LNCrawler

Kompliment

Черные Глаза 2 - Unter Dem Maßanzug — www.fanfiktion.de · All chapters

Kompliment

Ich stand am nächsten Morgen in der Teeküche. Mit voller Absicht, verdammt noch mal, denn ich wusste ganz genau, dass das Alexandras erste Station war, sobald sie den grauen Bürotrakt betrat. Sie kam jeden einzelnen Tag zuerst hierher, um ihr Zeug – meistens eine ordentlich verpackte Dose mit gesundem Futter für die Mittagspause – in den Kühlschrank zu verfrachten, weil sie offenbar keinen Bock auf das geschmacklose Kantinenfutter hatte. Und auch heute wurde ich nicht enttäuscht – aber ich war so tief in meinen eigenen, verdammten Gedanken versunken, dass ich für eine Sekunde nicht aufpasste. Die Tür flog auf, als ob jemand eine feindliche Stellung stürmen wollte, und Alexandra platzte mit einer Wucht herein, die mich fast von den Füßen riss. Auf ihrem Arm trug sie einen Korb, darin befindlich ein paar Packungen Weihnachts-Süßigkeiten, wie ich auf den ersten Blick erkannte. Sie hatte mir die Tür beinahe ins Gesicht geschlagen, und nur ein reflexartiger, in harten Jahren trainierter Schritt zur Seite bewahrte mich davor, dass mir das schwere Holz das Nasenbein zertrümmert hätte.

»Oh, guten Morgen!«, rief sie, und ihr Ton klang überrascht, fast ein wenig erschrocken, als hätte sie hier um diese frühe Stunde alles erwartet, nur nicht mich.

Mir ging es nicht besser, verdammt. Ich hielt meine schwere Kaffeetasse in der Hand – nach dieser kurzen, schlafarmen Nacht brachte ich einfach nur echten, schwarzen Kaffee und keinen verdammten Tee herunter —, starrte an meinem weißen Hemd hinab und atmete tief aus. Glück gehabt, nichts verschüttet.

»Guten Morgen. Das war jetzt aber knapp, Frau Below«, knurrte ich mit dunkler, rauer Stimme, die tiefer klang, als ich es beabsichtigt hatte.

Ich sah ganz genau, wie sich ein freches, kleines Grinsen auf ihr Gesicht stahl. Wenn mich nicht alles täuschte, schwang da eine gehörige Portion Belustigung mit. Oder sogar pure Schadenfreude, weil sie mich fast erwischt hätte. Mann, das war wirklich verdammt knapp gewesen. In genau diesem Moment, während sie den Korb fester an ihren Körper drückte, als müsste sie sich vor meinem lüsternen Blick panzern, ratterte es in ihrem Kopf gewaltig. Ich konnte es förmlich spüren. Sie fragte sich mit Sicherheit, was der neue Chef hier verdammt noch mal um diese Uhrzeit in der Teeküche trieb. Sie dachte wahrscheinlich, ich würde sie stalken – und verdammt, sie hatte recht, auch wenn ich es mir selbst nie eingestanden hätte. Sie überlegte fieberhaft, wie sie aus der Nummer wieder herauskam, wie sie ihre professionelle Maske aufrechterhalten konnte, während ihr eigener Puls bei meiner Anwesenheit garantiert genauso hämmerte wie meiner. Verstohlen versuchte sie, den Korb aus meinem Blickfeld zu schaffen. War das das Problem? Der Bataillonsvorrat an Zucker? Es war ja schön und gut, dass man sich auf die bevorstehenden Feiertage freute, aber dieser ständige, zuckersüße Wahnsinn in der Disposition nahm langsam überhand. Ein Plätzchenteller hier, eine Torte da. Die Luft roch nach billigem Vanillekram, künstlichem Zimt – allgemein nach widerlichem, pappigen Zeug, das die Leute tonnenweise in sich hineinschaufelten, als gäbe es kein Morgen. Es reichte sowieso schon, dass die Allendorf den ganzen Tag an irgendwelchen Keksen knabberte. Man hörte dieses feine, nervtötende Knuspern im Minutentakt, gefolgt von dem Schaben ihrer Fingernägel auf den Tasten. An ihren Hüften setzte es zwar nicht an, wofür ich echte Bewunderung hegte, aber dieses Nachtschattengewächs ließ die Krümel einfach in ihre Tastatur rieseln – das Ding musste mittlerweile aussehen und kleben wie das Bröselfach meines Toasters nach zehn Jahren Dauereinsatz. Und als ob das nicht reichen würde, zog sich die Beckstein direkt gegenüber denselben Film rein. Die futterte ebenfalls den ganzen Tag durch, als stünde sie kurz vor dem Winterschlaf. Wenn die so weitermachte, brauchte sie bald keinen Ausweis mehr, sondern passte exakt in die Form des fetten Buddha, der da prangend auf ihrer Teetasse abgebildet war. Eigentlich ging es mich ja nichts an, was die Damen da den ganzen Tag in sich reinstopften, aber ich konnte diese maßlose Fresserei einfach nicht ausstehen. Keine Disziplin, kein Wille, sich mal zusammenzureißen. Alles wurde vollgekrümelt, vollgeschmiert und zugemüllt.

