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Aktensichtung

Черные Глаза 2 - Unter Dem Maßanzug — www.fanfiktion.de · All chapters

Aktensichtung

Das Wasser in der großen, tiefen Wanne war fast unangenehm heiß, ein verlässlicher thermischer Gegenpol zu der feindlichen Witterung draußen. Es war der 30. November, der erste Advent. Ein kalendarischer Meilenstein, der in diesem tristen deutschen Provinznest vor allem eines bedeutete: eine feuchte, aggressive Kälte, die sich wie bleierne Schwere über die Stadt legte. Draußen heulte der Wind um die glatten Kanten des Hochhauses, trieb den nassen Nebel gegen die raumhohen Panoramafenster und kroch unbarmherzig durch jede noch so feine Fuge des 70er Jahre-Betons – eine Kälte, die direkt in die Knochen zog, tief in das Mark eines Mannes, der ohnehin zu viele Jahre in eisigen Regionen zugebracht hatte.

Auf dem kleinen, mattschwarzen Bluetooth-Lautsprecher am Rand des Waschtischs lief leise Musik von Ljube. Die raue, melancholische Stimme von Nikolai Rastorgujew schnitt durch den Raum, strömte über das dampfende Wasser und trug jene dumpfe, unverwechselbare Heimatsehnsucht in sich, die wie ein ungelöstes Echo in meiner Brust vibrierte. In meiner Rechten hielt ich ein schweres, bauchiges Glas mit französischem Cognac. Der goldbraune Bernstein schimmerte im gedämpften Licht, das von den Einbaustrahlern der Decke fiel. Ein Schluck des edlen Tropfens brannte angenehm im Hals, eine scharfe, kontrollierte Wärme, die den Kontrast zu der eisigen Leere in der Penthouse-Wohnung nur allzu deutlich machte.

Ich ließ den Kopf nach hinten sinken, die Nackenmuskeln spannten sich gegen den harten Rand der Wanne, während meine Gedanken unaufhaltsam dorthin zurückkehrten, wo sie den gesamten Tag über schon gewesen waren: zu Alexandra.

Was verdammt noch mal tat sie wohl gerade in diesem Augenblick?

Für einen Moment stellte ich mir vor, wie sie hier mit mir in der Wanne lag. Platz genug wäre gewesen. Der Gedanke war wie ein feiner Riss im Fundament. Ich analysierte die Fakten mit der kalten Präzision, die man mir eingeprügelt hatte. dreizehnter Stock: ich. zwölfter Stock: sie. Es trennten uns exakt drei Meter Luftlinie und eine Stahlbetondecke, die normalerweise jede Interaktion unmöglich machen sollte. Und doch fühlte es sich an, als würde sie direkt neben mir im Wasser liegen, als würde ihre Präsenz den Sauerstoff in meinem luxuriösen, sterilen Bad kanalisieren. Ein rein taktischer Impuls zuckte durch meine Nervenbahnen. Es wäre ein Leichtes gewesen, sich etwas überzuwerfen, die paar Stufen nach unten zu nehmen, sich vor ihre Wohnungstür zu stellen und zu klopfen. Ein paar schlichte, hohle Worte als Vorwand zu finden. Es gab tausend Wege, das rational zu verpacken. Doch mein Verstand – jener hochintelligente, strategische Filter, der mich in den letzten fünf Jahren im Zeugenschutz vor dem sicheren Untergang bewahrt hatte – schlug sofort laut Alarm. Ich stieß ein leises, trockenes Stoßatmen aus, während feiner Dampf von meinen Lippen aufstieg, und schüttelte fast mitleidig den Kopf über meine eigene Arroganz. Das war einfach anmaßend. Wenn ich jetzt bei ihr aufkreuzte – ohne jeden vernünftigen, zivilen Grund, nach gerade einmal einem Dutzend gewechselter Worte im muffigen Büro –, würde ich mich wie ein kompletter Idiot verhalten. Schlimmer noch: wie ein psychopatischer Stalker. Das hatte nichts mit taktischer Aufklärung oder professionellem Vorgehen zu tun. Das war schlicht die Definition eines Creeps.

Dass der neue Niederlassungsleiter einer drögen Zeitarbeitsfirma ohnehin direkt im selben Gebäude und noch dazu unmittelbar über seiner eigenen Angestellten wohnte, war an sich bereits ein statistischer Albtraum, ein administratives Minenfeld von epischen Ausmaßen. Sie dann auch noch in ihrer privaten Zelle heimzusuchen, ohne jegliche soziale Legitimation, wäre im Grunde ein Fall für die örtliche Polizeiwache gewesen – und zwar völlig zu Recht. Ein Mann von meiner Statur, 1,93 Meter groß, mit der harten, unverkennbaren Körpersprache eines ehemaligen Elitekämpfers, der nachts an der Wohnungstür einer dreißigjährigen Angestellten klopft? Das rief nicht nach Romantik, das rief nach Notwehr. Mit Dark Romance hatte das nichts zu tun, vielmehr mit einer akuten Bedrohungslage. Als Mann, der gewohnt war, jede noch so komplexe Situation messerscharf zu analysieren, einzuschätzen und zu kontrollieren, fühlte sich diese absolute Hilflosigkeit beschissen an. Eine fundamentale, ungewohnte Ohnmacht. Mein Verstand hämmerte mir unerbittlich ein, dass ich die Füße still-, den Ball flach halten und stoisch bis Montag warten musste. Die Regeln des zivilen Lebens verlangten es, die Distanz zu wahren. Mein Körper und meine rebellierenden Gedanken schienen da allerdings eine völlig andere Sprache zu sprechen. Sie ignorierten jede Logik. Ich schloss die Augen fester, presste die Lider zusammen, während im Hintergrund das Akkordeon von Ljube verklang und der schwere, edle Geruch von Cognac und feuchtem Dampf die Sinne betäubte. Morgen war Montag. Der Tag, der mich sicher weiterbringen würde. Bis dahin musste ich diesen verdammten, unkontrollierten Wahnsinn in meinem Kopf unter Verschluss halten. Denn eins war sicher: Wenn Alexandra Below morgen mein Büro betrat, durfte sie nicht ahnen, dass der Mann hinter dem Schreibtisch bereits seinetwegen den Verstand verlor.

