Lagebesprechung
Lagebesprechung
Die Sohlen meiner Laufschuhe schlugen in einem erbarmungslosen, gleichmäßigen Rhythmus auf den feuchten Asphalt. Es war stockdunkel, und um diese unmögliche Uhrzeit war ich der Einzige, der sich in der beißenden, frostigen Novemberluft am Ufer des Mains bewegte. Der kalte Wind, der hier unten am Wasser noch einmal an Schärfe zugelegt hatte, schnitt mir ins Gesicht und brannte bei jedem tiefen Atemzug in den Bronchien, doch das war exakt der physische Reiz, den ich brauchte. Schmerz war ehrlich; er log nicht, er analysierte nicht, er forderte einfach nur heraus. Eineinhalb Stunden lang trieb ich meinen Körper durch die Dunkelheit, Kilometer um Kilometer, mit brennenden Lungen und unter Hochspannung stehenden Muskeln. Ich erlaubte mir keine Sekunde der Schwäche. In meinem Kopf lief ununterbrochen dieses unerbittliche Tribunal ab – ein hartes Gericht mit mir selbst, das ich jeden Tag aufs Neue führte, ohne ein einziges Gramm Milde und ohne die Option auf Berufung. Wer in meiner Welt nachließ, verlor. Und wer verlor, war entweder tot oder endete auf dem Abstellgleis. Ich musste absolut fit bleiben, durfte und wollte unter keinen Umständen nachlassen. Jeder Reflex musste messerscharf und jeder Muskel straff bleiben, denn ich war nicht hier, um in der Fremde Wurzeln zu schlagen. Mein Ziel war klar und unumstößlich: Ich wollte zurück nach Moskau. Zurück in den aktiven Dienst bei der SOBR, dorthin, wo das Leben echten Wert besaß, wo die Fronten klar gezogen waren und Entscheidungen binnen Millisekunden getroffen werden mussten, um zwischen Leben und Tod zu wählen. Doch im Moment war das noch ein Ding der Unmöglichkeit; ich musste unter dem Radar bleiben, unsichtbar und leise als angepasster Schatten existieren. Und genau hier, inmitten dieser eisernen Disziplin, schob sich wie ein unerwünschter Störfaktor immer wieder ein Bild in meine Gedanken: Alexandra. Ich stieß einen harten, dampfenden Atemzug in die graue Nachtluft aus. Warum zum Teufel hatte sie so massiv bei mir eingeschlagen? Ich hatte sie doch nur ein paar Minuten gesprochen. Es gab keinen logischen, rationalen Grund dafür. Wir hatten vor ein paar Tagen erst flüchtig in diesem trostlosen Büro gestanden. Im Grunde wusste ich absolut gar nichts über sie – weder ihre wahren Hintergründe noch die tiefen Abgründe, über die auch sie zweifellos verfügte. Und dennoch existierte da diese scharfkantige, magnetische Anziehung, die sich jeder militärischen Logik entzog.
Nach anderthalb Stunden unerbittlichen Laufens erreichte ich direkt das Fitnessstudio. Keine Sekunde zu früh. Mein Körper glühte, und das harte Gericht mit mir selbst verbot jede Pause, die diesen Namen verdiente. Rein ins Eisen, raus aus den Gedanken – das war der Plan. Die Luft im Gym roch nach schwerem Gummi, verbrauchtem Metall und Schweiß. Perfekt. Ich warf meine Jacke über die Bank, band die Schnürsenkel enger und trat ohne langes Aufwärmen direkt an das Hantelrack. Ich brauchte sofort Last. Gewicht, das mich unmissverständlich zwang, den Fokus zu halten. Ich legte die Langhantel auf die Nackenmuskulatur, spürte die Kälte des Stahls auf der Haut und ging tief in die Knie. Konzentration. Runter, rauf – jede einzelne Wiederholung war eine mechanische Pflicht. Ein Mann, der seine Kontrolle verliert, ist in meiner Welt bereits tot. Und ich hatte verdammt noch mal nicht vor, noch einmal zu sterben oder auf ewig in diesem Versteck zu versauern. Doch so sehr ich die Muskeln brennen ließ und den Schmerz in den Oberschenkeln spürte, dieser Störfaktor ließ sich nicht abschütteln. Alexandra. Ihr Gesicht durchdrang gnadenlos meinen Fokus. Ich war kein verliebter Junge, der wegen ein paar Blicken den Boden unter den Füßen verlor. Ich war ein ehemaliger Elitekämpfer. Pressen, drücken, hoch mit dem Gewicht. Ich stieß die Luft kontrolliert aus, während der Schweiß mir über die Stirn rann. Es war nicht nur ihr Aussehen; es war diese verdammt intensive Aura. Diese unruhigen, wachen braunen Augen, die mich durchschaut hatten, noch bevor ich richtig Luft holen konnte. Sie trug dieselbe unsichtbare Rüstung wie ich – die schwere Last von Dingen, über die man niemals spricht. Ich knallte die Hantel zurück in die Halterung, dass das Metall dröhnte, und atmete tief durch. Ich wusste absolut nichts über sie, null – und genau das machte sie so unglaublich gefährlich für meinen überlebenswichtigen Plan. Sie war ein unkalkulierbarer Faktor, und die eigentliche Bewährungsprobe stand mir erst bevor, wenn ich ihr wieder in die Augen sehen musste.
