Die erste Nacht draußen
Die erste Nacht draußen
Hey da bin ich auch schon wieder. Urlaub ist doch was tolles, wenn man den halben Tag vor dem Laptop gammeln und schreiben kann :D Ich hoffe euch gehts allen gut und ihr genießt die schönen warmen Tage in vollen Zügen.
Ich wünsche euch viel Spaß mit dem zweiten Teil der Mission hinter den Mauern.
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Pov Elara
Völlig erschöpft machten wir endlich Rast. Die Sonne war mittlerweile schon tief über dem Horizont verschwunden und das Rot der letzten Strahlen wurde von dem tiefen Blau der Nacht verschlungen. Die Titanen schliefen. Wir hatten auf dem Weg einige von ihnen gesehen, wie sie seelenruhig auf dem Boden hockten und gar nichts mehr taten. Sie waren ruhig, fast als hätte man sie manuell ausgeschaltet. Wir waren extra noch eine Stunde unterwegs, um auf Nummer sicher zu gehen, dass auch der letzte Titan tief und fest schlief. Nun machten wir endlich Rast. Erschöpft und völlig übermüdet sprang ich von Nattfari. Levi hatte uns auf einem kleinen Hügel mitten auf einer großen Freifläche dirigiert. Von ihr oben konnten wir einige hundert Meter in jede Richtung sehen und jede Kleinigkeit direkt ausmachen. Der perfekte Ort für ein Nachtlager. In einiger Entfernung war ebenfalls ein kleiner Fluss, der sich zärtlich durchs Land schlängelte. Dort hatten wir unser Wasser bereits aufgefüllt und die Pferde getränkt. Jetzt hatte jeder seine Aufgabe gefunden. Connie und Sasha kümmerten sich um die Pferde, während Jean Feuerholz suchte. Hanji bemühte sich bereits etwas zu essen zu zaubern, während Levi einige Meter abseits stand und die Gegend beobachtete. Ich entschied mich, Jean beim Holz holen zu unterstützen und machte mich sogleich auf die Suche nach kleinen Stöcken und getrocknetem Geäst.
Nach einer guten halben Stunde saßen wir schweigend am Feuer und aßen Hanjis selbstgemachten Eintopf. Es war still. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, ließ den Tag Revue passieren und verarbeitete alles Geschehene. Nur das gleichmäßige Knacken des Feuers durchbrach die Stille. Es brauchte keine Worte, um die Stimmung auszudrücken. Wir waren alle müde und absolut erschöpft. Zudem zog ein kalter Nordostwind auf, der ungemütlich über die Ebene fegte. Ich fror leicht, zog den Mantel enger um mich, um die letzte Wärme des Tages nicht zu verlieren. Nach einiger Zeit war Hanji schon tief und fest am schlafen. Diese Frau brachte auch nichts aus der Ruhe. Auch Sasha gähnte bereits und rückte näher zu Connie, der ebenfalls müde seine Arme ausstreckte. Lange würden sie nicht mehr wach bleiben. Zu anstrengend war der heutige Tag. Levi saß immer noch abseits der Gruppe und schärfte seine Klingen. Das gleichmäßige Schleifen des Steines auf Metall ließ auch Connie und Sasha langsam in einen tiefen Schlaf fallen. Ich konnte irgendwie noch nicht an Schlaf denken. Zu laut waren meine Gedanken und zu präsent die potentielle Gefahr. Ich hatte monatelang hier überlebt, ohne auch nur einen einzigen Funken Sicherheit. Auch jetzt fühlte ich mich nicht sicher. Ich saß auf dem Boden, weit weg von den nächsten Baumriesen, auf denen ich lange genug jede Nacht geschlafen hatte. Der Boden fühlte sich fremd an, fast schon feindlich. Mein Kopf konnte nicht abschalten, obwohl mein Körper längst nach Ruhe und Schlaf schrie.
