Feindland
Feindland
Freitag, 28. November, abends
Die Kälte des abendlichen Hochhausfoyers legte sich wie ein schwerer Schatten auf meine Schultern, während ich mit mechanischer Präzision den Schlüsselbund in meiner Manteltasche ertastete. Noch vor wenigen Minuten hatte ich mich auf dem Weg nach Hause in der vermeintlichen Sicherheit meiner neuen Identität gewogen – ein Mann mittleren Managements in einer grauen, westdeutschen Stadt, unauffällig und angepasst. Doch als ich vor dem Klingeltableau des Hochhauses stehen blieb, um das kleine Messingschild mit meinem Namen anzubringen, gefror die Zeit. Mein Arm, der sonst in jeder brenzligen Situation des Lebens ruhig und berechnend funktionierte, erstarrte mitten in der Bewegung. Meine Augen fixierten den Namen, der auf dem Schild direkt unter dem meinen eingraviert war – im zwölften Stock, unmittelbar unter meinem Penthouse.
Below.
Ein eisiger, stechender Schmerz durchbohrte augenblicklich meine Brust, und für eine gefühlte Ewigkeit blieben meine Lungen wie gelähmt. Die Luft entwich mir mit einem Schlag, während in meinem Kopf das unverkennbare, vertraute Rauschen einsetzte, das mich immer dann überkam, wenn die Vergangenheit mit brutaler Wucht die Gegenwart einholte. Wie konnte mir das passieren? Wie konnte ich so verdammt nachlässig gewesen sein? Jahrelang hatte ich im Untergrund überlebt, hatte jede Bewegung, jede Kontaktaufnahme und jede Eventualität mit paranoidem Scharfsinn kontrolliert. Und jetzt zog ich ausgerechnet in dasselbe Gebäude, nur eine Etage über dem zwölften Stock, in dem sie wohnte – die Frau, die mich erst heute im Büro mit ihrem wachen, unruhigen Blick und ihrer unbändigen Lebendigkeit völlig aus der Bahn geworfen hatte. Alexandra Below. Krampfhaft suchte mein Verstand nach einer rationalen Erklärung, nach einem rettenden Strohhalm der Logik. Nein, das musste ein absurd schlechter Scherz des Schicksals sein. Ein reiner Zufall. Es gab Hunderte von Menschen mit diesem Namen, die Welt war groß genug für unzählige Namensvettern, und ich musste mich schlicht und einfach irren. Ich wollte es glauben, wollte diesen bedrohlichen Gedanken mit der Macht meiner Disziplin wegwischen. Doch jede einzelne Faser meines Körpers schrie mir in diesem Moment entgegen, dass es in meiner Welt – in der Welt des Zeugenschutzes und der Schatten – niemals einfach nur Zufälle gab. Hier, nur wenige Zentimeter von meinen Fingerspitzen entfernt, prallten meine Tarnung als Dmitrij Mitrochin und das geheimnisvolle, elektrisierende Rätsel um Alexandra auf erschreckende Weise aufeinander. Ein folgenschwerer Fehler. Ich starrte auf die Buchstaben, während ein kalter Schweißausbruch meinen Nacken hinunterlief, und wusste mit jeder Sekunde mehr, dass mein sicher geglaubtes Versteck soeben zu einem Pulverfass geworden war. Ich brauchte also dringend mehr Informationen.
Die automatische Glastür des Foyers schloss sich hinter mir mit einem gedämpften Zischen, doch die Luft hier unten in der Tiefgarage schmeckte anders – schwerer, abgestandener, durchdrungen von dem feinen, metallischen Geruch von Öl, Gummi und Betonstaub. Es war eine sterile, von kaltem Neonlicht ausgeleuchtete Welt, die im krassen Gegensatz zu der gediegenen Eleganz der oberen Etagen stand. Meine Schritte hallten blechern von den massiven Wänden wider, jeder einzelne Aufschlag meiner Sohlen ein ungeduldiger Takt in der Stille dieses Betongefängnisses. Ich wusste selbst nicht genau, was ich hier suchte. Was trieb mich direkt nach unten in die Tiefgarage? Es war kein rationaler Gedanke. Es war der reine, unbändige Zwang des Überlebensinstinkts, der mir befahl, Gewissheit zu erlangen. Die Ungewissheit war in meinem Metier das gefährlichste Gift von allen; sie fraß sich durch jede Vorsichtsmaßnahme.
