40 Meter
40 Meter
Eigentlich hatte ich geplant, den Möbelpackern einfach nur den Schlüssel in die Hand zu geben, damit sie meine restlichen Möbel ins Penthouse bringen konnten, und danach wieder zur Arbeit zu fahren. Ein pragmatischer Plan, strategisch kalkuliert – wie alles in meinem Leben. Aber so einfach war es dann doch nicht, wie sich herausstellte. Die Jungs von der Spedition machten zwar einen passablen Job, aber man merkte ihnen die Erschöpfung des Tages bereits an. Wenn man Abläufe beschleunigen und Risiken durch Nachlässigkeit minimieren wollte, musste man selbst die Führung übernehmen. Manchmal liefen die Dinge eben selbst unter militärischer Präzision schief. Also blieb ich. Und nun war ich mittendrin. Ich hatte mir kurzerhand ein schwarzes T-Shirt und eine Jogginghose übergeworfen und packte selbst mit an. Meine teuren Maßanzüge passten ohnehin nicht zu schweren Kisten, Pappe und Staub, und untätig herumzustehen, während andere die schwere Arbeit machten, widerstrebte meinem Ehrenkodex zutiefst. Wer Respekt wollte, musste mit anpacken.
Die harte, körperliche Arbeit tat auf eine seltsame Art gut. Das Anspannen der Muskeln, das schwere Heben massiver Möbelstücke und der Schweiß, der mir den Rücken hinunterlief, forderten meinen Körper. Es zwang meinen Verstand zumindest für ein paar Minuten dazu, im Hier und Jetzt zu bleiben und mich von den ständigen Gedanken an das Büro und die Bürokratie abzulenken – und vor allem von den ständigen Gedanken an sie. Doch dann kam es zu einer Verzögerung. Ich wartete noch auf eine Kommode, aber der Aufzug wollte einfach nicht kommen. Ich lehnte mich mit verschränkten Armen gegen die kühle Betonwand des Flurs und starrte auf die stumme Fahrstuhltür. Der Geruch von Karton und Holz lag schwer in der Luft, während mein Herzschlag nach dem schweren Tragen langsam wieder runterfuhr. Meine Kiefermuskeln spannten sich unwillkürlich an. Ineffizienz und unvorhergesehene Störungen brachten meinen inneren Kontrollwahn rasch zum Kochen. Ich drückte ein paar Mal auf die Ruftaste, aber nichts tat sich. Einmal. Zweimal. Fest, unnachgiebig, fast so, als könnte mein Wille die Hydraulik im Schacht in Bewegung setzen. Nichts. Kein mechanisches Klacken, kein Ruckeln – nur das leise, monotone Summen im Schacht. Stattdessen durfte ich feststellen, dass das Ding offenbar vom Hausmeister genutzt wurde, denn er war gesperrt. Die Signalleuchte war erloschen, die Kabine auf einer der unteren Etagen arretiert. Eine Blockade aus Bequemlichkeit oder privater Willkür. Eine Mischung aus ungläubiger Wut und kalter Berechnung stieg in mir auf. Es war absurd. Ich hatte Zugriffe im tiefsten Chaos überlebt, verdeckte Einsätze durchgestanden und brenzlige Situationen unter extremem Stress bewältigt – doch ausgerechnet die Rücksichtslosigkeit eines Hausmeisters und ein blockierter Aufzug brachten meine Geduld an die Grenze.
Ich atmete tief durch die Nase ein, um die kochende Schärfe in meiner Brust zu dämpfen, und warf einen prüfenden Blick auf meine Uhr. Jede Minute, die ich hier im Flur festsaß und auf fremde Willkür angewiesen war, war vergeudete Zeit. Aber vor allem gab es mir zu viel Zeit zum Nachdenken. Wenn mein Verstand mangels Ablenkung leer lief, schob sich sofort wieder dieses eine Bild in den Vordergrund: Alexandra. Der trotzige Blick aus ihren braunen Augen, die mich im Büro so unberechenbar aus der Fassung gebracht hatten. Die Unruhe und die Faszination, die sie in mir auslöste, brannten noch immer unter der Oberfläche. In einer Welt voller Verstellung und falscher Identitäten war sie eine Variable, die sich nicht einfach berechnen oder kontrollieren ließ. Ich knirschte mit den Zähnen und ballte die Fäuste. Kontrolle war für mich Überleben. Aber im Moment entglitt mir die Kontrolle – sowohl über diesen verfluchten Aufzug als auch über meine eigenen Gedanken. Ich fuhr mir mit der Hand durch den verschwitzten Nacken, wandte mich ab und blickte in Richtung des Treppenhauses. Wenn die Technik und die Menschen hier versagten, verließ ich mich wie gewohnt auf meine eigenen Kräfte. Ich hatte nicht vor, hier wie ein Statist auf das Wohlwollen eines Hausmeisters zu warten.
Und dann ging es endlich weiter. Ich stand im schummrigen, gedankenvollen Halbdunkel des Flurs, als ein dumpfes, mechanisches Grollen durch die Wände vibrierte. Es war ein tiefes, metallisches Summen, das sich durch den massiven Beton der Decken und Böden direkt in meine Fußsohlen übertragen hat. Ich hielt den Atem an, die Muskeln in meinem Körper augenblicklich auf maximale Aufmerksamkeit geeicht. Unten im Erdgeschoss setzte sich der Aufzug in Gang. Das dumpfe Ruckeln der Seilwinde und das schleifende Geräusch der Hydraulik schnitten durch die nächtliche Stille des Hauses. Ich bereitete mich schon darauf vor, dass mir der Hausmeister eine Predigt halten würde, dass im Erdgeschoss der halbe Flur vollgestellt war. Mein Blick heftete sich starr auf die geschlossenen Türen des Aufzugsschachtes. Das leise Summen kam näher, kroch Etage für Etage nach oben. Ein ungeduldiger Sog zog an meinen Nerven. Mein Puls schlug schwer gegen meine Rippen, während ich da stand, die Fäuste leicht in den Taschen meiner Hose vergraben, bereit, mich der Konfrontation zu stellen. Doch die Überraschung war groß. Denn als sich die Türen mit einem leisen, metallischen Schaben öffneten, stand nicht der mürrische Hausmeister vor mir, sondern sie.
