Unter fremden Sternen
Unter fremden Sternen
Pov Levi
Genervt saß ich hinter meinem Schreibtisch, hatte mittlerweile geduscht und meine Wunden versorgt. Jetzt saß ich hier, meine Gedanken bei der Nervensäge von heute Morgen. Sie sah so unscheinbar aus. Ihre langen roten Haare, ihre leuchtend grünen Augen und die vielen Sommersprossen in ihrem Gesicht ließen sie für mich nicht wie eine Kämpferin aussehen. Ich hatte sie provoziert, wollte ihre Grenzen sehen, doch ich musste mir selbst eingestehen, dass ich sie unterschätzt hatte. Sie war stark, lange noch nicht so stark wie ich, aber deutlich stärker als alle anderen Mitglieder. Sie hatte nicht ohne Grund alleine im Gebiet der Titanen überlebt. Wo sie herkam, war immer noch ein Rätsel. Erwin, Hanji und ich hatten uns schon mehrfach darüber unterhalten. Im Endeffekt stand der Entschluss, sie bei uns aufzunehmen, ihre Erinnerungen zu triggern und so vielleicht herauszufinden, wo sie herkam.
Doch meine Gedanken schweiften immer wieder zu ihr. Wie sie heute morgen geleuchtet hatte, wie sie sich bewegt hatte. Es war mir ein Rätsel. Sie erinnerte mich irgendwie an mich selbst vor vielen Jahren. Ihr Feuer brannte lichterloh. Meines war längst erloschen. Vielleicht hätte ich sie schlagen sollen. Schließlich kannte ich meine Fähigkeiten, meine Grenzen und die Bewegungen eines Gegners, noch bevor er sie vollständig ausgeführt hat. Und trotzdem hatte ich mich treffen lassen, mehrfach. Sie hatte mich wirklich wütend gemacht. Mehr als nur einmal und doch ließ ich sie glauben, sie hätte eine Chance. Schwachsinn, denn die hatte sie von Anfang an nicht. Ich hatte mit ihr gespielt. Wollte ihre Grenzen testen, ihre Beweglichkeit, ihr Gespür und vor allem ihre Belastbarkeit, wenn es hässlich wurde. Und leider musste ich mir eingestehen, dass sie in allen Punkten überzeugte. Auch wenn ich sie auf den Tod nicht ausstehen konnte, würde ich sie in meine Einheit aufnehmen. In der Hoffnung, dass sie Befehle folge leisten konnte.
Ihr verdammtes Grinsen kam mir wieder in den Sinn. Diese pure Leichtsinnigkeit. Als wäre es selbstverständlich, mit mir auf Augenhöhe zu kämpfen. Sie hatte keine Angst vor mir. Nicht wie die meisten Menschen, sobald sie auch nur meinen Namen hörten. Manche werden nervös. Andere versuchen, besonders stark zu wirken. Elara nicht. Sie sah mich an, als wäre ich einfach irgendein Gegner. Nein. Schlimmer. Sie sah mich an, als wäre ich jemand, den sie unbedingt schlagen wollte. Und sie kam verdammt nah dran. Ich hätte sie früher stoppen können. Wenn ich von Anfang an ernst gemacht hätte. Aber genau das ist die verdammte Lüge, die ich mir gerade erzählte. Ich war ernst. Ich war verdammt ernst. Und sie wusste es. Sie hatte es gespürt. Deshalb hatte sie weitergemacht. Deshalb hatte sie mich provoziert. Weil sie wusste, dass ich irgendwann die Kontrolle verlieren würde. Und ich habe sie verloren. Nur für einen Moment. Aber das reichte. Ich hasste es. Ich hasste es, wenn jemand meine Schwächen erkannte. Noch mehr hasste ich es, wenn dieser jemand sie gegen mich verwendete. Und am meisten hasste ich, dass ich bei ihr nicht einmal weiß, ob ich wütend auf sie oder auf mich selbst war.