Gegen Mittag war ich mit meinem Kindheitsfreund Andrej verabredet, der am U-Bahn-Eingang der Hauptwache auf mich wartete. Er fiel mir gleich auf. Nicht, weil ich ihn schon ewig kannte, sondern weil er einer der wenigen hier war, mir eingerechnet, die keine Sneaker oder Plastikjacken trugen. Überall roch es vom Weihnachtsmarkt her nach gebrannten Mandeln, schwerem Frittierfett und billigem Glühwein, während die Schaufenster der umliegenden Feinkostläden und Restaurants bereits kitschig und künstlich weihnachtlich dekoriert waren. Menschenmassen schoben sich an uns vorbei, in dicke Wintermäntel gehüllt, gestresst von den letzten Einkäufen des Jahres, gefangen in ihrem kleinen, sicheren Alltag. Ich hasste diese Kakophonie aus Gelächter, klirrendem Besteck und sinnlosen Gesprächen. Für mich war das alles nur Lärm, ein ständiges Hintergrundrauschen, das meine Sinne jedoch längst auf absolute Alarmbereitschaft geschaltet hatte.
Wir fanden schließlich einen freien Platz in einem gut besuchten Bistro, dessen Scheiben von innen beschlagen waren. Andrej ließ sich mit einer ungeduldigen Handbewegung auf die Bank fallen, lehnte sich vor und musterte mich quer über den schmalen Holztisch hinweg. Er brauchte keine zwei Sekunden, um mich zu durchschauen. Fast fünfunddreißig Jahre Freundschaft schweißen Männer zusammen, und Andrej wusste genau, wann bei mir innerlich die Sicherungen brannten, selbst wenn ich mein Gesicht in absolute, eiserne Ruhe hüllte. Er kannte jede Falte um meine Augen, jedes Zucken in meinem Kiefer.
Er lehnte sich zurück, grinste schief und zog eine Augenbraue hoch. »Sag mal, Dima... mal ganz im Ernst: Was ist denn heute los mit dir? Hast du etwa Schiss vor dem neuen Job?«
Ich starrte ihn an, ließ den Blick streng und eiskalt auf ihm ruhen. Was zum Teufel bildete er sich eigentlich ein? Ich, der jahrelang in einer der härtesten Spezialeinheit gedient hatte, der brenzlige Situationen überstanden hatte, bei denen andere den Verstand verloren – ich sollte vor einem langweiligen Schreibtischjob oder ein paar verstaubten Personalakten weiche Knie bekommen? So einen absolut gequirlten Blödsinn konnte sich auch nur jemand ausdenken, der den echten Ernst des Lebens längst verlernt hatte.
Ich zog die Augenbrauen zusammen, lehnte mich langsam nach vorne, damit unsere Worte im lauten Stimmengewirr des Lokals untergingen, und fixierte ihn mit einem Blick, der jede Diskussion im Keim erstickte.
»Hör auf mit dem Scheiß, Andrej«, sagte ich mit gedämpfter, fast gefährlicher Tonlage. »Angst? Du weißt ganz genau, wovor ich Respekt habe und wovor verdammt noch mal nicht. Vor dem Laden da drinnen ganz bestimmt nicht.«
Andrej blinzelte kurz, schien meine harte Kante zu registrieren, ließ sich davon aber wie üblich nicht einschüchtern. Er verschränkte die Arme vor der Brust und zog das Kinn leicht an. »Na gut, großer Mann. Wenn es nicht die Arbeit ist – was nagt dann an dir? Du guckst heute, als hättest du eine Mine überquert und erst im Nachhinein gemerkt, dass der Zünder geklickt hat. Irgendwas läuft doch verkehrt bei dir.«
Ich schnaubte verächtlich durch die Nase, wandte den Blick kurz ab und beobachtete, wie draußen ein Lieferwagen mühsam Rangierarbeiten in der engen Gasse machte. Die Kälte schien durch die Ritzen des Fensters zu kriechen.
»Ich war gestern in dieser rückständigen Bude«, sagte ich schließlich leiser, die Stimme flach und kontrolliert. »Ganz spontan. Nur um mir das Terrain mal unauffällig anzusehen, bevor am Montag dieser offizielle Zirkus mit den neuen Kollegen losgeht.«
Andrej legte sofort den Kopf schief, seine Neugier war geweckt, und er musterte mich mit diesem typischen, durchdringenden Blick. »Und? Was gibt's da zu sehen? Grau in grau? Aktenstapel und langweilige Sachbearbeiter? Wie unsere Behörden vor zwanzig Jahren?«
»Schlimmer«, knurrte ich und winkte den Kellner herbei, damit wir unsere Getränke und auch direkt etwas zu Essen bestellen konnten. »Bürokratie, ineffiziente Abläufe und Leute, die glauben, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen. Aber das ist es nicht mal. Das kenne ich, das lässt sich steuern. Aber da lief mir eine Frau über den Weg...« Ich hielt kurz inne, weil allein der Gedanke daran diesen seltsamen, unkontrollierbaren Druck in meinem Magen auslöste. »...eine Frau, die vom ersten Moment an war wie Sand im Getriebe. Jemand, den man nicht einfach einordnen, wegwinken oder ignorieren kann.«
Andrej starrte mich an, und langsam breitete sich ein amüsiertes, fast schon wissendes Grinsen auf seinem Gesicht aus. »Verdammt, Dima... schau an. Dich wirft tatsächlich mal eine Frau aus der Bahn?«
Ich fuhr mir mit den Händen langsam durch mein dunkles Haar, während ich Andrej musterte. Er saß da, den Kopf leicht schiefgelegt, und grinste. Nicht hämisch, nicht dreckig – sondern exakt so, wie ein bester Freund eben grinst, wenn er merkt, dass der härteste Hund weit und breit gerade weichgekocht wird, ohne es sich eingestehen zu wollen. Dieses verfluchte, wissende Grinsen, das man am liebsten direkt mit einem gezielten Schlag aus seinem Gesicht dreschen wollte.
