Samowar
Samowar
Alexandra war pünktlich. Zu pünktlich, denn sie erwischte mich genau in dem Moment, als ich auf einem dieser wackeligen Bürostühle balancierte, die Hände über dem Kopf erhoben, und den verdammten Rauchmelder in meinem neuen Büro lahmlegte. Ein billiges, handelsübliches Teil aus weißem Plastik.
»Was machen Sie denn da?« fragte sie.
Sie stand im Türrahmen, die Schultern leicht angespannt, und musterte mich mit einer Mischung aus neugieriger Skepsis und einer fast kindlichen Verblüffung. In ihren Augen lag dieser kritische Blick, den ich mittlerweile bestens kannte. Sie glaubte, dass jede Regel des Universums in Stein gemeißelt war, solange sie nur ordentlich in einem Handbuch stand. Hauptsache gegen nichts verstoßen und negativ auffallen. Ich hielt kurz inne, spürte die Muskeln in meinen Oberschenkeln unter der Stoffhose gespannt, und sprang dann von dem Stuhl herab, dass der Boden unter meinen Gewicht dumpf aufkrachte.
»Ich habe den Rauchmelder stillgelegt«, sagte ich trocken.
Sie rümpfte auf meine Antwort hin kurz die Nase, als hätte sie an verdorbener Milch gerochen, und trat vorsichtig, fast tastend einen Schritt näher in den Raum. Der Duft ihres Parfums zog mit ihr in mein Revier.
»Meinen Sie nicht, im Brandfall hätte er einen Sinn?« fragte sie, und in ihrer Stimme schwang diese typische, pflichtbewusste Besorgnis mit, die mich einerseits amüsierte und andererseits in den Fingern juckte.
»Nein, das ist nur ein Rauchmelder«, gab ich zurück.
Mit einer fast mechanischen Handbewegung warf ich den Schraubenzieher zurück in den kleinen Werkzeugkasten, den mein Vorgänger hier – Gott weiß warum – vergessen hatte. Ich musste diesen beschissenen Kasten einfach abschalten. Er hatte bereits zweimal schrill und nervtötend Alarm geschlagen, nur weil ich mir erlaubt hatte, während des Studiums der hier befindlichen Akten eine Zigarette anzuzünden. Das ständige Gekreische ging mir auf die Nerven.
»Das ist kein Feuermelder«, fuhr ich fort, während ich mich aufrichtete und sie mit einem unnachgiebigen Blick fixierte. »Da passiert rein gar nichts. Abgesehen davon gehe ich stark davon aus, dass dieses Ding sowieso keine gültigen Brandschutzvorschriften erfüllt. Theoretisch sollte ein Gebäude dieser Klasse völlig anders ausgerüstet sein. Aber wenn so ein Schrott offiziell abgenommen wird, soll das jetzt gerade nicht mein Problem sein.«
Ich sah Alexandra direkt an und merkte sofort, dass sie weder den Hauch von Interesse für technische Details noch für verpfuschte Bauabnahmen besaß. Ihre Augen wurden kurz glasig vor Desinteresse, und sie beschloss, das Thema im Kopf sofort abzuhaken. Sie zuckte mit den Schultern – eine knappe, abwehrende Bewegung.
»Ok, wenn Sie das sagen«, murmelte sie, ohne echte Überzeugung.
Ich wandte mich ab, ging um den massiven Schreibtisch herum und setzte mich schwer auf den Lederstuhl. Ich lehnte mich zurück, verschränkte die Finger und fixierte ihr nun gleichgültig dreinblickendes Gesicht.
»Stört es Sie, wenn ich während unseres Gesprächs rauche?«
In meiner Rechten hielt ich bereits eine Zigarre, in der Linken das schwere, goldene Feuerzeug. Alexandra schien von meiner Frage völlig überrumpelt zu sein. Sie hatte mit allem gerechnet – mit einer Ansage zu den aktuellen Quartalszahlen, mit einer Ermahnung wegen ihrer Verspätung vielleicht –, aber ganz sicher nicht mit dieser demonstrativen Provokation. Ihre Augen weiteten sich für einen Wimpernschlag, und in ihrem Blick lag der ungläubige Ausdruck einer Frau, die sich ernsthaft fragte, ob ich noch alle Tassen im Schrank hatte.
Langsam, fast widerstrebend, trat sie näher heran, zog den Stuhl gegenüber herbei und ließ sich nieder. Mit einer fahrigen, leicht hektischen Handbewegung zeigte sie in den Raum, als müsste sie mir die physikalischen Grenzen dieser Welt erklären.
»Äh ... ich ... nein. Aber hier drin ist absolutes Rauchverbot.«
Ich zog eine Augenbraue nach oben. »Wer sagt das?«
»Die Hausordnung.«
Sie sah mich jetzt an, als hätte ich soeben vor ihren Augen eine Bank überfallen oder ein unschuldiges Tier getreten – völlig schockiert, fassungslos, mit leicht gespannter Brust.
»Herr Mitrochin, die Hausordnung dieses Firmengebäudes«, wiederholte sie noch einmal, fast flehend, als hätte sie Sorge, ich hätte das Prinzip von geschriebenem Recht nicht verstanden.
Aber was zum Teufel sollte mir diese scheiß Hausordnung schon anhaben? Gesetze waren für Leute da, die keine Kontrolle hatten. Doch was mich am meisten faszinierte – und was mein Blut in Wallung brachte –, war die Tatsache, dass sie gerade anfing, echtes, greifbares Unbehagen zu verspüren. Sie hatte Angst vor der Hausordnung. Vor den Konsequenzen. Vor mir. Ich führte die Zigarre langsam an meine Lippen, hielt inne, ließ sie meine Anspannung schmecken und brachte sie dann mit der kleinen, scharfen Flamme meines Feuerzeugs in Berührung. Der Tabak knackte leise, Glut glomm auf. Es dauerte nur Sekunden, bis der erste dichte, schwere Rauchring in die Luft stieg.