Der Bauplan dieses Hauses hatte sich mir am Tag des Einzugs wie ein Relief in den Kopf gebrannt, und mein Orientierungssinn – geschult durch jahrelanges, erbarmungsloses Training in den trostlosen Weiten und urbanen Labyrinthen Osteuropas – führte mich zielsicher in den hinteren Sektor des Parkdecks. Stellplatz 42. Das war das Revier der Wohnung im zwölften Stock. Und direkt daneben, auf Stellplatz 43, stand mein AMG. Auf Stellplatz 42 stand ein dicker schwarzer Audi, entgegen der Anweisung, die alle paar Meter an der Wand wiederholt wurde, rückwärts eingeparkt. Ich blieb wie angewurzelt stehen, die Hände tief in den Taschen meines Mantels vergraben, und musterte das Fahrzeug mit dem analytischen Blick eines Jägers, der die Spuren seiner Beute liest. War das ihr Auto? Gab es irgendein unverkennbares Detail, das diesen Wagen mit der Frau von heute Nachmittag im Büro verband? Ich rief mir ihr Auftreten, ihre Bewegungen, ihre Ausstrahlung ins Gedächtnis. Eine Frau wie sie – passte sie zu einem solchen Gefährt? Mein Blick glitt herüber zu meinem eigenen Wagen. Nur wenige Zentimeter weiter parkte mein AMG G63. Ein gewaltiger, rollender Stahlkoloss, schwarz wie die Nacht, kantig, martialisch, kompromisslos. Genauso wie ich. Gegenüber dem G-Modell wirkte der Audi flach, stromlinienförmig, fast schon zivil und angepasst – und doch war er alles andere als ein roter Kleinwagen, was viele Frauen wohl besonders gerne fuhren. Es war eine Limousine für Menschen, die wussten, was sie taten, die geschäftlich unterwegs waren, die Status und Funktionalität gleichermaßen schätzten. Fuhren Frauen freiwillig ein solches Auto? Der Gedanke zischte durch meinen Kopf, prallte an der harten Realität meiner Zweifel ab. Natürlich taten sie das. Warum auch nicht? Diese antiquierten Stereotype waren für Amateure, nicht für jemanden, der gelernt hatte, dass die gefährlichsten Gegner oft diejenigen waren, die man am wenigsten auf der Rechnung hatte. Es gab kein Gesetz, das diesen Wagen an ein Geschlecht band. Es gab nur die kalte, nackte Wahrscheinlichkeit, dass sich hier gerade das Netz um mich zuzog. Ich atmete tief durch, während der kalte Betongeruch meine Lungen füllte. Die Gewissheit war zum Greifen nah, und doch lag sie noch im Nebel verborgen. Ich musste es wissen. Spekulationen hatten noch nie jemanden gerettet; Fakten waren das einzige Fundament, auf dem man in meiner Position überleben konnte. Mein Entschluss stand fest. Montagfrüh, wenn der graue Alltag wieder über die Stadt hereinbrach und die Büros ihre Türen öffneten, würde ich meine Beobachtung auf ein neues Level heben. Ich würde mich frühzeitig auf den Weg machen, würde postenartig auf dem Firmenparkplatz Stellung beziehen und jede eintreffende Limousine mustern. Ich würde sehen, ob dieser schwarze Audi vorfuhr. Und wenn ja, wer aus diesem schwarzen Audi ausstieg. Wenn es Alexandra Below war, die sich elegant aus dem Fahrersitz schwang und den Weg ins Gebäude antrat, dann gab es keinen Zweifel mehr. Dann war das hier kein unglücklicher Zufall, keine paranoide Fehlleistung meines geschädigten Gehirns. Dann war es pure, unbarmherzige Realität – und das Spiel hatte längst begonnen, bevor ich überhaupt verstanden hatte, dass ich mich auf dem Schachbrett befand.
Der Aufzug glitt geräuschlos nach oben, und mit jedem Höhenmeter, den die Kabine hinter sich ließ, schien der Druck auf meiner Brust ein Stück weit nachzugeben – bis sich die Türen im zwölften Stock öffneten. Hinter einer der drei Türen, die mich hier empfingen, musste sie wohnen. Penibel darauf achtend, leise und unbeobachtet zu sein, las ich die Namen. Zaher, Rossi/Gonzales, Below. Scheiße, daran kam ich nicht vorbei. Ich holte tief Luft. Die Treppe, die nach oben in den aufgesetzten dreizehnten Stock führte, befand sich direkt neben ihrer Wohnungstür. Und ich musste sie jeden Tag nutzen, denn der Aufzug endete in der zwölften Etage. Jeder Schritt auf diesem letzten Teilstück verlangte mir höchste Vorsicht ab. Schnell, fast lautlos und mit einer inneren Anspannung, die ich mir nur ungern eingestand, passierte ich ihre Haustür. Erst als ich oben ankam, den massiven Sicherheitsschlüssel im Schloss drehte und die schwere Tür meines Penthouses hinter mir ins Schloss fiel, wich die Anspannung von mir. Ich atmete tief ein, schloss für einen kurzen Moment die Augen und ließ die warme Luft in meine ausgekühlten Lungen strömen.
