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Alexandra

Черные Глаза 2 - Unter Dem Maßanzug — www.fanfiktion.de · All chapters

Alexandra

⚠️ Triggerwarnung / Disclaimer

Bitte achtet gut auf euch, bevor ihr diese Geschichte lest. Sie enthält Themen, die belastend oder retraumatisierend wirken können. Dazu gehören unter anderem psychische Gewalt, derbe Sprache, Krieg, körperliche Gewalt, Übergriffigkeit und sexueller Missbrauch.

Diese Themen sind Teil der Geschichte und werden nicht leichtfertig behandelt. Trotzdem kann das Lesen entsprechender Szenen für manche Menschen sehr schwer sein.

Wenn ihr merkt, dass euch diese Inhalte zu sehr belasten, dann legt die Geschichte bitte zur Seite – ihr müsst sie nicht lesen und ihr müsst euch auch nichts „zumuten“. Eure eigene mentale Gesundheit und euer Wohlbefinden gehen immer vor.

Passt auf euch auf und lest nur weiter, wenn ihr euch damit wohlfühlt.

Freitag, 28. November

Die Luft im Großraumbüro der zweitklassigen Zeitarbeitsfirma roch nach abgestandener Raumluft, billigem Filterkaffee und einer seltsamen, fast greifbaren Nervosität, die wohl jeden Arbeitsplatz durchdrang, an dem Menschen tagein, tagaus ihre Zeit gegen viel zu niedrige Gehaltsabrechnungen eintauschten. Ich stand im Schatten des schmalen Korridors, der zum hinteren Eingang führte, und hatte meine Schultern leicht gegen die kühle Wand gepresst. Durchatmen. Irgendwie würde ich das hinkriegen. Wie immer. Flexibilität war eine meiner größten Stärken. Eigentlich war mein offizieller Dienstantritt erst für den kommenden Montag angesetzt. Doch die unruhigen Nächte, das dumpfe, nagende Gefühl der erzwungenen Untätigkeit und die Tatsache, dass mir die Decke in meiner bisher spartanisch eingerichteten Wohnung auf den Kopf fiel, hatten mich bereits an diesem Freitagmorgen hierhergetrieben.

Ich wollte mir ein Bild machen, musste den Laden sondieren, bevor das offizielle Spiel begann und ich darin eingebunden wurde. Hatte ich dazu überhaupt eine Chance? Nicht, dass es mich kümmerte, ob man mich mochte oder nicht. Es war mir schlicht egal. Schließlich war ich nicht hier, um mir Freunde zu machen, sondern nur um meine Existenz zu rechtfertigen. Sowieso würde ich mich mental nie wirklich in dieser grauen Welt zurechtfinden. Und das sah man mir an. Mit meinem Meter dreiundneunzig und der Statur, die mir jahrelanger, unerbittlicher Dienst als Elitekämpfer eingebracht hatte, fühlte ich mich in diesem zivilen Umfeld ohnehin wie ein Fremdkörper. Der maßgeschneiderte Anzug, ebenfalls eine Verschwendung an diesem depressiven Ort, spannte schon wieder leicht an den Oberarmen – ein ständiger, physischer Reminder daran, wer ich war und was ich hinter mir gelassen hatte. Zeugenschutz. Und jetzt? Dmitrij Mitrochin. Ein Name wie ein stumpfes Werkzeug, grau und leblos, ausgehändigt von Männern in fensterlosen Büros, die mir ein neues Leben auf dem Papier verordnet hatten. Doch ein Name änderte nichts an den Muskeln, den Nerven, dem Körper, der jahrelang auf Präzision getrimmt waren, nichts an meinen Reflexen und vor allen Dingen nichts an meiner ständigen leisen Wachsamkeit in meinem Kopf. Wie lange musste ich eigentlich noch kaschieren, dass ich kein Schreibtischtäter war? Wie lange musste ich noch mit dieser Tarnkappe leben?

Dabei war ich ein paar Tage zuvor dabei, mich für eine Person etwas zu sichtbar zu machen. Der Nachtpförtner des Bürogebäudes, ein älterer Herr der für Mindestlohn arbeitete, sah mich etwas skeptisch an, als ich mich als den neuen Niederlassungsleiter der Firma Traporal vorstellte und ihn bat, mir Zutritt zu verschaffen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch keinen Schlüssel, hielt ihm meinen Arbeitsvertrag und einen druckfrisch aussehenden Fünfzig-Euro-Schein unter die Nase. Wenige Minuten später stand ich im Büro meines Vorgängers und kopierte mir den Inhalt des grauen Leitz-Ordners, in dem die Personalakten der aktuell beschäftigten Personen abgelegt waren. Keine halbe Stunde später war ich wieder weg. Niemand hatte je erfahren, dass ich hier war. Niemand, außer der Pförtner und der Becher Kaffee, den er mir dienstbeflissen aus dem Automaten zog.