»Frau Below«, sagte ich mit gedämpfter, tiefer Stimme, während ich den ersten richtigen, bitteren Zug in meine Lungen zog und den Rauch langsam wieder ausströmte, »noch einmal – welche Hausordnung?«
Ich lächelte sie direkt an. Ich wollte ihr unmissverständlich zeigen, dass ich auf solche kleingeistigen Verbote pfiff. Es war mir schlicht und einfach egal. Wenn ich rauchen wollte, dann tat ich das, und das konnte mir beim besten Willen niemand verbieten. Ich wusste genau, dass man sich im zivilisierten Alltag an manche Regeln halten musste, aber das hier war einfach nur alberner Quatsch. Wenn ich in meinem Büro rauchen wollte, dann rauchte ich. Wenn ich hier jeden Abend essen wollte, dann aß ich hier. Und wenn ich hier das Bedürfnis verspürte, sie über den Tisch zu ziehen und mir zu nehmen - was mir gerade schon in der Vorstellung den Verstand raubte -, dann tat ich das im Zweifel auch. Wer sollte mich schon aufhalten? Der Haustechniker?
Sie räusperte sich verlegen, strich sich mit zitternden Fingern eine Strähne hinters Ohr, um ihre Fassung wiederzugewinnen, während ihre Augen nervös über meine Tischkante huschten.
»Verstehe«, sagte sie mit leicht zittriger Tonlage, und in ihrem Gesicht stand die peinliche Erkenntnis geschrieben, dass sie es hier nicht mit einem gewöhnlichen Chef zu tun hatte, »deswegen der abgeklemmte Rauchmelder. Woher können Sie das eigentlich?«
Ich war belustigt. Mein Gott, anscheinend dachte sie ernsthaft, der Rauchmelder gehörte zu einem komplexen, zentralen Brandmeldesystem des Hochhauses, das direkt mit der Feuerwehr oder der Sicherheitszentrale verbunden war. Dabei war es einfach nur ein billiges Plastikteil aus dem Baumarkt, und ich hatte nichts anderes getan, als die Batterie so unauffällig zu manipulieren, dass sie keinen Kontakt mehr hatte. Wäre jemals etwas passiert und die Batterien wären dauerhaft draußen gewesen, hätte ich nach einer offiziellen Überprüfung sicher eine gewaltige Standpauke bekommen – aber dieses kalkulierte Risiko gehörte für mich zum Leben dazu, während sie sich in ihrer engen Welt vor jedem Schatten fürchtete.
»Zufall.«
Ich hätte ihr etwas vormachen können, mich in ein besseres, unfehlbareres Licht rücken können, wie es die meisten Männer in Führungspositionen tun, um ihre unsicheren Egos zu kaschieren. Doch das war niemals meine Absicht. Sie über irgendwas Wichtiges im Unklaren zu lassen, war das eine – taktisches Kalkül, das man in meinem früheren Leben brauchte, um zu überleben. Aber sie anzulügen, war etwas völlig anderes. Ich log nicht. Und das aus eisernem Prinzip. Erst recht log ich sie nicht an, denn bei ihr wollte ich verdammt noch mal keine Maske tragen, die aus billigen Ausflüchten bestand.
»Um was geht es denn eigentlich?«, fragte sie plötzlich, und während die Worte ihren Mund verließen, verschränkte sie demonstrativ die Arme vor der Brust.
Eine klassische Schutzhaltung. Ich beobachtete genau, wie sich ihre Muskeln anspannten, wie sich die Haut über ihrem Schlüsselbein kurz straffte. Sie war nervös, das spürte ich förmlich im Raum. Sie wollte um jeden Preis wissen, warum ich sie aus ihrem gewohnten Arbeitsalltag herausgerissen und direkt in mein Büro zitiert hatte. In ihrem Kopf ratterten vermutlich tausend Szenarien – von einer offiziellen Abmahnung wegen irgendwelcher Lappalien bis hin zu der bangen Frage, ob ich ihren Arbeitsstil kritisieren wollte. Ihre Augenbrauen zogen sich leicht zusammen, und in ihrem Blick lag dieses unruhige Flackern, das verriet, dass sie die Kontrolle über die Situation behalten wollte, obwohl sie spürte, dass sie hier in meinem Revier, an meinem Tisch, die Zügel längst nicht mehr in der Hand hatte.
»Sie haben recht. Wir sollten zum eigentlichen Punkt kommen«, erwiderte ich mit ruhiger, tiefer Stimme, die den Raum augenblicklich ausfüllte. »Frau Below, Sie haben in den letzten Monaten beinahe alleine diesen Laden hier gemanagt, also denke ich, dass Sie mir über die allgemeine Auftragslage die beste und ehrlichste Auskunft geben können.«
Ich sah, wie dieser kleine, unerwartete Hauch von Anerkennung sie kurz überrumpelte. Sie hatte mit einer Strafe gerechnet, nicht mit einer Anfrage auf Kooperation.
»Ich gebe mir alle Mühe«, antwortete sie, während sie sich straffte und mich mit einem gewollt, fast ein wenig verkrampft selbstbewussten Blick fixierte. Sie wollte mir zeigen, dass sie keineswegs eingeschüchtert war – auch wenn ihr leicht flacher Atem das Gegenteil verriet.