Der Raum empfing mich mit seiner gewohnten sterilen Stille. Noch war alles karg eingerichtet, reduziert auf das Wesentliche. Fast so, als wäre ich hier nur ein temporärer Gast auf der Durchreise. Doch genau das war meine Absicht: Ich war anonym hier. Niemand sollte anhand meines Wohnraums ablesen können, wer ich wirklich war oder was mich antrieb. Unter meinen Schritten dämpfte der teure dunkle Parkettboden jeden Laut, während die Wände in einem tiefen, absorbierenden Anthrazit gehalten waren, was dem Raum eine höhlenhafte Geborgenheit verlieh. Zur Stadt hin öffnete sich eine gewaltige Glasfront, durch die das unruhige neonfarbene Lichtermeer des nächtlichen Frankfurts hereinströmte. Die Skyline pulsierte draußen in der Dunkelheit. Fern und unnahbar.
Hier drinnen gab es keine persönlichen Gegenstände, keine Spuren einer Biografie. Die spärliche Dekoration war austauschbar, funktional und kühl. Selbst die wenigen abstrakten Bilder an den Wänden zeigten nichts Persönliches – keine Erinnerungen, keine Gesichter, keine Emotionen. Sie waren reine Platzhalter, um die Leere zu kaschieren, und spiegelten perfekt das wider, was ich hier sein wollte: unsichtbar. Oder zumindest hatte ich bis vor einigen Minuten noch geglaubt, es zu sein.
Ich warf den schweren schwarzen Kaschmirmantel über die Lehne des schlichten dunkelgrauen Designersofas und zog das iPhone aus der Tasche, denn ich hatte ein Vibrieren vernommen. Das Display flackerte auf, ein einzelner verpasster Anruf leuchtete mir entgegen. Der Name darunter ließ in mir sofort eine Mischung aus Vertrautheit und Ermüdung aufsteigen: Swetlana. Ein kurzes, fast unhörbares Seufzen entkam meiner Kehle. Ich kannte diesen Typ Frau in- und auswendig, kannte ihn aus den glitzernden, oberflächlichen Nachtclubs Moskaus ebenso wie aus den exklusiven, rauchgeschwängerten Lounges im Frankfurter Westend. Wir trafen uns regelmäßig, trafen uns in jenen schattenhaften Zwischenräumen, die verheiratete Frauen oder Männer in geheimer Mission oft suchten, um der Monotonie ihres vorgeschriebenen Lebens zu entfliehen. Unsere Beziehung basierte auf einer klaren, wortlosen Übereinkunft: körperliche Nähe, reinigender Stressabbau, Pragmatismus pur. Spaß, ja – aber eben nicht mehr, nicht weniger. Und wenn ich ehrlich zu mir selbst war, war nicht mal der Sex sonderlich gut gewesen. Es war mechanisch, eingeübt, fast schon pflichtbewusst.
