Eiskalt
Eiskalt
Mich ließ dieser Moment in der Teeküche absolut nicht mehr in Ruhe. Jede Sekunde, die verstrich, grub sich tiefer in mein Bewusstsein. Ich spürte, wie sehr ich Alexandra nahe sein wollte. Es war kein oberflächliches Verlangen, kein unkontrollierter Impuls; es war eine beharrliche, brennende Sogwirkung, die von ihr ausging. Ich wollte sie keineswegs billig anbaggern, sie nicht mit abgedroschenen Sprüchen erobern oder sie gar dazu nötigen, auch nur eine Minute ihrer kostbaren Zeit mit mir zu verbringen, wenn sie das nicht absolut wollte. Nein, das entsprach nicht meiner Art – und erst recht nicht dem Respekt, den diese Frau in mir erzwang. Ich wollte ihr schlicht und einfach zeigen, dass ich da war. Präsent, verlässlich, unübersehbar. Auch wenn mich das eine eiserne, fast unmenschliche Selbstdisziplin kostete, denn mein Blut kochte in ihrer unmittelbaren Nähe noch immer wie flüssiges Feuer. Jedes Mal, wenn ich vor ihr stand, ich ihren Atem hörte und den Duft ihres Shampoos roch, schaltete mein Verstand auf Alarmbereitschaft. Aber tief in meinem Inneren keimte die hartnäckige Überzeugung, dass ich vielleicht doch eine Chance hatte.
Der Arbeitstag neigte sich dem Ende zu. Ich war beinahe schon an ihrem Büro vorbeigegangen, als ich mich im letzten Moment entschloss, abrupt umzudrehen und an ihre Tür zu klopfen. Sie war dabei, ihren PC herunterzufahren und das Büro für heute dichtzumachen. Den Mantel hatte sie schon übergeworfen. Als ich den Raum betrat, lehnte ich mich an den Rahmen und lächelte sie an, wobei ich ganz nebenbei eine gezielte Anspielung darauf machte, dass ich ja nun direkt über ihr wohnte.
»Eigentlich könnten wir eine Fahrgemeinschaft gründen«, warf ich locker in den Raum.
Das Lächeln, mit dem sie antwortete, war jedoch absolut nicht das, was ich erwartet hatte. Da war keine Spur von unbekümmerter Belustigung. Sie wirkte in diesem Bruchteil einer Sekunde fast schon peinlich berührt, eine feine, unverkennbare Verkrampfung zog sich durch ihr Gesicht. Sie griff sofort hastig nach dem Schlüsselbund, an dem auch ihr Autoschlüssel hin, ließ die Metallringe leise klimpern – eine typische Übersprungshandlung, mit der sie unbewusst signalisieren wollte, dass sie mich und meine vermeintlichen Angebote absolut nicht nötig hatte. Ihr ganzer Körper strahlte eine abwehrende Souveränität aus, die jedoch Risse zeigte.
»Gut gedacht ist ja selten gut gemacht«, entgegnete sie, und in ihrer Stimme lag diese kühle, geschliffene Distanz, die sie wie einen Schutzschild vor sich trug. »Seien Sie mir nicht böse, aber ich schätze die Unabhängigkeit, die mir mein eigenes Auto bringt.«
Sie dachte vermutlich, sie hätte mich damit abserviert. Sie fühlte sich in ihrer Festung sicher, wollte mir Grenzen setzen und mir unmissverständlich zu verdeutlichen, dass sie sich ihre Wege von niemandem – und schon gar nicht von ihrem neuen Vorgesetzten – vorschreiben ließ.
»Das war nur ein Spaß«, sagte ich, hob beschwichtigend die Hände und trat einen Schritt zurück, um ihr den nötigen Raum zu geben, damit sie die schwere Bürotür endlich abschließen konnte. Ich musterte sie genau. »Wo haben Sie geparkt?«
»Ganz unten«, antwortete sie knapp. Sie zeigte unwillkürlich in Richtung des am weitesten entfernt gelegenen Parkplatzes auf dem Areal. »Heute Morgen war wieder kaum etwas frei.«
Ganz unten. Dort hatte ich mein Fahrzeug heute Morgen ebenfalls abgestellt, aber sie war nachweislich erst nach mir auf dem Gelände eingetroffen. War ihr mein imposanter Wagen etwa gar nicht aufgefallen? Bestimmt hatte sie ihn überhaupt nicht registriert, so fixiert war sie darauf gewesen, mir aus dem Weg zu gehen. Ich beobachtete fasziniert ihre schlanken Hände, als sie den Schlüssel im Schloss drehte und die Tür verriegelte. Sie hatte wunderschöne Hände – feingliedrig, elegant, perfekt manikürt. In diesem winzigen Bruchteil einer Sekunde stellte ich mir unwillkürlich vor, wie sie mich mit genau diesen Fingern berührte, wie sich diese feinen Konturen in meine Haut gruben und mich völlig verrückt werden ließen. Sicher beherrschte sie dieses verbotene Spiel aus kühler Zurückhaltung und unterschwelliger Lust perfekt. Mir wurde schlagartig heiß; eine schwere, drückende Hitze schoss mir durch den Körper und ließ mein Blut in den Adern pochen.