»Wunderbar. Frau Below, es geht um ein potenzielles neues Aufgabengebiet.«
Ich hatte mir dazu wirklich verdammt viele Gedanken gemacht. Die Idee dahinter war simpel: Ich wollte etwas ins Boot holen, womit ich mich auskannte. Etwas Handfestes, bei dem ich glänzen konnte, und vor allem etwas, das dazu beitrug, dass ich als kompetenter, durchgreifender wahrgenommen wurde, als es meine graue, sterile Rolle als bloßer Niederlassungsleiter unter falschem Namen vielleicht zuließ. Letzten Endes hatte ich da nur diesen einen Einfall, der sich tief in meinem Verstand festgesetzt hatte.
»Hören Sie es sich doch erst einmal an«, begann ich, lehnte mich ein Stück nach vorn und ließ den Blick über ihr Gesicht wandern. »Glauben Sie, wir würden es schaffen, auch Sicherheitsdienstleistungen anzubieten? Natürlich auf hohem Niveau mit kompetentem Fachpersonal. Gab es in der Vergangenheit eventuell Anfragen in diese Richtung?«
Sie stieß kurz die Luft aus, ein fast ungläubiges Schnauben, und schüttelte dann langsam den Kopf. Die Anspannung wich für einen kurzen Moment der reinen Sachlichkeit.
»Nur ein einziges Mal. Durch frühere Bekannte oder Einsätze hatte ich ein wenig Einblick in diese Branche und weiß daher, dass Sicherheitsunternehmen in der Regel einen soliden Pool an eigenen, festangestellten Mitarbeitern haben. Es ist mir bisher nicht untergekommen, dass sie auf Zeitarbeitskräfte angewiesen wären. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das rechtlich überhaupt erlaubt ist.«
Verdammt. Na prima. Damit kannte sie sich also auch noch aus. Die Frau hatte eine Akribie und ein Fachwissen im Blut, das mich gleichzeitig faszinierte und zur Weißglut brachte. In meinem Kopf arbeitete es sofort – ein leiser Anflug von Frustration mischte sich mit verdammt viel Respekt für ihren klugen, analytischen Verstand. Sie durchschaute die Mechanismen des Marktes im Schlaf.
»Sie glauben also nicht, dass es sich lohnt?« fragte ich, um sie weiter zu testen, obwohl das Urteil bereits gesprochen war.
»Nein«, antwortete sie direkt, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. »Das glaube ich nicht. Gerade Sicherheitsfirmen haben zudem ein gut etabliertes Netzwerk von Subunternehmen. Und dieses System funktioniert meistens reibungslos.«
Damit war der Punkt endgültig zerschlagen. Kein Raum für Illusionen. Dann musste ich mir also wohl oder übel etwas Neues einfallen lassen, um sie zu beeindrucken, um diese unsichtbare Wand aus professioneller Distanz zum Einsturz zu bringen. Ich atmete tief aus, nahm einen langsamen, bewussten Zug von meiner Zigarre und schmeckte die herbe Schärfe des Tabaks auf der Zunge. Diese Idee konnte ich also schon mal getrost abhaken.
»Gut, das klingt schlüssig«, sagte ich und ließ mir in meinem Gesichtszügen absolut keine Enttäuschung oder Frustration anmerken. »Dann begrabe ich diese Idee wieder. Vorerst zumindest. Also hat sich das, was ich eigentlich mit Ihnen durchgehen wollte, somit erledigt.«
Auf diese Worte hin geriet sie augenblicklich in Bewegung. Alexandra rutschte unruhig und fast atemlos auf ihrem Stuhl hin und her, zupfte nervös an ihrem Rocksaum und wandte kurz den Blick ab. Ihre Körpersprache sprach Bände – sie wollte in diesem Moment einfach nur noch raus hier. Weg von der drückenden Hitze des Raumes, weg von dem dichten Rauch, der sich langsam unter der Decke sammelte, und vor allem weg von der intensiven, fast greifbaren Nähe, die zwischen uns im Raum hing und sie spüren ließ, dass ich sie nicht als bloße Angestellte, sondern als Frau mit jeder Faser meines Körpers wahrnahm. Die Luft in meinem Büro stand still, schwer von der feinen, herben Note meiner Zigarre und der drückenden Präsenz, die diesen Raum ohnehin jedes Mal in ein unsichtbares Schlachtfeld verwandelte, sobald Alexandra Below den Schwellenbereich passierte. Ich legte den Stumpen behutsam ab, beobachtete, wie sich ein einzelnes, dünnes Rauchstäbchen in der windstillen Luft kringelte, bevor es sich auflöste. Mein Blick glitt von der glimmenden Asche hinauf zu ihr. In diesem Moment lief ein fein kalkuliertes Räderwerk in meinem Kopf an. Eigentlich hatte ich diesen Punkt noch gar nicht ansprechen wollen. Doch wer wie ich gelernt hatte, das Terrain vor jedem Zugriff strategisch abzusichern, der ließ keine Flanken offen. Wenn Alexandra ohnehin mit einer unheimlichen, fast spielerischen Leichtigkeit über jedem operativen Schritt in dieser Niederlassung zu schweben schien, konnte sie sich hier als nützliches Instrument erweisen. Ich musste in der Sachbearbeitung aufräumen. Schon heute Morgen hatte ich bei dieser Celik und ihrer unzertrennlichen Freundin im Büro gestanden und mit eigenen Augen gesehen, dass dort die meiste Energie in Kaffeetrinken und belangloses Schwätzen floss statt in produktive Arbeit. Dummerweise machten die verfluchten Festverträge es fast unmöglich, die beiden leistungsschwachen Damen einfach so vor die Tür zu setzen. Man brauchte Hebel, Insiderwissen und taktisches Geschick, um solche Mauern einzureißen.