Wir waren uns vor Monaten in einer Bar in Frankfurt begegnet. Damals hatte ich noch in Heidelberg gelebt, war nur für ein diskretes Treffen in der Mainmetropole gewesen, fernab von jedem Radar. Dass ich Monate später ausgerechnet in dieses Hochhaus hier gezogen war, hatte rein berufsstrategische Gründe gehabt; es gab absolut keine Verbindung zu Swetlana, kein verstecktes Motiv, sie in meine unmittelbare Nähe zu holen. Umso lästiger war es nun, dass sie ausgerechnet heute Abend, an diesem Tag voller unvorhergesehener Alpträume, versuchte, mich zu erreichen. Ich wusste exakt, was jetzt kam. Ich kannte das Drehbuch auswendig, bis zur letzten Zeile. Solche Frauen suchten keine Gesellschaft, sie suchten Bestätigung, suchten den Nervenkitzel des Verbotenen, und vor allem neigten sie dazu, Besitzansprüche anzumelden, sobald der Ehemann auf Geschäftsreise war oder die Langeweile zu erdrückend wurde. Swetlana passte perfekt in dieses unbarmherzige Raster. Sie war groß, besaß diese auffällige, künstliche Makellosigkeit, die man in den besseren Kreisen Russlands wie eine Monstranz vor sich hertrug: hüftlange blonde Extensions, die sich schwer und tot über ihren Rücken legten, eine zierliche Kleidergröße 34, Kurven mussten mittels Kleidung erst einmal geschaffen werden, und das unverkennbare Resultat teurer Chirurgen – ein Gesicht mit jener makellosen, eingefrorenen Symmetrie und operierte Brüste, die so straff und unnachgiebig waren wie der Rest ihrer kühlen Fassade. Eine Frau wie aus der Katalogproduktion der Moskauer Oberschicht, transplantiert in den westdeutschen Alltag. Mein iPhone klingelte wieder.
Mein Daumen strich über das Display, während ich überlegte, ob ich den Anruf ignorieren sollte. Normalerweise hätte ich sie weggedrückt. Doch in meiner jetzigen Situation, in der ein einziger falscher Schritt im zwölften Stock meine gesamte Existenz gefährden konnte, wollte ich keine losen Enden hängen lassen. Keine ungeduldigen Liebhaberinnen vor meiner Haustür, die womöglich noch Fragen stellten.
Ich tippte auf den Bildschirm und nahm den Anruf an.
»Dima«, ertönte ihre Stimme sofort, eine Mischung aus gespielter Verletztheit und kalkuliertem Kokon aus Vertrautheit. Es war dieser ganz spezielle Tonfall, den Frauen anschlugen, die es gewohnt waren, dass sich die Welt nach ihrem Terminkalender richtete. »Du gehst also endlich ran. Ich dachte schon, du hättest beschlossen, mich ganz zu ignorieren. Weißt du eigentlich, wie langweilig es ist, in diesem riesigen Haus zu sitzen, wenn der Mann des Hauses in der Schweiz Geschäfte macht?«
Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die raumhohe Glasscheibe des Penthouses, blickte hinaus auf das ferne, gleichgültige Lichtermeer der Stadt und hielt das iPhone fest in der Hand. »Guten Abend, Sweta. Ich hatte zu tun. Was gibt's?«
»Ach, 'was gibt's'«, säuselte sie, und ich konnte direkt vor meinem inneren Auge sehen, wie sie sich auf ihrem hellen Ledersofa räkelte, die langen, künstlichen Fingernägel über das Smartphone strich und dabei versuchte, ihren Körper optimal in Szene zu setzen – selbst wenn niemand da war, der es sah. »Ansgar sitzt in Zürich fest. Boardmeeting, Bankenkrach, Compliance-Kram – die üblichen Ausreden, damit er sich fernab von mir in irgendeinem Fünf-Sterne-Hotel mit jüngeren Kolleginnen treffen kann. Aber mir soll recht sein. Das bedeutet nämlich, dass die Villa mir gehört. Und vor allem: dass ich Zeit habe.«
»Verstehe«, erwiderte ich trocken. Meine Stimme klang flach, fast mechanisch. »Aber ich habe heute Abend keinen Kopf für Besuche, Sweta. Langer Arbeitstag. Ich bin platt.«
Ein kurzes, schnaubendes Lachen ertönte am anderen Ende der Leitung. »Ach, komm schon, Dima. Erzähl mir nicht, dass du nach Feierabend zu müde bist für mich. Ein Mann wie du – in deinen besten Jahren, gut aussehend, mit dieser gewissen unnahbaren Ausstrahlung, die mich von der ersten Sekunde in dieser verfluchten Bar in Frankfurt so angezogen hat. Du tust immer so beschäftigt, als müsstest du die Welt retten. Nur weil du wie James Bond aussiehst, bist du es noch lange nicht. Du doch nur ein ganz normaler Manager in diesem grauen Büro. Lass uns den Abend genießen. Ich habe mir extra etwas… Neues gekauft. Ziemlich teuer, ziemlich französisch, und es wird dir gefallen. Versprochen.«
Sie klang absolut selbstsicher. Sie wusste nicht, wer ich wirklich war. Sie wusste nichts von den Jahren bei der SOBR, nichts von den gezielten Schüssen im Morgengrauen, nichts von dem Zeugenschutzprogramm, das mich als Dmitrij Mitrochin in diese Stadt gespült hatte, um unter dem Radar zu tauchen. Für sie war ich einfach nur Dima – ein attraktiver, etwas distanzierter Kerl mit einer vermeintlich guten Position und genug Ausstrahlung, um ihre eitle Langeweile für ein paar Stunden zu betäuben.