»Du grinst wie ein Honigkuchenpferd, Andrej«, knurrte ich und lehnte mich mit verschränkten Armen zurück, sodass die Nähte meiner Jacke gefährlich spannten. »Hör auf damit. Es ist nicht so, wie du denkst.«
»Natürlich nicht, Dima«, gab er zurück und lachte leise auf, während er mit der Hand nach seinem Bierfläschchen griff. »Du schaust eine Frau einmal an, und plötzlich steht dein kompletter Kosmos Kopf. Völlig normaler Freitag im Büro, klar.«
Ich stieß ein verächtliches Schnauben aus. »Nichts steht Kopf. Aber... sie ist... Alexandra ist anders. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich absolut keinen blassen Schimmer habe, wer sie wirklich ist.«
Andrej lehnte sich nach vorne, die Ellbogen auf dem Tisch abgestützt, und musterte mich scharf. Die Belustigung wich langsam diesem typischen, analytischen Blick, den er immer aufsetzte, wenn wir taktische Lagen besprachen. »Okay, harter Mann. Wenn sie dich so triggert, musst du sie ja wohl eingehend studiert haben. Wie ist sie denn so? Was für ein Typ Frau?«
Ich zuckte unwillkürlich mit den Schultern und starrte kurz auf den Holztisch, bevor ich meinen Blick wieder hob. In meinem Kopf liefen die wenigen Szenen ab, in denen wir aufeinandergetroffen waren. Ein paar Minuten im Büro, dieser zunächst erschrockene Blick, ehe sie ihre Fassung zurückerlangte, das Parfüm, das mir bei jeder ihrer noch so kleinen Bewegungen in die Nase stieg.
»Genau das ist es ja«, sagte ich leiser und schüttelte langsam den Kopf. »Ich kenne sie im Grunde kaum. Ich weiß nicht, was sie antreibt, was sie nachts wach hält oder ob hinter dieser kühlen, professionellen Fassade nicht doch eine ganz andere Realität steckt. Ich kann sie nicht greifen, Andrej. Ich kann nur spekulieren. Und das ist das, was mich am meisten ankotzt – dass ich in ihrem Fall im Nebel stochere, anstatt die Fakten auf dem Tisch zu haben.«
Andrej zog eine Augenbraue nach oben, nahm einen tiefen Schluck aus seiner Flasche und stellte sie mit einem trockenen Klacken auf dem Holz ab. »Du willst alles kontrollieren, Dima. Das ist dein Problem. Sobald jemand nicht nach Plan läuft oder du die Variablen nicht kennst, wirst du unruhig. Aber mal ganz im Ernst: Ist es nicht genau das, was das Leben außerhalb deiner alten Einheit ausmacht? Dass man eben nicht jede Sekunde durchkalkulieren kann?«
Bevor ich auf diesen philosophischen Blödsinn etwas erwidern konnte, schob sich der Kellner mit zwei großen Tellern zwischen die Tische. Bratwurst, Sauerkraut und dicke Portionen Pommes dampften appetitlich auf dem Porzellan. Der intensive Geruch von fettigem Essen und Gewürzen füllte sofort den Raum. Wir bedankten uns knapp, und für einen Moment kehrte so etwas wie schweigsame Konzentration ein, während wir das Besteck in die Hand nahmen. Ich schnitt mir ein Stück von der Bratwurst ab, schob es in den Mund und kaute mechanisch. Das Essen war von der Zusammenstellung her fragwürdig, geschmacklich aber top, das stand außer Frage, aber mein Magen war ohnehin schon durch den inneren Druck auf Sparflamme geschaltet.
Andrej schob sich eine Pommes in den Mund, kaute nachdenklich und musterte mich dabei quer über den Tisch. Die lockere, fast kumpelhafte Frotzelei wich mit jedem Bissen einer spürbaren Ernsthaftigkeit. Seine Skepsis bezog sich schon längst nicht mehr auf Alexandra – die war für ihn nur das unterhaltsame Symptom. Das echte Problem lag viel tiefer.