»Ich glaube, dann haben wir wohl den gleichen Weg«, stellte ich fest.
Zu meiner Überraschung verließen wir gemeinsam den Bürotrakt – zwar schweigend, aber immerhin - und ich zog die schwere Haupteingangstür ins Schloss. Doch während ich noch mit dem Schloss beschäftigt war, drückte sie bereits hastig auf den Fahrstuhlknopf. Es wirkte fast wie eine panische Flucht vor mir, ein verzweifelter Versuch, so schnell wie möglich aus meiner unmittelbaren Nähe zu entkommen. Mein einziger Vorteil lag darin, dass dieser alte Kasten von Aufzug schon total in die Jahre gekommen und ziemlich langsam war, und sie somit nicht einfach vor mir davonlaufen konnte. Schweigend und mit steifer Haltung warteten wir im kühlen Gang. Alexandra sah betreten und starr nach unten auf ihre Schuhspitzen, vermied beharrlich jeden Blickkontakt, während ihre Schultern leicht hochgezogen waren und eine pure, innere Anspannung verrieten. Smalltalk war definitiv nicht ihr Ding – und in diesem Moment war es mir im Grunde recht, denn so konnte ich sie ungehindert mustern, während die aufgestaute, brennende Anspannung zwischen uns im Raum stand.
Irgendwann öffnete sich die Aufzugtür mit einem hellen Ping, und wir zwängten uns beide in den engen, sterilen Raum, der nach verbrauchter Luft und schwerem Metall roch. Sofort lehnte sich Alexandra gegen die kühle Wand hinter sich und seufzte tief aus der Brust, als würde mit diesem einzigen Ausatmen eine tonnenschwere Last von ihren schmalen Schultern abfallen. Erst jetzt fiel mir auf, wie erschöpft sie tatsächlich aussah. Ihre Züge waren weicher, die sonst so stolze Haltung schien für einen kurzen Moment gebrochen, und in diesem Bruchteil einer Sekunde hätte ich sie am liebsten einfach in den Arm genommen, sie an mich gezogen und diesen verfickten Druck von ihr genommen.
Ob es wohl damit zusammenhing, dass es ihr heute Nachmittag so offensichtlich schlecht ging? Ich hatte mich vor ein paar Stunden gerade auf dem Sprung befunden – ein halbes Salamibrötchen noch im Mund, die Gedanken schon bei dem anstehenden Kundentermin –, als ich an ihrem Büro vorbeiging und sah, wie sie den Kopf tief hängen ließ. Die Hände lagen reglos auf der Tischplatte, der Blick war wie festgefroren. Ich war kurz stehen geblieben, hatte überlegt, ob ich hineingehen sollte, und sie schließlich gefragt, ob sie eine Schmerztablette bräuchte. Doch sie hatte abgelehnt, mich nur unwirsch, fast schon abwehrend angefahren. In diesem Moment war ich zweifelsohne unerwünscht. Da hatte ich beschlossen, sie besser in Ruhe zu lassen. Sie hatte ja schließlich ihre Freundinnen bei sich gehabt, die sich um sie kümmern konnten.
»Gab es heute irgendwas Besonderes?«, brach es schließlich aus mir heraus, als wir schweigend das Gebäude verließen und die schwere Glastür hinter uns ins Schloss fiel.
Es war an diesem Abend wieder ein besonders beißender Frost. Der Winter hatte seine eisige Hand bereits gnadenlos über das nächtliche Frankfurt gelegt, und ein scharfer, schneidender Wind zerzauste ihr die dunklen Haare, während sie sich ein wenig tiefer in ihren dicken, warmen Mantel kuschelte. Im orangenen, gedämpften Licht der Außenbeleuchtung sah sie mich müde an, die Augenränder leicht Schatten geworfen, doch sie schüttelte den Kopf und schob ihre miese Laune kurzerhand auf den allgemeinen Vorweihnachtsstress, der in den Büros derzeit alle verheizte. Ich nickte verstehend, hielt ihrem Blick stand und genoss insgeheim den Moment, in dem ihre Augen über meine Statur glitten. Ich merkte genau, dass ihr mein hochwertiger Kaschmirmantel auffiel. Kein Wunder, wenn man bedachte, welche formlosen, grauen Daunenjacken und billigen Anoraks hier sonst so durch die Flure liefen. Wir wechselten ein paar harmlose Worte, tauschten banale Floskeln über die Arbeit aus, um die angespannte Stille zu überbrücken.
Und doch, gerade als wir den unebenen Gehweg zum Mitarbeiterparkplatz erreicht hatten und die Kälte uns erneut in die Knochen kroch, musste ich es einfach noch einmal direkter wissen. Ich konnte dieses Rätselraten nicht einfach auf sich beruhen lassen.
