LNCrawler

Gedanken nach dem Sturm

Das Mädchen Hinter Den Mauern — www.fanfiktion.de · All chapters

Gedanken nach dem Sturm

Hey alle miteinander. Ich bin gerade so im Schreibfluss, dass ich auch schon das nächste Kapitel fertig habe. Ich hoffe euch gefällt es. Viel Spaß beim lesen :)

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Nach einer ganzen Weile erstreckte sich vor uns plötzlich eine gewaltige Mauer. Sie war so hoch, dass ich den Kopf weit in den Nacken legen musste, um überhaupt das Ende zu erkennen. Sie wirkte nicht einfach groß, sie wirkte riesig, unmöglich zu überwinden. Die einzelnen Steine waren größer als ein Mensch, dunkel und verwittert, und zwischen ihnen verliefen tiefe Fugen, in denen sich Moos und kleine Pflanzen festgesetzt hatten. Ganz oben verlor sich die Mauer im Himmel, als würde sie dort einfach weitergehen. Mitten in dieser gewaltigen Wand befand sich ein Tor. Es war so groß, dass selbst mehrere Menschen übereinander gestapelt nicht bis zu seiner Oberkante reichen würden und das Gewicht eines ganzen Hauses tragen könnte. Je näher wir der Mauer kamen, desto kleiner und unbedeutender fühlte ich mich. Die Größe dieser Mauer war überwältigend. Offensichtlich sollte sie vor den Titanen schützen, die beiden Welten voneinander trennen, doch konnte sie das wirklich?

Das Tor ging auf, sofort schossen Menschen mit diesen komischen Dingern hervor und stellten einen Geleitschutz her. Wir ritten durch dieses riesige Tor in der Wand und kamen in einer kleinen Stadt an. Überall standen Menschen und schauten uns an. Wir ritten einfach hindurch. Der Hauptgefreite hinter mir atmete wieder sichtlich genervt aus. Wahrscheinlich hatte er ebenso keine Lust auf Menschen. Unser Weg führte uns vorbei an dicht aneinandergereihten Häusern, bis wir aus der Stadt in ein offenes Gelände kamen. Nach einiger Zeit erreichten wir anscheinend unser Ziel. Ein großes Schloss stand auf einem kleinen Hügel umringt von Wiesen und Wäldern. Das Schloss schien von außen verlassen, als hätte es jahrzehntelang Wind, Regen und Schnee getrotzt. Seine hohen Mauern waren aus dunklem, verwittertem Stein errichtet worden, an manchen Stellen von Efeu überwuchert und von tiefen Rissen durchzogen. Türme ragten an den vier Ecken des Schlosses empor, deren Dächer längst nicht mehr überall vollständig erhalten waren. Ein riesiger Torbogen ließ darauf schließen, dass früher ein schweres Tor den äußeren Bezirk und den weitläufigen Innenhof getrennt hatte. Heute war von dem Tor nichts mehr zu sehen. Der Innenhof war ein kompletter Kontrast zu dem heruntergekommenen äußeren des Schlosses. Gepflegte Stallungen, ein aufgeräumter Trainingsbereich und einige besser erhaltene Nebengebäude, in denen wahrscheinlich Futter für die Pferde und Ausrüstung gelagert wurde. Der Platz vor dem Schloss war belebt. Menschen liefen umher, trainierten und unterhielten sich. Doch als sie uns sahen, verstummte der Innenhof plötzlich komplett.

Fragende Blicke lagen auf uns. Wahrscheinlich suchten sie ihre Kameraden, hofften, dass sie lebendig zurückkehrten. Ich kannte das Gefühl. Jemanden zu verlieren, der wichtiger war als das eigene Leben und nichts dagegen machen zu können. Xander… Kurz drifteten meine Gedanken zu ihm, dann schüttelte ich den Kopf. Nein, nicht jetzt. Nicht vor allen. dachte ich und schob meine Gefühle in die letzte Ecke meines Bewusstseins. Vor mir blieben die ersten Pferde stehen, die Reiter stiegen ab und ehe ich mich versah, war der Hauptgefreite von meinem Pferd gesprungen und ging zügig ohne ein Wort zu sagen Richtung des großen Gebäudes, wo er auch verschwand. Ich verdrehte die Augen. Respektlos. kam es mir sofort in den Sinn.