Den Rest der Nacht verbrachte ich damit, die Personalakten zu studieren. Eine reine Routineangelegenheit, um die Namen und Gesichter der neuen Untergebenen zu sortieren. Und eine Präventivmaßnahme, um das Terrain auszukundschaften. Ich musste potenzielle Risiken identifizieren oder eventuelle Störenfriede ausmachen, noch bevor ich eine einzige Silbe mit diesen Leuten sprach. Doch mitten im Aktenberg war ich hängen geblieben. Irgendwo zwischen nüchternen Tabellen, Zeugnissen und Beurteilungen. Ein einziger Name hatte mich wie ein elektrischer Schlag getroffen: Below. Alexandra Below. Ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits eine halbe Flasche Cognac intus gehabt, schwer atmend in meinem Sessel gesessen und kurz geglaubt, der Alkohol spiele mir einen Streich oder ich hätte mich schlichtweg verlesen. Below? Oder Belov? Mein eigener Nachname, oder das, was davon übrig geblieben war. Ein Name, den ich begraben zu haben glaubte, verbunden mit einer Vergangenheit, die ebenso unter die Erde gebracht wurde. An Zufälle im Leben glaubte ich schon lange nicht mehr. Jeder Schatten, jede Namensgleichheit konnte eine Bedrohung sein, ein unschönes Echo aus jenen Tagen, als man mich in den Zeugenschutz gezwungen hatte. Mein Blick war an dieser Personalakte hängen geblieben und seitdem hatte sich in meiner Brust ein unangenehmes kaltes Ziehen ausgebreitet. Wollte man mich testen? Hatte man diese Frau gezielt platziert? Es hatte mich völlig durcheinandergebracht, eine unwirkliche, fast schmerzhafte Verwirrung in mir ausgelöst, die sich tief in meinen Magen gefressen hatte.

Und nun stand ich hier in der Disposition dieses Unternehmens. Ein schlichtes Büro, besetzt von drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Aber keine von ihnen hatte mich kommen gehört. Der Flur war still gewesen, ich hatte den hinteren der beiden Büroeingänge genommen. Kein feierlicher Empfang, keine peinliche Begrüßungsrunde – genau so, wie ich es bevorzugte. Ich wollte die Dynamik im Raum studieren, bevor man mich bemerkte. Doch statt professioneller Stille empfing mich ein akustischer Frontalangriff, der mich mitten im Schritt erstarren ließ.

Die Belegschaft war vollzählig, aber eine ungehemmte atemlose Stimme schnitt durch die Luft und verteilte Breitseiten, die selbst bei einigen Jungs aus meiner Einheit für hochgezogene Augenbrauen gesorgt hätten. Eine der Angestellten, eine Frau mit dunkler glänzender Mähne, die sich völlig in Rage geredet hatte, saß an ihrem Platz gestikulierte wild und schien jede Vorsicht über Bord geworfen zu haben. Ich hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wartete ab. Unwillkürlich spannte sich mein Körper an, meine Hemdsärmel wurden augenblicklich an den Schultern ein wenig zu eng. Mit meinen dunklen Augen fixierte ich den Hinterkopf der Frau, die gerade so durch die Decke ging. Meine Gedanken rasten mit der Kälte und der Schärfe, wie ich es einst im täglichen Einsatz gebraucht hatte. Das war sie also. Alexandra Below. Keine verdeckte Ermittlerin, keine professionelle Bedrohung, sondern einfach nur eine Frau, die sich mit einer derart unerschrockenen, lauten und fast schon rücksichtslosen Ehrlichkeit Luft machte, dass es mich gleichermaßen faszinierte und irritierte. In meiner Welt bedeuteten Jux und unüberlegte Worte oft Gefahr. Hier bedeutete es pure, ungefilterte Existenz. Sie redete von Stalking, psychischem Druck und endete schließlich bei einer anatomisch ziemlich detaillierten und gnadenlosen Abrechnung mit einem gewissen Timo, der ihr wohl mal sehr nahe stand. Ich stand nun direkt in ihrem Schatten, konnte ihr Parfum riechen. Ein ikonischer Duft von Dior. Zweifelsfrei.