Ich weiß nicht, wie lange ich so vor dem Feuer saß und einfach nur in die Flammen gestarrt hatte. Erst als Jean sich dicht neben mich setzte und mir seinen Umhang über die Schultern legte, bemerkte ich erst, wie weit ich mit meinen Gedanken entfernt war. Ich hatte nicht mal bemerkt, dass mir kalt war und ich deshalb zitterte. Erst als Jeans warme Hand kurz auf meiner Schulter ruhte, begriff ich, wie lange ich schon dem Feuer beim Brennen zusah.
“Alles gut?” fragte Jean mich schließlich.
Ich sah ihn an. Überlegte einen kurzen Moment, ehe ich ihm antwortete.
“Es ist viel auf einmal.”
Wir schwiegen einige Sekunden. Jean wartete geduldig darauf, ob ich meine Gedanken weiter aussprechen wollte oder nicht.
“Weißt du, wenn du so viele Tage hier gelebt hast, ohne zu wissen, wer du bist und wohin du gehörst, dann fängst du irgendwann an, dich zu fragen, für wen du überhaupt überleben willst.. “
Jean sah mich schweigend an. Er verstand, ohne es je erlebt zu haben. Mein Blick ging Richtung des Feuers, beobachtete die einzelnen Funken, die wild umher sprangen. Ich ließ mir Zeit mit meiner Antwort, legte meine Worte ordentlich zurecht, ehe ich weiter sprach.
“Es ist nicht einfach jetzt an Schlaf zu denken, wenn dein Kopf dir permanent sagt, dass du rennen sollst.”
Ich hielt kurz inne, überlegte und ergänzte dann leiser.
"Vor allem dann nicht, wenn der einzige Platz, auf dem ich mich halbwegs sicher gefühlt habe, ein Baum ist, der hier nirgends steht."
Ich verstummte. Meine Hände zitterten bei den Erinnerungen der letzten Monate, bevor ich hier gelandet war. Als ich noch allein hinter den Mauern jeden Tag ums blanke Überleben kämpfen musste. Die Tage durchliefen mein inneres Auge. Wie ich allein in dieser riesigen Welt voller Gefahren war, niemand an meiner Seite, der mir Ruhe und wenigstens einen Funken Sicherheit spenden konnte. Nur ich, die Zeit und viel zu viele Titanen. Jeden Tag wachte ich mit einem mulmigen Gefühl auf und beendete es, mit purer Erschöpfung und blanker Angst im Schlaf überfallen zu werden.
“Ich… “ Meine Stimme brach. “Ich habe einfach Angst zu schlafen und dann nicht mehr aufzuwachen…”
Die ganze Situation ging mir viel zu nahe. Erinnerungen, Emotionen und alte verschwommene Bilder von früher mischten sich wie ein Kurzfilm vor mein inneres Auge. Es war zu viel. Zu viel auf einmal. Ich fühlte mich schwach, wie ein Versager, weil ich Angst hatte. Angst vor etwas, was zu groß und zu mächtig in meinem Kopf war. Jean sah mich lange an, dann griff er nach meiner zitternden Hand. Sofort schoss die Wärme durch meine kalten Finger. Sie belebte meine Sinne wieder. Etwas Ruhe kehrte in mich zurück. Ich atmete mehrfach tief ein und aus, griff fester nach seiner Hand und dann blieben wir einfach still nebeneinander sitzen. Genossen die Anwesenheit des jeweils anderen. Ich war nicht mehr allein, das spürte ich gerade überdeutlich. Ich hatte jetzt Kameraden, sogar Freunde an meiner Seite, die auf mich acht gaben, genauso wie ich auf sie. Plötzlich durchbrach Jean die Stille.
“Ich hab auch ne scheiß Angst Elara glaub mir. Aber eines weiß ich sicher. Wir passen hier aufeinander auf, egal was passiert.”