Ich lehnte mich ein Stück vor, fixierte sie mit dem gewohnten Blick eines Mannes, der gelernt hatte, Menschen in Sekundenschnelle zu durchschauen, und setzte an. »Aber jetzt doch noch etwas anderes«, der aufsteigende Rauch kringelte sich für einen kurzen Moment, als wollte er meine Worte untermalen, »Wie Sie wissen, habe ich mich zwar bereits im Vorfeld informiert, aber letzten Endes bin ich noch nicht lange genug hier, um mir über das allgemeine Arbeitsklima ein Bild zu machen. Wie ist Ihre Meinung dazu?«
Ihre Reaktion kam prompt, trocken und mit jener unverkennbaren Portion urbaner Abgeklärtheit, die mich jedes Mal aufs Neue faszinierte. »Damit könnten Sie recht haben.«
Oh Mann, Alexandra. Ich musste wahrlich nicht lange hier sein, um zu bemerken, dass dieser Laden ein verdammter Hexenkessel war, in dem im Grunde jeder jeden heimlich hasste und die Ellenbogen weiter ausgefahren wurden als auf manchem Truppenübungsplatz. Doch ich wollte es aus ihrem Mund hören. Ich wollte wissen, wie tief sie in diesem Sumpf steckte. »Frau Below, eigentlich wollte ich wissen, wie Sie die Zusammenarbeit mit Ihren Kollegen einschätzen.«
Sie grinste. Überheblich, stolz, fast ein wenig gehässig. Die Art, wie sich ihre Mundwinkel nach oben zogen, verriet mir, dass sie den Nagel sofort auf den Kopf getroffen hatte. Sie war so verdammt nah davor, mir die pure, ungefilterte Wahrheit an den Kopf zu knallen. »Was möchten Sie denn jetzt hören?« fragte sie, und in ihrer Stimme lag dieser herausfordernde, fast spöttische Unterton.
Ich blieb starr, ließ mich von ihrem Spiel nicht aus der Reserve locken und sah sie direkt an. »Ihre Meinung, nicht mehr.«
Plötzlich wechselte ihr Ausdruck. Die spielerische Arroganz wich einer gespielten, aber gut gemeisterten Ernsthaftigkeit. Sie musterte mich, wog ihre Worte ab, bevor sie mit glatter, fast schon zu professioneller Miene entgegnete: »Wir verstehen uns alle blendend. Sicherlich gibt es hin und wieder die eine oder andere Meinungsverschiedenheit. Aber dabei handelt es sich um nichts Gravierendes.«
Ich nickte verstehend, lehnte mich innerlich zurück und glaubte ihr doch kein einziges verdammtes Wort. Der Sarkasmus tropfte geradezu von ihren Lippen, selbst wenn sie versuchte, ihn hinter einer Fassade aus bürokratischer Loyalität zu verstecken. Verstehend nickte ich. »Gerade Sie aus der Dispo sind ja ein eingeschworenes Team.«
Wenn im Betrieb nur alle so funktionierten wie Alexandra, die gruselige Allendorf und das gutmütige Mütterchen Beckstein, wäre die Welt hier oben in Ordnung. »Das sind wir in der Tat«, bestätigte sie, und ihre Augen blitzten kurz auf. »Wir wissen eben, dass wir uns aufeinander verlassen können. Außerdem sind wir nicht nur Kolleginnen, sondern auch Freundinnen.«
Das war mir natürlich längst nicht entgangen. Die drei Damen hatten sich den gesamten Tag über gefühlt jede Minute etwas zu erzählen, während draußen die Aktenberge wuchsen. Solange es die eigentliche Arbeitsleistung in der Disposition nicht gravierend beeinträchtigte, war es mir im Grunde egal. Nur die Beckstein sollte sich langsam ein bisschen beim Lebkuchenessen zurückhalten – das schlug bei der unvorteilhaften Bürositzerei körperlich bereits gewaltig an.
Ich nutzte die kurze Atempause, um den Bogen zu dem eigentlichen Problem zu spannen, das mich antrieb. »Klappt die Zusammenarbeit mit der Sachbearbeitung denn genauso gut?«
Bingo. Ich hatte sie eiskalt erwischt. In ihrem Gesicht spielte sich für einen Sekundenbruchteil ein offener Krieg ab. Alexandra hätte mir in diesem Moment am liebsten laut ins Gesicht geschrien, dass sie diese Celik auf den Tod nicht ausstehen konnte, doch dazu war sie viel zu klug, viel zu diplomatisch erzogen. Zumindest versuchte sie, den Schein zu wahren.
Ihre Stirn zog sich in leichte, fast unsichtbare Falten, und sie presste die Lippen für einen Moment aufeinander, bevor sie den Spieß elegant umdrehte. »Wieso fragen Sie mich nicht einfach, ob ausgerechnet ich die beiden Mädels leiden kann?«
Ein kleiner, anerkennender Zug zuckte um meine Mundwinkel. Sie besaß einen scharfen Verstand. »Weil ich weiß, dass Sie das eben nicht können.«
Sie nickte sofort, ohne zu zögern, und gab sich geschlagen, was diese plumpe Heuchelei betraf. »Stimmt, das ist völlig korrekt. Aber dies steht in keinem Zusammenhang mit der Arbeit. Zumindest nicht von mir aus.«
»Daran habe ich bei Ihnen keine Zweifel«, entgegnete ich mit tiefer, bestimmter Stimme. Ich betonte es ganz bewusst. Denn ich wusste genau, dass diese Celik ihre persönlichen Animositäten Alexandra gegenüber offen zur Schau trug und bei jeder Gelegenheit giftige Spitzen abfeuerte, während Alexandra professionell genug blieb, um die Contenance zu wahren.