Ich stieg ebenfalls ab, ging in dem Gewirr der Menschen unter und bahnte mich zusammen mit Nattfari einen Weg Richtung des Tores. Nox kreiste immer noch über uns. Er war den ganzen Weg still mit Abstand gefolgt. Nun kam er mutig näher, traute sich allerdings noch nicht zu landen. Am großen Torbogen angekommen, hielt mich plötzlich der Mann, der wahrscheinlich der Kommandant war, auf. Er räusperte sich und zog sofort meinen Blick auf ihn. “Darf ich?” fragte er höflich.

Ich nickte. “Ich bin Kommandant Erwin Smith vom Aufklärungstrupp.” stellte er sich nun offiziell vor und reichte mir seine Hand.

“Elara Sturmjäger.” antwortete ich knapp und nahm seine Hand.

Dann deutete Erwin mit einer Hand Richtung des Tores und ging hindurch. Ich folgte ihm und lief neben ihm her.

“Nun Elara, ich glaube du weißt bereits, was ich dich fragen möchte.”

Wieder nickte ich. Kurz dachte ich nach, was ich über mich preisgeben sollte, doch entschied mich dann, ihm die Wahrheit zu sagen. Alles war besser als draußen allein bei den Titanen.

“Nun..” begann ich. “Ich erinnere mich nicht an vieles. Es sind verschwommene Erinnerungen. Eines Tages wachte ich auf und war einfach dort. Seitdem lebte ich mit Nattfari und Nox.” Kurz deutete ich auf das Pferd neben mir und den Raben über mir. Erwins Blick folgte mir. “in der Welt der Titanen. Wie ich dort hingekommen bin weiß ich nicht. Jedes Mal wenn ich mich an etwas erinnere, bekomme ich Kopfschmerzen und die Erinnerung verblasst wieder. Ich weiß nur noch, dass ich nicht dort geboren wurde, sondern woanders. Weit weg. Und das mein Bru..” Meine Worte stockten.

Gedankenblitze über diese Nacht schossen mir wieder in die Augen. Elara LAUF!! Kurz darauf wurde mir schwindelig. Erwin ließ mir Zeit mich zu sammeln. Nach einigen langen Sekunden fuhr ich fort. “das mein Bruder ebenfalls dort war und starb…” Dann brach meine Stimme.

Erwin nickte stumm. Er verstand. Gab mir einen Moment, um mich zu orientieren. Er merkte direkt, dass ich nicht mehr bereit war zu sprechen. Zu schmerzhaft waren meine Erinnerungen.

Dann sprach er ruhig und besonnen. “Ich werde Hanji bitten, ein Zimmer für dich vorzubereiten. Selbstverständlich kommst du bei uns unter. Alles weitere besprechen wir morgen.”

Daraufhin verabschiedete er sich und zog sich zurück. Ich blieb einfach stehen, schließlich hatte ich sowieso keine Ahnung, wo ich war.

Nach einiger Zeit vernahm ich hinter mir Schritte. Ich drehte mich zu dem Geräusch und blickte in das lächelnde Gesicht einer jungen Frau. Sie hatte eine Brille in ihrem wirren braunen Haar sitzen und kam freudig strahlend auf mich zu. Neugierig musterte sie mich, bevor sie vor mir stehen blieb und überschwänglich meine Hand nahm und sich selbst vorstellte.

"Hey, ich bin Hanji. Es freut mich so sehr dich kennenzulernen. Du weiß ja gar nicht, wie aufgeregt ich bin. Ich meine, du warst hinter den Mauern. Ich wusste nicht mal, dass es noch andere Menschen als uns dahinter gibt. Aber jetzt stehst du vor mir und jetzt muss ich alles wissen. Wie ist es denn so da draußen?”