Sie ist anstrengend. Unverschämt. Stur. Rücksichtslos. Sie redet zu viel. Sie stellt zu viele Fragen. Und sie hat die Angewohnheit, mich anzusehen, als könnte sie direkt durch mich hindurchsehen. Ich sollte sie meiden. Das wäre vernünftig.
Doch dieser Blick in ihrem Gesicht ließ mich nicht los. Ich kannte diesen Blick. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich sie nicht einfach abschreiben konnte. Sie hat etwas, das ich nur bei wenigen Menschen gesehen hatte. Diesen sturen Willen. Diese Weigerung, liegen zu bleiben, wenn man sie zu Boden gebracht hatte. Das gefiel mir nicht. Überhaupt nicht. Denn wenn sie mir ähnlicher war, als ich zugeben wollte, bedeutet das, dass ich genau weiß, wie gefährlich sie für sich selbst werden konnte.
Pov Elara
Ich saß wieder einmal auf dem Dach, konnte nicht schlafen, weil mich dieses Zimmer einengte und grübelte vor mich hin. Die Nacht war kühl, die Sterne funkelten und irgendwo in weiter Ferne erklang die Stimme einer Eule. Trotz der ruhigen Umgebung waren meine Gedanken wie ein Sturm in meinem Kopf. Meine Schulter pochte. Meine Seite brannte bei jedem Atemzug und meine Lippe schmeckte noch immer nach Blut. Ich spürte jeden einzelnen Treffer. Und trotzdem musste ich lächeln. Ich hatte ihn getroffen. Mehrmals. Diesen arroganten selbstgefälligen Kerl, der immerzu still war. Auch wenn er sich zurückgehalten hatte, konnte ich meine Genugtuung nicht ausschlagen. Er blutete. Ich hatte ihn zu Fall gebracht und ihm wahrscheinlich als erste hier mal eine Lektion erteilt. Die war auch bitter nötig.
Doch eines musste ich ihm lassen. Levi war schnell, präzise und verschwendete keine Bewegung. Kein Schritt, kein Schlag, kein Blick von ihm war zufällig. Ich schloss kurz die Augen. Schon wieder sah ich seinen Blick vor mir. Dieses kalte, konzentrierte Gesicht. Und dann diesen winzigen Moment, als ich ihn wirklich erwischt hatte. Ich hatte ihn überrascht. Verdammt, das fühlte sich gut an.
Meine Finger wanderten unbewusst zu meiner Seite. Autsch. Ja, er hatte mich getroffen. Hart. Unnachgiebig und ohne mit der Wimper zu zucken. Innerlich war ich vielleicht etwas beeindruckt von ihm, aber das werde ich Levi niemals sagen. Ich hatte nicht aufgegeben und darauf war ich mehr als stolz.
Meine Augen wanderten durch die Nacht. Hielten keinen bestimmten Punkt fest. Es war still. Ich saß weiterhin auf dem Dach des Hauptquartiers, die Beine angezogen, die Arme locker darum gelegt. Unter mir lagen die dunklen Dächer der Gebäude, dazwischen schmale Wege, die nur vom schwachen Licht einzelner Laternen erhellt wurden. Der Wind war kühl, strich durch meine Haare und ließ mich für einen Moment die Augen schließen. Zum ersten Mal seit Stunden bewegte ich mich nicht mehr und genoss einfach die absolute Ruhe. Kein Training. Kein Kampf. Keine Stimmen. Keine Erwartungen. Nur ich und meine Gedanken.
Doch sie waren lauter als sonst. Präsenter. Was würde mich wohl morgen erwarten oder in der Zukunft? Training, Aufträge. Ich wusste es nicht. Wollte es auch irgendwie nicht wissen. Das einzige, was ich wollte, war die Wahrheit über meine Vergangenheit, Ruhe im Hier und Jetzt und Frieden in der Zukunft. Doch was machte ich dann, wenn der Krieg zu Ende war? Wer war ich dann? Ohne Krieg, ohne Erwartungen, ohne Ziele. Diese Frage konnte ich mir nicht beantworten.
Schweigend saß ich weiter hier oben, ließ den Blick über den Himmel wandern. Ich sollte schlafen gehen, es war mittlerweile tiefe Nacht. Doch der Gedanke an dieses Zimmer löste eine Gänsehaut in mir aus. Vielleicht sollte ich einfach weiter hier oben schlafen, so wie ich es immer getan hatte. Weit oben, abgeschossen von der restlichen Welt.
Weit unten in der Dunkelheit des Innenhofes hörte ich plötzlich Schritte. Ich beobachtete die Schatten und konnte nur mit Mühe und Not eine Gestalt ausmachen. Sie blieb unten stehen und sah zu mir hinauf. Seine Stimme war ruhig und unverwechselbar.
“Du solltest schlafen”, rief er zu mir nach oben.
“Du auch.”
“Ich habe keine Stunden auf einem Dach verbracht.”
“Du bist nur neidisch.”
Levi seufzte. Ich konnte es bis hier oben hören.
“Ich wusste, dass du Ärger machst.”
Ich lächelte.
“Und trotzdem bist du noch hier und sprichst mit mir.”
Levi sah mich einen Moment lang an. Dann wandte er sich ab.
“Komm runter.”
Ich blieb noch kurz stehen, dann sprang ich vorsichtig vom Dach und ließ mich hinuntergleiten. Levi war bereits ein Stück im Wald verschwunden. Ich lief ihm nach, ohne zu wissen warum. Irgendwie machte er mich neugierig. Es lag kein Hass oder des Gleichen in seiner Stimme. Schnell schloss ich zu ihm auf und gesellte mich mit einigem Abstand neben ihn. Wir liefen einige Minuten stumm nebeneinander her, bevor er das Wort ergriff.
“Morgen fällt das Training aus.”
“Du hast doch nur Angst, dass ich gewinne.”
“Pff” Levi zog eine Augenbraue hoch.
“Sieh dich mal an, du kannst mit den Wunden nicht mal vernünftig kämpfen.”
“Natürlich kann ich das, willst du es herausfinden?”
Levi blieb stehen und drehte sich ein Stück zu mir um. Seine grauen Augen fixierten mich. Sein Ausdruck blieb wie gewohnt still und schweigsam.
“Du fällst beim ersten Treffer um.”
“Tu ich nicht”
“Tust du wohl.”
Ich regte provozierend mein Kinn in die Luft. Levi registrierte es, seufzte und wandte sich nun völlig mir zu. Er verschränkte die Arme locker vor der Brust und wartete.
“Warum machst du das?”
“Was?”
“Die ständigen abfälligen Kommentare, als wärst du was besseres."
“Bin ich nicht, Nur ehrlich.”
“Ehrlichkeit verträgt sich nicht mit Arroganz.”
Kurze Stille. Levi rollte mit den Augen.
“Pass auf was du sagst Elara”
"Vielleicht solltest du aufpassen, was du sagst, Levi."
Meine Stimme war gereizt, meine Laune im Keller. Dieser verdammte Idiot machte mich mehr als nur wütend.
“Und deshalb hast du verloren.”
“Was?”
“Deine Emotionen sind mit dir durchgegangen, deshalb wurdest du unsauber.”
Ich wusste, dass er recht hatte. Ich hatte mich so in den Kampf verloren, dass ich nur noch darauf bedacht war, ihn zu provozieren und aus der Reserve zu locken.
“Dann freue dich nicht zu früh, Levi. Das nächste Mal mach ich dich fertig.”