Er stützte die Unterarme auf den Tisch, beugte sich vor und senkte die Stimme, sodass sie im lauten Stimmengewirr der Fressgass fast unterging. »Ich weiß nicht, welcher Perverse auf die Idee kam, Pommes und Kraut würden zusammenpassen«, sagte er und fixierte mich mit seinen klaren Augen, »und auch um Alexandra mach' ich mir eigentlich am wenigsten Sorgen. Mich plagt ein ganz anderes Bauchweh, Dima. Und das liegt verdammt noch mal nicht an der Bratwurst.«
Ich hielt kurz inne, das Messer schwebte über dem Teller. Ich schaute ihn kühl, fast eisig an. »Ach ja? Und woran dann?«
Andrej lehnte sich noch ein Stück weiter vor, sein Gesicht nur Zentimeter von meiner Seite des Tisches entfernt. »An deiner Geschichte, Mann«, sagte er direkt und ohne Umschweife. »Du steckst hier mitten in Deutschland fest, unter falscher Flagge, musst jeden Tag diesen verflucht edlen Gentleman mimen und tust nach außen hin so, als hättest du absolut alles im Griff. Aber du spielst mit dem feuerroten Draht, Dima. Wenn diese Frau auch nur einen Funken Grips hat, fängt sie an zu graben. Und wenn sie gräbt, stößt sie früher oder später auf dein Mauer, die du dir aufgebaut hast. Auf eine Mauer, hinter der Nichts als ein schwarzes Loch und ein Haufen Akten stehen, die es offiziell gar nicht geben dürfte. Und was machst du dann? Was passiert, wenn deine Vergangenheit dich hier in Deutschland einholt, während du versuchst, in einem grauen Büro Eindruck bei einer Sachbearbeiterin zu schinden?«
Seine Worte hingen schwer wie Blei im Raum. Jedes einzelne Argument traf mich exakt an der empfindlichsten Stelle, dort, wo ich meine eiserne Rüstung trug. Ich ließ seinen Blick ins Leere laufen, hielt stand, auch wenn ich genau spürte, wie sich in meinem Magen alles krampfartig zusammenzog. Er hatte recht. Jedes Wort war ein Volltreffer ins Schwarze, auch wenn mein stolzer Verstand es mir strikt verbot, das laut zuzugeben. Ein Fehler, ein falscher Schritt, ein neugieriger Blick an der falschen Stelle – und das Kartenhaus stürzte ein.
Ich atmete langsam durch die Nase aus, schnitt mir mit ruhiger Hand ein weiteres Stück Fleisch ab und schluckte es hinunter, bevor ich das Wort ergriff. Meine Stimme klang dabei so kontrolliert, so eiskalt und unerschütterlich, wie ich sie mir in jahrelangen Krisengebieten antrainiert hatte.
»Nach wem soll sie graben? Nach Kirill Belov?«, sagte ich leise und sah ihm tief in die Augen. »Sie kennt ihn nicht. Hat seinen Namen nie gehört. Und es gibt ihn offiziell nicht mehr. Ich bin ein Geist, den sie auf dem Papier begraben haben.
Andrej schüttelte nur langsam den Kopf, griff nach seinem Bierglas und stieß ein leises, resigniertes Lachen aus, während er sich wieder in die Kissen zurücklehnte. »Du wirst dich noch verbrennen, Dima. Merk dir meine Worte.«
Ich lehnte mich ein Stück zurück, ließ das schwere Besteck auf den Teller sinken und musterte Andrej, während ich das Thema unauffällig wechselte. »Sag lieber, wie geht’s Larissa?«, fragte ich und fixierte ihn mit einem nüchternen Blick. »Hörst du mal wieder was Vernünftiges aus Moskau von ihr?«
Andrej seufzte leise, wobei das schiefe Grinsen auf seinem Gesicht für einen kurzen Moment einer echten, greifbaren Ernsthaftigkeit wich. Larissa war nach wie vor drüben in Moskau geblieben, verankert in ihrem eigenen Leben, während Andrej und ich hier im Exil und im Generalkonsulat festsaßen. Die beiden liebten sich abgöttisch – ein steinernes Fundament, an dem kein Zweifel kratzen konnte. Aber sie führten eben auch eine offene Ehe. Ein eingespieltes, starkes Team, das funktionierte, trotz der brutalen räumlichen Distanz und der völlig unterschiedlichen Bedürfnisse, die das Leben so mit sich brachte.
»Ihr geht’s gut«, antwortete Andrej und fuhr sich mit der Hand über das Kinn. »Viel zu viel Arbeit, wie immer. Aber wir telefonieren regelmäßig. Das läuft, Dima. Mach dir um uns mal keine Sorgen.«
Eigentlich scherte mich das Sexleben anderer Leute einen feuchten Dreck. In meinem eigenen Kopf herrschte genug Chaos, als dass ich mich mit den Intimitäten von Andrej und seiner Frau befassen wollte. Aber Andrej trug nun mal sein Herz auf der Zunge – oder besser gesagt, er machte aus seinen Trieben und Gedanken nie ein Geheimnis. Hier in Frankfurt war er jedenfalls absolut kein Kind von Traurigkeit. Er hatte fast ständig irgendeine Frau am Start, doch das lief selten auf mehr hinaus als auf ein paar Tage, eine kurze Nacht, ein geteiltes Bett. Um tiefe Gefühle oder gar Liebe ging es dabei nie. Das Einzige, was man Andrej zugutehalten musste: Er war dabei niemals respektlos. Er sprach nie abfällig über diese Frauen, nannte sie niemals billig oder benutzte Ausdrücke, die auf eine verletzende Haltung schließen ließen. Er liebte Frauen schlichtweg. Er mochte ihre Art, ihre Anwesenheit, die Energie, die sie ausstrahlten. Für ihn waren sie keine Statisten, selbst wenn sie meist nur für einen kurzen Augenblick in seinem Leben auftauchten.
