Wachsendes Vertrauen
Wachsendes Vertrauen
Hey ihr alle :D Ich hoffe ihr hattet ein schönes Wochenende und perfekt zum Wochenstart gibt es auch das dritte Kapitel zur Mission hinter den Mauern. Es bleibt spannend ;)
Also wünsche ich euch schonmal viel Spaß beim lesen und über einen Kommi würde ich mich sehr freuen.
---------------------------------------------------------------------------------------------------------
Pov Elara
Schweigend ritten wir weiter. Die Informationen, die ich den anderen präsentiert hatte, waren zu schwerwiegend. Jeder versuchte seine Gedanken zu ordnen und in vernünftige Bahnen zu lenken. Was das ganze zu bedeuten hatte, wusste keiner. Allein der Fakt, dass die Titanen von anderen Menschen als Objekte gehalten worden waren, und das schon vor vielen Jahren, war so groß und bedeutend, dass keiner mehr wusste, wie groß all das Ganze wirklich war. Immer wieder trafen wir auf dem Weg weitere Titanen, doch keine Begegnung war wie die vorherige, bei der Levi einen seiner Haken verloren hatte. Mittlerweile hatte Levi seinen Haken repariert. Die Chancen standen besser, wenn er voll einsatzfähig war. Ich hätte ihm auch meinen gegeben, aber das hätte er sowieso nicht gewollt, schließlich sollte ich ja nicht eingreifen, auch wenn Levi vielleicht sogar ein klein wenig dankbar war, dass ich geholfen hatte. Auch wenn er das niemals zeigen würde.
Der Abend kam schneller, als wir denken konnten. Es wurde kühler, die Wolken zogen zusammen und die Dunkelheit setzte ein. Bald schon konnten wir rasten. Die Titanen schliefen. Nur ein geeigneter Platz für die Nacht fehlte noch. Zwischen den vielen Bäumen war es einfach nicht sicher genug. Wir ritten durch das Waldstück, ehe endlich eine Lichtung kam, auf der wir rasten konnten. Unweit entfernt war ein kleines Gewässer, das fröhlich vor sich hin plätscherte. Levi gab das Zeichen zum Halten und Absitzen. Erschöpft ließ ich mich von Nattfaris Rücken gleiten. Ich war müde, wollte eigentlich nur noch schlafen, doch zuvor musste ich wirklich dringend etwas essen. Wie gestern verteilten wir die Aufgaben und nach kurzer Zeit saßen wir gemeinsam am Feuer und aßen Eintopf. Es war ruhig. Nur das Klappern des Bestecks und der Schüsseln war zu hören. Jeder verdaute den Tag, jeder war in sich gekehrt und dachte nach.
Im Augenwinkel sah ich, dass Levi den Schlafplatz verließ und Richtung Fluss hinunter lief. Er hatte im Kampf gut was abbekommen und war wahrscheinlich verletzt worden. Ich überlegte kurz, dann fasste ich den Entschluss, mit ihm zu reden und zu fragen, ob es ihm gut ging. Schließlich mussten wir uns hier draußen aufeinander verlassen und vielleicht konnte ich meine Wut gegenüber ihm etwas zügeln. Also stand ich auf und ging schweigend hinter ihm her. Die anderen waren bereits beschäftigt, sich bettfertig zu machen und beachteten mich nicht. Ich zog währenddessen meinen Umhang dichter an mich. Die Nacht wurde zunehmend kälter. Bald schon war es wieder so kalt, dass man seinen eigenen Atem sehen konnte. Es war ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit, dass es nachts so kalt war und tagsüber echt angenehm. Umso dankbarer war ich für die dicke Kleidung und Jean an meiner Seite. Wahrscheinlich sah es später wieder genauso aus, wie gestern und ich würde mich hilfesuchend in seine Arme flüchten, um nicht zu erfrieren.
“Was suchst du hier?”
Levi riss mich aus meinen Gedanken. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich schon unten angekommen war. Jetzt sah er mich fragend an. Die letzten Sonnenstrahlen lagen auf seinem Gesicht, während er neben dem Wasser stand. Kurz wusste ich nicht, was ich sagen sollte, dann blieb ich bei der Wahrheit.
