Der erste Tag
Der erste Tag
Sooo da bin ich wieder mit einem neuen Kapitel. Ich hoffe euch gefällt die Mischung aus Ruhe und Gedanken und schließlich Levi und Elara in ihrem Element :) Ich würde mich sehr über einen Kommi von euch freuen und danke der lieben Zacia für ihre lieben Kommis. Das bedeutet mir echt viel und spornt nochmal mehr an weiterzuschreiben. So und nun viel Spaß beim lesen.
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Hanji und ich verließen gemeinsam Erwins Büro. Levi war nicht mehr zu sehen, wahrscheinlich war er mittlerweile über alle Berge. Ausgerechnet mit dem musste ich trainieren. Ich fragte mich wirklich, was er mir wohl beibringen würde. Schließlich konnte ich sehr gut kämpfen und mit dem Bogen konnte ich ebenfalls präzise umgehen. Vielleicht dachte Levi auch ich sei schwach oder unfähig oder beides. Doch die Rechnung hatte er ohne mich gemacht. Morgen wird er Augen machen, wenn er im Dreck liegt und nicht ich, dachte ich und konnte mir ein kurzes Schmunzeln nicht verkneifen.
Mittlerweile waren wir die Treppen runter gegangen und durch das Labyrinth von Türen und Gängen kurz vor dem Speisesaal angekommen. Meine Gedanken lösten sich in der Sekunde auf, in der Hanji fröhlich auf eine Gruppe von zwei Männern und einer Frau zusteuerte. Einen Mann kannte ich. Es war der, den ich gerettet hatte. Die drei kamen mitsamt Hanji auf mich zu.
“Ich bin Connie.” stellte sich der Mann vor. Er war noch relativ jung, wie sie alle und hatte sich die Haare kurz rasiert. Der Mann neben ihm stellte sich als Jean vor und die junge Frau trug den Namen Sasha. Hanji erklärte mir kurz, dass sie ebenfalls von Levi trainiert wurden und ich bei ihnen Anschluss finde, da sie noch woanders gebraucht wurde.
“Ich habe gehört, du hast Connie gerettet.” entkam es Sasha.
Connie wurde sofort etwas ernster und blickte sie grimmig an.
“Ich habe nur geholfen.” versuchte ich, die Situation zu entschärfen.
“Nur geholfen?” Jean deutete auf Connie. “Er wäre ohne dich wahrscheinlich tot. Ich habe genau gesehen, wie er weggekrochen ist.”
Connies Blick ging auf Jean über und wurde immer finsterer.
“Nicht witzig", murmelte er.
Ich musste automatisch lächeln. Es war ein seltsames Gefühl. Ich kannte diese Menschen nicht. Und trotzdem fühlte sich ihre Gesellschaft überraschend angenehm an. Jean bemerkte meinen Blick.
“Ist alles in Ordnung?” fragte er mich.
Ich nickte langsam.
“Ja. Ich bin nur... nicht daran gewöhnt, wieder mit Menschen zu reden. Es ist lange her….”
Connie runzelte die Stirn. “Wieso?”
Ich sah kurz zu Boden.
“Weil ich mich nicht erinnern kann, wann ich das letzte Mal einen lebenden Menschen gesehen habe.”
Die drei wurden still. Connie sah mich einen Moment an. Dann trat er einen Schritt näher.
“Dann lernst du uns eben kennen.”
Ich blickte auf.
“Na, wenn du dich nicht erinnerst, ist das doch kein Grund, dass wir Fremde bleiben.”
Jean nickte und auch Sasha stimmte zu.
“Ich hätte auch eine Idee.” meinte sie “Wir könnten gemeinsam essen.”
Jean seufzte.
“Du denkst wirklich immer nur ans Essen.”
Sasha sah ihn völlig ernst an.
“Das stimmt nicht.”
Eine kurze Pause.
“Ich denke manchmal auch an Fleisch.”
Connie brach in Lachen aus. Selbst ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Jean schüttelte den Kopf. Sasha hakte sich kurzerhand bei mir unter.
“Komm. Ich zeige dir den Speisesaal.”
Ich ließ mich widerstandslos von ihr mitziehen. Die anderen beiden folgten uns unauffällig. Und zum ersten Mal fühlte ich mich nicht wie jemand, dessen Vergangenheit fehlte. Sondern wie jemand, der gerade dabei war, eine neue zu beginnen.