»Tut mir leid, das war keine Absicht«, sagte Alexandra schließlich, während sie den Korb noch einen Zentimeter höher zog. »Aber ich gebe Ihnen den Tipp, sich einfach weiter nach rechts zu stellen, sonst passiert so was öfter. Ähm... darf ich mal bitte an den Kühlschrank?«

Sie unterdrückte das Lachen in ihrer Stimme nur mühsam. Ihre Augen funkelten dabei. Sie machte sich echt über mich lustig, diese kleine Hexe. Was wäre wohl passiert, wenn ich mir tatsächlich den Kaffee drübergekippt hätte? Ich hätte es mir vom Leib gerissen, ihr in die Hand gedrückt und sie, mit Kleiderbürste und Seife bewaffnet, ans Waschbecken gestellt, damit sie den Schaden wieder beheben konnte. Nicht aus Bosheit, nur um zu sehen, wie sehr sie sich um mich bemühte. Und dabei hätte ich direkt neben ihr mit freiem Oberkörper gestanden, die Narben von früher zur Schau gestellt, während sie verlegen auf den nassen Stoff gestarrt hätte. Hatte zumindest bisher immer gezogen – dieser primitive, aber wirksame Trick, um Frauen komplett aus dem Konzept zu bringen.

Ich ging einen Schritt zur Seite, obwohl die physische Nähe zu ihr nicht zu verachten war. »Gerne«, brummte ich tief in meinem Hals.

Sie bückte sich nach unten zum Kühlschrank und räumte ihren Kram ein, völlig ungeniert. Ich leckte mir unauffällig und unbewusst über die trockenen Lippen. Sie trug heute dieses dunkelblaue Blusenkleid. Knielang, ja, aber bei dieser Bewegung offenbarte es ein wenig mehr Bein, als für meine Arbeitsmoral in diesem popeligen Laden gut war. Mein Gott, kapierte sie eigentlich nicht, dass sie mir gerade ihren knackigen Hintern direkt entgegenstreckte? Das Blut schoss mir sofort in den Kopf, pochte heiß und schwer in meiner Hose, während mein Blick wie magisch an ihren Kurven hängen blieb. Jetzt nicht, bitte jetzt nicht.

Ich musste das Ruder rumreißen, bevor mir hier endgültig die Sicherungen durchbrannten und ich sie gegen die verschmierten Fronten dieser lausigen Teeküche drückte.

»Neue Frisur?«, fragte ich sie mit scheinbar neutraler, aber kerniger Stimme, während sie sich langsam wieder aufrichtete. »Steht Ihnen gut.«

Die Haare waren kürzer, aber die Frau war nicht weniger interessant. Mir gefielen Alexandras lange Haare, ich hatte mir schon vorgestellt, wie ich sie um meine Hand wickelte, während ich Alexandra von hinten nahm. Vor allen Dingen gestern Abend, als ich im Bett lag, mich wand wie ein Fisch auf dem Trockenen und es schlussendlich einfach nicht mehr ausgehalten hatte... Doch diese neue, verkürzte Pracht hatte einen ganz eigenen, verruchten Reiz. Und zwar längst nicht nur im Schlafzimmer. Ihr empfindlicher Nacken war in dieser Länge deutlich leichter zu erreichen. Im Grunde hätte ich ihr Haar nur zur Seite pusten müssen, ganz beiläufig, als wäre es das Normalste von der Welt, während wir im tristen Kopierraum standen. Meine Hand an ihrem Hals, meine Lippen in ihrem Nacken – dieses Bild brannte sich mit der Präzision eines Lasers in meine Hirnrinde. Ich schloss kurz die Augen und ließ diesen Gedanken nachwirken, während der Puls in meinen Schläfen hämmerte und mir unerbittlich zeigte, wer hier längst die Kontrolle verloren hatte. Es war diese Mischung aus ihrer unnahbaren Art und der verdeckten, brodelnden Anspannung, die mich schier verrückt machte. Sie glaubte, sie könnte mit ihrer kühlen, geschäftsmäßigen Fassade eine Mauer errichten, hinter der sie sicher war. Scheiße noch mal, sie wusste nicht, dass ich Mauern in meinem früheren Leben mit bloßen Händen eingerissen hatte. Jede ihrer Bewegungen, dieses leichte, fast unmerkliche Zusammenzucken, wenn ich ihr zu nah kam, die Art, wie sie atmete – ich registrierte jedes verdammte Detail. Ich atmete tief durch den Mund ein, schmeckte die abgestandene Luft des Raumes und zwang meine Muskeln, sich zu entspannen, auch wenn mein Unterleib bei der bloßen Vorstellung kochte. Die Dringlichkeit, sie endlich ganz für mich zu haben, riss an meinen Nerven wie ein stumpfes Messer. Aber ich lernte, mich zu beherrschen. Stück für Stück. Jeder Blick, den sie mir zuwarf, jede kleine Berührung im Vorbeigehen war wie ein Tropfen Benzin in ein ohnehin loderndes Feuer. Wenn sie gewusst hätte, was in diesem Moment in meinem Kopf vorging, wäre sie schreiend davongelaufen – oder hätte sich einfach fallen lassen. Natürlich wollte ich dafür sorgen, dass Letzteres geschah.

