Unsere Magie täuscht uns nicht
Unsere Magie täuscht uns nicht
Als Harry die Augen aufschlug, brauchte er einen Moment, bis er realisierte, was geschehen war. Panisch setzte er sich auf, blickte auf seine Hände, die er sehen konnte und fuhr damit über sein Gesicht und den Körper. Er war wieder in seinem Körper! Er konnte sich bewegen! Er konnte atmen! Er konnte …
„Harry!“ Miriam stand in der Tür, einen Kaffee in der Hand, den sie schnell auf dem Tisch in der Ecke abstellte. Sie setzte sich auf die Bettkante und sah ihn aufmerksam an. „Wie fühlst du dich?“
„Gut …“ Okay, das hörte sich nicht wirklich gut an. Er räusperte sich. Miriam griff nach einem Glas auf dem kleinen Beistelltisch und füllte es mit Wasser. Harry nahm ein paar gierige Schlucke. Das fühlte sich himmlisch an! „Wie lange bin ich hier?“, fragte er, als er seiner Stimme traute.
„Insgesamt fünf Wochen.“
„Fünf Wochen? Wie … wie lange hatte Lockhardt mich in seiner Gewalt?“ Er zuckte zusammen. „Lockhardt! Ihr müsst Lockhardt suchen und ihn verhaften, bevor er noch mehr …“
„Beruhige dich, Harry. Lockhardt wurde vorgestern verhaftet.“ Miriam schob Harry zurück in die Kissen.
„Aber wie …?“
„Weißt du was? Ich hole jetzt mal den Heiler, damit er dich untersucht und dann besorge ich dir was zu essen. Und wenn du brav bist, erzähle ich dir, was in der Zwischenzeit alles geschehen ist.“ Sie grinste ihn an.
„In Ordnung“, gab Harry klein bei. „Aber ich will einen guten Cappuccino und einen Muffin! Und ein Mandelhörnchen. Kannst du mir das bei Cassy besorgen?“
Miriam grinste. „Mach ich. Sonst noch was?“
„Ja, richte ihr einen Gruß von Jim aus.“
Miriam hob eine Augenbraue und nickte, bevor sie sich auf die Suche nach einem Heiler machte.
Harrys Kopf schwirrte. Miriam hatte ihm erzählt, was geschehen war. Wie Miles Malfoy herbeordert hatte und der von diesem Moment an kaum von Harrys Seite gewichen war. Wie er es geschafft hatte, den Fluch zu analysieren und sie damit auf die Familie Selwyn und auf Lockhardt gestoßen waren. Wie sie vor drei Tagen Lockhardt in einem der Anwesen der Familie Selwyn, die sie überwacht hatten, hatten festnehmen können. Und nicht zuletzt, wie Malfoy es geschafft hatte, einen Gegenfluch zu finden, mit dem er Harry gerettet hatte.
Harry war nicht allzu überrascht. Er hatte ja irgendwie gewusst, dass Malfoy da gewesen war. Immerhin hatte er alles daran gesetzt, ihm mit seiner Magie zu vermitteln, was bei ihm los war. Mit Erstaunen hatte er hören müssen, wie sich die schmerzhafte Behandlung von Lockhardt auf seinen Körper ausgewirkt hatte und dass Malfoy die fremde Präsenz hatte wahrnehmen können.
„Ohne Draco wäre das nicht möglich gewesen“, fasste Miriam zusammen.
„Draco?“ Harry hob eine Augenbraue.
„Wir sind alle ein bisschen zusammengewachsen in der Zeit, weißt du.“ Miriam kniff die Lippen zusammen und Harry griff nach ihrer Hand.
„Tut mir leid, dass ihr so eine schwere Zeit hattet.“
Sie nahm ihn in die Arme. „Ich bin einfach nur froh, dass du wieder bei uns bist.“
Harry nickte. „Oh ja, das bin ich auch.“
Draco saß in seinem Büro und versuchte des Chaos, das sich in den letzten Wochen hier angesammelt hatte, Herr zu werden, als es an der Tür klopfte. „Herein.“
Er stockte, als er sah, wer im Türrahmen stand. Es war Potter.