Die feuchte, schwere Luft des Badezimmers schloss sich mittlerweile wie ein schwerer Vorhang um mich, während ich im fast bis zum Rand gefüllten, heißen Wasser lag. Meine rechte Hand glitt langsam aus dem duftenden Nass an meiner Brust hinab, strich über die harten Konturen meiner Rippen und legte sich flach auf meinen Bauch. Ein kritischer, unbestechlicher Prüfblick folgte der Berührung. Ich wischte ein paar Schaumflocken beiseite. Ich war zweifellos gut in Form. Die schweißtreibenden Meilen beim morgendlichen Lauf am Main, die eiserne, unerbittliche Disziplin im Fitnessstudio und das strikte Verbot jeglicher Nachlässigkeit hatten sich ausgezahlt. Und doch, in diesem Moment der absoluten Selbstbetrachtung, regte sich der Perfektionist in mir. Mein Bauch hätte noch einen Tick definierter sein können. Ein Hauch mehr Härte, eine noch schärfere Kontur – das war der einzige winzige Makel, der mir in diesem Augenblick durch den Kopf schoss. Aber ich verabscheute Bauchtraining. Diese stumpfen, isolierten Crunches und monotonen Wiederholungen, bei denen man sich auf harten Matten minutenlang quälte, waren mir schon immer zutiefst zuwider gewesen. Es war eine stupide, unbefriedigende Quälerei. Doch das war Jammern auf verdammt hohem Niveau. Das Entscheidende war etwas ganz anderes: Ich setzte absolut kein Gramm Fett an. In meinem Leben, in meiner Haut und in meiner Realität gab es schlicht und einfach keinen Platz für Weichheit. Trotz dieser kleinen, selbstkritischen Nuance breitete sich eine tiefe, wohltuende, physische Zufriedenheit in meinem Körper aus. Ich fühlte mich wohl in meiner Haut. Mein Körper war stark, reaktionsschnell, durchtrainiert bis in die letzte Faser – eine fast unzerstörbare Festung aus Muskeln und harten Sehnen. Selbst hier, in der erzwungenen Isolation und der trügerischen Stille dieses dreizehnten Stocks, war diese körperliche Präsenz das Einzige, das mir absolute, unerschütterliche Kontrolle garantierte. Eine eiserne Rüstung gegen die Welt, gegen die Vergangenheit und gegen all die unkontrollierbaren Stürme, die da draußen – und wie ich seit vorgestern wusste auch direkt unter mir – auf mich warteten.

Nach dem Bad setzte ich mich an den Esstisch und nahm mir noch einmal die Personalakten vor. Die warmen Wassertropfen hatten die körperliche Anspannung kaum gelöst, da war sie schon wieder da – diese ständige, im Hinterkopf nagende Wachsamkeit. Ich trat in die Küche, den Handtuchstoff locker um die Hüften gelegt, die Muskeln noch schwer vom heißen Wasser. Ein kurzer Blick in die spiegelnden Panoramafenster bestätigte, was ich ohnehin wusste: Das Gesicht war unverkennbar das eines Mannes, der zu viel gesehen hatte. Aber auf dem Papier war ich Herr Dmitrij Jurewitsch Mitrochin, mit einem lückenlosen und sauberen Lebenslauf, unter anderem maßgeschneidert von Leuten, die wussten, wie man Geister erschafft. Angeblich hatte ich Personalmanagement und BWL studiert. Völliger Blödsinn. Wenn ich dieses theoretische Gerede höre, muss ich innerlich lachen – oder den Kopf schütteln. Von den harten, realen Mechaniken des Lebens verstanden diese grauen Theoretiker ohnehin nichts. Aber hier ging es nicht um die Wahrheit, sondern ums Überleben und um Tarnung.

Von dem Kram, um den es in so einer Zeitarbeitsfirma ging, hatte ich absolut keine Ahnung, also musste ich zusehen, dass ich delegierte – und zwar so, dass ich nicht aufflog. Ich holte die erste Akte raus, auf der ich mir Notizen gemacht hatte. Alphabetisch sortiert, strukturiert, sauber strichen meine Finger über den Deckel. Ich hatte die Akten nach Alphabet sortiert und öffnete nun die von Franziska Allendorf. Franky. Alexandras Freundin und ständige Begleiterin in diesem verstaubten Bürokosmos. Ihr Lebenslauf spuckte den Titel aus: Gelernte Personaldienstleistungskauffrau. Was zur Hölle sollte das überhaupt genau sein? Eine künstliche Disziplin, erfunden von Leuten, die Aktenordner wichtiger nahmen als klare Entscheidungen. Egal. Der Punkt war ein anderer: Zumindest scheinbar eine Fachkraft. Sie verstand das Handwerk, das mir in der Wiege nicht mitgegeben worden war, weil meine Welt aus anderen Gesetzen bestanden hatte. Ein kurzes, trockenes Schnauben entkam meiner Kehle. Ihr Auftreten mochte ich zwar nicht besonders, aber das war nur mein persönlicher Geschmack. Diese Mischung aus demonstrativer Lässigkeit und einer arroganten Selbstverständlichkeit stieß mir jedes Mal auf, wenn ich sie sah. Von ihrem alternativen Kleidungsstil mal ganz abgesehen. Aber man musste kein Sympathisant sein, um mit jemandem zu arbeiten, sondern den Nutzen sehen. Sie war nicht dumm, durchaus brauchbar. Im Gegenteil, sie besaß einen scharfen Verstand, wenn es darum ging, den Laden am Laufen zu halten, und war in ihrem Bereich effektiv. Das Problem war nur: Sie wusste es genau, und genau das machte sie träge und faul. Sie neigte dazu, die Arbeit auf andere abzuwälzen, wenn niemand hinsah. Und sie war ein wenig gehässig, das sah man ihr direkt an. Sie besaß diese feine, giftige Art von Boshaftigkeit, gepaart mit einem unauffälligen, spöttischen Zug um den Mund und einem herablassenden Blick – sie genoss es, andere auflaufen zu lassen, solange sie selbst im Schatten blieb. Ich lehnte mich zurück, die Augen eng auf die Zeilen gerichtet, während der Gedanke an ihre engste Vertraute – an Alexandra – wie ein unwillkürlicher Funke durch meinen Kopf zuckte. Gut, dachte ich. Wenn du brauchbar bist, wirst du genau das tun, was ich von dir verlangen werde. Du wirst arbeiten, Franziska. Und du wirst mir nicht im Weg stehen, weil ich es mir schlicht und einfach nicht leisten konnte, aufzufliegen.