»Und Ihnen geht’s inzwischen wieder besser?« Meine Stimme war leise, fast sanft, aber innerlich brannte in mir eine ungeduldige Glut.
Sie sah mich einen Moment lang fragend, fast ertappt von der Seite an. »Was genau meinen Sie?«
»Heute Mittag im Büro«, sagte ich, und meine Tonlage wurde noch ruhiger, fast intim, während mein Blick an ihren Gesichtszügen haftete, »Sie sahen ziemlich mitgenommen aus, als ich kurz reinkam.«
Sie zog den Kopf für eine Sekunde leicht ein, schrumpfte optisch ein wenig zusammen. Es war ihr unangenehm, das spürte ich sofort. »Ach das«, murmelte sie und strich sich über den Mantelärmel, »Machen Sie sich keine Gedanken. Es war nur etwas Privates, was mich für einen Moment abgelenkt hat.«
Mir blieb in diesem Augenblick nichts anderes übrig, als zu spekulieren, und mein verdammtes Kopfkino lief sofort auf Hochtouren. Dem verkrampften Gesichtsausdruck und der abrupten Abwehrhaltung nach zu urteilen, musste es sich schlicht und ergreifend um einen Kerl handeln, der ihr an diesem Tag ans Bein gepisst hatte. Ein Ex-Freund, der nicht lockerließ, oder vielleicht irgendein Arschloch aus ihrem privaten Umfeld, das sie verletzt hatte. Die bloße Vorstellung reichte aus, um das Adrenalin in meinen Adern zum Kochen zu bringen. Ich schwor mir im stillen Keller meiner Gedanken, dass ich jeden einzelnen Typen in der Luft zerreißen würde, der es wagte, diese Frau schlecht zu behandeln, solange ich hier in ihrer Nähe war. Keiner hatte das recht, ihr auch nur ein einziges Haar zu krümmen. Verflucht, allein der Gedanke daran, dass es vor meiner Zeit Männer gegeben hatte, die sie berühren durften, die ihre Haut befühlt und sie in ihren Armen gehalten hatten, ließ mich innerlich explodieren. Es war eine primitive, eifersüchtige Wut, gepaart mit einer verzehrenden körperlichen Erregung, die mich fast den Verstand kostete. Und das Absurde daran war: Ich wusste ganz genau, dass ich kein verdammtes Exklusivrecht auf sie besaß. Wir waren Kollegen – zumindest offiziell. Ich durfte mir keine Fehltritte erlauben, musste die Fassade wahren. Also biss ich die Zähne zusammen, schluckte das brennende Verlangen hinunter und bohrte nicht weiter nach. Wenn sie mir nicht sagen wollte, worum es ging, musste ich es akzeptieren. Zumindest Vorerst.
Wortlos gingen wir nebeneinander weiter über den kalten Asphalt – und natürlich standen sich unsere Autos mal wieder rein zufällig genau gegenüber. Der massive, tiefschwarze G63 ragte wie ein uneinnehmbarer Monolith aus der grauen Kulisse des Parkplatzes heraus, direkt neben ihrem Wagen.
»Wenn das mal kein Zufall ist«, kommentierte sie den Anblick mit einem leisen, fast schelmischen Unterton in der Stimme, der durch die kalte Nachtluft drang, »Haben Sie sich absichtlich neben mich gestellt?«
Ich tat in diesem Moment demonstrativ auf völlig verwirrt, zog eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Woher wissen Sie denn so genau, dass der Wagen mir gehört?«
Woher wohl? Die Wahrheit war: Ich hatte mich am gestrigen Abend absichtlich genau auf ihren Parkplatz gestellt. Zwar war es anfangs vielleicht ein unüberlegter Schnellschuss gewesen, aber den Platz hatte ich mit voller Absicht gewählt, und natürlich musste ihr das aufgefallen sein.
Das nächtliche Szenario auf dem spärlich beleuchteten Parkplatz war von in die Knochen kriechender Kälte und tiefer Dunkelheit geprägt. Die eisige Luft umfing uns wie ein schwerer Mantel, während wir dort im Schatten standen. Ein kalter, beißender Wind strich durch die Betonwände des Parkdecks, das leise, monotone Zischen der Nacht wurde nur untermalt von dem schwachen, orangefarbenen Blinken einer defekten Laterne über unseren Köpfen. Sie lachte plötzlich leise auf, ein warmer, melodischer Ton, der in der frostigen Umgebung fast deplatziert wirkte, als hätte sie gerade ein pikantes Geheimnis aufgedeckt. Sie schaute mich mit diesen glänzenden, hellen Augen an, die im Dunkeln eine fast hypnotische Sogwirkung entfalteten.