„Potter.“
„Hallo Malfoy“, sagte Potter und er klang wirklich sehr unsicher. „Ich bin heute den ersten Tag wieder hier und wollte mich bedanken. Für alles, was du getan hast.“
Draco nickte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Alle dummen Bemerkungen, die ihm üblicherweise einfielen, sobald er Potter so unverhofft gegenüberstand, waren sogar in seinen Augen in diesem Moment absolut unpassend. Aber wie ging man mit einer Person um, die man hasste, die man begehrt hatte, wie noch niemanden sonst, die man vermisste und deren Leben man gerettet hatte?
„Vor allem bin ich froh, dass ich durch dich nicht zu einem Monster wurde“, fuhr Potter mit leiser Stimme fort, da er mit der Stille offenbar nicht viel anfangen konnte. Als Draco immer noch nichts erwiderte, stieß Potter sich vom Türrahmen ab. „Das wollte ich nur sagen.“ Und damit war er verschwunden.
Draco blickte auf die verschlossene Tür. Er fühlte sich leer. Irgendwie war es einfacher gewesen mit diesem bewusstlosen Potter. Das, was zwischen ihnen geschehen war, hatte keine Rolle gespielt in diesem Krankenzimmer. Er hatte Potters Magie gespürt … und es war gut gewesen. Natürlich war er froh, dass es gelungen war. Dass Potter wieder Herr seiner Sinne war und sie nicht der Gefahr ausgesetzt waren, sich mit einem Wahnsinnigen mit Potters magischen Potential herumschlagen zu müssen. Aber jetzt musste er wieder mit dem echten Potter klarkommen. Dem Mann, vor dem er gekniet hatte, der ihn gefesselt und geknebelt hatte, der ihn zu einem weinenden, sabbernden und bettelnden Körper gemacht hatte. Wie sollte das gehen, ohne dass er vor Scham im Erdboden versank? Wie sollte er je wieder eine normale Konversation mit diesem Mann führen? Nicht, dass er das bisher je gemacht hatte, aber ... Draco schnaubte. Er drehte sich im Kreis und als er auf die Uhr sah, wurde ihm bewusst, dass er gar keine Zeit mehr für unsinnige Überlegungen hatte.
Miles hatte ihm die Uhrzeit der Sitzung genannt und Draco hatte sich natürlich gefügt. Vielleicht war es doch gut gewesen, dass Potter vorab schonmal bei ihm reingeschaut hatte. Auch wenn damit nichts wirklich geklärt war. Miles wurde nicht fertig damit, Draco zu loben. Seine Expertise, seinen Einsatz, sein Engagement, seine reaktionsschnelle Handlung, seinen Mut … Draco wurde mit jeder Lobeshymne kleiner in seinem Sitz. Er hätte nie gedacht, dass Lob ihn einmal beschämen würde. Als dann auch noch der Minister hereinkam und ihm einen Orden ansteckte, als alle ihm applaudierten und er gar nicht mehr wusste, wohin mit sich, da fiel sein Blick auf Potter. Auch Potter klatschte, aber sein Blick lag mit einer Intensität auf Draco, dass er kaum wegschauen konnte. Und mit einem Mal glaubte er, Jim in diesem Blick wieder zu erkennen und für einen Moment konnte er so tun, als wäre das gar nicht Potter, sondern Jim. Jim, der ihm sagte, dass er es gut gemacht hatte. Und es war das Lob von Jim, das schließlich ein scheues Lächeln auf Dracos Gesicht zauberte.