Ich schüttelte unwillkürlich den Kopf und lehnte mich wieder etwas vor. »Du wirst in diesem Leben wohl auch nicht mehr erwachsen, Andrej. Bei dir brennt in der Hinsicht wirklich permanent Licht im Flur.«
Andrej grinste breit, holte sich eine saubere Serviette vom Halter und warf sie mir lässig quer über den Tisch zu, direkt vor den Teller.
»Hey, was soll ich machen, Dima?«, rief er fast triumphierend. »Ich kann nun mal nichts dafür. Ich mochte Frauen schon immer. Schon mein ganzes Leben lang, solange ich denken kann.« Er lachte leise auf, während seine Gedanken in diesem Moment offenbar weit abdrifteten, zurück in eine Zeit, die meilenweit von diesem Frankfurter Bistro entfernt lag. »Weißt du eigentlich noch, wer mein allererster Crush war?«
Ich zog eine Augenbraue nach oben, musterte ihn skeptisch und schüttelte langsam den Kopf. »Keine Ahnung, Andrej. Wahrscheinlich irgendeine Kindergärtnerin aus dem Block oder das Mädchen von nebenan, das dir im Treppenhaus die Zunge rausgestreckt hat.«
»Falsch!«, sagte er triumphierend, lehnte sich noch ein Stück weiter über den Tisch und senkte verschwörerisch die Stimme. »Deine Mutter, Mann!«
Ich starrte ihn an, und für eine ganze Sekunde blieb mir schlichtweg das Wort im Halse stecken. Ein ungläubiges, scharfes Schnauben entkam meiner Brust, das im lauten Stimmengewirr des Lokals fast unterging. »Du bist doch nicht ganz dicht im Kopf. Meine Mutter?«
»Ich schwör bei Gott!«, grinste Andrej absolut ungerührt, winkte ab und trank einen Schluck von seinem Bier. »Ich war damals acht Jahre alt und unsterblich in sie verknallt. Und weißt du auch verdammt noch mal warum? Wegen ihrer schicken Garderoben – und weil sie mir im Flur immer heimlich Schokolade zugesteckt hat, weil ich immer so ein verflucht dürrer, kleiner Hungerhaken war.«
Ich musste unwillkürlich den Kopf schütteln. Ein kurzes, trockenes Lachen brach durch meine ansonsten eiserne Fassade. Trotz all der Härte, die mich umgab, trotz des ständigen Drucks und der Sorgen, die mich auffraßen – das war typisch Andrej. Selbst in den dunkelsten, beschissensten Zeiten schaffte er es, diese alten, absurden Kamellen auszugraben und einen für einen kurzen Moment vergessen zu lassen, wer wir waren und wo wir uns befanden.
Andrej lehnte sich nach diesen Worten wieder entspannt in die gepolsterte Bank zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und musterte mich mit einer Mischung aus amüsiertem Spott und echter, langjähriger Vertrautheit. Er schien das Problem in seiner typischen, pragmatischen Manier auf ein rein handwerkliches Level herunterbrechen zu wollen.
»Weißt du was, Dima?«, fing er an und zog die Mundwinkel zu einem breiten, unerschütterlichen Grinsen nach oben. »Ich ahne zwar mit jeder Faser meines Körpers, dass die ganze Sache am Ende in einem epischen Desaster und einem verdammt gebrochenen Herzen für dich enden wird – vorausgesetzt, du hast überhaupt so etwas Weiches in dir –, aber warum machst du dir das Leben eigentlich so kompliziert?«
Ich spannte unwillkürlich den Kiefer an. Die Art, wie er sprach, als ginge es um die Planung eines harmlosen Wochenendtrips und nicht um die potenzielle Zerstörung meiner gesamten Existenz, reizte mich bis aufs Blut. »Komm auf den Punkt, Andrej«, knurrte ich tonlos.
»Ganz einfach«, fuhr er fort, unbeeindruckt von meiner frostigen Tonlage, und deutete mit einer lockeren Handbewegung auf den belebten Fußgängerbereich draußen auf der Fressgass. »Lade sie verdammt noch mal auf ein Date ein. Kauf ein paar anständige Blumen – keine von der Tankstelle, sondern vom Floristen – und lass diesen ganzen geheimnisvollen, eisigen russischen Charme spielen, den du sonst nur für Vernehmungen nutzt. Glaub mir, das wirkt. Die deutschen Männer hier sind in der Hinsicht doch meistens maximal unkreativ, die schenken zum Jahrestag ’ne Topfpflanze oder ’ne Packung Pralinen aus dem Supermarkt. Ein bisschen offensive Aufmerksamkeit, und die Frau vergisst jede Bürokratie.«
Ich starrte ihn an, als hätte er gerade vorgeschlagen, nackt durch den Frankfurter Hauptbahnhof zu rennen. Ein scharfes, ungläubiges Schnauben entkam meiner Brust. Blumen? Ein Date? War er komplett von allen guten Geistern verlassen?