»Sie haben vergangene Nacht auf meinem Parkplatz in der Tiefgarage gestanden«, bemerkte sie trocken, und in ihrem Blick lag eine Mischung aus amüsiertem Triumph und einer unterschwelligen Provokation, die mich bis ins Mark traf.
Ich entschuldigte mich. »Oh, das tut mir leid. Das war dann ein Versehen.«
Ich öffnete die schwere Fahrertür meines Wagens und warf meine Aktentasche mit einer fließenden, fast mechanischen Bewegung auf den Beifahrersitz, während mein Blick an Alexandra hängen blieb. Sie besah sich den Innenraum meines Autos mit einer plötzlichen, fast kindlichen Neugier, die in scharfem Kontrast zu ihrer sonst so eisigen, unnahbaren Büro-Fassade stand.
»Kein Problem«, entgegnete sie großmütig, und ein Hauch von Erleichterung schlich sich in ihre ansonsten so kontrollierte Stimme. Sie verschränkte die Hände vor ihrem Körper, wobei ihre Finger leicht an dem teuren Leder ihrer Louis-Vuitton-Tasche zupften. »Ich habe mir einfach Ihren Platz geschnappt. Bis gestern Abend dachte ich ohnehin, dass das Penthouse noch nicht bewohnt wäre und der Parkplatz frei ist.«
Ehrlich? Hatte sie wirklich nicht bemerkt, dass da jemand direkt über ihrem Kopf herumtrampelte, Möbel schleppte und das Leben in diesen kühlen Betonklotz brachte? Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen meinen Wagen, ließ die Muskeln in meinen Schultern spielen und musterte sie aus halbgeschlossenen Augen. In meinem Unterleib brodelte eine zähe, dunkle Hitze, die sich unaufhaltsam ihren Weg bahnte. Jedes Mal, wenn sie in meiner Nähe war, schien die Luft schwerer, fast greifbar zu werden.
»Ich werde in Zukunft besser darauf achten, versprochen«, sagte ich mit einem Tonfall, der tiefer klang, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte.
Neugierig schlenderte sie nun um mein Auto herum, die Schritte leicht und federnd, und strich mit einer fast zärtlichen Geste andächtig über den glänzenden, schwarzen Kotflügel. Wenn sie doch nur mich so berührt hätte... Wenn diese feinen, eleganten Finger stattdessen über meine Haut wandern würden, würde jede eiserne Disziplin, die ich mir mühsam auferlegt hatte, augenblicklich in Rauch aufgehen.
»Ich werde es Ihnen verzeihen – aber nur, weil mir Ihr Wagen so gut gefällt. Ziemlich neu, oder?«, fragte sie und warf mir einen raschen, prüfenden Seitenblick zu, in dem ein helles Funkeln lag.
Sie mochte Autos? Das wurde ja immer besser. In ihrem Kopf rechnete sie wahrscheinlich gerade zusammen, was ein solcher Schlitten kostete, und fragte sich, wie ein Angestellter in unserer Position sich das leisten konnte. Ich musste akribisch darauf achten, was sie diesbezüglich sagte, durfte mir keinen einzigen Aussetzer erlauben. Vielleicht war das aber auch das ein Türöffner, ein kleiner Riss in ihrer perfekten Schutzmauer.
Ich nickte langsam. »Kann man so sagen. Erst vor vier Wochen gekauft.«
Zwangsläufig. Ich mochte den G63 schon immer, aber vor ein paar Wochen fuhr ich noch einen Range Rover. Eine der schlechtesten Entscheidungen, die ich je getroffen hatte. Der Karre war es geschuldet, dass ich den Werkstattchef mittlerweile duzte und das Ding am liebsten eigenhändig in die Tonne getreten hätte.
Sie wirkte plötzlich nachdenklich, der Schatten eines leisen Bedauerns legte sich über ihre Züge. Ihre Stirn zog sich in feine, winzige Falten, während ihr Blick auf den Felgen ruhte. »Sehr schick. Zwar nage ich nicht am Hungertuch, aber dafür müsste ich im Lotto gewinnen.«
Was sollte ich ihr erzählen? Dass ich aus beruflichen Gründen in kriminelle Machenschaften mit dubiosen Tschetschenen verwickelt war, Drogengeld wusch, um mir damit eine neue Existenz aufzubauen, was mir nach meiner eigentlichen Dienstzeit einen soliden und ehrlichen Lebensunterhalt einbringen sollte? Es war noch viel zu früh, um sie mit solchen Informationen zu überfordern. Sie würde schreiend davonlaufen, wenn sie wüsste, wer und was hinter der glatten Fassade von Dmitrij Mitrochin steckte.
»Ach, das geht schon alles irgendwie«, winkte ich ab und zwang ein schmales, unverbindliches Lächeln auf meine Lippen. »Außerdem können Sie sich über Ihren Wagen auch nicht beschweren.«
Sie fuhr einen Audi. Nicht mehr das neueste Modell, aber groß, solide und in einem scheinbar guten Zustand. Seine besten Jahre hatte er längst hinter sich, aber man erkannte sofort, dass sie ihn pflegte wie einen treuen Begleiter, der sie nie im Stich gelassen hatte.