„Danke …“, sagte er mit rauer Stimme. „Ich … ich denke, das ganze Team hat diesen Orden verdient.“
„Ach, nicht so bescheiden, Mr. Malfoy“, widersprach Shacklebolt. „Ich gebe Ihnen recht, dass hier alle hervorragende Arbeit geleistet haben. Aber ohne Sie wäre diese Sache ganz anders ausgegangen. Nehmen Sie den Orden mit Stolz an. Sie haben ihn sich verdient.“
Draco nickte, drückte noch einmal die Hand des Ministers und sah zu, dass er sich wieder an seinen Platz setzte. Erst dann erfuhr er endlich, wie die Verhaftung von Lockhardt abgelaufen war und was dieser in den anschließenden Verhören als Motiv genannt hatte. Im Nachhinein war es nicht so überraschend, dass sein Plan gewesen war, einen Zauberer oder eine Hexe in seine mentale Gewalt zu bringen, um diese dann schreckliche Verbrechen verüben zu lassen und dann als der Retter in der Not zu erscheinen, um an den Ruhm längst vergangener Tage anzuknüpfen.
„Ein durch und durch wahnsinniger Plan“, sagte Miriam leise. Potter neben ihr war sehr blass geworden. Bestimmt hatte er bereits gewusst, was Lockhardt geplant hatte, aber sich nochmals im Ganzen vor Augen zu führen, was alles hätte geschehen können, konnte einem schon ein mulmiges Gefühl bescheren. Vor allem, wenn man die Person war, die so viel Leid über die Menschen gebracht hätte – bewusst oder nicht. Draco verstand Potter und als der den Kopf hob und ihre Blicke sich trafen, sah er nicht weg. Es war ihre einzigartige Verbindung gewesen, die es möglich gemacht hatte, die Katastrophe zu verhindern. Niemandem außer Potter war das bewusst und niemand würde es je erfahren. Ein kleines Lächeln legte sich auf Dracos Lippen, als er Potter zunickte und als Potters Gesicht sich daraufhin zu einem strahlenden Lächeln verzog, war Draco sich gar nicht mehr so sicher, ob er Potter wirklich aus seinem Leben streichen wollte.
Harry hatte lange gezögert, ob er das tun sollte. Aber schließlich hatte er sich gedacht, dass er nichts zu verlieren hatte. Und so hatte er Malfoy am Nachmittag ein Memo geschickt auf dem nicht mehr stand als. „Heute, 21.00 Uhr. Jim.“
Würde Malfoy kommen? Ihr Blickwechsel heute hatte Harry ermutigt und vielleicht war es für Malfoy leichter, wenn nicht Harry Potter vor ihm stand, sondern Jim. War das ein dummer Gedanke? Er wusste es nicht, aber nun saß er hier, an der Bar im Shadows , und würde einfach abwarten, was geschah. Er war sich jedenfalls sicher, dass er diesen Versuch machen musste. Es war auf alle Fälle einfacher, als Malfoy zu fragen, ob die Sache zwischen Jim und Daniel noch eine Zukunft hatte. Wenn Malfoy heute nicht kam, dann hatte er eine eindeutige Antwort. Wenn er kam … Nun dann würde man sehen.
Noch zehn Minuten bis 21.00 Uhr. Harry trank einen Schluck seines Cocktails. Er war heute recht unauffällig gekleidet. Nicht das schwarze Shirts und Hosen grundsätzliche sehr auffällig waren. Aber davon abgesehen, dass sein Körper in den letzten Wochen stark an Muskelmasse abgebaut hatte, wollte er Malfoy signalisieren, dass es für ihn auch völlig okay war, wenn sie nur redeten. Tatsächlich wusste er nicht einmal, ob er es fertigbringen würde, so mit Malfoy … oder Daniel … umzugehen, wie er es von Anfang an getan hatte.
