Flucht nach oben
Flucht nach oben
Hey ihr alle ich hoffe ihr hattet ein schönes Wochenende und es geht euch allen gut :D
Nun geht es aber weiter mit Teil vier der Mission. Ich bin gespannt, wie ihr den Verlauf findet, schreibt mir doch gerne eure Meinung in die Kommis. Würde mich sehr freuen, das ist einfach die beste Motivation von allen. Liebe Grüße euch und viel Spaß beim lesen.
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Pov Elara
Inzwischen ritten wir schon eine ganze Weile wieder durch die offene Hochebene, ohne eine bedeutende Entdeckung zu machen. Es war mittlerweile Tag drei der Expedition und schon jetzt lagen bei uns allen die Nerven blank. Es wurde mit jedem Tag schlimmer. Nicht nur die wachsende Erschöpfung, sondern auch die Begegnungen mit den Titanen an sich. Das gestern war nicht normal, dass hatte sogar Levi eingesehen, sodass wir tatsächlich den Rückzug zur Mauer angetreten hatten. Trotzdem mussten wir mindestens noch eine Nacht und zwei volle Tage hier im Gebiet des Todes überstehen. Levi wusste, dass die wenigen Informationen, die wir hatten, genug waren, um die ganze Stadt in Aufruhr zu versetzen. Deshalb mussten wir schleunigst mit Erwin darüber sprechen, was das alles hier zu bedeuten hatte und wie wir damit umgehen sollten.
Gerade war es still und die Freifläche um uns herum erstreckte sich über mehrere hundert Meter, sodass wir alle etwas aufatmen konnten und uns locker machten. Vorne sprachen Hanji und Levi leise miteinander. Ich verstand kein Wort, konnte mir aber bereits denken, worüber sie sprachen. Ich gesellte mich zu den anderen drei Chaoten hinter mir. Es war die erste Unterhaltung seit Tagen, die nicht des Überlebenswillens stattfand.
"Boah, ich freue mich schon soo sehr auf etwas anderes zu Essen.” Sashas Magen knurrte nach ihrer Aussage ebenfalls demonstrativ. Ich musste schmunzeln. Irgendwie war es schon süß, dass Essen ihr einziges Problem gerade war.
“Musst du immer an Essen denken, mir ist Kotzübel.” warf Jean genervt in die Runde.
“Also ich freue mich einfach auf mein eigenes Bett und die Ruhe vor euch.”
Connie grinste in die Runde. Ich konnte ihn irgendwie verstehen, schließlich schliefen sowohl Sasha als auch Hanji neben beziehungsweise halb auf ihm die letzten Nächte. Da Connie selbst nicht der Größte war, wurde er meistens unter ihrem Gewicht verschluckt. Im nächsten Moment hörte ich Sasha schon auf einem Stück Brot kauen.
“Will ich wissen, wo du das her hast?” fragte ich sie belustigt.
Sie schüttelte den Kopf und biss genüsslich in ihr Stück. Jean atmete genervt aus. Ihm schlug das alles sehr auf den Magen, vor allem tagsüber bekam er kein Stück Essen hinunter. Nach einigen Sekunden brach er die Stille.
“Boah Sasha, ich kann es nicht hören, gehe woanders essen.”
Connie sprang mit in das Gespräch ein.
“Weißt du was ich glaube? Irgendwann fängt sie noch an, hier draußen ein Brot zu backen.”
Ich musste bei der Aussage wirklich lachen, das konnte ich mir bei Sasha so gut vorstellen.
"Tja, sie wäre tot, bevor das Brot fertig ist.”
Jean war sichtlich genervt über das Thema Essen. Ich warf ihm einen entschuldigenden Blick zu, den er etwas gefasster erwiderte. Für einen Moment fühlte es sich fast wie ein normaler Ausritt an. Aber eben nur fast. Mit einem Auge und einem Ohr scannten wir alle durchgehend die Umgebung nach potenziellen Gefahren. Nox über uns kreiste ruhig seine Bahnen, ein gutes Zeichen. Weit und breit war nichts zu sehen.