»Du hast sie doch nicht mehr alle, Andrej«, zischte ich leise, wobei meine Stimme vor innerem Druck bedrohlich tief vibrierte. Ich lehnte mich so weit nach vorne, dass der Abstand zwischen uns auf ein Minimum schrumpfte. »Das ist absolut ausgeschlossen. Völlig undenkbar. Vergiss es.«
Andrej blinzelte überrascht, das Grinsen wich langsam einer gewissen Skepsis. Er zog eine Augenbraue hoch. »Was ist das Problem? Ich denke du stehst auf sie. Oder habe ich da etwas falsch verstanden?«
»Sorry, ich habe jetzt nicht genug Buntstifte dabei, um dir das zu erklären«, gab ich zurück und schnitt ihm das Wort ab, während ich den schalen Rest in meinem Bierglas fixierte. Meine Finger strichen unruhig über das Glas. »Erstens: Ich bin ihr Vorgesetzter. Ich leite diesen Laden, verdammt noch mal. In diesem System hier, mit diesen übervorsichtigen, verweichlichten Compliance-Regeln, gilt jede falsche Annäherung sofort als Belästigung am Arbeitsplatz. Ein einziger falscher Schritt, eine unbedachte Annäherung und mir flattert eine Anzeige ins Haus. Das Büro ist kein Spielfeld für so einen billigen Kindergarten-Flirt, das ist ein Minenfeld.«
Andrej öffnete den Mund, um etwas einzuwenden, doch ich hob abwehrend die Hand und ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. Die Wut und der Druck, die sich seit Tagen in meiner Brust stauten, suchten sich ein Ventil.
»Und zweitens«, fuhr ich fort, und diesmal riss etwas in meiner Stimme – ein feiner Riss in der eisernen Fassade, die ich mir mühsam aufgebaut hatte –, »zweitens geht es hier verdammt noch mal überhaupt nicht um solche Spielchen.«
Andrej schloss den Mund wieder. Das breite Grinsen war endgültig aus seinem Gesicht gewischt. Er saß mustergültig still da, die Augen auf mich gerichtet, und wartete auf den wahren Kern, den ich sonst vor jedem Menschen auf dieser Welt verbarg.
»Sondern?«, fragte er leise, plötzlich völlig ernst.
Ich starrte auf den leergegessenen Teller, bevor ich den Blick wieder hob und ihm schonungslos, ohne jede Deckung, direkt in seine Augen sah.
»Sondern weil ich genau weiß, dass die wahre Gefahr ganz woanders liegt«, sagte ich tonlos, jede Silbe eiskalt abgewogen. »Es geht nicht darum, dass ich Schiss vor einer Abfuhr habe. Mit Zurückweisungen bin ich im Leben fertig geworden, damit kann ich umgehen, das hinterlässt keine Narben. Die Angst, die mich wirklich innerlich auffrisst... die ist von einer ganz anderen Dimension.«
Ich machte eine kurze Pause, weil das Aussprechen dieser Gedanken an meinen letzten Reserven riss. Andrej rührte sich nicht. Er atmete nicht mal laut aus.
»Ich habe schlichtweg Angst davor, ihr zu nahe zu kommen, Andrej«, flüsterte ich fast, die Worte kaum lauter als ein Hauch. »Weil ich genau spüre, was passiert, wenn ich diese eiserne Mauer, die ich mir um mein Leben gebaut habe, auch nur einen einzigen verfluchten Spaltbreit öffne. Sie bringt alles ins Wanken. Jede harte Disziplin, jedes Überlebensprinzip, die Maske als Dima, den ganzen Schutz, den ich brauche, um in dieser verdammten westdeutschen Provinz überhaupt als Mensch zu existieren – sie droht das alles mit einem einzigen Blick wegzublasen.«
Andrej schwieg lange. Kein dummer Spruch, keine aufmunternde Klopf auf die Schulter, keine lockere Bemerkung, um die Situation zu entschärfen. Er saß einfach nur da und begriff schlagartig, dass dieser Kampf, den ich in mir austrug, härter war als alles, was wir jemals gemeinsam auf einem Übungsgelände oder in einem Einsatz durchgestanden hatten.
Andrej schüttelte den Kopf, musterte mich mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und purem Amüsement und lehnte sich vor.