Zwanzig Minuten später wurde Harry klar, dass Malfoy nicht kommen würde. Vielleicht war es auch zu übergriffig gewesen, ihn einfach so her zu zitieren. Sie waren nicht mehr Jim und Daniel. Sie waren weder Freunde, noch hatten sie bisher bewusst als Harry Potter und Draco Malfoy Sex miteinander gehabt. Harry spürte, wie Traurigkeit in ihm aufstieg. Das, was er als Jim mit Daniel geteilt hatte, war einzigartig gewesen. Bestimmt gab es auch andere Männer, die auf so etwas standen, aber Harry wusste, dass er jeden davon mit Daniel vergleichen würde. War es vielleicht ihrer Magie geschuldet gewesen, dass es gleich so gut zwischen ihnen gepasst hatte? Etwas, das er grundsätzlich ausgeschlossen hätte, wenn es um Malfoy ging. Aber seit dieser seltsamen Zeit unter dem Fluch wusste er, dass er Malfoys Magie erkannte und sie sich für ihn gut anfühlte.
Er nahm den letzten Schluck von seinem Getränk und war eben aufgestanden, als die Tür sich öffnete und Daniel das Shadows betrat.
Draco hatte seit heute Nachmittag, als dieser unmögliche Zettel auf seinem Schreibtisch eingetrudelt war, im Minutentakt seine Meinung geändert. Um 20 Uhr hatte er endgültig beschlossen, dass es eine Unverschämtheit von Potter war, ein Treffen in diesem Kontext überhaupt vorzuschlagen. Er hatte sich ein Buch geschnappt und so getan, als würde er darin lesen.
Fünf Minuten vor 21 Uhr war er aufgesprungen und hatte begonnen, sich umzuziehen. Dafür hatte er drei Anläufe gebraucht, weil das eine Outfit ihm zu bedürftig erschien, das nächste dann doch wieder zu förmlich und das dritte hatte er dann einfach angelassen, weil es irgendwie ja auch egal war. Und als er dann festgestellt hatte, dass es fast viertel nach neun war, als er vor dem Shadows landete, schimpfte er sich einen Idioten. Bestimmt war Potter schon vor zehn Minuten gegangen.
Aber er war nicht gegangen. Noch nicht. Es schien, als hätte Draco ihn gerade noch so abgefangen. Sie sahen sich an und eine so starke Sehnsucht erfasste Draco, dass es weh tat. Aber das dort war nicht Jim. Nicht nur. Es war in erster Linie Potter, der so aussah wie Jim. Der aber immer schon Jim gewesen war. Er setzte sich in Bewegung und Potter glitt wieder auf den Barhocker. „Du bist gekommen“, sagte er leise. Draco schob sich neben ihn und nickte. „Um ehrlich zu sein, hatte ich es nicht geplant.“
Harry spürte Malfoys Unsicherheit. Jetzt, wo er wusste, dass Malfoy vor ihm saß, fragte er sich, wie er ihn nicht hatte erkennen können. Ja, die Züge waren weicher, Augen und Haare dunkler. Aber die Stimme hätte er doch erkennen müssen! Fakt war, dass Malfoy bis vor kurzem nie ein normales Gespräch mit Harry geführt hatte. Stets hatte er Harry nur beleidigt und das mit seiner vor Arroganz triefenden, schnarrenden Aristokratenstimme.
„Und dennoch bist du hier.“
Malfoy sah ihn an und Harry spürte, dass auch er plötzlich erkannte, was er schon immer hätte erkennen können. Und dann sagte er etwas, dass er Malfoy nie zugetraut hatte und das vielleicht auch in diesem Moment Daniel sagte und nicht Malfoy. „Ich hab dich vermisst.“
Harry lehnte sich ein Stück vor, nur ein kleines bisschen, aber es genügte offenbar als Einladung, denn Malfoy kam ihm entgegen und sie fanden sich in einem Kuss, der irgendwie alle Fragen und alle Antworten obsolet machte. Es war egal, wie sie sich nannten und wie sie aussahen. Das, was sie hier miteinander gehabt hatten, war echt gewesen. Sie hatten sich nichts vorgemacht und dieser Kuss war der Beweis dafür. Als sie sich voneinander lösten, zog Harry Malfoy näher zu sich, bis er mit seinen Lippen direkt an dessen Ohr war. „Ich werde dir ewig dankbar sein, dass du mir dein Vertrauen geschenkt hast. Es ist für mich eine Ehre, dass du mir die Macht über deinen Körper überlassen hast. Und glaube nicht, dass das jemals selbstverständlich für mich war … oder sein wird.“
Er spürte, wie Malfoy erschauerte und dann schluckte.