Sie lächelte bitter, fast resigniert, und senkte kurz den Blick auf ihre schicken Schuhe. Beinahe hatte ich das Gefühl, sie schämte sich dafür, nicht über dieselben finanziellen Mittel zu verfügen wie ich, wollte sich jedoch vor mir keine Blöße geben. »Meinen Sie? Ich denke, es ist längst Zeit für etwas Neues.«
Ich seufzte tief, die angestaute Luft entwich hörbar aus meiner Lunge, und ich stieß mich schwer von dem kalten Blech des Wagens ab. Die körperliche Nähe zu ihr ließ mein Herz in einem ungesunden, harten Takt schlagen. »Alles im Leben wandelt sich irgendwann vom tollen Neuen in Routine und Gewohnheit. Was nicht automatisch bedeutet, dass es schlechter wird.«
Sie sah mich direkt an, und für einen Bruchteil einer Sekunde schien die Zeit stehen zu bleiben. Ihre Augen suchten meine, tief, forschend und voller ungeklärter Fragen. »Alles im Leben hat eben seine Vor- und Nachteile«, flüsterte sie leise.
Und damit hatte sie völlig recht. Vorteil – ich war ihr Chef. Sie würde mir jeden verdammten Tag über den Weg laufen. In den Gängen, in der Teeküche, an diesem Schreibtisch. Die Chancen, sie näher kennenzulernen, sie zu beobachten, wie sie sich in ihrer klugen, unnahbaren Art gab, waren massiv erhöht. Ich hatte sie an der Angel, ohne dass sie es überhaupt verhindern konnte. Aber die Kehrseite der Medaille schmeckte nach Galle und purem Frust. Denn der Nachteil war – ich war eben ihr Chef. Was gleichzeitig bedeutete, dass mir die Hände gebunden waren wie einem verdammten Wachhund an der kurzen Leine. Ich musste mir dreimal überlegen, was ich tat, wie ich sie anschaute, welchen Ton ich anschlug. Ein falscher Schritt, eine zu gierige Gabe, ein Hauch von dem, was wirklich in mir brodelte, und ich würde nicht nur sie verschrecken, sondern auch die unersetzliche Mitarbeiterin, die sie eben war. Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht, kniff die Augen zusammen und stieß einen harten, verbrauchten Seufzer aus.
»Gut, Frau Below«, ich warf einen raschen Blick auf meine Armbanduhr, denn ich wusste, dass wir uns hier in eine gefährliche Richtung bewegten, in der ich jeden Moment die Kontrolle verlieren und sie einfach an mich reißen konnte. Die Versuchung brannte wie Feuer unter meiner Haut. »Dann machen wir uns beide am besten auf den Weg. Wir sind sowieso schon viel zu spät dran.«
Ich wollte mich abwenden, den physischen Abstand wahren, den mir meine eiserne Vernunft gebot. Doch jetzt war sie es, die den Faden aufnahm, als wollte sie dieses unsichtbare, pulsierende Band zwischen uns noch ein Stück weiter spannen. Ihre Handtasche fester in beiden Händen haltend, lächelte sie plötzlich verlegen. Ein Hauch von purer Unsicherheit huschte über ihr ansonsten so stolzes, unnahbares Gesicht, und sie sah mich direkt, fast suchend an.
»Wissen Sie, es ist irgendwie seltsam festzustellen, dass ich jetzt zu Ihnen sagen könnte, wir sehen uns zuhause.«
Es war überhaupt nicht seltsam. Ganz im Gegenteil. Es fühlte sich an wie das Einzige, das in dieser verdammten, grauen Welt noch Sinn ergab. Es war wunderschön. Und ich hoffte mit jeder Faser meines aufgewühlten Körpers, dass es irgendwann tatsächlich dazu kommen würde, dass dieser Satz genau das bedeutete, wonach er klang – ein Ankommen, ein Teilen, ein gemeinsames Leben hinter verschlossenen Türen, fernab von all den Lügen und der ständigen Wachsamkeit. Aber bis jetzt musste ich mich verdammt noch mal damit zufrieden geben, dass sie meine Nachbarin war. So nah und doch so fern, während mein Blut in ihrer Gegenwart kochte und mir unerbittlich zuflüsterte, dass ich noch lange nicht am Ziel war.
»Stimmt«, erwiderte ich mit rauer, dunkler Stimme, während meine Augen schwer auf ihren Lippen ruhten, die vor Kälte leicht zitterten, »irgendwie amüsant, oder nicht?«
Ich entschuldigte mich. Ich lächelte sie an. Ehrlich, offen – charmant. Verflucht, ich stand so kurz davor, sie in meine Arme zu ziehen und sie zu küssen. Ich wollte sie so sehr, dass es in mir brannte. Jede Faser meines Körpers schrie nach ihrer Nähe, und die stählerne Disziplin, die ich mir in all den Jahren als Überlebender und Elitekämpfer antrainiert hatte, drohte unter dieser massiven, körperlichen Anziehungskraft wie morsches Holz zu zerbrechen.