“Elara sag mal, wo hast du eigentlich heute Nacht so spät noch gesteckt?”
Connies fragender Blick bohrte sich in meinen.
“Ich war noch etwas laufen. Meine Gedanken waren einfach zu laut zum Schlafen."
“Verstehe.”
“Hast du Levi dabei wieder etwas zu sehr genervt, oder warum ist er den ganzen Morgen schon wieder so komisch drauf.”
Mein Blick glitt unbewusst auf den Mann, der wenige Meter vor uns ritt. Gerade Haltung. Aufmerksamer Blick. Die Schulter immer noch minimal in Schonhaltung.
"Nein eigentlich nicht. Ich habe ihn kurz am Fluss getroffen, bin dann aber schnell wieder gegangen.”
Ich musste ihnen nicht alles erzählen. Ich hatte überhaupt keine Lust auf komische Fragen, wo es offensichtlich nichts gab. Ich hatte ihm geholfen mehr nicht.
“Also ich finde Levi nett.” warf Sasha plötzlich in den Raum. Innerlich dankte ich ihr für diese Unterbrechung. Ich hatte echt keine Lust mich zu rechtfertigen, was ich denn abends allein machte.
Jean sah Sasha ungläubig an.
“Levi. Nett?”
“Ja”
“Wir reden von demselben Levi?”
Sasha nickte.
“Er hat mir gestern nichts von meinem Essen weggenommen.”
Connie brach in Lachen aus.
“Das ist deine Definition von Nettigkeit?”
Sasha nickte wieder. Ich musste schmunzeln. Sie war einfach ein richtiger Engel, nahm nichts böse und freute sich schon über die kleinen Dinge, wie Essen.
Doch bevor wir weiter auf das Thema Levi und Nett eingehen konnten, hob der Besagte die Hand. Die lockere Stimmung verschwand augenblicklich. Alle wurden still. Levi sah nach links in den Wald einige hundert Meter entfernt. Dort standen tatsächlich Titanen. Viele Titanen. Mehr als sieben aufjedenfall.
Pov Levi
Ich bemerkte den ersten Titanen lange bevor die anderen es taten. Er stand seelenruhig hinter einigen Bäumen und schaute ziellos durch die Gegend. Als wir in einem Bogen näher an dem Stück Wald vorbei ritten, erkannte ich immer mehr Titanen, die auf exakt dieser Stelle standen. Ich ließ den Blick schnell über das restliche Gelände schweifen, dort war es allerdings ruhig. Keine Bewegungen, keine Titanen. Ich hob die Hand und hatte somit die Aufmerksamkeit meiner Einheit, die zuvor in wilde Gespräche vertieft war.
“Wir umgehen sie.”
Mehr brauchte ich nicht sagen. Mein Wort reichte, dass alle brav gehorchten. Trotzdem spürte ich die Unruhe der Truppe hinter mir. So viele Titanen auf einem Fleck waren ebenfalls nicht normal. Die Titanen standen verteilt zwischen den Bäumen. Sie hatten uns noch nicht vollständig entdeckt. Das war unsere Chance. Ruhe bewahren war das Wichtigste in so einer unübersichtlichen Situation. Ich zählte innerlich weiter, hatte bereits acht Titanen zwischen den Ästen ausmachen können. Das war keine zufällige Ansammlung mehr. Es war irgendetwas anderes.
“Elara.”
Ich verlangsamte mein Pferd und wartete, bis sie neben mir erschien. Vielleicht erinnerte sie sich an
etwas. Vielleicht wusste sie etwas. Ich musste sie genau im Auge behalten.
“Was sagt dir diese Ansammlung.”