„Wir müssen nicht heute entscheiden, ob wir das hier weiterführen wollen. Wir müssen überhaupt gar nie irgendwas für die Ewigkeit entscheiden. Wir können das jeden Tag neu bewerten. Ich will nur, dass du das weißt. Es gibt nichts, wofür du dich schämen musst oder was dir unangenehm sein muss. Weder als Daniel noch als …“ Harry zögerte, fuhr aber dann fort, „…Draco.“
Draco hatte mit geschlossenen Augen Potters Worten gelauscht, seine Stirn auf dessen Schulter abgelegt, Potters Hand in seinem Nacken. Er fühlte sich so schrecklich geborgen in dieser Haltung, in Potters Gegenwart und seinem Griff, der keine Sekunde lang grob war, nur beschützend. Es tat Draco gut, was Potter da sagte, denn es traf genau den Kern des Problems. Und ja, Potter hatte recht. Sie waren niemanden Rechenschaft schuldig und konnten Tag für Tag neu entscheiden, wer sie sein wollten. Aber als Potter mit einem Mal seinen Namen sagte, zuckte er doch zurück.
Potter löste den Griff und suchte Dracos Blick. Draco wusste nicht, was er sagen oder tun sollte.
„Als ich von diesem Fluch eingenommen war, konnte ich meinen Körper nicht spüren. Ich habe nur Lockhardts Stimme in meinem Kopf gespürt und dich. Deine Magie. Und ich wusste, wenn irgendjemand es schafft, mich da raus zu holen, dann bist du das. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass du meine Magie auch gespürt hast. Dass du verstanden hast, was ich dir vermitteln wollte.“
Draco nickte, als Potter ihn fragend ansah. Dann legte Potter zärtlich seine Hand an Dracos Kinn und fuhr sanft mit dem Daumen über dessen Lippen, bevor er sie küsste. Lächelnd sah er Draco an. „Unsere Magie täuscht uns nicht, Draco. Vielleicht haben wir uns eingebildet, dass ein Harry Potter und ein Draco Malfoy niemals Freunde sein können. Vielleicht hat es die Verwandlung in Jim und Daniel gebraucht. Ich für meinen Teil würde den Draco Malfoy gerne kennen lernen, der bei Cassy Latte Macchiato und Schokoeclairs bestellt, der sich nicht zu schade ist, vier Wochen seiner Zeit mit der Rettung seiner Nemesis zu verbringen und der es geschafft hat, dass die ganze Aurorenabteilung sich in einen Draco- Fanclub verwandelt hat.“
Draco schmunzelte. „Du vergisst, dass der Grund für diesen Fanclub ist, dass ich ihnen ihren Helden zurückgebracht habe.“
„Ich bin kein Held“, widersprach Potter. „Bin es nie gewesen.“ Er suchte Dracos Blick. „Wie sieht es aus? Bist du vielleicht ein kleines bisschen neugierig auf den Nicht-Helden Harry Potter? Auf den Typen, der sich nicht richtig die Haare kämmen kann, der an keinem Schoko-Muffin vorbeikommt und der irgendwie Daniel und Draco schon nicht mehr voneinander trennen kann?“
Draco blickte in die bronzefarbenen Augen, die ihn von Anfang an so fasziniert hatten. Aber es war nicht die Farbe, es war der Blick. Dieser Blick, der nur ihn sah – und in diesem Moment war er Draco, obwohl er aussah wie Daniel. Aber Draco wusste, dass Potter recht hatte. Jetzt, mit dem Wissen, wen er vor sich hatte, war das Aussehen zweitrangig. Er spürte Potters Magie so deutlich, dass er sich fragte, wie er das jemals für etwas hatte halten können, das einen Muggel umgab. Diese Magie war der Hauptgrund gewesen, warum Draco Jim so schnell vertraut hatte, warum er zugelassen hatte, dass dieser Mann ihn unterwarf, ohne dass es sich nach Unterwerfung anfühlte. Und mit einem Mal war alles Schamgefühl verflogen. Potter hatte recht: Er musste sich nicht schämen. Genauso wenig wie Potter sich dafür schämte, dass die dominante Rolle ihm den richtigen Kick gab. Es war nichts Falsches dabei.