“Ich wollte nach dir sehen, du hast einen echt heftigen Schlag kassiert.”
"Ts, das ist neu.”
“ Darf ich nicht fragen oder soll ich mich lieber verpissen.”
Ich giftete Levi an. Eigentlich wollte ich nur nett sein, hatte mir eingeredet, dass wir vielleicht während der Mission wohl irgendwie auskommen konnten, doch die Rechnung hatte ich ohne Levi geschrieben. Er blieb nämlich still und sah mich ausdruckslos an.
“Was denn?”
"Nichts."
Nur ein Wort. Ein einziges Wort, das mich innerlich wieder wütend machte. Wieso musste er immer so unausstehlich sein?
“Ich wollte einmal nett sein und nach dir sehen. Du bist offensichtlich verletzt und du bist wieder so… so… ahhh..”
Ich drehte mich ein Stück weg, faltete die Hände über meinem Kopf und versuchte mich zu beruhigen. Streit brachte uns hier nicht weiter.
"Mir geht's gut.”
Wollte er mich eigentlich komplett verarschen. Ihm ging es offensichtlich nicht ganz so gut. Ich habe es schon vor Stunden gesehen, dass er eine Schulter entlastete. Jedem anderen wäre das wahrscheinlich nicht aufgefallen, doch ich hatte es sofort bemerkt. Wie er etwas aufrechter saß, das Gewicht minimal auf die gesunde Seite verlagerte und dieser kurze Ausdruck auf seinem Gesicht, wenn er die Schulter zu viel bewegte.
“offensichtlich nicht.”
Levi zog eine Augenbraue hoch. Ich fuhr fort.
“Deine linke Schulter, du schonst sie.”
Er musterte mich kurz, dann zuckte sein Mundwinkel für eine Sekunde nach oben.
“Was du nicht sagst.”
Ich ging auf ihn zu umrundete ihn berührte vorsichtig die verletzte Seite. Levi zuckte minimal. Ich nahm es wahr.
“Du kannst mir auch einfach mal recht geben.”
Ich hatte voll ins Schwarze getroffen. Levi atmete einmal tief ein und aus, ehe er seinen Blick auf mich richtete. Seine grauen Augen sahen in der Dunkelheit noch düsterer und gefährlicher aus. Sie waren wirklich hübsch, das musste ich mir eingestehen. Es sah fast so aus, wie eine Gewitterwolke. Dunkel, unheimlich und undurchdringlich, doch durchzogen von einem hellen leuchtenden Schimmer, der seinem Ausdruck und seinen Augen einen gewissen Reiz verliehen. Ein paar Sekunden lang sagte keiner etwas, dann ergriff ich das Wort und seufzte.
“Lass mich mal sehen.”
“Nein.”
“Levi…”
Wie stur konnte man sein. Sollte die Verletzung schlimm sein, konnte er unmöglich kämpfen und uns durch dieses Land führen. Ich ließ nicht locker. Es ging nicht um ihn, sondern um uns alle. Er sollte endlich seinen scheiß Stolz herunterschlucken und sich nur dieses eine Mal helfen lassen.
“Du hast offensichtlich Schmerzen."
“Nein.”
“Ach ja, was ist das dann.”
Wieder berührte ich seine Schulter und er zuckte unweigerlich. Egal wie sehr er sich unter Kontrolle hatte, seine körperlichen Reaktion, konnte selbst er nicht vollends ausstellen.
“Du bist verdammt lästig.” erwiderte Levi mürrsich.
Er wollte sich an mir vorbei schieben, doch ich hielt ihn am Handgelenk zurück. Kurz blickte er erst auf meine Hand und dann langsam zu mir. Er sah mich mit einer Mischung aus Mordlust und krampfhafter Beherrschung an. Kein Kommentar, nur Stille.
“Ich lass nicht locker.”
Herausfordernd sah ich Levi an. Er überlegte kurz, seufzte dann und drehte sich wieder zu mir herum. Wahrscheinlich hatte er bemerkt, dass diskutieren nichts brachte.
