jagen. „Wenn Ben in der Stadt untergetaucht ist, dann hat er seine alten Kontakte genutzt. Überprüf jedes einzelne seiner Verstecke. Die Lagerhäuser am Hafen, die Wohnungen seiner Ex-Freundinnen. Jede einzelne Adresse, ohne Ausnahme.“

Ich hielt den Atem an und presste mein Gesicht noch ein Stück fester an das kühle Holzgeländer. Sie jagten Ben wirklich, und sie würden nicht aufhören, bis sie ihn hatten.

„Und was ist mit dem Café?“, hörte ich Adams Stimme ganz schwach und blechern aus dem Hörer krächzen.

Luke tat ein paar Schritte, und das leise Knarzen des Leders seiner teuren Schuhe hallte auf den Fliesen wider. „Die Kontodaten waren verschlüsselt, sagst du? Ein Strohmann-Konto aus dem Ausland? Faszinierend. Jemand hat sich verdammt viel Mühe gegeben, seine Identität zu verschleiern. Die Papiere laufen auf ein Kürzel… Isa oder Isi.“

Mein Herz setzte einen heftigen Schlag aus. Mein Magen krampfte sich in dieser Sekunde so heftig zusammen, dass mir fluchtartig schlecht wurde. Isabel. Sie hatte meinen Rat befolgt, aber Luke und Adam waren ihr trotzdem schon dicht auf der Spur. Das Kürzel reichte zwar noch nicht für ihren vollen Namen, aber es war viel zu nah dran.

„Finde heraus, wer hinter diesem Namen steckt“, befahl Luke eiskalt und ohne jede Spur von Gefühl. „Wer auch immer es ist, er riskiert sein Leben für eine völlig wertlose Immobilie. Sobald du den Namen hast, bringen wir die Person her. Ich will wissen, woher sie das Geld und die Informationen hatte. Wenn sie mit Ben unter einer Decke steckt, stirbt sie.“

Ein leises, geschocktes Keuchen entwich meiner Kehle. Erschrocken schlug ich mir sofort beide Hände vor den Mund, doch es war bereits zu spät. In der Sekunde, in der das winzige Geräusch die drückende Stille der Halle durchschnitt, brach Luke mitten im Satz ab. Er drehte den Kopf nicht ruckartig nach oben. Ein Mann wie er erschrak nicht durch solche Kleinigkeiten. Er bewegte sich stattdessen mit einer langsamen, raubtierhaften Präzision. Seine lila Augen wanderten die Stufen der Marmortreppe hinauf, bis sie exakt die Lücke im Geländer fixierten, hinter der ich kauerte. Er sah mich direkt an.

„Ich rufe dich gleich zurück“, sagte er leise in den Hörer, legte auf und steckte das Telefon ruhig in die Hosentasche.

Er schwieg. Er starrte mich einfach nur schweigend an, während er mit langsamen, kontrollierten Schritten auf die Treppe zuging. Jeder einzelne seiner Tritte auf den Marmorstufen klang in meinen Ohren wie der unaufhaltsame Countdown zu meiner eigenen Hinrichtung. Ich wollte aufspringen, zurück in mein Zimmer rennen und mich tief unter der Daunendecke verstecken, aber meine Beine waren wie festgefroren. Die nackte Angst lähmte mich komplett.

Luke erreichte den oberen Absatz der Treppe. Er baute sich direkt vor mir auf, warf seinen riesigen, dunklen Schatten über meinen zitternden Körper und blickte schweigend von oben auf mich herab. Auf seinen Lippen lag kein wütendes Knurren. Da war wieder dieses hauchdünne, amüsierte Lächeln, das mir das Blut in den Venen gefrieren ließ.

Er ging langsam vor mir in die Hocke, bis unsere Gesichter auf exakter Augenhöhe waren. Er roch intensiv nach dunklem Kaffee und reiner Gefahr. Er streckte die große Hand aus, vergrub seine langen Finger in meinen braunen Locken und zog meinen Kopf sanft, aber bestimmt ein Stück nach hinten, sodass ich ihn ansehen musste.

„Lauschen gehört definitiv nicht zu meinen Regeln, Leo“, raunte seine tiefe, samtige Stimme direkt vor meinem Gesicht. Seine lila Augen glänzten gefährlich, als er meinen panischen Blick regelrecht sezierte. „Aber dein Puls rast ja schon wieder wie verrückt. Du hast genau gehört, worüber ich gesprochen habe, nicht wahr? Du hast das Wort Isa gehört.“ Er strich mit dem Daumen langsam über meine Wange, hinunter zu dem engen Lederhalsband an meiner Kehle, und übte einen ganz leichten, warnenden Druck aus. „Du zitterst am ganzen Körper. Warum hast du solche extreme Angst um diese Person, wenn du angeblich gar nicht weißt, wer das Café gekauft hat? Hm? Willst du mir jetzt die reine Wahrheit sagen, mein kleiner Welpe, oder soll ich Adam anrufen und ihm befehlen, die Suche zu beschleunigen?“

Mein Blick rutschte unwillkürlich von seinen lila Augen hinunter zu seinen Lippen. Sie waren so unglaublich nah. Seine Hand lag immer noch fest an meinem Nacken, und der warme Druck erinnerte mich in jeder Sekunde daran, dass ich ihm vollkommen ausgeliefert war. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, aber die nackte Angst um Isabel verwandelte sich plötzlich in puren, trotzigen Überlebensinstinkt. Ich durfte jetzt unter gar keinen Umständen einknicken. Ich zwang mich, das Kinn ein Stück zu heben, obwohl meine Stimme merklich zitterte.

„Ist das ein Verhör?“, fragte ich leise, während ich versuchte, so fest und ablenkend wie möglich zu klingen. „Du hast doch selbst vorhin gesagt, dass ich mich im Haus frei bewegen darf. Oder gilt das jetzt auch schon nicht mehr?“

Luke rührte sich nicht. Seine Finger blieben fest in meinen braunen Locken vergraben, und er musterte mich mit einer unheimlichen, nervenaufreibenden Ruhe. Mein plötzlicher Versuch, den Spieß umzudrehen und ihn an seine eigenen Worte zu erinnern, schien ihn kein bisschen aus dem Konzept zu bringen. Ein Don der Mafia ließ sich nicht von seinem Gefangenen belehren. Doch anstatt wütend zu werden, zog sich sein hauchdünnes Lächeln wieder ein Stück breiter über seine Lippen. Es war dieses spöttische, gefährliche Lächeln, das er immer dann hatte, wenn er meinen Trotz amüsant fand. Er liebte es einfach, wenn ich mich wehrte. Es machte das Spiel für ihn nur noch viel interessanter.

„Ein Verhör?“, wiederholte er meine Worte mit seiner tiefen, samtigen Stimme, und sein warmer Atem streifte meine Lippen. Er kam mir noch ein paar Millimeter näher, bis sich unsere Nasenspitzen fast berührten. „Nein, Welpe. Wenn ich dich verhören würde, säßest du längst gefesselt im Keller und hättest ganz andere Sorgen als diese kleine Kellnerin.“ Er lockerte den Griff an meinem Nacken ein wenig, wanderte mit den Fingern aber langsam über meine Wange hinunter zu meinem Halsband. Er spannte das schwarze Leder ganz leicht an, gerade genug, um mir zu zeigen, wer hier die absolute Macht besaß. „Ich habe dir erlaubt, dich im Haus zu bewegen, das ist richtig. Aber ich habe dir nicht erlaubt, meine Telefonate zu belauschen. Und ich habe dir vor allem nicht erlaubt, mich anzulügen. Du versuchst gerade, mich abzulenken.“