Sie zwirbelte verlegen, aber auch ein wenig kokett eine kastanienbraune Haarsträhne zwischen ihren Fingern. »Dankeschön. Mir gefällt es ebenfalls, auch wenn ich mich noch ein wenig daran gewöhnen muss.«

Ich sah sie mit einem sanften Lächeln auf den Lippen nun an und sie strahlte. Na also, ging doch. Es war ein ehrliches Kompliment und endlich hatte sie es angenommen. Der Anspannung in ihrem Gesicht wich für eine Sekunde einer weichen, echten Note, und dieses unbändige Verlangen in meiner Brust machte einen harten Satz nach vorn. Da war sie wieder, diese unwiderstehliche Mischung aus Stolz und Verletzlichkeit, die mich komplett vereinnahmte. In meinem Kopf ratterte es gewaltig. Ob ich noch eins draufsetzen konnte? Sie war so nah, ihr Duft kroch mir in die Nase und ließ meine Gedanken wieder abdriften

»Meiner Meinung nach sehen Sie jetzt noch besser aus, als vorher.«

Ups, das war zu viel. Beinahe hätte ich mir die Hand vor den Mund geschlagen. Irritiert sah sie mich mit ihren braunen Augen an, hielt kurz den Atem an. Sie presste die Kiefer aufeinander, ehe sie in ihrer Verwirrung offensiver wurde. Das Weiche in ihrem Gesicht verschwand schlagartig, kippte in eine skeptische, fast herausfordernde Härte.

»Mit anderen Worten, lange Haare haben mir nicht so gut gestanden?«

Fuck. Da hatte ich mich echt ziemlich dumm ausgedrückt. So war das eben manchmal, wenn man nicht in seiner Muttersprache kommunizierte – wenn das sonst so perfektionierte Deutsch in den entscheidenden Momenten hakte, weil der Verstand woanders war, nämlich tief unten, dort, wo die Hitze kochte und jede rationale Überlegung begrub. Ich sah genau, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Sie wog ab, ob ich sie beleidigen wollte, ob ich sie anbaggerte oder ob sie mich jetzt wegen mangelnden Takts in die Schranken weisen musste. Ihre Hände suchten kurz Halt an der Kante der Arbeitsplatte, während ihre Brüste unter dem dunkelblauen Stoff des Blusenkleides schneller auf und ab gingen.

»Bitte verzeihen Sie. So habe ich das nicht gemeint.«

Ich atmete flach durch die Nase, um die Schärfe in meiner Stimme zu dämpfen, während ich ihren Blick hielt. Sie zog die Augenbrauen leicht zusammen, musterte mich mit einer scharfen, prüfenden Skepsis, die mir zeigte, dass sie meine Entschuldigung nicht einfach so schluckte. In ihrem Kopf ratterte es weiter; sie dachte vermutlich, dass ich ein abgebrühter, unverschämter Kerl war, der sich keine Mühe gab, die Grenzen zwischen Chef und Angestellter zu wahren. Im schlimmsten Fall einer, der irgendwann zu Grapschen begann. Und sie hatte gewissermaßen sogar recht. Ich wollte keine Distanz. Ich wollte dieses feine, gefährliche Eis zwischen uns brechen, bis nichts mehr übrig blieb als die pure, rohe Anziehung, die hier jeden Morgen in der verfickten Teeküche brodelte. Nur eben nicht auf diese schmierige Art und Weise. Ich lehnte mit dem Rücken gegen die Arbeitsplatte, die Keramiktasse fest in der Hand, während mein Blick über sie hinwegstrich.

Ihre folgenden Worte klangen noch in meinem Kopf nach: »Ich empfand meine langen Haare als etwas zu mädchenhaft.«

Ich wusste nicht, ob sie einlenkte, oder ob sie nach einem weiteren Kompliment fischte. Ich sah sie an, über die Tasse hinweg. Eigentlich hatte ich die Tasse auch nur an die Lippen gesetzt, um das Schmunzeln zu verbergen, das unaufhaltsam in mir aufstieg. Sie kämpfte. Wahrscheinlich hatte sie in ihrem Leben nie wirklich ehrliche Komplimente bekommen, die sie nicht sofort mit einer Schutzmauer abwehren musste.

Na schön, also noch mal. Mit ein wenig mehr Witz, aber dafür genauso deutlich. »Wer das so gesehen hat, sollte dringend einen Augenarzt aufsuchen«, warf ich trocken ein.

Ich wartete auf ihre Antwort, aber Alexandra sah mich erst einmal etwas verwirrt an. Ich wusste genau, was in diesem Moment in ihrem Kopf vorging. Sie checkte gerade tatsächlich ab, ob ihr Chef nur nett sein wollte oder ob der Mann mit dem weißen Hemd, der hier gerade den Raum dominierte, verdammt noch mal echte Avancen machte, ob er mit ihr flirtete. Um es vorwegzunehmen: Ja, das tat er. Jede einzelne Sekunde. Auch wenn ich mich dabei heute vielleicht etwas ungelenk anstellte.

Aber Alexandra wäre nicht Alexandra gewesen, hätte sie nicht sofort zum verbalen Gegenschlag ausgeholt, um die Kontrolle zurückzugewinnen. »Möglicherweise«, erwiderte sie kühl, doch dieses kleine Zucken um ihre Mundwinkel verriet sie. »Und dass mich die vorherige Frisur an meinen Ex erinnert hat, hat sein Übriges dazu getan. Er stand darauf.«

