Die Vorbereitungen laufen
Die Vorbereitungen laufen
Sooo da bin ich tatsächlich schon wieder. Früher als gedacht, aber die liebe Zacia und die liebe Skadi haben mich einfach so motiviert und inspiriert, dass ich gefühlt die halbe Nacht geschrieben habe und schon einige Kapitel schreiben konnte. Deshalb gibt es jetzt schon mal eines. Ich wünsche euch viel Spaß beim lesen :D
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Pov Levi
Ich saß wach, die verdammte halbe Nacht schon. Unruhig lief ich mein Büro auf und ab, wie ein Tier in seinem Käfig. Ich war wütend. So verdammt wütend auf sie, auf mich und auf alles andere auch. Warum bin ich stehengeblieben? Eine einfache Frage. Eine verdammt unnötige Frage. Ich hätte einfach weitergehen können. Hätte weitergehen sollen. Hätte sie einfach aus der Ferne beobachten sollen. Innerlich verfluchte ich Erwin, dass ich auf diese Göre aufpassen sollte. Denn es ging mich einen Scheiß an, was meine Rekruten in ihrer Freizeit machten, solange sie pünktlich auf der Matte standen und fit waren. Doch Elara brachte mich zu Weißglut. Sie spielte ein gefährliches Spiel, das hatte ich in der Sekunde begriffen, in der sie die Situation kontrollierte. Reiner war ihr schutzlos verfallen und sie wusste es. Sie hatte die Situation voll und ganz im Griff. Sie hatte ihn im Griff. Es war gefährlich. Gefühle waren gefährlich und Verbindungen nur noch gefährlicher. In dem Moment, in dem Elara Reiner vollends unter Kontrolle hatte, griff ich ein. Nicht um ihn zu schützen, sondern alle anderen. Reiner war hoch angesehen, ein sehr guter, starker Soldat und stets loyal. Ich durfte ihn nicht an eine Frau verlieren, die ihn zu ihren Gunsten benutzen und ausspielen konnte. Das konnte ich nicht zulassen. Niemals. Ich brauchte treue Soldaten, keine aufständischen Blagen, die Liebeskummer schoben. Er hätte sie niemals zähmen können, das wusste ich nur zu gut. Elara war die Provokation in Person, gepaart mit einer Menge Selbstbewusstsein, Charme und Intelligenz. Eine gewagte Kombination. Selbst mich hatte sie schon einige Male Schach gesetzt. Das Schach Matt blieb allerdings aus. Das würde sie niemals schaffen. Nicht in diesem und in keinem anderen Leben jemals. Dafür pokerte ich zu gut.
Trotzdem hatte sie mich wieder provoziert. Natürlich hatte sie das. Sie wusste genau, welche Knöpfe sie drücken musste. Ich hasste es, hasste sie und vor allem mich selbst. Ich hatte mich immer zu einhundert Prozent unter Kontrolle. Keine Ausnahme, kein Regelverstoß, niemals. Doch bei ihr war es anders. Allein ihre Anwesenheit löste negative Gefühle in mir aus, die dort nicht sein sollten. Die an meiner Beherrschung und meinem Pokerface kratzten. Langsam, stetig und irgendwann kleine Risse zogen.
“Feigling.” Ein einziges Wort, das mich wieder mal innerlich vollends aus dem Konzept brachte. Äußerlich blieb ich standhaft, doch meine Gedanken kreisten ununterbrochen von Wut zu Mordlust zurück zur Beherrschung. Ich kannte mich so nicht. So schwach, so verloren, so nutzlos. Ihr verdammtes Grinsen konnte ich beinahe bildlich vor mir sehen. Sie wollte eine Reaktion. Eine Reaktion, dass sie die Oberhand hatte. Sie wollte mich brechen. Und ich hatte ihr verdammt noch mal eine gegeben. Am liebsten hätte ich sie an den nächsten Baum aufgehangen und dort gelassen. Stattdessen war ich stehen geblieben. Zu nah. Viel zu nah. Ich wusste es. Sie wusste es. Doch trotzdem blieb sie stehen, regte ihre Nase provokant in die Höhe und spuckte mir diesen dreisten Kommentar vor die Füße. “Dann solltest du mich vielleicht zum Schweigen bringen…”
Ich hatte ihren Atem gespürt. So überdeutlich. Viel zu nah. Und für einen Moment wusste ich tatsächlich keine Antwort auf diesen äußerst dreisten und absolut fehl platzierten Kommentar. Außerdem hatte sie mich angesehen, als würde sie genau wissen, was in meinem Kopf vorging. Das Schlimmste daran? Vielleicht wusste sie es tatsächlich. Sie war gefährlich. Nicht auf die Art, auf die ein Titan gefährlich war. Schlimmer. Sie brachte mich dazu, meine eigene Kontrolle infrage zu stellen. Und ich hasste das. Ich hasste es, wenn jemand meine Schwächen erkannte. Noch mehr hasste ich es, wenn diese Person Spaß daran hatte. Egal was ich tat, sie würde es immer wieder versuchen. Immer wieder. Sie wusste, wie sie mich kriegen konnte, wie sie mich zum Explodieren brachte und sie tat es mit einem Vergnügen, das nicht zu leugnen war. Wäre sie echt so weit gegangen, mich zu…
Nein.
