Zwiegespräch
Zwiegespräch
Die Tür öffnete sich genau mit dem letzten Glockenschlag der Bürouhr. Pünktlichkeit, die schon an Perfektion grenzte. Keine Minute zu früh, um aufdringlich zu wirken; keine Minute zu spät, um Respektlosigkeit zu signalisieren. Alexandra trat ein, die Bewegungen kontrolliert, die Schultern straff, als wolle sie mir unmissverständlich klarmachen, niemand zu sein, den ich herumschubsen konnte, wie es wohl meine Vorgänger getan hatten. Ich bat sie herein, und während sie sich setzte, musterte ich sie kurz. Mein Blick glitt über ihre Haltung – die steif wirkenden Hände, die flach auf ihren Oberschenkeln ruhten, bereit, jederzeit aufzuspringen. Ich wandte mich kurz wieder dem Schreibtisch zu. Vor mir lag ein Dokument von entscheidender Bedeutung – das Papier, das ich noch fertigstellen musste. Und es war für sie bestimmt.
»Und, wie war Ihr Wochenende?«
Die Frage war absichtlich flach gehalten, fast beiläufig, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich in einem sicheren Rahmen zu bewegen. Doch ihre Antwort spiegelte genau das Gegenteil wider. So knapp wie meine Frage war, fiel auch ihre Erwiderung aus. Kein Detail, keine Farbe, kein Versuch, das Gespräch künstlich am Leben zu erhalten. Nur das Nötigste. Effizient, defensiv, schützend. Sie gab mir nur so viel preis, wie absolut unvermeidlich war, um nicht unhöflich zu erscheinen. Ich spürte ein leichtes Zucken in meinem Mundwinkel. Sie war hartnäckig, verschlossen und verdammt vorsichtig. Aber genau das machte sie interessant. Wer so panisch darauf achtete, keine Angriffsfläche zu bieten, hatte meistens viel zu verlieren – oder wurde in der Vergangenheit oft genug verbrannt.
Ich ließ mir Zeit, ehe ich fortfuhr. Mein Blick strich über die feine Kontur ihrer geschminkten Lippen, die sich nach ihrer kurzen Erwiderung augenblicklich wieder strafften. Jede ihrer Bewegungen war kontrolliert, doch dieses kleine Detail verriet mir, wie sehr es in ihr arbeitete. Sie saß da, die Hände auf ihren Oberschenkeln abgelegt, wobei sich die Finger leicht in den Stoff ihres Rockes krallten – ein winziges, verräterisches Zeichen innerer Anspannung. Ich beschloss, sie nicht länger leiden zu lassen und erklärte ihr direkt, dass das Gespräch keine disziplinarische Maßnahme war, sondern nur dazu diente, meine Mitarbeiter kennenzulernen.
Sie hob das Kinn, unbewusst, ein Schutzreflex gegen den vermeintlichen Druck, den ich ausübte, und antwortete mit dieser frostig glatten Stimme: »Ich denke, so viel gibt es über mich nicht zu wissen.«
Ich lehnte mich ein Stück zurück, verschränkte die Arme vor der Brust, wodurch der Stoff meines Anzugs über den breiten Muskeln meiner Oberarme spannte. Ein leises, fast unmerkliches Zucken ging durch meinen Kiefer. Sie wollte sich verbergen. Sie wollte unsichtbar bleiben, um nicht angreifbar zu sein. Doch sie ahnte nicht, was ich bereits alles über sie wusste. Ich musterte sie, während sie so vor mir saß, und für einen Moment setzte mein analytischer Verstand aus. Ich konnte mich schlicht und einfach nicht sattsehen an ihr. Ich atmete langsam aus, disziplinierte meinen Körper, zwang die Muskeln in meinem Nacken zur Entspannung und bereitete mich vor. Das Spiel hatte begonnen. Die Karten waren gemischt, und ich war es nicht gewohnt, ein Spiel zu verlieren.
»Da habe ich etwas ganz anderes gehört«, sagte ich, und mein Tonfall triefte vor kalkulierter Provokation.
Sie schluckte, sah mich mit diesen wachen, klugen Augen an und konterte sofort: »Was haben Sie denn gehört?«
Ich kostete den Moment aus, genoss das unruhige, schnelle Pochen ihres Pulses, das ich trotz des Schreibtisches zwischen uns fast spüren konnte. »Dass es wohl alles andere als einfach ist, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.«
Ich lehnte mich zurück, die Hände nun locker im Schoß verschränkt, und beobachtete akribisch ihre Reaktion. In mir schlug das Herz im Takt eines Jägers, der seine Beute bewunderte. Sie zuckte kurz zusammen, versuchte krampfhaft, ihr Verlegenheitsgrinsen zu unterdrücken, das unaufhaltsam an die Oberfläche kroch. Als dezent misanthropisch veranlagter Mensch, der die menschliche Schwäche und das ewige Herumgeeiere anderer längst verachtet hatte, fand ich ihre Ehrlichkeit erfrischend. Verdammt, ich mochte es, wenn jemand Ecken und Kanten hatte.
Sie räusperte sich, versuchte professionell zu bleiben, und gab es schließlich zu: »Das möchte ich auch gar nicht abstreiten.«
Ein leichtes Schmunzeln huschte über mein Gesicht, während ich mich tiefer in den bequemen Sessel drückte. Sie merkte nicht einmal, dass sie genau das tat, was ich wollte: Sie zeigte mir ihr wahres Gesicht. Keine glatte, künstliche Marionette wie die Frauen aus meiner Vergangenheit – wie Sweta, die hohl und käuflich war –, sondern eine Frau mit Rückgrat.
»Zumindest kann man Ihnen keine Unehrlichkeit unterstellen«, sagte ich und ließ meine Stimme wieder tiefer, wärmer werden, während mein Blick an ihren Lippen hängen blieb. Ein heftiges Verlangen zog sich wie ein elektrischer Schlag durch meinen Unterleib. »Frau Below, ich finde gerne offene Worte. Natürlich habe ich Erkundigungen über alle Mitarbeiter eingeholt. Ich weiß gerne vorher, auf was ich mich einlasse. Aber ich kann Sie beruhigen. Man ist mit Ihrer Arbeitsleistung keineswegs unzufrieden. Zumindest im Ergebnis. Aber in der Zentrale sind Sie bekannt für ein... Wie soll ich sagen? Für ein recht überzeugendes Auftreten.«
Ich sah, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Sie wusste, dass die Gerüchte über sie die Runde gemacht hatten – dass sie sich nach jahrelanger Ausbeutung und ungerechtfertigten Gehaltskürzungen durch einen unfähigen Ex-Chef nichts mehr gefallen ließ, dass sie regelmäßig stritt, für ihre Mädels kämpfte und den Laden aufrechterhielt, obwohl das System marode war.
Und dann passierte es.
