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I'm in

Черные Глаза 2 - Unter Dem Maßanzug — www.fanfiktion.de · All chapters

I'm in

Montagmorgen. Ich hatte die halbe Nacht wachgelegen, während die Schatten des Wassers meines auf meiner Dachterrasse stehenden Jacuzzis an der Decke meines Schlafzimmers tanzten. Mein Verstand, geschult in jahrelanger ständiger Alarmbereitschaft, schaltete auch im Halbschlaf nicht ab. Ich wälzte ein Problem im Kopf herum, das sich jeder taktischen Logik entzog: Wie sollte ich auf Alexandra zugehen? Ich wollte sie nicht überrumpeln. Direkt am ersten Tag des neuen Chefs von diesem angegraben zu werden – oder auch nur den Hauch eines solchen Anscheins zu erwecken –, war das absolute Gegenteil von seriös. In meiner jetzigen Situation konnte ich mir keine Fehler erlauben, keine Fehltritte, die das Misstrauen von jemandem weckten. Sie würde sofort die Schotten dichtmachen, mich in eine Schublade stecken und – was noch viel schlimmer war – mich mit Argwohn beobachten. Jede ihrer Bewegungen, jeder Blick, jede Formulierung würde von da an durch einen Filter des Misstrauens laufen. In meiner Position konnte ich mir unnötige Verdächtigungen schlichtweg nicht leisten. Die Anonymität, so brüchig sie auch sein mochte, war mein einziger Schutzschild.

Nun saß ich an meinem massiven Schreibtisch in der Niederlassung, den Blick starr auf den flimmernden Monitor gerichtet, während der Puls unter meinen Rippen hämmerte. Ein alter, vertrauter Rhythmus, den ich kannte, seitdem ich das erste Mal in den Fokus geraten war. Gestern Abend hatte ich an alle Mitarbeiter eine formelle E-Mail geschickt, getarnt als Standardprozedur: eine Einladung zu einem persönlichen Kennenlernen. Ich musste die Lage sondieren. Die Leute einordnen. Die Hierarchien und Beziehungsgeflechte innerhalb dieses Büros durchschauen, bevor sie mich durchschauten. Doch der wahre Grund, der tief in meinem Magen als kalter Klumpen lag, war ein anderer: Ich musste sicherstellen, dass meine eigene Inkompetenz nicht aufflog. Von Zeitarbeit hatte ich keine Ahnung. Null. Zero. Es war eine völlig fremde Welt, in die ich mich erst einmal reinfinden musste – und zwar schnell. In diesem Geschäft gab es Paragraphen, Dispositionsschleifen, komplexe Kundenakquise, Arbeitnehmerüberlassungsgesetze und Branchenzuschläge, von denen ich noch vor ein paar Tagen nicht einmal den Namen buchstabieren konnte. Mein gesamtes Wissen über dieses Konstrukt beschränkte sich auf ein paar Handbücher und Notizen, die ich mir am Wochenende zuhause reingezogen hatte, während draußen die Stadt in gleichgültigem Grau versank.

Es erinnerte mich an damals. Genauso wie bei meinem letzten Job in Mannheim. Damals hatte ich im Vertrieb bei einem großen Traktorenhersteller gearbeitet, in der Abteilung Osteuropa. Damals wie heute musste ich eine Rolle spielen, eine Maske tragen, die festgewachsen schien. Meine Sprachkenntnisse hatten sie damals überzeugt – fließendes Russisch und ein messerscharfes Verhandlungsgeschick waren in dieser Branche gefragt gewesen, um lukrative Märkte zu erschließen. Sie hatten nicht hinter die Kulissen geblickt. Sie hatten den Lebenslauf gesehen, der ihnen gefiel, und die Fassade akzeptiert, die ich ihnen präsentiert hatte. Und es hatte irgendwie funktioniert. Doch das Leben im Zeugenschutz war elendig. Ein langsamer, schleichender Tod im Schatten, fernab von allem, was einmal Heimat gewesen war. Jede Zeile meiner Vita war gefälscht, jede Referenz ein fein gesponnenes Lügennetz, das bei der kleinsten amtlichen Prüfung oder einem genauen Blick wie morsches Holz zerbröseln konnte. Es war unwahrscheinlich, aber ein Restrisiko blieb immer Eine falsche Unterschrift, ein unbedachtes Wort, ein ungesicherter Moment – und das gesamte Kartenhaus würde über mir zusammenstürzen.