Die nächste, die folgte, war Claudia Beckstein. Die älteste der drei Frauen in der Dispo. Ich blätterte das Papier um, mein Daumen strich über die Kante der Akte, während sich in meinem Kopf sofort die Maschinerie des Analysierens einschaltete. Interessante Vita eigentlich. Geboren in der DDR – das war ein Detail, das sofort mein Interesse weckte. Da hatten wir was gemeinsam. Eine unsichtbare, aber unverkennbare Prägung aus einer anderen Zeit, ein Überbleibsel einer Epoche, in der man gelernt hatte, mit Druck, Mangel und starren Systemen umzugehen. Doch im Gegensatz zu mir, der gelernt hatte, im Verborgenen zu überleben, spiegelte sich in ihrem Lebenslauf ein ganz anderer Überlebenskampf wider. Sie hatte keine Ausbildung im klassischen Sinne. Keine glatten Zertifikate, kein akademisches Papier. Supermarkt, anschließend Filialleitung – und heute war sie hier, in diesem tristen Büro einer Zeitarbeitsfirma, in der die Luft stets nach abgestandenem Kaffee und stiller Resignation roch. Ich fragte mich unwillkürlich, ob sie Russisch sprach? Ich verzog den Mund zu einem schmalen, skeptischen Strich. Nein, das bezweifelte ich. Zu weit weg, zu stark assimiliert an das System, in dem sie sich eingerichtet hatte. Ein Blick auf die harten Fakten: Sie war verheiratet, hatte zwei Kinder. Lebte fünfzig Kilometer von Frankfurt entfernt und hatte jeden Tag einen langen, zermürbenden Weg vor sich. Wer jeden Morgen um Uhrzeiten aufsteht, zu denen andere noch tief schlafen, und stundenlang über die überlastete Autobahn pendelte, der tat das nicht aus purer Leidenschaft zum Beruf. Ich war mir absolut sicher, das war, weil sie den Job unbedingt brauchte. Existenzangst war ein mächtiger Hebel. Sie besaß keinen Raum für Spielereien, keinen Luxus von Alternativen. Sie war also die ideale Angst-Kandidatin. Eine Frau, die, wenn es hart auf hart kam, den Kopf einziehen und funktionieren würde, weil sie es sich schlicht nicht leisten konnte, zu rebellieren. Von ihr konnte man alles verlangen. Mehr Arbeit, längere Schichten, unliebsame Aufgaben – sie würde es schlucken, ohne mit der Wimper zu zucken. Das war nicht nett, und mein pragmatischer Verstand verbuchte es nüchtern unter den Härten des Alltags, aber was sollte ich machen? In dieser Welt gewannen nicht die Netten, sondern die Überlebenden, und Claudia passte perfekt in dieses Schema.

Und dann atmete ich tief ein, holte mir die Luft bis tief in die Lungen, denn da waren wir schon bei ihr – Alexandra Below. Der Name allein reichte aus, um in meinem Kopf eine mentale Alarmstufe auszulösen, die absolut gar nichts mit der kalten, nüchternen Bürokratie dieses Ladens zu tun hatte. Ich stieß hart die Luft aus, ein schweres, fast unwillkürliches Ausatmen, das den Druck in meiner Brust kaum lindern konnte. Sie hatte am 1. August Geburtstag – das durfte doch nicht wahr sein. Ein verdammter Tag nach mir. Zumindest nach meiner neuen Identität, die mir irgendwelche Schreibtischtäter in Moskau verpasst hatten. So ein verdammter Zufall, als ob das Schicksal ein verdammt schlechtes Drehbuch schrieb. Sie war gelernte Bürokauffrau. Ich musste am Mittwoch, als ich sämtliche Unterlagen das erste Mal auf die Schnelle quer las, erst einmal die Orte googeln, an denen sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatte. Irgendein trostloses Nest in der bayerischen Provinz, irgendwo im früheren Zonenrandgebiet, wo die Welt noch in Ordnung zu sein schien. Komisch, hätte ich gar nicht gedacht, wenn man sie so ansah – so elegant wie sie war, mit dieser selbstbewussten Haltung und dem scharfen, wachen Blick, der sofort jede Schwäche musterte. Sie passte so gar nicht in das Raster einer angepassten Kleinstadt. Aber egal. Ich musste mich konzentrieren. Mein Fokus durfte jetzt nicht anmutig über Äußerlichkeiten stolpern, das wusste ich genau. Ich blätterte ihre Akte durch, Seite für Seite, auf der Suche nach Schwachstellen, nach Hebeln, die ich gegen sie in der Hand haben könnte, falls der Druck zu groß wurde oder sie mir zu nahe kam. Bis mir eine offizielle Notiz in Finger, beziehungsweise direkt vor die Augen fiel. Eine Abmahnung. Mein Blick blieb daran hängen, bohrte sich Buchstabe für Buchstabe in die maschinengeschriebenen Zeilen. Sie wurde offiziell abgemahnt, weil sie den vorherigen Niederlassungsleiter schlicht und ergreifend als „faulen Hund“ bezeichnet hatte. Ich starrte auf das Papier, während die Stille der Wohnung mich umgab. Einen kurzen Moment lang rührte sich absolut gar nichts in mir – kein Muskel zuckte, jede äußere Regung war wie weggeschnitten, die steinerne Maske des Mannes, der jahrelang gelernt hatte, Angriffe lautlos zu parieren. Und dann, ganz langsam, brach der Widerstand in mir zusammen, und ein trockenes, echtes Lächeln zuckte in meinem Mundwinkel nach oben. Ein kurzes, kehliges Geräusch entkam meiner Kehle, das sich in der stillen, nächtlichen Wohnung fast fremd anhörte - Respekt! Kein feiges Wegducken, kein leises Jammern hinter vorgehaltener Hand oder das gehässige Getuschel im Pausenraum, wie es für diesen abgehalfterten Laden sonst typisch war. Sie hatte dem Typen damals mitten ins Gesicht gesagt, was er war, und es sich eiskalt schwarz auf weiß in ihre eigene Akte schreiben lassen. Verdammt, diese Frau hatte Eier. Mein Respekt für sie wuchs in dieser Sekunde schlagartig und ungefiltert, auch wenn mir der gesunde Menschenverstand sagte, dass dieser unberechenbare, scharfzüngige Brandherd mein Leben hier drinnen verdammt noch mal nicht leichter machen würde.