Ein Ex. Verdammt noch mal. Wie? Warum? Um Himmels Willen, natürlich gab es vor mir Männer in ihrem Leben. Sie war keine verfluchte Betschwester, die im elterlichen Keller auf den Prinzen gewartet hatte. Aber bei dem Gedanken an diesen namenlosen Typen zog sich mein Magen in einem harten, ekelhaften Knoten zusammen. Wie er wohl war? Was er mit ihr gemacht hatte? Nein, ich maß mich nicht an anderen Männern, ich kannte meinen eigenen Wert verdammt genau, und auf dem Schlachtfeld oder im echten Leben hatte noch keiner vor mir bestanden. Aber es brannte in mir – dieses giftige, scharfe Verlangen zu wissen, wer der Typ war, der das Recht gehabt hatte, mit ihr das Bett zu teilen. Wenn sie es mir schon so schwer machte, umso besser. Ich ließ mich von ein paar alten Geistern aus ihrer Vergangenheit gewiss nicht beeindrucken. Mein Puls hämmerte schwer gegen meine Rippen, während ich sie musterte – jede Linie ihres Gesichts, diesen stolzen, unnachgiebigen Blick. Sie glaubte, sie könnte mich mit so einer Bemerkung abwimmeln. Sie hatte keine Ahnung, dass sie damit das Feuer in mir nur noch weiter anfachte. Mein Blick hing an ihr fest wie eine Klette. Das flackernde Neonlicht der Teeküche summte ein leises, nervöses Lied, das genau zu dem Puls passte, der in meinen Schläfen hämmerte. Sie stand da mit dieser lässigen, fast provokanten Selbstverständlichkeit, die mich jedes Mal aus dem Konzept brachte. Ich wollte sie packen. Einfach heranziehen, diesen arroganten, verflucht gut aussehenden Kopf packen und ihr zeigen, wer hier den Ton angibt.

»Und gestern war dann der große Tag, an dem Sie sich entschlossen hatten, alles zu ändern«, warf ich hin.

Meine Stimme klang tiefer als gewohnt, aber durchdrungen von einer scharfen, vibrierenden Spannung. Ich wusste jetzt genau, warum sie gestern Hals über Kopf verschwunden war. Dieser abrupte Abgang hatte mich den ganzen Abend beschäftigt, wie ein verdammter Holzsplitter unter dem Fingernagel. Ich bildete mir ein, sie war geflohen. Vor mir. Der Gedanke kribbelte vergangene Nacht in meinem Blut wie reiner Schnaps. Dabei war sie nur beim Frisör.

Sie zuckte mit den Schultern, diese elegante, geschmeidige Bewegung, die den Stoff über ihrer Brust spannen ließ, und angelte sich eine Rumkugel aus der Packung, die sie gerade erst mitgebracht hatte und in der Hand hielt. »Zumindest meine Frisur.«

Ich musste innerlich grinsen. Typisch Alexandra. Sie gab sich unnahbar, baute diese kalte, professionelle Mauer auf, hinter der sie sich verschanzte. Aber ich sah durch die Risse. Ich wusste, was in ihrem Kopf vorging. Sie analysierte mich gerade genauso pedantisch, wie sie ihre Zahlen prüfte. Sie fragte sich, ob ich ihr gefährlich werden konnte, ob ich sie durchschaute. Und ja, das tat ich. Aber sie? Sie dachte nur, ich wäre ein weiterer stumpfsinniger Niederlassungsleiter, der den nächsten Tag hier nicht mehr überleben würde. Das hatte ich schon am ersten Tag mitbekommen.

»Sie haben richtig gehandelt«, betonte ich und trat einen Schritt näher an sie heran. Ich wollte ihre Reaktion spüren, das feine Beben unter ihrer Haut, das sie vor mir zu verbergen versuchte. »Ach, wollen Sie auch einen Kaffee? Oder lieber Tee?«

Sie musterte mich skeptisch, der Blick wanderte hinüber zu meinem Samowar, den ich heute Morgen mit der Hingabe eines Alchemisten vorbereitet hatte. »Läuft der Samowar jetzt endlich?«

Da war er, dieser kleine, herablassende Unterton. Sie unterschätzte mich. Sie hatte tatsächlich geglaubt, dass dieser angebliche Büro-Idiot, dieser piekfeine Mann mit den zwei linken Händen, nicht mal in der Lage war, so ein russischen Wasserkocher in Gang zu setzen. In ihren Augen sah ich diesen Funken von Häme, gemischt mit überraschter Neugier. Kurzentschlossen stellte ich meine leere Kaffeetasse in die Spüle, wusch mir die Hände mit dieser Seife, die viel zu sehr nach künstliche Blüten roch, und trocknete sie ab, wobei ich jeden einzelnen Finger langsam und demonstrativ rieb. Ich wollte, dass sie hinsah. Ich wollte, dass sie registrierte, wie meine Hände zupacken konnten.

»Er hat gestern schon funktioniert, aber Sie sind ja dann leider gegangen«, sagte ich mit einem dunklen Unterton.

»Warum wohl?« kam es wie aus der Pistole geschossen.

Ich lehnte mich leicht gegen die Arbeitsplatte, blockierte ihr fast den Weg, und musterte sie direkt von der Seite. »Frau Celik?« Es war keine Frage.

Alexandra erstarrte für eine Sekunde, bevor sie tief durchatmete. Endlich. Sie begann zu erzählen, und während ihre Stimme von dieser verhassten, zickigen Schlange in der Sachbearbeitung berichtete, lief in meinem Kopf ein ganz anderer Film ab. Ich sah sie vor mir, wie sie sich jahrelang durchgebissen hatte, während diese elenden Intrigen liefen. Celik war die Schwester von jenem korrupten Miststück, das sich einst mit dem alten Niederlassungsleiter im Bett gewälzt hatte, um Alexandra eiskalt abzusägen und auf die unterste Stufe zu degradieren. Eine hinterhältige Bande von Heuchlern. Alexandra hatte lange geschwiegen, sich diplomatisch verhalten, weil sie klug war. Sie wog jedes Wort ab, bevor sie es sprach. Mir gegenüber auch. Zumindest noch, als wir begonnen hatten, über dieses Thema zu sprechen. Eine Frau mit Hirn und Biss – eine verdammt gefährliche Mischung, die mich bis zum Äußersten anregte.