Sie atmete flach aus, schien kurz nachzudenken und ließ dann die Maske der perfekten Kollegialität endgültig fallen. »Nun, was soll ich sagen? Die beiden sind im Prinzip stinkfaul und man muss alles zehnmal sagen, bis es endlich erledigt wird. Es ist lästig, aber wir brauchen diese Abteilung auch, sonst gehen wir komplett unter in der Dispo.«
Ja, verdammt. Leider war das nur allzu oft die bittere Wahrheit in solchen Apparaten. Jemand, der wenig tat, tat immerhin irgendetwas, auf das man aufbauen konnte. Aber es schmerzte einen Mann mit meinem Hintergrund, so viel Ineffizienz und Trägheit mitanzusehen.
Während sie sprach, sah sie mich plötzlich einen Moment länger an, als es für eine rein berufliche Unterredung im Büro ihres Vorgesetzten nötig gewesen wäre. Ihre dunklen Augen blieben an meinen hängen. Ein intensiver, fast prüfender Blick. Fragte sie sich in diesem Moment etwa, woher dieser subtile, fast asiatische Hauch in meinen Gesichtszügen kam? Ob sie hinter der harten, kühlen Fassade des Niederlassungsleiters Dima den Mann spürte, der ich einst gewesen war, bevor man mich hierher verfrachtet hatte? Eine feine, fast greifbare Spannung legte sich zwischen uns, elektrisierend und scharf wie eine Rasierklinge.
Ich riss mich zusammen, schaltete den privaten Gedankenstrom abrupt ab und nahm auf meinem Stuhl wieder eine gerade, kontrollierte Sitzhaltung ein. Um die aufgeladene Luft zu kühlen, zog ich den Aschenbecher, auf dem die Zigarre ruhte, langsam ein Stück näher zu mir heran. »Ok, ich verstehe. Es ist wohl besser, ich beobachte das alles noch etwas.«
In genau dieser Sekunde verriet sie sich durch eine fahrige, fast hastige Gestik. Ihr Blick glitt verstohlen, aber unübersehbar auf ihre Armbanduhr. Die plötzliche Panik, hier bei mir zu viel wertvolle Arbeitszeit zu verplempern, während draußen im Großraumbüro die Akten warteten – oder vielleicht auch die schleichende, körperliche Nervosität, weil ich ihr in diesem geschlossenen Raum einen Hauch zu nah war, weil meine physische Präsenz sie spürbar aus dem Konzept brachte –, stand ihr plötzlich unverkennbar ins Gesicht geschrieben. Ihre Augen weiteten sich für einen Wimpernschlag, die Muskeln im Kiefer spannten sich an.
»Brauchen Sie mich dann noch?« fragte sie, und in ihrer Stimme lag ein ungeduldiges, fast flüchtiges Drängen, diesem Raum so schnell wie möglich entkommen zu wollen.
»Nein, vielen Dank«, sagte ich mit tiefer, ruhiger, keinen Widerspruch duldender Stimme und machte eine knappe, präzise Handbewegung Richtung Ausgang. »Sie können sich wieder an Ihrer Arbeit widmen.«
Ich lehnte mich nicht zurück, bewegte mich keinen einzigen Zentimeter, während sie sich abrupt umdrehte. Aber meine Augen klebten an ihr wie Schmiere. Ich sah ihr jede einzelne Sekunde nach, wie sie sich aufrichtete, die Schultern straffte, mit diesem stolzen Gang davonging und mein Büro verließ, bis die schwere Holztür schließlich hinter ihr ins Schloss fiel und die kalte, drückende Stille des Raumes mich wieder ganz für sich einnahm.
Der Nachmittag zog sich zäh wie altes Kaugummi, während draußen vor den schmutzstarrenden Fenstern der graue, feuchte deutsche Schneeregen auf den Asphalt klatschte und die Welt in ein tristes Einerlei tauchte. Doch drinnen, in der engen, neonbeleuchteten Teeküche, roch es plötzlich nach Heimat. Nach Kindheit. Nach einem Leben, das unter tonnenweise Papierkram, gefälschten Identitäten und dem erzwungenen Schutzmantel des Zeugenschutzes begraben schien. Ich war seit Stunden damit beschäftigt, das schwere Messingteil aufzubauen, das mir per Post auf verschlungenen, bürokratischen Umwegen hierher ins westdeutsche Provinznest geliefert worden war. Mein Samowar. Direkt aus meiner alten Wohnung in Moskau. Ein echtes Prachtstück aus Tula, kunstvoll bunt bemalt, mit jener urigen, unverwüstlichen Wucht, die so verdammt gut zu mir passte. Für die hiesigen Spießer war das wahrscheinlich bloß ein klobiger Albtraum von Wasserkocher, aber für mich war er ein Stück Seele.
Plötzlich knarzte die Baumarkttür der Teeküche in den Angeln. Alexandra trat ein. Sie hielt kurz inne, die Augen musterten sofort den glänzenden Koloss auf der Anrichte mit einer Mischung aus Skepsis und offener Neugier.
»Was ist das denn, Herr Mitrochin?« fragte sie und schlug dabei die Arme locker übereinander.
Sie hatte absolut keine Ahnung. Woher auch? Sowas sah man in deutschen Büros eben eher selten. Hier gab es Vollautomaten, die braune Plörre ausspuckten, oder abgehangene Beutel aus Pappschachteln. Ich spürte, wie sich ein breites, leicht amüsiertes Grinsen auf meinem Gesicht ausbreitete, während ich mit geübten Handgriffen die letzten Vorbereitungen traf. Sie stand da, die Hände leicht an die Hüften gestützt, und blinzelte mich aus diesen klugen, wachen Augen an. Mein Puls machte einen kleinen, harten Satz nach oben. Die Art, wie sie den Kopf schieflegte, hatte etwas dermaßen Unbedarftes und gleichzeitig Fesselndes, dass mir kurz die Luft wegblieb. Sie wirkte in diesem Moment fast wie ein ertapptes Kind, das vor einem unbekannten mechanischen Wunderwerk stand.