Sie hob den Kopf, trotzig, stolz, mit einer ungezähmten Energie, die in diesem sterilen Büro wie ein Funke in einem Pulverfass wirkte. Sie schaute mir direkt in meine dunklen Augen, ohne zu blinzeln. In diesem Bruchteil einer Sekunde schlug mein Herz einen harten, wilden Takt gegen meine Rippen. Da war er wieder – dieser Funke, der alles vernichten konnte. Dieser ungezähmte Stolz. Sie kuschte nicht. Sie kroch nicht zu Kreuze, wie all die grauen, willenlosen Gestalten, die in diesem Unternehmen nur auf ihren Feierabend warteten. Sie bot mir Paroli. Sie stellte sich der Konfrontation mit erhobenem Haupt, obwohl ihr Puls in diesem Moment wahrscheinlich genauso raste wie meiner.
»Ich wüsste nicht, was daran verkehrt sein sollte«, gab sie zurück, und ihre Stimme trug diesen herausfordernden, betörend trotzigen Unterton, der mich augenblicklich elektrisierte, »Sucht nicht jeder laut Stellenanzeige selbstbewusste und eigenständig denkende Mitarbeiter?«
Eine Welle aus Respekt, heiß, unkontrollierbar und verzehrend, flutete durch meinen Körper. Es war ein Rausch, der so gar nichts mit dem grauen, tristen Alltag zu tun hatte, in den man mich verbannt hatte. Sie war intelligent, sie war scharfzüngig, und sie hatte das verflixte Talent, meine sorgsam aufgebauten Schutzmauern mit einem einzigen Blick zum Einsturz zu bringen. Ich fixierte sie, während ich auf ihre Reaktion wartete. Ich wollte sehen, ob sie dem Druck standhalten würde, den ich mit meinem ersten Schweigen in diesem Raum aufbaute – nicht aus Bosheit, sondern aus purem, unverfälschtem Verlangen, sie zu fordern. Und leider erfüllte sie meine Erwartung – sie hielt meinem Blick stand. Und ich begann zu kämpfen. Ein erbarmungsloser Zweikampf auf Leben und Tod – und mein Gegner war ich selbst. Ich kämpfte gegen meine eigenen animalischen Instinkte, gegen die verfluchte Disziplin, die mir seit Jahren das Überleben sicherte, und vor allem gegen sie. Jede Faser meines Körpers schrie nach Kontrolle, doch die Realität sah anders aus: Mein Verstand schaltete auf Alarmstufe Rot, während mein Körper eine völlig andere Sprache sprach. Mein Unterleib kochte, und der Schmerz, der sich dort bündelte, war pure, ungedämpfte körperliche Gier. Mein Schwanz drückte hart und unnachgiebig gegen den Stoff meiner Hose, eine schmerzhafte, pochende Erinnerung daran, dass ich eben nicht nur der eiskalte, berechnende Stratege und ehemalige Elitekämpfer war, sondern ein Mann aus Fleisch und Blut. Ein Mann, der seit Jahren nur im Schatten existierte und nun von einer überraschend resistenten Büromaus namens Alexandra Below komplett aus der Bahn geworfen wurde. Verflucht, ich hätte sie in diesem Sekundenbruchteil am liebsten direkt über den Schreibtisch gelegt. Ich wollte die unbedeutenden Akten, den ganzen bürokratischen Ballast und diese sterile Kulisse mit einer einzigen, brachialen Handbewegung vom Tisch fegen. Ich wollte sie packen, ihre feinen Handgelenke festhalten, ihren Atem auf meiner Haut spüren und ihr genau in diesem Moment zeigen, wer hier das Sagen hatte. Ich wollte den trotzigen, klugen Ausdruck in ihren Augen brechen – nicht aus Grausamkeit, sondern aus einem tiefen, brennenden Verlangen, dieses freche Maul mit einem besitzergreifenden, alles verschlingenden Kuss zum Schweigen zu bringen und sie gleichzeitig für diese pure, verfluchte Provokation zu belohnen. Ich trug diese Anspannung wie eine zweite Haut, während ich sie mit unbewegter Miene musterte. Mein Blick glitt kurz von ihren Augen hinab zu ihren Händen und wieder zurück. Jeder Atemzug schien schwerer, intensiver zu sein, seit sie diesen Raum betreten hatte. Das Spiel, das wir hier spielten – dieses taktierende, gefährliche Ringen um Macht und Grenzlinien –, gefiel mir verdammt gut. Sie war kein weiches, formbares Objekt; sie leistete Widerstand, und dieser Widerstand entfachte in mir eine urtümliche, brennende Faszination.
»Ich glaube, wir reden aneinander vorbei«, setzte ich an, und meine Stimme klang dunkel, belegt von der körperlichen Nähe und dem pochenden Verlangen, das ich mühsam unterdrücken musste. »Lassen Sie es mich so formulieren: Man sagte mir, Sie besitzen wenig Feingefühl und kommandieren gerne.«
Sie zuckte kaum merklich mit den Schultern, ließ sich von meiner Provokation nicht einschüchtern, sondern hielt mit einer Ehrlichkeit dagegen, die mir abermals Bewunderung abnötigte.
»Nach allem, was ich hier erlebt habe, neige ich wohl dazu. Das streite ich keineswegs ab.«
Ich lehnte mich in meinem Ledersessel wieder zurück, während in meinem Inneren ein fast amüsiertes, warmes Gefühl aufstieg. Ich, der sich wohl ihrerseits eher eine verzweifelte Rechtfertigung erwartet hatte, war mit dieser Antwort durchaus zufrieden. Während ich abwog, wie ich mit ihr weiterverfahren sollte, suchten meine Finger fast mechanisch nach Ablenkung. Einerseits gedankenverloren, andererseits sie mit keinem Blick aus den Augen lassend, spielten meine Finger mit dem goldenen Feuerzeug, welches neben einer Zigarre und einer Tasse Kaffee auf meinem Tisch lag. S.T. Dupont – eine schwere, edle Haptik, die mir vertraute, wertige Beständigkeit vermittelte.
»Mir gefällt, dass Sie dazu stehen«, antwortete ich schließlich mit einem knappen Nicken und sah sie mit gerunzelter Stirn an, während die Hitze in meiner Brust weiterglomm.