»Sweta, hör zu«, sagte ich mit jenem leisen, unmissverständlichen Nachdruck, den ich früher bei Einsätzen verwendet hatte, wenn Untergeordnete zu viel redeten. »Heute nicht. Es geht einfach nicht.«
»Du bist unmöglich«, schmollte sie, doch ich hörte den rauchigen Unterton von Begehrlichkeit, der bei ihr nie weit entfernt war. Sie wollte mich bezirzen, wollte mich mit ihrer künstlichen, teuren Perfektion um den Verstand bringen – mit den Extensions, die ihr schwer über die operierten Brüste fielen, mit der perfekten Hülle einer Frau, die ihr Dasein an einen wohlhabenden, deutlich älteren Ehemann namens Ansgar Lauffersweiler verkauft hatte, um sich von jungen Liebhabern die Bestätigung abholen zu lassen, die ihr alternder Gatte ihr nicht mehr geben konnte. »Du machst es mir wirklich schwer, Dima. Aber gut. Wenn du heute nicht willst, kommst du morgen vorbei. Oder – oh, warte- ich komme zu dir in deine neue Wohnung. Das muss doch noch gebührend gefeiert werden.«
Ein eisiger Stoß rann mir bei diesen Worten durch die Adern. Swetlana hatte beschlossen zu mir zu kommen – und in diesem Moment wusste ich, dass ich das um jeden Preis verhindern musste. Ich kannte sie schließlich gut genug. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzte, biss sie sich fest wie ein Pitbull. Sie war stur, unnachgiebig und absolut schmerzfrei, wenn es darum ging, ihren Willen durchzusetzen. Es würde ein verdammt harter Kampf werden, sie abzuwimmeln, aber es gab keine Alternative. Der Gedanke, dass sie hier auftauchen und direkt auf Alexandra treffen könnte, ließ meinen Puls hochschnellen. Alexandra war nicht dumm. Sie würde eins und eins zusammenzählen und Swetlana im Bruchteil einer Sekunde als das einordnen, was sie doch aber gar nicht war – meine Lebenspartnerin. Würde das passieren, hätte ich mit Sicherheit ausgeschissen.
»Wir telefonieren, Sweta, ok? Ich gebe dir noch Bescheid. Aber jetzt muss ich Schluss machen«, sagte ich kurz und drückte, ohne auf ihre erboste Erwiderung zu warten, den roten Hörer.
Das Display wurde dunkel. Ich stand im halbdunklen Penthouse, die Stille des Raumes schlug hart gegen meine Schläfen, und das Bild von Swetlana – dieser glatten, operierten, berechnenden Puppe wie aus der Moskauer Oberschicht – zerfiel in meinem Kopf augenblicklich zu Staub.
An ihre Stelle trat wieder sie. Alexandra.
Ich schloss die Augen, lehnte den Kopf an die kalte Scheibe und atmete schwer aus. Wie ein verdammter Kontrast prallten die beiden Welten aufeinander. Auf der einen Seite Sweta: laut, oberflächlich, künstlich, eine Frau, die sich für Geld und Status verkauft hatte und deren Nähe sich anfühlte wie ein bequemer, aber völlig bedeutungsloser Mantel. Eine Frau, die mich nicht kannte, die mich nicht einmal im Ansatz verstehen konnte. Und auf der anderen Seite Alexandra Below. Die Frau aus dem Büro. Die Frau, die heute Nachmittag mit ihren wachen, klugen Augen direkt durch meine fein säuberlich aufgebauten Schutzmauern hindurchgesehen hatte, ohne auch nur ein Wort zu viel zu sagen. Eine Frau mit Ecken, Kanten, mit einer Präsenz, die einen Raum ausfüllte, auch ohne dabei laut zu sein. Eine Frau, die nun – durch einen unfassbaren, grausamen Fehler des Schicksals – direkt unter mir wohnte. Der Gedanke an sie brannte sich wie Säure in mein Bewusstsein. Swetlana war ein Schatten, ein Zeitvertreib, aber Alexandra... Alexandra war eine echte Bedrohung. Oder vielleicht etwas Schlimmeres: die erste echte Herausforderung seit Jahren.