Sie überlegte. Ihr Blick huschte zu dem Haufen Titanen hinüber und fokussierte ihn. Sie versuchte sich zu erinnern. Ich ließ sie, achtete weiterhin auf jede Bewegung. Einer der Titanen bewegte sich aus dem Wald hinaus. Er drehte den Kopf und sah direkt in die Formation. Seine leeren Augen blieben an uns hängen. Elara neben mir versteifte sich. Der Titan sah sie an, fixierte sie und ging dann langsam auf uns zu. Nicht schnell, aber direkt. Auch die anderen reagierten nach und nach, standen auf und liefen dem Ersten hinterher. Innerhalb weniger Sekunden bewegte sich der gesamte Wald.
“Scheiße, abdrehen nach westen.”
Mein Befehl ließ die Einheit sich sofort in Bewegung setzen. Wir galoppieren über die offene Fläche, gefolgt von mindestens acht Titanen.
“Bleibt dicht zusammen.”
Immer noch scannte ich Elaras Miene. Sie schien augenscheinlich etwas zu wissen oder zumindest kam es ihr bekannt vor, doch in Worte fassen konnte sie es nicht. Jetzt kamen auch aus anderen Richtungen Titanen. Sie steuerten alle auf denselben Punkt zu. Die Formation. Ein Ausweichen war nicht mehr möglich.
“Bereitmachen fürs 3D Manöver.”
Sofort griffen alle hinter mir an die Griffe des Manövers. Auch meine Hände ruhten bestimmend um die Klingen.
“Sasha, Hanji nach links. Jean Connie nach rechts. Ich gehe durch die Mitte.”
Alle nickten, stellten sich auf die Pferde und schossen die ersten Haken. Die Titanen kamen näher. Mein Blick ging zu Elara, die verunsichert auf ihrem Pferd saß.
“Bleib hier.”
Dann schoss auch ich den ersten Haken und schnellte in einer fließenden Bewegung nach vorne, direkt auf den ersten Titanen zu. Gas zischte. Ich flog nach oben. Die Welt wurde für einen Moment schnell und klar. Den ersten Titanen erreichte ich in wenigen Sekunden, schnitt mit einer präzisen Bewegung den Arm durch, drehte mich in der Luft und zielte dann auf den Nacken. Ein einziger klarer Schnitt und der Titan sank in sich zusammen. Im Flug drehte ich mich erneut, schoss den nächsten Haken in die Schulter des zweiten Titans, zog mich schnell heran und setzte auch hier zu einem präzisen Schnitt an. Der Titan taumelte, als ich ihm die Augen zerteilte. Ein weiterer Haken. Eine weitere Umrundung und der nächste Titan fiel zu Staub.
Hinter mir kämpften die anderen in Zweierteams ebenfalls gegen einige Titanen. Sie machten sich gut, ließen keine Fehler zu und erledigten einen nach dem anderen. Hinter mir tauchten bereits die nächsten aus dem Wald auf. Zu viele. Selbst für mich allein. Das hier war keine kontrollierte Begegnung mehr. Es war eine Konfrontation. Geplant oder ungeplant konnte ich nicht sagen, doch es stank zum Himmel. Ich zog die Klingen enger an meinen Körper. Mein Blick ging wieder nach vorne. Ein Titan kam auf mich zu. Dann ein zweiter. Ich stieß mich erneut ab, schnellte auf die beiden nächsten zu und schoss einen Haken nach dem anderen. Das Gas zischte, katapultierte mich in einer Geschwindigkeit nach vorne, die einem Blitz ähnelte. Weitere Titanen fielen mir zum Opfer, doch die Anzahl verringerte sich nicht. Ich hatte eher das Gefühl, sie wurden mehr. Ein Blick zu den anderen zeigte mir, dass sie es nicht mehr lange mit der Menge aufnehmen konnten. Ich musste eine Entscheidung treffen. Jetzt.
“Alle zurück auf die Pferde und zu den Bäumen.”
Meine Stimme war ruhig, schneidend und ließ keine Spielräume offen. Sofort machten sich die anderen vier auf zu ihren Pferden. Sie erledigten im Vorbeifliegen noch einzelne Titanen, die ihrer Flucht im Wege standen, aber im Großen und Ganzen gelang es ihnen relativ zügig auf die Pferde.