„Würdest du mich ficken, Harry?“, fragte er daher nun mit etwas Verspätung. Es war vielleicht nicht ganz die Reaktion, mit der Potter gerechnet hatte, aber sie verfehlte ihre Wirkung nicht. Potter sah ihn mit offenem Mund an.
„Bist … bist du dir sicher? Also nicht, dass ich nicht will, aber …“
„Also wenn ich gewusst hätte, dass du zum stammelnden Idioten wirst, sobald ich dich Harry nenne …“ Weiter kam Draco nicht, denn Harry stand auf und zog ihn mit einem Ruck an sich. Seine Stimme war dunkel und rau, als er antwortete: „Ich glaube, der Idiot wird der gleich mal zeigen, in wie vielen verschiedenen Stellungen er dich ficken will.“
Draco stöhnte und war sehr zufrieden. Er hatte schon immer gewusst, dass seine Provokationen irgendwann ihren Zweck erfüllen würden.
„Guten Morgen Daniel.“
„Hallo Cassy. Machst du mir bitte einen Latte Macchiato und einen Cappuccino? Und ich nehme einen Schoko-Muffin und ein Eclair – mit Schokolade.“
Cassy hob eine Augenbraue. „Also entweder bist du heute überhaupt nicht entscheidungsfreudig, oder …“ Ihr Blick fiel zur Tür, die sich in diesem Moment öffnete und sie lächelte breit. „Dachte ich es mir doch.“ Schmunzelnd machte sie sich daran, die Bestellung vorzubereiten.
Draco hatte sich ebenfalls zur Tür umgedreht.
„Bin ich zu spät?“, fragte Harry und ging auf Draco zu, um ihn zur Begrüßung zu küssen. Draco glaubte, ein leises Quietschen aus Richtung der Kaffeemaschine gehört zu haben, das nichts mit der Zubereitung von Kaffee zu tun hatte. Er grinste in den Kuss.
„Nein“, erwiderte er. „Ich hab eben erst bestellt.“
Harry ließ sich neben Draco auf einen der Hocker am Tresen fallen. „Gut. Miles hat mich aufgehalten.“
Cassy brachte die Getränke und das bestellte Gebäck und blieb dann mit verschränkten Armen stehen. „Das glaub ich jetzt nicht! Mir fehlt wirklich die Fantasie, wie das jetzt so schnell gehen konnte mit euch.“
Harry und Draco grinsten sich an. Es war natürlich klar, dass Cassy die Fantasie dafür fehlen musste. Aber sie hatten sich bereits im Vorfeld auf eine Version geeinigt, die für Cassys Vorstellung durchaus passend war, ohne die Tatsachen komplett zu verdrehen.
„Naja“, begann Harry und griff nach Dracos Hand. „Es hat sich herausgestellt, dass wir einander schon eine ganze Weile kennen, bisher aber immer …“ „… den näheren Kontakt aufgrund falscher Vorurteile vermieden haben“, ergänzte Draco. „Erst als Jim dann mein Patient wurde, haben wir uns ausgesprochen.“
„Aber du hattest nach einem anderen Jim gefragt“, erinnerte Cassy sich.