Sie ließ sich nicht beirren, atmete aus und holte aus, um die wahren Abgründe dieses Ladens offenzulegen. »Wissen Sie, Herr Mitrochin, ich bin seit fünf Jahren in diesem Unternehmen, was vielleicht im ersten Moment gar nicht so lange klingt. Aber ich habe hier sehr viel erlebt und mitgemacht in dieser Zeit. Und das waren nicht nur gute Dinge. Ich hatte ab einem gewissen Punkt einfach keine Lust mehr, mir ans Bein pissen zu lassen. Man hat hier früher versucht, die Mitarbeiter regelrecht zu zersetzen. Hire and fire kannte man hier nicht nur aus den Märchen von menschenunwürdigen Großkonzernen.«
Ich hörte ihr zu, nickte verständnisvoll, während ich sie weiterhin musterte. Sie glaubte sicher, es würde bei mir in ein Ohr hinein, und zum anderen wieder hinausgehen. Und sie hatte recht. Hinter der fiktiven Maske ihres neuen Chefs Dmitrij Mitrochin schlug mein Herz unregelmäßig. Ihr Temperament, die Entschlossenheit in ihrer Stimme, die Art, wie sie für ihre Überzeugungen einstand – das alles wirkte auf mich wie ein Katalysator. Ich musste das Feuer in ihr weiter anfachen, wollte wissen, wo ihre absoluten Grenzen lagen.
»Dann entspricht es den Tatsachen, dass Sie meinen Vorgänger als, so wörtlich, faulen Hund bezeichnet haben?«
Ein kurzes, fast herausforderndes Funkeln trat in ihre Augen. »Ja, Herr Mitrochin, das ist in der Tat so. Aber das ist eine längere Geschichte.«
Ich spürte, wie der Drang in mir wuchs, sie zu zügeln, sie gleichzeitig aber auch für ihre Offenheit zu belohnen. Ich beugte mich leicht nach vorne, verengte die Augen und gab meiner Stimme einen strengen, warnenden Unterton, der jedoch durch die knisternde Spannung zwischen uns völlig konterkariert wurde. »Frau Below«, ermahnte ich sie zischend, aber gleichzeitig entgegenkommend, »das geht nicht. Egal was Sie von diesem Mann gehalten haben, er war Ihr Chef.«
Unwillkürlich holte sie tief Luft, der Stoff ihrer Bluse spannte sich über ihrem Brustkorb, und dieses Detail sorgte sofort wieder dafür, dass mein Körper die Blutzufuhr meines Gehirns drosselte, weil es einfach für andere Regionen benötigt wurde. »Das mag sein«, trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust und hob ein wenig zu hochmütig die Nase, »Aber wer sitzt heute noch hier? Er oder ich?«
Ein innerliches, dunkles Lachen drang durch meine Barrieren. Verdammt, sie hatte Mut. Sie trat nach mir, obwohl ich derjenige war, der am längeren Hebel saß. Dieses freche Aufbäumen, dieser eiskalte Trotz – sie war eine Kämpferin. Ich konnte nicht anders, als sie zu bewundern.
»Sie fühlen sich gerade provoziert, richtig?«
»Nein, ich stelle nur die Dinge klar. Wissen Sie, Herr Mitrochin, ich wünsche mir einen sauberen Neustart und in Ruhe meine Arbeit machen und nachts wieder in Ruhe schlafen können. Ohne Kopfschmerzen. Denn das können wir alle hier schon lange nicht mehr.«
Ich beugte mich nun nach vorn, griff nach meiner Tasse, die auf der Tischplatte einen dünnen Kaffeering hinterlassen hatte, ohne dass es mich auch nur im Geringsten kümmerte. Mein Blick blieb an ihren Lippen hängen, während ich das Porzellan berührte. Ein heftiges Verlangen zog sich wie ein unsichtbarer, glühender Faden durch den Raum, direkt in meinen Unterleib, der auf dieses Zusammensein reagierte, als gäbe es kein Morgen.
»Daran sollten wir arbeiten. Da bin ich ganz bei Ihnen«, sagte ich mit tiefer, resonanter Stimme, stellte die Tasse zurück auf den Tisch und bohrte weiter in den Wunden dieses Ladens. »Aber abgesehen davon – wie bewerten Sie eigentlich das vorherrschende Arbeitsklima generell?«
Sie seufzte tief. »Soll ich ehrlich sein?«
Mein Blick blieb wie magnetisch an ihren Lippen hängen. Eine schier endlose Sekunde lang driftete mein Verstand komplett ab, getragen von einer abrupten Welle roher, ungezähmter Begierde. Ich fragte mich, wie sie wohl schmecken würden – ob süß, ob verboten, ob mit diesem Hauch von kühler Distanz, die sie so verzweifelt aufrechterhielt. Wie es sich anfühlen würde, wenn diese exakt geformten Lippen langsam über meinen Körper glitten, fordernd und feucht, bis von ihrer eisigen Kontrolliertheit nichts mehr übrig bliebe. Ein dunkles, animalisches Bild brannte sich mit der Wucht eines Vorschlaghammers in mein Bewusstsein: wie sie unter mir nachgeben würde, wenn ich diese Lippen mit dem Daumen auseinanderzwang, um Alexandra dazu zu bringen, sich mir völlig, bedingungslos und vor Lust zitternd hingeben würde. Mein Atem stockte für eine Zehntelsekunde, und der Druck in meiner Hose wurde mit jedem Herzschlag, während dem sie da saß und mich mit ihren wachen, misstrauischen Augen musterte, unerträglicher. Jede Faser meines Körpers schrie plötzlich nach körperlicher Nähe, nach Dominanz, nach diesem reinen, ungefilterten Begehren, das jede bürokratische Vernunft mit Füßen trat. Verdammt, ich musste mich konzentrieren. Mit einer harten, fast schmerzhaften Anstrengung meiner Willenskraft riss ich den Blick von ihrem Mund los und zwang meine Augen nach oben, direkt in ihre Pupillen. Ich spürte, wie die Muskeln in meinem Kiefer steinhart wurden und schmerzten, so fest presste ich die Zähne aufeinander. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen und die enorme Hitze unter meiner Haut drohte jede Fassade meiner eisigen, mühsam aufgebauten Selbstkontrolle zu sprengen. Ich war hier der Vorgesetzte, der Mann mit der absoluten Macht im Raum – aber in diesem Moment war es pure Folter, sie so nah und doch so unerreichbar vor mir zu wissen.
»Ich bitte darum«, sagte ich mit tiefer, samtener Stimme, die in dem kleinen Raum fast intim klang.
Sie holte Luft, und in ihrer Mimik spiegelte sich die jahrelange Frustration wider. Ihre Augen verengten sich, bevor sie mit rauchiger, fester Stimme vom Leder her auspackte. »Kurz gesagt, beschissen. Alles ist durcheinander, keiner weiß mehr über seine Befugnisse Bescheid, die Arbeitsmaterialien sind aus dem letzten Jahrzehnt, die Führung wechselt ständig und die Bezahlung ist auch ins Bodenlose gesackt. Ich weiß nicht, wie es den anderen geht, aber Frau Allendorf, Frau Beckstein und ich sitzen nur noch hier, weil wir aus sentimentalen Gründen an unserem Job hängen. Und weil wir uns haben. Bisher waren wir es immer, die den Karren aus dem Dreck gezogen haben.«
Sie redete sich in Rage, und verdammt noch mal, dieser Eifer machte sie nur noch attraktiver. Ihre Brust hob und senkte sich unter der feinen Bluse in einem Rhythmus, der mich schier um den Verstand brachte. Aber ich hielt mich zurück, bis sie die letzte Silbe ausgesprochen hatte.