“Aufteilen, wir ziehen diese Mistviecher auseinander.”
Sofort machten sich Jean und Connie nach rechts auf, während Hanji und Sasha sich nach links zum Waldstück begaben. Ich vertraute meiner Einheit blind, wusste, was sie leisten konnten und gab ihnen einen kleinen Vorsprung, damit sie sicher ankamen.
“Elara zu mir.”
Sie setzte sich direkt in Bewegung, hatte sogar meinen Hengst schon am Zügel im Schlepptau. Ich nutzte die Zwischenzeit, um einen weiteren Titanen zu überwältigen. Ein Schnitt. Blut spritzte durch die Luft. Der Titan taumelte. Ich zog die zweite Klinge, schnitt noch einmal und durchtrennte den Nacken. Der riesige Körper sackte zusammen. Ich landete auf dem Boden. Kein Zögern. Kein Blick zurück.
Ein weiterer Titan kam von links, doch ich war schneller, stieß mich vom Boden ab und umrundete ihn. Der Titan schlug nach mir, verfehlte mich, während ich bereits mit der Klinge vom Handgelenk bis hoch zur Schulter schnitt. Er brüllte, schlug erneut. Ich duckte mich unter dem anderen Arm hinweg, schoss einen weiteren Haken und drehte mich um die eigene Achse. Die Klinge fuhr durch den Nacken. Der Titan fiel.
Zwei weitere Titanen waren in unmittelbarer Reichweite. Sie würden den Rückzug behindern, deshalb schoss ich sogleich auf die beiden zu. Das Gas zischte. Die Haken spannten sich. Mein Körper flog durch den Wind, wie ein Falke auf der Jagd. Ich setzte den Haken am größeren Titan, schoss an Händen vorbei und nutzte die Schulter des Titans als Sprungbrett für den kleineren direkt daneben. Schnell und präzise raste ich an seinem Nacken vorbei, schnitt hindurch und drehte mich im Flug bereits wieder um. Ich setzte einen zweiten Schnitt in die Hand des Titans, die verzweifelt versuchte, mich zu erreichen. Dann fiel er.
Mein Atem ging schneller, meine Konzentration war geschärft. Meine Augen fixierten den letzten Titanen. Er war der größte von allen. Ich blickte an ihm hoch, zog meine Kreise um ihn herum. Immer wieder schoss ich Haken in seine Haut, betätigte das Gas und flog Stück für Stück höher, bis ich den Nacken erreichte. Ein einzelner Schnitt mit beiden Klingen und der Titan zerfiel. Ich landete auf dem Boden, rollte mich ab und stand in der Sekunde wieder. Elara war sogleich bei mir. Mein Fuß fand den Steigbügel und mit einem Satz saß ich auch schon im Sattel. Dann galoppierten wir los. Hinter uns waren immer noch zu viele Titanen zu sehen, die bereits die Verfolgung aufgenommen hatten.
Pov Elara
Es war unübersichtlich, hektisch und chaotisch. Überall um uns herum tummelten sich Titanen, die die Verfolgung aufgenommen hatten. Ich ritt neben Levi. Er sah aus wie immer, konzentriert mit diesem Ausdruck völliger Ruhe. Ich war es nicht. An Ruhe und Gelassenheit konnte ich nun wirklich nicht denken, wenn uns mehrere Titanen verfolgten. Levi hatte einige von ihnen ohne mit der Wimper zu zucken getötet. Ich war beeindruckt. Es war das erste Mal, dass ich ihn wirklich richtig in Aktion gesehen hatte, und es hatte mir kurz die Sprache verschlagen. Er war wendig, kontrolliert, schnell und dermaßen präzise. Ich hatte kurz Probleme gehabt, ihm mit dem bloßen Auge zu folgen, so schnell war er. Wie konnte er eigentlich noch so schnell denken? Schließlich kämpfte er, gab Befehle und hatte seine gesamte Umgebung immer im Blick.
Plötzlich riss Levi mich aus meinen Gedanken.