Der Speisesaal war gut gefüllt. Grüppchenweise saßen die anderen Mitglieder des Aufklärungstruppes an den Tischen, lachten und unterhielten sich angeregt. Schnell holten wir uns ebenfalls etwas zu essen und setzten uns an einen freien Tisch. Sasha saß neben mir. Jean und Connie uns gegenüber. Die drei unterhielten sich weiterhin, scherzten über das Training und erzählten mir, wie es bei ihnen so war. Ich hörte aufmerksam zu und saugte so viele Informationen auf wie ich nur konnte. Plötzlich schnitt eine kühle Stimme durch die Luft.
“Training jetzt.”
Ohne mich umzudrehen, wusste ich, von wem sie kam. Seine grauen Augen spürte ich auch Kilometer entfernt, unangenehm auf meinem Rücken. Connie, Sasha und Jean zuckten, hoben gleichzeitig den Arm zur Brust, salutierten und gaben synchron ein "Jawohl, Hauptgefreiter." von sich. Kurz sahen sie mich an, bevor sie alle aufstanden.
“Wir sehen uns” gab Sasha von sich.
Die anderen beiden hoben zur Verabschiedung die Hand, ehe sie durch die Tür verschwanden. Ich blieb sitzen. Hatten die alle so einen Respekt vor dem Typen? War er so hoch angesehen? So einer? Ich schüttelte den Kopf. Dem werde ich's zeigen, dachte ich und freute mich doch irgendwie auf morgen.
Ich beschloss nach draußen zu gehen und eine runde auszureiten. Schließlich musste ich sichergehen, dass es Nattfari gut ging. Zu meinem Glück konnte ich mich das kurze Stück nach draußen nicht verlaufen und trat alsbald auf den belebten Innenhof. Es herrschte weder Chaos noch Unordnung. Verschiedene Gruppen standen zusammen und trainierten gemeinsam mit ihren Ausbildern. Ich sah Connie, Jean und Sasha in einiger Ferne neben ein paar unbekannten stehen. Anscheinend erklärte ihnen der arrogante Hauptgefreite irgendetwas. Ich wollte es auch ehrlich nicht wissen, sodass mein Blick schnell weiter zum großen Torbogen glitt. Schnellen Schrittes durchquerte ich den Innenhof und gleich den Bogen mit. Nattfari stand ein wenig abseits auf einer Wiese mit ein paar anderen Pferden. Als er mich sah, wieherte er freudig und kam sogleich auf mich zu galoppiert. Kurz vor mir blieb er stehen und brummelte leise. Ich legte beide Hände um den Hals des Hengstes und vergrub mein Gesicht tief in seiner langen schwarzen Mähne. Der Duft nach Pferd stieg mir zu Kopf und ließ mich unweigerlich laut ausatmen. Wir verbrachten einige Sekunden so, bis ich mich von ihm löste und mich auf seinen Rücken schwang. Gemeinsam ritten wir los, um unsere neue Welt zu erkunden.
Zunächst führte mich der Weg durch das Gelände rund um das Schloss. Die hohen Mauern ragten hinter mir auf und wurden mit jedem Schritt kleiner. Ich blickte noch einmal zurück. Das Hauptquartier wirkte aus der Entfernung beinahe friedlich. Fast so, als würde dort nicht täglich über Titanen, Missionen und den Tod gesprochen werden. Ich wandte mich wieder nach vorn. Vor mir erstreckte sich eine weite Landschaft. Grüne Wiesen lagen zwischen kleinen Waldstücken, durchzogen von schmalen Wegen. Weiter entfernt erhoben sich sanfte Hügel, über denen der Morgennebel langsam verschwand. Nattfari fiel in einen ruhigen Schritt. Die Gedanken in meinem Kopf verstummten. Hier gab es nur mich und mein Pferd. Ein kurzer Moment des Friedens kehrte ein. Sonst wäre ich um diese Zeit schon längst um mein Leben geritten, hätte keine Sekunde Pause gehabt und wäre immer wachsam. Doch hier erlaubte ich mir einen Moment Entspannung. Hier hinter den Mauern, umringt von vielen Menschen, die sich gegen die Titanen stellten. Hier konnte ich frei sein. Auch wenn es nur ein Augenblick war, bevor die Realität zurückkehrte.