»Falsch!«, ich herrschte sie an, sobald sie geendet hatte, und zeigte mit seinem Füller auf sie, als würde ich sie damit festnageln oder gleich erlegen wollen.
Sie zuckte zusammen, der trotzige Ausdruck in ihrem Gesicht wich für einen Sekundenbruchteil nackter Verblüffung. Ihre Augen weiteten sich, und sie fixierte den Stift, der bedrohlich auf sie gerichtet war. Genau diesen Moment der Verunsicherung brauchte ich, um die Dynamik komplett an mich zu reißen.
»Falsch, Frau Below«, meine Stimme wurde nur leiser, weil mein Blick wieder an ihren verheißungsvollen Lippen hängen blieb, »völlig falsch. Ich hatte letzte Woche sehr lange Gespräche mit den Vertretern der Firmenzentrale, die sich die letzten Monate um diese Niederlassung gekümmert haben. Zugegeben, nicht gerade erfolgreich, aber es reichte aus, um sich ein Bild von Ihnen allen zu machen. Nicht Frau Allendorf, Frau Beckstein und Sie haben das hier am Laufen gehalten. Sie, Frau Below, Sie alleine haben das zu verantworten. Egal was passiert war, Sie waren diejenige, welche ihr Team zusammengehalten hat und auf die man sich blind verlassen konnte. Und nur weil das so war, ist der Rest auch geblieben. Weil man gemerkt hat, zumindest der Kern der Niederlassung funktioniert.«
Ich sah, wie diese Worte bei ihr einschlugen. Ihr hartes, abwehrendes Schild bröckelte. Sie hatte mit einem Rüffel gerechnet, mit Strafe, mit Vorwürfen – und stattdessen servierte ich ihr die nackte, ungeschminkte Wahrheit über ihre eigene unersetzliche Bedeutung. Ein leichtes Erröten kroch unter ihrer Haut hervor, ein optisches Detail, das mein Verlangen nur noch weiter anheizte. Sie biss sich kurz auf die Unterlippe – eine Geste, die in meinem Kopf Bilder heraufbeschwor, die absolut nichts, rein gar nichts mit Büroarbeit zu tun hatten.
Sie schluckte schwer, während ihre Hände auf den Oberschenkeln kurz verkrampften, ehe sie den Blick hob, und in ihren Augen wieder der Trotz aufblitzte. »Nett, dass man uns, oder mir, das niemals gedankt hat.«
Ein bitterer Hauch lag in ihrer Stimme, der mich innerlich aufhorchen ließ. Sie hatte sich für diesen Laden aufgerieben, und niemand hatte es geschätzt. Doch jetzt war ich hier. Und ich würde ganz gewiss dafür sorgen, dass sie verstand, dass ihre Anstrengungen nicht unbemerkt blieben – vor allem nicht von mir.
Ich dachte kurz über ihre Worte nach, ließ das Gewicht meiner neuen Position wirken und nickte schließlich langsam. »Ich danke Ihnen jetzt. Und ich hoffe natürlich, dass Sie weiterhin mit so viel Elan bei der Arbeit sind.«
Ein winziges, fast schüchternes Lächeln – das erste echte, das ich heute an ihr sah – zuckte um ihre Mundwinkel. Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, eine Bewegung, die ihre Handgelenke und die feinen Konturen ihres Körpers betonte. »Ich gebe mir Mühe.«
»Das sollte niemals in Ihrem Arbeitszeugnis stehen«, konterte ich, zwinkerte ihr zu und zog demonstrativ eine der Schubladen meines Schreibtisches auf, um den Blick für einen Moment von ihrem unverschämt anziehenden Anblick abzuwenden, bevor ich mich gänzlich verlor, »Ich habe mir übrigens Ihre Personalakte angesehen.«
Sie schien kurz innezuhalten, die Zurechtweisung auf den Lippen, und ich glaubte, in ihren Augen zu sehen, dass sie genau wusste, dass die Personalakte der Keller war, in dem ihre Leichen zu finden waren. Zudem hatte ich ihr bereits eine Kostprobe meines erworbenen Wissens gegeben.
»Dann wissen Sie schon mal mehr über mich, als ich über Sie«, gab sie spitz zurück, wobei ihre Augen wieder dieses gefährliche, lebendige Feuer annahmen, das mich so verdammt faszinierte.
Ich ließ den Füller sinken, lehnte mich ein Stück nach vorn, fixierte sie mit einem Blick, der keine Widerrede duldete, und sprach den Satz aus, der zeigen sollte, wer hier die Fäden in der Hand hielt: »Was die von meinem Vorgänger ausgestellte Abmahnung bezüglich der... liebevollen Worte betrifft ... Erledigt.«
Ich riss das Original der Abmahnung entschlossen aus der Mappe und zerknüllte sie mit einer unbarmherzigen Härte. Ohne den Blick von ihr zu lassen, ließ ich sie in den Papierkorb hinter meinem Schreibtisch fallen und verschränkte abwartend die Arme, während Alexandra mich mit einer Mischung aus Skepsis und Verwirrung musterte. Sie fragte sich sichtlich, was hier eigentlich gespielt wurde.
»Das ändert doch nichts. Das ist doch eh schon in der Zentrale«, sagte sie, ein wenig ratlos, und zeigte mit einer eleganten, fast herausfordernden Handbewegung auf den Papierkorb.
Ich schnaubte leise, ein dunkles, amüsiertes Fauchen, und lächelte sie verschwörerisch an. »Meinen Sie, Ihr sogenannter fauler Hund hat das dort hingeschickt?«
Wortlos sah sie mich an. Ihre großen, wachen Augen fixierten mein Gesicht, suchten nach Hinweisen in meiner Mimik, erkannte zunächst nicht die Rhetorik in der Frage. Doch als ich schließlich ein leichtes Lächeln andeutete, wusste sie, woran sie war. Zunächst.
»Aber es gibt ja noch eine zweite Abmahnung«, erinnerte ich sie mit fester Stimme, denn hier war das Thema etwas brisanter. »Nicht genehmigte Zusatzzahlungen an Mitarbeiter.«
Sie seufzte tief auf. Zu lügen hätte ohnehin keinen Sinn gehabt, das wusste sie, also blieb sie bei der nackten Wahrheit. »Ja, das habe ich veranlasst, was auch aber nur daran gelegen hat, dass wir eine so hohe Krankheitsrate hatten, dass ich die Dienste nicht mehr nur mit gutem Zureden besetzen konnte.«
Ich faltete die Hände langsam auf der Tischplatte und beugte mich, möglicherweise aus gestiegenem Interesse und um die Distanz zwischen uns physisch zu verringern, etwas über den Tisch. Mein Blick bohrte sich in sie. »Sieh an. Sie haben die Mitarbeiter also bestochen? Warum war die Krankheitsquote zu diesem Zeitpunkt eigentlich so hoch?«
Sie schluckte kurz, ihre Augen funkelten vor aufgestautem Ärger, ehe sie losschoss, kompromisslos und direkt: »Weil es sehr viele Ärzte gibt, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen verteilen, wie der Supermarkt nebenan seine Werbeprospekte. Natürlich waren das keine Krankmeldungen aufgrund von Grippe oder Magen-Darm-Beschwerden. Die Mitarbeiter haben uns boykottiert, da sie vom vorletzten Niederlassungsleiter massiv unter Druck gesetzt wurden. Er beschloss aus Idiotie, den Einsatzumkreis von vierzig auf hundertfünfzig Kilometer umzustellen. Das haben die meisten nicht mitgemacht, denn so viel verdienten die Leute auch nicht, als dass sie sich solche Fahrwege hätten leisten können. Fahrgeld gibt es ja auch nicht mehr. Und irgendwann war für diese Leute das Maß eben voll.«
Während sie sprach, beobachtete ich jede Regung in ihrem Gesicht. Ihre Entschlossenheit war berauschend. Und während sie mir diese Fakten an den Kopf warf, begriff ich mit einer plötzlichen, intensiven Klarheit, wie verdammt ähnlich wir uns eigentlich waren. Wir beide schienen aus demselben Holz geschnitzt zu sein: kompromisslos, zielgerichtet und absolut unempfindlich gegenüber bürokratischem Ballast. Ich bevorzugte schließlich auch immer den kurzen Dienstweg, handelte lieber sofort und dachte erst über die Konsequenzen nach, wenn die Arbeit längst erledigt war. Sie war in dieser grauen Konzernwelt meine weibliche Entsprechung – eine gefährliche, wunderschöne Komplizin im Geiste.
»Hätte man das nicht anders regeln können?« fragte ich mit einem leichten, fast testenden Unterton.
Sie verzog das Gesicht zu einem ungeduldigen Ausdruck, fuhr sich mit einer fahrigen, aber ungemein eleganten Bewegung durch das Haar, während die Frustration in ihr kochte. »Herr Mitrochin, um es kurz zu machen - ich musste schnell handeln. Sehr schnell.«
Ich nickte zunächst verstehend, ließ die Zustimmung in meinen Augen aufblitzen. Aber dennoch, hier musste ich eine klare Linie ziehen. Irrelevant, wie mich diese Frau aus den Angeln hob und wie gut ich ihre Reaktion verstehen konnte – da hatte sie tatsächlich eine Grenze überschritten. »Meine Anweisung ab sofort: Tun Sie das nie wieder, ohne es mit mir abgesprochen zu haben. Ja, ich bin für schnelle Lösungen und hätte höchstwahrscheinlich ähnlich gehandelt. Aber so etwas gibt es nicht mehr, ohne dass ich es genehmige. Verstanden?«
Sie schluckte, taxierte mich mit einem scharfen, wachen Blick, der tief in mich hineinzusehen schien, und antwortete tonlos, aber voller Stolz: »Verstanden.«
Ich rieb mir konzentriert die Hände und mein Blick wanderte weiter über meine Unterlagen, während die physische Anspannung im Raum fast greifbar blieb – ein elektrisches Knistern, das jede Sekunde zu explodieren drohte. Was nichts daran änderte, dass ich diese Abmahnung nicht so einfach aus den Akten tilgen konnte.
»Und nun mein wichtigster Punkt«, ich sah sie wieder gerade heraus an, als würde ich sie lesen wollen, als wollte ich die letzte Schutzschicht von ihr abziehen, um zu sehen, was dahinter verborgen lag, »Ich bin ehrlich - geforscht habe ich natürlich, aber leider habe ich nichts gefunden. Es wäre also nur fair, wenn Sie diese Ehrlichkeit auch mir gegenüber zum Ausdruck bringen. Warum wurden Sie, die einen solch überdurchschnittlichen Arbeitseifer an den Tag gelegt hat, eigentlich degradiert?«
Die Frage schlug ein wie eine Bombe. Sie traf den wunden Punkt mit absoluter Wucht. Sie hielt kurz den Atem an, musterte mein Gesicht und beschloss in diesem Bruchteil einer Sekunde, jede Maske fallen zu lassen. Ihr Worte waren klar und unmissverständlich. »Weil der Chef mit einer aus der Sachbearbeitung gevögelt hat.«
Oh Gott, sie würde mich mit dieser ungezähmten Art noch um den Verstand bringen. Diese ungeschönten Worte, die ich beim besten Willen nicht erwartet hatte, rissen mich innerlich ein und pushten meine eigene Erregung ins schier Unermessliche. Jede einzelne Faser meines Körpers, die jahrelang auf absolute Kontrolle, militärische Disziplin und das ständige Überleben im Untergrund geeicht war, reagierte auf diese rohe Provokation mit einer heftigen, animalischen Kettenreaktion. Ich verstand vollkommen, worauf sie hinauswollte, und im selben Atemzug hätte ich ihr so verdammt gerne auf die ganz direkte, kompromisslose Art gezeigt, wie schnell so ein Fick im Büro entstehen konnte, wenn zwei Menschen aufeinandertrafen, die genau wussten, was sie wollten. Keine Verstellungen, kein langes Vorspiel, sondern pure, körperliche Dominanz und gegenseitiges Begehren, das sich gegenseitig anstachelte. Ihre Worte – so roh, direkt und völlig ungeniert ausgesprochen – trafen mich mitten im tiefsten Inneren und schalteten jede verbliebene Sicherung in meinem Kopf aus. Sie hatte schlicht keine Ahnung, was sie da in mir entfesselte. Fuck, ich hatte mich beinahe wieder im Griff gehabt...
»Wie bitte?«, ich hörte selbst, wie atemlos meine Stimme klang, den Kopf im Nebel.