Claudia Beckstein saß dieser Alexandra dabei mit einem knallroten Kopf, aufgerissenen Augen und nach Luft schnappend gegenüber. Ich kannte ihr Gesicht aus den Personalakten. Ende Vierzig, deutlich älter aussehend. Ein Mütterchen, eine brave Hausfrau. Sie war sicher die letzte, die mir Probleme bereiten würde. Und dann war da noch die Hexe mit den schwarz gefärbten Haaren und der mehlfarbenen fahlen Haut. Bevor ich den Raum betrat, ich beobachtete die Damen ein paar Sekunden durch die Glastür zum Flur hin, hatte sie noch diabolisch gegrinst. Doch auch sie saß gerade da, einen angefressenen Butterkeks in der Hand, und starrte die Frau mit den dunklen Haaren an. Keine der beiden Frauen hatte es geschafft, Alexandra Below zu stoppen. Sie bemerkte die plötzliche Stille im Raum erst, als sie sich umdrehen wollte, um ihre Tirade mit einem weiteren bösen Spruch zu krönen – und stattdessen direkt gegen meine Brust prallte, metaphorisch gesprochen. Wenn ich es ganz genau nahm, dann befand sich ihr erschrocken aufgerissener Mund direkt vor meinem Schwanz. Und das war gar nicht gut. Ich sah, wie ihr in Bruchteilen von Sekunden die Farbe aus dem Gesicht wich. Das blanke Entsetzen blitzte in ihren dunklen Augen auf, gefolgt von der schlagartigen, fast schmerzhaften Erkenntnis, dass sie sich gerade vor dem neuen Chef bis auf die Knochen blamiert hatte. Sie begriff blitzartig, dass ihre unbedachten, wütenden Worte direkt in die Ohren des Mannes gelangt waren, der ab sofort über ihr berufliches Schicksal entschied.

Ich verengte die Augen, ließ das Gewicht meiner Präsenz schwer auf dem Raum lasten und neigte den Kopf leicht zur Seite. Meine tiefe Stimme schnitt durch die betretene Stille wie eine kalte Klinge.

»Interessant«, sagte ich, absolut gelassen und reichlich emotionslos, während ich sie aus beinahe schwarzen Augen musterte und ein langsam, fast höhnisches Nicken andeutete, »Erzählen Sie ruhig weiter. Wie ich eben erfahren habe, verfügen Sie für gewöhnlich über eine sehr aufmerksame Hörerschaft.«

Die bleierne Stille, die nach meiner Maßregelung im Raum hinfiel, war fast greifbar. Vor mir stand Alexandra Below. Keine namenlose Angestellte mehr, keine zweidimensionale Zeile in einer Akte, die ich vor ein paar Tagen mit skeptischem Blick studiert hatte, sondern pure, ungefilterte Präsenz aus Fleisch und Blut. Jetzt, wo sie direkt vor mir stand, prallten die Details ihrer Erscheinung mit einer Wucht auf mich ein, die meine professionelle Wachsamkeit ins Wanken brachte. Mit ihren 1,65 Metern und ihrer schlanken, aber wunderbar weiblich geschwungenen Statur reichte sie mir gerade mal bis zur Brust. Ihre langen, dunklen Haare umrahmten ein Gesicht, das trotz der aktuellen peinlichen Situation elegant geschminkt war, und ihre tiefbraunen Augen fixierten mich aus einem explosiven Gemisch aus Schock, Trotz und tiefer Verlegenheit.

Sie hatte gestammelt, sich für ihren Ausbruch entschuldigt. In diesem Augenblick, als sie krampfhaft versuchte, die Scherben ihrer soeben laut herausposaunten verbalen Entgleisung aufzusammeln, passierte in meiner Brust etwas, das ich absolut nicht gebrauchen konnte und das sich meiner strengen Kontrolle entzog. Ein harter Ruck. Ein plötzliches, warmes Ziehen direkt hinter den Rippen, das so verdammt gar nicht zu der eisigen Disziplin passen wollte, die ich mir in jahrelangen antrainiert hatte. Ich hatte die Hand gehoben, um sie mechanisch zu stoppen – ein formaler, kühler Reflex aus der erprobten Gewohnheit heraus, jede unkalkulierte Unruhe im Keim zu ersticken. Ich sah, wie sie sich in diesem Moment schrumpfen fühlte, wie die Röte heiß in ihr Gesicht schoss und sie dennoch verbissen versuchte, Haltung zu wahren. Normalerweise ließ mich so etwas völlig kalt. In meiner Welt, damals, als jeder falsche Schritt den Tod bedeuten konnte und man sich keine Regung, geschweige denn Sympathie oder Ablenkung erlauben durfte, gab es für solche Gefühle keinen Raum. Doch Alexandra war anders. Sie beugte sich nicht einfach, sie trotzte mir, selbst während sie ertappt an die Wand gedrückt war. Als sie ansetzte, sich ihrerseits vorzustellen, schnitt ich ihr mit eiskalter, unerbittlicher Präzision das Wort ab – pure Taktik, um die absolute Kontrolle über diesen Raum und über mich selbst nicht eine Sekunde lang aus der Hand zu geben.