Ich ließ Nattfari angaloppieren, breitete die Arme im Wind aus und streckte die Nase gen Himmel. Die Mähne des Hengstes und meine Haare flogen gleichmäßig im Wind. Die Hufe des Friesen schlugen rhythmisch auf den weichen Boden. Wir wurden immer schneller. Der Atem immer gleichmäßiger. Das Gefühl, unbesiegbar zu sein, immer präsenter. Wir hatten überlebt, in der Hölle höchstpersönlich. Und jetzt wappnete ich mich für den Kampf. Ich wollte siegen. Wollte Antworten. Wollte heimkehren. Ein Gefühl der Entschlossenheit breitete sich in mir aus. Ich wollte kämpfen und stärker werden, um eines Tages vielleicht als Kriegerin nach Hause zurückzukehren. Wo auch immer mein Zuhause war, ich werde es finden. Koste es, was es wolle.
Die Zeit verging. Ich wusste schon längst nicht mehr, wie lange wir unterwegs waren. Eine Stunde vielleicht. Vielleicht länger. Keine Ahnung.
Schließlich führte der Weg auf eine kleine Anhöhe. Ich parierte Nattfari durch und sah mich um. Von hier oben konnte man das Schloss sehen. Es lag weit entfernt, eingerahmt von Wald und Wiesen. Und dahinter in großer Ferne erhoben sich die Mauern. Gewaltig und unüberwindbar. Das hoffte ich zumindest. Ich betrachtete sie lange. Schließlich schossen wieder die gleichen Fragen in meinen Kopf. Woher kam ich? Warum habe ich keine Erinnerungen mehr? Wer war ich gewesen? Und warum bin ich ausgerechnet hinter dieser Mauern erwacht? Vielleicht würde ich niemals Antworten bekommen. Vielleicht würde irgendwann alles zurückkehren. Aber in diesem Moment wollte ich einfach nur leben.
Irgendwann machte ich mich auf den Rückweg. Ritt in Gedanken zurück zum Schloss und bemerkte erst gar nicht, als Nattfari stehen blieb, weil wir unser Ziel erreicht hatten. Schneller als gedacht, waren wir zurück. Ich sprang von seinem Rücken, umarmte ihn lange und machte mich dann zu Fuß zurück auf den Weg ins Innere des Schlosses. Mit Mühe und Not und einigen Versuchen fand ich den Weg in mein Zimmer und ließ mich auf meinen Stuhl sinken. Dann bemerkte ich erst, dass auf meinem Bett etwas zu essen stand. War es denn wirklich schon so spät? Ich holte mir das Tablett an den Schreibtisch und fing gedankenverloren an zu essen. Wahrscheinlich hatte Hanji mich schon beim Abendessen vermisst. Sie war wirklich ein herzensguter Mensch.
Die restliche Zeit des Tages verbrachte ich bis in die Dunkelheit allein auf meinem Zimmer in meinen Gedanken. Schlafen konnte ich wieder mal nicht. Zu neu waren all diese Eindrücke. Zu ungewiss die Zukunft. Und zu laut meine Gedanken, also blieb nur eines übrig. Ich flüchtete wieder auf das Dach. Oben angekommen setzte sich sogleich Nox neben mich. Der Rabe hatte sich den Tag sehr rahr gemacht, machte es sich allerdings jetzt neben mir gemütlich. Meine Gedanken hangen direkt wieder bei meinem Bruder und meiner vergessenen Vergangenheit. Wieder einmal schossen mir diese grauenhaften Erinnerungen durch den Kopf. LAUF! Bleib nicht stehen, sie nicht zurück! und dann dieser Geruch von Blut. Was war geschehen? Das fragte ich mich jedes Mal aufs Neue. Ich fasste mit meiner Hand unbewusst an meinen Kopf. Ein Ziehen breitete sich schon aus. Präsent und schmerzhaft. Kurz wurde mir schwarz vor Augen, so wie es immer passierte.
Plötzlich krächzte Nox, ehe eine mir allzu bekannte, ausdruckslose Stimme die Stille durchbrach.
“Wenn du noch weiter nach vorne kippst, liegst du gleich unten.”
Ich riss die Augen auf.
“Verdammt erschrecke mich doch nicht so!”
Ein paar Meter entfernt stand Levi. Starrte mich mit seinen grauen Augen an und verzog keine Miene. Er lehnte mit verschränkten Armen an einem der Türme. Natürlich, dachte ich. Ausgerechnet der.