»Sie haben schon richtig gehört und sicher auch erkannt, dass mich das heute noch entzürnt. Eine, im Verhältnis zu mir, unqualifizierte Dame aus der damaligen Sachbearbeitung hat meinen Job bekommen, nachdem sie Ihrem Vorgänger einige persönliche Gefälligkeiten erwiesen hat.«
»Einfach so?«
Sie lachte höhnisch, es klang ein wenig bitter. »Natürlich nicht einfach so. Wie gesagt, die beiden hatten ein Verhältnis. Dagegen kommt niemand so leicht an.«
In meiner Brust zog sich bei diesen Worten ein kalter, harter Muskel zusammen. Diese Art von Vetternwirtschaft, von korrupter Dekadenz und moralischer Verkommenheit war mir zutiefst zuwider. In meiner früheren Welt, in den harten Strukturen des Dienstes, gab es klare Regeln. Leistung zählte, Loyalität war lebensnotwendig, und Schwäche oder Intrigen wurden gnadenlos bestraft. Hier jedoch, in dieser grauen, verlogenen deutschen Provinz, schien sich das System auf Inkompetenz und Seilschaften zu stützen. Ein dunkler, fast reißender Zorn flüchtete sich in mein Bewusstsein, gerichtet auf diesen namenlosen Vorgänger, der diese brillante, widerstandsfähige Frau aus niederen Motiven demontiert hatte. Alexandra musterte mich, während ihre Unterlippe wieder kurz unter ihren Zähnen verschwand. Ihr Blick war eine Mischung aus Skepsis und dem schmerzhaften Eingeständnis, dass sie ihr Schicksal viel zu lange passiv hingenommen hatte. Ich spürte den unbändigen Drang, einzugreifen, die Dinge geradezurücken – nicht nur, weil das Unternehmen sie brauchte, sondern weil mein innerer Sinn für Ehre sich sträubte, diesen Zustand hinzunehmen.
»Frau Below«, Mitrochin stützte sich mit den Händen schockiert am Tisch ab, »Sie hatten einen gültigen Arbeitsvertrag für genau diese Stelle. Warum haben Sie sich denn nicht gewehrt?«
Sie zuckte unmerklich mit den Schultern, eine Bewegung, die so viel mehr sagte als tausend Worte. Die Resignation hatte sich tief in ihre Knochen gefressen. »Weil ich nach allem, was in dieser Zeit los war, keine Kraft mehr dazu hatte. Da dies zufällig mit den Gründen für die zweite Abmahnung zusammenfiel, konnte man also auch einen Grund vorschieben.«
»Da hatten Sie aber einiges an Lohneinbußen.«
Ein Schatten huschte über ihr Gesicht, ein schmerzhaftes Zusammenziehen der Augenbrauen, das ihre Verletzlichkeit für einen Sekundenbruchteil ungeschützt entblößte, bevor sie sich sofort wieder fing.
»In der Tat. Das Finanzielle fehlt mir manchmal doch schon. Doch Jammern bringt nichts. Immerhin verfüge ich über das Privileg einer abbezahlten Eigentumswohnung. Das erleichtert einiges.«
Bei diesem Satz traf mich ein elektrisierender Schlag im Bauchraum. Eigentumswohnung. Zwölfter Stock. Below. Die Erinnerung an den Abend, an dem ich vor dem Klingelschild gestanden hatte, schoss mit der Wucht eines Vorschlaghammers zurück. Es war kein dummer Zufall mehr; es war eine schicksalhafte, fast makabre Ironie, dass diese Frau genau unter mir wohnte, während ich hier im Büro saß und versuchte, ihr Leben zu retten. Ich durfte mir jedoch keinerlei Regung anmerken lassen, durfte mir keine Blöße geben. Meine Gesichtszüge blieben stahlhart, die Maske des unnahbaren Chefs hielt stand. Noch.
Ich wagte nun den Vorstoß, mit dem sie nicht gerechnet hätte. »Könnten Sie sich denn vorstellen, wieder die Assistenz der Geschäftsleitung zu übernehmen?«
Ihre Augen weiteten sich leicht. Ein Hauch von Verblüffung und fast ungläubigem Staunen trat in ihre Mimik. Sie lehnte sich minimal zurück, musterte mich, als versuche sie, hinter meine eisige Fassade zu blicken. Aber ihre Stimme blieb ruhig. Fast gleichgültig.
»Momentan habe ich sehr viel damit zu tun, die Dispo wieder sauber aufzubauen. Später vielleicht.«
Ich ließ nicht locker. Die Autorität in meiner Stimme war unmissverständlich, ein Relikt aus meiner Vergangenheit, das keinen Widerspruch duldete. »Es ist reine Formsache.«
Alexandra musterte mich. Sie traute mir keinen Zentimeter über den Weg; ihre geweiteten Pupillen verrieten pure Alarmbereitschaft. Ein harter, misstrauischer Blick – die Haltung eines Menschen, der sich im Leben schon zu oft verteidigen musste. Der Gedanke traf mich wie ein Vorschlaghammer und ließ mein Blut kochen: Wie würden mich diese Augen wohl ansehen, wenn sie mir verfielen? Wenn ihre eiserne Rüstung brach, bis sie nackt und ungeschützt vor mir stand – nicht aus Angst, sondern aus purer, glühender Hingabe? Verdammt, ich wollte diese Kontrolle einfach nur kollabieren sehen.
Ein ungläubiges, fast bitteres Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie schüttelte den Kopf, und ein feiner Hauch von Sarkasmus lag in ihrer Haltung. »Herr Mitrochin, bieten Sie mir gerade allen Ernstes wieder meinen alten Job an oder nehmen Sie mich auf den Arm?«
Ich verzog keine Miene. Ich zog lediglich die Kappe meines schweren, schwarzen Füllers ab. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schob ich ihr über den Tisch hinweg ein vorbereitetes Blatt zu. Direkt daneben platzierte ich das Schreibgerät. »Sie müssen nur unterschreiben.«
Mit zitternden Fingern, als berührte sie glühendes Eisen, zog sie das Schreiben zu sich, welches von der Überschrift 'Änderungsvereinbarung zum Arbeitsvertrag' gekrönt wurde. Mir selbst wurde bei diesem Anblick ein wenig schummrig zumute – ein Hauch von Absurdität, gepaart mit dem kalten, berechnenden Wissen, dass ich gerade Fakten schuf. Der Vertrag war bereits mit dem heutigen Datum versehen. Weshalb war ich mir eigentlich so sicher, dass sie unterschreiben würde? Weil ich wusste, dass sie es brauchte – und weil ich sie hier halten musste, um jeden Preis.