Ich nickte zustimmend, sah ins Feuer und beobachtete wie es langsam runter brannte und zu Asche wurde. Dabei lauschte ich Jeans Stimme, der mir mittlerweile einige Geschichten von früher erzählte. Es beruhigte mich. Beschäftigte meinen Kopf und besänftigte die Angst. Mittlerweile waren wir dicht zusammen gerutscht. Es war kalt geworden und das Feuer spendete ebenfalls kaum noch Wärme. Der Wind war unerschüttert. Pfiff immer stärker über die Freifläche. Connie, Sasha und Hanji hatten sich ebenfalls dicht aneinander gekuschelt, um nicht zu frieren. Jean hatte mittlerweile einen Arm um mich gelegt und mich dicht unter seinen Umhang gezogen. Mein Kopf ruhte auf seiner Schulter. Auch ihm war kalt. Das leichte Zittern konnte er nicht verstecken. Unweigerlich musste ich an Levi denken, der irgendwo in der Dunkelheit allein saß und niemanden hatte, der sich die Wärme teilte. Ich musste bei dem Gedanken schmunzeln. Stellte mir unweigerlich ein Bild vor, indem Hanji ihn versuchte zum Kuscheln zu überreden, weil ihr kalt war. Wahrscheinlich fror Levi einfach nicht. Er war eh nicht normal. Da konnte ihn ein wenig Kälte sicher nicht schocken.
Jean riss mich plötzlich aus meinen Gedanken.
“Wir sollten auch versuchen, etwas zu schlafen.”
Ich nickte zustimmend. Schließlich hatte er absolut recht. Für morgen brauchten wir jede Kraftreserve, die wir kriegen konnten Wir mussten so fit wie nur möglich sein, denn es ging noch vor Sonnenaufgang weiter. Jean löste sich von mir, legte sich auf den provisorischen Schlafplatz aus Decken und Fellen und sah mich fragend an.
"Komm schon her, uns ist beiden arschkalt.”
Ich musste schmunzeln. Er hatte mal wieder recht. Ein Blick zur anderen Seite zeigte deutlich, dass es den anderen auch so ging. Connie hatte mittlerweile Sasha fest im Arm und Hanji hatte sich von hinten an Connie gekuschelt. Das Bild war wirklich göttlich. Also beschloss ich, ebenfalls drauf zu scheißen und Jeans Angebot anzunehmen. Schließlich waren wir gut befreundet und es war echt arschkalt.
Langsam ließ ich mich neben Jean sinken und legte mich vorsichtig neben ihn. Er breitete seinen Umhang als Decke über uns aus und zog mich dicht zu ihm. Ich vergrub mein Gesicht in seiner Halsbeuge und verspürte sogleich die Wärme seiner Arme um mich. Er hielt mich fest umarmt. Unweigerlich musste ich belustigend ausatmen.
“Ich wusste gar nicht, dass du so bestimmend sein kannst.”
“Ach halt die Klappe Elara, sonst schmeiße ich dich Levi vor die Füße.”
“Bitte verschone mich.” Ich lachte leise.
“Ne im Ernst. Mir ist mies kalt und dir auch. Du zitterst wie sau. Also lass uns diese Nacht so schnell wie möglich beenden und pennen.”
Ich wusste, dass er das, was er da sagte, nicht ganz so ernst meinte. Den neckischen Unterton konnte ich direkt in seiner Stimme heraushören. Wie so oft hatte er natürlich recht. Das war einfach Jean und so mochte ich ihn auch. Mit der Zeit hatte ich mich mit ihm und den anderen beiden sehr gut angefreundet. Es beruhigte mich zu wissen, dass sie alle da waren und wir aufeinander aufpassten. Ebenso beruhigte mich die Wärme, die von Jean ausging. Sie besänftigte meinen Geist, ließ mich zur Ruhe kommen und irgendwann auch tatsächlich einschlafen.
Pov Levi
Der Morgen kam gähnend. Ich saß immer noch auf dem Stein nahe des Lagers und beobachtete den Sonnenaufgang. Leichte helle Strahlen schoben sich vor die Dunkelheit der Nacht. Es war wunderschön. Hier auf der Wiese frei von allem. Doch meine Gedanken waren woanders. Sie waren schon längst ein paar Stunden weiter. Da wo die Titanen erwachten und wir abermals auf der Hut sein mussten. Ich hatte keine Ahnung, wohin wir ritten, wo es uns hinführen würde und was wir dort fanden. Das einzige was ich wusste war, dass dort irgendwo irgendetwas sein musste. Es war wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ich verließ mich auf meine Instinkte. Dorthin, wo meine Gedanken lauter werden. Dorthin, wo die Titanen herkamen.