Darüber dachte ich nicht nach. Es war nichts. Ein Moment. Ein verdammt unbedeutender Moment. Unsinn. Eine Provokation, die viel zu weit ging. Ich war sofort zurückgewichen, hatte die Flucht ergriffen und sie dort stehen gelassen. Dass sie nach so einer Situation immer noch die Eier in der Hose hatte mir zu sagen, dass ich mich nicht getraut hätte, sie zu küssen, war frech. Mehr als das. Es fühlte sich so an, als würde der Teufel höchstpersönlich in ihr hausen. Es war gefährlich. Sie war gefährlich. Für mich. Das wusste ich nur allzu gut. Ich musste einen klaren Kopf behalten. Nur das zählte.
Pov Elara
Am nächsten Morgen war ich mehr als gerädert. Der Alkohol, Reiner und am Ende noch Levi hatten meine Gedanken karussell fahren lassen. Ich saß die halbe Nacht lang wach, grübelte und verfluchte mich selbst. Ich hätte einfach schlafen gehen sollen. Niemals hätte es so weit kommen dürfen, dass ich Alkohol trank. Dann wurde ich unvorsichtiger, nicht weniger wachsam oder kontrolliert, sondern einfach direkter und noch provokanter. Ich war froh, dass Levi den Kuss unterbrochen hatte. Ohne den Einfluss des Alkohols hätte ich es niemals soweit kommen lassen. Reiner war einfach nicht mein Typ Mann. Es wäre unfair gewesen, ihm eine Chance vorzugaukeln, die es nie geben wird. Ich wollte keinen Stress, wollte einfach nur meinen Frieden, deshalb beschloss ich, sobald es geht, mich bei ihm zu entschuldigen. Ich wusste ja selbst nicht einmal, was da in mich gefahren war. Normalerweise war ich nicht der Typ Mensch für einen kurzen Flirt oder etwas lockeres nebenbei. Deshalb verwunderte es mich umso mehr, weshalb ich so gehandelt hatte.
Sein Gesicht schoss mir wieder in den Kopf.
Levi.
Wie er uns unterbrochen hatte. Mit einer Selbstverständlichkeit, die niemand in Frage stellte. Mit einem Blick so kalt wie Eis und seiner undurchdringenden Mauer an Selbstschutz. Es war mir zu nah gewesen. Viel zu nah. Seine Augen hatten sich in meine gebohrt. Ich hätte zurückweichen können. Bin ich aber nicht. Warum? Das ist die Frage, die mir seit Stunden im Kopf herumgeht. Warum bin ich stehen geblieben? Warum habe ich ihn weiter provoziert, obwohl ich längst gemerkt hatte, dass irgendetwas anders war? Er ist kalt. Kontrolliert. Immer einen Schritt voraus. Er lässt sich von niemandem aus der Ruhe bringen. Und dann war da dieser Moment. Nur ein einziger. In dem er selbst nicht genau zu wissen schien, was er tun sollte. Und ich? Ich habe es gemerkt. Natürlich habe ich es gemerkt. Ich habe sogar noch weitergemacht. Wie dumm kann man eigentlich sein?
Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen, presse die Lippen zusammen und versuchte irgendwie, diese Gedanken aus meinem Kopf zu bekommen. Keine Sekunde davon verlor ich auch nur einen Gedanken an Reiner, obwohl ich ihn wirklich beinahe geküsst hätte. Nein, meine Gedanken kreisten ununterbrochen an Levi. An diesen winzigen Abstand zwischen uns. An den Moment, in dem ich seinen Atem auf meiner Haut gespürt hatte. Verdammt.
Normalerweise sollte mich das nicht beschäftigen. Schließlich musste ich mich gleich fertig machen für die Mission. Das sollte eigentlich meinen Kopf beschäftigen. Doch der Fakt, dass wir vielleicht sterben würden, wollte sich nicht ausbreiten. Anstelle dessen zerbrach ich mir den Kopf über einen vielleicht Kuss, den es wahrscheinlich nie gegeben hätte, weil dieser Mann mich wahrscheinlich später wieder mit diesem genervten Blick ansah, als wäre ich das anstrengendste Wesen, das ihm je begegnet war.
Vielleicht war es für ihn auch gar nichts. Vielleicht war es nur der Moment. Nur die negative Spannung zwischen uns. Nur zwei Menschen, die zu nah beieinander standen. Vielleicht. Vielleicht sollte ich es dabei belassen. Und natürlich musste ich ihm noch sagen, dass er ein Feigling ist. Großartig, Elara. Wirklich großartig. Er wird mich jetzt vermutlich für völlig verrückt halten. Vielleicht tut er das ohnehin schon.
Ich sollte einfach aufstehen und mir kaltes Wasser übers Gesicht laufen lassen. Das wäre das Beste für alle und dann tat ich das, was ich am besten kann. So zu tun, als wäre niemals etwas gewesen. Denn das konnte ich. Ich war gut darin, Dinge zu überspielen und einfach weiter zu machen. Also schwor ich mir, genau das in die Tat umzusetzen. Levi zu ignorieren oder einfach wieder anzuschreien, wenn es nötig war. Also setzte ich mich endlich auf, zog mir meine Uniform an, wusch mein Gesicht mit eiskaltem Wasser und stieg dann aus dem Fenster, um zu Hanji zu gehen.
Der Innenhof lag noch im Stockdunkeln. Die Sonne hatte gerade erst begonnen, die ersten Strahlen des Tages hervorzubringen. Es war noch relativ kühl, sodass ich den Umhang des Aufklärungstruppes etwas enger an mich zog. Mein Atem und meine Schritte waren das einzige, was zu dieser frühen Stunde über den Platz hallte. Ich erreichte zügig die schwere Eingangstür und trat hinein. Auch hier beleuchteten nur einzelne Kerzen die Gänge. Die Atmosphäre war entspannt, ruhig und friedlich. Schnell durchschritt ich den ersten Teil des Flures und wollte gerade an den Treppen vorbeigehen, die in die oberen Stockwerke führten, als mir jemand entgegenkam. Niemand geringeres als Levi. Natürlich, dachte ich. Ausgerechnet der. Ich wollte ihn ignorieren und ging, ohne eines Blickes zu würdigen, an ihm vorbei.
“Du siehst beschissen aus.” kam es trocken von dem Mann, dem ich schon längst den Rücken zugekehrt hatte. Ich blieb stehen, drehte mich aber nicht zu ihm herum.
“Ich wünsche dir auch einen guten Morgen. Obwohl der ist jetzt abgefahren.”
Ich konnte es einfach nicht lassen, ihn zu provozieren, aber diesmal hatte er angefangen.
“War eine Feststellung.”
Jetzt drehte ich mich doch zu ihm herum. Durch die Dunkelheit konnte ich nur seine Umrisse erkennen. Allein sein Gesicht wurde leicht vom Schein der Kerzen erhellt. Wie immer war seine Miene ausdruckslos und starr. Ich hatte keine Lust mich zu rechtfertigen und schwieg einfach. Schließlich hatte er mich aufgehalten, also sollte er mal schleunigst zur Sache kommen. Ich hatte schließlich besseres zu tun, als mit Levi schweigend im Flur zu stehen.
“Du bist ungewöhnlich still.” merkte Levi an.
“Vielleicht will ich auch einfach nicht mit dir reden.”