Alexandra.
Ein Blick auf die Uhr an meinem Handgelenk verriet mir, dass sie ja schon seit einer halben Stunde Feierabend hatte. Mein taktischer Verstand registrierte den Bruchteil einer Sekunde vor allen Emotionen ihre Körpersprache: Wie vom Blitz getroffen sah sie mich an, die Pupillen geweitet, die Haltung schlagartig erstarrt. Beinahe wäre ihr der kleine Schlüsselbund aus der Hand gefallen. Sie zuckte zusammen und versteckte ihn hastig hinter ihrem Rücken, als wäre er ein staatsgefährdendes Geheimnis.
Hatte sie etwa einen Schlüssel für den Aufzug?
Die Fragen schossen mir im Sekundentakt durch den Kopf, während ich das Bild verarbeitete. Die sterile, kühle Beleuchtung der Aufzugskabine warf harte Schatten auf ihr Gesicht, ließ ihre Züge noch feiner, aber auch angespannter wirken. Der muffige Möbelgeruch im Flur löste sich augenblicklich auf, völlig überlagert von dem schwachen, unaufdringlichen Duft ihres Parfüms – diese Noten von Rosen und Jasmin, die mir schon im Büro den Atem rauben konnten.
»Herr Mitrochin, was machen Sie denn hier?«, fragte sie mich, und ihre Stimme trug eine deutliche Erschütterung in sich, die sie nur mühsam zu überpudern vermochte.
Wie sollte ich ihr das jetzt erklären? Ein Teil von mir wollte augenblicklich die Kontrolle über das Gespräch an sich reißen, die Situation analysieren und eine wasserdichte Legende auftischen. Doch der Mann in mir, der gerade in verschwitztem schwarzen T-Shirt und Jogginghose vor einer Untergebenen stand, spürte, wie die kühle Distanz der Rolle als Niederlassungsleiter ins Wackeln geriet.
»Frau Below, nett Sie schon wieder zu sehen«, zerknirscht lächelte ich sie an. Es war kein professionelles Büro-Lächeln, sondern eine unwillkürliche, beinahe defensive Reaktion auf den Schock. »Ich ziehe gerade ein. Und Sie?«
Ich hätte es ihr gerne anders erklärt, eleganter, überlegener, aber dafür war es nun zu spät. Die Absurdität der Situation ließ mir keinen Raum für taktische Winkelzüge. Dieses Zeitfenster hatte ich verpasst. Die Tür war zu.
»Ich vermute, dass Sie bereits aus meiner Akte herausgelesen haben, dass ich auch hier wohne.«
Sie riss sich sichtlich zusammen, verschränkte die Arme vor der Brust und bemühte sich um einen festen Stand auf ihren Stiefeln, doch vorhin war ihr absolut alles aus dem Gesicht gefallen. Ihre Überraschung war ungefiltert und echt gewesen – genau wie meine eigene.
Und auch ich gab mir große Mühe, so zu tun, als wäre das alles nur ein überraschender Zufall. Dass dieses Penthouse direkt über ihrer Wohnung lag, hatte ich ja schließlich auch erst bemerkt, als ich meinen eigenen Namen an der Klingel anbringen wollte. Was ich übrigens erst einmal verworfen hatte. Eine verdammt unberechenbare Komponente in meinem ohnehin schon riskanten Spiel unter falscher Identität.
»Denken Sie wirklich, dass ich mir die Adressen meiner Mitarbeiter merke? Ich bin genauso überrascht wie Sie.«
Ja, ich log. Was ich leider sonst verdammt gut konnte, aber gerade war es nicht gerade überzeugend. Die Lüge lag schwer, trocken und unecht auf meiner Zunge. Meine Stimme klang eine Spur zu rau, zu unberechenbar für die gewohnte Maske des Herrn Mitrochin. Mein Körper war von der harten Arbeit noch aufgewärmt, das Adrenalin zirkulierte durch meine Adern, und ihre unerwartete Nähe brachte mein System völlig aus dem Gleichgewicht.
»Nun ja...«, begann sie, immer noch von der Situation überwältigt.
Ihr Blick wanderte irritiert von meinen breiten Schultern, die sich unter dem dünnen Baumwollstoff abzeichneten, zu den vollgepackten Umzugskartons im Hintergrund. Auf den braunen Pappschachteln prangte in dicker schwarzer Marker-Schrift mein Behelfsname. Dann kehrte ihr Blick wieder zu meinen Augen zurück. Sie stand da wie eine Verdächtige im Scheinwerferlicht, gefangen im Zwiespalt zwischen Fluchtreflex und weiblicher Neugier.
»Keine Angst«, ich versuchte, die spürbare Spannung zwischen uns mit einem Lächeln zu lockern und diesem hochexplosiven Moment die Gefährlichkeit zu nehmen. »Ich werde Sie nicht mitten in der Nacht mit geschäftlichen Fragen heimsuchen. Auch ich möchte meinen Feierabend genießen.«
Und das am besten mit ihr. Der Gedanke schoss so unvermittelt, wuchtig und schamlos in meinen Kopf, dass sich meine Atemwege für einen Herzschlag verengten. Sie hier zu sehen, weit weg vom tristen Büro, der künstlichen Etikette und den aufmerksamen Blicken der Kollegen, entfachte dieselbe unruhige, sture Erregung, die mich schon den ganzen Tag über gequält hatte. Mein Blick glitt für einen winzigen Sekundenbruchteil über ihre Lippen, ehe mein Verstand die Notbremse zog.
Ob ich sie auf einen Kaffee einladen sollte?
Alexandra zeigte kurz mit dem Finger ungläubig in Richtung der Treppe, die zu meinem Penthouse führte. Ihre Hand zitterte ganz leicht, und ihre Augen wanderten zwischen der Stufenflucht und mir hin und her, während sich ihre Lippen leicht öffneten. Es war, als würde sie nach Luft schnappen, mir schlichtweg nicht glauben wollen, dass ein popeliger Niederlassungsleiter in so einem exklusiven Penthouse wohnte. Sie konnte ja nicht ahnen, dass es für mich eher einer Festung glich. In ihren grauen Augen spiegelte sich eine wilde Mischung aus Überrumpelung und kühler Skepsis wider. Ich spürte, wie ihr Blick unwillkürlich an meinen Schultern hängen blieb – an dem eng anliegenden Stoff des T-Shirts, der nach dem stundenlangen Heben der Kisten jeden Muskel abzeichnete. Das Blut in meinen Adern zirkulierte noch immer von der Anstrengung, und ihre absolute Nähe, gepaart mit diesem überraschten, fast hilflosen Ausdruck in ihrem Gesicht, jagte mir eine Welle heißer, unruhiger Erregung durch den Körper. Mein Puls schlug etwas zu hart gegen meine Rippen.
Dann fing sie sich wieder. Die professionelle Schutzmauer, die sie im Büro so sorgfältig hochzog, schob sich bröckelnd wieder an ihren Platz. »Glückwunsch. Es scheint, als hätten Sie bei Ihrer Einstellung gut über Ihr Gehalt verhandelt. Bringen Sie mir das bitte bei Gelegenheit bei.«
Sie klang ein wenig sarkastisch. Aber es war unbeabsichtigt. Das merkte man an dem feinen Zittern in ihrer Stimme und daran, wie sie den Blick ganz kurz abwandte, um die Fassung nicht zu verlieren.
»Ja, nun... das ist immer eine Frage der Perspektive«, entgegnete ich und zuckte entschuldigend mit den Schultern.
Ich bemühte mich um ein entspanntes, fast beiläufiges Lächeln, um die erdrückende Spannung im Raum zu nehmen, obwohl mir in diesem Moment alles andere als nach Beiläufigkeit zumute war. Der Anblick ihrer feinen Halslinie, das sanfte Heben ihrer Brust unter dem beigen Mantel – das alles forderte meine Disziplin auf eine Weise heraus, die ich verfluchte. Ich schob die Hände tief in die Taschen meiner Jogginghose, auch um zu verhindern, dass ich nach ihr griff oder dass sie sah, wie sich meine Fäuste sich anspannten.
»Wie lange wohnen Sie eigentlich schon hier?«
»Seit einem Jahr, aber die Wohnung ist schon länger im Besitz meiner Familie. Es ist übrigens ein ruhiges Haus. Sie haben also eine gute Wahl getroffen. Bis auf die Tatsache, dass der Aufzug nur bis in meine Etage fährt und dort endet.«
Ich nickte verstehend und blickte, die Hände weiterhin starr in den Hosentaschen vergraben, zu den Stufen der Treppe hinauf. »Die paar Schritte nach oben schaden mir sicher nicht.«
Ein Schmunzeln huschte über meine Lippen, doch die körperliche Präsenz von ihr ließ mich nicht los. Jeder Atemzug verbrannte das kühle Aroma ihres Parfüms in meiner Lunge. Eine unangenehme, fast greifbare Stille legte sich zwischen uns. Das Summen der Flurbeleuchtung war das einzige Geräusch im langen, von Kartons versperrten Korridor. Unsere fragenden Blicke trafen sich, verhakten sich für einen Sekundenbruchteil zu lang, und ich sah ihr an, dass es ganz und gar nicht in ihre Vorstellung passte, dass sie nun ausgerechnet mit ihrem Chef im selben Haus wohnen würde. Es schien sie zu verunsichern – und diese Verunsicherung verlieh ihr eine Faszination, der ich mich kaum entziehen konnte. Mein Magen zog sich bei dem Gedanken zusammen, dass wir künftig nur durch eine einzige Decke voneinander getrennt schlafen würden.
»Gut, Herr Mitrochin«, sagte sie schließlich abrupt. Sie machte eine halbe Drehung, ließ mich mitten im Flur stehen und ging mit schnellen, fast fluchtartigen Schritten auf ihre Wohnungstür zu. »Ich muss dann mal weiter. Ich habe noch ein paar Sachen zu erledigen.«
Ich hatte wohl doch recht. Sie stand absolut nicht auf mich, denn sie konnte es ja kaum erwarten, von hier wegzukommen. Kein lockerer Spruch unter Nachbarn, kein belangloses Geplapper, nicht einmal das Angebot, dass sie mir gerne aushalf, sollte es in meiner Küche noch an Salz oder Zucker fehlen. Sie sah in mir nur den unberechenbaren Vorgesetzten, der plötzlich in ihre Privatsphäre eingedrungen war. Enttäuschung, gepaart mit einem kratzenden Dämpfer für meinen männlichen Stolz, stieg in mir auf.
»Natürlich, entschuldigen Sie bitte. Ich wollte Sie nicht aufhalten«, beschwichtigend hob ich die Hände, trat einen Schritt zurück und zeigte schließlich auf meine Armbanduhr, um der Situation wieder eine nüchterne Wendung zu geben. »Übrigens werden wir auch nicht mehr allzu lange mit dem Umzug zu tun haben. Schönen Abend dann noch.«
»Danke«, murmelte sie, ohne sich noch einmal richtig umzudrehen. »Ihnen auch.«
So schnell es ging, drängte sie sich an mir vorbei und eilte in Richtung ihrer Wohnungstür. Der Luftzug trug noch einmal ihr Parfum zu mir herüber, wirbelte es auf, und traf mich wie ein physischer Schlag. Meine Nackenmuskeln spannten sich unwillkürlich an, als ich ihr nachsah. Ihre Finger zitterten sichtlich, als sie versuchte, den Schlüssel ins Schlüsselloch zu führen. Ein hektisches, metallisches Klappern hallte durch den kalten sterilen Flur.
Sie war also sichtlich nervös. Jetzt musste sie mich für einen totalen Idioten halten. Ein aufdringlicher Chef, der zufällig in ihr Haus zog, verschwitzt im Flur stand und sie mit dämlichen Worten abfing, die irgendwo zwischen Smalltalk und peinliche Berührung lagen – verdammt noch mal, das war ein taktischer Totalschaden auf ganzer Linie. Nachdem ihre Wohnungstür schließlich mit einem dumpfen, endgültigen Klacken ins Schloss gefallen war, kehrte eine unheimliche, fast drückende Ruhe ein. Der Korridor wirkte plötzlich riesig, fast steril im kalten Neonlicht der Deckenstrahler. Das mechanische Summen des Aufzugs war komplett verstummt, aber der Schacht trug ein schweres Rumpeln hoch. Ich stand alleine da, die Arme straff vor der Brust verschränkt, während der süßliche Duft ihres Parfüms noch schwach in der kühlen Luft hing und sich unerbittlich in mein Gedächtnis brannte. Ich fuhr mir schwer mit der flachen Hand über das Gesicht, spürte die rauen Stoppeln an meinem unrasierten Kiefer und atmete langsam durch den Mund aus. Das Adrenalin ebbte nur langsam ab und hinterließ eine dumpfe, körperliche Unruhe.
Und ich wartete noch immer auf meine verfluchte Kommode.
Mein Abend war noch lang, denn ich hasste es, zwischen Kisten und unordentlich abgestellten Möbeln zu wohnen. Spartanisch war in Ordnung – bei meinen Einsätzen hatte ich nicht nur einmal Wochen auf engstem Raum verbracht, wo eine Pritsche und eine Kiste der einzige Luxus waren. Aber wenn etwas da war, musste alles seinen festen Platz haben. Ordnung bedeutete Kontrolle, und Kontrolle bedeutete Überleben. Ich hatte es gern, wenn jeder Handgriff saß, ohne dass ich nachdenken musste. Ich hasste es zu suchen. Suchen war Zeitverschwendung, Nachlässigkeit, eine potenzielle Schwachstelle. Also räumte ich direkt alles ein. Bis nachts um zwei. Ich packte Karton für Karton aus, sortierte meine restliche Kleidung mit akribischer Präzision in die Schränke im Ankleidezimmer und stellte die wenigen, sorgfältig ausgewählten Gegenstände an ihren zugewiesenen Ort. Der Schweiß brannte in meinen Augen, und meine Schultern brannten von den Stunden des Hebens, doch die körperliche Arbeit war der einzige Puffer zwischen mir und meinen Gedanken. Immer wieder erwischte ich mich dabei, wie mein Blick zur glatten Parkettfläche hinab wanderte.
Ich verhielt mich dabei absichtlich leise, schob die schweren Massivholzmöbel nicht über den Boden, sondern hob sie mit angespannten Rumpfmuskeln millimetergenau an, ehe ich sie lautlos absetzte. Ich wollte Alexandra nicht stören. Ich stellte mir vor, dass ihr Schlafzimmer direkt unter meinem lag. Dieser Gedanke war flüssiges Blei in meinen Adern. Ich trat leiser auf, rollte die Füße behutsam ab, während ich mich durch die dunklen Räume meines neuen Penthouse bewegte. Ich sorgte mich darum, dass sie gut schlief. Sie wirkte heute im Büro und vor allem unten am Aufzug so getrieben, so angespannt. Der Job unter meiner Führung verlangte ihr viel ab, und diese unerwartete Konfrontation im Flur hatte ihr den Rest gegeben. Ich hoffte aufrichtig, sie hatte schöne Träume, konnte sich erholen. Sie verdiente diese Ruhe. Doch mein Verstand verweigerte mir die reine, distanzierte Fürsorge. In der absoluten Stille der Nacht, nur begleitet vom leisen Gluckern der Heizungsrohre und dem ferne Rauschen der Stadt, füllte das Bild von ihr jede Lücke in meinem Kopf.
Ich fragte mich, was ihre Rituale am Abend waren. Wie trat sie auf, wenn die Rüstung der perfekten Angestellten fiel? Kochte sie sich etwas Frisches, stand sie in einer lockeren Bluse an der Küchenzeile und probierte mit nachdenklich geneigtem Kopf von einem Löffel? Oder bestellte sie sich einfach etwas, weil der Tag im Büro wieder einmal zu lang gewesen war? Ging sie nach dem Dienst zum Sport, um den Kopf frei zu bekommen, lief sie mit Kopfhörern durch den Park, während der Wind ihre Haare durchwehte? Oder ließ sie sich lieber mit einem guten Buch und einem Glas Wein auf dem Sofa nieder, die Beine unter einer Decke vergraben? Mein Blick blieb an der Kante des Parketts hängen. Direkt da unten, nur einen halben Meter Beton, Dämmung und Holz von meiner Fußsohle entfernt, lag sie vielleicht gerade im Bett. Die Vorstellung traf mich mit einer unerwarteten, rohen Wucht tief im Unterleib. Meine Atemzüge wurden schwerer, die Muskeln in meinem Nacken spannten sich unwillkürlich an. Ob sie im Pyjama schlief? Aus weicher, cremefarbener Seide, die sich beim Umdrehen sanft an ihre Hüften schmiegte? Oder... nackt.
Verdammt.
Ich schloss die Augen und fluchte stumm. Die Welle körperlicher Erregung schoss heiß und unbarmherzig durch meinen Körper. Ich sah sie bildlich vor mir: die kühle Haut, das dunkle Haar auf dem Kissen verteilt, das sanfte, gleichmäßige Heben ihrer nackten Brust im Halbdunkel. Meine Hand verkrallte sich im Karton, den ich gerade hochhob. Ich war ihr Chef. Ich war hier unter falscher Identität, auf einer gefährlichen Mission, bei der jeder Fehler tödlich sein konnte. Und doch stand ich mitten in der Nacht in einer halb eingerichteten Wohnung und verzehrte mich nach der Frau, die direkt unter mir schlief. Ich atmete tief durch die Nase ein, versuchte die Hitze in meiner Brust mit eisiger Disziplin hinunterzudrücken, doch der Gedanke an sie verblasste nicht. Er nistete sich ein. Und ich wusste, dass der morgige Tag im Büro die reinste Folter werden würde.
Ich ging hinaus auf die Dachterrasse und setzte mich auf die kalte Betonbrüstung, um eine Zigarette zu rauchen. Das leise Klacken eines billigen Einwegfeuerzeugs war für einen Bruchteil einer Sekunde das einzige Geräusch, ehe die kleine Flamme sofort wieder vom Wind davongeblasen wurde. Erst beim dritten Versuch glühte die Spitze der Zigarette auf. Ich zog den bitteren Rauch tief in meine Lunge, behielt ihn für zwei lange Herzschläge dort und spürte, wie die kühle Schärfe des Nikotins meine angespannten Nerven wenigstens ein kleines Stück weit betäubte. Der kalte Dezemberwind pfiff unerträglich hier oben im dreizehnten Stock. Er riss an meinem dünnen, vom Schweiß noch leicht feuchten T-Shirt, strich mir eisig über den Nacken und ließ meine Haut frösteln, während mir die Hitze in meinem Unterleib noch immer eingebrannt schien. Ich lehnte mich ein Stück nach vorn und schaute nach unten.
Wie tief war das? 35 Meter? Ich tippte eher auf 40.
Ich hatte gelernt, Abstände und Höhen gut einzuschätzen. Die Jahre bei meiner Einheit schärften den Blick für Kanten, Winkel, Fallhöhen und Zielpunkte. Mein Auge taxierte die asphaltierte Zufahrt unten, die mattschwarz glänzenden Autodächer und die feinen Risse im Pflaster des Innenhofs. Ein Sturz aus dieser Höhe bedeutete das absolute Ende. Kein Ausweichen, keine Korrektur, nur vier Sekunden freier Fall. Ich zog noch einmal an der Zigarette, während der Wind die Asche ins Dunkel blies, und hoffte, dass mich hier niemand sah und für einen potenziellen Selbstmörder hielt. Das Letzte, was ich brauchte, war ein Aufgebot an Streifenwagen oder besorgten Nachbarn vor der Tür – allen voran Alexandra, die verschreckt aus ihrer Wohnung stürzte und mich oben auf der Kante balancieren sah.
Die Wahrheit war: So nah am Abgrund zu sitzen war der einzige Kick, den ich noch hatte.
Der Reiz der absoluten Kontrolle in einem Moment, in dem ein einziger falscher Impuls den Tod bedeutete. Das Adrenalin schoss mir scharf und rein durch die Adern, vertrieb die Müdigkeit aus meinen Knochen und verdrängte für einen Augenblick die Verwirrung, die Alexandra unten in mir hinterlassen hatte. Wenn du auf einer fünfzig Zentimeter breiten Brüstung sitzt und der Wind an deinen Schultern zerrt, gibt es keinen Raum für zögerliche Gedanken. Der Körper schaltet auf Überlebensmodus. Die Pupillen verengen sich, der Puls stabilisiert sich auf einem harten, ruhigen Takt, und die ständige innere Unruhe verstummt. Der Mann im Maßanzug, mit dem teuren Nischenduft und den Schuhen für 1000 Euro – dieser Herr Mitrochin, als der ich mich täglich verkleiden musste –, war im Grunde eine gut polierte Maske. Dahinter steckte noch immer ein Mann, zu dessen früherem Leben es fest gehört hatte, sich mit Abseilgeschirr, Sturmgewehr und voller Montur kopfüber von solchen Hochhäusern abzuseilen. Um Leben zu retten. Oder welche zu beenden.
Seit fünf Jahren spielte ich Dmitrij Mitrochin. Ich trug maßgeschneiderte Hemden, unterzeichnete Verträge, führte Vorstellungsgespräche und bewegte mich in klimatisierten Konferenzräumen. Ich roch nach teurem Holz und Leder, nicht mehr nach Waffenöl und verbranntem Pulver. Aber die Haut unter diesen edlen Stoffen war dieselbe. Die Narben an meinen Rippen und der Schulter stammten nicht aus dem Fitnessstudio, sondern von Splittern und Häuserkämpfen. Diese Identität war meine Tarnung, mein Schild. Doch hier oben, im dunklen Wind, mit der Zigarette zwischen den Fingern und den Füßen über dem Abgrund, war die Maske ab. Ich ließ den Blick über die Dächer der Stadt gleiten. Die Lichter der Straßenzüge wirkten wie ein glühendes Adernetz. Irgendwo da unten schliefen die Menschen ihr friedliches, geordnetes Leben, ahnungslos, welche Abgründe nur wenige Meter über ihren Köpfen existierten.
Und genau unter meinen Oberschenkeln, nur eine Etage tiefer, lag Alexandra.
Der Gedanke kehrte zurück, uneingeladen und unerbittlich. Diesmal mischte er sich mit dem Adrenalin der Höhe zu einer berauschenden, gefährlichen Mischung. Ich stellte mir vor, wie es wäre, jetzt nicht hier oben zu sitzen, sondern unten an ihrer Tür zu stehen. Nicht als ihr Vorgesetzter Dmitrij, oder Dima, der sich für den späten Lärm entschuldigte, sondern als der Mann, der ich wirklich war. Ungefiltert. Dominant. Mit der Härte meiner Vergangenheit und dem Verlangen, das mich seit Tagen von innen heraus verbrannte. Ich stellte mir vor, wie überrascht sie die Tür öffnen würde, wie ihr der Atem stocken würde, wenn sie in meine Augen blickte und keine geschäftliche Distanz mehr darin fand. Ich würde das Zimmer betreten, ohne um Erlaubnis zu fragen, die Tür hinter mir ins Schloss fallen lassen und den Abstand zwischen uns auf Null reduzieren. Ich wollte spüren, wie ihr zarter Körper unter dem Druck meiner Hände nachgab, wie sie vor Schreck und Erregung erzitterte, wenn ich sie gegen die Wand drückte. Ich wollte ihren Duft nicht nur aus der Luft aufsaugen, sondern direkt von der warmen Haut an ihrem Hals trinken. Meine Finger krampften sich um die raue Kante der Betonbrüstung. Die Adern an meinen Unterarmen traten deutlich hervor. Mein Atem ging flacher, und eine harte, drängende Erregung spannte sich in meiner Hose. Es war eine primitive, männliche Gier – das Verlangen, diese Frau für mich zu beanspruchen, sie zu beschützen und gleichzeitig völlig zu besitzen. Sie war der stärkste Störfaktor in meinem sorgfältig geplanten Einsatz, und doch gab es nichts auf dieser Welt, das mich gerade mehr anziehender fand als das Risiko, das sie bedeutete.
Ich drückte die aufgerauchte Zigarette an der Betonkante aus, schnippte den Filter in die kalte Nacht, und verharrte noch einen langen Moment in der Dunkelheit. Der Wind kühlte die Hitze in meinem Gesicht ab, aber das brennende Gefühl tief in meiner Brust blieb. Ich schwang die Beine langsam zurück auf die sichere Seite der Dachterrasse. Mit festem, lautlosem Schritt ging ich durch die Glasflügeltür zurück ins Penthouse. Ich wusste, dass die Nacht kurz werden würde. Und ich wusste, dass ich morgen im Büro jede einzelne Sekunde meiner Selbstbeherrschung aufbringen musste, um nicht die Kontrolle zu verlieren, wenn ich ihr wieder in die Augen sah.
Schon als ich die Klinke des Großraumbüros herunterdrückte, wusste ich, dass hier im Bruchteil einer Sekunde vor meinem Eintreten noch geredet worden war – und zwar über mich. Dieser unfehlbare Instinkt, den man im harten Einsatz in den verlassenen Schluchten und Betonwüsten trainierte, ließ sich nicht einfach ablegen, nur weil man jetzt in einem Frankfurter Büro saß und einen perfekt angepassten Anzug trug. Die Luft im Raum stand förmlich, schwer vor unausgesprochenen Worten und jener plötzlichen, künstlichen Stille, die nur dann entsteht, wenn der Feind – oder in diesem Fall der Chef – das Revier betritt. Ich scannte die Lage in Millisekunden. Frau Beckstein saß da und setzte ein viel zu höfliches, fast schmerzhaft aufgesetztes Lächeln auf, das ihr Gesicht in tausend feine Falten legte. Franky fuhr erschrocken herum und versuchte hektisch, den Kopfhörer unter einem Stapel Notizblöcke verschwinden zu lassen, als ginge es um ihr nacktes Überleben. Und Alexandra? Alexandra ließ sich von meiner Anwesenheit demonstrativ gar nicht erst von ihrer eigentlichen Arbeit abbringen, zumindest versuchte sie es. Doch aus dem Augenwinkel fing ich diese ganz besondere Anspannung in ihrem Blick ein. Ein feiner, fast unmerklicher Argwohn lag darin, der mir sofort verriet, dass sie genau wusste, dass ich durch ihre kleine Inszenierung hindurchsah. Nein, dumm war diese Frau absolut nicht. Im Gegenteil: Sie besaß einen scharfen Verstand, der mich auf eine verdammte Probe stellte. Sie wusste ganz genau, dass wir uns hier ein psychologisches Duell lieferten.
Um das Eis zu brechen – oder vielmehr, um zu sehen, wie weit sie die Maske aufrechterhalten konnte –, trat ich näher und ging pragmatisch an die Ausgangspost, die der Kurier in Kürze abholen würde. Ich ließ die Umschläge durch meine Finger gleiten, gab mir aber insgeheim Mühe, ihre Reaktion nicht aus den Augen zu verlieren. Und genau in dem Moment, als die Luft zwischen uns so dick war, dass man sie mit dem Kampfmesser hätte schneiden können, brach ich das Schweigen.
»Na«, fragte ich mit tiefer, gelassener Stimme und sah die drei Frauen abwechselnd an, »heute schon so fleißig um diese Uhrzeit? Sie scheinen ja ganz vertieft zu sein.«
Alexandra hob den Kopf, ihre braunen Augen blitzten angriffslustig, auch wenn sie versuchte, die Fassade zu wahren. »Nicht nur um diese, Herr Mitrochin. Wir geben zu jeder Tageszeit alles«, antwortete sie mit einer kecken Entschlossenheit, die mir unmissverständlich signalisierte, dass sie mich so schnell wie möglich wieder loswerden wollte. Sie hoffte wohl, mich mit dieser glatten, pflichtbewussten Antwort abfertigen zu können, damit ich mich wieder in mein Büro verkrachte.
Natürlich dachte ich gar nicht daran, ihr diesen Gefallen zu tun. Ich ließ die Briefe, die ich in den Händen hielt, mit einem leisen Rascheln zurück in die gelbe Postkiste fallen und setzte mich in Bewegung. Meine Schritte auf dem Teppichboden klangen schwer und kontrolliert. Ich ging direkt weiter auf Alexandras Schreibtisch zu, bis ich schließlich mit verschränkten Armen genau zwischen Frau Becksteins Platz und dem ihren stehen blieb. Ich blickte auf sie herab, musterte die feine Linie ihres Kinns und nickte schließlich betont versöhnlich, um die psychologische Schraube langsam anzuziehen.
»Bei Ihnen dreien hege ich daran keinen Zweifel.«
Wenn dieses Kompliment mal nicht runterging wie Butter. Ich sah, wie es in ihr arbeitete. Wenn ich nicht generell über eine verdammt gute Menschenkenntnis verfügt hätte, hätte ich mir fast vorgestellt, wie sie auf diese lobenden Worte anspringen würde. Doch Alexandra war zäh; sie biss die Zähne zusammen, während in ihrem Kopf die Zahnräder ratterten. Zweifelte sie gerade an sich selbst? Fragte sie sich, ob ich sie durchschaute? Die Verunsicherung, die kurz durch ihre Züge zuckte, war wie ein süßer Sieg für meinen Jagdinstinkt.
»Danke«, sagte sie schließlich und sah direkt zu mir auf, »Das ist schön zu hören.«
Ein Gesprächsthema. Verdammt noch mal, ich brauchte ein Gesprächsthema. Fieberhaft suchte ich hier in dem Raum nach etwas, was mir Futter geben konnte. Was sich allerdings nicht als besonders leicht herausstellte, wenn man von dem ganzen Mist hier keine Ahnung hatte. Oh Moment. Ich zeigte kurzerhand auf die monumentalen Papierstapel, die sich auf ihrem Tisch türmten und jede freie Fläche blockierten.
»Was machen Sie da eigentlich, Frau Below? Hat es etwas zu bedeuten, dass der halbe Aktenschrank auf Ihrem Tisch liegt?«
Vermutlich interpretierte ihr misstrauischer Verstand meine Worte mal wieder als unterschwellige Kritik oder als arroganten Kontrollzwang von oben herab. Sie schien zu glauben, ich wolle sie bei der Arbeit überwachen oder ihre Kompetenz anzweifeln. Doch das Gegenteil war der Fall – mein Kopf war schlicht voll mit Gedanken an sie, an unser letztes Aufeinandertreffen und an die verdammt dünne Decke, die uns in dieser Nacht im Hochhaus voneinander getrennt hatte. Sie wusste einfach nicht, dass mein Interesse längst keine rein dienstliche Angelegenheit mehr war.
»Nein, natürlich nicht. Herr Mitrochin, das ist nur meine Abendlektüre«, entgegnete sie trocken.
Sofort brach im Hintergrund das Unheil aus. Ich hörte, wie die Beckstein und die käseweise Allendorf augenblicklich hinter ihren Monitoren zu kichern begannen – ein ersticktes, nervöses Lachen. Just in dieser Sekunde wurde Alexandra offenbar bewusst, wie frech, ja fast respektlos ihre Antwort gegenüber ihrem direkten Vorgesetzten eigentlich gewesen war. Sie biss sich heftig auf die Unterlippe, um nicht noch einen weiteren ungefilterten Spruch hinterherzuschieben. Ich wandte den Blick langsam von ihr ab und fixierte anderen Mitarbeiterinnen. Das Kichern erstarb so schnell, wie es entstanden war. War besser so.
Schließlich wandte ich mich wieder Alexandra zu. Meine dunklen Augen musterten sie unerbittlich, prüften jede Regung, jedes Zucken ihrer Muskulatur. Sie rechnete fest mit der nächsten Standpauke, erwartete, dass ich ihr einen Vortrag über Respekt vor Vorgesetzten halten würde. Doch statt zu strafen, schmunzelte ich nur leicht und löste schließlich die strenge Umklammerung meiner Arme, indem ich mich lässig gegen die Kante ihres Schreibtisches lehnte.
»Ihre Abende scheinen offensichtlich leider sehr unausgefüllt zu sein.«
Ich sah Alexandra absichtlich nicht an, während ich nach einer Akte griff und darin blätterte. Jede Regung, jedes Zucken ihrer feinen Gesichtszüge wollte ich stattdessen mit der bloßen Wahrnehmung meines peripheren Blickfelds einfangen, um sie nicht zu alarmieren. Es war ein verdeckter Treffer. Meine Feststellung schwebte schwer und unübersehbar im Raum, ein kleiner, gezielter Stich ins Wespennest, und wenn ich verdammt viel Glück hatte, verriet sie mir jetzt doch etwas über sich. Rein aus dem Zugzwang heraus. Mein Instinkt flüsterte mir zu, dass sie das schlagen würde – dass die nackte, ungeduldige Wahrheit über ihr verwaistes Privatleben sie dazu treiben musste, sich zu rechtfertigen, um ihre geschätzte Fassade zu wahren. Ich wartete auf das winzige Knacken in ihrer eisernen Selbstkontrolle. Aber nein. Clever wie sie war, parierte sie mich und die brenzlige Situation, indem sie sich mehr oder weniger geschickt herausredete. Mit einer bewundernswerten Kälte lenkte sie den Spieß um, schob die lästigen Systemfehler des Vorgängers vor und tat so, als wäre ihr nächtliches Wühlen in den Papierbergen nichts weiter als dröge Pflichterfüllung
»Ach, das war doch ein Witz«, kam sie mir plötzlich fast weich entgegen, um mir ihren vorherigen Spruch bloß nicht nachzutragen. »Ihr Vorgänger hat doch alle Mitarbeiterdaten aus dem System gelöscht und immer, wenn ich etwas Luft habe, bin ich dabei, alles wieder einzugeben.«
Sie schlug zurück, elegant und wehrhaft, ohne sich wirklich zu beugen, und mein Respekt für diesen starrsinnigen Wildfang wuchs in diesem Augenblick ins Unermessliche. Sie ließ sich nicht einfach zähmen. Mit einer abrupten, fast demonstrativen Bewegung warf ich die dicke Akte zurück auf den Holztisch, so dass die Papiere raschelten. Die unsichtbare Hitze, die von ihrer Haut ausging, brannte mir noch im Nacken, als ich den ersten, entschlossenen Schritt in Richtung Ausgang machte. Wenn ich auch nur eine einzige Sekunde länger in diesem betörenden Duft stehengeblieben wäre, hätte ich meine Deckung fallen gelassen und sie direkt vor den Augen ihrer Kolleginnen an mich gezogen.
Ich musste verschwinden. Bevor das Raubtier in mir die Kontrolle verlor.
»Ach so. Ja ... Sehr schön«, sagte ich mit neutraler, fast beiläufiger Stimme und warf ihr über die Schulter einen letzten, tiefen, unnachgiebigen Blick zu, der keinen Widerspruch duldete und ihr unmissverständlich zu verstehen gab, dass dieses gefährliche Spiel zwischen uns gerade erst begonnen hatte. »Aber kommen Sie bitte in einer Stunde trotzdem zu mir ins Büro, ich hätte da etwas mit Ihnen zu besprechen.«
»Sehr wohl, kein Problem«, presste sie hervor, während ihre Hände fest auf die Tischkante gestützt waren und ihr Atem für einen kurzen Moment hörbar schneller ging.
»Gut, bis dann«, entgegnete ich kalt, drehte mich um und ließ sie mit ihrem pochenden Herzen und den Papierstapeln allein im Raum zurück.
Auf dem Weg ins Büro spürte ich, wie meine Muskeln im Takt meiner Schritte anfingen zu zittern. Verdammt, ich war geladen. Und das in vielerlei Hinsicht. Mein ganzer Körper stand unter Strom, eine brodelnde, schwer kontrollierbare Anspannung, die sich nach all den Stunden des planvollen Funktionierens nun unbarmherzig wieder ihren Weg bahnte. Ich brauchte dringend einen Ausgleich – irgendetwas, das diesen verdammten Druck aus meinem System nahm. Aber ich konnte mir schlecht mitten im Großraumbüro zwischen Aktenbergen einen runterholen, so sehr mich der Gedanke an sie gerade auch reizte. Cognac und Zigarre. Das war das Einzige, was mir jetzt in dieser Sekunde wirklich helfen würde. Vielleicht. Ein Schluck edler Alkohol, der die Kehle hinabrennt, und der schwere, bittere Rauch einer Zigarre, um die angestaute Frustration zu betäuben. Aber das Schlimmste dabei war dieser nagende, fast schmerzhafte Zug in meiner Brust: Ich stand noch immer da, eingezwängt in meiner Rolle als glattgebügelter Vorgesetzter, und hatte im Grunde absolut keine Hoffnung, dass ich dieser Frau jemals näher kommen durfte, als ich es bisher getan hatte. Der Gedanke grub sich wie ein Stachel in mein Bewusstsein. Sie war meine Untergebene. Sie war klug, unnachgiebig, hielt mich auf Distanz und sah in mir nur den unberechenbaren Chef, der plötzlich in ihr Leben geplatzt war. Jede Berührung, jeder flüchtige Blick im Flur war ein riskanter Drahtseilakt gewesen. Und doch brannte das Verlangen nach ihr so heiß unter meiner Haut, dass es mich fast zerriss. Ich wollte sie berühren, wollte diese eiserne Fassade zum Einsturz bringen und sie genau da packen, wo sie am angreifbarsten war. Stattdessen musste ich gleich wieder in dieses verfluchte Büro treten, so tun, als gäbe es nur die Arbeit, und weiterhin tatenlos dabei zusehen, wie sie mich mit ihren braunen Augen musterte. Ich atmete tief durch, biss die Zähne aufeinander und drückte die Klinke herunter. Es half alles nichts. The show must go on.