Ich blätterte weiter. Es wurde interessant. Das monotone Rascheln des Papiers war das einzige Geräusch in der abgedunkelten Wohnung, während mein Blick Zeile für Zeile über die Dokumente glitt. Der bisherige Eindruck von Alexandra Below hatte sich bereits gewandelt, aber das hier – das setzte dem Ganzen die Krone auf. Ich spürte, wie eine innere Unruhe in mir aufstieg, eine Art raue Faszination, die mich dazu zwang, mir das ganze genauer anzusehen. Ich stand auf, schob mich mit einer fließenden, fast lautlosen Bewegung aus dem Stuhl, und ging hinüber in die Küche. Mit einem kurzen Handgriff öffnete ich den Kühlschrank, zog das Glas Gurken heraus und schraubte den Deckel auf. Ich biss in eine knackende Salzgurke, während mein Verstand bereits auf Hochtouren lief und das eben Gelesene sezierte. Mit dem Glas in der Hand kehrte ich zum Tisch zurück und las weiter. Eine zweite Abmahnung fiel mir in die Hand. Ich zog eine Augenbraue nach oben, musterte das offizielle Firmenpapier und las mich ein. Je tiefer ich in die Details vordrang, desto klarer verstand ich die Mechanik hinter diesem Vorfall. Zum Zeitpunkt dessen war die Krankenquote so hoch gewesen, dass der Laden vor dem absoluten Kollaps stand. Die Auftragsbücher voll, der Druck der Kunden im Nacken, und die Belegschaft krankheitsbedingt ausgedünnt bis auf den letzten Mann. Der Kaiser hatte also keine Soldaten mehr. Und was hatte sie getan? Sie hatte nicht gewartet. Sie hatte die gesunden Mitarbeiter schlichtweg bestochen – mit Zahlungen, die sie als Prämie verbuchte –, mehr Schichten zu übernehmen, einfach nur, damit sie die Kundenvorgaben überhaupt noch erfüllen konnten. Und die Finanzbuchhaltung hatte es hingenommen, ohne zu hinterfragen. Ein kurzes, anerkennendes Schnauben entkam meiner Nase. Das knackende Geräusch der Gurke hallte leise in der stillen Wohnung wider. Sie hatte gehandelt. Einfach so. Keine tagelangen, feigen Dienstbesprechungen, kein bürokratisches Warten auf Genehmigungen aus irgendeiner fernen Zentrale, die ohnehin nur den Kopf in den Sand gesteckt hätte, wenn es brenzlig wurde. Sie hatte das Problem mit bloßen Händen gepackt, den Hebel angesetzt und knallharte Fakten geschaffen, um die Niederlassung vor dem Schiffbruch zu bewahren. Ob es nach den heiligen, starren Paragraphen dieses verstaubten Wusts richtig war oder nicht, darüber konnte man sich streiten. Für die blinden Paragraphenreiter und Schreibtischtäter war es natürlich ein schweres Vergehen, eine untragbare Kompetenzüberschreitung. Aber irgendwie rang es mir tiefen Respekt ab. Eine Frau, die in einer kritischen Situation nicht zögerte, nicht panisch nach Rettungsringen rief, sondern Verantwortung übernahm und pragmatisch zuschlug, wenn andere vor Angst erstarrten – das war ein Kaliber, das man in dieser sterilen Agenturwelt verdammt selten fand. Das gefiel mir. Verdammt gut sogar. Mein Blick ruhte auf den Buchstaben in der Akte, und während der Lärm der Vergangenheit in meinem Kopf für einen Moment verblasste, wusste ich, dass diese Frau eine Spielerin war, die wusste, wie man das Überleben erzwingt.

Ich blätterte weiter, und das Papier raschelte leise in meinen Händen, während sich das Bild in meinem Kopf allmählich zu einem widersprüchlichen, aber umso faszinierenderen Puzzle zusammenfügte, denn es folgte eine weitere Konsequenz. Wegen der Abmahnungen hatte man sie regelrecht degradiert. Sie war eigentlich zusätzlich Assistentin der Geschäftsleitung gewesen, der Zusatzvertrag lag bei. Interessant. Ein echter Karriereknick, gewollt und inszeniert von Leuten, die keine starken Persönlichkeiten neben sich dulden konnten. Warum schoss man sie da ab? Die Antwort lag auf der Hand: Wer Verantwortung übernimmt, Entscheidungen trifft und sich nicht gängeln lässt, wird für ein feiges Management schnell zur Bedrohung. Sie war zu kompetent, zu durchsetzungsstark für den letzten Niederlassungsleiter. Er wollte keine eigenständig denkenden Mitarbeiter, sondern willfährige Marionetten, die leise nicken und die Akten von A nach B schoben. Alexandra hatte ihm die Show gestohlen, also hatten er sie eiskalt abgesägt und auf diesen Posten in der Dispo abgeschoben, um sie zu brechen oder zumindest aus seinem Schussfeld zu nehmen.