Ich stellte trocken fest: »Das war eine sehr unkollegiale und ekelhafte Sache. Aber damit erklären sich auch die Abmahnungen in Ihrer Akte.«

Zunächst zuckte sie zusammen, die Skepsis in ihren Augen schnappte zu wie eine Mausefalle. Doch dann ließ sie die Maske fallen, warf den Kopf in den Nacken und zuckte mit den Schultern. »Und? Letzten Endes waren sie doch nichts als wertloses Papier.«

Verdammt, diese Einstellung liebte ich an ihr. Keine Tränen, kein Selbstmitleid, sondern kalte, pure Verachtung für das System, das sie zu brechen versucht hatte. Sie war eine Kämpferin, auch wenn sie es hinter Paragrafen und Excel-Tabellen versteckte.

Plötzlich durchbrach ein dumpfes, schleifendes Geräusch von draußen die knisternde Stille: Schritte auf dem Flur. Der Zauber dieses Moments war vorbei. Die Realität des Unternehmens holte uns ein, und die Tür drohte jeden Moment aufzugehen. Und was würde man sich wohl erzählen, wenn man die Dispositionsleiterin mit dem Chef in der Teeküche erwischte, eng beieinander stehend? Mein Verstand schaltete auf Gangart zurück; ich wollte sie heute nicht überfordern, den Aasgeiern, die nur auf einen Fehltritt warteten, kein Futter bieten.

Ich stieß mich mit den Händen von der Arbeitsplatte ab, meine Muskeln spannten sich unter dem Hemd, und ich schob mich an ihr vorbei zur Tür, wobei meine Schulter streifend ihre berührte – absichtlich, um ihr zu zeigen, dass ich da war. »Gute Einstellung«, sagte ich leise, während ich die Klinke runterdrückte und die Tür einen Spalt öffnete. »So sehe ich das auch. Also dann, Frau Below, lassen Sie uns an die Arbeit gehen. Die Abrechnung haben Sie schon fertig?«

»Ich liege in den letzten Zügen. Ich gehe aber davon aus, dass ich sie spätestens heute Nachmittag freigeben kann«, antwortete sie, während sie an mir vorbeiglitt.

Ich hielt ihr die Tür auf. Nicht nur, weil es sich verdammt noch mal so gehörte und ich, trotz meiner rauen Vergangenheit, im Grunde ein Gentleman alter Schule war. Sondern vor allem, weil ich mir diesen Anblick nicht entgehen lassen wollte. Mein Blick wanderte unweigerlich an ihr hinab, fraß sich förmlich an ihrer schlanken Taille und ihren Hüften fest, während sie vor mir den Flur betrat.

»Perfekt«, murmelte ich, und mein Mundwinkel zuckte zu einem schiefen, hungrigen Lächeln nach oben. »Ich werde übrigens später mein Telefon umstellen. Ich habe ein wichtiges Meeting mit einem potenziellen neuen Kunden. Drücken Sie mir die Daumen.«

Und in meinem Kopf fügte ich hinzu: Und wenn ich zurückkomme, reden wir weiter. Über alles.

Der Kundentermin hatte mich echt fertig gemacht. Ich dachte, nach ein bis zwei Stunden wäre ich durch, aber dieser Tag lief von Anfang an quer. Ursprünglich war das Ganze als kurzes, routiniertes Gespräch an vorderster Front gedacht gewesen, um die Konditionen für unsere Leiharbeiter nachzuverhandeln. Doch der Vorstand drückte mir plötzlich aufs Auge, mir die gesamte Produktion im Werk anzusehen – jede einzelne Montagehalle, jede Bandstraße, wo unsere Leute tagtäglich ihren Schweiß ließen und die Zahnräder für diesen Betrieb am Laufen hielten. Ich musste mir das ansehen, nickte professionell, hielt die Hände auf dem Rücken verschränkt und tat so, als würde mich jede einzelne noch so langweilige Schweißnaht und Pressform brennend interessieren, während in meinem Kopf eigentlich ganz andere Gedanken kreisten. Als ob das nicht schon gereicht hätte, wollte der Chef danach unbedingt noch mit mir zu Abend essen. Ein exquisites Restaurant, weiße Tischdecken, teurer Wein und das übliche elitäre Geschwafel, von Leuten, die noch nie im Leben im Dreck gelegen hatten. Am Ende lief es darauf hinaus, dass wir direkt beim Hauptgang die Verträge unterzeichneten, die Rahmenbedingungen für die Aufstockung unseres Personals festklopften und den Vertrag per Handschlag besiegelten – eine glänzende Quote für unsere Zeitarbeitsfirma, aber ein zeitlicher Albtraum für mich. Schlussendlich führte das alles dazu, dass ich Alexandra heute nicht mehr über den Weg lief. Verdammt noch mal. Den ganzen Tag hatte ich darauf gewartet, diesen stolzen, unnachgiebigen Blick wiederzusehen, diese dezente, aber magische Anspannung in ihrer Nähe zu spüren, die mich seit Wochen wie eine innere Droge begleitete. Doch als ich endlich aus dem Mercedes stieg und mit den frisch unterzeichneten Verträgen unter dem Arm in unser Bürogebäude zurückkam, war längst Feierabend. Ich nahm mein Handy in die Hand und sendete SOS.