»Haben Sie wirklich noch nie einen Samowar gesehen?« stichelte ich mit tiefer, sonorer Stimme.
»Samo-was?«
Sie blinzelte erneut, zuckte mit den Schultern und sah dabei einfach nur umwerfend aus. Keine Ahnung, völliges Unverständnis – und genau das war ihre Schwäche, an der ich ansetzen konnte. Wir waren an einem Punkt angekommen, an dem ich sie spielend leicht festnageln konnte. Würde ich ihr jetzt dieses eiserne Relikt aus meiner Vergangenheit erklären, würde sie keinen Schritt weitergehen. Sie würde bleiben. Ganz sicher.
»Ein Samowar. Ein Teekocher« antwortete ich und trat einen Schritt näher, sodass die Luft zwischen uns sofort von dieser elektrisierenden, knisternden Spannung aufgeladen wurde.
Sie musterte das Ding, als würde ich ihr hier eine Reliquie aus einer anderen Galaxie präsentieren. Obwohl – russisch war für sie sprachlich wahrscheinlich ohnehin nicht viel verständlicher. Sie versuchte, sich ein wenig desinteressiert zu geben, um ihre leicht ertappte Ratlosigkeit zu überspielen. Mit einer fahrigen, fast demonstrativen Geste kramte sie in dem kleinen Wandschrank, fischte aus einer Packung einen billigen, abgepackten Teebeutel heraus und ließ ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung in ihre weiße Porzellantasse hängen Ich starrte auf diese verfluchte Teepackung, die da mitten auf dem Tisch lag, als wäre sie nicht mehr und nicht weniger als ein präziser Konstruktionsplan für eine verdammt komplizierte Sprengfalle „Heiße Liebe“. Der Name allein trieb mir ein verächtliches Schnauben in die Kehle. Wonach zum Teufel sollte das Zeug laut Packungsaufdruck schmecken? Nach Vanille und Himbeere. Ein absoluter Witz, ein billiges Marketingversprechen für harmlose Gemüter. Ich brauchte keinen Blick auf irgendwelche künstlichen Aromastoffe zu werfen, denn ich wusste ganz genau, wonach „Heiße Liebe“ in der Realität schmeckte nach Schweiß, nach Körperflüssigkeiten und nach Tränen, meinetwegen. Aber auf gar keinen Fall nach verdammt noch mal Vanille Mein Blick riss sich von der Schachtel los und wanderte zu ihr. Alexandra stand nur wenige Schritte von mir entfernt, und jede Sekunde, in der sie in meiner Nähe atmete, schraubte sich die Anspannung im Raum eine Stufe höher.
»Nein, das kannte ich nicht. Bis jetzt zumindest«, murmelte sie, während ihre Finger nervös über dem Henkel der Tasse strichen, wo sie das Fähnchen des Teebeutels festhielt.
In meinem Magen zog sich alles zusammen. Bei diesem Anblick packte mich pure Verachtung. Ich hasste diesen fürchterlichen, künstlich aromatisierten Industrietee aus dem Beutel. Das war kein Genuss, das war eine Beleidigung für jede Geschmacksknospe, eine chemische Krankheit im Becher.
»Sie können sich die Arbeit sparen« ermunterte ich sie mit einem sanften, aber unumstößlichen Unterton, während ich das schwere Messinggehäuse leicht berührte. »Ich gebe Ihnen gerne etwas von meinem Tee ab. Er wird tausendmal besser schmecken. Glauben Sie mir.«
Ich hob das kleine, bauchige Kännchen oben auf dem Samowar an, in dem ich die konzentrierte Sawarka angesetzt hatte, bereit, den perfekten Aufguss zu zelebrieren.
Sie blickte ratlos zwischen mir und ihrer traurigen Tasse hin und her. Die Stirn zog sich in feine, skeptische Falten. Sie verstand beim besten Willen nicht, warum ich mir mitten am Tag einen derartig umständlichen, altmodischen Aufwand machte. Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände: Warum macht der Mann sich das Leben so kompliziert?
»Warum nehmen Sie nicht einfach einen Beutel?« fragte sie fast vorwurfsvoll und schüttelte leicht den Kopf. »Das wäre doch viel einfacher.«
Wäre es gewesen, ja. Verdammt einfach. Aber es gab Dinge im Leben, da machte man keine billigen Abkürzungen, weil der Unterschied zwischen reiner Bequemlichkeit und wahrer, kompromissloser Qualität Welten bedeutete. Es war schließlich auch um ein Vielfaches leichter, sich jeden Tag fettiges, geschmackloses Fast Food zu bestellen und lieblos runterzuwürgen, aber selbst gekocht schmeckte es verdammt noch mal immer tausendmal besser.
Ich beschloss also, sie ein wenig aufzuklären. Und gleichzeitig gab mir das die perfekte, ungezwungene Gelegenheit, ihr ein Stück von mir, von meiner wahren Herkunft und meinem echten Leben näherzubringen. Ich merkte, wie der Drang in mir wuchs, mich ihr gegenüber für einen kurzen, kostbaren Augenblick einen Tick offenherziger zu zeigen. Und ich wollte es auch. Es fühlte sich verdammt gut an, diese sonst so eiserne Wand aus reiner Dienstvorschrift und beruflicher Distanz für ein paar Herzschläge zu durchbrechen.