“Dann mach schnell.”
Ich grinste triumphierend. Mittlerweile hatte ich das Gefühl, dass Levi genau wusste, dass Diskutieren nichts brachte. Er akzeptierte sein Schicksal, ließ seinen Umhang von seinen Schultern gleiten und knöpfte geschickt sein Hemd auf. Dann drehte er mir den Rücken zu und gab einen Blick auf seine Schulter frei. Die Verletzung war nicht schlimm, aber deutlich größer, als Levi sie hatte aussehen lassen. Ein dunkler Bluterguss zog sich über die Schulter und bis zum oberen Rücken. Ich wurde ernster. Ließ eine Hand ganz vorsichtig über seine Schulter gleiten und spürte die angespannten Muskelstränge unter meiner Haut.
“Das ist ziemlich blau.”
“Ist mir aufgefallen.”
“Und du wolltest damit morgen wieder losreiten?”
“Ja.”
“Natürlich.”
Ich schüttelte den Kopf. Nahm mir mein Tuch vom Hals, dass wir alle aufgrund des Windes trugen und tauchte es in das kühle Wasser neben uns. Dann legte ich es vorsichtig auf seine Schulter. Sein Rücken zuckte bei der Berührung unweigerlich zusammen. Ein Grinsen zeichnete sich auf meinen Lippen ab.
“Tut es doch weh?”
“Nein.”
“Levi.”
“Ein bisschen vielleicht.”
“Geht doch.”
“Das wird nicht zur Gewohnheit.”
Zufrieden lächelte ich in mich herein. Wenigstens einmal war Levi ehrlich und konnte mir die Wahrheit sagen. Auch wenn ich sie teilweise aus ihm herausprügeln konnte. Mit langsamen Bewegungen kühlte ich den großen Bluterguss auf seiner Schulter. Levi war mittlerweile still geworden, er ließ das ganze einfach über sich ergehen.
“Du hättest ruhig sagen können, dass du verletzt bist.”
“Wozu?”
“Damit dir jemand hilft.”
Ich konnte sein genervtes Atmen hören. Ihm ging diese ganze Situation gehörig gegen den Strich. Schweigend kühlte ich die Stelle weiter. Langsam spürte ich, wie seine Schulter sich entspannte. Die Kälte ließ den Schmerz augenscheinlich verblassen. Irgendwann durchbrach ich die Stille erneut. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis ihm mitzuteilen, dass er nicht alleine kämpfen musste. Auch ich hatte diese Erkenntnis in den letzten Wochen lernen müssen.
“Levi… du weißt schon”, Meine Stimme war ruhig, fast schon einen ticken zu sanft, “dass du nicht immer alles allein machen musst. Du hast Kameraden um dich, die sich Sorgen machen.”
Er schwieg einige Sekunden.
“Ich weiß.”
Ich war geschockt, hatte nicht mit einer Antwort gerechnet. Schon gar nicht mit einer so ehrlichen und verletzlichen. Er fügte noch etwas hinzu, diesmal wieder in seiner gewohnten ruhigen Art.
“Gewöhn dich nicht dran.”
Ich lachte leise. Ließ das Tuch weiter über seine Schulter kreisen und seine Worte in mein Gehirn sacken. Für einen Moment war da kein Fluss. Kein Lager. Keine Titanen. Nur wir beide und ein Funke Ehrlichkeit zwischen uns.
Pov Levi
Elara stand immer noch still hinter mir. Ich spürte die Kälte des Tuches und die Wärme ihrer Hand so überdeutlich auf meiner schmerzenden Schulter. Ich hatte gehofft, dass es niemand bemerken würde, doch Elara entging auch wirklich nichts. Jetzt war ich so tief in diesem Schlamassel geraten, dass ich alleine nicht mehr hinauskam. Ich wusste nicht, ob ich es hassen oder akzeptieren sollte, dass sie sich augenscheinlich Sorgen machte. Tja, wahrscheinlich eher um ihre eigene Haut, als um mich. Es tat gut, die Verletzung zu kühlen. Deshalb war ich auch runter zum Wasser gelaufen.