Zumal ich noch eine Belobigung fand – aber das war ein Originalbrief der Firmenzentrale. Er war direkt an sie adressiert, mit der offiziellen Firmenadresse der Zentrale, feinstes Papier, schwerer als der übliche interne Kram. Warum war er also hier, vergraben in einer Akte in dieser abgehalfterten Niederlassung, statt in ihren Händen? Hatte sie ihn je erhalten? Ich zog die Stirn in Falten, und ein kaltes, analytisches Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus. Nein. Mit ziemlicher Sicherheit hatte sie diesen Brief nie zu Gesicht bekommen. Man hatte ihn abgefangen. Die lokale Geschäftsführung, die sie wegen ihres eigenmächtigen Handelns gerade erst offiziell gemaßregelt und degradiert hatte, musste diesen Triumph der Zentrale verschwinden lassen. Denn in diesem Schreiben tat sich eine schallende Ohrfeige für den Lokalmatador auf: man lobte ihren außerordentlichen Einsatz und betonte, dass sie das Team in der letzten Krise so glänzend zusammengehalten und die Niederlassung vor dem Ruin gerettet hatte. Man bedankte sich formell und mit allem Respekt bei ihr. Ich starrte auf das Papier, und ein langsames, fast finsteres Lächeln zog sich über mein Gesicht. Oben in der Zentrale saßen offenbar ein paar Leute mit Verstand, die begriffen hatten, wer hier tatsächlich den Laden am Laufen hielt. Aber unten, im stinkenden Maschinenraum der Niederlassung, hatten ein paar kleine, neidische Geister den Brief einkassiert, um ihr den verdienten Lohn vorzuenthalten, während sie sie zeitgleich abstraften. Was für ein verlogenes, feiges Dreckssystem. Ein harter, anerkennender Zug legte sich um meinen Mund. Sie hatten sie kleinhalten wollen. Sie hatten geglaubt, sie mit Abmahnungen und einer Degradierung zu brechen und auf den Boden der Tatsachen zu zwingen. Aber wenn dieses Dokument die Wahrheit sprach – und daran zweifelte ich nach allem, was ich über sie las, keine Sekunde –, dann lief hier unten eine Frau herum, die das Zeug dazu hatte, jede Intrige zu überstehen. Sie war nicht nur eine Spielerin; sie war eine Überlebende, der man übel mitgespielt hatte. Und das machte sie unberechenbar. Und für mich – in meiner eigenen, gelogenen Haut – verdammt gefährlich, aber eben auch unheimlich interessant.

Ich musste Alexandra morgen auf jeden Fall darauf ansprechen. Diese Entdeckung war zu brisant, um sie einfach nur als Papierleiche in einer Akte verstauben zu lassen. Der abgefangene Brief der Zentrale war ein Hebel, ein potenzieller Trumpf, den man im richtigen Moment ausspielen konnte, um zu sehen, wie sie reagierte – oder um die Dynamik hier vor Ort grundlegend zu verändern. Zögernd, als würde ich ein hochexplosives Dokument weglegen, schob ich die Akte beiseite. Die schwere Pappe glitt leise über das Holz des Tisches. Ich atmete tief aus, strich mir mit einer großen Hand über das Gesicht und wandte mich dem nächsten Schicksal zu: Ronald Bogner. Auch ihn hatte ich in den letzten Tagen bereits kennengelernt, und bei dem Gedanken an ihn stöhnte ich innerlich leise auf. Ein schweres, genervtes Ausatmen, das die Last dieses bunten Haufens an Außenseitern und Überlebenskünstlern unterstrich, die mir hier als Team vorgesetzt worden waren. Ich wusste nicht wirklich, was ich von ihm halten sollte. Die Diskrepanz zwischen dem, was auf dem Papier, und dem, was im Raum stand, war bei ihm schlicht absurd. Laut seiner Akte war er ein ausgezeichneter Vertriebler, ein echter Jäger vor dem Herrn, der in früheren Jahren reihenweise lukrative Kunden herangeholt und Budgets generiert hatte, von denen die Filiale heute noch zehrte. Doch als ich ihm im Büro zum ersten Mal gegenüberstand, konnte ich das kaum glauben. Der Typ war klein, untersetzt, mit einer Statur, die eher an einen verbeamteten Archivar erinnerte als an einen dynamischen Spitzenverkäufer. Seine Brille schien aus dem letzten Jahrtausend zu stammen – dicke Hornbänder, die seine Augen vergrößerten und ihm einen leicht eulenartigen Blick verliehen, und auf seiner Glatze, auf der sich kaum noch ein verirrtes Haar hielt, konnte man de facto bereits Golf spielen. Und das Beste: Er war noch keine fünfzig. Das Leben schien ihn in der Mangel gehabt zu haben, lange bevor er überhaupt das Alter erreicht hatte, in dem andere erst richtig durchstarteten. Dafür war er aber stockschwul. Das war kein Geheimnis, das man groß entschlüsseln musste, das schwebte wie ein neonfarbenes Schild über ihm. Und mir war absolut nicht entgangen, wie er mich angesehen hat. Dieser typische, scheue und zugleich suchende Blick von Männern, die sich in ihrer Haut nicht ganz sicher sind, aber genau registrieren, wenn ein anderer Mann mit einer gewissen physischen Präsenz den Raum betritt. Er hatte mich mustern wollen, während er gleichzeitig versuchte, die Blicke schnell wieder abzuwenden, um bloß nicht aufzufallen. Für mich war das harmlos – ich kannte ganz andere Kaliber und Gefahrenzonen als einen schüchternen Vertriebler mit veralteter Brille und einer sich von meiner unterscheidenden Sexualität –, aber es erklärte vieles über sein Auftreten in der Firma.

Charakterlich war er eher schüchtern, fast schon schablonenhaft zurückhaltend, wenn es darum ging, im Team den Ton anzugeben. Doch unter dieser unscheinbaren, fast ängstlichen Oberfläche steckte zweifellos ein netter Kerl. Kein Intrigant wie manch anderer hier, kein falscher Fuffziger, sondern im Grunde ein verlässlicher Mensch, der einfach nur völlig falsch platziert wirkte. Man musste ihn nur mal aus seinem Schneckenhaus herausholen. Ihn schütteln, ihm ein bisschen von diesem künstlichen Sicherheitsgefühl nehmen, das er um sich herum aufgebaut hatte, damit der alte Vertriebs-Jagdhund wieder zum Vorschein kam, der einst die Märkte aufgerollt hatte. Und, verdammt noch mal, man musste ihn neu einkleiden. Diese grauen, formlosen Sackos und die verstaubten Hemden taten ihr Übriges, um ihn wie einen wandelnden Schatten aus den Neunzigern aussehen zu lassen. Wer im Vertrieb überleben will, muss nicht nur reden können, er muss auch Haltung zeigen. Und bei Ronald hieß das schlicht und ergreifend: Schnitt, Fassade und ein neues Auftreten. Mit ein paar klugen Handgriffen und dem richtigen Druck würde man auch aus ihm wieder einen Mann machen, der wusste, was er wert war.

