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2019 (Teil 1)

Daughter Of Iron, Powers Of A Spider — www.fanfiktion.de · All chapters

2019 (Teil 1)

Ein riesiges Danke an Phantastix ' Review und Favo!

Und danke an den Support aus meinem WhatsApp-Kanal.

Und danke dafür, dass diese Geschichte schon über 1000 Aufrufe hat!

———

—Spinnenbiss ...—

13. September  2019

Morgen ist es so weit. Morgen werde ich zehn und Hydra will mich zu einer Super-Soldatin machen. Nach diesem Eintrag habe ich nur noch eine Seite, dann ist das Notizbuch voll. Aber wenn ich keine Erinnerungen mehr habe, kann ich sowieso nichts mehr reinschreiben.

Aber ... Ich könnte versuchen zu fliehen. Jetzt sofort. Ich habe es noch nie versucht, vielleicht könnte ich sie überrumpeln ...

Das ist es!

Ich schlage das Buch schnell zu und räume es zu den anderen, als ich das Piepen vom Schloss an der Tür höre.

Bereitwillig stehe auf. Jetzt habe ich Sport, also habe ich auch schon meine Sportsachen an. Das ist bestimmt besser, wenn ich rennen muss. Und weil sie schwarz sind, kann ich mich auch gut verstecken.

Die beiden Wachen nehmen mich an beiden Seiten am Arm und wir gehen ein paar Schritte im Flur, als das Handy von der Wache links von mir klingelt. Er bedeutet uns, stehen zu bleiben und spricht ins Gerät. Seine Schlüsselkarte schaut aus seiner Jackentasche heraus. Vorsichtig ziehe ich sie heraus und nehme sie fest in die Hand, sodass man sie nicht sehen kann. Keiner hat es bemerkt.

Er hat mich nicht losgelassen, hat mich aber nicht mehr so fest gepackt. Der andere guckt gelangweilt in die Luft. Sie sind es schon längst gewohnt, dass ich seit eineinhalb Jahren nie versucht habe, zu fliehen.

(Und natürlich denken sie, dass ich sowieso nicht fliehen könnte.)

In der ersten Sekunde stehe ich ruhig da, in der nächsten reiße ich mich plötzlich los und renne in Richtung Lift. Den Weg dorthin habe ich mir schon länger her eingeprägt, weil er nach oben geht und damit in Freie.

Aber wenn ich direkt zum Lift gehe, werden sie mich einholen. Ich muss sie irgendwie abhängen!

Ich weiche den Blicken der Kameras aus und schlage einen Haken in einen Gang ein und öffne die erste Tür, die ich sehe.

Daneben presse ich mich an die Wand.

Dumpf höre ich Stimmen.

»Wo ist sie hin?«

»Keine Ahnung. Eine Schlüsselkarte hat sie nicht, sie muss da vorne abgebogen sein.«

»Okay, dann teilen wir uns auf. Weit kann sie ja nicht gekommen sein.«

Erleichtert atme ich auf, als ihre Schritte verklingen, und kichere leise. Die haben immer noch nicht gemerkt, dass eine ihrer Karten fehlt.

Erst jetzt kann ich mich umschauen.

Das scheint ein Labor zu sein. Überall stehen Vitrinen und Terrarien mit Pflanzen und Insekten. Wozu die Hydra wohl braucht? Wahrscheinlich für Experimente.

Ganz hinten in der Ecke steht ein Terrarium, wo auf einem Schild ein großes Ausrufezeichen zu sehen ist. Aber was mir sofort ins Auge fällt, ist ihr Name:

Sky Spider

Hoffentlich ist das nicht auf mich bezogen.

Es kann aber auch daran liegen, dass die Spinne schmale durchsichtige Flügel hat, was ich auf dem Bild darunter sehe. Auf ihrem Rücken trägt sie das Symbol von Hydra. Die haben sie wohl gezüchtet.

»Hochgiftig. Lebensgefahr«, murmle ich die Wanrung, die dabeisteht.

Interessiert suche ich hinter der Scheibe nach der Spinne, aber es gibt keine Spur von ihr. Dabei gibt es gar keine Verstecke. Da bemerke ich, vorher von dem Warnschild verdeckt, an der seitlichen Wand ein Loch. Warte ... ein LOCH? In dem Terrarium? Und da ist keine Spinne drin?