“Auf die Bäume dort drüben.”
Er deutete auf ein Waldstück vor uns, dessen Bäume fast so groß wie die Mauer waren. Ich nickte, hatte verstanden und lenkte Nattfari auf das Waldstück und die Baumriesen zu. Jetzt musste ich mich konzentrieren. Ich durfte keinen Fehler machen. Ich musste vom Pferd aus meinen Haken schießen, treffen und sicher oben ankommen, noch bevor mich ein Titan erreichen konnte. Gar nicht mal so leicht, doch mein Kampfgeist und mein Wille ließen mich optimistisch denken. Immer näher kamen wir den Bäumen. Levi neben mir stand bereits auf seinem Pferd, bereit zu handeln. Ich hingegen wusste noch nicht ganz, wie ich das anstellen sollte. Sein Blick ging kurz zu mir. Ein stummes Versprechen. Er würde mich hier nicht hängen lassen, auch wenn wir uns nicht gut verstanden. Ich atmete mehrfach tief ein und aus, konzentrierte mich auf Nattfaris Bewegungen unter mir und rutschte dann langsam auf die Knie. Mit meinen Beinen stütze ich mich an seinem Rücken ab. Meine Knie klammerten um seinen Widerrist. Du kannst das Elara, dachte ich. Dann schoss ich einen Haken, dosierte das Gas und flog.
Levi war direkt neben mir. Auch er flog durch die Luft. Ich brauchte meine gesamte Konzentration, Gleichgewicht und Fokus, um nicht gegen den nächsten Baum zu klatschen. Mein Atem ging schneller, doch ich zwang mich, ruhig zu bleiben. Dann schoss ich den nächsten Haken ein Stück weiter oben, setzte wieder etwas Gas ein und wurde in die Höhe gezogen. Immer höher und höher, bis wir schließlich die Baumkrone erreichten, in der uns die Titanen nichts anhaben konnten. Auf einmal schoss mir etwas durch den Kopf. Wie zum Teufel landete ich denn auf einem Ast, der nicht einmal einen Meter Durchmesser fasste. Das hatte mir bis jetzt noch keiner beigebracht. Ich war immer mit Schwung auf dem Boden gelandet und musste mich auch dort noch abfedern. Scheiße, was mache ich denn jetzt? Ich sah kurz zu Levi hinüber, der bereits auf einem Ast stand. In dem Moment als unsere Blicke sich kreuzten und ich immer noch um den Baum flog, realisierte Levi was das Problem war.
“Elara ruhig bleiben.”
“Ist einfacher gesagt als getan, wenn man gut zwanzig Meter über dem Boden fliegt.”
“Trotzdem musst du ruhig bleiben. Konzentriere dich auf den Moment, wo willst du hin und dann tust du genau das. Nicht versteifen, nicht verkrampfen. Höre auf dein Gefühl und mach es einfach.”
"Okay, ich versuche es.”
Ich atmete ein und aus, fokussierte einen Ast auf dem ich landen wollte und steuerte darauf zu. Dann schoss ich einen Haken, setzte ganz wenig Gas ein und flog auf den Ast zu. Die Sekunden fühlten sich wie Minuten an. Ich hatte das Gefühl, dass ich in Zeitlupe dort ankommen werde und dann genauso langsam einfach fallen würde. Das kurze Zögern reichte und ließ mich nur ganz kurz das Gleichgewicht verlieren. Meine Beine strampelten und rissen mich nach unten.
“Scheiße.” entkam es mir.
Ich überlegte angestrengt. Was könnte ich tun? Wie konnte ich mich retten? Dann fiel mir etwas ein. Ich war doch auch früher auf diese verdammten Bäume gekommen, nur ohne dass ich fliegen konnte. Ich ließ die Griffe des 3D Manövers los, zog geschickt beide Messer und rammte sie mit aller Kraft in die Rinde des Baumes. Es brauchte einige Meter, doch ich kam zum Stoppen. Sofort sprang ich auf den Ast neben mir und machte mich daran, die Äste nach oben zu klettern. Meine Messer waren wieder auf Position in meinem Schuh und das andere an meinem Oberschenkel.