Überfordert sah ich sie an. Wie kann sie so fröhlich und aufgeschlossen sein, wir kennen uns seit exakt zehn Sekunden, dachte ich.

"Oh, entschuldige bitte Elara. Ich sollte dich eigentlich nur auf dein Zimmer bringen, aber ich bin ja so aufgeregt. Du musst wissen. Ich bin Wissenschaftlerin und forsche für mein Leben gerne. Deshalb bin ich vielleicht auch etwas zu neugierig. Bitte lasse dich davon nicht abschrecken.”

Dann zog sie auch schon an meiner Hand, die immer noch in ihrer lag.

“Ich bringe dich auf den Zimmer.”

Ich nickte nur überfordert und ließ mich von ihr mitziehen. Wir gingen wieder über den Innenhof, der mittlerweile schon viel leerer war, und steuerten auf das große Gebäude zu in dem auch Levi verschwunden war.

“Nun ich hoffe dir gefällt es bei uns. Es ist zwar alles ein wenig alt und minimalistisch aber gemütlich.”

Hanji hörte gar nicht auf zu reden, ließ mich nicht einmal zu Wort kommen. Ich folgte ihr einfach immer noch komplett überfordert mit ihrer offenen Art. Mittlerweile waren wir im Gebäude angekommen.

“Also hier links ist der große Speisesaal, dort essen wir alle gemeinsam. Hier rechts befinden sich Theorieräume, ein Lager, etwas weiter hinten die Krankenstation und meine Forschungsstation und dahinter fangen die ersten Räume der Truppenführer an.”

So schnell wie sie redete, konnte ich nicht mal schauen. Geschweige mir zu merken, was sie mir gerade alles gesagt hatte. Zu viele Informationen auf einmal. Wir bogen ab und erreichten eine Treppe, die Hanji mich auch sofort nach oben zog.

“Also hier im zweiten Stock sind die Räume der ganzen Mitglieder des Aufklärungstruppes.” Sie zog mich weiter durch ein Gewirr von Gängen, bis schließlich eine weitere Treppe zum Vorschein kam, die sie mich ebenfalls hochzog.

“Hier oben sind dann die Büros der Obersten. Vorne links das ist Erwins, dahinter das ist meines. Hier rechts ist der große Besprechungssaal. Also, eigentlich darf hier niemand ohne Grund einfach hoch, aber du bist eine Ausnahme.” Hanji zog mich weiter an den Türen vorbei und blieb nun vor einer stehen. Dann deutete sie noch einmal kurz nach links den Gang weiter hinunter.

“Achso das Büro dahinten ist das von Levi und das hier wird dein Zimmer sein."

Hanji schnappte nach Luft. Kurz war Ruhe, bevor sie den Schlüssel drehte und eintrat.

“Also es ist zwar nicht groß. Eigentlich ist es für Besucher gedacht, weil ein anderes Zimmer ist gerade nicht frei und wir dachten, dann bist du bei uns in der Nähe, falls du Fragen hast und sollte ein anderes..”

Ich unterbrach sie endlich. "Hanji, es ist perfekt, danke."

Mein Blick glitt wach durch das Zimmer. Ein großes Bett stand in der Mitte des Raumes, daneben ein großes Fenster. Links stand ein Schreibtisch mit Hocker und ein Regal mit Büchern. Rechts stand ein kleiner Schrank und eine Tür, die vermutlich ins Badezimmer ging. Ich drehte mich zu Hanji um, denn ich war unbewusst weiter in das Zimmer getreten. Ein kleines Lächeln huschte mir über die Lippen. Hanji strich mir zärtlich über den Arm.

“Ruhe dich aus Elara. Ich komme später noch einmal wieder und bringe dir was zu essen.”