Ist sie hier im Raum und ich habe sie nicht bemerkt?

Panisch huscht mein Blick über den ganzen Raum und sucht nach der giftigen Spinne.

Ich höre ein leises Flattern hinter mir, dann juckt mich irgendetwas an meinem Nacken und ich hebe die Hand, um mich zu kratzen. Aber ich erstarre mitten in der Bewegung.

An meinen Fingerspitzen spüre ich ... die Spinne!

Vor Schreck bin ich wie eingefroren und kann mich gar nicht wehren, als sie mich beißt. Aber ... nichts passiert. Außer,  dass die tote Spinne auf den Boden fällt. Also ... Eigentlich sollte es genau andersherum sein. Habe ich jetzt die Spinne mit meinem nicht vorhandenen Gift getötet statt sie mich? Ich habe wohl Halluzinationen.

Ich kann nur tot sein.

Aber ich wache auch nicht aus einem verrückten Traum auf, nachdem ich mich in den Arm gezwickt habe.

Angeekelt trete ich die Spinne unter den Tisch mit ihrem Terrarium.

Dann gehe ich leise aus dem Raum raus, biege um die Ecke und stehe direkt vor einer Wache. Schnell drehe ich mich um und renne los, aber ich weiß, dass ich keine Chance mehr habe. Ich muss die Schlüsselkarte verstecken! Mit ihr komme ich zwar nicht aus meiner Zelle raus, das geht nur von außen, aber so könnte ich mit einem Lift endlich hier raus.

Ohne darüber nachzudenken, lege ich sie mir unter die Zunge. Sie ist gerade klein genug dafür.

Eine Millisekunde später werde ich am Arm gepackt. Hat er es gesehen?

»Sag kein Wort und wage es nicht, das noch einmal zu versuchen«, wird mir befohlen.

Hatte ich auch nicht vor. Na ja, ist mein Vorteil, wenn ich nicht rede, dann werdet ihr auch nicht herausfinden, dass ich den Schlüssel im Mund habe.

Wortlos bringt er mich in meine Zelle, macht mir die Fesseln ab zischt: »Zur Strafe bleibst du hier für den Rest des Tages!«

Leise höre ich ihn noch sagen: »Das gibt eine Gehaltserhöhung, weil ich sie gefangen habe!«

Dann lässt er mich alleine.

Ich wasche die Karte im Bad ab und lege sie in mein Notizbuch.

Plötzlich verschwimmt meine Sicht und ich bekomme starke Kopfschmerzen. Und müde bin ich auf einmal auch.

Ich lasse mich auf mein Bett fallen und komme nicht mal dazu, mich zu zudecken, da bin ich schon eingeschlafen.

—... und komische Kräfte—

Ich blinzle vorsichtig. Eigentlich hatte ich erwartet, dass ich jetzt im Krankenzimmer liegen würde, weil bemerkt wurde, dass ich einfsch umgekippt bin. Ach stimmt, ich hatte ja eine 'Strafe' bekommen.

Irgendwie hat mir der Schlaf richtig gut getan. Ich fühle mich besser als vorher.

Ich setze mich an den Tisch, um mein verrücktes Erlebnis sofort aufschreiben, aber ich bekomme meine Hand nicht von dem Stuhl weg, den ich zurückgeschoben habe. Hallo? Was soll das?

Ich zerre an meine Hand, aber alles, was ich erreiche, ist, dass ich den Stuhl plötzlich in die Luft hebe. Und ich spüre das Gewicht nicht mal. Langsam und vorsichtig lasse ich den Stuhl wieder zu Boden sinken.

Dann ist meine Hand auch wieder frei. Hä? Was war das denn jetzt?

Dann höre ich so ein komisches Piepen in meinem Kopf, es hört sich an wie ein Warnsignal.

Ich reiße den Kopf herum, um nach der Gefahr zu suchen, aber ich höre nur, wie jemand mit schnellen Schritten an meiner Tür vorbeiläuft. Kommt mir das nur so vor oder höre ich besser?

Das war doch keine Gefahr! Ich verstehe mich selbst immer weniger.