“Scheiße Elara gut gerettet.”
Levi kam mir entgegen, streckte mir seine Hand aus und half mir auf den letzten Ast ganz nach oben. Kurz sahen wir uns an, ehe er seine Hand schnell zurückzog und sich von mir abwandte. Ich ließ mich gegen den Baumstamm sinken und musste erstmal die letzten Minuten verdauen. Mein Atem ging schnell, mein Herz raste und mein Puls beruhigte sich ebenfalls erst langsam. Ich schloss die Augen, hörte meiner Umgebung zu. Die Titanen standen unten, das konnte ich hören. Die Schritte, die Geräusche und die Tatsache, dass wir hier festsaßen ließ mich noch erschöpfter werden.
Wie von selbst gingen meine Gedanken zu den anderen vier. Waren sie wohl auf und in Sicherheit. Ich hoffte es, konnte mir nicht vorstellen, einen von ihnen zu verlieren. Zu wichtig waren sie mir alle geworden. Die Vorstellung, dass es einer nicht geschafft hatte, löste Gänsehaut und ein mulmiges Gefühl in mir aus.
Ich erschrak, als Levi ohne Vorwarnung eine grüne Leuchtpistole zündete. Ich wollte gerade einen unschönen Kommentar ablassen, da sah ich es. Zwei Antworten auf seine Frage. Zwei grüne Rauchwolken in einiger Entfernung. Das bedeutete, dass alles in Ordnung war. Es ging allen gut. Erleichtert atmete ich aus und ließ abermals die Augen zufallen.
Ich weiß nicht, wie lange ich hier gesessen und einfach gedöst hatte. Zu erschöpft war ich nach dieser kurzen Nacht und dem Stress des Tages. Levi ließ mich, sprach die ganze Zeit nicht. Er saß in einiger Entfernung auf einem Ast ein Stück über mir. Mittlerweile dämmerte es bereits. Es wurde kühler, der Wind hier oben zog sich immer weiter zusammen. Langsam fröstelte ich, zog den Umhang näher und bibberte. Dann öffnete ich die Augen und sah mich um. Die Sonne stand schon halb unten am Horizont. Das rote Licht erstrahlte über die Ebene. Hier oben konnte man Kilometerweit sehen. Wie der Mond hinter mir aufging und den Tag langsam aber sich verschluckte. Wie die Blätter immer stärker im Winde wehten und wie das Licht des Tages immer schwächer wurde.
Levi warf mir einen kühlen Blick zu. Ich hielt ihn, wusste nicht, was er von mir wollte.
“Was?”
“Nichts.”
Ich atmete genervt aus, warum musste ich auch mit Levi hier oben festsitzen. Jetzt gerade wurde mir die Situation zum ersten Mal so richtig bewusst. Wir saßen hier oben die nächsten Stunden fest. Zusammen. Ohne die anderen. In bald eisiger Kälte. Na toll. Ich war doch sowieso schon so verwirrt und in meinen Gedanken, dass machte es also nicht besser. Unter mir bewegte sich wieder mal ein Titan. Wie viele es waren, wusste ich nicht, doch es mussten mindestens drei oder vier sein, wenn nicht sogar deutlich mehr. Langsam kam ich jedoch zur Ruhe. Mein Geist realisierte mittlerweile, dass die Titanen mir hier oben nichts antun konnten. So wie damals, als ich allein hier war.
Die Sonne sank langsam hinter den Baumkronen. Mit ihr verschwand die letzte Wärme. Dunkelheit breitete sich aus und die ersten Titanen zogen sich in den Schlaf zurück. Wir mussten allerdings auf Nummer sicher gehen und warteten weiter. Mindestens noch eine Stunde, sowie die letzten Abende auch. Dann konnten wir endlich von diesem Baum und zu den anderen zurück. Ein Schauer lief mir über den Rücken, ich zog unweigerlich die Schultern hoch. Levi sah wieder zu mir. Sein Blick immer noch undurchdringlich. Ich wollte ihm nicht die Blöße geben und Schwäche zeigen, deshalb schwieg ich weiter. Der Stoff meines Umhangs war kühl und klamm und jede Bewegung machte mir erst richtig bewusst, wie sehr ich fror. Ich biss die Zähne zusammen. Ich würde mich nicht vor Levi beschweren. Ganz sicher nicht.