„Ja, das stimmt. Ich war irgendwie völlig auf dem Holzweg. Diesen Jim …“ er warf Harry einen Blick zu. „… kenne ich wirklich in einem ganz anderen Kontext.“ Harry grinste und packte Dracos Oberschenkel fest, was Carry auf ihrer Seite des Tresens nicht sehen konnte. Draco wusste, was das hieß. Harry würde ihn im richtigen Kontext an dieses Gespräch erinnern. Er konnte nur mit Mühe ein vorfreudiges Schaudern unterdrücken.
Als er dann zu Harry hinübersah, der gerade in seinen Muffin biss, fragte er sich manchmal, wie ein Mensch so viele Facetten haben konnte. Harry, der sich jetzt unbeholfen, die Schokolade von den Fingern leckte, der privat durchaus öfter mal durch seine Schusseligkeit auffiel und sich abends in ihrem Bett in Dracos Arme schmiegte war derselbe Mann wie Jim, unter dem Draco um Gnade winselte, der Draco mit nur einem Blick in seine Schranken weisen konnte und der die perversesten und geilsten Ideen hatte, die man sich nur ausdenken konnte.
Und Draco durfte sie beide haben. Hatte gelernt, dass er beide lieben konnte und musste, wenn er den einen lieben wollte. Es war einfacher gewesen, als er gedacht hatte. Und sie waren sich einig gewesen, dass Jim und Daniel durchaus noch ihre Daseinsberechtigung hatten. Harry konnte auch zuhause durchaus seine dominante Art einfließen lassen und Draco mochte es auch dort, wenn er ihn hart rannahm. Aber wenn sie spielten, dann nur als Jim und Daniel. Das waren ihre Rollen und sie genossen es beide.
„Wasch isch“, nuschelte Harry, der den Rest seines Muffins eben in den Mund geschoben hatte und irritiert war von Dracos Blick, der bei diesen Überlegungen sehr intensiv auf ihm gelegen hatte. Er schluckte den Bissen herunter. „Hab ich was im Gesicht?“
Draco lachte. „Nein, mein Schöner. Mir ist nur gerade wieder mal eingefallen, dass ich alles an dir liebe.“
Harry lächelte verschämt. Es war einfach süß, wie schlecht er mit Komplimenten umgehen konnte. Dann beugte er sich vor und gab Draco einen Kuss. „Das kann ich nur zurückgeben.“
Cassy strahlte. Wenn das kein Happy End war, dann wusste sie auch nicht.
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Ihr Lieben!
Ihr habt mich wirklich sehr mit euren tollen Reviews verwöhnt! Vielen Dank!
Ich muss sagen, dass ich ein bisschen stolz auf mich bin, mal eine Geschichte in kompakt zu erzählen, auch wenn es wieder einen Bösewicht geben musste. Es war tatsächlich das erste Mal, dass die Geschichte komplett fertig war, bevor ich das erste Kapitel hochgeladen habe. Das nimmt mir auf der einen Seite den Druck und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich etwas fokussierter bin, als wenn ich "liefern muss". Da verzettle ich mich dann doch gerne mal und muss mir dann wieder Lösungen für Probleme ausdenken, die ich mir selbst eingebrockt habe.
Jedenfalls hat diese kleine Geschichte mir sehr viel Spaß gemacht!
Ich habe in letzter Zeit viele (vor allem meine eigenen) alte Geschichten gelesen und ich habe unglaublich viel Lust, wieder eine Geschichte zu schreiben. Es wird bestimmt wieder was von mir geben. Wann, kann ich gerade gar nicht sagen. Aber ich bin sehr froh, dass die Freude am Schreiben zurück ist und ihr mich wieder begleitet.
Danke!
LG Luna