“Was machst du hier?”, fragte ich genervt. Ich wollte einfach nur meine Ruhe.
“Ich könnte dich dasselbe fragen.”
Keine Antwort, wie zu erwarten. Levi hob allerdings eine Augenbraue und musterte mich. Ich verdrehte die Augen, war sichtlich genervt von seiner Anwesenheit.
“Du könntest auch einfach wieder gehen.”
“Könnte ich.”
Er blieb stehen.
“Tue ich aber nicht.”
“Warum?” kam es etwas scharf von mir.
“Weil ich keine Lust habe, dich morgen früh vom Boden zu kratzen.”
Ich sah ihn an.
“Ich falle nicht.”
“Das sagen sie alle.”
“Du bist wirklich charmant.”
“Das wurde mir schon öfter gesagt,”
Ich schnaubte.
“Bestimmt.”
Dann trat Levi einige Schritte näher zu mir.
“Warum schläfst du nicht?” fragte er geradewegs hinaus.
“Warum schläfst du nicht?” konterte ich.
“Ich habe zuerst gefragt.”
“Und ich habe geantwortet.”
“Nein.”
“Doch.”
“Du hast meine Frage mit einer Gegenfrage beantwortet.”
Ich verschränkte die Arme. Wie konnte man denn nur so nervig sein? Wenn ihm meine Gesellschaft nicht passt, soll er sich gefälligst einen anderen Platz suchen, um jemandem auf die Nerven zu gehen.
“Vielleicht wollte ich dir einfach nicht antworten.” gab ich patzig von mir.
Levi musterte mich, nickte und machte auf dem Absatz kehrt.
“Das war's?” Verwundert über seinen plötzlichen Rückzug hob ich den Blick und schaute ihn direkt an. Er blieb stehen und sah mich über die Schulter hinweg an.
“Was hast du erwartet? Eine Belehrung, wie man nicht von Dächern fällt und sich umbringt?”
Dann ging er einfach weiter.
“Du bist anstrengend.” warf ich ihm noch hinterher.
“Das hab ich gehört” kam als Antwort, bevor er wirklich verschwand.
POV Levi
“Anstrengendes Weib.” dachte ich, bevor ich galant vom Dach rutschte und im dunklen Innenhof landete. Jetzt musste ich mir wegen ihr auch noch einen neuen Ort suchen, wo mir keiner auf die Nerven ging. Elara: Allein der Name war inzwischen schon anstrengend. Sie war anstrengend. Unfassbar anstrengend. Ich hatte in meinem Leben mit genügend schwierigen Menschen zu tun gehabt. Sture Soldaten. Übermütige Rekruten. Vollkommene Idioten. Aber Elara schaffte es irgendwie, alles miteinander zu verbinden. Sie stellte zu viele Fragen. Sie widersprach zu oft. Und sie hatte diese verdammt schlechte Angewohnheit, Dinge selbst entscheiden zu wollen. Besonders dann, wenn ich ihr ausdrücklich etwas anderes sagen werde. Das hatte ich bereits im Gefühl.
Als hätte sie eine persönliche Abneigung gegen vernünftige Entscheidungen. Und dann dieser Blick. Dieser selbstgefällige, leicht provozierende Blick. Als würde sie mich durchschauen wollen. Ich konnte das nicht leiden. Ich war es gewohnt, dass Menschen entweder Respekt vor mir hatten oder Angst. Elara tat weder das eine noch das andere. Sie sah mich an, als wäre ich einfach nur ein Mann, der zufällig schlechte Laune hatte. Die hatte ich auch. Seit heute vor allem wegen ihr. Und nur weil Erwin meinte, ich müsse diese Nervensäge trainieren. Ich rollte mit den Augen. Sie würde mein Training nicht überleben, dafür sorge ich persönlich. Sie war eine weitere unerfahrene, verdammt eigensinnige Soldatin, die ich irgendwie davon abhalten musste, sich selbst umzubringen. Vor allem nachts auf Dächern. Warum sie da schon wieder sitzt, keine Ahnung, aber es nervte mich tierisch. Ich beschloss sie einfach zu ignorieren. Soll sie halt vom Dach fallen, war mir eh scheiß egal. Verdammte Nervensäge.