Zugegebenerweise war es deutlich angenehmer und leichter, dass Elara die Stelle kühlte und ich nicht in den verfickten See springen musste, doch es nervte mich jetzt schon, dass sie mich mal wieder aus der Reserve gelockt hatte. Ich wollte es nicht, wollte sie lieber so weit weg von mir, wie es geht, und jetzt stand sie hinter mir und umsorgte mich. Widerlich. Ich hasste Sorge, ich hasste Mitleid und vor allem hasste ich es, wenn sich jemand um mich kümmern wollte. Ich war alles andere als begeistert von ihrem Vorschlag. Sie war mir viel zu nah. Mal wieder.
“So das sollte genügen, wird noch ordentlich blau werden.”
Ihr Tonfall war ruhig, fast schon nett mit einem leichten Unterton, Sarkasmus und Schadenfreude.
“Tss.”
Mehr brauchte es nicht, um Elara mal wieder ein Kopfschütteln zu entlocken. Sie zog das Tuch zurück und sofort streifte ich mein Hemd wieder über die Schultern, knöpfte es zu und zog mir den Umhang ebenfalls wieder über. Dann wandte ich mich der Frau hinter mir zu. Sie sah mich herausfordernd an. Ihr Blick musterte mich argwöhnisch.
“Was?”
Ich zog eine Augenbraue hoch und wartete geduldig auf eine Antwort.
"Tja, mir ist arschkalt, also werde ich mich jetzt verziehen. Solltest du ebenfalls machen, du frierst auch.”
Sie deutete auf meine Gänsehaut, die über meine Arme bis hinunter zu den Händen führte. Ich atmete nur genervt aus, sie sollte sich um ihre Probleme kümmern und mich endlich in Ruhe lassen. Ja, es war kalt, sogar sehr. Schließlich stand ich gerade fast fünf Minuten oberkörperfrei in der Kälte und wurde mit eiskaltem Wasser abgekühlt. Da war es kein Wunder, dass ich fror, auch wenn es Elara nicht interessieren sollte. Sie wandte sich ab, blieb dann doch noch kurz stehen, überlegte, und kam dann ein paar Schritte zurück zu mir. Bevor ich reagieren konnte, hatte Elara ihren Umhang gelöst und ihn mir mit einem Schwung über die Schultern geworfen, dann drehte sie sich weg und ließ mich stehen. Kurz bevor sie verschwunden war, schenkte sie mir einen kurzen Blick über ihre Schulter.
“Erfrier mir ja nicht Levi.”
Dann verschwand sie in der Dunkelheit und ließ mich wirklich sprachlos zurück. Ich hörte ihre Schritte, die langsam durch den Wald führten. Dann wurden sie leiser. Irgendwann waren sie verschwunden. Ich starrte perplex auf den fremden Umhang, der leicht schief über meinen Schultern lag. Was zum Teufel, dachte ich. Kurz schloss ich die Augen, zählte bis zehn und atmete dann tief ein und aus. Was sollte das gerade. Normalerweise sagte Elara ständig unsinnige Dinge, die sie nicht sagen sollte. Provokationen. Kleine Seitenhiebe. Dinge, die sie vermutlich selbst nicht ernst nahm. Aber wieso hatte sie mir ihren Umhang gegeben, wenn sie doch so deutlich selber fror. Warum ausgerechnet mir.
Ich wusste nicht, ob ich ihr den jetzt wieder um die Ohren hauen sollte oder ob ich es akzeptieren konnte. Nein, eigentlich konnte ich es nicht akzeptieren. Sie war frech, mega penetrant und nervig. Doch irgendetwas ließ mich diesmal keine Wut ihr gegenüber spüren, sondern Verwunderung. Ich war nach außen hin ruhig und besonnen, doch mein Kopf war das genaue Gegenteil. Ich hatte sie schon wieder zu nah an mich herangelassen. Das war ein Fehler, ein riesiger. Ich hatte nein gesagt, war schon nach kurzer Zeit so dermaßen eingeknickt und hatte sie ohne zu zögern machen lassen. Wieso? Jeden anderen, hätte ich nicht einmal in die Nähe meiner Person geschweige denn meiner Schulter gelassen, doch sie war wie selbstverständlich in meinen persönlichen Raum eingetreten und hatte sich dort gemütlich gemacht. Und das Schlimmste daran war, dass es mich nicht mal störte. Erst jetzt, wo sie schon lange weg war.