Wieder kommt jemand vorbei und dieses Piepen geht wieder an. Das ist echt nervig. Vielleicht ist es ja gar keine echte Gefahr , aber mein Körper hat sich auf Hydra schon so eingestellt, weil ich ja weiß, dass sie nichts Gutes wollen. Das erklärt nur leider das Piepen nicht.

Vielleicht ist das mit der Gefahr auch Quatsch und mein Hirn ist kaputt, weil die Spinne es vergiftet hat.

Ich gehe durch die offen stehende Tür in das kleine Bad und schaue mich im Spiegel an. Ich sehe ganz normal aus. Als wäre nichts anders.

Da fällt mir wieder ein, was ich hier eigentlich machen wollte und öffne die die gläserne Schiebetür der Dusche. Sie knallt gegen die Wand und das Glas zerspringt in tausend Teile. Das auch noch? Ich habe sie doch genauso geöffnet wie sonst, oder nicht?

WAS PASSIERT HIER GERADE?

Ich denke, jetzt gehe ich doch nicht duschen.

Also steige ich vorsichtig über die Scherben zurück in mein Zimmer.

Nach ein paar Versuchen wie das mit meinen klebenden Händen funktioniert, und nachdem ich einfach meinen Schrank hochheben konnte, kapiere ich gar nichts mehr.

Das ist definitiv nicht normal. So stark bin nicht mal ich, und habe jeden Tag Sport und Krafttraining.

Kann es sein, dass ... Nein. Ich habe keine Superkräfte wegen dem Spinnenbiss. Jetzt bin ich wirklich verrückt geworden.

Also setze ich mich doch an meinen Tisch und fange an zu schreiben. Das hilft mir immer, mich zu beruhigen.

Ich schreibe alles auf, was passiert ist. Am Ende schreibe ich noch, während ich ein bisschen kichern muss:

Weißt du noch, Dad, als wir im Fernsehen gesehen haben, wie dieser Junge von einer Spinne gebissen wurde und ins Koma gefallen ist? Ich habe gesagt, wenn er Spinnenkräfte bekommen hätte, könnte er an Wänden krabbeln und Netze schießen. Du hast gesagt, dass meine Fantasie mit mir durchgeht. Sieht so aus, als hätte ich recht gehabt! Ich habe jetzt die Kräfte einer Spinne!

Und das könnte meine Flucht viel einfacher machen.

Ich nehme das Buch mit. Na ja, das ist die einzige Sache, an der mir hier etwas liegt.

Ich werde alles dafür tun, um wieder zu euch zu kommen. Kann nur noch ein paar Tage dauern.

Jetzt ist auch die letzte Seite meines Notizbuchs voll. Als ich mich an die Sache vor zwei Jahren erinnert habe, ging mir ein Licht auf. Woher soll ich die Kräfte sonst haben, als von der Spinne. Auch die Erinnerung an meine 'Fantasie' dass man wie eine Spinne an der Wand klettern könnte, bringt mich auf eine Idee.

Netze schießen kann ich wohl nicht, aber das wäre ja noch verrückter.

Aber es funktioniert sogar, das mit dem Wandkrabbeln.

Nachdem ich erst unsicher auf allen vieren die Wand hoch bin und ehrlich gesagt auch ein paar Mal auf mein Bett gefallen bin, laufe ich jetzt waagrecht an der Wand herum und überlege mir einen Fluchtplan.

—Flucht—

Geduldig warte ich über der Tür, mein Notizbuch unter meinen Shirts und die Schlüsselkarte in der Hosentasche. Warum die mir auch keine Jacken in den Schrank getan haben! Eigentlich logisch, hier unten ist es ja nicht kalt, und dass ich rausgehe, hatten sie bisher auch nicht vor. Aber drei T-Shirts übereinander sind besser als nichts.

Ich vermute, dass sie irgendwann kommen werden, um mich auf morgen vorzubereiten. Obwohl ich eine Strafe bekommen habe.

Ich habe mein Abendessen noch gegessen, und bin danach gleich hier hoch.