Einige Minuten vergingen. Der Himmel wurde dunkler. Die Kälte kroch unter meine Kleidung, und meine Finger begannen langsam taub zu werden. Ich rieb meine Hände aneinander. Levi bemerkte es natürlich. Er bemerkte alles. Nach einigen Minuten erhob er das Wort.
“Wie lange willst du das noch machen?”
“Was?”
“Dir die Hände reiben, bis sie abfallen.”
Ich atmete genervt aus. Er verdrehte die Augen. Dann musterte er mich kurz.
“Wie schlimm?”
“Was?”
“Die Kälte.”
Ich wollte schon antworten, dass alles in Ordnung war. Das war schließlich meine übliche Antwort, wenn irgendetwas nicht in Ordnung war. Doch meine Zähne klapperten genau in diesem Moment leise aufeinander und ich zuckte unweigerlich vor Kälte. Levi hob eine Augenbraue.
“Sag nichts.”
Meine Laune wurde immer mieser. Es war in dieser kurzen Zeit wieder mal so arschkalt geworden, dass die Kälte schon in meinen Kochen saß. Levi seufzte. Es vergingen einige Sekunden, bis er schließlich aufstand und zu mir auf meinen Ast kam. Ich sah ihn fragend an. Was hatte er denn jetzt schon wieder vor? Ich starrte ihn immer noch verwirrt an, als Levi schon vor mir stand. Er sah mich an, dann erklang seine ruhige Stimme.
“Jetzt rücke schon zur Seite.”
“Was?”
Er schüttelte den Kopf, schnaubte genervt.
“Du hast mich schon verstanden, also mach schon.”
Völlig überfordert rückte ich ein Stück zur Seite. Nur soweit, dass ich nicht gleich in den Abgrund fiel. Dann ließ sich Levi neben mir niedersinken. So nah, dass sich unsere Schultern unweigerlich berührten. Er hob einen Arm und legte seinen Umhang um mich. Zögerlich, als würde er sich das ganze vielleicht noch einmal anders überlegen, doch er zog mich im gleichen Moment schon zu sich. Ich musste schlucken, so nah war er auf einmal. Die Wärme, die er ausstrahlte, stieg mit einem Mal heftig an. Levi zog den Umhang näher um mich und schloss ihn vorne so gut es ging. Sein ruhiger, aber gleichzeitig genervter Kommentar ließ mich auch direkt wissen, dass er diese Situation alles andere als toll fand.
“Gewöhn dich bloß nicht daran.”
“Hatte ich auch nicht vor.” erwiderte ich kühl zurück.
Dennoch schoss die Hitze durch mich durch und ließ mich erschaudern. Mein Kopf war nicht mehr ruhig. Es war lächerlich. Ich hatte gegen diesen Mann gekämpft und hatte ihn schon in deutlich unangenehmeren Situationen erlebt. Dennoch kreisten meine Gedanken direkt zu dem Mann neben mir, der mich hasste und jetzt hier neben mir saß, den Kopf gegen den Stamm gelehnt und die Augen geschlossen hatte. Er sah müde aus. Einzelne pechschwarze Haare fielen ihm ins Gesicht. Er sah so friedlich aus, so unscheinschbar und irgendwie auch verdammt gut. Verdammt was redete ich mir hier schon wieder ein. Er machte mich nervös, irgendwie verlegen und das störte mich massiv. Jetzt fand mein Gehirn ihn auch noch hübsch, das ging nun wirklich zu weit.