Ich hatte nachgegeben, hatte sie nicht zurechtgewiesen. Ich hätte es machen sollen, hätte es machen müssen. Ich ärgerte mich über mich selbst. Wieso war ich so inkonsequent in ihrer Gegenwart geworden. Großartig. Wirklich großartig. Ich musste es ändern, musste sie wieder zurechtweisen und Abstand gewinnen. Sie war zu gefährlich für mich, das hatte ich schon damals bemerkt.
Wieder ging mein Gedanke zurück zu ihr. Ich hasste alles daran. Hasste Dinge, die ich nicht kontrollieren konnte. Titanen konnte man töten. Verletzungen konnte man behandeln. Missionen konnte man planen. Menschen konnte man verlieren. Aber das hier? Dieses Gefühl, nicht zu wissen, wie ich reagieren sollte oder besser gesagt konnte, machte mich rasend. Seit wann war ich so schrecklich inkonsequent.
Ich hätte etwas sagen sollen. Irgendetwas. Einen trockenen Kommentar. Eine Abweisung. Stattdessen hatte ich sie nur angesehen und nichts getan. Nichts. Wer war ich, dass ich mich einem Kommentar hinwarf, wie ein Hund seinem Stöckchen. Es widerte mich an. Alles davon. Doch irgendetwas ließ mich ihren Umhang nicht direkt in die nächste Ecke werfen. Also blieb ich stocksteif stehen und versuchte meine Gedanken endlich wieder unter Kontrolle zu bekommen, ehe ich zurück ins Lager ging, um hoffentlich ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.
Pov Elara
Ich ging langsam und in Gedanken gehüllt zurück ins Lager. Immer wieder schossen mir die Bilder von vor ein paar Sekunden in den Kopf. Wieso war ich plötzlich so hilfsbereit? Schließlich war es gerade Levi, der vor mir stand. Levi, der mich immer und immer wieder so dermaßen auf die Palme brachte und den ich überhaupt nicht ausstehen konnte. Aber wieso hatte ich das Gefühl, ich musste ihm helfen, geschweige denn ihm meinen Umhang geben. Sollte mir doch sowas von egal sein, ob er fror. War sein Problem und sein zu großes Ego. Schließlich war ich jetzt diejenige, die hier dermaßen fror. Obwohl die Nacht bei weitem nicht so kalt war, wie die gestern, war es ohne den schützenden Umhang unerträglich. Ich beeilte mich so schnell es ging zurück ins Lager zu kommen, wo die anderen vier bereits schliefen.
Leise kroch ich neben Jean unter seinen Umhang. Mein Körper schauderte bei dem plötzlichen Anstieg an Wärme. Jean zog mich im Halbschlaf näher zu sich und legte mir sogleich eine Hand über den Rücken. Er murmelte irgendetwas Unverständliches, bevor er einfach weiter schlief. An Schlaf war bei mir noch nicht zu denken. Immer wieder kreisten meine Gedanken um diesen einen Mann. Diese Situation fühlte sich so dermaßen seltsam und ungewohnt an. Ich hatte ihm einfach nur helfen wollen, warum wusste ich immer noch nicht, doch das war irgendwie nicht alles. Oder? Es war eine einfache Frage. Und trotzdem fiel mir keine einfache Antwort ein. Levi war verletzt. Natürlich half man einem verletzten Kameraden. Das war nichts Besonderes. Ich hätte auch Jean geholfen oder Connie. Aber warum war es bei Levi so anders? Ich hatte förmlich darauf bestanden und sein Nein nicht akzeptiert. War es, weil ich genau wusste, wie stur und eigensinnig er sein konnte. Weil Levi dazu neigte, Verletzungen herunterzuspielen. Das war wahrscheinlich alles. Er hätte die Schulter vermutlich ignoriert, bis sie ihn irgendwann daran gehindert hätte, sein Schwert zu führen. Ja. Das musste es sein.