Der Duft von billigem Filterkaffee, der leicht säuerlich in der Luft hing, mischte sich mit dem sterilen Geruch des hellgrauen Nadelfilzteppichs, der im Flur der Niederlassung lag. Es war ein typisches Zweckgebäude aus den späten neunziger Jahren: Beton, Glas und abgehängte Decken, in denen summende Neonröhren ein kaltes, ermüdendes Licht verströmten. Das hier war mein Revier geworden. Ein Mikrokosmos aus Halbwahrheiten, verstaubten Aktenordnern und kleinen menschlichen Dramen, die sicher für mich oft so schwer durchschaubar waren wie ein Minenfeld. Ich lehnte mich in meinem viel zu weichen Chefsessel zurück, der bei jeder Bewegung leise quietschte, und ließ den Blick durch mein Büro schweifen. Die Wände waren kahl, bis auf einen deplatziert wirkenden Kalender des Vorjahres, den ich längst hätte abhängen können. Auf dem massiven Schreibtisch, der gar nicht so übel war und an vergangene Zeiten erinnerte, hatte ich meinen Laptop aufgebaut und ein Glas Cognac abgestellt. Das war das Einzige, was in diesem Büro von meiner persönlichen Existenz zeugte.

Meine Gedanken wanderten unweigerlich wieder zu ihr zurück. Alexandra.

Es war fast schon frustrierend, wie viel Raum diese Frau in meinem Kopf einnahm. Normalerweise analysierte ich Situationen in Sekundenschnelle, taxierte Menschen nach ihrer Gefährlichkeit, ihrem Nutzen oder ihrer Schwäche. Bei ihr funktionierte das nicht. Während die anderen Angestellten, vor allen Dingen diese nervöse Frau Beckstein, bei dem bloßen Gedanken an eine offizielle Einladung des neuen Chefs in Panik gerieten und in ihren Büros tuschelten, als stünde die Hinrichtung bevor, blieb Alexandra cool. Zumindest nach außen hin. Doch ich hatte den leichten Schatten in ihren Augen gesehen, diese winzige Erschütterung hinter der disziplinierten Fassade. Als ich kurz zu meinem Wagen ging, weil ich meine Zigarren liegen gelassen hatte, fing ich im Vorbeigehen Fetzen eines Gesprächs auf. Frau Beckstein saß Alexandra gegenüber, leise flüsternd, die Hände nervös ineinander verschränkt. Die Disponentin mit der rosa Bluse klang, als stünde sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Sie zitterte förmlich bei dem Gedanken an das angekündigte Gespräch, redete panisch davon, dass sie sicher als Erste auf der Abschussliste stehe, dass sie gekündigt werde. Ich schüttelte innerlich den Kopf. Völliger Blödsinn. Sie machte laut der Akte ihre Arbeit, es gab objektiv keinen Grund zur Panik, aber manche Menschen brauchten offenbar diesen ständigen Angstpegel, um überhaupt zu funktionieren. Frau Beckstein war ein Feigling – der klassische Typ Mitarbeiter, der sich wegduckt, sobald es brenzlig wird, und bei der erstbesten Gelegenheit die Nerven verliert Mein Blick glitt rüber zu Alexandra. Sie wirkte gefasster, aber man sah ihr an, dass die hysterische Art ihrer Kollegin Spuren hinterließ. Sie versuchte, Frau Beckstein zu beruhigen, sachlich zu bleiben, professionell. Das gefiel mir. Sie behielt die Nerven, wo andere schon hyperventilierten. Genau diese Stärke faszinierte mich an ihr. Sie passte nicht in dieses Schema aus Angst und Anpassung. Und ich würde dafür sorgen, dass sie im kommenden Gespräch ganz genau merkte, dass sie hier nichts zu befürchten hat – ganz im Gegenteil.