Sie hob den Kopf, biss sich kurz leicht auf die Unterlippe und sah mich an. Eine Spur zu unsicher sah sie mich an. Ihre Augen suchten meine, suchten nach einem Haken, nach einem Fangnetz, das sich jeden Moment zuziehen könnte. »Das ist viel mehr, als ich vorher bekommen habe. Das kriegen Sie in Spanien niemals durch.«
Und wie ich durch bekam. Ich war neu hier, das stand außer Frage, aber dieser verstaubte Laden brauchte keinen Verwalter. Er brauchte jemanden, der den Stall ausmistete. Ich marschierte heute Morgen, vor genau siebenundvierzig Minuten, telefonisch in die obere Etage. Mit der absoluten, unerschütterlichen Kälte eines Mannes, der in seinem Leben ganz andere Schlachten geschlagen hatte als ein paar arbeitsrechtliche Querelen. Ich machte einen Aufstand bei der Geschäftsleitung, der sich gewaschen hatte. Ich ließ keinen Raum für Diskussionen, sprach mit tiefer, sonorer Stimme von systemischer Vetternwirtschaft und gossenhafter Korruption im eigenen Haus. Und dann zog ich meine Karte: Ich erfand absolut überzeugt etwas von vorbereiteten Sammelklagen der Belegschaft, die angeblich kurz vor dem Abschicken standen. Ein juristischer Rundumschlag, absoluter Blödsinn, der rechtlich vorne und hinten keinen Sinn ergab. Das Beste daran? Es funktionierte. Die feinen Herren bekamen kalte Füße. Die blanke Angst vor schlechter Presse, unkalkulierbarem Ärger und schmutziger Öffentlichkeit ließ sie sofort einknicken. Keine Sekunde prüften sie nach, ob meine Drohungen Hand und Fuß hatten. Sie wollten nur ihre Ruhe. Per Eilverfahren hatte man mir die Lohnerhöhungen genehmigt – unbürokratisch, leise, genau so, wie ich es verlangte. Niemandem war aufgefallen, dass ich sie nach Strich und Faden verarscht hatte. Jetzt bekam Alexandra das Geld, das ihr ohnehin zustand, und noch einen kleinen Sympathiebonus oben drauf. Als Schmerzensgeld. Vielleicht auch für das, was noch kam. Denn was die Zukunft brachte, wussten wir ohnehin nicht. Wie mir bereits bei meiner ersten Vorstellung unmissverständlich klargemacht worden war, stand dieser marode Laden vor einer Übernahme: Ein deutscher Investor würde die Firmenanteile übernehmen. Bereits zum ersten Januar. Man hatte mir damals strengstes Stillschweigen auferlegt. Die Geschäftsleitung hatte panische Angst vor der Unruhe – man befürchtete zu Recht, dass sich die komplette Belegschaft im Handumdrehen anderweitig umsehen und das sinkende Schiff vorzeitig verlassen würde, wenn das Datum des Verkaufs zu früh ans Licht käme. Aber auf diese Anweisung pfiff ich gerade.
»Es wird kein Spanien mehr geben. Die Firma wurde aufgekauft und wird zum 1. Januar aus Deutschland geleitet.«
Der Blick, mit dem Alexandra mich musterte, war scharf, abwägend und von einer tiefen, fast aggressiven Skepsis durchdrungen – dem unverkennbaren Habitus einer Frau, die gelernt hatte, im Haifischbecken des modernen Berufslebens ohne Sicherheitsnetz zu überleben. Ich sah, wie sich ihre Augenbrauen bei diesem Satz leicht zusammenzog, wie der Unterkiefer sich verhärtete und die zarte Haut an ihrem Hals sich kurz anspannte.
»Na wunderbar. Wann hätte man uns das mitgeteilt?«
Überfragt zuckte ich mit den Schultern. Es war mir auch egal. »Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen. Aber es wird für Sie keinen Unterschied machen. Es bleibt alles beim Alten.«
Ich beobachtete, wie ihre Augen für einen kurzen Augenblick zu dem Vertrag glitten, der dort vor ihr lag wie ein unsichtbarer Scheiterhaufen. Ihr Atem ging flacher, das Auf und Ab unter der schlichten Bluse verriet eine innere Zerrissenheit, die sie mit purer Willenskraft zu verbergen versuchte. Sie war nah dran. Sie wog ab zwischen Stolz und Vernunft, zwischen der bitteren Erfahrung des Betrugs und dem verlockenden Versprechen einer finanziellen Erleichterung, die ihr Leben von Grund auf verändern würde. Plötzlich richtete sie sich kerzengerade auf. Die Unsicherheit wich einer plötzlichen, ungeduldigen Schärfe, als sie den Kopf ein Stück in den Nacken warf und mit dem Fingernagel auf die Tischplatte tippte.
»Herr Mitrochin, Butter bei die Fische«, ernst sah ich mich an und trommelte nervös mit ihren roten Fingernägeln auf der Tischplatte, »Was wird diese Unterschrift für mich ändern?«
Ich lehnte mich keinen Zentimeter zurück, blieb wie ein Monolith in diesem sterilen Raum sitzen und ließ ihre Provokation an meiner eisernen Disziplin abprallen. Der Soldat hatte sich und seine Libido wieder im Griff. Ich atmete tief durch, holte mir den kalten, analytischen Verstand zurück, der mich auszeichnete, und strich mir im beiläufig mit einer kontrollierten Geste über den Revers meines Sakkos Ich war wieder in der Lage, die Seriosität an den Tag zu legen, wie es der Situation gebührte. Keine Schwäche. Kein unkontrollierter Impuls, der auch nur ansatzweise preisgab, was hinter dieser harten, unerschütterlichen Fassade brodelte, wenn diese Frau vor mir saß.
»Nicht viel. Sie werden Ihre Arbeit in der Disposition in Ruhe fortsetzen können. Ich brauche Sie nur für anfallenden Schriftverkehr und eventuell wegen ein paar anderen kleinen Aufträgen. Eventuell ab und an mal ein Geschäftsessen. Doch das bleiben Ausnahmefälle. Dazu würden Sie in meiner Abwesenheit meine Anrufe entgegennehmen. Sie werden sich also nicht neu einarbeiten müssen.«
Ich musterte sie genau. Ihr Gesicht spiegelte pure Desillusionierung wider. Für sie waren das Kinkerlitzchen, für mich war es die logische Minimierung von Risiken. Ich brauchte sie an der Front, nicht im Hinterzimmer. Doch ihre Gedanken überschlugen sich, das sah ich an den winzigen Zuckungen um ihre Augenwinkel. Sie witterte die Falle, suchte nach der Tretmine in diesem perfekten, fast surrealen Angebot. Such nur, dachte ich kühl und gleichzeitig sanft, während mein Puls unter der Hemd ruhig und gleichmäßig schlug. Es gibt keine versteckten Stolperfallen. Nicht für dich.
»Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Sache einen Haken hat.«
Ein Haken? Nein, der einzige Haken war die Tatsache, dass diese Frau exakt eine Etage unter mir wohnte, dass sie meine Welt mit jedem Atemzug durcheinanderwirbelte und dass ich mich verdammt noch mal zwingen musste, sie wie eine reguläre Angestellte zu behandeln, obwohl mein instinktiver, tief verwurzelter Beschützerinstinkt längst Alarm schlug. Ich musste sie beruhigen. Ein kleiner, gut platzierter Satz, eine Spur väterlicher Souveränität – das wäre angebracht gewesen. Aber da war es schon passiert.
»Zerbrechen Sie sich darüber nicht Ihren schönen Kopf.«
Verdammt. In dem Bruchteil einer Sekunde, in dem die Worte meinen Mund verließen, spürte ich selbst die Fehlkalkulation. Ein alter Reflex, eine herablassende Floskel aus einer längst vergangenen Ära, in der Männer wie ich Frauen auf diese Weise besänftigt hatten. Ich sah, wie in ihrem Gesicht schlagartig alles fror. Die Pupillen weiteten sich, das Blut schoss ihr ins Gesicht, und für einen Moment lag in ihrer Haltung die pure Empörung. Sie fühlte sich herabgewürdigt, reduziert auf ein hübsches Accessoire in einem Altherrenspiel.