Doch mein Kopf beruhigte sich immer noch nicht. Ich hatte mir Sorgen gemacht, aber warum? Es war Levi. Mein Vorgesetzter, der Mann, den ich nie leiden konnte. Doch der Blick seiner viel zu blauen Schulter und den Schmerzen, die er nicht verstecken konnte, hatte mir tatsächlich Sorgen bereitet. Dieser plötzliche Wandel meiner Stimmung verwirrte mich. Seit dem Abend, an dem Levi mir so nahe war und ich ihn so provozieren musste, ging er mir nicht mehr aus dem Kopf. Er war stark, zuverlässig, scharfsinnig und man konnte sich auf sein Gespür und seine Fähigkeiten verlassen. Mehr war er nicht. Nur ein Soldat, wie viele andere auch. Einfach ein guter Soldat, der seine Aufgabe manchmal vielleicht einen Ticken zu ernst nahm. Jemand, bei dem es mir Spaß machte, ihn aus der Reserve zu locken und zu Weißglut zu bringen. Mehr nicht. Nichts, was eine Bedeutung hätte, oder?
*
Gerädert wachte ich am nächsten Morgen auf. Sasha weckte mich sanft und schüttelte meinen Arm. Müde hob ich den Kopf und sah sie an. Sie lächelte herzlich und streckte mir sogleich einen Apfel ins Gesicht.
“Zeit zum Aufstehen, die Sonne geht bald auf.”
Genervt setzte ich mich auf, brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, wo ich war. Die anderen wuselten schon wieder fleißig um mich herum. Nur ich lag noch auf den Fellen gehüllt in zwei Umhängen. Moment. Zwei? Der eine gehörte offensichtlich Jean, denn er lag viel zu groß über mir und der andere war mein eigener. Aber wie? Die Erinnerungen an gestern Abend sickerten langsam zurück. Ich hatte ihn Levi gegeben. Hatte er ihn heute Nacht einfach über uns geworfen, weil sein Ego es doch nicht zugelassen hatte? Vorsichtig deckte ich mich aus. Jean kam sogleich mit einem Schmunzeln im Gesicht zu mir und griff nach seinem Umhang.
“Na ausgeschlafen.”
Ich schüttelte nur den Kopf.
“Ich hab echt scheiße gepennt.” murmelte ich.
“Du warst auch echt lange weg, wo warst du eigentlich?”
“Ach nur ein wenig die Beine vertreten. Mein Kopf war einfach noch zu laut.”
Verstehend nickte Jean und hielt mir eine Hand hin. Ich ergriff sie und wurde sogleich von ihm auf die Beine gezogen.
“Wir wollen gleich los.” hörte ich Hanji fröhlich trällern. Sie war natürlich wieder putzmunter und motiviert. Ich griff nach meinem Umhang und sah ihn einige Sekunden an, bevor ich ihn über meine Schultern warf. Sofort stockte mir der Atem. Der Geruch von Zedernholz, Leder und starkem Schwarztee schossen mir in die Nase. Ich hielt kurz inne, nahm den Geruch nun deutlich wahr. Levi. Ich hatte diesen Duft schon öfter an ihm wahrgenommen, nur immer beiläufig und nicht so intensiv wie jetzt. Unwillkürlich zog ich den Stoff etwas näher und bereute es sofort. Der Geruch war nicht stark, nicht aufdringlich, aber eindeutig. Wie ein Film spielten sich die Bilder von gestern Abend wieder ab.
Nein! Ich schüttelte den Kopf. Wollte darüber nicht nachdenken, nicht schon wieder. Gestern Abend schon, lag ich ewig wach, dachte nach und schlief irgendwann vor lauter Erschöpfung ein. Das wollte ich nicht wiederholen. Nicht auch noch am Tag, wenn ich nachts schon kaum schlafen konnte.