Der Impuls kam aus diesem trockenen, leicht zynischen Reflex heraus, den man entwickelt, wenn man merkt, dass man von einem Haufen nervöser Kaninchen umgeben ist. Sie zitterten ohnehin schon vor dem großen, bösen Wolf – warum also nicht für eine Minute genau die Rolle einnehmen, die sie in mir sahen? Ein bisschen Adrenalin, ein Hauch von psychologischem Test. Ich wollte sehen, wie weit ihre Fassade trägt, bevor sie bröckelt. Vor allem aber wollte ich sehen, wie Alexandra reagiert, wenn man das Spiel ein wenig schärfer anzieht.

Die Absätze meiner Lederschuhe dämpfte der billige Teppich des Großraumbüros. Die Luft hier roch nach Tonerstaub und dem kalten Angstschweiß eines halben Dutzends unglücklicher Existenzen. Nach trockenem Papier und der kalten, künstlichen Luft, die aus den Lüftungsschlitzen drückte. Die Monitore flimmerten in mattem Grau, und die Neonröhren an der Decke summten in einem nervtötenden, hochfrequenten Ton, der sich direkt ins Trommelfell bohrte. Sie hatten mich nicht kommen hören. Das gleichmäßige, monotone Klappern von Tastaturen erfüllte das Dispobüro, als ich die Glas- und Aluminiumtür hinter mir ins Schloss zog. Frau Beckstein starrte so verkrampft auf ihren Bildschirm, als könnte sie die Zeilen mit ihren Augen verbrennen, und Alexandra lehnte sich gerade leicht nach vorne, um ihr etwas zu erklären. Ich blieb für einen Moment unbemerkt im Hintergrund stehen. Meine Hände lagen entspannt, aber wachsam auf dem Rücken, die Schultern breit, das Gewicht gleichmäßig auf beiden Füßen verteilt. Eine alte Gewohnheit. Das würde ich wohl nie mehr verlernen. Die Anspannung in diesem Raum war jedenfalls fast mit den Händen zu greifen. An den Wänden hingen vergilbte Whiteboards voller unvollständiger Schichtpläne und handschriftlicher Notizen, die von purem organisatorischen Chaos zeugten. Hier lief der Betrieb – oder das, was sie dafür hielten.

Ein kleiner psychologischer Test schien mir da gerade recht. Ein bisschen Bewegung in den stehenden Sumpf bringen. Ich trat mit festen, kontrollierten Schritten näher, bis der Schatten meines Körpers über die Monitore der beiden Frauen fiel. Frau Beckstein fuhr sofort herum wie ein aufgescheuchtes Huhn, die Finger erstarrten auf der Tastatur, mit dem Ellenbogen hätte sie fast ihre Tasse umgeworfen, auf welcher ein grinsender Buddha abgedruckt war. Alexandra hingegen reagierte anders. Sie zuckte nicht zusammen. Ihre Bewegungen waren langsamer, fast fließend, als sie den Kopf hob und mich musterte.

»Guten Morgen, meine Damen«, sagte ich mit gedämpfter, fester Stimme, die im Raum nachhallte. Krampfhaft unterdrückte ich den amüsierten Zug, der sich um meine Mundwinkel anbahnte. »Oh, ich sehe, Sie sind noch nicht vollzählig. Wo ist denn Frau Allendorf abgeblieben?«

Mein Blick wanderte gezielt auf die kleine Wanduhr über dem Aktenschrank. Es war genau 8:20 Uhr. Frankie, die gelernte Personaldienstleistungskauffrau und vermeintliche Fachkraft, glänzte durch Abwesenheit. Keine Meldung, kein Anruf, nichts. In meiner Welt bedeutete unentschuldigtes Zuspätkommen schlicht Disziplinlosigkeit. Ich war gespannt, was für eine fadenscheinige Ausrede sie mir später auftischen würde. Frau Beckstein schluckte hörbar. Ihre Augen flackerten nervös zwischen mir und dem Bildschirm hin und her, unfähig, auch nur einen klaren Satz zu formulieren. Sie brachte nur ein leises, ersticktes Stöhnen hervor. Alexandra ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie lehnte sich minimal zurück, verschränkte die Arme jedoch nicht – sie hielt die Hände locker auf der Tischkante. Ihre Augen fixierten mich mit einer analytischen, fast herausfordernden Skepsis. Sie suchte nach einer Blöße in meiner Fassade, wägte ab, wie ernst ich es meinte.