Die nächste in diesem schier endlosen Stapel war Dilara Çelik. Ich hielt die Akte in der Hand und musste unwillkürlich den Kopf schütteln. Was sollte ich zu ihr groß sagen? Sie war offizielle Sachbearbeiterin, teilte sich mit ihrer besten Freundin Nicole Hofmann ein Büro – und genau so sah es dort auch aus. Ein Chaos aus privaten Dingen, das eher an einen verrauchten Jugendclub oder die Umkleidekabine einer Diskothek erinnerte als an einen professionellen Arbeitsplatz. Direkt an meinem ersten Arbeitstag hatte ich kurzen Prozess gemacht und sie unmissverständlich angewiesen, sämtliche Kosmetika, den ganzen Spiegel-Kitsch und die Nagellackfläschchen vom Tisch zu nehmen. Solche Eitelkeiten hatten hier schlicht und ergreifend nichts zu suchen; wer arbeiten will, schminkt sich zu Hause oder in der Pause, aber nicht auf Kosten der Firma und der Konzentration. Natürlich war mir in den letzten Tagen auch nicht entgangen, dass die gesamte Dispo unentwegt über diese beiden Damen schimpfte. Sie waren ein ständiger Unruheherd, ein Magnet für Klatsch, Tratsch und unnötige Reibereien im Team. Dilara war der Prototyp der Frankfurter Straßengöre. Laut, direkt, mit einer großen Klappe und diesem typischen Attitüde-Gelaber, das auf der Straße vielleicht Eindruck schindete, im geschäftlichen Alltag aber einfach nur anstrengend und unangebracht war. Sie hatte ebenfalls den Beruf der Bürokauffrau gelernt – wie um alles in der Welt sie da jemals durch die Prüfungen gekommen war, blieb mir ein absolutes Rätsel. Wahrscheinlich durch puren Bluff und eine große Ladung unverschämten Glücks. Bei ihr musste man verdammt gut aufpassen. Sie gehörte zu der Sorte Mensch, die im Hintergrund ganz gezielt Intrigen spann, um Teams zu zerstören, Allianzen schmiedete und Kumpanei betrieb, nur um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen oder andere gegeneinander auszuspielen. Sie war falsch, berechnend und besaß diese giftige Dynamik, die man im Keim ersticken musste, bevor sie einem um die Ohren flog.

Aber trotz all dieser Defizite und Gefahren war sie nicht blind – und ich erst recht nicht. Sie stand auf mich. Ihre stark geschminkten Augen glotzten mich bei jeder Gelegenheit an, und es war mir absolut nicht entgangen, wie sie klammheimlich und mit einer gespielten Lässigkeit ihren Ausschnitt noch etwas tiefer zog, wenn ich den Raum betrat oder mich über ihren Schreibtisch beugte, um Akten zu prüfen. Sie dachte wohl, mit ein paar billigen Reizen könnte sie mich um den Finger wickeln oder mürbe machen. Wobei ich gegenüber mir selbst ehrlich sein musste: Die Möpse waren beim besten Willen nicht zu verachten. Ein praller, auffälliger Anblick, den sie ganz genau einzusetzen wusste. Mein Gott, ich war am Ende auch nur ein Mann aus Fleisch und Blut, und eine attraktiver Körperteil blieb ein attraktiver Körperteil – selbst dann, wenn der Rest der daran hängenden Person den Charakter einer Klapperschlange hatte. Man konnte das eine registrieren, ohne das andere aus den Augen zu verlieren. Der Reiz änderte nichts an der Tatsache, dass sie ein Sicherheitsrisiko war. Aber zu wissen, wie sie tickte und worauf sie ansprang, gab mir wenigstens die Kontrolle zurück. Egal wie, Dilara stand auf der Abschussliste. Kein langes Zögern, kein Aufschieben von Entscheidungen, die ohnehin getroffen werden mussten. Warum? Weil man sich auf jemanden wie sie schlicht und ergreifend nicht verlassen konnte. In einer Welt, in der jede Schwachstelle sofort ausgenutzt wird, ist jemand, der unberechenbar ist und seine eigenen Spielchen treibt, ein Sicherheitsrisiko, das man sich nicht leisten kann. Wenn es hart auf hart kommt und man einen verlässlichen Partner an seiner Seite braucht, bricht so jemand beim ersten Gegenwind ein oder sticht dir von hinten in den Rücken. Außerdem zweifelte ich ihre Arbeitsleistung massiv an. Der ganze Schein, den sie mit ihrer aufgesetzten Coolness und ihren billigen Reizen aufrechterhielt, kaschierte doch nur die Tatsache, dass sie inhaltlich nichts lieferte, wenn es darauf ankam.

Ich legte ihre Akte mit einer harten Hand beiseite, schob das Papier weg, um Platz für das nächste Schicksal zu machen, und dann kam er: Ulrich Dietz. Uli. Schon allein bei dem Gedanken an ihn zog sich in meiner Magengegend etwas zusammen. Ein ekelhafter Typ, durch und durch. Ich erinnerte mich noch gut an unseren ersten Tag, an diese unerträgliche Szene, die sich tief in mein Gedächtnis gebrannt hatte. Ich stand bei der Begrüßung mehrere Sekunden lang regungslos vor ihm, den Blick direkt auf ihn gerichtet, eine Machtdemonstration schweigender Autorität, bevor er sich überhaupt dazu bequemte, sich von seinem Stuhl zu erheben und mir die Hand zu geben. Eine Respektlosigkeit, die man sofort spürte. Er sah mich an, als hätte ich seine Frau gefickt. Etwas, was er sicher schon seit Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr getan hatte – und wenn man sein Aussehen und sein Auftreten betrachtete, wunderte mich das absolut nicht. Sein ganzer Körper strahlte diese verbitterte, frustrierte Aggression aus, die typisch ist für Männer, die im Leben irgendwo stecken geblieben sind und die Schuld dafür bei allen anderen suchen, nur nicht bei sich selbst. Er war schwach, das wusste er selbst. Deswegen versuchte er, mit Überheblichkeit davon abzulenken.