Ich verschränkte die Arme demonstrativ vor der Brust, während Levi eine Augenbraue nach oben zog. Mit dieser Antwort hatte er wahrscheinlich am wenigsten gerechnet. Sonst nutzte ich bekanntlich jede Situation, um ihn eins auszuwischen. Doch diesmal hatte ich wirklich keine Lust, mit ihm zu diskutieren. Ich wollte einfach meine Ruhe vor ihm. Meine Gedanken machten mich schon verrückt genug, da konnte ich nicht auch noch mit Levi in Person umgehen, ohne ihn wirklich wieder eine zu verpassen. Schließlich brach er die Stille.
“Das wäre eine angenehme Abwechslung.”
Ich schüttelte mit dem Kopf, ließ meinen Atem hörbar entweichen und drehte mich auf dem Absatz um, um in Richtung Hanjis Forschungszentrum zu laufen. Levi ließ ich einfach an Ort und Stelle stehen.
Nach einigen Minuten kam ich bei Hanji an. Das gedämmte Licht hinter der Tür ließ mich wissen, dass sie bereits wach war. Ich klopfe leise an der Tür, ehe Hanji mich mit einem freudigen und stets übermotivierten “Ja bitte” herein bat. Ich trat in den Raum hinein und ließ meinen Blick direkt von links nach rechts schweifen. Der Raum sah aus, als hätte dort jemand versucht, eine Werkstatt, ein Labor und ein Waffenlager gleichzeitig unterzubringen. Auf dem Tisch lagen Spritzen, Federn, Lederstreifen und verschiedene Metallteile. An der Wand hingen Zeichnungen und Skizzen. Und mitten darin stand Hanji, die in ihrem eigenen Chaos unterging. Als sie mich sah, fing sie direkt an zu lächeln.
"Elara, wie schön dich zu sehen.”
“Es freut mich auch dich zu sehen.”
Hanji versuchte unterdessen irgendwie aus ihrem Chaos, welches sich ebenfalls über den gesamten Boden zog, unversehrt hinauszusteigen. Mehrfach dachte ich, sie stolpert gleich und reist ihre gesamte Forschung ins Verderben oder schlimmer noch, sie schlägt mit dem Kopf irgendwo auf. Doch Hanji bewegte sich siegessicher durch das Labyrinth voller Sachen und stand irgendwann lächelnd vor mir.
“Wie schön, dass du es noch geschafft hast. Ich wollte dir noch etwas geben für die Mission heute.”
Ich nickte, was Hanji gar nicht bemerkte. Sie war schon wieder auf dem Weg in eine andere Ecke ihres persönlichen Chaos. Ein Schmunzeln entwich meinen Lippen. Es passte einfach so sehr zu ihr und ihrem Charakter.
“Ich habs gleich, gib mir noch ein paar Sekunden.”
Ich hinterfragte ihre Ordnung einfach nicht. Schließlich schien sie sich doch recht gut zurechtzufinden. Dennoch musste ich stets daran denken, wie sie sich irgendwann mal derbe auf die Schnauze legen würde, weil sie etwas übersah. Meine Gedanken huschten kurz zu Levi. Jetzt verstand ich noch weniger, wie die beiden sich mochten. Levi war krankhaft ordentlich, Hanji hingegen war der Inbegriff eines Bombeneinschlags. Schnell verbannte ich die Gedanken an Levi und seine Meinung zu diesem Raum und fokussierte mich wieder auf Hanji, die sich mittlerweile mit einer Kiste zurück in meine Richtung kämpfte.
“Geschafft.” kam es von ihr, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Stolz überreichte sie mir die Kiste und nickte mir zu, diese zu öffnen. Kurz sah ich sie an, ehe ich zaghaft den Deckel öffnete und den Inhalt der Kiste begutachtete.
"Hanji, nein." war das einzige, was über meine Lippen kam.
"Nein, nein, nicht nur das.”
Sie lachte, als sie meinen äußerst begeisterten Blick über das 3D Manöver Gerät sah. Vorsichtig nahm ich es heraus und stellte fest, dass irgendetwas daran anders war.
“Also ich habe mir mal die Freiheit genommen, dein 3D Manöver etwas zu modifizieren. Schließlich bist du noch nicht lange im Training und mit den Klingen hast du auch noch nicht gearbeitet. Deshalb habe ich die Klingen komplett entfernt. Anstelle dessen habe ich auf der linken Seite ein kleines Depot für Pfeile eingebaut, wo normalerweise die Ersatzklingen lagern. Und auf der anderen Seite habe ich eine Halterung für einen Bogen eingebaut. Der Bogen liegt auch mit in der Kiste. Ich hoffe, es gefällt dir.”