Sie machte eine zarte Bewegung mit ihrer Hand, ein wenig verlegen, ein wenig geziert. Diese kleine, fast unbewusste Geste verriet mir, dass sie meine physische Präsenz genauso wenig kaltließ wie mich ihre. »Gestern Abend war ich schon ein wenig überrascht«, sagte sie mit einer Stimme, die diesen typischen, unnahbaren Klang trug, hinter dem sie sich so gerne versteckte.
Und jetzt log ich zum ersten Mal bewusst. »Ich wusste wirklich nicht, dass Sie unter mir wohnen«.
Ich war mir sicher, sie nahm mir diese Lüge nicht ab. Ein kleines Zucken ihres Augenwinkels verriet es mir sofort. Sie durchschaute mich, und in ihrem Kopf ratterte es gewaltig – sie fragte sich zweifellos, was für ein abgekartetes Spiel ich hier eigentlich trieb oder ob ich tatsächlich so verdammt gut vorbereitet war, wie sie befürchtete. Aber sie ließ sich nichts anmerken, strich die Kanten ihrer Fassade glatt und konterte mit gewohnter Souveränität: »Und selbst wenn – Sie hätten die Wohnung wahrscheinlich trotzdem gekauft. Mit Recht, denn sie ist wirklich wunderschön«.
In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ob ich sie zu mir einladen sollte? Einfach so? Zum Einstand? War gerade nicht der perfekte Zeitpunkt? Mein Verstand rief zur Vorsicht, während das pure Verlangen in meinen Adern brodelte. Stattdessen suchte ich nach einem neutraleren Anker, um das Gespräch am Laufen zu halten. »Waren Sie schon einmal auf der Dachterrasse?«
Sie nickte, aber in ihren Augen lag plötzlich etwas Verbitterung. Eine dunkle, schattige Regung, die ihr ansonsten so kontrolliertes Gesicht für einen Wimpernschlag veränderte. »Ja, ich wurde einmal von dem vorherigen Besitzer zu einer Party dort oben eingeladen. Der Ausblick über die Skyline, ohne dabei von einem Fenster gestört zu werden, war beeindruckend«.
War dort etwas geschehen, was sie mir verheimlichte? War der Vorbesitzer ihr Ex? Oder hatte sie mit dem Typen einfach was? Ein stechender, unwillkürlicher Anflug von Eifersucht bohrte sich in meine Magengegend. Nein, das konnte nicht sein. Ich hatte ihn beim Notar getroffen. Der Mann war bereits über 60, so eine Perversion traute ich ihr nicht zu. Der Schmerz in ihren Augen musste also irgendwo anders herkommen, tief in ihrer Vergangenheit verwurzelt sein, an die ich noch nicht heranreichte.
Ich schluckte den harten Kloß in meinem Hals hinunter, zwang mich zur stählernen Ruhe und nickte. »Ja, traumhaft. Die Wohnung war ein echter Glücksgriff. Man findet auch selten so perfekt geschnittene Räume.«
Und als wäre mein letzter Satz ein abgesprochenes Safeword gewesen, fiel Alexandras Blick schlagartig auf ihre Armbanduhr. Mit einem Male schien sie es verdammt eilig zu haben. Sie riss sich aus ihrer plötzlichen Träumerei, ihre Schultern strafften sich, und in ihren Augen flackerte pure Betriebsamkeit auf. »Herr Mitrochin, danke für dieses Stichwort, ich muss los. Ich hätte beinahe meinen Termin vergessen«.
Und das schien verdammt noch mal keine billige Ausrede zu sein. Es war absolut ehrlich – man sah es an ihrem flachen, plötzlichen Atem und der hastigen Art, mit der sie ihre Tasche fester griff. Sie war gedanklich bereits meilenweit entfernt, gefangen in ihrem Pflichtbewusstsein, während mein Körper noch immer bannte.