Ich lehnte mich leicht gegen die kühle Kante der Anrichte, musterte ihre mimische Anspannung, die allmählich einer faszinierten Ruhe wich, und sagte mit ruhiger, rauer Stimme: »Früher besaß in Russland beinahe jeder Haushalt einen Samowar, doch heute werden es immer weniger. Dieser hier begleitet mich jedenfalls seit meiner Kindheit. Dass ich ihn immer noch verwende, liegt wohl an den Erinnerungen, die er für mich in sich trägt – und vielleicht auch daran, dass ich das Traditionelle in vielen Dingen einfach bevorzuge.«
Ihre Augen hielten meinen Stand. Für Sekundenbruchteile schien der graue, laute Büroalltag draußen auf dem Flur komplett zu verschwinden, und nur noch das leise Zischen des kochenden Wassers und unser gemeinsamer Atem füllten den Raum. Ich begann, ihr etwas über Samoware zu erzählen, tauchte tief ein in die alten, fast schon vergessenen Geschichten über das Teetrinken in Russland, und merkte in meiner Euphorie gar nicht, wie ich mich dabei völlig selbst vergaß. Es tat gut, es war einfach von einer unbeschwerten Schönheit, von meiner Heimat zu sprechen, von den Düften und Ritualen, die mich ausgemacht hatten, bevor mich das Leben hierher verschlagen hatte. Und zu meiner absoluten Überraschung hörte sie mir tatsächlich zu. Sie musterte mich direkt, blickte mir zum allerersten Mal für länger als nur einen flüchtigen Augenblick in die Augen. In dieser verletzlichen, fast magischen Intimität klickte plötzlich ihr elektrischer Wasserkocher, den sie vorhin angeschaltet hatte. Was für ein beschissener Zeitpunkt. Genau in dem Moment, in dem ich die eiserne Wand zwischen uns durchbrochen hatte, riss uns dieses mechanische Geräusch unsanft in die Realität zurück.
Unbeeindruckt von der plötzlichen Störung hielt ich an meinem Gedanken fest und warf ein: »Mein Angebot steht nach wie vor.«
Ich beobachtete sie genau, während sie das heiße Wasser auf ihren billigen Teebeutel goss. Ihre Bewegungen wirkten einen Tick fahrig, und ich sah, wie ihr Blick immer wieder magisch zu dem rot-goldenen Samowar auf der Anrichte wanderte. Wenn dieses verfluchte Metallgefäß es tatsächlich schaffte, eine unsichtbare Verbindung zwischen uns herzustellen, dann würde ich auf der Stelle einen Besen fressen.
Ihre Stimme wurde daraufhin ruhiger und leiser, fast ein wenig verlegen. »Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie so ein Samowar funktioniert, aber er ist definitiv wunderschön bemalt. Der dekorative Mehrwert zumindest ist definitiv nicht von der Hand zu weisen.«
Ich sah kurz zu dem Samowar und blickte dann direkt wieder zu ihr. Wunderschön. Und damit meinte ich nicht das Ding aus Metall, sondern sie. Ich konnte mich in diesem Augenblick einfach nicht sattsehen an der Art, wie sie so vor mir stand.
Mit einem dunklen, unwillkürlich rauen Unterton in der Stimme erwiderte ich: »Da haben Sie recht. Samoware gibt es natürlich auch in einer ganz schlichten Optik. In türkischen Läden werden sie oft verkauft. Aber der hier ist eines der schönen Exemplare. Diesen hat mein Vater damals direkt in Tula gekauft.«
In ihrem Kopf schien es sofort gewaltig zu rattern. Tula – die Hauptstadt der Samoware. Sie hatte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch nie im Leben etwas davon gehört. Das war schlicht und ergreifend nicht die Welt, für die sich jemand wie sie interessierte. In den Köpfen der Deutschen existierten gefühlt ohnehin nur vier Länder: Italien, Spanien im Allgemeinen, Frankreich und die Türkei – letztere auch nur wegen der drögen All-you-can-eat-Angebote.
»Wo ist das denn?«, fragte sie, bevor sie lachte. Sie lachte es in diesem Moment einfach charmant weg, dass ihre Geographiekenntnisse sie gerade komplett im Stich ließen.
»Das liegt etwa auf halbem Weg, wenn Sie von Moskau nach Orjol fahren«, erklärte ich, und erst im selben Bruchteil einer Sekunde begriff ich, dass sie diese Ortsangabe absolut gar nicht weiterbringen würde.
Plötzlich lachte sie lauter – hell, offen, ehrlich. Dieses unbeschwerte Echo traf mich unvorbereitet, und mein Herz machte in meiner Brust einen unerwarteten Sprung.
»Ach ja, natürlich. Das war mir gerade entfallen.«
Woher...? schoss es mir durch den Kopf.
Nervös wandte sie den Teebeutel mit dem Löffel um, drückte ihn krampfhaft aus, als ginge es um Leben und Tod. Eine peinliche, knisternde Gesprächspause breitete sich zwischen uns aus. Und dann, mit einer abrupten Verzögerung, dämmerte es mir. Der Groschen fiel. Sie hatte mich gerade feige und genial auf den Arm genommen. Alexandra hatte einen Witz gemacht, und ich alter Idiot hatte ihn im ersten Moment nicht kapiert, weil ich zu sehr damit beschäftigt gewesen war, ihre Ausstrahlung und ihre Lippen zu mustern.
Ich lehnte mich ein Stück vor, musterte ihren triumphierenden, fast diebischen Gesichtsausdruck und sagte mit einem schiefen, anerkennenden Grinsen: »Moment mal, jetzt verstehe ich. Das war ein Witz. Frau Below, Sie haben mich eiskalt erwischt.«
Sie winkte jetzt ab, ein leichtes, fast beiläufiges Lächeln tanzte noch immer um ihre Lippen. Sie war merklich lockerer geworden, während sie sich einen Schluck des heißen Tees gönnte. Ihre Augen, eben noch so wachsam und auf Distanz bedacht, verloren für einen kurzen Moment ihre stechende Schärfe.