Ich nickte dankbar, bevor Hanji tatsächlich den Raum verließ. Vor fünf Minuten hätte ich gedacht, dass diese Frau am liebsten direkt bei mir einziehen will. Irgendwie war sie mir jetzt schon sympathisch. Sie kannte mich kein bisschen, war aber trotzdem so lieb und herzlich zu mir. Das war ich nicht mehr gewohnt seid… Wieder schossen mir kurze Bilder in den Kopf. Elara LAUF. bring dich in Sicherheit. Schreie. Der Geruch von Blut und dann plötzliche Stille. Danach wachte ich auf und niemand war mehr da. Es verfolgte mich. Schon seit ich aufgewacht war. Was passiert war an dem Tag, wusste ich nicht mehr. Es musste aber so schlimm gewesen sein, dass ich mein Gedächtnis mitsamt aller Erinnerungen verlor.. Nur mein Name, den kannte ich noch. Und der meines Bruders. Xander.. Sein Name halte in meinem Kopf. Ich erinnerte mich daran, wie ich ihn schrie, kurz bevor alles schwarz wurde. Es war sein Messer, das ich am linken Bein trug. Mein Messer ruhte im Stiefel des rechten Schuhs.

Langsam machte sich Müdigkeit in mir bemerkbar. Schnell legte ich meinen Bogen mitsamt Köcher und Pfeilen auf den Schreibtisch, streifte mir meine zerrissenen Klamotten vom Leib und begab mich in mein kleines Badezimmer. Dort ging ich direkt unter die Dusche und brauchte einen Moment um zu verstehen, wie ich das Wasser anmachte. Dann wusch ich den Dreck der letzten Monate herunter. Schrubbte meine Haut das erste Mal wieder mit Seife und wusch meine langen, wirren Haare mit Shampoo. Das warme Wasser ließ meine müden Glieder endlich entspannen. Viel zu lange stand ich dort. Eingehüllt im Wasserdampf in meine Gedanken.

Ein kurzes Klopfen ließ mich hochschrecken. Hanjis Stimme erklang.

"Elara, ich habe dir etwas zu essen und neue Kleidung auf dein Bett gelegt. Ich hole dich morgen ab.”

"Danke, Hanji." gab ich kurz zurück.

Ich kannte diese Frau seit vielleicht einer Stunde und fühlte mich in ihrer Gegenwart jetzt schon unfassbar wohl und behütet. Wie kann jemand denn so nett zu einer Fremden sein? dachte ich. Morgen wollte ich mich auf jeden Fall noch einmal bei ihr für ihre Freundlichkeit bedanken. Morgen. Was erwartet mich morgen wohl? Ich kannte weder die Menschen, noch die Bräuche, noch die ganze Ausrüstung, die sie hier benutzten. Und falls es nicht funktioniert? Ein kurzes Zweifeln lag in meinen Gedanken. Was, wenn sie irgendetwas von mir wollen oder mich für etwas brauchen? Angst stieg in meinen Kopf. Überdeckte meine Gedanken. Mein Atem ging flacher, mein Puls war höher. Auf einmal fühlte sich die Dusche beengend an. Ich musste hier raus. Ruckartig stellte ich das Wasser aus, trocknete mich schlampig ab und stolperte zurück in das Zimmer, was nun meines sein sollte. Einfach so? Ohne eine Bedingung? Ich zog mir schnell etwas über, machte das Fenster auf und ohne zu zögern kletterte ich in die kühle Abendluft hinaus.

Mein Fenster hatte glücklicherweise einen kleinen Vorsprung, auf den ich mich stellen konnte und mich danach weiter auf das Dach hochzog. Ich hielt mich an einer kleinen Rille im Gestein fest, machte einen Schritt nach dem anderen und kletterte schließlich auf einen der Türme hinauf. Höher, immer Höher, bis ich schließlich unter dem Dach des Turmes ankam. Sofort ließ ich mich auf den Vorsprung fallen.