»Frankie ist vermutlich krank, Herr Mitrochin«, sagte Alexandra mit fester Stimme, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Der Ton war ruhig, fast geschützt, aber in ihrem Unterton schwang eine klare Botschaft mit: Komm mir bloß nicht zu nah mit deinen Spielchen.

Ich legte den Kopf leicht schräg und musterte sie. Diese Frau hatte Mut, das musste man ihr lassen. Sie stellte sich schützend vor ihre Kollegin, auch wenn sie genau wusste, dass sie damit direkt in mein Visier lief.

»Krank?«, fragte ich tonlos, während ein kalter, amüsierten Unterton in meiner Stimme mitschwang. Ich trat noch einen Schritt näher an ihren Tisch heran, sodass sie den physischen Raum spürte, den ich einnahm. » Dann wäre es ihre Aufgabe, sich rechtzeitig bei mir abzumelden. Ich werde mich sofort darum kümmern. Frau Below, wir sehen uns dann gleich, nehme ich an?“

Ich trat einen halben Schritt näher an Alexandras Schreibtisch heran. Die Luft hier roch nach ihrem Parfum – dezent, elegant, ein Hauch von herber Frische, die so gar nicht zu dem Mief von vergilbtem Papier und kaltem Billigkaffee passen wollte, der diesen Raum sonst dominierte. Frau Beckstein krallte sich an ihrer Maus fest, als hinge ihr Leben davon ab. Alexandra jedoch wandte den Blick nicht ab. Sie blickte mich weiter an – unnachgiebig, stolz und mit einer inneren Härte, die mir zeigte, dass dieses Spiel hier gerade erst begonnen hatte. Ich hielt ihrem Blick stand. Es amüsierte mich. Sie dachte mit. Sie versuchte, mich zu lesen, so wie ich versuchte, sie zu lesen. Ein intellektuelles Scharmützel mitten im grau-braunen Mief dieses tristen Büros. Nur: Ich kaufte ihr die Sache mit der Krankheit keine Sekunde ab. Wer am Montagmorgen ohne Vorankündigung fehlt und sich nicht mal kurz per Mail krankmeldet, war niemals krank – sie war schlicht unzuverlässig oder hatte am Wochenende zu tief ins Glas geschaut. Aber das sprach ich nicht aus. Noch nicht. Ich wollte sehen, wie weit Alexandra für ihre Kollegin ins Feuer springen würde.

»Natürlich, Herr Mitrochin«, erwiderte sie, und ihre Stimme klang dabei so glatt und professionell wie eine frisch polierte Glasplatte. »Ich wollte Ihnen gerade die Terminbestätigung schicken.«

Ein inneres Lachen durchzuckte mich. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut zu schmunzeln. Sie schauspielerte gut. Verdammt gut. Die Haltung, der Tonfall, dieses unschuldige, geschäftsmäßige Nicken – es passte perfekt in die Rolle der mustergültigen Angestellten. Doch ich wusste es besser. Mein Verstand sezierte ihre kleine Notlüge mit chirurgischer Präzision. Sie hatte zu hundert Prozent nicht daran gedacht, mir diesen Termin zu bestätigen. Aus Prinzip nicht.