»Meinen was?«
Ich sah, wie sie kurz den Atem anhielt, wie die Empörung in ihren Zügen in blankes Unverständnis umschlug. »Mein Gott«, stöhnte sie leise und sah mich schließlich gelangweilt an, »war das jetzt wirklich nötig? Ein Ja oder ein Nein hätten mir gereicht.«
Ich blinzelte nicht. Ich erlaubte mir ein winziges, entwaffnendes Lächeln, das die angespannte Atmosphäre ein wenig brechen sollte. Ich musste sie zurückholen, bevor sie aus Stolz den Stift wegwarf und das Zimmer verließ.
»Es gibt keinen Haken. Ich will einfach nur, dass alle wieder gerne zur Arbeit kommen. Denken Sie, ich weiß nicht, dass auch allen anderen Mitarbeitern dieses Büros vor einem Jahr der Lohn gekürzt wurde, mit der Aussage, die Firma bewege sich in Richtung Konkurs?«
Natürlich war es eine glatte Lüge der Geschäftsführung gewesen. Diese feinen Herren in ihren Maßanzügen hatten den Hals mal wieder nicht vollkriegen können. Mit den systematischen Einsparungen bei den Löhnen – auf Kosten derer, die hier jeden Tag die Drecksarbeit machten – wollten sie in Wirklichkeit eine neue Niederlassung finanzieren. Ein größenwahnsinniger Plan, der ohnehin zum Scheitern verurteilt war. Was letzten Endes auch nicht klappte; das Projekt ging sang- und klanglos baden. Aber das Schlimmste an der ganzen verlogenen Chose: Das Geld, das man den Angestellten über Monate und Jahre hinweg vorenthalten hatte und das ihnen verdammt noch mal rechtmäßig zusteuerte, steckte man sich nach dem missglückten Deal natürlich trotzdem gerne weiterhin in die eigenen Taschen. Ja, ich hatte meine Hausaufgaben gemacht.
Ich sah, wie in Alexandra gerade ein innerer Sturm tobte. Sie schluckte schwer. Ihre Hand, die über dem Füller schwebte, zitterte kaum merklich, als sie den Entschluss fasste, alle Logik und Vernunft über Bord zu werfen. Hals über Kopf zog sie den Federhalter an sich, blätterte mit einer fast hektischen Bewegung zur letzten Seite des Vertrages und setzte die Spitze an. Jede Linie, jeder Buchstabe war ein Akt der Kapitulation – und gleichzeitig ein Befreiungsschlag. Ich sah, wie sich ihre Schultern mit jedem geschriebenen Buchstaben ein Stück weit senkten, wie die jahrelang aufgestaute Last von ihr abfiel.
»Ok, Herr Mitrochin, fertig.«
Ihre Augen flüchteten kurz zu dem edlen Stift in ihrer Hand, und für eine Sekunde sah ich diesen kindlichen, fast diebischen Wunsch in ihrem Blick, dieses Stück Eleganz einfach einzustecken. Ich konnte mir ein inneres Schmunzeln nicht verkneifen. Der Füller stand ihr tatsächlich. Er passte zu ihrer Präsenz, zu ihrer Schärfe, zu ihrer ungezügelten Kraft.
Zunächst kommentarlos nahm ich den Vertrag entgegen. Mit langsamen, präzisen Handgriffen strich ich das Papier glatt und reichte ihr schließlich die Hand. »Schön, dass wir uns so schnell einig geworden sind. Ich freue mich auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit, Frau Below.«
Ihre Hand lag kurz in meiner. Ihre Finger waren kühl, der Händedruck überraschend fest für jemanden, der gerade innerlich umgefallen war. Doch sie zog die Hand im selben Moment wieder zurück, als gelte es, eine Flamme zu meiden.
»I ... ich mich auch«, es gefiel mir, eine Spur von Nervosität an ihr wahrzunehmen, »War's das dann?«
»Von meiner Seite aus ja«, ausdruckslos heftete ich den Arbeitsvertrag in meine Akte, wobei ich wirklich penibel darauf achtete, jede Regung perfekt zu verbergen. »Meinetwegen können Sie sich wieder an die Arbeit machen.«
Ich sah, wie sie sich umdrehte. Ihr Gang war für einen kurzen Moment leicht wankend. Ihre Knie schienen unter der plötzlichen Last der Erleichterung nachzugeben. Sie bewegte sich mit schnellen, fast flüchtigen Schritten auf die Tür zu, begierig darauf, diesen Raum zu verlassen. Und da packte mich wieder ein dreckiger Gedanke, und ich verfluchte mich innerlich dafür, dass ich schon immer ein Mann war, für den Sex wie ein Ventil war. Ein raues, urgewaltiges Auslassventil für all den Druck, den ich in mir trug. Mein Blick senkte sich unwillkürlich auf ihre Füße in diesen schicken, viel zu eleganten dünnen Absätzen. Der Gedanke brannte sich in meinen Verstand: Wenn ich mit ihr fertig war, würde sie nicht mehr in der Lage sein, auf diesen Schuhen zu gehen, sondern staksen wie ein junges Reh, dessen Beine nach einem Sturm noch zitterten. Ob ich dieses Ziel je erreichen würde? Ein finsteres, ungeduldiges Verlangen bohrte sich tief in meine Brust, während ich den Atem anhalten musste, um mir nichts anmerken zu lassen.
Aber hatte sie nicht noch etwas vergessen? Bevor ihre Hand den Messinggriff der Tür ganz herunterdrücken konnte, wanderte mein Blick an ihrem anderen Arm hinab, fixierte ihre Hand und ich sah genau, worum sich ihre Faust unbemerkt schloss. Ich war mir absolut sicher, dass es sich dabei um keine diebische Absicht handelte, sondern schlicht ihrer Nervosität geschuldet war – sie hatte schlicht vergessen, ihn wegzulegen. Sie hatte noch meinen schwarzen Montblanc-Füller bei sich, mit dem sie soeben ihre Änderungsvereinbarung unterschrieben hatte. Der perfekte Vorwand. Ein winziger, genialer Zufall, der mir genau das gab, was ich brauchte.
»Ach, Frau Below«, sagte ich, und meine Stimme klang dunkel, fast samten, trug jedoch diesen unverkennbaren, unerbittlichen Unterton, der sie augenblicklich erstarren ließ. »Er steht Ihnen ausgezeichnet«, sagte ich und deutete mit einer minimalen Kopfbewegung auf die Faust, in der sich der Korpus meines Montblanc verbarg, »aber bitte geben Sie mir doch meinen Stift wieder zurück.«