Er hatte die perfekte Größe, um darauf zu sitzen, ohne abzurutschen. Mein Atem beruhigte sich, als der Wind durch meine roten Haare wehte und mein Gesicht striff. Meine Augen wanderten automatisch über die unter mir liegende Landschaft und das Schloss. Ganz unten im Innenhof konnte ich die Menschen als kleine schwarze Punkte identifizieren. Weiter hinten lagen die unendlichen Weiten der Welt. Ganz in der Ferne war klein aber deutlich die Mauer in schwarz zu sehen. Dahinter lag nur noch der Himmel. Die Sonne spielte malerisch mit ihrer letzten Kraft, ließ die Welt und die Wolken in einem tiefen Rot erstrahlen, während sie langsam aber sicher das Ende des Tages verkündete. Der Wind wurde merklich kräftiger und kühler. Er spielte eine berauschende Melodie zwischen den Türmen des Schlosses. Jetzt war ich frei. Ich breitete die Arme aus, ließ den Wind durch meine Arme gleiten, schloss die Augen und atmete bewusst ein und aus. Genau das waren die Momente,die mich all die Monate am Leben ließen. Momente ohne Sorgen, ohne Ängste, ohne Gedanken. Einfach frei. Wie ein Vogel in den Lüften.

POV Levi

Ich stand auf dem Dach des Schlosses. Meine Hände tief in den Taschen meines Mantels vergraben. Es war still. Wie so oft. Der Mond stieg gerade den Himmel empor. Die ersten Sterne leuchteten. Unter mir lag das Schloss, dunkel und reglos. Die Menschen, die heute noch vor den Mauern gekämpft hatten, schliefen ohne zu wissen, wie nah der Tod ihnen jeden Tag war. Ich atmete aus. Früher hatte ich diese Stille genossen. Heute weiß ich nicht mehr, ob sie mich beruhigte oder nur daran erinnert, wer alles nicht mehr da war. Nach jeder Mission kehrten die Gedanken an die Gefallenen zurück. Nicht überwältigend, nicht beängstigend, aber präsent. Ich hatte mir geschworen, ihre Namen niemals zu vergessen. Jeder von uns kannte die Aufgabe. Ich gab die Befehle. Ich traf die Entscheidungen und musste schließlich mit ihnen leben. So einfach war es. Doch jede getroffene Entscheidung hatte sein Gewicht. Ein Gewicht, das sich mit jeder weiteren schwerer anfühlte, bis selbst das Dach unter meinen Füßen nicht mehr fest genug wirkte. Wieder schloss ich die Augen. Es war nutzlos, mir über sowas Gedanken zu machen, denn die Vergangenheit änderte sich nicht, nur weil man sie lange genug anstarrte. Das wusste ich zu gut. Hatte zu viele gute Soldaten fallen gesehen. Und morgen warteten wieder Rekruten auf mich, die noch nie außerhalb der Mauern waren. Schauten mich mit ihrem siegessicheren Blick an, als ob sie alles besiegen konnten. Wenn ihr wüsstet, wie grausam diese Welt ist… Es warteten Berichte über die Opfer der letzten Mission, neue Befehle. Training. Hartes Training. Sie hielten mich alle für einen gefühllosen Bastard und das war auch gut so. Schon vor langer Zeit wurde ich gebrochen und hatte aufgegeben, meine Wunden zu heilen. Sie gaben mir jeden Tag die verdammte Kraft weiter zu machen und sie alle zu rächen.

Mein Blick fiel auf den Horizont. Dort wo die Sterne am stärksten leuchteten. Ich sorge dafür, dass der Tod meiner Kameraden nicht bedeutungslos war. Das war alles, was mir geblieben war. Kein großer Traum. Keine Hoffnung auf ein ruhiges Leben. Nur der nächste Schritt. Der nächste Kampf. Am nächsten Morgen. Ich zog den Mantel etwas enger und trat einen Schritt weiter um das Dach herum. Und dort saß jemand auf dem Turm nebenan. Ich erkannte sie sofort. Auch wenn ich durch die Dunkelheit nur ihren Schatten sah, wusste ich ganz genau, dass ihr rotes Haar gerade im Wind wehte und sie die Stille genoss. Ich beobachtete sie noch einen Moment, bevor ich mich zurückzog und wieder in der Dunkelheit verschwand.

