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Ventil

Черные Глаза 2 - Unter Dem Maßanzug — www.fanfiktion.de · All chapters

Ventil

Die Stille in meiner schlichten Wohnung umfing mich. Ich ließ mich auf die Kante der Couch fallen, fuhr mir mit beiden Händen über das Gesicht und spürte die rauen, dunklen Stoppeln an meinem Kiefer, die ich morgen früh dringend entfernen musste. Der Tag steckte mir tief und unausweichlich in den Knochen. Zehn Stunden als Dmitrij Mitrochin – zehn Stunden erzwungenes Stillsitzen, bürokratisches Aktenwälzen und das akribische Heucheln von ziviler Harmlosigkeit. Dieser stumpfe Papierkram war auf seine ganz eigene, mürbemachende Art ermüdender als jeder frühere Zwölf-Stunden-Einsatz im Gelände unter vollem Gefechtsgepäck. Mein Nacken war steif, die Schultern brannten unter der ungewohnten Untätigkeit in dem eng sitzenden Hemd, und hinter den Schläfen pochte ein dumpfer, träger Erschöpfungsschmerz. Wie hatte ich das in Mannheim damals nur ausgehalten? Ich war müde. Verdammt müde davon, pausenlos eine Rolle zu spielen, dauerhaft diese Sprache zu sprechen und eine permanente, paranoide Wachsamkeit aufrechtzuerhalten, die im Zeugenschutz längst zu meiner zweiten Natur geworden war. Und doch weigerte sich mein Körper vehement, zur Ruhe zu kommen. Wenngleich auf andere Weise. Unter meinen Muskeln pulsierte etwas völlig anderes – eine heiße, unruhig machende Erregung, die mir noch immer tief im Gewebe und im Unterleib saß. Es wurmte mich maßlos. Es ging mir auf die Nerven, dass ich die Kontrolle über meine eigenen Gedanken an eine Frau verlor, die ich kaum kannte. Egal wie fest ich die Augen schloss, um im Dunkeln zu versinken: Ich bekam Alexandra nicht aus meinem Kopf.

Pure Provokation, zumeist unschuldig und unabsichtlich, gehüllt in sture Entschlossenheit und dieser verflucht elegante Gang. Ich sah ihr gespanntes Gesicht vor mir, wie sie mir im Büro Trotz entgegenspuckte, ihre wachen, unruhigen braunen Augen fest in meine gebohrt, obwohl sie genau wusste, dass sie in der schwächeren Position war. In meinem Job beim SOBR bedeutete Ablenkung den Tod; in meiner jetzigen Tarnung bedeutete sie das Ende meiner Deckung. Und trotzdem entfachte die bloße Erinnerung an sie eine scharfe Hitze in mir, die sich unnachgiebig den Stoff meiner Hose spannte. Es nervte mich wirklich unheimlich. Ich wusste, was für ein Risiko sie darstellte. Ein Störsender für mein durchstrukturiertes System. Aber mein männlicher Instinkt scherte sich nicht um Sicherheitsprotokolle.

Plötzlich brach eine Fantasie durch meine mühsam errichtete Mauer aus Selbstbeherrschung. Ich sah sie wieder vor mir im Büro. Aber dieses Mal ließ ich sie auf ihren atemberaubenden Stiefeln nicht einfach davonkommen, während sie sich auf die Unterlippe biss. In meinem Kopf griff ich nach ihr. Meine Hand schloss sich um ihre schmale Taille – so mühelos, dass ich spürte, wie leicht ich sie zu mir heranziehen konnte. Ich drückte ihren warmen Körper rückwärts gegen die schwere Holztür meines Büros, fixierte ihre Handgelenke über ihrem Kopf und spürte das rasende Pochen ihrer Halsschlagader unter meinen Fingerspitzen. Kein Davonlaufen. Nur der Duft ihres Parfüms in meiner Nase, das leise, erschrockene Einatmen an meinen Lippen und das wilde Flackern in ihren Augen. Ich stellte mir vor, wie ich mein Knie zwischen ihre Beine schob, wie sich der Protest in ihrem Gesicht in keuchende Hingabe verwandelte, als ich meinen Mund hart auf ihren presste und den kühlen Widerstand in pure Hitze auflöste...

Ein Ruck ging durch meinen Oberkörper. Ich riss die Augen auf und starrte an die karge, dunkle Decke des Zimmers. Mein Atem ging stoßweise und flach. Das Adrenalin jagte im Takt meines beschleunigten Herzschlags durch meine Adern.

„Reiß dich zusammen, Belov“, knurrte ich leise in die Dunkelheit der leeren Wohnung.

Ich fuhr mir mit der flachen Hand fest über das Gesicht und zwang meine Lungen zu tiefer, gleichmäßiger Arbeit. Sie war eine verdammt gefährliche Komplikation. Und doch war dieses elektrisierende Ziehen in meinen Knochen das Erste seit langen Jahren im Schatten, das mich unmissverständlich spüren ließ, dass ich noch am Leben war. Ich hatte in den letzten fünf Jahren mit so vielen Frauen geschlafen, dass ich die Gesichter und Namen längst vergessen hatte. Zumeist war es nur eine einzige Nacht – schnell, bedürfnisorientiert, austauschbar. Zwischendurch hatte ich auch ein paar kürzere Beziehungen, die ein paar Wochen hielten, doch sie verpufften genauso spurlos wie die Anonymität der Hotelzimmer, in denen sie meist stattfanden.

Aber so wie Alexandra hatte mich noch nie jemand geflasht. Und das Verdammte daran war: Ich wusste nicht einmal wieso. Sie war verflucht schön, keine Frage. Aber das waren alle Frauen, mit denen ich schlief. In Argentinien waren es die feurigen Latinas mit ihren geschmeidigen Bewegungen, auf Sizilien temperamentvolle Italienerinnen mit dunklen Augen und stolzem Blick, intelligente, kühle Frauen aus Kanada und die makellosen, reichen Püppchen in Monaco, die man nur anzusehen brauchte, um zu wissen, wie viel ihr Unterhalt kostete. Und wo ich sonst noch überall war auf dieser verfluchten Welt, getrieben von meinem Auftrag und meiner eigenen Rastlosigkeit.

Aber niemand schlug bei mir so ein wie diese Frau, dieses Mädchen aus der Provinz.

Ich verglich sie nicht mit den anderen Frauen, niemals. Es lag nicht an einer Kategorie, in die man sie stecken konnte. Aber was hatte sie, was die anderen nicht hatten? Es war ihre ungeschminkte, gefährliche Authentizität.

All die anderen Frauen spielten. Sie boten mir eine Fassade an – Eleganz, Verführung, Distanz oder Berechenbarkeit. Sie wollten gefallen, wollten kontrollieren oder kontrolliert werden. Und das manchmal auf sehr krude Weise. Aber Alexandra hingegen war wie ein ungebändigtes Element, das sich jeglicher Berechnung entzog. Wenn sie mich ansah, brannte in ihren Augen eine absolute, ungefilterte Ehrlichkeit, die mich bis auf die Knochen durchdrang. Sie trug keine Maske, um mich zu beeindrucken, und sie verstellte sich nicht aus Angst vor meiner Macht. Selbst in den Momenten, in denen sie verunsichert war oder zögerte, besaß sie diese stolze, wilde Aufrichtigkeit, die mir das Gefühl gab, dass ein einziger Funke von ihr genügte, um all meine mühsam aufgebaute Kontrolle augenblicklich in Schutt und Asche zu legen. Sie gab mir nicht das, was ich wollte, sondern konfrontierte mich schonungslos mit dem, was ich tief in mir drinnen war.

Ich presste die Kiefer zusammen, ging zum Barschrank und goss mir ein Glas Cognac ein. Mein Blick fiel auf die Flasche. Was soff ich das eigentlich? Grosperrin 1980 Millésime Cognac Fins Bois. Aus meinem Geburtsjahr und kaum auszusprechen. Hatte ich den geschenkt bekommen? Unwichtig. Ich trank den Rest des edlen Tropfens auf ex. Er brannte trocken im Hals. Ich musste diese Scheiße in den Griff bekommen. Morgen stand ein langer Tag an, und wenn ich auch nur den kleinsten Fehler machte, weil meine Gedanken bei den Kurven einer Provinzschönheit hingen, würde das nicht nur das Spiel ruinieren, sondern meinen Kopf kosten.

Ich hielt in der Bewegung inne. Das Glas in meiner Hand verharrte kurz vor meinen Lippen, während sich ein völlig neuer, giftiger Gedanke in mein Bewusstsein fraß. Und dann traf es mich wie ein Schlag. Vielleicht stand Alexandra auch gar nicht auf mich. Vielleicht war das der verfluchte Grund. Vielleicht hatte sie genau deshalb absolut kein Problem damit, mir ihre Meinung direkt ins Gesicht zu sagen, mir Paroli zu bieten und mich mit diesem unerschrockenen Blick zu taxieren – schlicht und ergreifend, weil ich für sie keine Wirkung besaß. Weil ich für sie schlichtweg Luft war. Ein Vorgesetzter, den man ertragen musste, aber kein Mann, der bei ihr auch nur den kleinsten Herzschlag beschleunigte. Ich zog die Augenbrauen zusammen, während eine dunkle, gereizte Welle in meiner Brust aufstieg.

Schwer vorstellbar. Aber absolut möglich.

Ich wollte verdammt nochmal nicht arrogant klingen, das war nie meine Art gewesen – Eitelkeit war in meinem Job ein tödlicher Makel. Aber ich war Realist. Und Fakt war: Seit ich im Exil war, wurde ich nie wieder abgewiesen. Kein einziges Mal. Die russischen Chirurgen hatten bei meiner Wiederherstellung nach dem Treffer wahre Meisterleistungen vollbracht. Sie hatten nicht nur mein zerschmettertes Gewebe geflickt, sondern mir ein völlig neues Leben auf die Haut geschneidert. Nüchtern betrachtet war ich schon vorher immer gutaussehend gewesen – markant, kantig, mit dieser Art von männlicher Ausstrahlung, die nie lange allein blieb. Aber jetzt? Jetzt war mein Gesicht schlichtweg perfekt. Kleine, aber unfassbar wirkungsvolle Änderungen an ein paar entscheidenden Details: Die Neukonstruktion meiner Nasenlinie, die Schärfung der Kieferkontur, die millimetergenaue Korrektur der Jochbeine. Vom Anlegen meines abstehenden Ohres mal ganz abgesehen. Es war die Arbeit von Elite-Mediziner-Händen, die darauf geschult waren, Phantom-Identitäten zu erschaffen. Das Ergebnis war ein Gesicht, das im Gedächtnis blieb, ohne Fragen aufzuwerfen – symmetrisch, raubtierhaft und so makellos, dass Frauen gewöhnlich innerhalb von Sekunden ihre Abwehrhaltung aufgaben, sobald ich den Raum betrat und sie fixierte. Jede Frau. Überall auf diesem verdammten Planeten. Ob in den exklusiven Clubs von Monaco oder in dreckigen Spelunken auf Sizilien – mein Anblick reichte meistens aus, um das Eis zu brechen, noch bevor ich ein einziges Wort gesagt hatte. Es war ein Werkzeug gewesen. Eines, das ich kühn und ohne Skrupel genutzt hatte.

Nur bei ihr schien diese Waffe stumpf zu sein.

Der Gedanke nagte an mir, giftig und unbarmherzig. Mein männlicher Stolz – ein Teil von mir, den ich als abgeklärter Profi längst totgeglaubt hatte – bäumte sich gereizt auf. War sie wirklich so schrecklich immun gegen mich? Oder verdammt gut darin, es zu überspielen? Wenn ich an den Moment im Büro zurückdachte, an die Weise, wie ihr Atem ganz kurz ins Stocken geraten war, als ich ihr zu nahe kam ... war das reine Antipathie? Oder die Panik einer Frau, die spürte, wie sehr ich ihre Mauern ins Wanken brachte? Ich stellte das Glas mit einem harten Klack auf der Arbeitsplatte ab. Meine Fingertippen hinterließen Abdrücke auf dem kühlen Stein. Es nagte mehr an mir, als es sollte. Viel mehr. Ich war Kirill Belov, verflucht nochmal. Ich hatte Imperien stürzen sehen und Männer getötet, ohne mit der Wimper zu zucken. Dass ausgerechnet eine kleine Angestellte aus einer lachhaft unwichtigen Zeitarbeitsfirma mein Ego so aus der Fassung brachte, war absurd. Es war gefährlich. Aber während das Adrenalin die letzte Restmüdigkeit aus meinen Adern brannte, wusste ich eines mit absoluter Gewissheit: Ich würde es herausfinden. Ich würde herausfinden, ob hinter diesem stolzen, unbeugsamen Blick wirklich nur Gleichgültigkeit lag – oder ob ich nur tiefer graben musste, um das Feuer zu entfachen, das sie so krampfhaft vor mir zu verbergen suchte.

Ein tiefes, finsteres Knurren in meiner Magengegend riss mich schließlich aus dieser lächerlichen Gedankenspirale. Verdammt noch mal. Ich bemerkte jetzt erst, dass ich seit heute Mittag keinen Bissen mehr zwischen den Zähnen gehabt habe. Die mentale Anspannung und dieser unnötige Adrenalinschub wegen Alexandra hatten meine Kraftreserven endgültig leergesaugt. Mein Körper forderte schlicht und ergreifend Brennstoff.

Ich wandte mich vom Fenster ab und tigerte hinüber in die Küche. Der Parket knarrten leise unter meinen schweren Schritten. Ich musste noch Borschtsch im Kühlschrank haben, den Andrej mir gestern getreu seiner fürsorglichen Art vorbeigebracht hatte. Ich riss die Edelstahlfront auf, und tatsächlich: Auf dem mittleren Fach stand ein massiver, schwerer Glasbehälter, gefüllt mit der tiefroten, kräftigen Suppe. Jeder Löffel dieses Essens schmeckte nach einer vertrauten Vergangenheit, nach echter Heimat. In meiner durchregulierten und vorsichtigen Existenz war Andrej der einzige echte Anker geblieben. Wir kannten uns bereits seit unseren gemeinsamen Tagen im Kindergarten, ein Viertel unserer alten Gruppe, und solche Bande ließen sich nicht einfach durch bürokratische Verfügungen löschen. Natürlich meldete sich parallel dazu die kalte Stimme der Vernunft. Der Kodex des Zeugenschutzes war unerbittlich: Absolute Isolation und das radikale Kappen jeglicher Kontakte zur alten Heimat und den damit verbundenen Personen, bildeten den Preis für das Überleben. Ich wusste ganz genau, dass ich den Kontakt zu Andrej niemals so eng hätte halten sollen, aber da setzte ich mich durch, denn die Realität funktionierte anders als die Lehrbücher der Behörden. Ich spielte dieses kalkulierte Spiel nun schon seit fünf Jahren, und Frankfurt war eine große Stadt, in der man sich unsichtbar machen konnte, wenn man diszipliniert agierte. Jedenfalls, Kochen war Andrejs absolute Leidenschaft. Es war eine Eigenheit von ihm, die uns beide meilenweit voneinander unterschied. Ich persönlich hasste es zu kochen. Es lag absolut nicht an fehlendem Talent – bei der Spezialausbildung hatte man mir schon sehr früh beigebracht, wie man sich vernünftig selbst versorgte, wie man aus den einfachsten Zutaten nahrhafte Mahlzeiten zubereitete, um im Feld überlebensfähig zu bleiben. Aber mich störte schlichtweg die nutzlose Arbeit daran. Es war mir viel zu friemelig. Das ständige Schnippeln, Abmessen, Warten, Aufpassen und am Ende das ganze verfluchte Geschirr abwaschen – für einen Prozess, der in zehn Minuten Vernichtung endete? Effizienz sah anders aus. Nahrung war für mich Mittel zum Zweck: Kalorien rein, Energie sichern, weitermachen. Wenn Andrej Freude daran hatte, stundenlang Gemüse in perfekte Würfel zu schneiden und Brühe anzusetzen, bitte. Ich profitierte gern davon, ohne mich selbst an den Herd stellen zu müssen.

Ich stellte den Behälter in die Mikrowelle, drückte auf Start und lehnte mich mit verschränkten Armen gegen die Küchenzeile. Während das Brummen des Geräts die Stille der Wohnung füllte, wanderten meine Gedanken automatisch zurück zu den Ereignissen des heutigen Tages. Zu den Personalgesprächen, die ich in meiner Rolle als Niederlassungsleiter, einer ohne jegliche Ahnung und Kompetenz, geführt hatte.

Gedanklich ging ich die Akten durch. Speziell das Gespräch mit Franky ging mir noch einmal durch den Kopf. Ich hatte ihr heute eine offizielle Abmahnung aussprechen müssen. Es war kein Akt von Willkür gewesen, sondern reine Notwendigkeit: Ich wurde das Gefühl einfach nicht los, dass sie zu der Sorte Mensch gehörte, die verflucht lange brauchte, bis sie die fundamentale Ernsthaftigkeit mancher Dinge kapierte. Sie nahm den Betrieb auf die leichte Schulter, lebte in ihrer eigenen, gemütlichen Welt. Ihr wiederholtes Zuspätkommen würde ich ab sofort nicht mehr dulden. In meiner Welt bedeutete Unpünktlichkeit im besten Fall Disziplinlosigkeit und im schlimmsten Fall den Tod. Hier im Büro bedeutete es schlechte Arbeitsmoral, und die steckte bekanntlich andere an. Außerdem war da noch ihre Kleidung. Schwarz. Alles war schwarz. Ob es ihre Seele auch war? Sie sollte sich dringend etwas professioneller kleiden. Wenn man Respekt erlangen wollte, musste der Rahmen stimmen – auch optisch. Ich hatte es ihr heute noch nicht direkt auf den Kopf zugesagt, um das Pulver nicht auf einmal zu verschießen, aber dieses Thema würde ich morgen während des anstehenden Gruppengesprächs noch einmal in der Runde ansprechen. Subtil, aber unmissverständlich genug, dass sie wusste, wer gemeint war.

Ein leises Pling kündigte das Ende des Heizvorgangs an. Ich holte die Schüssel heraus, verbrannte mir beinahe die Finger, griff nach einem Löffel und schaufelte die erste Ladung der heißen, dampfenden Suppe in mich hinein. Der starke Geschmack von Rote Bete, Fleisch und Knoblauch verfehlte seine Wirkung nicht. Langsam kehrte die Wärme in meinen ausgemergelten Körper zurück.

Alles in allem waren die Einzelgespräche heute überraschend gut gelaufen. Die meisten Mitarbeiter wussten genau, wo ihr Platz war, und ließen sich ohne großen Widerstand lenken. Sie schluckten meine Vorgaben, eingeschüchtert von meiner Statur und meinem Tonfall.

Außer Ulrich Dietz.

Ich kaute finster auf einem Stück Rindfleisch und verengte die Augen. Dietz war ein ganz besonderer Schlag von Schmerz im Arsch. Dieser Mann war grundsätzlich gegen alles und jeden. Ein verbitterter, kleingeistiger Querkopf, der bei jeder einzelnen Neuerung sofort auf stur schaltete und versuchte, giftige Spitzen gegen jeden im Raum auszuteilen. Er hielt sich für unersetzbar und meinte, die Grenzen austesten zu müssen. Querulant: laut, aufmüpfig, aber im Grunde völlig harmlos, solange man wusste, wie man ihn an der kurzen Leine hielt. Wenn er glaubte, er könne mich mit seinen billigen Sticheleien und seiner passiv-aggressiven Haltung aus der Reserve locken oder meine Autorität untergraben, hatte er sich gewaltig geschnitten. Ich hatte schon ganz andere Kaliber gebrochen als einen frustrierten deutschen Büroangestellten kurz vor der Rente. Sollte er morgen im Gruppentreffen versuchen, wieder den Revoluzzer zu spielen, würde ich ihn vor versammelter Mannschaft innerhalb von weniger als zehn Sekunden so eiskalt demontieren, dass ihm das Atmen schwerfallen würde.

Ich nahm noch einen großen Löffel der heißen Suppe. Der Hunger ließ nach, die Anspannung in meinen Muskeln wich einer harten, fokussierten Entschlossenheit. Morgen würde ein interessanter Tag werden. Ich hatte meine Züge auf dem Schachbrett platziert. Jetzt würde ich sehen, wer standhielt – und wer unter dem Druck zerbrach.

Der letzte Rest des Borschtschs war gerade im Spülbecken verschwunden und das warme Wasser lief über den Keramikteller, als der schrille Ton meines Smartphones die abendliche Stille zerriss. Ein kurzer Blick auf das Display genügte. Sweta. Ich stieß einen unhörbaren, genervten Seufzer aus und verdrehte die Augen. Diese Frau besaß ein geradezu seismografisches Gespür dafür, sich immer dann in mein Bewusstsein zu drängen, wenn ich gerade dachte, die Kontrolle über meinen Abend zurückgewonnen zu haben. Unser Verhältnis bewegte sich in einer bizarr austarierten Grauzone – ein pragmatisches Zweckbündnis, das sich im Laufe der Monate zu einer Gewohnheit verhärtet hatte, die gleichermaßen praktisch wie anstrengend war.

Rational betrachtet wog ich die Vorzüge dieser Dynamik ab. Sie ersparte mir den rituellen, oft ermüdenden Aufwand des modernen Paarungsverhaltens. Ich musste nicht in gedimmten, überheblichen Clubs oder anonymen Bars meine Zeit vergeuden, um Frauen aufzureißen. Die harten Fakten sprachen ohnehin eine andere Sprache: Dank meines heutigen, durch strikte Disziplin und hartes Training gestählten Äußeren, und dank der bereits erwähnten Chirurgen, brauchte es meist nur wenige Minuten, bis ich in der passenden Umgebung eine an der Angel hatte. Die Optik öffnete Türen, das wusste ich, aber der innere Antrieb verlangte nach Effizienz. Sex war für mich ein biologisches Bedürfnis, eine körperliche Notwendigkeit, die regelmäßig gestillt werden musste, ohne dass ich mir dabei den Kopf über bedeutungslose Flirts oder emotionalen Ballast zerbrechen wollte. Sweta lieferte diesen Service ohne Ausweichmanöver.

Doch die Kehrseite dieser Medaille war der psychische Verschleiß. Sweta war fürchterlich anstrengend. Eine toxische Mischung aus unberechenbarer Zickigkeit und einer tiefen, von materiellem Luxus genährten Verzogenheit. Sie forderte Aufmerksamkeit, die sie in meinen Augen oft gar nicht verdiente, und verlor sich in Launen, die jede rationale Logik sprengten. Dennoch gab es ein präzises Regelwerk, das in dieser Beziehung funktionierte. Ich kannte die Mechanik ihrer Psyche genau. Wenn sie zu anstrengend wurde, wenn ihre dramatischen Ausbrüche die Grenze des Erträglichen überschritten, brauchte ich ihr nur die kalte Schulter zu zeigen. Absolute Ignoranz war das effektivste Korrektiv. Sobald sie spürte, dass ich mich entzog und ihr keine Bühne mehr bot, schlug ihr Verhalten abrupt um. Sie wurde zahm, biegsam und anschmiegsam wie ein Kätzchen, suchte Nähe und Bestätigung. Es war ein ständiges Kräftemessen, ein Tanz auf der Rasierklinge, den ich mit einer gewissen intellektuellen Kälte beobachtete. Sweta kannte mittlerweile beide Seiten meiner Medaille – sie wusste um das eiskalte, distanzierte Arschloch, das ich sein konnte, wenn mir jemand zu nahe trat oder meine Regeln missachtete, aber sie kannte eben auch den Gentleman, der wusste, wie man eine Frau mit präzisem Charme behandeln musste, wenn es der Situation dienlich war.

Das Handy vibrierte unerbittlich weiter in meiner Hand. Ich wog ab, ob sich ein Gespräch lohnte oder ob der Abend ohne diese Komplikation friedlicher verlaufen würde. Schließlich wischte ich über den Bildschirm und nahm den Anruf an.

»Na, endlich, Dima«, tönte Swetas Stimme ohne jede Vorwarnung aus dem Lautsprecher, getränkt in jenen süßlichen, künstlichen Überfluss an Selbstbewusstsein, den sie immer dann zur Schau trug, wenn sie glaubte, alle Fäden in der Hand zu halten. »Ich dachte schon, du bist im Büro eingeschlafen. Oder hast du etwa Gesellschaft? Soll ich vorbeikommen und nach dem Rechten sehen?«

Ein unwillkürliches Zucken ging durch meinen Kiefer. Ich lehnte mich gegen die kühle Flurwand meiner Penthouse-Wohnung, die Augen auf das matte Display geheftet, während meine Gedanken kilometerweit entfernt kreisten.

»Fang gar nicht erst an, Sweta«, erwiderte ich mit tiefer, kontrollierter Stimme, in der die unmissverständliche Kälte mitschwang, die sie normalerweise sofort in die Defensive drängte. »Ich hatte einen langen Tag. Was gibt's?«

Ein gekünsteltes Lachen, das fast wie ein Schnauben klang, drang ans Ohr. »Immer gleich so charmant. Du weißt genau, was es gibt. Mein Kühlschrank ist leer, ich langweile mich zu Tode, und du schuldest mir ohnehin etwas Gesellschaft. Komm rüber. Ich habe Rotwein aufgemacht und... naja, sagen wir mal, ich trage etwas, das dir gefallen wird. Oder bist du etwa zu müde für ein bisschen Ablenkung?«

Der Hauch von Provokation in ihrer Stimme war unverkennbar. Sie setzte auf ihre bewährte Masche – das Spiel aus Reizung und kalkulierter Erreichbarkeit.

»Ich bin zu gar nichts zu müde, Sweta, aber ich habe heute Abend schlicht keine Lust auf endlose Theater-Aufführungen«, entgegnete ich trocken, während mein Blick durch das Panoramafenster hinaus in den dunklen Frankfurter Nachthimmel glitt. Ein Stockwerk tiefer, unsichtbar in der Dunkelheit, lag Alexandras Wohnung. Der Gedanke an sie schnürte mir fast mechanisch die Kehle zu.

Swetas Tonfall schlug augenblicklich um, genau wie ich es vorausberechnet hatte. Die Zickigkeit wich einer gekünstelten, fast schutzbedürftigen Sanftheit. »Sei nicht so hart zu mir, Dima... Bitte. Ich will doch nur einen schönen Abend mit dir verbringen. Nur wir zwei. Du darfst du dir auch was wünschen, versprochen. Komm einfach vorbei. Der Wein atmet schon.«

Doch während der schwarze Bildschirm mich stumm reflektierte, spürte ich ein dunkles Widerstreben in mir aufsteigen. Ich wusste genau, was passieren würde, wenn ich jetzt zu ihr fuhr. Ich würde sie nehmen – hart, effizient, genau so, wie ich es gewohnt war. Aber der Gedanke bot mir nicht die geringste Befriedigung. Im Gegenteil: Er schmeckte schal. Fast schon widerlich. Das verfluchte Problem war, dass ich genau wusste, wen ich vor Augen haben würde, wenn ich Sweta im Dunkeln an mich drückte. Es wäre nicht Swetas Gesicht. Es wären nicht ihre geschmeidigen, vertrauten Bewegungen. Ich würde die Augen schließen und Alexandras trotzigen Blick sehen. Ich würde Alexandras Atem an meinem Hals spüren wollen. Und Sweta als bloßes, austauschbares Werkzeug zu benutzen, nur um dieses verdammte Brennen im Unterleib herunterzukühlen, fühlte sich plötzlich wie eine Niederlage an. Ein Mann wie ich benutzte keine Statistinnen, um sich von einer anderen Frau abzulenken. Das war schwach. Das war billig.

Und dennoch, völlig gegen jede Logik, hörte ich mich plötzlich sagen: »Gut. Gib mir zwanzig Minuten.«

»Super! Ich warte auf dich«, hauchte sie triumphierend, und das Gespräch war beendet, bevor ich den Hörer richtig senken konnte; der kurze, sterile Piepton des Auflegens schnitt die Verbindung ab.

Ich starrte auf das schwarze Display und spürte eine leise, irritierte Leere in mir aufsteigen. Das Smartphone in meiner Hand wog plötzlich wie Blei. Warum in aller Welt hatte ich so spontan zugesagt, wenn doch in meinem Kopf und in jeder einzelnen Nervenfaser noch immer diese völlig andere Frau herrschte? Die Frau, die eine Etage tiefer in diesem Gebäude schlief. Die Frau, die meine sorgsam austarierten Schutzmauern mit einem einzigen, unnachgiebigen Blick zum Einsturz gebracht hatte und deren präsente, scharfsinnige Art sich wie ein glühendes Brandzeichen in mein Bewusstsein gebrannt hatte. Ich stieß ein raues, spöttisches Auflachen aus, das mir selbst in den Ohren wehtat. Was für eine verfluchte Farce. Ich war ein Mann, der darauf trainiert worden war, unter schwerstem Beschuss einen kühlen Kopf zu bewahren, Taktiken zu analysieren und Schwachstellen instinktiv auszunutzen. Und jetzt stand ich hier in der Stille meiner Küche, das Handy schlaff in den Fingern, und ließ mich von meinen eigenen niederen Instinkten vorführen wie ein unerfahrener Rotzbengel. Sweta verlangte nicht viel. Sie war unkompliziert, attraktiv, berechenbar. Eine Frau, die das Spiel verstand, die keine lästigen Fragen stellte und die genau wusste, wo die Grenzen zwischen körperlicher Entladung und emotionaler Bindung verliefen. Normalerweise war sie die perfekte Wahl für Abende wie diesen – ein physischer Akt ohne Altlasten, eine rasche Befriedigung rein biologischer Bedürfnisse. Aber heute Abend fühlte sich die Zusage wie ein Verrat am Vaterland an.

Ich schob das Telefon auf die glatte Arbeitsplatte und stützte beide Hände schwer auf den kalten Granit. Mein Schädel dröhnte von der Müdigkeit des Tages, doch das Pulsieren in meinen Lenden war stur, heiß und unerbittlich. Der Druck in mir war nicht bloß das Ergebnis eines langen Arbeitstags oder der aufgestauten Wut auf den alten Querkopf Dietz. Es war eine gefährliche, stetig ansteigende Spannung, die Alexandra in mir entfacht hatte. Jedes Mal, wenn sie im Büro den Kopf gehoben, mir mit stolz erhobenem Kinn getrotzt oder diesen feinen, unmerklichen Zug von Verunsicherung gezeigt hatte, war ein Funke auf mein trockenes Holz gefallen. Ich wollte diese Frau. Ich wollte sie mit einer Intensität, die mich zutiefst beunruhigte. Ich wollte den Widerstand aus ihren Augen brechen, wollte spüren, wie das stolze Mädchen aus der Provinz unter meiner Berührung nachgab und wie diese ungebündelte, wilde Energie in pure Hingabe umschlug.

Und genau das war das Problem.

Ich durfte sie nicht haben. Nicht jetzt, vielleicht niemals. Alexandra war ein Minenfeld. Sie war meine Angestellte, trug diesen verdammten Namen, der eine ständige Mahnung an meine Vergangenheit war, und sie besaß ein Auge für Details, das mir zum Verhängnis werden konnte. Eine Affäre mit ihr würde nicht nur die Hierarchie im Betrieb sprengen, sondern das fragile Gebilde meiner Tarnung gefährden. Ein einziger Kontrollverlust, ein einziges Mal die Beherrschung zu verlieren – und die Kettenreaktion wäre nicht mehr aufzuhalten.

Ich brauchte Sweta. Nicht aus Leidenschaft, nicht aus Verlangen nach ihrer Haut, sondern als schiere Notwendigkeit. Sweta war kein Ersatz, sie war ein Ventiltrieb. Ein rein pragmatisches Werkzeug, um den kochenden Kessel in meinem Inneren abzukühlen, bevor die Nahtstellen rissen. Ich musste diesen verdammten Druck aus meinen Knochen bekommen, musste das kribbelnde Adrenalin, das Alexandra mit jeder ihrer Gesten in mir wachgerufen hatte, an einem Ort abladen, an dem es keinen Schaden anrichten konnte. Ich brauchte die körperliche Verausgabung, den Schweiß, das stumpfe, taktfeste Treiben ohne Sinn und Tiefgang, nur um meinen Kopf wieder frei für das Wesentliche zu kriegen. Wenn ich mit Sweta fertig war, so redete ich mir ein, würde mein Blut wieder langsamer fließen. Die Erektion, die mich seit Stunden immer wieder quälte, würde weichen, und der klare, eiskalte Verstand eines Strategen würde an seinen Platz zurückkehren. Alexandra würde morgen früh wieder nur eine Mitarbeiterin sein – eine anstrengende, faszinierende, aber kontrollierbare Variable in meinem System.

Ich schüttelte den Kopf über meine eigene Inkonsequenz, warf den Autoschlüssel schwer in meine Jackentasche und trat hinaus in den kühlen Hausflur. Verdammt, wenn ich nur nicht an dieser Haustür vorbei gemusst hätte...

Drei Stunden später war der physisch spannende Teil des Abends vorbei. Ich lag nackt auf den luxuriösen Laken im Schlafzimmer von Swetas Bockenheimer Villa, das Gesicht dem gedimmten Licht zugewandt, während ein blauer Dunstkreis aus der Zigarette, die ich mir kurz zuvor angesteckt hatte, langsam zur Decke zog. Es war die klassische, fast klischeehafte Zigarette danach – ein mechanisches Ritual, um die überschüssige Anspannung aus dem Körper zu atmen. Verstreut auf dem teuren Parkettboden lagen ihre Sachen, darunter achtlos hingeworfen die feine Unterwäsche von Aubade, die vorhin mit ein paar präzisen Griffen zerrissen oder beiseitegeschoben worden war. Selbst das benutzte Kondom hatte sie nur auf den Boden geworfen, anstatt es direkt zu entsorgen, als sie zur Toilette gegangen war. Ich konnte nur hoffen, dass sie es davor zugeknotet hatte, nachdem sie es mir abzog. Diese Frau hatte manchmal einfach kein Benehmen.

Der Sex war wie immer abgelaufen. Eine choreografierte, vollkommen vorhersehbare Wiederholung des stets gleichen Musters. Es gab in Swetas Welt exakt zwei Modi, zwischen denen sie wechselte wie eine Statistin, die ihr Drehbuch auswendig gelernt hatte: Entweder ich behandelte sie – ganz nach ihren masochistisch angehauchten Wünschen und ihrer verqueren Vorstellung von absoluter Hingabe – wie Dreck und nahm sie so hart, rückhaltlos und kompromisslos ran, dass bei einem früheren Mal sogar echte, schmerzhafte Tränen über ihre geschminkten Wangen geflossen waren; oder sie übernahm das Kommando, ritt auf mir, warf den Kopf theatralisch in den Nacken und präsentierte sich wie eine verdammt schlechte Schauspielerin auf einer viel zu teuren Bühne, die in jedem Augenblick genau wusste, dass sie zwar nichts konnte, aber dabei zumindest gut aussah.

Doch tief im Inneren war es für mich vor allem eines: gähnend ermüdend. Es hatte die totale Seelenlosigkeit und die taube, mechanische Präzision eines billigen Pornos aus dem Internet. Ein kühler, wertloser Austausch von Körperflüssigkeiten, ein stumpfes Abarbeiten rein biologischer Triebe ohne jede echte Substanz. Es gab keine echte Intimität, kein unberechenbares, wildes Begehren, das einen von innen heraus verbrennt und einem den Verstand raubt. Als ich sie vorhin so unter mir betrachtete, während mein Atem sich langsam wieder beruhigte, drängte sich mir unweigerlich die kalte, verächtliche Frage auf: Wusste diese Frau überhaupt, was echte, pure Lust bedeutete – jene Art von kompromissloser, roher Intimität, die nicht von Status, perfekter Inszenierung, Machtspielchen oder kalkuliertem Schmerz genährt wurde? Wahrscheinlich nicht. Für sie zählte nur die glatte Fassade, das makellose Bild nach außen und die krampfhafte, billige Bestätigung ihres eigenen Egos.

Mein Kopf war noch immer voll von Alexandra. Das war das Schlimmste an dieser ganzen verdammten Aktion. Das erhoffte Ventil ging nicht auf. Die körperliche Entladung hatte die Blutzirkulation zwar kurzzeitig wieder in geordnete Bahnen gelenkt, aber mental war ich keinen einzigen Schritt weiter. Während ich in Sweta gewesen war, hatte sich mein Gehirn weigern wollen, ihr Gesicht zu fixieren. Statt der kühlen Perfektion der Frau unter mir hatte ich vor meinem inneren Auge Alexandras stolzes, widerspenstiges Kinn gesehen. Ich hatte mir vorgestellt, wie es wäre, Alexandras ungebündelte, ungebändigte Energie spüren zu können – eine Frau, die keine Schablone brauchte, um einen Mann in den Wahnsinn zu treiben. Das hier mit Sweta war lediglich ein steriles Ersatzbefriedigungsprogramm gewesen. Ein glatter Reinfall und absolute Zeitverschwendung. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich lieber zuhause unter der Dusche gewichst.

Kaum hatten sich unsere verschwitzten Körper voneinander gelöst und die erste Welle der reinen körperlichen Erschöpfung war vollends abgeklungen, fing sie auch schon wieder an, das übliche, beschissene psychologische Minenfeld zu betreten. Sie dachte nicht im Traum daran, einfach mal die Klappe zu halten und die Stille zu genießen. Sie rutschte näher an mich heran, schob ihren glatten, stark parfümierten Körper an meine Seite, legte ihren Kopf mit einer gekünstelten Beiläufigkeit auf meine behaarte Brust und versuchte mit geschickten, vermeintlich harmlosen Fragen, private Dinge aus mir herauszulocken Es war der ewig gleiche, beschissene und verdeckte Test. Sie wollte millimeterweise ausloten, ob aus unserer rein funktionalen, rein auf das Physische reduzierten Zweckgemeinschaft nicht doch noch irgendwann etwas Ernsthaftes, Verbindliches werden konnte.

Ich musterte sie mit kühlem, analytischem Blick. Das Geld, das ich dank meiner verdeckten Rücklagen hatte, zog sie magisch an wie Motten das Licht. Und bestimmt war da, neben meinem hübschen Gesicht auch noch eine gewisse Ausstrahlung, die man nach Jahren harten Trainings und dem harten Stempel meiner Vergangenheit nicht einfach verbergen konnte. Sie liebte den Status, den ich repräsentierte, das Accessoire, das ich an ihrer Seite abgab. Sie wollte den Mann besitzen, den die Welt da draußen sah, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, wer im Dunkeln wirklich unter dieser Maske steckte.

Sie hob den Kopf, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und sah mich mit diesem lauernden, fordernden Blick an, der jedes Mal in mir die Alarmglocken schrillen ließ.

»Weißt du, Dima«, begann sie mit dieser leicht näselnden, fordernden Tonlage, während ihre Fingernägel spielerisch über meine Brustwarze strichen, »ich habe manchmal das Gefühl, du bist gar nicht wirklich hier. Du lebst in einer anderen Welt. Warum erzählst du mir eigentlich nie etwas über deine Zeit vor Frankfurt? Über deine Familie, deine Freunde? Man könnte fast meinen, du hast vor drei Jahren erst angefangen zu existieren.«

Ich stieß einen leisen, verächtlichen Laut aus, der irgendwo zwischen einem Lachen und einem Ausatmen lag, nahm die Zigarette langsam zwischen die Lippen und blies ihr den Rauch fast demonstrativ ins Gesicht.

»Es gibt Themen, die bleiben privat, Sweta«, erwiderte ich mit tiefer, unnachgiebiger Stimme, in der nicht der Hauch einer Verhandlungsbasis mitschwang. »Fang gar nicht erst an, in meinem Leben zu wühlen. Das führt zu nichts Gutem.«

Sie schmollte sofort, zog die Unterlippe vor und setzte ihren professionellen Schmuse-Blick auf. »Ach komm schon, stell dich nicht so an. Wir sind doch keine Fremden mehr. Du schläfst in meinem Bett, du nimmst mich jede Woche auseinander, aber ich weiß im Grunde gar nichts über den echten Mann hinter der Fassade. Findest du nicht, dass wir längst über dieses Stadium hinaus sein sollten? Man plant doch... man plant seine Zukunft.«

Das Wort Zukunft traf mich wie ein elektrischer Schlag. Ich wandte den Kopf abrupt zu ihr, und mein Blick verengte sich zu zwei eiskalten Schlitzen. Die Maske des Gentlemen fiel in einer Millisekunde ab und machte Platz für den harten, unerbittlichen Ex-Kämpfer, der keine Widerrede duldete.

»Zukunft?«, fragte ich mit tonloser, gefährlich ruhiger Stimme, die das Zimmer schlagartig abkühlen ließ. Ich packte sie mit einer Hand fest am Kinn, zwang sie, meinen Blick direkt zu halten, und spürte, wie sie unter meinem Griff augenblicklich den Atem anhielt. »Wir teilen dieses Bett, wenn es beiden passt. Mehr gibt es hier nicht zu holen. Fang gar nicht erst an, nach Dingen zu graben, die dich nichts angehen, und konstruiere dir keine Zukunft, die auf Wunschdenken beruht. Das führt nirgendwohin.«

Für einen kurzen Moment weiteten sich ihre Augen in purer Enttäuschung, gemischt mit dem scharfen Schmerz ihrer gekränkten Eitelkeit. Die Zickigkeit, die panische Angst, endgültig abgewiesen zu werden, flackerte unverhohlen in ihrem Gesicht auf. Die Maske der verwöhnten Diva drohte zu zerbrechen. Doch dann – wie ein perfekt einstudierter, mechanischer Reflex – erinnerte sie sich an die eisernen Gesetze der Dynamik zwischen uns. Sie schluckte schwer, senkte den Blick, ließ den Widerstand fallen und schmiegte sich plötzlich wieder ganz eng an meinen Körper, tat exakt das, was sie immer tat, wenn ich ihr die absolute Kälte zeigte: Sie schaltete augenblicklich auf den bedürftigen Kleinmädchenmodus um.

»Du bist manchmal ein unmöglicher, kalter Kerl, weißt du das?«, flüsterte sie fast unhörbar, presste sich gespielt zitternd an meine nackte Brust und strich beschwichtigend, fast flehend über meinen Arm, um die Schmach der eben erlittenen Abfuhr sofort wieder vergessen zu machen.

Ich sagte kein einziges Wort mehr. Ich rührte mich nicht, lag einfach starr auf dem Rücken, spürte das gleichmäßige Pochen ihres Pulses gegen meine Haut und wusste in diesem exakten Moment nur eines ganz genau: Ich musste so schnell wie möglich aus dieser Villa in mein Penthouse zurück – dorthin, wo in der Bude unter mir eine Frau schlief, die bestimmt niemals solche eine schlechte Show abgezogen hätte.

»Ich geh schnell duschen, ich muss dann los«, sagte ich, drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, der auf dem Nachttisch stand, und schwang die Beine aus dem Bett.

»Wann sehen wir uns wieder?«, fragte Sweta, und in ihrer Stimme lag dieses klebrige, fordernde Verlangen, das mich augenblicklich wieder auf Distanz gehen ließ.

Ich warf ihr einen kurzen, emotionslosen Blick zu. »Ruf mich an«, sagte ich trocken. Mehr gab es dazu nicht zu sagen.

Als ich schließlich nackt aus dem Bett aufstand, um ins Badezimmer zu gehen, spürte ich ihren Blick förmlich im Rücken brennen. Sie musterte mich von Kopf bis Fuß, und ein leises, anerkennendes Seufzen entkam ihren Lippen. »Du bist einfach unglaublich... Sag mal, wie machst du das bloß? Dieser Körper... verdammt, Dima, du siehst aus wie eine griechische Statue«, flüsterte sie, und ihre Augen glänzten vor besitzergreifender Gier.

Da wusste ich, dass ich besser zuhause duschen ging. Ich bückte mich, fischte nach meinen schwarzen Shorts und zog sie hastig über, ehe ich betont lässig die Einzelteile meines Anzugs zusammensuchte. Ich streifte das Hemd über die Schultern und knöpfte es abwesend zu. Meine Bewegungen waren rein mechanisch, getrieben von dem einzigen Wunsch, diese Situation so schnell und geräuschlos wie möglich zu beenden. Ich war abgefuckt von mir selbst, weil ich mich auf diese Ablenkung eingelassen hatte, die am Ende absolut gar nichts gebracht hatte. Swetas Blicke im Rücken spürte ich wie ein stummes Bohren, aber ich ignorierte sie geflissentlich. Ich zog die Hose hoch, schloss den Gürtel mit einem trockenen Klacken und griff nach meiner Breitling auf dem Nachttisch. Während das Lederband um mein Handgelenk rastete, wanderte mein Blick kurz zum Fenster. Die Stille der Nacht lag über der Stadt, aber in meinem Kopf war es alles andere als ruhig. Das kribbelnde, unruhige Gefühl war nicht verschwunden – es war nur von einer dumpfen Frustration überlagert worden. Ich wollte einfach nur noch meine Sachen greifen, die Tür hinter mir zumachen und diesen Abend abhaken. Morgen wartete wieder die Realität im Büro, und dafür brauchte ich einen freien Kopf, egal wie sehr mich die Gedanken an Alexandra immer noch zerfraßen.

Die Stadt zog in einem zähen, verschwommenen Schleier aus Neonlicht und feuchtem Asphalt an den großen Scheiben des Mercedes vorbei. Im Innenraum lief die Klimaautomatik leise auf niedriger Stufe, während dumpfe, monotone Bässe aus den Lautsprechern drangen, die kaum gegen die unruhigen Gedanken in meinem Kopf ankamen. Ich legte den Zeigefinger fester um das feine Leder des Lenkrads und ließ die Erinnerungen an die vergangenen Monate Revue passieren. Es waren Gesichter ohne Konturen, Namen, die im Morgengrauen verblassten, und Parfums, die sich wie ein billiger Film auf meine Haut gelegt hatten.

Frauen, die in den goldenen Käfigen ihrer gutbürgerlichen Ehen saßen und dort langsam an der erstickenden Langeweile zugrunde gingen. Sie suchten bei mir nicht nach Liebe oder einer Zukunft – dafür war mein Leben viel zu fragmentiert, zu trostlos und von der ständigen Wachsamkeit geprägt, die der Zeugenschutz mir aufgezwungen hatte. Sie suchten nach dem scharfen, elektrisierenden Nervenkitzel des Verbotenen. Sie wollten den Hauch einer Gefahr spüren, den ein Mann ausstrahlte, der in einer ganz anderen Realität funktionierte. Sie warfen sich mir an den Hals, weil sie in meiner harten, unnahbaren Fassade etwas sahen, das ihnen Stabilität versprach – oder zumindest das verlockende Abenteuer, für das sie selbst zu feige waren. Doch am Ende blieben sie alle nur flüchtige Schatten, bedeutungslos wie der Rauch, den man im Wind verwehen lässt.

Keiner dieser flüchtigen Kontakte hatte auch nur das Gewicht eines einzigen Blicks von Alexandra Below.

Bei diesem Namen versteifte sich mein Griff um das Lenkrad unwillkürlich so stark, dass die Knöchel unter der Haut weiß hervortraten. Der Gedanke an sie wirkte wie ein elektrischer Schlag, der direkt durch meine sorgsam aufgebauten Schutzmauern fuhr. Ich trat das Gaspedal ein Stück weit durch. Der AMG antwortete mit einem tiefen, grollenden Brüllen, das die nächtliche Stille zerriss, während die Tachonadel unaufhaltsam nach oben schoss. Morgen würde ich ihr in diesem sterilen, grauen Büro wieder gegenübertreten. Und während die Lichter der Großstadt im Rückspiegel kleiner wurden, schwor ich mir laut, dass ich die Kontrolle über dieses Spiel behalten würde – ganz gleich, wie es weiterlaufen würde.