»Na dann will ich Sie nicht aufhalten«, sagte ich mit rauchiger Stimme. Ich reichte ihr zum Abschied die Hand und hielt sie dabei vielleicht eine Sekunde länger fest, als es die bloße Höflichkeit erlaubte. Ich spürte die weiche Haut unter meinen Fingern und das kurze, heftige Innehalten, bevor ich leise und mit einem unausgesprochenen Versprechen hinzufügte: »Vielleicht sieht man sich ja noch zuhause.«
Keine halbe Stunde später stand ich im Fitnessstudio, umgeben von eiskaltem Stahl, dem Gestank von abgeriebenem Gummiboden und dem dumpfen Wummern in meinen Ohren. Verdammt, es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Diese Frau war kein bloßer Gedanke mehr, sie war ein Tumor, der sich in meinem Kopf festgefressen hatte und jede verfickte Faser meines Verstands kontrollierte. Alexandra. Ihr Name brannte auf meiner Zunge wie billiger Schnaps, während ich mich vor die Langhantel stellte. Ich legte mir das Gewicht auf die Schultern. Hundertfünfzig Kilo. Lächerlich wenig im Vergleich zu dem Druck, der auf meiner Brust lastete, aber heute ging es nicht um Rekorde. Es ging darum, den Schmerz zu betäuben, die unerträgliche, pochende Erregung aus dem Körper zu prügeln, die mich schier verrückt machte. Ich ging in die Knie. Langsam, kontrolliert, die Muskeln bis zum Reißen gespannt. Unten angekommen hielt ich die Position für einen Bruchteil einer Sekunde, während das Eisen auf meinen Schultern drückte wie die Last einer ganzen Welt. Damals bei der Einheit gab es solche Momente nicht. Da wusstest du, woran du warst. Da wusstest du, wer Feind war. Aber Alexandra war kein Feind. Sie war eine verdammte Droge, ein toxischer Mix aus Stolz und Verletzlichkeit, den ich mir freiwillig reinzog. Und je mehr ich versuchte, den Kopf frei zu kriegen, desto tiefer brannte sich ihr Bild in mein Gehirn. Ich war bis zum Zerreißen angespannt, und wenn ich Alexandra nicht bekam, dann musste verdammt noch mal jemand dafür dran glauben. Ein kleiner Kampf, Mann gegen Mann, ohne Bandagen, das war es, was ich jetzt brauchte. Einer, der mir die Fresse poliert oder dessen Knochen unter meinen Händen brechen, um diesen scheiß Druck abzulassen. Das hätte geholfen. Stattdessen stand ich hier und quälte mich selbst mit totem Eisen.
Ich packte die Stange im Kreuzgriff, die Hände schlossen sich so fest um den gerändelten Stahl, dass die Knöchel weiß wurden. Ich hob das Gewicht an, spürte das brennende Gift in meinen Oberschenkeln, den Schweiß, der mir in Strömen über die Stirn lief und in die Augen brannte.
»Scheiße noch mal«, zischte ich leise in den leeren Raum, während die Adern an meinen Unterarmen pulsierten und die Erregung tief in meinem Unterleib brannte, hart und unnachgiebig. Ich wollte sie. Ich wollte sie nicht sanft. Ich wollte sie an die Wand drücken, ihr den Atem rauben und ihr zeigen, dass sie gegen mich verdammt noch mal keine Chance hatte und auch keine haben wollte.
Die Hantelstange lag schwer und kalt auf meiner Brust, der Stahl schnitt sich förmlich in meine Haut, während meine Muskeln unter der Last brannten. Jeder einzelne Atemzug schmeckte nach Schweiß, verbrauchter Luft und diesem verfickten, ungestillten Verlangen, das mich fast wahnsinnig machte. Alexandra. Ihr Name hämmerte in meinem Kopf wie ein Presslufthammer. Sie war überall, setzte sich in jedem Winkel meines Gehirns fest, während ich mich hier im Gym mit hundertfünfzig Kilo Stahl quälte, um den Druck im Unterleib wenigstens für ein paar Minuten zu betäuben
In einer kurzen Verschnaufpause, als meine Lungen brennend nach Luft schrien und der Schweiß mir in Sturzbächen über den Körper lief, tat ich es. Ich ließ das Eisen fallen, strich mir mit dem Handrücken über das Gesicht und griff nach meinem Handy, das auf der Gummimatte lag. Das Display leuchtete hell auf in dem spärlich beleuchteten Raum.
Sweta.
Normalerweise hätte ein Anruf oder eine Nachricht an sie genau einen Zweck erfüllt – den angestauten Druck abzulassen, sich den Frust und die Geilheit aus dem Leib zu vögeln, um danach wenigstens für ein paar Stunden einen klaren Kopf zu haben. Früher hätte ich keine Sekunde gezögert. Aber heute? Heute fühlte sich der Gedanke daran falsch an, wie ein billiger Abklatsch, der mich nur noch mehr ankotzen würde. Vor allem aber wäre es verdammt unfair gewesen. Ich wollte keine halben Sachen, keine Ausflüchte und vor allem kein falsches Spiel mehr. Nicht, während mein ganzer Verstand von einer anderen Frau eingenommen war. Und vielleicht musste auch erst mal das abgeschlossen werden, bevor ich weiter kam.
Ich wollte klare Verhältnisse. Punkt.
Ich entsperrte das Display, öffnete den Chat und hämmerte die Zeilen in die Tasten, kurz, direkt und ohne Rechtfertigung. »Hallo Sweta! Danke für die Zeit, die wir miteinander verbracht haben, aber sie hat nun ihr Ende gefunden. Ich wünsche dir für die Zukunft nur das Beste.“
Unmissverständlich.