Doch dann korrigierte sie mich mit dieser scharfen, unbeugsamen Note wegen ihres Nachnamens: Below. Das W spricht man nicht aus. Sie war also kein Russin. Woher dann dieser Name? Egal, es war, wie es war. Gewissermaßen verspürte ich sogar eine gewisse Erleichterung. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken in einem Bruchteil einer Sekunde zu einem wahren Sturm. Der Name Below hatte sich vor Tagen in mein Gedächtnis eingebrannt wie ein Stempel aus Säure. Jedes Mal, wenn ich ihn in den Unterlagen gelesen hatte, zuckte ein alter, paranoider Reflex in meinem Unterbewusstsein – die ständige, bleierne Angst vor Verrat, vor der Vergangenheit im Zeugenschutz, die mich jederzeit einholen konnte. Doch als sie jetzt so dastand, mit ihrem erzwungenen, fast schmerzhaften Lächeln, mit dem sie das Eis zu brechen versuchte, verblasste die drohende Paranoia mit einem Mal. An ihre Stelle trat eine völlig andere, fremde und zutiefst beunruhigende Regung.

Sie gefiel mir.

Verdammt noch mal, sie gefiel mir viel zu gut. Ich musterte sie, während ich ihr mit tiefer, kontrollierter und völlig unnahbarer Stimme erklärte, den Vorfall zu den Akten zu legen – wie ein Mann, der zeitlebens gelernt hatte, perfekte Masken zu tragen. Doch innerlich brodelte es gewaltig. Unter dem schneeweißen Hemd, das an mir anlag wie eine zweite Haut, schlug mein Herz viel zu schnell. Sie war keine reale Gefahr für meine Tarnung im Sinne einer feindlichen Agentin – sie war eine akute, unberechenbare Gefahr für meine innere Statik. Diese Frau besaß eine unbändige, ungefilterte Lebendigkeit, die in scharfem, schmerzhaftem Kontrast zu meiner grauen, erzwungenen Existenz als Dmitrij Mitrochin stand. Während ich jede Regung, jeden Atemzug und jeden Schritt akribisch berechnete, war sie einfach sie selbst: temperamentvoll, scharfzüngig und in ihrer impulsiven Art auf eine faszinierende Weise verletzlich zugleich. Die Art, wie sie sich wehrte, wie sie mit ihrem gekünstelten Lächeln versuchte, die Kontrolle zurückzugewinnen, obwohl sie genau wusste, dass sie gegen eine unbezwingbare Mauer gelaufen war, entlockte mir eine Regung tief im Inneren, die ich längst begraben geglaubt hatte: pure, ungetrübte Bewunderung. Ich spürte eine nervöse, fast fiebrige Unruhe, die sich in meinem Magen ausbreitete und sich jeder rationalen Logik entzog. Es war kein Adrenalinschub wie vor einem harten Zugriff oder einer brenzligen Situation im aktiven Dienst. Es war weicher, tückischer – eine körperliche Anziehungskraft, gepaart mit einer neugierigen Faszination, die mir fast den Atem raubte. Ich wollte wissen, was in diesem klugen Kopf vorging. Ich wollte herausfinden, ob sie hinter meiner eisigen, unnahbaren Fassade den Mann spürte, der ich im Kern wirklich war – Kirill, der Überlebende.

Als ich mich schließlich abwandte, um auch noch die anderen Mitarbeiter zu begrüßen und anschließend meinen Platz am Schreibtisch einzunehmen, wusste ich eines ganz gewiss: Diese Frau würde nicht aufhören, Fragen aufzuwerfen. Und ich würde verdammt viel eiserne Disziplin aufwenden müssen, um nicht nur meine Deckung, sondern auch meinen Blick von ihr zu lassen.