»Sag mal, Kirill«, warf er ein und nutzte ausnahmsweise meinen echten Namen, während er mit den Fingern ungeduldig auf die Tischplatte klopfte. »Wie lange kennst du diese Frau eigentlich schon? Doch erst seit einem Tag, Großer.«
Ich zog den linken Arm hoch, fixierte das schwere Zifferblatt meiner Breitling und ließ die Sekundenzeiger auf dem polierten Stahl kurz kreisen, ehe ich kühl erwiderte. »Neunundzwanzig Stunden, um genau zu sein.«
Andrej prustete umgehend los und schlug sich flach mit der Hand aufs Knie. »Neunundzwanzig Stunden? So genau weißt du das? Verdammt, Dima! Du kennst die Olle nicht mal anderthalb Tage, und hier brennt die Hütte lichterloh! Das nenne ich mal ’ne Punktlandung. Respekt, Kapitan.«
Ich kniff die Augen zusammen und sah ihn eisig an. »Podpolkownik. Und halt den Mund, Andrej. Das hat nichts mit Romantik zu tun. Das ist einfach nur ein taktischer Totalschaden im eigenen System.«
»Eben nicht, Mann!«, widersprach er sofort, das breite Grinsen nicht aus dem Gesicht kriegend. »Genau das ist es doch. Du funktionierst sonst wie ein Uhrwerk, und plötzlich kommt so eine Frau und sprengt dir das gesamte Fundament weg. Gib's doch zu – du denkst an nichts anderes. Geht's wirklich darum, dass du Angst um deine Tarnung hast, oder hast du dich einfach nur verknallt und willst es dir nicht eingestehen?«
Ich schwieg. Weil er recht hatte. Ich blickte wieder auf die Uhr, während in meinem Kopf die verdammt präzisen, unerbittlichen Zahnräder weiterliefen, die sich seit exakt neunundzwanzig Stunden nur noch um eine einzige Person drehten. Ich ließ das Bierglas stehen, dessen herber Rest noch immer schal auf dem Holz der Theke stand, und strich mir mit einer fließenden, fast unbewussten Bewegung über den harten Kiefer. Andrej lehnte sich zurück, die Arme vor der breiten Brust verschränkt, und musterte mich mit diesem typischen, durchtriebenen Blitzen in den Augen, das verriet, dass er sich blendend unterhielt. Für ihn war das hier alles ein verdammt guter Film, bei dem er sich Popcorn holen konnte, während ich gerade versuchte, einen Blindgänger zu entschärfen, der jeden Moment hochgehen konnte.
»Ich muss los«, sagte ich und schob den Stuhl ein Stück nach hinten, sodass die Beine kurz über den Boden kratzten.
Andrej zog eine Augenbraue nach oben, aber er wusste, es hatte keinen Sinn, mich zum Bleiben überreden zu wollen. Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln und klopfte mir mit der flachen Hand auf die Schulter, als gälte es, einen Soldaten ins Gefecht zu verabschieden. Der Druck seiner Hand war fest, vertraut, ein Stück geerdeter Realität in dieser verfickten Stadt, in der niemals mein echter Name auf dem Klingelschild stehen würde.
»Viel Erfolg beim neuen Job, Dima«, rief er mir mit diesem unverkennbaren, leicht spöttischen Unterton hinterher, den nur ein bester Freund sich erlauben durfte. »Wir hören uns im Laufe der Woche!«
Ich nickte knapp, hielt diesen stahlharten Blick, der jede Ablagerung von Sentimentalität sofort im Keim erstickte, und wollte mich bereits abwenden. Doch Andrej wäre nicht Andrej gewesen, wenn er sich mit einem normalen Abschied hätte zufrieden geben können. Sein Grinsen wurde noch breiter, fast schon unverschämt, als er den entscheidenden Satz hinterherschob, der direkt in meinem Kopf einschlug wie ein Querschläger.
»Und eins noch, Kumpel«, rief er mir nach, während er die Betonung genüsslich auskostete: »Immer schön mit dem Kopf denken! Nicht mit dem Köpfchen!«
Ich zog die Brauen tief zusammen, verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und warf ihm einen Blick zu, der bei jedem anderen im Raum schlagartig für Herzrasen oder sofortiges Schweigen gesorgt hätte. Eine eiskalte, tödliche Stille, die direkt aus den Tagen stammte, in denen Worte längst überflüssig waren. Doch Andrej kannte mich zu gut. Er zuckte nur mit den Schultern und lachte leise, unbeeindruckt von meiner Drohgebärde.
Verdammt. Er hatte das letzte Wort. Mal wieder. Und das Schlimmste an der Sache war: Er hatte auch noch recht.
Ich wandte mich abrupt ab, stieß die schwere Holztür des Lokals auf und trat hinaus in die kalte, klare Nachtluft. Der Novemberwind schlug mir sofort ins Gesicht, scharf, nackt und vollkommen unbarmherzig. Er schnitt durch den dicken Stoff meines schwarzen Mantels, kühlte die hitzige Wut und die verdammte Unruhe in meinem Körper herunter, die sich dort in den letzten Minuten breitgemacht hatte. Ich schob die Hände tief in die Taschen, die Finger fest zu Fäusten geballt, und setzte mich in Bewegung. Jeder Schritt auf dem harten Asphalt war mechanisch, rhythmisch, durchkalkuliert. Mein Gehirn lief auf Hochtouren, während das innere Tribunal sofort wieder die Arbeit aufnahm. Mit dem Kopf denken, nicht mit dem Köpfchen. Andrejs Worte hallten in meinem Schädel nach und verbanden sich nahtlos mit dem Bild von Alexandra. Neunundzwanzig Stunden. Eine verschwindend geringe Zeitspanne im großen Ganzen, ein Wimpernschlag in einem ohnehin schon verkorksten Leben unter falscher Flagge. Und trotzdem schaffte es diese Frau, mein verdammtes Betriebssystem komplett durcheinanderzuwirbeln. Ich war kein naiver Trottel, der sich von ein paar dunklen Augen und einem scharfzüngigen Konter den Boden unter den Füßen wegziehen ließ. Ich wusste, wie man verdeckt operierte, wie man Emotionen abspaltete, wie man wie eine Maschine funktionierte, wenn die Lage brenzlig wurde. Disziplin war mein Schild. Kontrolle war meine Schwert. Ich atmete die eiskalte Luft tief ein, spürte, wie sie in meinen Bronchien brannte, und zwang meinen Verstand zurück auf Werkseinstellung. Übermorgen früh um acht würde ich an meinem Schreibtisch sitzen. Übermorgen früh lief das Spiel nach meinen Regeln. Keine Schwäche. Keine Fehler. Ich würde ihr in die Augen sehen, kühl, analytisch, unnahbar wie ein Fels in der Brandung, und sie spüren lassen, dass hier ich die Fäden in der Hand hielt. Egal wie sehr sie mir gefiel.
Der Motor meines Wagens lief im Leerlauf, und das monotone, tiefe Brummen vibrierte spürbar durch das Lenkrad, während ich im Parkhaus stand. Die Scheinwerfer warfen einen fahlen Kegel gegen die Asphaltwand vor mir. Andrej war sicher längst in seiner Wohnung verschwunden, doch die Fragen ließen mich nicht los. Warum hatte ich es ihm eigentlich verschwiegen? Ich ließ den Blick über den dunklen Innenraum schweifen, während diese Frage in meinem Kopf hämmerte wie der Kolben eines Motors unter Volllast. Es war eine einfache Frage, aber die Antwort war ein reines Minenfeld. Warum zum Teufel hatte ich Andrej mit keinem einzigen Wort davon erzählt, dass Alexandra nicht nur die Frau war, die mein vermeintlich eisernes Betriebssystem komplett aus der Fassung gebracht hatte, sondern dass sie auch noch direkt unter mir wohnte? Und als ob das nicht schon genug des Zufalls – oder der absoluten Idiotie – gewesen wäre: Fast denselben Nachnamen trug sie obendrein.
In meinem alten Leben, in Moskau, in den Einheiten, wo jeder Fehler sofort mit Blut oder Schande bezahlt wurde, war Information die einzige Währung, die zählte. Wer zu viel wusste, war eine Belastung; wer seine Geheimnisse nicht halten konnte, war tot. Auch wenn Andrej mein bester Freund war – der einzige Mensch, bei dem ich nicht Dmitrij Mitrochin, sondern einfach Kirill sein konnte –, gab es klare Grenzen. Es gab Dinge, die man selbst von seinem engsten Vertrauten fernhielt, um ihn zu schützen. Oder um sich selbst zu schützen. Vor allem aber, um die Kontrolle nicht gänzlich aus der Hand zu geben. Wenn Andrej gewusst hätte, dass diese Frau nicht nur tagsüber in meinem Büro saß und mir mit ihrer scharfzüngigen Art den Verstand raubte, sondern nachts nur ein paar Fußschritte durch die Decke von mir entfernt existierte - und dann auch noch dieser verdammt vertraute Nachname – er hätte mich zerlegt. Er hätte mich mit Sprüchen bombardiert, hätte mich aufgezogen, hätte jede Regung seziert, bis von meiner disziplinierten Fassade nur noch Staub übrig geblieben wäre. Schlimmer noch: Es hätte eine Dynamik in Gang gesetzt, die ich nicht mehr hätte kontrollieren können. Ich spannte den Kiefer an, bis die Muskeln unter meiner Haut zuckten. Ich legte den Gang ein und rollte vom Parkplatz, aus der Tiefgarage hinaus in den Frankfurter Stadtverkehr, während die Scheibenwischer in einem ständigen, mechanischen Rhythmus über das Glas wischten. Nein. Dieses Geheimnis blieb unter Verschluss. Tief vergraben in dem Tresor, den ich in meiner Brust trug, hinter stahlharten Riegeln aus Vernunft und Paranoia. Ansonsten würde hier alles eskalieren – Andrejs blödes Gelächter, meine eigene aufgestaute Unruhe, diese schleichende Annäherung an eine Realität, vor der ich eigentlich jeden Tag aufs Neue davonlief.
Ich bog in meine Straße ein und zog den Wagen in eine Parklücke, denn die Tiefgarage wollte ich vermeiden. Der Blick nach oben zum Gebäude, in wir wohnten, fühlte sich an wie der Blick in ein Minenfeld. Ich zog den Schlüssel ab, und der Motor starb mit einem leisen Rucken. Ich saß in der Stille und starrte auf das Lenkrad. Nach außen hin gab ich den unerschütterlichen, kalten Strategen, der alles im Griff hatte. Aber tief drinnen wusste ich, dass die eigentliche Schlacht erst am Montagmorgen beginnen würde, wenn ich das Büro betrat und wusste: Sie war nicht nur auf der Arbeit da. Sie war direkt unter mir. Und sie kam mir jeden Tag gefährlich nah.