Er antwortete nicht. Musste er auch nicht. Ich verstand auch so, dass er die Herausforderung annahm. Schließlich konnten wir uns beide nicht leiden, oder? Konnte ich ihn wirklich nicht leiden? Ja, er war ein arrogantes, verzogenes und mega nerviges Arschloch, aber irgendwie war er nachts anders. Ruhiger, noch mehr verschlossen, aber weniger anstrengend. Hatte Levi echt zwei Gesichter. Tagsüber gab er den sturen, unnahbaren Hauptgefreiten und nachts war er irgendwie gesprächig, wenn man das so nennen konnte. Irgendwie erinnerte mich sein Verhalten an mich selbst, nur andersherum. Ich war tagsüber fröhlich, provokativ und nachts ruhiger, gedankenverlorener. Was hatte Levi alles erlebt, dass er so war? Es machte mich neugierig, auch wenn ich wusste, das Neugier tödlich enden könnte.
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Die Tage vergingen, glichen denen davor. Ich durfte nicht trainieren. Levi hatte es mir verboten und natürlich hatte ich mich lautstark gewehrt. Ja, vielleicht war ich durch das halbe Hauptquartier gerannt und hatte Levi auf offenem Flur Drohungen an den Kopf geworfen. Vielleicht hatte er sich ein wenig provoziert gefühlt und mich ebenfalls mit dieser tödlichen Ruhe beleidigt. Ganz vielleicht musste Hanji uns auseinanderziehen, weil ich wiedermal kurz davor war, auf ihn loszugehen. Ich hasste seine Gleichgültigkeit und dieser scheiß mit “Ich sag dir nicht die ganze Wahrheit. Zwei Wörter müssen reichen.” Es regte mich auf. Tierisch. Ich hatte keine Chance, hinter seine Fassade zu blicken. Er war ein Meister darin, seine Gefühle und Emotionen hinter seinen grauen Augen zu verstecken. Nichts und niemand ließ er hindurch. Mittlerweile waren fünf Tage vergangen. FÜNF ganze Tage, in denen ich nichts machen durfte, weil ER es nicht wollte. Jetzt reichte es mir wirklich. Ich konnte doch nicht den ganzen Tag hier rumsitzen und Däumchen drehen. Ich war eine Kriegerin, wollte kämpfen und nicht nichts tun. Meine Unruhe hatte sich so weit angestaut, dass ich wiedermal auf der Suche nach Levi war. Der konnte etwas erleben. Mittlerweile wusste auch der gesamte Aufklärungstrupp, dass sich niemand zwischen mich und Levi stellen sollte, wenn wir uns mal wieder in Rage redeten. Naja, eigentlich schwieg er meistens und ich drohte. Es war auch kein Wunder, dass ich die einzige war, die ihn beim Vornamen rief, geschweige denn den Gruß verweigerte.
Und da stand er. Wie immer gelassen, ruhig und beherrscht. Beide Arme locker vor der Brust verschränkt und schaute seiner Einheit beim Training zu.
“Levi!” Meine Stimme hallte über den gesamten Innenhof. Einige Mitglieder zuckten zusammen, andere drehten sich amüsiert zu mir herum und wollten die Szene miterleben. Levi schenkte mir einen eiskalten Blick über die Schulter hinweg. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich wahrscheinlich jetzt offiziell tot. Mit schnellen Schritten ging ich direkt auf ihn zu. Levi schickte mit einem Kopfschütteln derweil seine Mitglieder vom Trainingsplatz. Nun stand ich vor ihm. Unsere Blicke trafen sich provozierend.
“Ich will wieder trainieren, sonst bringe ich dich noch um.”
“Versuchs doch.”
Ein kurzes Zucken ging durch einen seiner Mundwinkel, ehe ich einen weiteren Schritt auf ihn zuging und die Distanz zwischen uns auf ein Minimum verringerte. Kurze Stille, dann packte Levi mein Handgelenk, bevor ich zu einem Schlag ansetzen konnte. Mit einer kurzen Bewegung drehte Levi mich zur Seite und drückte mich gegen den nächsten Baum. Sein Blick blieb starr auf mich gerichtet. Er hielt meine Handgelenke fest an beiden Seiten von mir. Ich erstarrte, als ich seinen Atem an meinem Ohr spürte.
"Berechenbar."
Meine grünen Augen verengten sich und bohrten sich in seine. Ich hatte keinen Bock auf so einen Scheiß. Schließlich ließ er mich gerade wissen, dass meine Verletzungen noch nicht ausreichend ausgeheilt waren, um gegen ihn anzukommen. Genau das wollte er mir wieder verdeutlichen. Ich schwieg und wartete auf seine Reaktion, hatte keine Lust, ihm jetzt noch die Blöße eines Wutausbruchs zu geben. Seine Reaktion blieb aus. Es vergingen Sekunden, vielleicht sogar Minuten, bis Levi endlich das Wort ergriff und sich ruckartig von mir löste.
"Beruhigt?"
Ich antwortete nicht. Er sprach weiter.
“Gut. Morgen früh trainieren wir wieder. Sei pünktlich."
Dann ging er, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Ich blieb stehen, sah ihm noch lange hinterher. War er echt eingeknickt. Nein, das war es nicht. Er hatte mich getestet. Es ging ihm nicht um meine Verletzungen, sondern darum, dass ich meine Emotionen unter Kontrolle hatte. Scheiße der Mann konnte mich besser lesen, als ich mich selbst. Schnellen Schrittes ging auch ich nun zurück Richtung Hauptquartier, wo ich beinahe in Hanji hineinlief.
"Oh, da ist ja der Grund für Levis schlechte Laune.” begrüßte sie mich freundlich.
“Dir auch einen schönen Tag, Hanji."
Meine Stimmung hob sich ein wenig. Hanjis Anwesenheit beruhigte mich einfach. Sie war locker, freudig und aufgeschlossen. Also genau das Gegenteil von Levi. Ich war froh, sie zu sehen und konnte mir den nächsten Kommentar nicht verkneifen.
“Ich hasse ihn Hanji. Er ist so nervig.”
Sie sah mich an, lächelte und zog nur eine Augenbraue hoch.
“Was hat er dieses Mal getan?”
“Er kritisiert alles, er ist einfach unmöglich.”
Ich stieß einen langen Atem aus.
"Hanji, egal was ich mache, es passt ihm nicht.”
“Mhm”
“Meine Art zu reden. Meine Bewegungen. Eigentlich alles.”
“Mhm”
“Er kritisiert mich sogar, wenn ich nur auf dem Dach sitze und meine Ruhe haben will. Selbst da Hanji.”
“Du warst mit Levi auf dem Dach?” Hanji war überrascht.
“Nein, doch. Ach, er ist einfach aufgetaucht und hat mir ne Standpauke gehalten und die Nacht darauf hat er mich auch wieder angemotzt.”
“Interessant. Was hat er denn gesagt?”
“Das er keinen Bock hat, mich vom Boden zu kratzen und warum ich nicht schlafe. Hab ihm natürlich keine Antwort gegeben. Er soll mich einfach in Ruhe lassen.”
Hanjis Blick weitete sich. Sie grinste über beide Ohren.
“Verstehe.” murmelte sie.
“Was verstehst du?”
“Nichts alles gut.” Hanji kratzte sich verlegen am Hinterkopf und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
"Also, er kritisiert deine Haltung, deine Technik, deine Entscheidungen und deine Art zu reden, habe ich das richtig verstanden?" wiederholte Hanji belustigt.
“Ja.”
“Und trotzdem weißt du ganz genau, was er über dich denkt.”
“Weil er es mir ständig sagt.”
“Wie aufmerksam von ihm.”
Ich blinzelte.
“Was?”
“Nichts.”
“Hanji.”
“Elara.”
Dann war es still. In meinem Kopf rauchte es. Wusste Hanji etwas, was ich nicht wusste. Wahrscheinlich hatte Levi sich bei ihr ebenfalls über mich beschwert und sie wollte es nur nicht zugeben. Dieses Arschloch.
“Er ist einfach so verdammt arrogant.”
Hanji hörte mir weiterhin aufmerksam zu. Ich redete mich weiter in Rage. Es tat gut, meine Wut über Levi mit jemandem zu teilen.
“Mhm.”
“Und kalt.”
“Mhm.”
“Und dieser Blick.”
Hanji sah mich fragend an.
“Welcher Blick?”
"Ja, sein Blick, als würde er dich töten wollen.”
“Ah ja, den Blick, den bekomme ich auch ständig ab.”
Hanji lachte und auch ich konnte mir nun ein kurzes Schmunzeln nicht verkneifen. Wenigstens war ich nicht allein damit, Levis Launen auszuhalten.
“Du sag mal Hanji. Ist er schon immer so gewesen? Ich meine so herzlos und arrogant.”
Hanji sah mich ein paar Sekunden an, dann begann sie zu erzählen.
“Levi war nicht immer so. Er hatte eine ziemlich schwere Kindheit. Er wuchs im Untergrund unter schlimmen Bedingungen auf, seine Familie war nie wirklich für ihn da. Seine Mutter starb früh, sein Onkel brachte ihm bei zu überleben und ließ ihn dann ebenfalls im Stich. Dann wurde er zu einem Kriminellen. Levi schlug sich irgendwie durch. Irgendwann holte Erwin ihn und seine Kameraden mehr oder weniger freiwillig in den Aufklärungstrupp. Furlan und Isabel waren für Levi wie eine Familie. Sie starben im Einsatz gegen die Titanen. Seitdem ist Levi wie er ist. Der Schatten des Kommandanten, verschlossen und lässt niemanden mehr an sich heran.”
“Scheiße.” mehr brachte ich nicht mehr hervor.
Ich dachte bereits, dass seine Vergangenheit nicht rosig gewesen sein konnte, doch damit hatte ich nicht gerechnet. Irgendwie tat er mir ein wenig leid. So etwas sollte niemand erleben, nicht mal Levi. Hanji nickte mir zu und legte eine Hand auf meine Schulter.
“Ich muss weiter Elara. Meine Experimente warten auf mich. Falls du etwas brauchst, kannst du jederzeit zu mir kommen.”
Ich nickte.
"Ach, sprich Levi bitte nicht auf seine Vergangenheit an. Er ist nicht so emotionslos und kalt, wie er immer tut.”
Dann wandte sich Hanji von mir ab und verschwand in Richtung Trainingsplatz. Ich blieb zurück, beschloss aber schnell, den restlichen Tag einfach in meinem Zimmer zu verbringen und in Gedanken zu versinken. Deshalb kletterte ich zügig das Dach hinauf und stieg wieder durch das Fenster in mein Zimmer ein. Dort angekommen, duschte ich und stellte wieder mal fest, dass mir mein Essen aufs Zimmer gebracht wurde. Hanji war einfach zu gütig.
Mit der Zeit wurde es Abend, die Sonne verschwand hinter den Gipfeln des Horizonts und die Stimmen von draußen wurden immer leiser. Dafür wurden die Stimmen in meinem Kopf wieder lauter. Ich hielt es abermals nicht mehr aus und kletterte aufs Dach an den Ort, der mir als einziges Ruhe versprach. Hoch oben, wo die Vögel zuhause waren, fühlte ich mich wohl. Vielleicht lag es daran, dass ich monatelang in Bäumen geschlafen hatte, weil es überall sonst tödlich war. Vielleicht aber auch, weil ich die Ruhe und den Frieden genoß. Ich wusste es nicht.
Plötzlich kam mir etwas in den Sinn. Eine Melodie, etwas Vertrautes. Ich versuchte mich daran zu erinnern. Versuchte die plötzliche Erinnerung an meine Vergangenheit festzuhalten. Ich fing an, die Melodie zu summen. Erst zögerlich, in der Angst, dass das Bild in meinem Kopf direkt wieder verblasste. Dann immer kräftiger und lauter. Ich erinnerte mich an die Melodie. Ich schloss die Augen und bekam gar nicht mit, dass aus dem Summen einer Melodie ein leises Lied wurde.
Schlaf, mein kleiner Stern, die Nacht ist kalt,
der Wind trägt Stimmen durch den Wald.
Schließ deine Augen, fürchte dich nicht,
noch brennt für uns ein kleines Licht.
Doch wenn der Morgen wieder kommt,
wenn das Licht erstrahlt am Horizont,
dann trag mein Lied ganz tief in dir,
trag die Hoffnung weiter hier.
Schlaf, mein Kind, schlaf ein.
Die Nacht wird gnädig sein.
Die Sterne funkeln lichterloh
und irgendwann wirst du froh.
Und wenn es mal zu dunkel ist.
denke daran, wie stark du bist.
Schau zu den Sternen, dort bin ich nah.
und in deinem Herzen bin ich da…
Tränen hatten sich unbemerkt über meine Wangen geschlichen und liefen ununterbrochen herab. Ich erinnerte mich wieder. An das Lied. Das Lied, das mir meine Mutter immer vorsang. Jetzt verstand ich es…
Sie wusste, dass sie sterben würde. Sie hat sich mit dem Lied jeden Abend von uns verabschiedet. Scheiße. Wieso fiel mir das genau jetzt ein? Und wieso hatte ich es damals nicht verstanden. Meine Mutter. Ein Bild glitt vor meinem inneren Auge. Ein strahlendes Lächeln, braune lockige Haare und braune Augen. Sie hatte mich und Xander so geliebt. Das spürte ich mit jeder Träne, auch wenn ich mich nicht erinnern konnte. Aber allein dieses Lied löste eine pure Gänsehaut und Trauer in mir aus. Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen und weinte bitterlich. Wie viel könnte ich jetzt dafür geben, noch einmal ihre Stimme zu hören, Ihre Wärme zu spüren und ihren Trost zu bekommen. Nur ein einziges Mal. Mein Blick ging in den Himmel zu den Sternen.
"Mama, wenn du da oben bist, pass auf mich auf, ja?"
Ich wusste, sie konnte mir nicht antworten. Ich wusste, dass sie niemals zurückkehren würde, dennoch gaben mir die leuchtenden Sterne ein wenig Kraft. Vielleicht hörte sie mir die ganze Zeit zu? Vielleicht beschützte sie mich auch die ganze Zeit.
Plötzlich kam Nox angeflogen und kuschelte sich instinktiv in meinen Schoß. Ich sah ihn an und mir huschte ein leichtes Lächeln über die Lippen. Hat Mama dich geschickt, Nox? Der Vogel antwortete mit einem sanften Krächzen. Nox war kurz nach dem Tod meiner Mutter plötzlich aufgetaucht und nie mehr von meiner Seite gewichen. Diese Erinnerung kam ebenso plötzlich zurück. Mein Blick glitt wieder Richtung Himmel, wo die Sterne immer noch in der Nacht funkelten.
“Danke Mama, für alles..” kam es stotternd über meine Lippen, während eine weitere Träne über meine Wange wanderte. Irgendwann werden wir uns wiedersehen und dann danke ich dir für alles…
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Soooo irgendwie ging es doch schneller als gedacht mit dem Schreiben. Ich hoffe euch gefällt das Kapitel und die vielleicht etwas kitschige Szene mit dem Lied. Ich hab mich echt extrem schwer damit getan etwas passendes zu schreiben und bin auch nicht ganz zufrieden damit, aber ich hoffe ich konnte Elaras Schmerz irgendwie ausdrücken.
Ihr könnt auch schon ganz gespannt auf das nächste Kapitel sein. Hihi
Liebe Grüße
eure ZuhaX