Ich bereute meine Entscheidung, ihm meinen Umhang überlassen zu haben, zutiefst. Wieso brachte mich das hier so krass aus dem Konzept? Was war falsch mit mir? Ausgerechnet Levi. Ausgerechnet sein Geruch. Und ausgerechnet jetzt. Es war alles falsch gelaufen. Ich hasste ihn und er hasste mich. Mehr gab es zwischen uns nicht, oder?
Pov Levi
Ich hatte die halbe Nacht unten am Fluss gestanden. Mein Körper war stocksteif, bewegte sich keinen Millimeter, als würde eine einzige Bewegung den Schock, der tief in meinen Knochen saß, nur noch verschlimmern. Es war still. Nur das gelegentliche Schnauben der Pferde und das leise Knacken des Feuers waren in der Entfernung noch zu hören. Nach unzähligen langen Minuten des viel zu lauten Denkens, streckte ich meinen Finger ganz langsam in die Richtung des Umhangs. Mit einem Finger berührte ich diesen und zuckte unweigerlich zusammen. Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Ich hätte ihn längst ablegen sollen. Hätte ihn ablegen müssen. Anstelle dessen stand ich viel zu lange hier am Flussufer und wusste tatsächlich mal nicht, was ich tun sollte. Und genau das war das Problem. Jetzt lag dieser verdammte Umhang von Elara auf meinen Schultern. Warm. Weich. Und eindeutig ihrer. Ich blickte kurz hinunter, ließ meinen Atem ausweichen und versuchte eine Lösung zu finden, doch mein Kopf wusste keine.
Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis ich mich schließlich irgendwann bewegte und mit präzisen und kontrollierten Schritten Richtung Lager zurückging. Auch hier blieb ich stehen, blickte mich fragend um und sah durch die Runde der schlafenden Soldaten. Schließlich setzte ich mich gegen einen Baum in der Nähe und blickte in den kalten dunklen Himmel. Die Kälte war mittlerweile bis in meine Knochen gezogen. Unweigerlich sah ich immer wieder zu ihrem Umhang, der immer noch unbeholfen halb über meiner Schulter ruhte. Ich wollte ihn nicht und doch lag er da. Ruhig, warm und so präsent. Nach langer Überlegung griff ich tatsächlich nach ihm und zog ihn enger um mich. Sofort spürte ich, dass die Wärme in meine Knochen stieg. Ich lehnte mich zurück. Mein Blick wanderte ruhig über das schlafende Lager. Meine Augen fanden Elara beinahe automatisch. Sie schlief einige Meter entfernt. Zusammengerollt in Jeans Armen. Ohne Umhang.
Wieder atmete ich tief ein und aus, schloss die Augen und versuchte diese verfluchten Gedanken an diese viel zu subtile Situation aus dem Kopf zu bekommen. Es war Unsinn. Sie hatte mir den Umhang gegeben, weil mir kalt gewesen war. Nicht mehr. Es war eine einfache Geste unter Soldaten. Ich hatte schon oft Ausrüstung geteilt. Decken. Wasser. Verbände. Nichts Besonderes und trotzdem fühlte sich dieser Umhang anders an. Ich wusste nicht warum, aber ich wusste, dass ich dieses Gefühl nicht wollte. Ich wollte nicht darüber nachdenken. Nicht über sie und nicht über irgendetwas anderes. Ich ließ nichts und niemand an mich heran. Keine Nähe, keine Gefühle und schon gar nichts Persönliches.
Es dauerte viel zu lange, bis mich der Schlaf fand und nach einer unruhigen Nacht irgendwann der nächste Morgen eintraf. Sofort stand ich auf, ging auf Elara hinzu und legte vorsichtig den Umhang über sie, dann ging ich, ohne einen Blick zurückschweifen zu lassen, hinunter zum Fluss, um mir eiskaltes Wasser über das Gesicht laufen zu lassen. Vielleicht löste die eiskalte Abkühlung alle Gedanken, vielleicht verschlimmerte sie diese auch. Ich wusste es nicht. Wollte es auch nicht wissen. Jetzt stand ich schon wieder hier und wartete auf die aufgehende Sonne.