Ich sah immer wieder zwischen Hanji und dem 3D Manöver hin und her. Der Bogen war tatsächlich wesentlich leichter und schlanker als mein bisheriger. Trotzdem war er deutlich stabiler. Das dunkle Holz war mit hellen Verstärkungen versehen, die sich sauber entlang der Wurfarme zogen. Die Form war ungewöhnlich kompakt, sodass er sich auch während schneller Bewegungen gut führen ließ. Außerdem war er in der Mitte klappbar, sodass ich ihn einfach an mein 3D Manöver hängen konnte. Daneben lagen mehrere Bündel Pfeile. Hauchdünne, unfassbar spitze Pfeile. Ich bekam kaum ein Wort aus mir heraus. Das war einfach viel zu überwältigend für mich.
“Hanji, das ist…”
“Deiner.”
Ich sah sie an.
“Spezialanfertigung.” fügte sie noch aufgeregt hinzu. Ihr Grinsen war kaum zu verbergen. Ich nahm den Bogen vorsichtig aus der Kiste. Er war überraschend leicht. Ich drehte ihn hin und her, versuchte einige vertraute Bewegungen und musste feststellen, dass der Bogen ziemlich gut in der Hand lag. Dann spannte ich die Sehne. Der Widerstand war genau richtig. Nicht zu weich, aber auch nicht zu stramm.
“Der ist perfekt..”
Hanjis Gesicht hellte sich auf.
“Ich wusste es! Ich bin einfach genial”
Ich musste unweigerlich lachen. Sie hatte voll und ganz recht. Sie war genial. Das, was sie hier geschaffen hatte, war eine Meisterleistung auf höchstem Niveau. Hanji nahm einen der Pfeile aus der Kiste und drehte ihn in meinem Blickfeld.
“Und die hier sind ebenfalls speziell angefertigt."
Ich betrachtete den Pfeil in Hanjis Hand. Die Schäfte waren etwas dünner als meine bisherigen Pfeile. Die Spitzen waren schmal und präzise gearbeitet.
„Sie sind leicht, dadurch bekommen sie eine höhere Geschwindigkeit und du kannst schneller nachlegen. Dafür habe ich ebenfalls die Spitzen verstärkt, damit sie nicht sofort verbiegen, wenn du auf härtere Ziele schießt.”
Vorsichtig legte ich den Bogen zurück und Hanji den Pfeil. Ich sah sie an, wusste nicht was ich dazu sagen sollte. Ich war so überfordert mit ihrer Freundlichkeit, dass es mir die Sprache verschlagen hatte.
“Du sagst ja garnichts. Ich habe Nächte damit verbracht.”
“Du hast Nächte damit verbracht?” entkam es mir jetzt doch.
“Vielleicht.”
“Hanji.”
“Was?”
“Hast du überhaupt geschlafen?”
“Das ist jetzt nicht wichtig. Hauptsache wir kommen alle lebend zurück.”
Ich schüttelte lachend den Kopf.
“Warum machst du das für mich?” wollte ich immer noch unter Schock stehend wissen.
Hanji wurde etwas ruhiger.
“Weil du damit draußen schneller reagieren kannst.”
Eine kurze Pause, dann ergänzte Hanji ruhig.
“Du kämpfst anders als alle von uns. Du bleibst selten lange an einer Stelle. Du wechselst ständig die Position und schießt oft aus Winkeln, aus denen andere nicht einmal auf die Idee kämen zu schießen.”
Ich war sprachlos. Wie konnte Hanji das alles wissen? Sie hatte mich nur ein einziges Mal mit Pfeil und Bogen kämpfen sehen und einmal im Nahkampf gegen Levi. Sie war wirklich genial. Jetzt wusste ich auf jeden Fall, warum sie hier die Wissenschaftlerin war.
“Hanji… danke… für das hier und für alles andere.”
Sie lächelte und zog mich in eine feste Umarmung. Ich erwiderte und lehnte mich gegen sie. Es tat gut, einfach einmal kurz alle Sorgen und Ängste zu vergessen, einfach nur da zu sein.