Keine Ahnung, wie lange ich hier oben an der Wand hänge, aber irgendwann höre ich Schritte. Viel lauter als sonst, auch seine Beschwerden höre ich klar und deutlich, die er hinter der Wand murmelt. Anscheinend habe ich auch verbesserte Sinne.

»Warum die mich auch alleine hier einteilen. Wenn sie doch vorhin ausbrechen wollte.«

Der Mann öffnet die Tür.

»Sie ist wohl gerade auf der Toilette«, murmelt er.

Das gehört auch zu meinem Plan. Das Licht  vom Bad habe ich nämlich angeschaltet, damit er das denkt. Kaum ist er ein paar Schritte in meiner Zelle zum Bad gelaufen, lasse ich mich lautlos auf den Boden fallen, ziehe die Tür blitzschnell zu und er ist drinnen gefangen.

»Hey! Wer ist da? HEY! Lass mich raus!«

Bevor mich irgendwer bemerken kann oder seine Rufe hört, klettere ich die Wand wieder hoch und bleibe ganz dicht an der Decke, hier habe ich nämlich kein einziges Versteck auf der weißen Wand. Die Kameras, die in jedem Gang an der Wand hängen, zeigen zum Glück nur den Boden und nicht die Decke, deswegen kann ich unbemerkt an ihnen vorbei, aber trotzdem muss ich mich beeilen.

Schnell habe ich den Lift gefunden.

Ich springe auf den Boden, ziehe die Karte heraus und öffne den Lift.

»Da ist sie!«, höre ich hinter mir.

Die Tür öffnet sich, und ich husche schnell hinein. Reflexartig drücke ich auf den einzigen Knopf an der Wand, und die Türen schließen sich langsam. In der Sekunde, wo der Mann bei dem Lift ankommt, sind sie zu. Er prallt gegen die geschlossene Tür. Gerade noch so!

Oben blicke ich in einen wunderschönen Wald. Das ist bestimmt ein Park in Virginia. Der Lift verschwindet hinter mir im Boden und ist kurz darauf nicht mehr zu sehen.

Irgendwo muss ich hin, bevor sie mir folgen und nach oben kommen! Ich nehme das Erstbeste: einen Baum. Schnell klettere ich nach oben und suche mir einen einigermaßen bequemen Ast, der gut genug hinter Blättern verdeckt ist.

Nach ein paar Minuten schlafe ich erschöpft ein und werde sofort wach, als laute Stimmen im Wald herumschreien.

Das sind eine Menge Leute! Und alle nur dazu da, um mich zu suchen.

Einer von ihnen weist alle anderen an und sie verschwinden in verschiedene Richtungen. Einer bleibt beim Lift und wartet. Krass, dass ich das überhaupt sehen kann, obwohl es stockdunkel ist. Das gehört wohl zu 'verbesserte Sinne'.

Na ja, dann kann ich ja wieder schlafen, bis morgen früh. Schaut ja keiner auf die Bäume, und ohne das Wandkrabbeln kommt sowieso keiner hoch.

In der letzten Nacht bin ich noch einmal aufgewacht, als alle wieder im Stützpunkt verschwunden sind. Von dort aus habe ich auch gesehen, wie sich der Lift von außen aktiviert, man muss einfach die Schlüsselkarte darüber halten und sie wird von alleine gescannt, dann kommt der Lift hoch.

Jetzt ist es Morgen und die Luft ist rein.

Oh man, mir tut alles weh! Das habe ich davon, auf einem Baum zu schlafen.

Wieder auf dem Boden, frage ich:

»Scout?«

Die kleine Drohne löst sich von meinem Nacken und schwebt vor mir.

»Bring mich zur nächsten Straße.«

Lange, sehr lange laufe ich durch den Wald, Scout als Führer. Aber auch wenn er mir den Weg zeigen kann, kann ich nicht fünf Tage nach New York laufen. Also muss ich per Anhalter weiter kommen. Und deswegen ist die nächste Straße das beste Ziel.

Ewig sitze ich hier auf dem Gras am Straßenrand.

Scout ist längst wieder an meinem Nacken. Eigentlich hätte ich auch weiterlaufen können, aber Scout hat mir gezeigt, dass ziemlich lange nichts anderes kommt als Straße, deswegen kann ich mich genauso gut hier ausruhen.