Ich ließ den Konferenzraum hinter mir und machte mich auf den Weg zurück in mein Büro, die Schritte lang, kontrolliert und leise Kaum hatte ich die schwere Tür hinter mir ins Schloss fallen lassen und mich in den massiven Ledersessel fallen lassen – der unter meinem Gewicht mit einem tiefen, dumpfen Knarren nachgab –, gab der Verstand dem nach, was die Disziplin eben noch eisern zurückgehalten hatte Einem plötzlichen, fast mechanischen Impuls folgend, schob ich das Smartphone über den dunklen Holztisch. Der Bildschirm hellte sich auf, warf ein fahles, blaues Licht in mein Gesicht. Ohne groß nachzudenken, öffnete ich Instagram, tippte danach ihren Namen auch in die Suchmaske von Facebook. Ein archaischer, fast lächerlicher Jagdinstinkt, der sich einschaltete, bevor die rationale Hemmschwelle greifen konnte. Ich wollte wissen, wie sie privat aussah. Welches Gesicht sie zeigte, wenn keine neonbeleuchtete Bürodecke über ihr hing und keine Aktenberge ihre Zeit fraßen. Ich wurde auf beiden Plattformen fündig – und lief doch komplett ins Leere. Die Profile existierten, ja, aber sie waren dicht. Abgeschottet. Maximale Privatsphäre-Einstellungen, digitale Festungen, die keine ungebetenen Blicke zuließen. Kein öffentliches Profilbild, das mehr verriet als ein winziger, pixeliger Schatten, keine frei zugänglichen Einblicke in ihr Leben außerhalb dieser vier Wände. Ein kurzes, trockenes Schnauben entkam meiner Kehle. Clever. Natürlich war sie vorsichtig. Sie gab nichts preis, was man gegen sie verwenden konnte. Das steigerte diesen verdammt hartnäckigen Reiz nur noch mehr.

Da sie sich im Netz vor mir verbarg, rief ich mir stattdessen das Bild von vorhin ganz analog, ganz pur in den Kopf. Mein Gehirn arbeitete mit der Präzision eines Scanners. Ich sah sie wieder vor mir, exakt so, wie sie auf ihrem Stuhl saß: Sie trug diesen schicken, grauen, knielangen Rock, der ihre schmale Taille und die Form ihrer Hüften akzentuierte, dazu eine makellose, strahlend weiße Bluse, deren Stoff sich leicht spannte, und diese hochhackigen, schwarzen Lederstiefel. Jedes einzelne Detail brannte sich mit einer scharfen, fast körperlichen Schärfe in mein Gedächtnis ein. Die Stiefel mit den gefährlich hohen Absätzen, das war keine gewöhnliche Arbeitskleidung. Das war Rüstung. Und sie trug sie verdammt gut. Ich spürte, wie sich in meiner Magengegend eine unruhige, schwere Hitze ausbreitete, die rein gar nichts mit beruflicher Gelassenheit zu tun hatte. Ich würde einen genaueren Blick wagen müssen. Einen, der tiefer ging als nur das oberflächliche Abtasten im Flur oder unter den Augen der anderen Kollegen, wenn sie demnächst wieder zu mir ins Büro kam. Um diesen plötzlichen, unkontrollierten Adrenalinschub im Blutkreislauf zu dämpfen, griff ich in die untere Schreibtischschublade, wo die braune Flasche schlummerte – mein privater, eiserner Vorrat für die Momente, in denen das Versteckspiel und der Druck dieses tristen Bürolebens zu laut im Kopf wurden. Ich zog sie hervor, stellte ein schlichtes, dickwandiges Glas auf den Tisch und goss einen ordentlichen Schluck Cognac ein. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit fing das matte Licht der Lampe ein, dickflüssig und schwer. Ich hob das Glas, setzte es an und ließ den scharfen Brand über die Zunge gleiten. Der Alkohol brannte sich kompromisslos den Weg in die Kehle hinab, breitete sich im Magen aus und hinterließ dieses taube, kontrollierende Gefühl, das ich brauchte, um wieder auf Werkseinstellung zu schalten. Die Hitze half, die Gedanken zu sortieren und den Fokus von ihr abzuziehen. Zurück zu dem Scheiß, der hier wirklich anstand.

Ich stellte das Glas ab, wischte mit dem Handrücken über den Mund und griff nach dem schon lange nicht mehr zeitgemäßen Bürotelefon, das neben den unübersichtlichen Papierstapeln thronte. Es gab noch etwas zu regeln – eine administrative Hürde, ein bürokratischer Brocken, den ich nach all den Jahren im operativen Geschäft zwar instinktiv am liebsten sofort eigenmächtig mit einem Hammerschlag aus dem Weg geräumt hätte, den ich aber an meinem ersten Tag hier unmöglich im Alleingang entscheiden durfte, ohne den Verdacht der Geschäftsleitung auf mich zu lenken.