Pov Elara

Ich saß bis tief in die Nacht auf dem Dach, bevor ich mich auf den Rückweg in mein Zimmer machte. Die Müdigkeit überkam mich schlagartig, sodass ich mich in meinem Bett verkroch und zum ersten Mal seit Monaten wieder liegend ausgestreckt auf einer Matratze mit einem echten Kissen und einer echten Decke schlafen konnte. Der Schlaf traf mich wie ein Schlag, sobald ich bequem im Bett lag.

Ich schlief traumlos bis zum nächsten Morgen, als ich unsanft von einem nervigen Klopfen geweckt wurde.

“Bin wach” mehr kam nicht von mir. Sofort schob Hanji ihren Kopf durch die Tür und lächelte mich an.

“Na endlich. Ich klopfe schon seit einer Ewigkeit.” konterte sie.

“Machst du dich fertig? Der Kommandant möchte uns sehen.” Ich nickte.

Ein Kloß entstand in meinem Hals. Vielleicht sollte ich doch fliehen und mich wieder alleine durchschlagen. Der Gedanke hörte sich einfach an. Flucht. Mehr kannte ich gerade nicht. Doch irgendetwas tief in mir ließ mich nicht los. Vielleicht war das hier ein Neuanfang. Verlieren konnte ich schließlich nichts mehr. Es war bereits alles verloren. Ich raffte mich auf, machte mich mehr oder weniger in Gedanken fertig und trat dann zu Hanji auf den Flur. Ihr ehrliches strahlendes Lächeln traf mich direkt.

“Na komm, wir wollen sie doch nicht ewig warten lassen.”

Dann gingen wir die paar Schritte den Flur hinunter Richtung Erwins Büro. Meine Schritte halten verdächtig laut in meinen Ohren. Es fühlte sich an, als würden wir eine Ewigkeit unterwegs sein, obwohl es vielleicht 30 Sekunden waren. Trotzdem fühlten sich meine Beine mit jedem Schritt, den ich näher zu dieser Tür ging, schwerer an. Meine Gedanken machten sich selbständig. Was, wenn sie mich ausnutzen?

Hanji bemerkte meine plötzliche Unruhe.

“Keine Sorge, Erwin ist nett, du hast ihn doch gestern schon kennenlernen dürfen. Naja und Levi ist eben Levi. Ignorier ihn am besten einfach.”

Sie zuckte mit der Schulter, bevor sie dann leicht an der Tür klopfte. Das Klopfen wurde mit einem festen "Herein" beantwortet. Hanji sah noch einmal zu mir herüber, schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln, bevor sie die Klinke nach unten drückte und eintrat. Ich tat es ihr gleich und folgte ihr ins Innere des Büros. Die Tür schloss sich hinter mir und mein Blick glitt durch das Büro. Erwin saß hinter seinem Schreibtisch, seine Hände locker ineinander verschränkt. Sein Blick lag ruhig auf mir. Levi stand rechts hinter ihm an der Wand gelehnt, die Hände vor der Brust gekreuzt und schaute wie drei Tage Regenwetter. Seine Augen zeigten keinerlei Regung, weder Gestik noch Mimik. Einfach nichts. Ich fühlte mich direkt unwohl. Wie kann er so ruhig und gleichzeitig so einschüchternd wirken, nur weil er da stand?

“Setze dich Elara” Erwin riss mich aus meinen Gedanken und deutete auf den Stuhl vor ihm.

Ich nickte, ging die paar Schritte und ließ mich ihm gegenüber auf den Stuhl fallen. Ich fühlte mich unwohl, nervös. Levi's Blick löste Unbehagen in mir aus. Seine grauen Augen verrieten nichts, einfach gar nichts. Er sah aus, als wäre er nicht freiwillig hier, sondern weil er musste.

“Also”, begann Hanji und legte die Arme auf den Tisch. Sie hatte sich neben mich gesetzt. „Ich finde, wir sollten sie behalten. Sie ist nett und scheint mir eine kluge junge Frau zu sein. Sie...“

Levis Blick wanderte zu ihr.

“Nein.”

Hanji blinzelte.

“Ich habe noch gar nicht erklärt, warum.”

“Musst du nicht.”

“Levi.”

Erwin hob leicht die Hand.

“Lass sie ausreden.”