Er war hier der IT-Spezialist, die digitale Lebensader, die für gleich drei Niederlassungen den Betrieb aufrechterhalten sollte. Ein Posten, der ihm eine unverschämte Machtfülle verlieh, weil ohne ihn technologisch gar nichts lief. Und er wusste das. Er nutzte es aus. Und er war ein Schwein. Menschlich wie hygienisch eine absolute Katastrophe. Die IT-Abteilung sah aus wie die letzte Absteige, ein reiner Saustall, in dem sich der Dreck der letzten Monate konzentrierte. In der Ecke stapelten sich die fettigen Pizzakartons von vor gefühlt einer Woche, dazwischen leere Energy-Drink-Dosen, und gelüftet wurde in diesem stickigen Raum schon lange nicht mehr. Die Luft dort roch nach kaltem Schweiß, altem Fett und totaler Verwahrlosung. Wenn man diesen Raum betrat, musste man aufpassen, dass man nichts anfasste, was man nicht unbedingt berühren musste. Mit ihm würde ich es am schwersten haben, das spürte ich instinktiv, tief in den Knochen. Der ließ von der ersten Sekunde an extrem deutlich heraushängen, dass er absolut nichts von Autoritäten hielt. Keine Hierarchie, keine Befehlskette, kein Respekt vor einer neuen Führung – für ihn gab es nur seine eigene kleine, verdreckte Bastion. Er war schnoddrig, maulfaul und besaß diese untergründige, passive Aggression, die jederzeit in offene Verweigerung umschlagen konnte. Aber trotz all des Frusts, den dieser Typ ausstrahlte, regte sich in mir plötzlich etwas ganz anderes. Eine dunkle, fast eiskalte Vorfreude. Ihn in seine Schranken zu verweisen, ihm diesen arroganten, trotzigen Stolz auszutreiben und ihm zu zeigen, wer hier das Sagen hat – das würde verdammt viel Spaß machen.

Achtlos schob ich seine Akte beiseite, die dicke Pappe glitt schleifend über den Tisch und verschwand im Stapel der bereits abgehakten Fälle. Verdammt, ich hatte Hunger, die scheiß Gurken brachten es einfach nicht. Sie waren zwar knackig und gut gegen die erste Leere im Magen gewesen, aber ein echter Mann brauchte nach all der mentalen Anstrengung etwas Vernünftiges zwischen die Zähne – Kraftstoff für den Körper, der auf Hochtouren lief. Ich stand auf, mein lädiertes Knie knackte leise, und ging hinüber zum Kühlschrank. Ein Griff, die Tür schwang auf und entließ einen Schwall kalter Luft. Beim Blick in das spärlich beleuchtete Innere fiel mir sofort etwas ins Auge, das ganz hinten stand und mich magisch anzog.

Sollte ich?

Ich sah an mir herab, musterte meinen Oberkörper, die Muskeln, die hart und diszipliniert unter der Haut lagen. Nein, ich musste meine Figur halten, das hart erarbeitete Fundament nicht durch unnötigen, schweren Ballast gefährden. Oder doch? Ach, scheiß drauf. Ein bisschen Genuss musste sein, und wer den ganzen Tag gegen ein System aus Lügen, Inkompetenz und Arschlöcher ankämpfte, der hatte sich eine Belohnung verdient. Ich griff nach der Dose Sguschtschonka, der süßen, dickflüssigen Kondensmilch, die mich sofort in Gedanken an eine ganz andere Zeit und Welt erinnerte. Sie war noch zu, die Oberfläche des blechernen Zylinders kühl und glatt. Einmal offen, war das die Büchse der Pandora – wenn man erst einmal anfing, gab es kein Halten mehr. Hatte ich noch Brot? Ich strich mit den Gedanken durch die leeren Fächer. Nein. Brötchen? Ja, gestern gekauft, trocken, aber sie würden ihren Zweck erfüllen. Ich riss den Deckel der Dose ab, das Metall gab mit einem scharfen Geräusch nach, griff mir zwei harte Brötchen aus dem Korb und gesellte mich wieder zu den Akten. Ich setzte mich, die Dose und das Gebäck direkt neben dem papiernen Schlachtfeld platziert, und aß nebenbei, während der süße, schwere Geschmack auf meiner Zunge zerging. Mit dem nächsten Bissen im Mund war ich nun bei Manuel Grass angekommen.

Der Typ war weder Fisch noch Fleisch. Ein junger Kerl aus der IT, der aussah wie jeder andere x-beliebige blasse deutsche Durchschnitts-Büroangestellte, den man auf der Straße sofort übersehen würde. Der würde nicht aufmucken, da war ich mir absolut sicher; dafür fehlte ihm jegliches Profil, jegliche Ausstrahlung von Gefahr oder Widerstand. Er war noch nicht lange hier, kein halbes Jahr im Betrieb. Mal schauen, was in ihm steckte, auch wenn die Erwartungen niedrig waren. Er war still, freundlich, in seinem Auftreten recht neutral. Eine blasse Motte, die unauffällig unter dem Radar flog, während andere um ihn herum brannten oder intrigierten. Ich war gespannt, ob er mich überraschen würde – oder ob er einfach nur eine weitere graue Gestalt in diesem ohnehin schon farblosen Irrenhaus bleiben würde. Himmel, er war wirklich zu glatt, um mir ernsthaft Gedanken um ihn zu machen.

Ich blätterte weiter in dem dicken Stapel, bis das nächste Blatt vor mir lag: Nicole Hofmann. Man hätte nach all den Reibungspunkten und dem oberflächlichen Lärm des Tages vermuten können, dass sie in eine ähnliche Kerbe schlug wie die kleine Türkin mit den großen... ach, lassen wir das. Die Gedanken drifteten kurz ab, doch ich fing sie sofort wieder ein. Hier ging es um Fakten, um Leistung und um die harte Währung, die in diesem Laden zählte, nicht um physische Ablenkungen, die ohnehin nur Störfeuer waren. Nicole Hofmann war Anfang zwanzig, wirkte aber rein optisch und von ihrer ganzen Ausstrahlung her eher noch wie ein unfertiges Mädchen, das sich im großen Haifischbecken der Wirtschaft verirrt hatte. Auf dem Papier trug sie den Titel einer gelernten Verwaltungsfachangestellten. Eine solide, staatlich geprüfte Grundlage, die rein theoretisch bedeutete, dass sie gelernt hatte, mit Paragraphen, Akten und strukturierten Abläufen umzugehen. Doch die Realität sah oft anders aus als das Abschlusszeugnis. Auf den ersten Blick war sie genauso unnütz wie diese Çelik, eine Mitläuferin im Dunstkreis des täglichen Büroklatschs. Aber mein Instinkt sagte mir etwas anderes – ich vermutete, dass in ihr tief drinnen mehr steckte. Ein verborgenes Potenzial, das nur verschüttet war. Zumindest dann, wenn sie sich nicht ständig von ihrer besten Freundin und Bürogenossin dazu verleiten ließ, die Arbeitszeit lieber mit oberflächlichem Geplänkel, dem neuesten Tratsch oder dem akribischen Lackieren der Fingernägel zu verbringen, anstatt echten, harten Output zu liefern. Wenn man diesen äußeren Ballast wegnahm, blieb ein Kern, mit dem man arbeiten konnte.

Eigentlich hatte sie eine freundliche Ausstrahlung. Keine giftige, kalkulierte Boshaftigkeit wie bei manchen anderen hier, sondern eine natürliche, fast schon gutmütige Art, die in diesem kalten Büro fast deplatziert wirkte. Ich wiegte den Kopf unschlüssig hin und her, die dicken Holzmöbel knarrten leise unter der Bewegung, während mein Verstand die Optionen abwog. Sympathie allein brachte mir jedoch keine Ergebnisse und hielt den Betrieb nicht am Laufen. Sie würde sich auf jeden Fall beweisen müssen, unmissverständlich und ohne Ausreden. Ansonsten müsste ich auch für sie harten Ersatz suchen – denn in meinem Team gab es keinen Platz für blinde Passagiere, egal wie freundlich sie lächelten.

Das Schlusslicht bildete Sabine Sielmann. Teilzeit-Recruiterin. Zufällig war sie am Freitag da, genau an diesem ersten, unübersichtlichen Tag, an dem das Büro im Chaos versank, und ich durfte auch sie im Trubel kennenlernen. Ich blätterte auf, strich über das Papier und ließ den Blick über die maschinengeschriebenen Zeilen wandern, während im Hintergrund die Stille der Wohnung drückte. Frau Sielmann war… speziell. Eine nette Frau, gar nicht mal so unattraktiv für ihr Alter, Anfang vierzig. 42, wie mir die Personalakte gerade schwarz auf weiß verriet. Sie strahlte diese ruhige, geerdete Art aus, die man in diesem Haifischbecken nur extrem selten fand. Sie war ruhig, machte unaufgeregt ihren Job, hielt sich aus den giftigen Intrigen und dem täglichen Gezänk der anderen heraus. Ihre Beurteilung in der Akte war durchweg recht gut. Sie hatte wohl mal vor einiger Zeit ein Zwischenzeugnis angefordert, das nun ebenfalls vor mir lag. Ich überflog die Abschnitte und wunderte mich kaum: Es wurde sogar mit sehr gut bewertet. Leistungsträger, unauffällig, zuverlässig. Und dann – was zur Hölle? Ich hielt inne, starrte auf das Blatt und glaubte meinen Augen kaum zu trauen, als ich mir ihre alte, ursprüngliche Bewerbung zu Gemüte führte, die ganz unten geheftet war.

Sechs Kinder?

Meine Herren! Dass die Frau bei dieser familiären Großkatastrophe überhaupt noch einem Beruf nachging und hier in dieser kleinkarierten Hölle nicht den Verstand verlor, verdiente schlicht und ergreifend Hochachtung. Sechs Kinder – das war kein Haushalt mehr, das war ein verdammt gut durchorganisiertes Kleinunternehmen oder eher eine militärische Versorgungseinrichtung. Wer das managt und trotzdem pünktlich, ausgeglichen und leistungsfähig im Büro erscheint - aus dem Holz mussten andere erst einmal geschnitzt sein. Ansonsten war sie sehr sympathisch, das hatte der erste Eindruck am Freitag bereits bestätigt, und laut ihrer Bürodeko schien sie voll im alternativen Fahrwasser zu schwimmen: Sie mochte offensichtlich Yoga, freundliche Kalendersprüche mit Sinnspruch-Garantie, Bio-Snacks und diese penetrant riechenden Räucherstäbchen, deren Duft man manchmal noch leicht an ihrer Kleidung wahrnehmen konnte. Auch so ein wandelndes Klischee, das perfekt in diese esoterisch angehauchte Wohlfühlecke passte. Aber die durfte bleiben, absolut. Das war eine nette. Wenngleich auch etwas anders als die restliche Bande. Sie störte niemanden, sie lieferte ab, und sie hatte eine grundsolide Arbeitsmoral.

So, aber nun reichte es endgültig. Ich war am Ende des Stapels angekommen, und während ich so sinnierte, hatte ich die halbe Dose Sguschtschonka komplett leergefuttert. Die klebrige Milch klebte leicht an meinen Fingern. Warum hatte ich das nur getan? Da achtet man penibel auf seine Ernährung, diszipliniert sich jahrelang, und dann lässt man sich von einer Dose Kondensmilch und ein paar trockenen Brötchen so mir nichts, dir nichts übermannen. Der Körper würde es mir morgen früh danken.

Mit einer harten, entschlossenen Bewegung klappte ich die letzte Akte zu, sodass das Papier dumpf auf dem Holz aufschlug. Ich wischte mir über den Mund, nahm die klebrige Dose und stellte sie zurück in den Kühlschrank, die Tür schloss sich mit einem leisen Magneten. Es war Zeit schlafen zu gehen. Der Kopf war voll, die Schachfiguren waren auf dem Brett platziert, und ich wusste genau, wer welche Rolle spielen würde. Morgen früh musste ich schließlich in die Schlacht ziehen.