»Im Ernst – ich bin genauso schlau wie vorher. Russland ist für mich … nun, sagen wir, weit und fremd.«
Weit war es für mich auch, verdammt noch mal. Aber fremd? Nein. Leider nicht. Ein bitterer Geschmack legte sich auf meine Zunge, und ich schluckte schwer. Ich durfte mir hier, in diesem sterilen, genormten Bürobunker der deutschen Provinz, unter gar keinen Umständen anmerken lassen, was sich in meinem Kopf in diesem Bruchteil einer Sekunde zusammenbraute. Eine dunkle Wolke aus Heimweh, schwer wie Blei, zog in meinen Gedanken auf. Ja, verdammt! Ich wollte zurück nach Hause. Ich wollte raus aus diesem erstickenden deutschen Kleinbürgertum, raus aus einer Welt, in der die größte Aufregung darin bestand, ob die Nachbarn den Plastikmüll akribisch genug trennten, während bei uns ganz andere Maßstäbe galten. Alexandra lehnte sich leicht zurück, musterte mich mit einer Mischung aus Neugier und unbeteiligter Höflichkeit, während sie mit den Fingern gedankenverloren über den Henkel ihrer Tasse strich. Ich spürte, wie sie in diesem Moment dachte, sie hätte das Gespräch professionell und unverbindlich umschifft – ein bisschen Smalltalk über fremde Länder, um die angespannte Atmosphäre zwischen uns aufzulockern. Sie fühlte sich sicher in ihrer kontrollierten Distanz.
»Schade«, erwiderte ich, wobei meine Stimme einen Hauch dunkler klang, als ich beabsichtigt hatte. »Sie sollten einmal hinfahren. Bis jetzt bleibt der große Touristenansturm glücklicherweise noch aus.«
In meinem Kopf überschlugen sich die Bilder. Ich wollte ihr so verdammt gerne anbieten, mit mir in den nächsten Flieger nach Moskau zu steigen. Ich würde ihr meine Stadt zeigen – nicht nur das touristische Postkartenidyll rund um den Roten Platz, den Kreml oder die glitzernde Moskwa. Nein, ich würde ihr alles zeigen. Jede dunkle Gasse, jeden Winkel, der mir geblieben war, jeden vergilbten Fleck, an dem ich Erinnerungen aus einer Zeit trug, die offiziell gar nicht mehr existierte. Den atemberaubenden Blick von den Sperlingsbergen auf das endlose Häusermeer, das im Abendlicht brannte. Und am Ende würde ich ihr mich zeigen. Ohne Maske, ohne den erzwungenen Namen Dmitrij Mitrochin, ohne die ständige Vorsicht im Nacken. Und dann würden wir uns lieben. Die ganze Nacht hindurch. Roh, leidenschaftlich, kompromisslos, als gäbe es auf dieser verdammten Erde nichts anderes mehr.
Und was tat sie stattdessen? Sie winkte lässig ab, strich sich eine dunkle Strähne aus dem Gesicht und zerstörte meine kleine, verbotene Fantasie mit einem einzigen Satz.
»Nicht persönlich gemeint, aber ich verbringe meinen nächsten Urlaub dann doch lieber in Spanien oder Italien.«
Wusste ich doch. Typisch.
»Zumindest haben Sie dort eine Schönwettergarantie und es wird etwas mit der Urlaubsbräune«, gab ich mit einem trockenen, nüchternen Tonfall zurück, der die plötzliche Enttäuschung in meiner Magengegend kaschieren sollte.
Ich war plötzlich wie vor den Kopf gestoßen, tief im Inneren desillusioniert und von einer ungeduldigen Härte getroffen. Da hatte ich mich wohl gewaltig getäuscht. Ihre vorige Aufmerksamkeit war nichts weiter als pure Höflichkeit gewesen, eine reine Gefälligkeit aus dem Pflichtbewusstsein einer Angestellten heraus, garniert mit ein bisschen Büro-Charme, mehr nicht. Wie ein verdammt naiver Anfänger hatte ich wieder einmal etwas hineininterpretiert, das schlicht und einfach nicht da war. Peinlich. Der Gedanke brannte heiß in meiner Brust.
Doch genau in dieser Sekunde schlug die Tür mit Wucht auf und bildete den rettenden Anker aus diesem schmerzhaften, peinlichen Vakuum. Die kleine Celik stürmte herein, das Gesicht von einem breiten, völlig unbedarften Lächeln erfüllt, als sie mich an unserem provisorischen Treffpunkt bemerkte. Ihre Augen weiteten sich theatralisch, die Hände flogen in einer übertriebenen Geste nach oben.
»Entschuldigung, ich habe Sie gar nicht gesehen. Oh!«, rief sie fast quietschend und steuerte zielgerichtet auf den Samowar zu, als gäbe es im Umkreis von hundert Kilometern nichts Faszinierenderes. Sie beugte sich tief vor, musterte das glänzende, edle Stück mit einer Mischung aus skeptischer Faszination und jugendlicher Naivität. »Ein Samowar, wie toll! Aber wieso dieses alte Modell?«
Ich stieß ein leises, gepresstes Seufzen aus, das den aufgestauten Frust der letzten Minuten mitnahm, und lehnte mich schwer gegen die Kante der Anrichte. Ich wusste, sie hatte absolut keine Ahnung – genau wie die restlichen Gestalten in diesem Laden. Keiner von ihnen verstand auch nur den Hauch von dem, was dahintersteckte, welche Geschichte, welche Seele in diesem Messingklumpen ruhte. Hol's doch der Teufel. Vielleicht waren normale Beuteltees am Ende doch die weitaus bessere Option für diesen verdammten Laden und diese Leute, die ohnehin nichts begriffen.
»Weil das die besten sind«, knurrte ich leise, während mein Blick noch einmal zu Alexandra glitt, die das Schauspiel mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtete.