Gurkentruppe
Gurkentruppe
Ich stellte gerade das Auto vor dem Haus ab, ein paar Straßen weiter in der dunklen Quergasse. Die Tiefgarage unten im Gebäudekomplex musste ich noch immer meiden wie die Pest, damit Alexandra verdammt noch mal nicht erfuhr, wer da jede Nacht über ihrem Kopf herumtrampelte. Jeder Schritt musste durchdacht sein, jede Spur verwischt. Ich fühlte mich seit Freitag wie ein beschissener Teenager, der nicht wusste, wohin mit sich selbst. Der Kopf irgendwo in den Wolken, die eigene Beherrschung auf dem absoluten Nullpunkt und die Welt um mich herum kurz vor dem Kollaps. Ich hatte Sex gehabt, ja, aber mein Körper war noch immer angespannt wie ein überspanntes Bogenseil, und mein Kopf brannte wie nach einem Terroranschlag.
Ich ließ den Motor ausgehen, die Dunkelheit im Innenraum schluckte das Armaturenbrett. Die Stille im Wagen war unerträglich, mein Kopf ein einziges Schlachtfeld aus Frust, aufgestauter Erregung und dieser verfluchten, sturen Sehnsucht. Ich brauchte jetzt jemanden, der mich wieder einnordete. Jemanden, der mein komplexes Betriebssystem seit Jahren kannte und mir seine Auswertungen nicht in Watte verpackt um die Ohren haute.
Ich fischte das Handy aus der Tasche und wählte Andrejs Nummer. Es tutete dreimal. Dann knackte die Leitung, gefolgt von einem tiefen, mürrischen Brummen.
»Kirill? Weißt du eigentlich, wie spät es ist? Wenn keine Schüsse gefallen sind oder die Truppe deine Bude stürmt, lege ich auf.«
»Halt den Mund und hör mir einfach kurz zu, Andrej«, knurrte ich und lehnte den Hinterkopf gegen die Nackenstütze. »Ich drehe gleich durch. Ich komme gerade von Sweta.«
Eine kurze Pause entstand am anderen Ende der Leitung., dann stöhnte Andrej so laut und genervt auf, dass ich das Handy fast ein paar Zentimeter vom Ohr wegbewegen musste. »Aha. Und dafür weckst du mich um diese Uhrzeit? Um mir zu erzählen, dass du mal wieder deinen Trieben bei dieser Schlampe nachgegeben hast? Herzlichen Glückwunsch, Brüderchen. Ich hoffe, es war atemberaubend.«
»War es nicht«, knurrte ich abfällig und schlug mit der flachen Hand gegen das Lenkrad. »Es war der reinste Scheiß. Es war billig, mechanisch und hat absolut gar nichts gebracht. Der Zweck wurde null erreicht. Alles an der Sache war irgendwie unbefriedigend. Ich lag da, sie hat ihr übliches Theater abgezogen, und ich ... ich war mit den Gedanken ganz woanders.«
Am anderen Ende der Leitung ertönte erst ein tiefes, genervtes Stöhnen, das fließend in ein dreckiges, gehässiges Lachen überging. Andrej lachte mich ungeniert und lautstark aus.
»Du verfluchter Idiot«, gluckste er und man hörte das Knistern von Bettzeug, als er sich aufrichtete. »Du bist wirklich der dümmste brillante strategische Kopf, den die SOBR seit ihres Bestehens je hervorgebracht hat. Du gehst zu Sweta, um eine andere Frau aus deinem System zu spülen? Wie alt bist du? Fünfzehn?«
Am anderen Ende der Leitung ertönte plötzlich ein leises, glucksendes Geräusch, das Sekunden später in ein dreistes, dreckiges Lachen umschlug. Andrej lachte mich ungeniert aus.
»Lach nicht so blöd, du Arschloch«, zischte ich gereizt, während die Ader an meiner Schläfe pochte. »Ich dachte, wenn der Druck weg ist, schaltet mein Verstand wieder auf kühlen Kopf. Aber ich lag auf dieser blutleeren Frau und hatte ein völlig anderes Gesicht vor Augen. Es kotzt mich an.«
»Ich muss lachen, Kirill! Weil du der klügste Taktiker bist, den ich kenne, aber wenn es um dich selbst geht, bist du so verdammt blind!«, rief Andrej und gluckste weiter. »Du warst bei Sweta, um eine andere Frau aus deinem Kopf zu bumsen? Du hast die letzten fünf Jahre deinen Schwanz quer durch Europa und Südamerika getrieben. Du hattest Frauen, deren Namen du nicht mal unfallfrei aussprechen konntest, und du hast sie alle nach einer Nacht vergessen. Warum? Weil sie dir scheißegal waren. Sie waren Ablenkung, Futter für die Triebe, sonst nichts. Aber bei Alexandra funktioniert deine billige Taktik nicht mehr.«
»Es ging um eine physische Notwendigkeit, Andrej. Um Disziplin!«, verteidigte ich mich, obwohl die Worte in meinem eigenen Mund schmutzig und hohl klangen.
»Disziplin, Disziplin... Hör auf mit diesem militärischen Gequatsche!«, schnaubte Andrej, und sein Tonfall wurde schlagartig ernster, direkter, ohne jeden Schonbezug. »Wann kapierst du es eigentlich endlich? Das mit Alexandra hat eine völlig andere Bedeutung. Es geht hier nicht um eine scheiß Jagd. Es geht nicht darum, irgendeine Trophäe flachzulegen oder dir nach dem Feierabend etwas Druck von den Lenden zu holen.«
»Ach ja? Worum geht es denn dann?«, konterte ich finster, obwohl ich die Antwort selbst kannte, »Erleuchte mich!«
»Um Gefühle, du Idiot!«, schoss Andrej zurück. »Da sind Gefühle mit im Spiel. Sei doch verdammt noch mal endlich ehrlich zu dir selbst! Du stehst hier nicht vor irgendeinem taktischen Problem, das man mit einer schnellen Nummer im Puff oder bei einer Ex auflösen kann. Du stehst zum ersten Mal seit Jahren wieder da und willst eine Frau mit Haut und Haaren. Nicht nur für eine Stunde in deinem Bett, Kirill. Sondern verdammt noch mal in deinem Leben!«
Die Worte trafen mich wie eine Salve aus nächster Nähe. Sie brannten sich in mein Brustbein, hielten mir den Spiegel vor und rissen die letzte Schutzbehauptung ein, die ich mir den ganzen Abend mühsam aufgebaut hatte.
»Sie ist ein Sicherheitsrisiko«, versuchte ich ein letztes, schwaches Argument vorzuschieben. »Sie trägt diesen Namen. Sie arbeitet direkt unter mir. Wenn ich mich darauf einlasse...«
»Scheiß auf das Sicherheitsrisiko, Kirill!«, fiel mir Andrej umgehend ins Wort. »Dein größtes Risiko ist gerade, dass du dich selbst belügst und deine eigene Deckung von innen heraus sprengst, weil du versuchst, ein Feuer mit Benzin zu löschen. Du bist verknallt oder besessen oder wie auch immer du diesen Zustand nennen willst. Aber hör auf, zu anderen Frauen zu rennen, um das zu betäuben. Es klappt nicht. Und weißt du auch warum?«
»Sag's mir, du Allwissender?«, brummte ich düster.
»Weil sie nicht Alexandra ist!«, sagte Andrej schlicht. »Und solange sie nicht Alexandra ist, kann sich vor dir die heißeste Frau der Welt nackt ausziehen, und du wirst dich trotzdem fühlen wie ein verdammter Frachtraum voller Leere.«
Ich schloss die Augen und hämmerte den Kopf ein paar Mal nach hinten gegen die Kopfstütze. Die Worte trafen mich mit der Wucht einer Schockwelle. Und das Schlimmste daran war: Er hatte verdammt noch mal recht.
Ich holte tief Luft. Der Sauerstoff brannte trocken in meiner Kehle. »Was würde ich nur ohne dich machen, hm? Aber weißt du, sie sollte für mich tabu sein, Andrej. Sie ist meine Angestellte. Es wäre unprofessionell.«
»Das mag alles sein«, stöhnte Andrej ungeduldig. »Aber dein Herz und deine Knochen scheren sich einen Scheiß um deine Risikoanalysen. So, und jetzt hör mir zu: Ich will diese Scheiße mitten in der Nacht nicht weiter ausdiskutieren. Ich will jetzt schlafen. Und du tust gefälligst genau dasselbe. Geh hoch, trink 'nen Schnaps und legt dich hin. Und wasch dir um Himmels Willen den billigen Gestank dieses blonden Parasiten ab.«
»Andrej...«
»Gute Nacht, Kirill. Drück die Augen zu.«
Es machte Klick, und die Leitung war tot. Ich nahm das Smartphone langsam vom Ohr und starrte auf das dunkle Display. Er hatte recht. Verdammt noch mal, er hatte in jedem einzelnen Punkt recht. Ich steckte das Handy ein, stieg aus dem Wagen und schlug die Tür zu. Die kühle Nachtluft traf mich wie eine Ohrfeige. Während ich im Schatten der Häuserfronten zu meinem Eingang trottete, spürte ich den harten, unnachgiebigen Fakt tief in meiner Brust schlagen: Ich wollte nicht Sweta. Sie war immer nur ein Mittel zum Zweck. Ich wollte nicht irgendeine anonyme Ablenkung. Ich wollte Alexandra. Mit jedem einzelnen verdammten Knochen meines Körpers. Und keine Disziplin der Welt würde dieses Feuer je wieder austreten.
Dienstag, 02. Dezember
Ich stand am Dienstagmorgen direkt vor der schweren Tür des Konferenzraums und hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne. Ich wusste haargenau, dass ich ihr gleich wieder begegnen würde. Alexandra. Nach all den verdammten Bildern der vergangenen Nacht, nach den unruhigen Stunden im Bett und dem zähen, ehrlichen Gespräch mit Andrej, das mir noch immer in den Knochen saß, würde sie wieder vor mir stehen. Aber ich durfte mir von den Gedanken und dieser unerträglich heißen Erregung der Nacht nicht das Geringste anmerken lassen. Kein einziges Muskelzucken im Gesicht, kein zu langer Blick, keine Sekunde der Unkonzentriertheit. Ich musste mich verdammt noch mal zusammenreißen. Ich war Kirill Belov, und in dieser Rolle als Dmitrij Mitrochin, ging es für mich ums Überleben – und das musste Priorität haben. Um die Gedanken abzutöten und meine Pulsschlagfrequenz herunterzuregeln, schaltete mein Kopf auf ein altes Ablenkungsmuster um. In meinem Schädel begann eine vertraute, dröhnende Melodie zu summen:
Votre toast, je peux vous le rendre, Senor, senors car avec les soldats...
Die Arie des Toreros aus Carmen. Für einen Bassbariton wie mich. Ein Klassiker, stoisch, rhythmisch, dominant. Es war meine persönliche Methode, um in extremen Stresssituationen das emotionale Rauschen im Gehirn komplett auszuschalten. Der Takt der Musik legte sich wie ein eiskaltes Visier über mein Bewusstsein. Pokerface. Ich rückte den Knoten meiner Krawatte millimetergenau zurecht, strich mein Sakko glatt und stellte sicher, dass keine einzige Falte den Eindruck von Schwäche vermittelte. Mein Gesicht wandelte sich zu einer undurchdringlichen, makellosen Maske aus Disziplin und harter Autorität. Mit einem tiefen, kontrollierten Atemzug drückte ich die Türklinke nach unten und betrat den Raum.
Die gesamte, kümmerliche Mannschaft saß bereits um den großen, verkratzten Tisch versammelt und starrte mir entgegen, als wäre ich mit einem Raumschiff gelandet. Ich hatte für heute Morgen ein Teammeeting angesetzt – unumstößlich, alternativlos. Es mussten endlich grundsätzliche Dinge geklärt werden. Disziplin war kein Zustand, den man nach Belieben an- und ausschaltete. Disziplin begann bei den kleinsten, scheinbar unbedeutendsten Details. Wenn das Fundament bröckelte, stürzte das gesamte Gebäude ein. Das war eine Lektion, die man im Militär mit Blut lernte und die hier in dieser zivilen Kaschemme offensichtlich völlig verschüttgegangen war.
Schon beim ersten Schritt über die Türschwelle schlug mir die stehende, geladene Luft entgegen. Es herrschte eine verdammt schlechte Stimmung. Die beiden Mädels aus der Sachbearbeitung, Dilara und Nicole, steckten am hinteren Ende des Tisches schon wieder vertraulich die Köpfe zusammen. Ihre grell bemalten Lippen bewegten sich hastig, die Augen verengt – das typische, giftige Getuschel von Angestellten, die sich gegen die neue Führung verbünden wollten. Ich wartete nicht erst ab, bis sie ihr Schauspiel vollendeten. Ich parierte die beiden bereits im Gehen mit einem einzigen, eiskalten Blick. Ich fixierte Dilara, die erfolglos mit den Wimpern klimperte, direkt in den Pupillen, zog eine Braue minimal nach oben und ließ meine Präsenz den Raum ausfüllen. Es dauerte keine zwei Sekunden. Nicole zuckte merklich zusammen, riss ihren Kopf herum und starrte blitzartig auf ihren leeren Notizblock, während Dilara sich schlagartig kerzengerade aufrichtete und nervös an ihrer Kette nestelte. Treffer. Das Geflüster war augenblicklich im Keim erstickt.
Ich schob den Stuhl an der Kopfseite des Tisches zurück, blieb jedoch bewusst stehen. Wer steht, dominiert das Feld. Wer steht, blickt herab. Ich ließ meinen Blick langsam über die Gesichter der Anwesenden wandern. Ulrich Dietz saß mir gegenüber, die Arme vor der Brust verschränkt, den Unterkiefer trotzig vorgeschoben, als wollte er mir gleich beim ersten Satz ins Gesicht spucken. Franky saß zwei Stühle weiter, wirkte merklich angespannt nach unserer gestrigen Abmahnung und mied penibel jeden direkten Blickkontakt, schämte sich, während ihre Finger unruhig auf dem Holz tippten. Und dann war da Alexandra.
Mein Herz schlug für einen gefährlichen, winzigen Bruchteil eines Moments höher, doch meine Gesichtszüge blieben wie aus hartem Granit meißelt. Sie saß da, den Rücken aufrecht, die Augen klarsichtig und wach auf mich gerichtet. Keine spürbare Panik, kein billiges Getuschel, sondern diese verdammte, stolze Haltung, die mein Blut wieder in Aufruhr versetzte. Ich zwang meine Gedanken sofort zurück in das Korsett des professionellen Diktators.
»Guten Morgen«, begann ich. Meine Stimme war tief, ruhig, aber schneidend genug, um jedes verbleibende Geräusch im Raum sofort abzutöten. »Wir machen es kurz und schmerzlos. Ich habe mir gestern den Gesamtzustand dieser Etage angesehen. Was ich vorgefunden habe, ist absolut inakzeptabel.«
Ich ging zwei Schritte am Tisch entlang, die Hände auf dem Rücken verschränkt. »Ab sofort herrscht in allen Büros strikte Ordnung. Was sich hier aktuell abspielt, hat nichts mit einem professionellen Betrieb zu tun, sondern gleicht einem Lagerhaus kurz vor der Räumung. Überall stehen Kartons mit alten Akten in den Büros herum, Stapel von Papier versperren die Laufwege, und in den Räumen der IT lagern verstaubte Kabelberge neben angebrochenen Pizzakartons vom letzten Donnerstag.«
Ich hielt inne und sah gezielt zu den Technikern, die betreten zu Boden blickten. Dietz schnaubte leise durch die Nase, doch ich ignorierte den alten Querkopf vorerst – sein Auftritt würde noch früh genug kommen. »Ich dulde keinen Müll an den Arbeitsplätzen«, fuhr ich mit kompromissloser Härte fort. »Keine Essensreste, keine Stapel von Zeug, das seit drei Jahren niemand mehr angefasst hat. Wer in einem Dreckloch arbeitet, denkt auch wie in einem Dreckloch. Bis heute Abend sechzehn Uhr ist jeder Arbeitsplatz blitzblank. Das Papierzeug kommt ins Archiv, der Müll in die Tonne.«
Ich trat zurück an die Kopfseite des Tisches, stützte beide Handflächen schwer auf die glatte Oberfläche und beugte mich leicht vor. »Nebenbei habe ich allerdings auch eine Nachricht für Sie, die manch einer von Ihnen vielleicht als angenehm empfindet: Die Geschäftsführung hat grünes Licht gegeben. Sie erhalten demnächst alle ausnahmslos neue, leistungsfähige PCs inklusive neuer Peripheriegeräte.«
Ein kurzes, ungläubiges Tuscheln ging durch die Reihe. Franky blickte überrascht auf, und selbst Dilaras Augen wurden etwas größer. Es war eine verdammt zähe Verhandlung heute Morgen am Telefon mit der Geschäftsführung. Diese Bürokraten in ihren bequemen Sesseln lebten in ihrer eigenen Welt, weit abgetrennt von der Realität an der Front – wahrscheinlich mit deutlich besserer Technik, als der ausführende Pöbel. Es war gar nicht so einfach gewesen, sie von einer Komplettanschaffung neuer PCs zu überzeugen. Jeder Cent wurde dreimal umgedreht, als ging es um das Überleben des Konzerns und nicht um ein mickriges IT-Budget. Aber wir sprachen davon, dass die Leute im Büro immer noch mit Windows Vista arbeiteten. Vista! Das war schlichtweg bodenlos. In einer Welt, in der Effizienz und Reaktionsgeschwindigkeit über alles entschieden, war es absolut inakzeptabel, wenn eine Mitarbeiterin drei Minuten auf das Laden einer verdammten Akte warten musste. Es widersprach jeder logischen Grundregel der Führung und raubte den Leuten hier wertvolle Arbeitszeit. Normalerweise schlug man sich in solchen Konzernen wochenlang mit Anträgen, Begründungen und Budgetplänen herum. Aber dafür hatte ich weder die Zeit noch die Geduld. Also wechselte ich die Taktik.
Ich ließ den Tonfall des professionellen und vorsichtigen Niederlassungsleiters Mitrochin fallen und legte genau jene Kälte in meine Stimme, die früher Männer in Alarmbereitschaft versetzt hatte. Ich hörte auf zu bitten und fing an zu diktieren. Ich erklärte, dass wir hier nicht über ein Komfort-Upgrade sprachen, sondern über operativen Notstand. Wenn die Rechner ausfielen oder Datenlecks entstünden, weil das System seit Jahren keine Sicherheitsupdates mehr erhielten, trüge ich nicht die Verantwortung. Dann kämen ihre Namen auf die Mängelliste für die Revision ein – mit dem Vermerk, dass sie eine vorsätzliche Behinderung des Betriebsablaufs in Kauf nahmen. Den Gesellschaftern und Vorständen würde das nicht gefallen. Ein kurzes, ungläubiges Schweigen folgte. Sie waren es nicht gewohnt, dass jemand anfing, Forderungen zu stellen und ihnen die Pistole auf die Brust setzte. Ich legte nach, bevor irgendjemand die Initiative zurückgewinnen konnte. Ich gab ihnen zwei Optionen zur Auswahl: Entweder ich bekäme eine direkte Freigabe für die neuen Systeme und damit die Berechtigung auf Bestellung oder ich legte ab morgen die Disposition offiziell wegen Unbenutzbarkeit der Arbeitsmittel still. Ich wartete nicht einmal auf seine Antwort. Ich knallte den Hörer auf die Gabel und mein Plan ging auf. Keine zehn Minuten später blinkte die Bestätigungs-E-Mail in meinem Posteingang auf. Freigabe erteilt. Volles Budget. Ein kaltes, zufriedenes Grinsen stieg in mir auf. Manche Dinge änderten sich nie. Egal ob auf dem Schlachtfeld oder hinter einem polierten Schreibtisch aus Pressspan: Menschen beugten sich der Entschlossenheit. Sie beugten sich einer Dominanz, die keinen Raum für Diskussionen ließ.
»Mit dem alten Schrott, der derzeit auf Ihren Tischen steht, ist schlichtweg nichts mehr anzufangen«, setzte ich trocken nach, während meine Stimme von tiefer Verachtung für die bisherige Führung dieses Ladens zeugte. »Ladezeiten von zehn Minuten für eine einfache Tabelle und Monitore, die flimmern wie in den Neunzigern – das ist kein Zustand, das ist ein Armutszeugnis für ein Unternehmen dieser Größenordnung. Wer Höchstleistung von seinen Leuten erwartet, muss ihnen auch das entsprechende Werkzeug an die Hand geben. Die Bestellungen sind raus. Sobald die Geräte geliefert werden, erwarte ich allerdings auch, dass sich die Arbeitsgeschwindigkeit hier drastisch steigert. Ausreden gibt es ab nächster Woche keine mehr.«
Ich richtete mich wieder auf, glättete das Revers meines Sakkos und ließ die Stille im Raum wirken. Die Message war angekommen: Ich gab ihnen die Mittel zur Arbeit, aber ich forderte im Gegenzug die totale Kontrolle.
»Und noch einmal – beseitigen Sie das Chaos! Gerade für die Dispo und die Sachbearbeitung habe ich neue Aktenschränke bestellt, wo Ordner und Personalakten sauber abgelegt werden können«, fuhr ich fort und ließ meinen Blick schneidend über die Runde wandern. »Am Ende des Tages werden diese auch verschlossen. Es darf nicht passieren, dass der Sicherheitsdienst, der hier jede Nacht seine Runden macht, an diese Daten herankommen kann.«
Ein leises, herablassendes Lachen durchbrach die Stille. Es kam von Ulrich Dietz. Der Kerl rutschte auf seinem Stuhl noch ein Stück tiefer, legte die Arme demonstrativ über dem Bauch zusammen und schüttelte grinsend den Kopf. »Diese Blindgänger interessiert das doch sowieso nicht«, ätzte er in den Raum hinein.
Ein kaum merkliches Stirnrunzeln stieg in mir auf, während ich seinen Kommentar aufnahm. Ich fixierte den mürrischen Mann aus der IT, und der erste Anflug von echter Genervtheit zeichnete sich in meiner Miene ab. Dieser verfluchte Idiot musste aber auch wirklich zu allem seinen Senf abgeben. Mich kotzte zudem diese maßlose Geringschätzung an. Nur weil jemand weniger qualifiziert war oder ein kleineres Gehalt nach Hause trug, bildete Uli sich ein, über ihnen zu stehen. Die Gefährdung dieses Bürocampus war überschaubar, ich hielt es für nahezu ausgeschlossen, hier jemals in eine Gefahrenlage zu geraten, aber wenn, dann war der Pförtner in der Regel der erste, der den Kopf hinhielt. Aber Uli sah in den Wachleuten nur austauschbare Nummern in billigen Uniformen. Ich musste mich wirklich äußerst am Riemen reißen und mir jedes Anzeichen von Wut verkneifen. Aber unter meiner gefälschten Identität brannte ein klares Versprechen: Wer glaubte, sich über andere erheben und sie wie Menschen zweiter Klasse behandeln zu können, würde von mir sehr direkt an seinen tatsächlichen Platz erinnert werden. Ich spürte, wie mir die Situation langsam die Geduld raubte. Eine plötzliche Hitze stieg mir in den Nacken, und für einen Moment rieb ich mir mit zwei Fingern die Schläfen, um das Pochen hinter meinen Augen zu unterdrücken. Und die Krawatte schien mir auf einmal den Hals zuzuschnüren. Ich wollte in diesem Augenblick einfach nur noch weg. Weg von diesem verfluchten Meeting und weg von diesem Uli, der einfach immer und überall dazwischenquatschen musste, weil er schlicht und ergreifend nie kapierte, wann er Sendepause hatte. Es war mir schlichtweg zu anstrengend, mich mit solch kleingeistigen Menschen zu umgeben, die Disziplin mit Bevormundung verwechselten.
Aber ich musste bleiben. Ich war derjenige, der die Zügel hielt. Auch wenn der Impuls in mir brüllte, Dietz einfach am Kragen zu packen und aus dem Fenster zu befördern, zwang ich mich zu eiskalter Professionalität. Ich musste auf sein sinnbefreites Gebrabbel eingehen – nicht, um ihm eine Bühne zu bieten, sondern um die Grenze vor der versammelten Mannschaft millimetergenau abzustecken. Ich ließ die Hand von der Schläfe sinken, stützte mich wieder auf die Tischkante und blickte Dietz direkt in die Augen. Meine Stimme blieb ruhig, aber unter der Oberfläche lag eine gefährliche Schärfe.
»Woher wollen Sie das so genau wissen?«, entgegnete ich kühl. »Selbst wenn es tatsächlich so ist, wovon ich im Übrigen auch ausgehe, sind wir unseren Mitarbeitern und Kunden gegenüber verpflichtet, ihre Daten zu schützen. Deswegen werden wir mit diesen nicht mehr so leichtfertig umgehen, wie es bisher getan wurde.«
Ich wandte mich kurz an die Mädels aus der Sachbearbeitung, die schlagartig die Luft anhielten, ehe mein Blick wieder ermahnend auf Dietz ruhte. »Auch Ihre Rollcontainer, die Sie unter Ihren Schreibtischen stehen haben, werden ab sofort jeden Abend verschlossen. Am Ende des Tages werde ich die Schlüssel an mich nehmen und in meinem Büro aufbewahren.«
Dieser Uli begann augenblicklich, mit Herrn Grass zu tuscheln. Er beugte sich schräg über den Tisch, die Hand vor den Mund gelegt, und raunte seinem Sitznachbarn irgendwelche abfälligen Bemerkungen zu, während Grass nur unsicher nickte und nervös mit seinem Kugelschreiber auf den Block tippte.
»Scheinbar hat die IT einige Anregungen zu diesem Thema. Nur raus damit, keine falsche Scheu.«
Ich ließ nicht locker. Ich hielt meine Augen unnachgiebig auf Uli gerichtet und stichelte bewusst weiter. Ich gab ihm den Raum, sich selbst aufzuknüpfen, wenn er unbedingt wollte. Die Anspannung zwischen uns beiden war im Konferenzraum fast schon greifbar; die Luft fühlte sich dick und geladen an. Bestimmt glaubte er, er befände sich gerade in einem Machtkampf mit mir. Dabei hatte ich noch nicht einmal richtig angefangen. Er versuchte, durch passiven Widerstand meine Autorität zu untergraben, und ich war mehr als bereit, ihn vor der gesamten Mannschaft zu demontieren.
Erst die Intervention von Manuel brachte einen Hauch von Beruhigung in die Szene. Er war einer der wenigen im Raum, die wussten, wie man Deeskalation betrieb. Er war ein ruhiger Typ. Gefasst, neutral, beinahe vornehm. Ich vermutete stark, er entstammte einem Akademikerhaushalt. Manuel hob leicht die Hände, glättete mit einer verbindlichen Gestik die Wogen und versuchte diplomatisch, den Fokus wieder auf das eigentliche Thema zu lenken.
»Entschuldigen Sie bitte«, wandte Manuel sich an mich, die Stimme ruhig und bedacht. »Wir hatten uns nur darüber unterhalten, weshalb wir die Schlüssel nicht einfach mit nach Hause nehmen. Verstehen Sie das bitte nicht falsch, Herr Mitrochin, aber den Schlüssel für den eigenen Container abzugeben, könnte bei dem einen oder anderen Mitarbeiter ein ungutes Gefühl hervorrufen. Schließlich lagern wir dort auch manchmal ganz persönliche Dinge.«
Ich stand unverändert am Kopf des langen Tisches, den Rücken durchgedrückt, den Blick distanziert auf den versammelten Mitarbeitern ruhend. Die Angestellten saßen reglos auf ihren Stühlen, die Körperhaltungen abwehrend, die Blicke zwischen mir, Uli und dem Tisch hin und her wandernd.
»Keine weiteren Bemerkungen hierzu? Nein?«, brach das tiefere Timbre meiner Stimme die Stille sorgte dafür, dass sich einige Augenpaare scheu abwandten. »Gut. Ich möchte Ihnen den Gedanken dahinter erklären, vielleicht haben sich danach einige Bedenken erledigt.«
Ich machte einen langsamen Schritt nach vorn, legte die Hände auf den Rücken und fixierte die Runde. Mist, ich musste mir endlich abgewöhnen, in stressigen Situationen diese Haltung anzunehmen.
»Im Prinzip ist es ganz einfach. Es sind zwar Ihre persönlichen Container, aber ich bin mir sicher, dass in diesen auch Dienstliches aufbewahrt wird, an das man im Krankheitsfall des betroffenen Mitarbeiters herankommen muss. Ohne Schlüssel geht dies nicht. Ich gebe Ihnen jetzt die Möglichkeit, zwischen zwei Optionen zu wählen: Entweder Sie geben Ihren Schlüssel am Ende des Tages ab, oder ab sofort ist es verboten, dienstliche Unterlagen – und dazu zählen auch einfache Notizen – in den Kästen aufzubewahren. Wie gesagt, Sie können wählen.«
Während Uli verärgert die Schnauze hielt und in der Runde eine gedämpfte, hitzige Diskussion entbrannte, entging mir nicht, was auf der anderen Seite des Tisches vor sich ging.
Alexandra.
Sie blendete das emotionale Theater ihrer Kollegen vollkommen aus. Anstatt sich an dem hirnrissigen Geblöke über den Schlüssel zu beteiligen, war ihr Blick nach unten gerichtet. Ich sah, wie sie distanziert an ihren Beinen hinabsah und das feine Gewebe ihrer Strumpfhose inspizierte – genau an der Stelle, wo der harte Reißverschluss ihrer Stiefel am Stoff gerieben hatte. Ihre Mimik verriet eine Mischung aus genervter Begutachtung und pragmatischem Nachdenken, als fragte sie sich ernsthaft, wie lange diese hauchdünne, schwarze Strumpfhose ihren Dienst noch verrichten würde. Gestern noch hätte ich bei diesem Anblick bloß innerlich gefasst gegrinst. Ein gieriger Gedanke wäre durch meinen Kopf geschossen, kalt und direkt: Nicht lange, wenn ich Hand anlegen würde. Das war die vertraute Sprache des schnellen Zugriffs, der puren, kompromisslosen Kontrolle – genau das, was man mir ein halbes Leben lang eingeimpft hatte. Einfach nehmen. Zerreißen. Besitzen. Die Befriedigung des Moments erzwingen und die Sache abhaken.
Aber die vergangene Nacht hatte meine Sicht ein wenig umgelenkt. Ich hatte stundenlang wach gelegen, nachdem ich von Sweta zurück war. Irgendwann saß ich im Jacuzzi, rauchte eine Zigarette nach der anderen, während ich nachdenken, abwägen, filtern und bis ins kleinste taktische Detail analysieren musste. Wie vor einer hochkomplexen Operation, nur dass das Ziel diesmal kein Feind war, den es zu neutralisieren galt. Ich hatte meine eigenen Impulse separiert, die bloße körperliche Geilheit von dem geschieden, was sich da tiefer in mir festgefressen hatte. Und ich war zu einem klaren, unumstößlichen Ergebnis gekommen: Ich hatte eigentlich gar nicht vor, Alexandra die Kleidung stumpf vom Leib zu reißen. Das wäre billig gewesen. Zu anspruchslos, zu primitiv. Ich wollte sie nicht einfach nur konsumieren und verbrauchen.
Ich wollte sie fühlen. Jeden einzelnen Zentimeter ihrer Haut erkunden, die Konturen ihres Körpers begreifen, sie Schicht für Schicht erobern, bis nicht nur ihr Körper, sondern auch ihr Stolz sich mir fügte – aus freiem Willen, ohne dass ich Gewalt anwenden musste. Ich wollte, dass sie den Verstand verlor, während ich die Fäden in der Hand behielt. Während ich also stumm vor den Leuten stand und scheinbar völlig unbeteiligt in die Menge schaute, schoss plötzlich eine fast physische Welle durch meine Nervenbahnen. Ein hauchfeines, tückisches Kribbeln breitete sich bis in meine Fingerspitzen aus – ein Phantomschmerz der Verlangen nach Berührung. Es war haargenau das Gefühl, als würde ich genau in diesem Augenblick langsam über den seidigen, kühlen Stoff an ihren Waden fahren, das feine Gewebe unter meinem Daumen spüren und die Wärme der Haut darunter aufsaugen.
Mein Atem wurde unwillkürlich einen Schlag langsamer, tiefer und schwerer. Mein Brustkorb spannte sich unter dem Maßhemd. Ich drückte die Knöchel weiß, um dieses verfluchte Kribbeln gewaltsam zu vertreiben, den Schmerz der Anspannung als Anker zu nutzen und mein Gesicht augenblicklich zurück in die eiskalte, undurchdringliche Maske von Dmitrij Mitrochin zu meißeln. Aber tief in meinen Knochen brannte die Erkenntnis bereits lichterloh: Ich würde nicht eher ruhen, bis diese Fantasie Realität war. Es war dieser faszinierende, unberührte Stoizismus, der mich wieder einmal blitzartig traf. Während das halbe Büro wegen eines Minischlüssels den Untergang des Abendlandes befürchtete – obwohl alle noch vor einer Woche in Anarchie lebten und sich somit fast selbst das Wasser abgegraben hätten –, schien sie in ihrer ganz eigenen, unerschütterlichen Welt zu sein. Und dann, komplett aus dem Nichts heraus, änderte sich die Stimmung schlagartig.
Plötzlich hob Alexandra den Kopf, schob die Schultern zurück und schnitt mit harter Stimme mitten in das Gerede der Kollegen hinein: »Stopp!«
Der Raum verstummte augenblicklich. Alle starrten sie überrascht an. Vor allen Dingen Uli, dessen Augen sich boshaft verengten. Alexandras Augenwinkel zuckte verräterisch. Gab es hier wohl einen schwelenden Konflikt, den ich bisher noch nicht bemerkt hatte?
Ich neigte den Kopf minimal zur Seite, ließ meine Augen auf ihren ruhen und nahm die Zügel wieder fest in die Hand. »Ich höre, Frau Belov?«
Sie sah mich genervt an. In ihren Augen blitzte für den Bruchteil einer Sekunde eine gefährliche Glut auf. Es schien keine Verärgerung zu sein, sondern vielmehr eine Rüge. Direkt an mich. Und dann verstand ich. Verdammt, ich hatte es schon wieder getan. Es war mir direkt schon einmal passiert, am Freitag, als ich sie aufgrund ihres Namens versehentlich für eine Dame meines Landes hielt, aber jetzt hing der Fehler wie ein zentnerschwer im Raum. Mein Gehirn hatte im automatisierten Reflex geschaltet – der Name war mir viel zu glatt über die Lippen gleitend entwichen. Meine Sprachzentrum hatte auf Autopilot geschaltet. Below. Belov. Das ging schnell. Ein vertrauter, jahrzehntelang eingeübter Wortfluss, der tief in meiner DNA verwurzelt war und sich unbemerkt an meiner eisernen Selbstkontrolle vorbeigeschlichen hatte. Ich verzog keine Miene. Kein Zucken der Mundwinkel, kein nervöser Lidschlag. Ich versuchte mir absolut nichts anmerken zu lassen, zwang meinen Blick zu einer Wand aus purer, kalter Souveränität und hielt ihrem stechenden Visier stand. Wer blinzelte, verlor. Aber tief in meiner Brust zog sich alles zusammen; mein innerer Warnsensor schlug stumm, aber hochfrequent Alarm.
Alexandra wartete mein Schweigen nicht ab. Sie straffte die Schultern, legte die Unterarme flach auf die Tischplatte und übernahm das Wort, ohne auch nur einen Millimeter zurückzuweichen. »Um das Ganze abzukürzen: Da jeder Wert auf seine Privatsphäre legt, würde ich vorschlagen, dass es so bleibt. Mit dem Verbot, dienstliche Unterlagen in den Containern aufzubewahren. Wie Sie es gesagt haben, Herr Mitrochin. Im Endeffekt geht es doch gar nicht um diese Dinge, weshalb hier Unmut hervorgerufen wird. Jeder ist doch daran interessiert, dass die eigenen kleinen Geheimnisse nicht ans Tageslicht kommen. Kommt damit jeder klar oder gibt es Einwände?«
Sie ließ ihren Blick resolut durch den Raum wandern. Manuel nickte sofort, sichtlich erleichtert über diese pragmatische Wendung. Sogar Uli, der eben noch wie ein aufgeschreckter Rumpelstilzchen-Verschnitt Gift und Galle gespuckt hatte, brummte nur noch etwas Unverständliches in seinen nicht vorhandenen Bart, verschränkte die Arme fester und schaute beiseite. Alexandras Stimme war klar gewesen, bestimmt und ohne jeden Raum für lange Debatten. Sie hatte verflucht noch mal nicht unrecht. Und ganz nebenbei hatte sie völlig unbemerkt die Führung der Runde an sich gerissen. Ich beobachtete sie genau. Die Art, wie sie den Raum im Griff hatte, wie die anderen Mitarbeiter ihre Ansage ohne Murren schluckten, weil sie genau den richtigen Ton zwischen Kollegialität und klarer Grenze getroffen hatte – es war faszinierend. Und verdammt attraktiv. In meinem Kopf arbeitete der Strategie-Modus: Mir gefiel der Vorschlag. Es war eine verdammt gute, funktionale Lösung, mit der eigentlich jeder im Raum gut leben konnte, ohne dass mein Gesicht als Autoritätsperson dabei Schaden nahm. Sie hatte mir elegant den Ball zugespielt und gleichzeitig den Schwachsinn der Belegschaft im Keim erstickt. In der Runde nickten mehrere Köpfe. Ein gedämpftes Murmeln der Zustimmung ging durch die Reihe. Man stimmte ihr zu.
»Gut«, griff ich den Faden auf, als wäre nichts gewesen, und nahm das Ruder mit ruhiger Dominanz wieder an mich. »Damit ist dieser Punkt abgehakt.«
Ich ließ meinen Blick langsam von Alexandra weg und über die verbliebenen Gesichter am Tisch gleiten. Die Atmosphäre im Raum war nach dem turbulenten Schlagabtausch noch immer spürbar angespannte, fast greifbare Luft, aber die Unruhe legte sich allmählich. Die Leute saßen wie auf Kohlen, fixierten ihre Notizblöcke oder vermieden starr jeglichen Blickkontakt zu mir. Ich sah in sture, verunsicherte oder schlichtweg genervte Gesichter. Es war mir herzlich egal. Meine Autorität stand felsenfest im Raum, und der Ton für die Zukunft war gesetzt. Bevor ich die Runde auflöste, nickte ich Frau Sielmann kurz zu und bat sie direkt um ein Gespräch unter vier Augen für den Nachmittag. Sie zuckte minimal zusammen, straffte dann aber rasch ihre Haltung, strich sich eine Strähne hinter das Ohr und nickte pflichtbewusst. Frau Sielmann war eine klassische Personalerin alter Schule – strukturiert, bedacht, aber oft gefangen in verkrusteten Mustern. Ich wollte mit ihr das Thema Recruiting radikal neu aufrollen. Die Zeiten von verstaubten Print-Annoncen in Lokalzeitungen oder altmodischen Stellenportalen waren schließlich endgültig vorbei. Das war herausgeworfenes Geld und zog nur das künftige Karteileichen an. Wir einigten uns sofort darauf, dass unser Fokus ab sofort massiv auf den Social-Media-Kanälen liegen würde. Dort saßen die Talente, dort mussten wir Präsenz zeigen – dynamisch, modern und direkt. Frau Sielmann hörte aufmerksam zu, ihre Augenbrauen schoben sich leicht zusammen, als sie emsig meine Stichpunkte mit notierte. Man sah ihr das kleine, innere Stirnrunzeln an, wenn eine gewohnte Routine aufgebrochen wurde, aber sie nickte letztlich zustimmend. Sie verstand die Notwendigkeit, auch wenn es ihr fremd war.
Wieder ein organisatorische Part, der abgehakt war. »Dann ... Wäre das ja auch geklärt«, setzte ich fort und zog nun eine weitere Karte, die nicht überall für Begeisterung sorgen würde. »Kommen wir zur Sachbearbeitung. Mir ist aufgefallen, dass diese Abteilung offenbar nicht so ausgelastet ist, wie sie es eigentlich sein könnte. Sie werden in Zukunft in den Spitzenzeiten, damit sind die Lohnabrechnung und die monatliche Planung gemeint, einige unkomplizierte Aufgaben der Dispo übernehmen. Außerdem werden Sie direkt von der Dispo gesteuert, das heißt, Sie bekommen von dort Ihre Anweisungen. Frau Below, die dort die Leitung innehat und auch Assistenzaufgaben von mir übernimmt, ist Ihnen ab sofort direkt weisungsbefugt.«
Noch während die Worte meinen Mund verließen, beobachtete ich die Reaktionen mit analytischer Schärfe. Ich brauchte gar nicht hinzusehen, um zu wissen, wie diese doppelzüngige Dilara reagieren würde. Die feine Regung in ihren Gesichtszügen war so vorhersehbar wie eine schlechte Finte im Nahkampf. Augenverdrehen – dieses lächerliche, krampfhafte Signal einer unreifen Frau, die es gewohnt war, sich mit Verstellung und billigen Zickenallüren durchzusetzen. Es war eine Schande. Eine erwachsene Frau in einem professionellen Umfeld, die sich verhielt wie eine Schülerin, die man zum Nachsitzen verdonnert hatte. Dieses maßlose, kindliche Trotzverhalten war mir von Grund auf zuwider.
Alexandra hingegen stand da mit einer ruhigen, natürlichen Würde. Sie besaß echte Autorität, keinen gespielten Stolz. Dass Dilara sich nun ausgerechnet Alexandras Anweisungen fügen musste, glich für ihr aufgeblasenes Ego einer öffentlichen Hinrichtung. Dilaras gesamter Manipulationsapparat – das kalkulierte Augenklimpern, die gespielte Hilflosigkeit, mit der sie bestimmt an andere Stelle durchaus erfolgreich war – war auf einen Schlag in sich zusammengefallen. Sie schnaubte leise.
»Bitte äußern Sie Ihre Bedenken, Frau Celik«, forderte ich sie nun auf, bestimmt wohlwissend über ihre Unzufriedenheit.
Ich sah das stumme Beben in ihren zu stark unterspritzten Lippen. Der Stachel saß tief. Sie war es gewohnt, Männer nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen, und nun wurde sie vor versammelter Mannschaft unter die Fittiche der Frau gestellt, die sie aus tiefstem Herzen beneidete und hasste. Ein verletzter Stolz bei einer berechnenden Person war gefährlich – so etwas mündete in Sabotage. Aber ich würde keinen einzigen Fehltritt dulden.
»Nichts, es ist alles in Ordnung«, brachte sie schließlich mühsam über ihre Lippen.
Die Worte fielen wie Brocken gefrorenes Eis auf den Tisch. Ihre Abwehrhaltung war grotesk. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, die Körperhaltung hochgradig defensiv, während ihr Blick kurz zu Nicole wanderte. Nicole presste verlegen die Lippen zusammen – dieses typische, gequälte Mitläuferlächeln. Ein Trauerspiel. Zwei ausgewachsene Frauen, die in einer geschäftlichen Lage agierten wie unreife Gören. Es widerstrebte mir zutiefst. Wer im Leben Verantwortung tragen wollte, musste Rückgrat beweisen, statt sich hinter peinlichen Posen zu verstecken.
Ich nutzte den Schwung meiner geschaffenen Fakten, beugte mich ein Stück vor und fixierte Dilara scharf, ohne ihr auch nur den kleinsten Raum zum Ausweichen zu lassen. »Ich hoffe, Sie haben verstanden, was ich Ihnen mitgeteilt habe.«
Ihre Reaktion war ein Lehrstück in schlechter Schauspielerei. Sie zwang sich zu einem charmanten Lächeln, das auf mich jedoch mehr wie eine Grimasse wirkte. »Ja, natürlich. Selbstverständlich werden wir mit der Dispo zusammenarbeiten. Das ist ja unser Job.«
Sie glaubte tatsächlich, sie könnte mich mit diesem künstlichen Puppenlächeln täuschen, aber ich kaufte ihr kein einziges Wort ab. Solch eine hinterhältige Art war Gift für das Gefüge der ganzen Niederlassung. Doch wer versuchte, Fallen zu stellen, stolperte am Ende meist über die eigenen Füße. Ich würde sie im Auge behalten. Und wenn der Tag kam, an dem ihre Maske endgültig zerbrach, würde ich persönlich dafür sorgen, dass die Rechnung ohne jeden Rabatt beglichen wurde. Ich gab ihr keine drei Monate mehr in dem Laden. Im Grunde konnte ich die Kündigung heute schon anfertigen und das Datum nach Bedarf anpassen.
Ich wendete den Blick ab, um das Thema abzuschließen, und richtete meine Aufmerksamkeit auf die zweite im Bunde. »Frau Hofmann, denken Sie ähnlich?«
Bei Nicole regte sich für einen Bruchteil einer Sekunde so etwas wie Mitleid in meiner Brust – ein seltenes Gefühl bei mir. Sie war keine bösartige Person. Sie war schlichtweg rückgratlos, getrieben von einer toxischen Loyalität zu Dilara, die scheinbar schon in der frühesten Kindheit begonnen hatte. Nicole war die klassische Mitläuferin: zu schwach, um eine eigene Position zu beziehen, und deshalb das perfekte Werkzeug für Dilaras kleine Machtspiele.
»J... ja. Ja, das ist alles gut so.«
Ihre Stimme zitterte leicht. Ein verheerender Auftritt für Dilara. In Dilaras Gesicht zeichnete sich Augenblicklich die Frustration ab – eine zynische, böse Schärfe legte sich über ihre Züge. Ich konnte ihre Gedanken wie ein offenes Buch lesen: Sie war wütend auf Nicole, weil diese in ihren Augen versagt hatte. Sie war rasend vor Wut auf mich, weil ihr Charme an mir abprallte wie Kugeln an einer Panzerplatte. Und über allem stand ihr maßloser Hass auf Alexandra, die ab heute das Sagen über sie hatte. Ich lehnte mich langsam zurück. Die Fronten waren abgesteckt. Die Machtverhältnisse waren klar definiert. Und ich würde mit eiserner Hand darüber wachen, dass sich jeder an die neue Ordnung hielt.
Nun kam ich zu einem Thema, das auf den ersten Blick vielleicht sehr oberflächlich wirken mochte, aber letzten Endes meiner tiefen Überzeugung und jahrelangen Erfahrung nach einen gewaltigen Unterschied ausmachte. In keiner Welt gab es eine zweite Chance für den ersten Eindruck. Äußerlichkeiten waren keine Nebensache, sondern ein taktisches Werkzeug. Wie man sich präsentierte, wie man sich kleidete und welche Wirkung man im Raum erzielte, entschied oft in den ersten drei Sekunden über Respekt, Durchsetzungsvermögen und Erfolg. Das wurde mir noch einmal mehr verdeutlicht, als die bei mir die Metamorphose vom Uniform- zum Anzugträger stattgefunden hatte. Mit der richtigen Kleidung änderte sich verdammt vieles. Nicht der Charakter – der Kern eines Mannes, seine Instinkte, seine Härte und die Narben seiner Vergangenheit blieben unverändert, egal wie teuer oder fein der Stoff war, der sie verhüllte. Eine neue Haut löschte nicht aus, wer man im Inneren war oder woher man kam. Aber Ansichten verschoben sich. Die eigene Körperhaltung passte sich unwillkürlich der Schnittführung an: Die Schultern strafften sich unter den wattierten Einlagen des Sakkos, der Rücken streckte sich durch, die Bewegungen wurden ruhiger, berechnender und verloren jede unüberlegte Hektik. Sie veränderte schlagartig die Art und Weise, wie andere mit einem sprachen. Ich sah es an mir. Die Stimmen der Menschen wurden leiser, zögerlicher, getränkt mit einem unbewussten Respekt, den sie bei einem Mann in abgenutzter Alltagskleidung niemals aufgebracht hätten. Sie sahen den maßgeschneiderten Anzug, die scharfen Linien, den perfekten Sitz an den Schultern – und sie projizierten augenblicklich Autorität, Wohlstand und Unantastbarkeit hinein, noch bevor ich auch nur ein einziges Wort gesagt hatte. Es war eine visuelle Ansage, die keine Fragen offenließ. Und vor allem veränderte es, wie man selbst sprach. Und diesbezüglich hab es hier in diesem Laden einen riesigen Nachholbedarf.
»Und der letzte Punkt, den ich ansprechen möchte«, begann ich und ließ eine eiskalte, wohlberechnete Pause entstehen, die ihre Wirkung im Raum nicht verfehlte. Die Blicke der Angestellten klebten förmlich an mir; die Luft war so dünn, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
»... ist die Kleiderordnung. Momentan sieht es ja so aus, dass jeder hier erscheint, wie er sich gerade fühlt. Im Privaten ist dagegen auch nichts einzuwenden und ich bin auch tolerant und offen gegenüber jeglichen persönlichen Geschmäckern. Aber Sie sind hier auf der Arbeit. Ich verlange von niemandem, perfekt sitzende Businesskleidung zu tragen, aber Ihre Arbeitsstelle ist trotzdem keine geeignete Präsentationsplattform für Ihre persönlichen Neigungen. Sie, die gesamte Belegschaft hier, sind das Erste, was Kunden und Mitarbeiter sehen. Deswegen gibt es jetzt folgende Regeln: Hemd, Krawatte, Sakko und Halbschuhe für die Herren sind ab morgen Pflicht. Ob Sie einen Anzug tragen oder das alles zu einer Jeans kombinieren wollen, ist Ihre Sache. Aber ich möchte hier keine Sportschuhe mehr sehen und auch keine ... Wie nennt man das ... Wanderschuhe?«
Ich senkte den Blick und deutete mit einer einzigen, schnörkellosen Handbewegung auf den Fußboden hinunter. Dort ragten Ulis klobige, braune Treter unter dem Tisch hervor – ein verfluchtes Schandmal von einem Schuhwerk. Ich verspürte eine tiefe, unverhohlene Verachtung für diese geschmacklose Schlampigkeit. Diese plumpen Teile mit ihren riesigen, groben Profilsohlen waren völlig deplatziert, wenn man nicht gerade eine Tagestour in den Karpaten unternahm. Wer sich so kleidete, hatte nicht nur die Kontrolle über seine Garderobe verloren, sondern besaß keinerlei Selbstachtung. So etwas hatte ich nicht einmal in den widrigsten Einsätzen getragen.
Der Querkopf aus der IT, der doch langsam mal begreifen musste, dass ich ihn heute Schritt für Schritt demontierte, zog die Augenbrauen hoch. Er starrte auf seine Schuhe mit dem auffälligen Wolfstatzen-Logo, ehe er mir wieder ins Gesicht blickte.
»Trekkingschuhe, Herr Mitrochin«, murrte er pfeffrig. »Aber sagen Sie mal, können Sie uns das überhaupt vorschreiben?«
Ich musterte ihn mit klinischer Kälte. Seine gesamte Gestalt war ein einziges Desaster an Nachlässigkeit. Unter seinem abgewetzten, dunkelblauen NATO-Pullover lugte der unebene Kragen eines ausgewaschenen weißen T-Shirts hervor. Der Kerl sah aus, als hätte er morgens im Dunkeln ins Regal gegriffen und das Erstbeste übergezogen. Seine Stirn wurde schwitzig. Er rechnete offenbar damit, dass ich jetzt aufbrausen oder ihn anschreien würde. Aber ich dachte nicht im Traum daran, die Beherrschung zu verlieren. Ein echter Kommandeur brüllte nicht, wenn er Befehle erteilte. Er schnitt.
Lässig, aber absolut unumstößlich lehnte ich mich gegen die Tischkante, verschränkte die Arme und antworte mit einer ruhigen, fast schon gelangweilten Stimme:
»Ja, ich kann. Seriosität auszustrahlen ist wohl deutlich ein wichtiges Interesse des Unternehmens.«
Er holte tief Luft. Seine Brust hob und senkte sich hastig, und in seinen Augen blitzte der vergebliche Versuch auf, sofort wieder zum Gegenschlag auszuholen. Doch bevor er seinen Mund aufbekam, schaltete sich Manuel ein. Der Junge hatte sich vorhin schon als die Stimme der Vernunft entpuppt, und ich er war bestens beraten, dies weiterhin so zu halten. Aber jetzt meinte er wohl, seinem Kumpel zu Hilfe eilen zu müssen.
»Das ist ja alles verständlich«, stotterte Manuel und hob unsicher die Hände. »Aber wir aus der IT haben ja nicht einmal Kundenkontakt.«
Ich beobachtete den jungen Mann mit einer Mischung aus Amüsement und analytischer Schärfe. Er versuchte verzweifelt, seine Nervosität hinter einer lässigen Haltung zu verbergen, aber die leicht zitternde Note in seiner Stimme verriet ihn gnadenlos und die Hände, die vergeblich etwas suchten, womit sie sich beschäftigen konnten, waren der letzte Beweis, den ich benötigte.
Ich schüttelte langsam und bestimmt den Kopf, um Manuel jeglichen Nährboden für weitere Diskussionen zu entziehen. »Das spielt absolut keine Rolle. Es genügt schon, wenn ein Bewerber über den Flur läuft. Ihr Auftreten wirkt sich entschieden auf die Wahrnehmung unseres Unternehmens aus.«
Manuel schluckte trocken und senkte den Kopf, gab sich mit dieser Antwort zufrieden. Was hätte er auch anderes tun sollen? Dietz hingegen saß da wie ein bockiges Kind, völlig unbeeindruckt von Argumenten und nur darauf aus, die Wut in seinem Bauch irgendwie zu entladen. Er sah mich von unten herauf giftig an.
»Ich hoffe, die Damen hier erscheinen dann auch im Kostümchen«, spuckte er den Satz schließlich hämisch in die Runde.
Ein eiskalter, schneidender Impuls schoss mir durch die Adern. Ein einziger präziser Haken hätte genügt, um diesen Kerl von den dürren Beinen zu holen und das arrogante Schmunzeln für immer aus seinem unrasierten Gesicht zu tilgen. Bei Gott, war dieser Typ widerlich. Hatte er wirklich vor gar nichts Respekt? Mir wurde von klein auf eingeprügelt, dass man Frauen mit Würde zu begegnen hat. Nicht, weil man schwach war, sondern weil Stärke verpflichtet. Ein echter Mann beschützt, er wahrt Haltung und zieht keine Frauen in den Dreck – ganz egal, ob er sich zu ihnen hingezogen fühlt oder nicht. Selbst wenn eine Frau für mich romantisch oder körperlich völlig reizlos war, verdiente sie den Grundrespekt meiner Erziehung. Das hatte etwas mit Ehre zu tun. Mit Anstand. Dieser billige, schmierige Sexismus, den so viele dieser westlichen Männer hier wie eine Trophäe vor sich her trugen, war einfach nur ekelhaft. Sie hielten sich für unglaublich modern und überlegen, aber sobald keine Frau hinsah, reduzierten sie Kolleginnen auf Objekte, rissen stumpfe Witze und fühlten sich in ihrer vulgären Herrenrunde auch noch stark dabei. In Wahrheit war das keine Männlichkeit. Es war das Verhalten von schwachen, unbeherrschten Würstchen, die ihre eigenen Komplexe hinter Herabwürdigung versteckten. Ich fragte mich in diesem Moment ernsthaft, wo ich hier gelandet war. Zwischen was für Empathielosen ich meine Tage absitzen musste, während ich eine Maske trug, um nicht aufzufallen. Wenn dieser Idiot gewusst hätte, wer ich wirklich war und zu was diese Hände fähig waren, hätte er vor Angst den Atem angehalten. Ich wandte mich schweigend ab, bevor mein Instinkt die Oberhand gewann. Aber eins stand fest: Wenn er sich noch einmal in meiner Gegenwart so vergaß, würde ich ihm eine Lektion erteilen, die kein Büroreglement auffangen konnte.
Und dann sah ich, worum es außerdem ging. Sein schmieriger Blick wanderte für einen Bruchteil einer Sekunde, scheinbar unauffällig, hinüber zu Frau Allendorf. Sie besaß zweifellos eine verdammt respektable Figur mit langen, wohlgeformten Beinen, was bei jedem Mann im Raum die richtigen Reflexe auslöste, wenn man auf den Rest ihrer alternativen Erscheinung stand. Und so war die Sache glasklar: Sie war das Ziel seiner abendlichen Selbsterkennung. Völlig ungeachtet dessen, dass der Blick, den sie ihm zuwarf, vor Verachtung nur so strotzte.
Ich stieß einen leisen, resignierten Seufzer aus – wenn ich darüber jetzt eine Diskussion startete, würde der Feierabend heute um zwei Stunden nach hinten verschoben werden. »Wir sind uns einig, dass die Frauenmode etwas mehr hergibt, als die für die Herren. Aber hier gilt das Gleiche. Es muss keine Businesskleidung sein, doch es sollte angemessen sein. Ein Arbeitsplatz ist nicht der geeignete Ort für Diskotheken-Outfits und auch nicht, um die eigene Individualität auszudrücken. Die Damen wissen wohl, wer gemeint ist.«
Der Ton in meiner Stimme war von einer schneidenden Schärfe und ließ nicht den geringsten Spielraum für Fehlinterpretationen. Und jeder verdammt noch mal im Raum wusste haargenau, von wem ich hier sprach. Zum einen zielte diese Ansage abfällig auf die beiden Mädels aus der Sachbearbeitung, Dilara und Nicole, zum anderen direkt an Dietz' feuchten Traum, die auf jeden Außenstehenden den Anschein erweckte, in Vollmondnächten Blutopfer zu bringen. Aber das wusste Frau Allendorf selbst, denn ein Dummerchen war sie nicht. Sie verzog ihren Mundwinkel zu einem spöttischen, schiefen Lächeln. Im krassen Gegensatz zu Uli hielt sie jedoch klugerweise die Klappe, schluckte ihren Stolz runter und nahm die Rüge stillschweigend hin. Sie wusste, wann man aufzugeben hatte.
Dietz hingegen hatte den Bogen noch immer nicht überspannt geglaubt. »Und trotzdem finde ich, dass Sie in diesem Punkt übertreiben.«
Ich stand reglos da, die durchtrainierten Arme fest vor der Brust verschränkt, exakt in einem der breiten Lichtstrahlen, die durch die Lamellen in den Konferenzraum fielen. In diesem Moment verfluchte ich, dass ich mir die Maske des Dmitrij Mitrochin übergezogen hatte. Ich spürte ein tiefes, gefährliches Pochen in meiner Schläfe. Ich sah ihn an und wusste mit absoluter Klarheit: In meiner alten Welt hätte ich diesem Mann ohne mit der Wimper zu zucken die Visage gegen die nächste Betonwand gezimmert, um den endlosen aufmüpfigen Diskussionen ein schnelles Ende zu setzen. Aber nein, als Gentleman in Anzügen von Tom Ford, war ich gezwungen, diese lächerliche Belehrung auf zivilem Wege durchzuziehen. Vielleicht sah ich so aus, vielleicht hatte ich die Skills – aber letzten Endes war ich doch nur Kirill Belov, nicht James Bond.
»Nein, das tue ich nicht, denn jeder Einzelne, der hier sitzt, ist Teil unseres Teams. Also gelten die Regeln auch für alle. Oder was würden dazu Sie sagen, wenn ich zum Beispiel Frau Below, die übrigens hier die Einzige ist, die sich mit angemessener Kleidung auszukennen scheint, erlauben würde, im Jogginganzug hier aufzutauchen, und Sie müssten einen Anzug tragen? Dann fragen Sie sich, wie alle anderen Kollegen es finden würden, wenn diese in den genannten Outfits auftreten müssten, während Sie, Herr Dietz, einfach so erscheinen, wie es Ihnen gerade gefällt.«
Ich nutzte Alexandra ganz bewusst als Referenzpunkt. Sie war stilsicher, elegant und hob sich von diesem unorganisierten Haufen ab wie eine Perle vom Kiesbett. Während die Worte den Raum füllten, spürte ich förmlich, wie sich zwischen mir und Dietz eine unsichtbare, undurchdringliche Mauer aus purer Feindseligkeit hochzog. Der Kerl hatte sich inzwischen weit über die Tischkante geschoben, starrte mich aus seinen verengten, geröteten Augen herausfordernd an und knirschte hörbar mit den Zähnen. Er wollte seinen verfluchten Standpunkt verteidigen, koste es, was es wolle – eine klassische, dumme Machtdemonstration eines kleinen Mannes, der in Wahrheit nicht einmal Macht über sich selbst besaß. Aus dem Augenwinkel registrierte ich zeitgleich Alexandras Reaktion. Sie wirkte peinlich berührt davon, dass ich sie in diesen lächerlichen Zank hineinzog, um meine eigene Autorität zu zementieren. Ihre dunklen Augen fixierten mich ermahnend.
»Trotzdem ist es Unsinn«, spuckte Dietz mir stumpf entgegen, stieß sich vom Tisch ab und ließ sich ruckartig gegen die Stuhllehne fallen, sodass diese verdächtig zu knarzen begann.
Und genau in diesem einen Moment hatte er es geschafft. Meine Augenbrauen zogen sich steil zusammen, die feinen Linien um meine Augen vertieften sich zu gefährlichen Furchen. Ich trat einen halben Schritt näher an den Tisch heran und fixierte ihn wie ein Raubtier seine Beute. »Wollen Sie allen Ernstes mit mir darüber diskutieren?«
»Ich diskutiere doch gar nicht. Mir ist das Ganze einfach nur nicht schlüssig«, wiegelte er ab, schüttelte stur den Kopf und blickte abwechselnd zu mir und zu Alexandra hinüber.
Er kapierte nicht einmal, dass er am Abgrund tanzte. Mein Ziel war, dass wir hier alles wieder in geordnete Bahnen bringen, dass der Mief aus der Bude verschwand, dass Arbeitsplätze gesichert wurden, aber die primäre Sorge des alternden Zausels bestand darin, heute nach Feierabend zum Schuhdiscounter fahren zu müssen, um für 39,99€ ein paar Latschen zu holen, die einem Mitarbeiter eines Büros würdig waren.
Plötzlich hielt Alexandra es nicht mehr aus. Sie schnaufte hörbar aus und schnitt mit harten Worten dazwischen, um dieses kranke Spiel zu unterbrechen: »Uli, lass es bitte gut sein!«
Sowohl Dietz als auch ich rissen im selben Moment die Köpfe herum und funkten sie finster an. Es gefiel mir für gewöhnlich ganz und gar nicht, wenn man mir ins Wort fiel, aber Alexandra ließ sich von unseren Blicken nicht im Mindesten einschüchtern. Sie straffte die Schultern und sah Uli mit einem Blick an, der keinen Widerspruch duldete.
»Herr Mitrochin hat recht. Schau dich doch mal im Gebäude hier um. Die anderen ansässigen Firmen tragen beinahe alle Businesskleidung. Im Trakt gegenüber laufen sogar die Azubis in Anzügen herum. Und soweit ich mich erinnere, sahen wir alle auch mal anders aus. Wir haben uns einfach an dieses lockere Leben gewöhnt und uns gehen lassen.«
»Wir? Nur du nicht, willst du sagen, oder? Du donnerst dich ja jeden Tag genug auf!«, schoss Uli sofort giftig zurück und drehte sich vollkommen schamlos gegen sie.
Dieser Haufen Elend griff sie tatsächlich frontal für ihren bloßen Anspruch an, sich angemessen und stilvoll zu kleiden. Seine Fratze war verzerrt von gehässigem Spott und hämischer Galligkeit, als wäre es falsch, nicht in seine triste graue Welt zu passen. Bei so viel ungehobelter Selbstgefälligkeit wurde mir der Mund trocken. Ein Kerl, der meinte, eine Frau auf diese Weise angehen zu müssen, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken, war in meinen Augen schlicht ein schwaches Würstchen. Ich beobachtete Alexandra aufmerksam. Sie atmete einmal tief und schwer durch. Unter der Tischkante sah ich, wie sich ihre Fäuste ballten – die Knöchel zeichneten sich weiß ab. Doch anstatt einzuknicken oder in die Defensive zu geraten, sah ich, wie in ihr eine ungewohnte, eiskalte Arroganz aufkeimte. Keine wilde um sich schlagende Wut, sondern eine unerschütterliche Entschlossenheit, die jedem im Raum ohne Worte klar machte, dass man im Moment besser nicht mit ihr scherzen sollte. Gott, machte mich das an. Dieser Stolz, diese unbeugsame Haltung – es traf mich wie ein Stromstoß im Nacken. Blick wanderte langsam an ihrer aufrechten Gestalt hinab, spürte dem Sitz des feinen Stoffs nach und ein dunkler, tückischer Gedanke schlich sich in meinen Kopf: Was trug sie wohl genau in diesem Moment unter dieser perfekten, eleganten Bluse? Ich kniff kurz die Augen zusammen, um das Bild wieder aus dem Kopf zu bekommen.
Und dann ging sie nahtlos von der Verteidigung in den Angriff über. Ihre Augen blitzten gefährlich auf, die Haltung kerzengerade, und ihre Stimme schlug mit voller Wucht durch den Raum: »Pass mal auf, was du da gerade zu mir sagst, mein Freund! Wir können gleich...«
»Ruhe!«
Der Befehl schlug wie eine Schockwelle durch den Raum. Ich brüllte die Silbe so kompromisslos und scharf heraus, wie ich es früher vor den Männern meines Bataillons getan hatte, wenn ein Einsatz zu kippen drohte. Die bloße Lautstärke und die absolute Härte meiner Stimme rissen die gesamte Belegschaft augenblicklich aus ihren kleingeistigen Streitigkeiten
»Was ist das für ein Kindergarten? Hier geht es um eine simple Kleiderordnung und ich dachte, ich unterhalte mich mit erwachsenen Menschen! Was ist das Problem dahinter? Warum fällt es Ihnen so schwer, das alles zu akzeptieren? Das ist ja beschämend. Ich möchte Sie nur darüber informieren, dass in der Firmenzentrale Uniformen getragen werden. Nur, um Sie daran zu erinnern, worüber Sie sich gerade mokieren.«
Jedes einzelne Wort war eine gezielte Salve. Ich spürte, wie das Blut in meinen Schläfen kochte und die mühsam aufrechterhaltene Beherrschung für einen Moment der puren, eiskalten Führung weichen musste. Meine Gesichtszüge, die ich während des gesamten Vormittags unter Kontrolle gehalten hatte, wandelten sich dramatisch. Das kühle, unbewegliche Schild meines Tarn-Egos Dmitrij Mitrochin drohte zu zerspringen. Schlagartig legte sich eine lähmende, fast schon unheimliche Stille über den Raum. Die Ausbrüche eines Mannes meiner Statur verfehlten ihre Wirkung nie. Mein Blick wanderte über die Gesichter dieser Gurkentruppe, während ich im Zentrum des Raums stand wie ein Feldherr kurz vor dem Urteilsspruch. Unbeabsichtigt, aber wohl notwendig. Und ich erkannte jegliche menschliche Regung. Schuld, Verlegenheit, Angst, Nervosität, Überforderung und Ablehnung. Einzig Alexandra hielt dem Druck stand. Zwar konnte ich sehen, wie der Schreck kurz über ihr Gesicht huschte, doch sie fing sich sofort wieder. Erkannte ich da eine gewissen Schadenfreude ihren Kollegen gegenüber? Dann starrte sie mich an – nicht mit der Demut der anderen, sondern mit einer faszinierten, fast schon elektrisierten Aufmerksamkeit, die mir ein dunkles Zufriedenheitsgefühl in die Brust trieb.
»Dann hätten wir ja auch das geklärt«, brach ich das Schweigen. Ein leichtes, gefährliches Beben schwang in meiner tiefen Stimme noch immer mit, während ich mein Sakko glattstrich. »Ich werde das Meeting an dieser Stelle auch abbrechen. Es sei denn, es hat noch jemand Fragen.«
Im Raum herrschte absolute, schwere Stille. Jedes einzelne dieser verwöhnten Büromäulchen hielt die Klappe. Diese Schlacht hatte ich also gewonnen. Meine Augen streiften langsam über die Gesichter im Konferenzraum – kein einziger hielt meinem Blick stand. Sie wichen aus, fixierten die Tischplatte oder starrten krampfhaft in ihre unbeschriebenen Notizblöcke. Ich machte mir nichts vor. Sobald ich die Tür hinter mir schloss, würden die Messer gezückt. Sicher würden sie hinter meinem Rücken reden, zischeln und Gift spucken. Ich war ab heute das Thema Nummer eins in diesem Laden und würde es auch noch einige Zeit bleiben. Der neue, unnahbare Niederlassungsleiter aus dem Nichts, der keine Gefangenen machte. Aber mir war das scheißegal. Sollen sie tuscheln. Sollen sie sich in der Teeküche die Mäuler über mich zerreißen. Ich war Schlimmeres gewohnt als das infantile Gezischel von frustrierten Schreibtischtätern. Wenn ich diesen Job schon annahm – obwohl ich es finanziell und persönlich bei Weitem nicht nötig hatte –, dann machte ich es wenigstens richtig. Ein halber Einsatz existierte in meiner Welt nicht. Wenn ich eine Position besetzte, dann beherrschte ich sie auch. Noch hatte ich keine tiefere Ahnung von den Details dieses Metiers, von ihren lächerlichen Formularen, Tarifen und internen Abwicklungen. Aber ich würde es schon noch lernen. Schnell, präzise und gründlich. Wie immer. Ich hatte mich schon jeder Hölle gestellt, passte mich jeder neuen Identität an und überlebte Situationen, in denen andere auf Erlösung gewartet hatten. Ein paar Tabellen, unwillige Angestellte und dieses chaotische Büro würden mich garantiert nicht brechen. Ich war Kirill. Und dieses Spiel lief ab jetzt nach meinen Regeln, das war nun in Stein gemeißelt.
»Keine? Das dachte ich mir«, stellte ich kühl fest. »Sollten Sie es sich doch noch anders überlegen, bis 13 Uhr bin ich noch da. Danach habe ich einen Auswärtstermin. Ich wünsche Ihnen allen dann noch einen angenehmen Arbeitstag.«
Betreten und in absoluter Stille erhob sich der Haufen. Das Holz der Stühle schabte über den Boden, als alle vorbildlich ihre Plätze aufräumten. Uli war der Erste, der aus dem Raum stürzte. Dem Kerl rauchte der Schädel, das war ihm auf zehn Meter Entfernung anzusehen. Die Adern an seinen Schläfen traten hervor – der würde sich jetzt draußen erst einmal zwei Kippen hintereinander in den Hals stecken, um seine geschundene Männlichkeit zu reparieren. Während die Belegschaft geduckt aus dem Konferenzraum sickerte, drehte ich mich zu meinem Platz am Kopfende der Tischformation um. Der Frust saß mir tief in den Knochen. Diese zivile Inkompetenz, diese endlose Quatscherei wegen einem Paar Schuhen – es war ein Graus.
Ich griff nach meiner Konferenzmappe aus schwarzem Leder, riss den massiven Reißverschluss mit einem Hieb zu und knurrte leise vor mich hin. Auf Russisch. Es musste einfach raus. »Блядь... Какие же тупые мудаки. Сборище конченых долбоёбов.« (Scheiße... Was für blöde Arschlöcher. Eine Ansammlung von Vollidioten.)
Ich merkte nicht einmal, dass draußen vor der Tür zwei Frauen stehen blieben. Mein taktischer Radar hatte sie für einen Moment ignoriert – ein Anfängerfehler. Ich ließ mir nichts anmerken, spitzte aber die Ohren. Und ich sollte recht behalten. Claudia hatte jedes Wort verstanden. Der Russischunterricht der DDR war nicht vergessen, sie hatte mich exakt verstanden. Und sie hatte meine Flüche an Alexandra weitergegeben. Jedes verdammte einzelne Wort...