Levi seufzte. Hanji grinste.

“Sie hat Potenzial, du hast es selbst gesehen.”

Ich sah zwischen den dreien hin und her.

“Ich habe nicht einmal gesagt, dass ich bleiben möchte.” war meine einzige Reaktion.

“Das ist nebensächlich”, sagte Hanji begeistert. “Deine Reaktionszeit, dein Gleichgewicht und vor allem deine Beobachtungsgabe sind ungewöhnlich gut.”

Erwin nickte. “Sie hat recht. Ich würde dich gerne hier behalten”. Sein Blick ging zu Levi. Er ahnte bereits, was jetzt kam. Sein Blick wurde noch düsterer.

“Du trainierst sie.”

“Nein.”

“Doch.”

“Nein.”

“Levi.”

Erwin unterbrach ihn, bevor er noch einen Kommentar sagte, indem er eine Hand hob. Levi atmete merklich genervt aus.

„Levi wird deine Ausbildung übernehmen.“ wandte sich Erwin nun wieder zu mir. Ich sah erst zu Levi, der mich ausdruckslos musterte und dann zu Erwin. Kurz war Stille. Dann ergriff Levi erneut das Wort.

“Ich bin kein Babysitter.”

“Du hast jahrelang Rekruten trainiert.” Erwins Stimme war immer noch ruhig.

“Weil es notwendig war.”

“Und jetzt ist es notwendig.”

“Tss.” Levi verschränkte die Arme erneut.

“Es gibt andere.”

Erwin nickte.

“Natürlich.”

“Dann nimm einen von denen.”

“Keiner von ihnen ist so effizient wie du.”

“Das ist kein Argument.”

“Doch.”

Erwins Blick blieb ruhig.

“Du bist einer der wenigen, die erkennen können, ob jemand tatsächlich Potenzial besitzt oder sich nur selbst überschätzt.”

Levi schwieg.

Ich räusperte mich vorsichtig. „Wenn ich ehrlich sein darf...“

Drei Blicke richteten sich auf mich.

“Ich möchte niemandem zur Last fallen.”

Levi betrachtete mich einen Moment.

“Das tust du bereits.”

Hanji sah ihn empört an.

“Levi!”

“Was? Sie soll wissen, worauf sie sich einlässt.”

Erwin musste sich ein kaum sichtbares Lächeln verkneifen.

“Du wirst sie trotzdem trainieren.”

Levi sah ihn an.

“Du hast die Entscheidung also schon getroffen.”

“Ja.”

“Dann frag dich, warum wir überhaupt hier sitzen.”

“Weil ich wollte, dass du die Möglichkeit hast, dich zu beschweren.”

Levi schwieg. Hanji kicherte.

“Erwin kennt dich einfach zu gut.”

“Tss” Levi verdrehte die Augen. Er wusste genau, dass es nichts mehr brachte zu diskutieren. Wenn Erwin sich einer Entscheidung sicher war, dann blieb es dabei. Ich sah zwischen den dreien hin und her.

“Wenn es wirklich Ihre Entscheidung ist, dass sie bleiben möchte…”

Ich nickte Erwin zu. Mich hatte der Ehrgeiz gepackt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, mich beweisen zu müssen und vor allem wollte ich diesem Levi mal richtig in den Arsch treten. Der war ja wirklich sowas von unsympathisch.

“Ich werde mein Bestes geben.”

Levi musterte mich.

“Das reicht nicht.”

Ich hob den Blick und schaute ihm direkt in die Augen. Dieses Grau spiegelte zu gut seine ganze Person wieder. Ich konnte keine Reaktion erkennen.

“Was?”

“Dein Bestes.”

Er stieß sich von der Wand ab und trat näher an mich heran.

“Dein Bestes interessiert mich nicht.”

Ich hielt seinem Blick stand. Ein kurzer Moment verging.

“Morgen früh, bei Sonnenaufgang”, sagte er schließlich und verließ ohne auf eine Antwort zu warten den Raum. Hanji lächelte.

“ Ja, dann Willkommen beim Aufklärungstrupp.”