“Elara?”
“Hmm.”
“Ne andere Frage, was hast du mit Levi angestellt?”
Ich zuckte bei seinem Namen zusammen, löste mich von Hanji und sah sie entgeistert an.
"Wieso, was sollte ich mit dem Spinner angestellt haben?” fragte ich sie verwirrt.
Hanji kicherte nur.
“Nun ja, er war vor dir bei mir. Noch mieser gelaunt als sonst. Hat kaum gesprochen und als ich deinen Namen erwähnt habe, ist er fluchend rausgerannt und hat die Tür zugeknallt.”
Ich konnte mir ein leises Lachen nicht unterdrücken.
“Nichts, außer ihm sein Gehirn zu waschen, was er wieder für eine scheiße abgezogen hat.”
Jetzt musste auch Hanji mitlachen. Sie ging Gott sei dank nicht weiter auf Levi ein, worüber ich ihr sehr dankbar war. Zu zweit verließen wir alsbald ihren Forschungsbereich und begaben uns nach draußen, um die Pferde für die anstehende Mission vorzubereiten.
Ich begab mich auf direktem Wege zu Nattfari, um ihn einmal gründlich zu putzen und ihm einige Karotten zuzustecken, die ich unterwegs aus einem Eimer geklaut hatte. Die anderen waren ebenfalls schon dabei, ihre Pferde zu putzen und schließlich zu satteln. Ich hingegen entschied mich, wie immer auf einen lästigen Sattel zu verzichten und lieber das direkte Gefühl meines Pferdes an mir zu spüren. Entschlossen zog ich meinen neuen 3D Manöver Apparat an und legte Pfeil und Bogen in die dafür vorgesehenen Plätze. Meine Messer hatte ich mir heute Morgen schon an mein Bein und in meinen Stiefel gesteckt. Meine roten Haare band ich schnell noch zu einem losen Zopf zusammen. Den Mantel zog ich enger an mich und mit einem letzten prüfenden Blick begab ich mich zusammen mit Nattfari zu den anderen. Connie, Sasha und Jean begrüßten mich wie immer herzlich. Hanji schenkte mir ein breites Grinsen, nur Levi beachtete mich keines Blickes. Ich ignorierte es wie immer. Sollte er mich doch meiden, war mir sowieso egal.
Pov Levi
Noch ein paar Minuten. Ein paar einzelne Minuten, bis wir losreiten. Je weniger es sind desto besser. Dann gab es wenigstens genug, worauf ich mich konzentrieren konnte. Ein letztes Mal prüfte ich meinen Sattelgurt. Er war fest. Kein Spielraum. So wie es sein sollte. Ohne Missverständnisse, ohne unausgesprochene Fragen. Einfach nur ein Stück Leder der Ausrüstung, die ich kontrollieren konnte. In meinem Kopf ging ich alles noch einmal durch. Die Route, die Formation, die Abstände und mögliche Risiken. Vor allem eines, welches einige Meter neben mir stand und sich mit den anderen unterhielt. Sie lachte, wie so oft. Obwohl sie so wenig geschlafen hatte. Sie sah so müde aus, wie ich mich fühlte. Und trotzdem schaffte sie es so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Als hätte sie nicht vor wenigen Stunden fast einen meiner Soldaten geküsst und danach mich provoziert…
Diesen Gedanken verwarf ich sofort in die letzte Ecke meines Kopfes. Es war unbedeutend gewesen. Nichts weiter als eine dieser ständigen Provokationen, um mich auf die Palme zu bringen. Und doch ließ mich der Gedanke nicht ganz los. Ich schob ihn abermals zur Seite und wandte mich schließlich meiner Truppe zu.
“Alle bereit?”
Meine Stimme hallte kalt durch die Reihe der Soldaten. Alle erwiderten mit einem Ja.
“Gut, aufsitzen.” ergänzte ich scharf.
Fast synchron stiegen wir auf die Pferde. Mein Stiefel fand den Steigbügel meines schwarzen Hengstes. Die Zügel hatte ich locker in der Hand, als ich mich mit einem Satz in den Sattel schwang. Dann ritt ich ohne einen weiteren Kommentar los, die anderen folgten mir stillschweigend aus dem Haupttor in Richtung der Mauern.