Ich dachte an absolut nichts Böses, als ich am späten Abend nachhause fuhr. Die Scheiben des Mercedes beschlugen leicht von der feuchten Nachtluft, während drinnen der dumpfe, vibrierende Bass der Musik noch immer in meinen Knochen nachhallte. Ich hatte mich zuvor mit Andrej getroffen, ein paar Bier getrunken, über den alltäglichen Scheiß geredet, der mich ohnehin nur halb interessierte. Ein schmales, unwillkürliches Lächeln huschte über mein Gesicht, kaum dass ich den Wagen in die Einfahrt lenkte. Unten in der Tiefgarage stand der Audi – Alexandras Wagen. Sie war also zuhause. Wie spät hatten wir es eigentlich? Kurz vor 22 Uhr. Ob sie schon schlief? Nein, das glaubte ich nicht. Ob ich einfach klingeln sollte? Nein, ich musste jetzt einfach mal langsam machen, jeden Schritt gut überlegen. Ich stieg aus, schlug die Tür mit einem satten Ton zu, passierte die schwere Glastür und ging hinauf ins Erdgeschoss, um in den Aufzug zu steigen.

Doch wer stand mir da gegenüber?

Ich hätte sie am liebsten direkt an Ort und Stelle hinausgeworfen, ihr in ihrer arroganten Selbstverständlichkeit die Tür gezeigt. Aber da stand sie. In einem knallroten Kleid, das jede Kurve betonte und in diesem sterilen, nüchternen Foyer wirkte wie ein offener Affront, eine verfickte Kriegserklärung. Sie wartete bereits auf den Aufzug. Sie wollte zu mir. Woher zum Teufel wusste sie überhaupt, wo ich wohnte?

Sweta.

»Ach, da bist du ja endlich. Ich hab auf dich gewartet«, zischte sie, und ihre Stimme klang bereits so spitz und giftig wie eine Klapperschlange.

Halt einfach dein Maul und verzieh dich, dachte ich sofort, weil ich genau wusste, was mich erwarten würde. Gestern Abend hatte ich noch gedacht, das Thema wäre vom Tisch. Ich dachte, Sweta hätte es kapiert, nachdem sie sich nicht umgehend gemeldet hatte, wie sie es früher getan hätte. Nach der deutlichen Ansage per WhatsApp, nach diesem verdammt klaren Schlussstrich, war die Sache für mich erledigt. Keine Ausreden, kein Herumgerede, einfach Schwarz auf Weiß. Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen. Bei Frauen wie ihr reicht ein einfacher Text eben nicht. Jetzt stand sie wieder da. Und in diesem Moment spürte ich eine Welle purer Wut, gemischt mit einer unbequemen Anspannung, die sich in meiner Magengegend festsetzte. Warum musste sie es immer so kompliziert machen? Warum konnte sie nicht einfach einen Haken dranmachen, wie ein Kerl es tun würde? Kurze Absprache, klare Fakten, fertig. Aber nein, dieses endlose Drama, dieses ständige Nachbohren – das raubte mir einfach die Energie. Ich musterte sie kurz, hielt den Blick kühl und distanziert, um ihr bloß keine falsche Hoffnung zu geben. In meinem Kopf lief längst das Notfallprogramm für den Umgang mit abgewiesenen Frauen: Bloß nicht schwach werden, bloß keine Zeichen von Verunsicherung zeigen, sonst hängt sie wieder wie Kaugummi an dir. Trotzdem nagte da dieses kleine Gefühl von genervter Resignation.

Ich sagte kalt: »Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich nach meiner Nachricht hier antreffe.«

Sie trat einen Schritt näher, die Augen verengt, das Gesicht vor unterdrückter Wut verzerrt: »Du hast mich eiskalt abserviert, du Arschloch. Das macht keiner mit mir.«

Du bist nicht mehr als eine durchgeknallte Episode, Sweta, schnall es endlich, hämmerte es unerbittlich in meinem Kopf. Ich hatte den Schlussstrich gezogen, sauber und unmissverständlich, und jetzt stand sie hier wie eine schlecht gelaunte Furie und meinte, sie könnte Rechenschaft einfordern.

»Doch, ich«, antwortete ich mit kalter Härte in der Stimme, »Sweta, wir hatten eine Affäre, eine rein körperliche Sache, mehr nicht. Ich habe dir nie etwas versprochen. Finde dich damit ab und geh.«

Sie lachte auf, ein hässlicher, spöttischer Laut, der von purem Zorn triefte: »Ach fick dich doch, Dima. 'Nen Scheiß tu ich. Was fällt dir eigentlich ein? Schickst mir so eine scheiß Nachricht und denkst, damit hat sich alles?«

Sie wollte einfach nicht loslassen. Ob es an meinem Geld lag oder an meinem Schwanz, konnte ich nicht wirklich beurteilen. Beide Optionen hatten in ihrer Welt sicher ihren Reiz, aber wenn ich genauer darüber nachdachte, tippte ich eher auf das Konto. Verschwinde, du hysterisches Luder, dachte ich, während mein Puls anstieg und die Zornesadern an meiner Schläfe leicht zu pochen begannen. Ich wollte einfach nur meine Ruhe, ich wollte hoch in meine Wohnung, und vor allem wollte ich an eine ganz bestimmte Frau denken, die ein paar Etagen weiter oben wohnte.