Meine Truppe schlief noch. Sie sollten sich so lange wie möglich ausruhen. Ein Blick über die Schulter zeigte mir, dass sie alle noch weit entfernt waren aufzustehen. Hanji, die Brillenschlange, hatte sich doch echt im Schlaf auf Connie geschmissen. Sasha gleich mit. Auch Elara und Jean lagen dicht beieinander. Sie waren noch länger wach gestern Abend, hatten lange am Feuer gesessen. Natürlich wusste ich das alles. Schließlich schlief ich kaum. Vielleicht ein paar Stunden die Nacht. Die Kälte war zwar nagend und ließ mich frösteln, doch das interessierte mich herzlich wenig. Ich kam mit noch schlimmeren Bedingungen bestens aus. Zur Not schlief ich halt im Dreck.
Ich stand auf und streckte mich einmal ausgiebig. Meine Knochen knackten mehrfach, dann setzte ich mich in Bewegung. Leise ging ich zu den Pferden hinüber. Bereitete die Abreise vor und überprüfte die Ausrüstung. Kontrolle war besser als nachher draufzugehen, weil man schlampig war. Mit geübten Griffen sattelte ich alle Pferde und blickte danach Richtung Himmel. Die Sonne war bereits auf halbem Weg in den Himmel. Daher beschloss ich, die anderen aus ihrem Schönheitsschlaf zu wecken. Viel Zeit blieb uns nicht mehr, bis die Titanen erwachten.
Neben Hanji stehend, kippte ich ihr den Rest des Wassers von heute Nacht ins Gesicht. Natürlich war es eiskalt. Das war sowas von egal. Schließlich war es effektiv. Sie schreckte sofort hoch, blickte mich finster an und wollte gerade etwas erwidern, da drehte ich mich schon weg und ging zurück zu den Pferden. Hanji hatte durch ihren Schreck Connie und Sasha direkt mit geweckt. Die anderen beiden schliefen noch seelenruhig. Sollte sie sich drum kümmern. Ich hatte keine große Lust auf Elaras Kommentare. Schließlich war sie gestern morgen auch schon so launisch. Sie hatte mich einfach stehen gelassen und ist dann gegangen. Hätten wir nicht eine Mission, hätte ich sie sowas von zusammengestaucht. Doch das ließ ich lieber sein. Schließlich brauchte ich jeden bei voller Konzentration und Fokus. So wie ich Elara kannte, hätte sie mich am liebsten den Titanen zum Frühstück vorgeworfen. Tss, dass ich mir darüber Gedanken machte, war absurd. Sie hatte nichts in meinem Kopf zu suchen. Schnell verbannte ich alle Bilder aus meinem Kopf und wartete geduldig, bis alle fünf bei den Pferden eintrafen.
Pov Elara
Hanji weckte mich sanft, indem sie an meinem Arm rüttelte. Schnell stand ich auf, als ich die Sonne sah. Sie war schon gefährlich weit oben, dafür, dass wir hier noch seelenruhig schliefen. Jean neben mir war ebenfalls auf die Füße gesprungen und streckte sich ausgiebig. In Windeseile hatten wir unsere wenigen Sachen zusammen gesucht und waren bereits mit einem Stück Brot bewaffnet wieder auf den Pferden. Levi ritt voraus, wir folgten ihm in gleicher Formation wie gestern.
"Boah Leute, war euch auch so arschkalt die Nacht." Sasha ergriff als erste das Wort.
“absolut. Bin froh, dass ihr da wart, sonst wäre ich noch vor Kälte gestorben. Auch wenn ihr beide mich fast erdrückt hättet.” Connies Blick ging von Sasha zu Hanji, die beide nur unschuldig lachten.
"Bei uns ging es nachher auch.” merkte Jean an. Ich nickte.
"Stimmt irgendwann, wurde es besser.”
“Ich finde, die nächsten Nächte machen wir einfach ein großes Bett mit den Fellen und rücken einfach noch näher zusammen. Oder Levi?” Hanjis Stimme trällerte von vorne.
Wir mussten alle schmunzeln. Levi reagierte nicht. Er ignorierte den Kommentar von Hanji komplett. Jetzt fragte ich mich tatsächlich, ob er überhaupt geschlafen hatte. Unweigerlich glitt mein Blick auf den Mann, der vor mir ritt. Sein Umhang lag ruhig auf seinen Schultern. Das Zeichen des Aufklärungstruppes deutlich sichtbar. Er wirkte locker, nicht übermüdet oder irgendetwas dergleichen. Doch bevor ich weiter über ihn nachdenken konnte, war bereits der erste Titan aufgetaucht. Sieben Meter geschätzt, deformiert und circa 200 Meter entfernt. Wir wichen schweigend aus, umrundeten ihn und sahen schon die nächsten in der Ferne stehen. Es fing so an, wie es am Vortag aufgehört hatte. Überall wimmelte es nur so von ihnen.
Auch die nächsten Stunden bis in den späten Nachmittag hatten wir nichts brauchbares gefunden. Bis jetzt konnten wir einer direkten Titanenbegegnung meist knapp aus dem Wege gehen, doch es war nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem Kampf kam. Jeder von uns war vorbereitet. Das 3D Manövergerät angelegt, die Gastanks voll und die Klingen scharf. Nur ich saß auf meinem Pferd und wusste nicht, ob ich mich einmischen sollte. Schließlich hatte Levi mir den direkten Befehl erteilt, es nicht zu tun. Doch wir waren uns in diesem Punkt wohl einig, dass ich mich nicht daran halten werde.
Plötzlich tauchte ein Titan in einiger Entfernung auf. Nichts ungewöhnliches, doch irgendetwas war komisch. Er stand einfach auf der Stelle, ohne sich zu bewegen. Sein Blick war Richtung Boden gerichtet. Er machte mir Angst, ohne dass er etwas tat. Seine Statur sah dem eines Menschen sehr ähnlich. Kaum Deformationen waren zu erkennen. Levi hatte bereits das Kommando zum Ausweichen gegeben, doch so weit kamen wir nicht. Der Titan hob den Blick direkt in unsere Richtung. Sein Blick war eiskalt, fixierte uns und jagte mir eine Gänsehaut ein. Dann sah er uns einfach nur an. Als ob er auf eine Reaktion von uns wartete oder uns beobachtete. Egal was es war, es war scheiße gruselig. Auch die anderen hatten den Titan längst bemerkt. Bis auf Hanji waren wir alle beunruhigt, tauschten Blicke untereinander aus und hofften auf Levi. Doch zu meiner Überraschung war auch Levi sichtlich irritiert über diesen Titanen. Die beiden starrten sich einfach nur an. Als würden sie sich irgendwie kennen. Doch das war ausgeschlossen. Wir ritten einen großen Bogen um den stillstehenden Titan, der sich langsam mit uns drehte. Jetzt war es wirklich horror pur. Wie konnte ein Titan so gruselig sein. Mein Gefühl sagte mir, dass hier etwas gewaltig stank. Doch was?
Es vergingen weitere Minuten, in denen nichts geschah. Der Titan starrte uns weiterhin an, ohne eine Reaktion zu zeigen und wir ritten den Bogen um ihn zu umgehen. Als wir den Titan fast komplett umrundet hatten, schnaubte er auf einmal laut. Ein ungewöhnliches Geräusch, das man von anderen nicht kannte. Dann erstarrten wir alle, als er einen Arm hob und mit dem Finger auf uns zeigte. Er grummelte, es hörte sich fast wie ein Lachen an. Dieser Laut ging mir durch Haut und Knochen, ließ eine eiskalte Gänsehaut entstehen und sogar Schüttelfrost. Was zum Teufel war das?
“Levi jetzt macht dieses Ding sogar mir Angst." kam es aus Hanjis Richtung.
Die Braunhaarige wirkte nicht mehr so entspannt wie noch einige Minuten zuvor. Auch Levi spannte sich an. Er stoppte sein Pferd und wir taten es ihm gleich. Sein Blick glitt prüfend über uns alle. Als würde er etwas abwägen. Der Titan stand weiterhin reglos da und musterte uns mit starrem Blick.
"Gut, ich werde mich um ihn kümmern, ihr bleibt hier.”
Levis Stimme war ruhig und entschlossen, als er sein Pferd in die Richtung des Titans lenkte. Wir blieben zurück, sahen Levi hinterher und hofften, dass er es schnell zu Ende bringen würde. Dieser Titan war gruselig, ohne Frage. Als er seinen Blick dann plötzlich auf mich richtete und ein Mundwinkel leicht zuckte, fiel ich beinahe vom Pferd. Bilder schossen mir durch den Kopf. Ich erinnerte mich…
*
Es war schon dunkel draußen, als ich über die Straße nach Hause lief. Wir wohnten in einem abgeschiedenen Teil einer Militäranlage. Die Gebäude waren trostlos in grau gehalten. Auch die gesamte Umgebung wirkte traurig eintönig. Ich war schon spät dran, kam gerade vom Militärtraining. Mein Vater war Wissenschaftler und forschte an einem geheimen Staatsprojekt. Meine Mutter Hausfrau, sie war krank. Früher war sie auch Wissenschaftlerin, doch ihre Psyche hielt dem Druck nicht mehr stand. Deshalb wurde sie in den Ruhestand versetzt. Mit meinen neun Jahren wusste ich schon ziemlich viel. Meine Mutter brachte mir vieles bei, schickte mich immer zu zum Training und sagte mir jedes Mal, dass ich eines Tages stark sein musste. Was das bedeutete, wusste ich nicht.
Heute lief ich einen anderen Weg zurück nach Hause. Der spärlich beleuchtete Weg ließ mich in den Schatten verschwinden. So wie es mir beigebracht wurde. Plötzlich vernahm ich eine Bewegung im abgesperrten Teil des Geländes. Etwas großes, fast schon menschliches wütete über dem Platz. Ich war neugierig, ging näher heran und sah, wie einige Männer panisch versuchten, dieses Ding wieder einzufangen. Das Ding war etwa doppelt so groß, nackt und deformiert. Es sah einem Menschen ähnlich. Was war das, dachte ich? Die Männer hatten Gewehre in der Hand, versuchten dieses Ding allerdings irgendwie wieder ins Innere der Halle zu dirigieren, ohne es zu verletzen. Doch das Monster hatte andere Pläne. Es schlug um sich und packte schließlich einen der Männer. Es drückte zu, der Mann schrie vor Schmerz. Die anderen Männer wurden panisch, fingen an zu schießen, um ihren Kameraden zu helfen. Doch dafür war es bereits zu spät. Das Ding hatte dem Mann bereits den Kopf abgerissen. Blut spritzte aus jeder Richtung, lief über den Boden und verteilte sich zu einer Larche. Ich unterdrückte ein Schreien, stolperte rückwärts und rannte so schnell ich konnte nach Hause…
*
Ich bekam kaum noch Luft. Ich erinnerte mich daran zurück. An dem Tag, an dem ich zum ersten Mal einen Titanen sah. Meine Augen suchten Levi. Er war fast bei dem Titanen angekommen. Panisch versuchte ich mich zu beruhigen. Die anderen schauten mich besorgt an, doch fragen konnte niemand mehr, denn plötzlich tauchten vier Titanen aus dem Wald direkt hinter uns auf. Sofort gingen die vier ins 3D Manöver über und umkreisen die Titanen. Ich blieb an Ort und stelle, unfähig mich zu bewegen. Die Bilder schossen mir immer und immer wieder durch den Kopf. Ich erinnerte mich nicht an alles, aber an genug, um zu wissen, dass dieser Titan nicht normal war.
Ich wollte Levi warnen, wollte ihm helfen und trieb Nattfari instinktiv an. Der Friese setzte sich in Bewegung und galoppierte auf den Titanen und Levi zu. Dieser war unterdessen ebenfalls ins 3D Manöver übergegangen und umrundete den Titanen. Levi schien ebenfalls zu merken, dass hier etwas faul war. Er war vorsichtig, beobachtete und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Der Titan tat dasselbe.
Ich kam immer näher, versuchte meine Stimme zu finden und schrie mit aller Kraft.
“LEVI PASS AUF!”
Doch es war bereits zu spät. Der Titan schnappte sich einen von Levis Haken und hielt ihn fest. Levi reagierte sofort, löste den Haken und rutschte einige Meter über den Boden. Ich griff instinktiv zu meinem Bogen, als der Titan Levis gelösten Haken achtlos wegwarf und auf ihn zukam. Schnell zog ich einen Pfeil, spannte die Sehne und zielte. Dann schoss ich, traf den Titanen direkt ins Kniegelenk. Er brüllte vor Schmerz. Ich sprang unterdessen vom Pferd und stellte mich schützend vor Levi, der bereits wieder auf den Beinen war.
“Dieser Bastard wird leiden." zischte Levi hinter mir. Er hatte offensichtlich sehr schlechte Laune. Schließlich wurde er gerade einige Meter durch den Dreck geschleudert. Sofort spannte ich einen neuen Pfeil und zielte auf das zweite Kniegelenk.
"Levi, der ist gefährlich.”
“Wer mir gar nicht aufgefallen, hättest du es nicht erwähnt.”
Er trat neben mich. Mein Blick ging kurz zu ihm rüber. Unsere Augen trafen sich. Ein kurzes Nicken seinerseits signalisierte mir, dass ich helfen durfte. Sonst wirkte Levi so ruhig wie immer.
“Fahr zur Hölle” war alles, was ich noch von ihm hörte, eher er mit seinem verbliebenen Harken in die Höhe schoss. Ich fixierte das zweite Kniegelenk und schoss dem Titanen noch einen Pfeil hinein. Er schrie wieder. Levi hatte sich in der Zwischenzeit bereits um den Titanen herumgezogen, ließ seine Klinge durch jedes bisschen Haut fahren, an die er herankam. Der Titan hatte keine Chance, Levi durchschnitt ihm mit einem einzigen sauberen Schnitt den Nacken, kam dann hinter ihm wieder auf den Boden auf. Der Titan ging auf die Knie und verdunstete. Offensichtlich kämpfte Levi noch besser, wenn er sauer war. Denn das, was er gerade mit einem Harken gezeigt hatte, war pure Präzision gepaart mit Kontrolle und Willenskraft.
Wir sahen uns kurz an, vergewisserten uns, dass der jeweils andere nicht schwer verletzt war und eilten dann zu den Pferden. Die anderen hatten die Titanen ebenfalls mühsam besiegt und auch bei ihnen war keiner ernsthaft verletzt. Schwer atmend sammelten wir uns und verschnauften einen kurzen Moment, bis Hanji das Wort ergriff.
“Was war das denn?”
"Ich weiß es nicht.” kam es von Sasha. Auch die anderen schüttelten den Kopf und sahen zu Levi hinüber.
"Ich glaube, Elara kann uns mehr verraten.” sprach er ruhig und suchte meinen Blick. Ich nickte stumm.
"Ich habe mich an etwas erinnert… von früher… Sie haben die Titanen in Käfigen gehalten und haben an ihnen Experimente durchgeführt.”
Ich schluckte schwer. Brauchte eine Sekunde um weiterzureden.
“Sie waren wie Tiere. Wenn sie nicht mehr zu gebrauchen waren, rangierten sie sie aus. Was dann mit ihnen passierte, weiß ich nicht…”
Alle sahen mich geschockt an. Diese Information mussten erstmal verdaut werden.