Einmal kam ein Motorrad vorbei, das meinen ausgestreckten Daumen einfach ignoriert hat. Aber wahrscheinlich hätte ich da sowieso keinen Platz drauf gehabt.

Als ich endlich wieder einen Motor höre, springe ich auf und strecke meinen Daumen auf die Straße.

Ein Transportwagen hält vor mir, und die Scheibe wird heruntergelassen.

Ein älterer Mann sitzt darin und lächelt mich einladend an.

»Hey, was machst du denn hier, kleines Mädchen? Wo sind deine Eltern?«

»Ich hab einen Ausflug mit meinen Eltern gemacht und mich verlaufen.«

»Wie heißt du?«

»S-Sky«, antworte ich. Meinen Namen nach so langer Zeit wieder zu hören, fühlt sich komisch an.

»Ich bin Ben. Wo musst du hin?«

»Wo fährst du denn hin?«, frage ich zurück.

»Washington, D.C.«, antwortet er.

»Das wäre super! Wenn das für dich okay ist.«

Aber Ben nickt bereitwillig.

»Ich kann dich doch nicht einfach auf der Straße stehen lassen, du bist doch noch ein Kind. Steig ein!«

Ich bedanke mich ehrlich.

Es ist gut, wenn ich gleich so weit komme.

Ben ist nicht sehr gesprächig. Aber das macht mir nichts aus. So habe ich Zeit zum Nachdenken. Ich lese mir die Briefe an Mom und Dad noch einmal durch.

Sie werden sie wirklich lesen können.

Irgendwie fühlt sich das alles nicht real an.

Ich habe es aus Hydra geschafft, bin von da zu einer Straße gelaufen und Ben ist so freundlich, mich bis nach Washington, D.C., zu fahren.

»Wo sind denn deine Eltern?«, fragt Ben auf einmal.

»Ich weiß nicht. Ich kann sie aber nicht anrufen, weil ich kein Handy habe und sowieso die Nummer nicht auswendig weiß.«

»Oh«, brummt Ben.

Er wirft einen Blick auf das Notizbuch.

»Hmmm ... Du könntest das Buch an sie schicken, wenn du die Adresse weißt. Und einen kleinen Zettel dazu, wo du bist, dann können sie dich abholen. Das dauert zwar etwas lange, aber besser als nichts.«

»Das ist eine gute Idee!«, sage ich begeistert.

»Aber ... wie soll ich das machen, wenn ich kein Geld habe, um den Versand zu bezahlen?«, murmle ich.

Ben kramt in seiner Jackentasche herum und gibt mir 20 Dollar.

»Das müsste reichen«, sagt er und lächelt freundlich.

Überrascht reiße ich die Augen auf.

»Das kann ich doch nicht nehmen!«

»Doch, doch. Du musst deinen Weg nach Hause finden, du kannst das gut gebrauchen. Besonders Tony Starks Tochter sollte den Weg nach Hause schnell finden, ihre Eltern denken nämlich immer noch, sie wäre tot.«

Sprachlos schaue ich ihn an, aber er zwinkert mir zu und lächelt nur.

In Washington, D.C., hält Ben an einer Tankstelle. Hier darf ich aussteigen, also bedanke ich mich noch einmal zum Abschied.

»Dankeschön, für alles.«

»Gerne, Sky. Komm gut nach Hause!«

Das hoffe ich auch.

Ich laufe zu einer Paketstation, Scout zeigt mir den Weg dorthin. Obwohl das so eine große Stadt ist, sehe ich nicht viele Menschen. Und keiner bemerkt Scout, weil er so klein ist. In der Paketstation schreibe ich eine kleine Nachricht:

Hey, ich bin's, Sky. Ich habe es geschafft, Hydra zu entkommen, und bin dann von Virginia nach Washington, D.C., gekommen, weil ein netter Mann mir geholfen hat. Könnt ihr mich bitte beim Washington Monument abholen?

Kurz und knapp. Für die tausend Fragen, die mir im Kopf schwirren, ist hier kein Platz.

Also packe ich das Buch, den Zettel und die Schlüsselkarte zusammen ein und bezahle den Versand.

»Es ist wichtig, es soll schnell gehen«, sage ich.