Ich sah sie an und sagte unnachgiebig: »Ja, damit hat sich alles. Zumindest für mich.«

Sie bebte am ganzen Körper, ihre Fingernägel bohrten sich fast in ihre Handflächen: »Du entschuldigst dich dafür. Sofort.«

Träum weiter, dachte ich, und mein Blick wurde noch kälter, ein reiner Granitblock, an dem jede ihrer hysterischen Forderungen abprallen musste. »Da gibt’s nichts zu entschuldigen. Geh heim, Sweta.«

Die Maske fiel endgültig. Ihre Augen blitzten auf, panisch und hasserfüllt zugleich, während sie den Schmerz und die Zurückweisung mit purer Aggression kaschierte: »Du hast eine andere, oder?«

In diesem exakten Moment traf mich die Frage wie ein dumpfer Schlag. Die Wahrheit – dass mein Verstand und mein Unterleib längst von Alexandra besessen waren, dass jede Sekunde meines Seins nach dieser Frau schrie – ging diese hysterische Gestalt einen absoluten Scheißdreck an. Mein Blick blieb hart wie Granit.

Meine Antwort fiel entsprechend knapp aus. »Nein, hab ich nicht.«

In diesem exakten Moment glitt die Fahrstuhltür scheppernd zur Seite. Das grelle, künstliche Licht der Kabine fiel auf uns. Ich stieg ein, und mit einer schnellen, fast aufdringlichen und wilden Bewegung folgte sie mir, drängte sich in den engen Raum, der sofort nach ihrem schweren, süßlichen Parfüm und aufsteigender, ungezähmter Wut roch. Die Türen schlossen sich mit einem satten Metallgeräusch, und der Kasten setzte sich in Bewegung. Und während wir nach oben glitten, flogen die hasserfüllten Vorwürfe wie geladene Schüsse in der engen Kabine hin und her. Sie warf mir an den Kopf, was für ein herzloses Schwein ich sei, und ich hielt mit eiserner, unerbittlicher Härte dagegen, während mein Blut kochte, weil ich mich von diesem sinnlosen Zank nur noch weiter von dem entfernt fühlte, was ich eigentlich wollte.

Der Aufzug hielt an. Die Türen öffneten sich im 10. Stock. Und in diesem Moment hörte ich auch lautes Geschrei, es klang nach einem Streit. Nicht heftig genug, um die Polizei zu rufen, aber trotzdem besorgniserregend. Im zehnten Stock stieg jedoch niemand ein. Wahrscheinlich hatte derjenige doch die Treppe genommen, um sich zu quälen, oder er war einfach zu ungeduldig gewesen. Als wir in der zwölften Etage ankamen, war es längst wieder totenstill, der Streit war wohl beendet. Wir stiegen aus, und im selben Moment quetschte sich ein Mann in die Kabine – ein absolut unscheinbarer Typ, den ich in meinem Zustand kaum wahrnahm. Mein Kopf dröhnte, und mein ganzer Körper stand unter Strom. Sweta zickte noch immer, ihre giftigen, scharfen Bemerkungen flogen mir um die Ohren wie kleine Nadelstiche, aber ich hielt es für das einzig kluge, sie so gut es ging zu beruhigen. Jeder Muskel in meinem Körper war angespannt, denn ich wollte unter allen Umständen vermeiden, dass Alexandra etwas von diesem Theater mitbekam und durch den Türspion beobachtete, wen ich da am Arm hängen hatte. Der Gedanke, dass sie mich ausgerechnet jetzt mit Sweta im Flur sehen könnte, schnürte mir die Kehle zu. Sie hätte sich blitzschnell ein verdammt negatives Bild von mir gemacht – und das Letzte, was ich wollte, war, bei dieser Frau in Ungnade zu fallen, bevor ich überhaupt richtig bei ihr im Spiel war.

Aber wie es der verfickte Zufall so wollte, schlug das Schicksal genau in diesem Moment gnadenlos zu. Gerade als ich Sweta mit sanfter, aber unnachgiebiger Gewalt an der Schulter packte und in Richtung meiner Wohnung ziehen wollte, um den lärmenden Streit ins Innere zu verfrachten und dort endgültig zu klären, passierte es. Ein hartes, mechanisches Geräusch zerriss die Stille des Flurs. Alexandras Wohnungstür sprang auf. Der Atem stockte mir augenblicklich in der Kehle. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen wie ein verfickter Vorschlaghammer. Sie stand da. Mitten im Flur, in all ihrer unnahbaren, stolzen Pracht. Sie trug noch immer das eng anliegende, dunkelblaue Kleid aus dem Büro, das sich wie eine zweite Haut um ihre perfekten Konturen legte, dazu die eleganten braunen Stiefel und den schweren, beigen Mantel, der lässig über ihre Schultern fiel. Sie sah aus, als wäre sie gerade erst reingekommen, frisch von draußen, die kalte Nachtluft noch an sich haftend, ein Bild von Eleganz und purem Verbot. Und im selben Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Blicke.