Ich hätte sie einfach ghosten können – so wie man das heute eben machte, wenn man zu feige für ein ehrliches Wort war, Handy aus, Nummer blockiert, fertig. Aber das war nicht mein Stil. Bei den SOBR-Einheiten hatte man dir beigebracht, geradezustehen, auch wenn es wehtat oder unangenehm wurde. Man drückte sich nicht vor den Konsequenzen.
Ich drückte auf Senden. Ein kurzer, digitaler Ton – weg. Die Nachricht war raus.
Ein tiefes, schweres Ausatmen entrang sich meiner Brust, als ich das Handy wieder auf den Boden warf. Der Ballast war weg, ein Kapitel geschlossen. Doch anstatt Erleichterung breitete sich sofort wieder diese verdammte Hitze in mir aus. Denn mit Sweta war es vorbei, aber Alexandra... Mit Alexandra stand ich erst am Anfang. Wenn überhaupt.
Ich war fertig mit dem Training. Die Eisen hatten ihren Zweck erfüllt, der Stahl hatte mir die letzten Reste von angestautem Frust aus den Knochen geprügelt, aber der verdammte Druck in meinem Kopf war geblieben – er hatte sich nur verlagert, tief in mein Blut, das nach wie vor heiß und pochend durch meine Adern rollte. Der riesige Vorteil, dass das Fitnessstudio direkt im Haus beziehungsweise um die Ecke lag, war unbezahlbar. Ich konnte mir den Weg durch den kalten Wind sparen, raus aus dem Dunstkreis aus Schweiß, billigem Gummi und dumpfem Muskelgeprotze. Ich hatte keinen Bock mehr darauf, mich mit anderen Männern in stickigen Gemeinschaftsduschen zu drängen. Das hatte ich in den Jahren bei den Einheiten zu oft getan – nackte Körper, dampfende Fliesen, die ständigen Blicke. Und in meinem momentanen Zustand, mit dieser ungestillten, harten Erregung im Unterleib, hätte das verdammt schnell zu Missverständnissen oder unnötigen Reibereien führen können.
Ich stand nun unter der kalten Dusche, ließ das eiskalte Wasser über mein Gesicht und meine breiten Schultern laufen, während die Wassertropfen an meiner Haut abperlten, aber die innere Hitze nicht einen Grad abkühlen konnten. Ganz im Gegenteil. Das kalte Prasseln schärfte meine Sinne nur noch mehr, und sofort war sie wieder da – sie, diese verfluchte Teufelin namens Alexandra, die ein derartiges Feuer in mir entfacht hatte. Jede Linie ihres Gesichts, diese stolze, unnachgiebige Haltung, das Blitzen in ihren Augen, wenn sie versuchte, mir die Stirn zu bieten – es machte mich wahnsinnig. Es war längst kein simpler Drang mehr nach Entladung gewesen, auch wenn mein Unterleib bei dem Gedanken an sie augenblicklich wieder heftig pulsierte. Es war dieses unstillbare Verlangen danach, ihr einfach alles zu geben, was ich konnte. Ich wollte sie nicht nur besitzen. Ich wollte ihr nicht nur zeigen, wie es sich anfühlte, vor Lust und Ekstase völlig zu zerfließen, ihr die Kontrolle zu nehmen und sie in den Wahnsinn zu treiben, bis sie meinen Namen keuchte. Nein, da war noch etwas anderes, das mich von innen heraus auffraß und das ich mir selbst kaum eingestehen wollte. Ich wollte da sein, wenn sie aufwacht e. Ich wollte sie wachküssen, wenn das erste graue Morgenlicht durch die Ritzen der Vorhänge drang, ihren verschlafenen Blick sehen, wenn sie mich dabei anlächelte. Ich wollte ihr den Kaffee ans Bett bringen, barfuß über den Holzboden, und an verschneiten Tagen das Bett einfach nicht verlassen. Die Welt da draußen aussperren, das Telefon auf stumm stellen, während wir eingekuschelt in den Laken lagen, Haut an Haut, und ich jede Linie ihres Körpers mit den Händen erkundete, als gäbe es auf dieser verfluchten Erde nichts anderes mehr.
Ich strich mir mit den Händen über das nasse Gesicht, schloss kurz die Augen und spürte, wie sich in meiner Brust ein eiserner Entschluss formte. Jemand, der nichts zu verlieren hatte, konnte sich Zeit lassen. Ich hatte verdammt noch mal alles zu verlieren, wenn ich sie an einen anderen verlor. Morgen war Schluss mit dem halben Kram. Ich würde ab morgen Stück für Stück durchblicken lassen, dass ich mir von Alexandra verdammt noch mal sehr viel mehr erhoffte als nur eine gute, reibungslose Zusammenarbeit im Büro. Ich drehte das Wasser ab, starrte in die tropfende Duschkabine und wischte mir das Wasser aus den Augen – bereit, mir zu holen, was verdammt noch mal zu mir gehörte.