POV Elara
Am nächsten Morgen wachte ich früh auf. Die Sonne stand noch nicht am Himmel, doch die ersten Strahlen kletterten bereits über den Horizont. Ich war ab dem Moment hellwach, als ich Levi und sein ausdrucksloses, arrogantes Gesicht vor meinen Augen sah. Sofort sprang ich aus dem Bett, zog zum ersten Mal die Uniform des Aufklärungstruppes an, die Hanji mir bereits am Vortag gebracht hatte und band mir schnell meine langen Haare hoch zu einem losen Dutt. Dann wollte ich aus meinem Zimmer in den Flur treten, nur um wieder mal festzustellen, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich nach unten kam. Kurz überlegte ich, dann huschte mir ein kleines Lächeln über die Lippen. Warum so kompliziert, wenn es auch einfach ging. Entschlossen öffnete ich mein Fenster und kletterte geschickt hinaus, ließ mich das Dach hinunter schlittern und kletterte die beiden Stockwerke mit Leichtigkeit hinunter.
Nach wenigen Minuten stand ich nun im Innenhof, blickte mich kurz um. Es war niemand zu sehen, der Fragen stellen konnte, also beschloss ich, die paar Meter zum Trainingsplatz zu laufen. Levi war bereits dort. Er stand mit dem Rücken zu mir. Die Arme locker verschränkt, der Umhang wehte leicht im Wind und ließ das große Wappen des Aufklärungstruppes deutlich sichtbar erscheinen. Noch bevor ich näher treten konnte, glitt sein Blick über seine Schulter direkt auf mich. Sein Ausdruck war kalt, seine Augen starr. Das Grau darin wirkte bedrohlich ruhig.
“Dachte echt, du kneifst", kam es ruhig aber bestimmend von ihm.
“Ich kneifen? Das ich nicht lache. Warum sollte ich das tun?”
“Weil du große Töne spuckst.” Seine Augen fixierten mich. Seine Miene blieb allerdings so ruhig wie immer. Kein Funken jeglicher Emotion lag in ihm. Er war unlesbar.
“Ich spucke keine großen Töne. Ich weiß eben, was ich kann. Unterschätze mich nicht.”
Mein Ausdruck wurde härter. Meine grünen Augen fixierten seine. Keiner von uns schaute weg, wollte aufgeben. Langsam trat Levi näher.
“Glaubst du ehrlich, du würdest gegen mich auch nur einen Hauch einer Chance haben?”
“Hast du etwa Schiss, dass du nachher im Dreck liegst und nicht ich?” konterte ich.
Levi trat weiterhin näher. Langsam. Schritt für Schritt. Wie ein Raubtier, das gleich seine Beute anfällt. Komplett ruhig, besonnen, ohne einen Schimmer seiner wahren Absicht preiszugeben. Ich hielt ihm stand, sah nicht weg. Mein Blick wurde herausfordernd, provozierend. Ich wollte wissen, was hinter diesem Mann steckte. Große Töne oder doch pures können. Mittlerweile stand Levi direkt vor mir. Nur ein Hauch trennte uns. Langsam senkte er seinen Kopf zu mir herunter und hielt kurz vor meinem Ohr an.
“Pass auf, was du von dir gibst.”
“Sonst was?”
Er machte mir keine Angst. Sein Versuch, mich aus dem Konzept zu bringen, scheiterte völlig. Seine Nähe war präsent, erdrückend, doch spornte mich nur noch weiter an, ihm zu zeigen, wer hier das Sagen hatte. Mein Feuer wurde mit dem Moment entfacht, als ich seinen Atem an meinem Ohr spüren konnte, und seine Drohung nur ein dunkles Flüstern wurde.
“Sonst zeige ich dir, wo dein Platz ist.”
Bei den meisten Menschen hätte dieser Satz gesessen, doch nicht bei mir. Ich hob meinen Kopf nur ein paar Zentimeter. Genauso viel, dass mein provozierender Atem gegen seinen Hals hauchte, bevor ich mit fester Stimme in sein Ohr flüsterte.
“Das würde ich an deiner Stelle sein lassen oder ich tue dir noch weh.”
Dann trat ich zwei Schritte zurück. Langsam. Kontrolliert. Seine Augen fixierend. Sie waren noch düsterer geworden. Doch noch immer ließ Levi keine Regung durch seinen Körper ziehen. Er war die Kontrolle in Person, das wurde mir nun endgültig klar. Doch jede Kontrolle konnte gebrochen werden, wenn der richtige Hebel betätigt wurde. Jetzt musste ich nur noch seinen finden.