Die Welt um uns herum schrumpfte auf Null. Die Wut in Swetas Worten, das Gezicke, der ganze nervtötende Lärm verblassten zu einem unwirklichen Rauschen. Sweta zischte mir noch etwas Hinterhältiges ins Ohr, riss an meinem Arm und wollte eine Szene machen. Ich ignorierte sie. Ich konnte gar nicht anders, als den Blick starr auf Alexandra gerichtet zu halten. In diesem Augenblick gab es für mich nur noch diese eine Frau im dunkelblauen Kleid. Mein Blut kochte, und während der Boden unter meinen Füßen zu brennen schien, wusste ich, dass dieser Abend alles verändern würde. Alexandra erschrak sichtlich, als sie mich mit Sweta im Arm erblickte. Verdammter Scheiß, das hätte absolut nicht passieren dürfen. Es fühlte sich an, als rammte man mir eine Faust in den Magen. In Alexandras Augen lag eine kalte, scharfe Missbilligung, als sie Sweta, die in diesem hautengen, feuerroten Kleid stand, von oben bis unten musterte. Alexandra war nicht nur wunderschön, sondern vor allen Dingen bodenständig, echt und unangepasst. Sie hätte sich niemals so zur Schau gestellt wie Sweta, deren jedes Detail – vom tiefen Ausschnitt bis zum aufdringlichen Parfüm – geradezu schrie, man solle sie anstarren und willfährig besitzen. Alexandra zog kaum merklich die Brauen nach oben. Eine winzige Geste, die Bände sprach. Reflexartig legte ich meinen Arm fester um Swetas Hüfte, denn mein Blick hatte eingefangen, wie Sweta irritiert und mit feindseliger Härte in Alexandras Richtung schaute. Ich betete stumm im Kopf, dass diese Furie jetzt keinen Streit mit der unschuldigen Alexandra vom Zaun brach.

Ich zwang mich, meinen Blick loszureißen, wandte mich Alexandra zu und versuchte, meiner Stimme einen ruhigen, aber auch besorgten Unterton zu geben, der den Druck in meiner Brust notdürftig kaschierte. »Frau Below? Guten Abend. War das Geschrei gerade eben bei Ihnen?«

Sie kratzte sich verlegen am feinen Arm und nickte knapp. »Hallo. Ja, leider. Manche Menschen verstehen eben nicht, dass sie im Leben anderer absolut nichts mehr zu suchen haben.«

Das erfuhr ich gerade am eigenen Leib und auf die brutalste Art. Ich wollte diese verfluchte Frau in Rot hier nicht haben. Sie sollte sich in Luft auflösen, verschwinden, raus aus meinem Blickfeld. Aber noch viel mehr wollte ich nicht, dass Sweta auch nur im Geringsten ahnte, wie tief die Faszination für Alexandra in mir brannte. Wenn sie das spüren würde, wenn sie auch nur einen Funken davon mitbekäme, würde sie mit Sicherheit das wackelige Fundament, was ich mit Alexandra gebaut hatte, noch hier im Flur zum Einsturz bringen. Und zwar so gründlich und unbarmherzig, wie nur eine verschmähte Frau es konnte.

Sweta legte mir im selben Moment demonstrativ die Hand auf die Schulter, drückte ihre Fingernägel leicht durch den Stoff meines Hemdes und warf Alexandra einen abwertend-triumphierenden Blick zu, der pures Gift versprühte. Dann schmiegte sie sich noch enger an meine Seite. Man durfte die verfluchten Antennen einer Frau niemals unterschätzen – sie witterte Beute, wo gar keine sein durfte.

Ich musste mich vergewissern, dass bei Alexandra alles in Ordnung war, dass dieser elende Krach keine Spuren hinterlassen hatte. »Aber Ihnen geht es soweit gut, oder? Oder muss ich mir Sorgen machen?«

»Nein, natürlich nicht«, Alexandras Stimme war eine Spur höher als normal. Sie war aufgeregt, verdammt noch mal, das spürte man in jeder Faser ihrer Haltung.

Neben mir grinste Sweta schadenfroh. Ihre grellroten Lippen verzogen sich zu einem bösen, triumphierenden Zug, der mich rasend machte. Mir ging es verdammt noch mal nah, dass da jemand in Alexandras Nähe gewesen war, mit dem sie sich so heftig in die Haare gekriegt hatte. Vermutlich doch dieser elendige Ex-Freund, der nicht kapieren wollte, dass sie längst mit ihm abgeschlossen hatte.

Ich trat einen halben Schritt vor, fixierte sie durchdringend und sagte mit dunklem, unnachgiebigem Nachdruck: »Falls er wiederkommt, rufen Sie bitte sofort die Polizei, verstanden? Passen Sie gut auf sich auf.«

Es tat mir so leid, dass ich Alexandra gerade nicht helfen konnte. Nicht mit diesem nervtötenden Ballast an meinem Arm, der es sich offenbar zur Lebensaufgabe gemacht hatte, mich weiterhin für sich zu beanspruchen. Dennoch lag ein kurzes, fast dankbares Flackern tief in ihrem Blick, bevor sie sich hastig, beinahe flüchtend in ihre Wohnung zurückzog.

»Danke, das werde ich tun«, erwiderte sie leise und fast atemlos. »Aber ich glaube, das hat sich erledigt. Einen schönen Abend wünsche ich Ihnen dann noch.«

Scheiße, das war's dann wohl. Alexandras Stimme klang in diesem Moment so kalt wie eine Moskauer Januarnacht – glatt, scharf und absolut gnadenlos. Da war nichts mehr übrig von dem leicht neckischen Unterton, den sie heute Morgen in der Teeküche angeschlagen hatte, als unsere Blicke sich über den Kaffeetassen getroffen und mir für den Rest des Tages eingeheizt hatten. Von diesem leisen Knistern zwischen uns, das mir den Kopf verdreht hatte. Jetzt, mit ein paar kurzen Worten, hatte sie das alles weggewischt.

»Vielen Dank«, flötete Sweta überdreht neben mir mit zuckersüßer Stimme, packte meinen Arm noch fester und trieb mich, die Hand tief in mein Gewebe geklammert, die verbleibenden Stufen nach oben ins Penthouse. »Den werden wir haben. Und bitte entschuldigen Sie, wenn es hier gleich etwas lauter wird.«