Vielleicht lag es daran, dass Levi Nähe normalerweise behandelte wie eine ansteckende Krankheit. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mich noch immer an den Abend am Fluss erinnerte. An seine verletzte Schulter. An seinen Blick. An die Stille zwischen uns. Ich schob den Gedanken beiseite. Es war kalt. Mehr nicht.
Also ergriff ich allen verbleibenden Mut und lehnte mich vorsichtig gegen ihn. Sein Körper spannte sich zunächst an. Ich bemerkte es sofort. Doch nach ein paar Sekunden entspannte er sich wieder. Wahrscheinlich tat er nur so. Innerlich kochte er bestimmt vor Wut. Deshalb hatte er die Augen geschlossen. Ich sollte seine Abneigung gegen mich nicht sehen, denn er war offensichtlich nicht freiwillig so nah bei mir. Wenigstens begann die Kälte allmählich erträglicher zu werden. Oder ich bemerkte sie einfach weniger, was vermutlich noch viel problematischer war.
Eine Weile saßen wir schweigend da. Es wurde stiller, kühler und dunkler. Levi hatte entschieden, noch länger zu warten, zu groß war die Gefahr, doch noch auf einen aktiven Titanen zu treffen. Ich starrte in den Himmel, beobachtete die Sterne und musste unweigerlich an meine Mutter denken. Hier oben war ich den Sternen noch näher als sonst. Ich verlor mich in meinen Gedanken an meine Vergangenheit. Das Lächeln meiner Mutter, die genervte Art meines Bruders, wenn ich wieder scheiße baute. Dann an die vor kurzem zurückerlangene Erinnerung an die Titanenforschung in meinem Viertel. Ich zuckte einmal heftig zusammen. Auch Levi erschrak kurz. Sein Kommentar ließ nicht lange auf sich warten.
“Was soll der Scheiß oder soll ich dich lieber am Baum festbinden?”
Ich musste schmunzeln, da war er wieder. Den Levi, den ich immerzu provozierte, der immer wieder gegen mich schoss. Ich ließ mir keine Zeit mit einer provokanten Antwort.
“Wie denn?”
"Keine Sorge, ich finde etwas.”
“Das klingt beruhigend.”
“Ich kann dich auch einfach hier oben lassen, wenn ich später gehe.”
Ich sah ihn empört an.
“Das würdest du nicht wagen.”
Levi erwiderte meinen Blick.
“Probier es aus.”
Ich musste schmunzeln, schüttelte den Kopf und sah ihn kurz an. Er hatte die Augen immer noch geschlossen, der Mond beleuchtete ihn. Mein Kopf projizierte wieder diesen einen beschissen Gedanken. Er sah wirklich gut aus. Nein. Nicht schon wieder. Genervt über mich selbst schloss auch ich die Augen und lehnte mich wieder gegen Levi. Diesmal zögerte ich nicht. Zu kalt war es und zu warm war er. Levi bewegte sich ein kleines Stück, ließ mich bequemer sitzen. Ich bemerkte es. Es war eine kleine Geste. Vielleicht bedeutete sie nichts, doch mein Kopf spinnte schon wieder die wildesten Sachen. Krampfhaft versuchte ich, diese Gedanken und das Denken auszustellen. Doch mein Körper verriet mich. Ich kuschelte mich unweigerlich ein Stück näher an ihn. Ich hasste mich in dieser Sekunde wieder mal. Was war das? Was zum Teufel ließ mich Levi hassen und gleichzeitig so interessant finden. Wieso verriet mich mein Körper so sehr?
“Levi.”
“Mhm.”
“Wenn du jemandem erzählst, dass ich gefroren habe, bestreite ich alles.”
“Ich werde es in meinen Bericht aufnehmen.”
Erleichtert atmete ich aus. Das Schmunzeln auf seinen Lippen bekam ich nicht mehr mit, denn ich schloss abermals die Augen. Also saßen wir einfach nur hier, hoch oben zwischen den Ästen, während die Nacht um uns herum immer dunkler wurde. Dass ich dabei einschlief, merkte ich nicht im geringsten…