Die Frau betrachtet mich skeptisch.

»Ich bin Sky Stark«, sage ich, und endlich zeigt sich eine Regung in ihrem Gesicht.

»Ich wusste, ich kenne dich irgendwoher! Aber ... du bist doch auch gestorben, vor eineinhalb Jahren, oder nicht?«, fragt sie verwirrt.

»Nein. Aber es ist sehr wichtig«, sage ich noch einmal nachdrücklich.

»Natürlich.«

»Und sag keinem, dass du mich gesehen hast.«

Die Frau nickt verständnisvoll.

Zufrieden grinse ich in mich hinein und gehe wieder hinaus.

Staunend betrachte ich das Washington Monument.

Es ist riesig. Aber irgendwie muss ich hier über Nacht bleiben.

Vorhin habe ich mir von dem Rest der 20 Dollar mehrere belegte Brötchen und Wasser gekauft, irgendwie muss ich ja bis mindestens morgen auskommen.

Im Park um den Turm herum finde ich einen Baum, wo mich gerade keiner beobachtet. Bessere Verstecke als Bäume gibt es leider nicht. Und wenn es hier um 17 Uhr schließt, wenn die Öffnungszeiten auf dem Schild am Eingang stimmen, darf mich keiner finden.

Zuerst weiß ich nicht, wie ich hoch kommen soll, wenn meine Hände voll sind mit den Tüten und dem Wasser, aber schließlich schaffe ich es, den Baum einfach waagrecht hochzulaufen.

Eine Flasche rutscht mir aus dem Arm, aber ich schaffe es gerade noch so, sie aufzufangen.

Bevor mich noch jemand entdecken kann, klettere ich schnell nach oben und mache es mir wieder in einer Astgabel bequem.

Wenn man das denn bequem nennen kann.

Ich will endlich wieder in einem Bett schlafen!

Letzte Nacht musste ich schon auf einem Baum schlafen und den Muskelkater spüre ich immer noch.

Aber irgendwann falle ich in einen unruhigen Schlaf.

»SKY!«

Ich muss echt lange geschlafen haben, es ist schon hell. Und wenn mich jemand rufen kann, ist es nach 9 Uhr, vorher kommt ja keiner hier rein.

Warte, hat mich da gerade jemand gerufen? Konnten sie so schnell kommen?

Ich schaue hinunter zum Boden.

Da steht ein Mädchen mit dunkelblonden Haaren und grünen Augen, sie sieht ein bisschen älter aus wie ich und schaut zu mir hoch. Nein, nicht meine Familie.

»Hast du da auf dem Baum geschlafen? Du bist doch Sky Stark, oder?«

Verschlafen nicke ich. Für beide Fragen.

»Bist du nicht tot? ... Na ja, sonst wärst du ja nicht hier«, beantwortet sie ihre eigene Frage.

Ich will gerade fragen, ob sie mein Zeug fangen kann, damit ich normal nach unten komme, bemerke aber, dass es weg ist.

Oh, es liegt da unten im Gras.

Also klettere ich nach unten und hebe es auf.

»Wie heißt du?«, frage ich sie.

»Jamie.«

»Sky«, sage ich, obwohl sie das ja schon weiß.

»Du hättest bestimmt noch viel länger geschlafen, hätte ich dich nicht geweckt«, kichert sie.

»Weißt du, wir machen einen Roadtrip, deswegen sind wir nicht so lange hier. Heute Mittag fahren wir wieder nach Hause nach New York. Ich hab dich zufällig gesehen, weil du so laut geschnarcht hast.«

»Ich schnarche nicht!«, protestiere ich laut.

Sie kichert wieder.

»Ja ... du hast recht. Das war gelogen. Ich hab mich nur gefragt, wer hier sein Essen liegen lässt und dann hab ich dich im Baum entdeckt.«

»Aha.«

Dann bemerke ich etwas bei dem, was sie vorhin gesagt hat. Sie macht einen Roadtrip. Im September?

»Musst du nicht in der Schule sein?«, frage ich mit gerunzelter Stirn.

»Meine Privatschule hat die Ferien ein bisschen verlängert fast bis Oktober. Das war eine Ausnahme, haben sie gesagt. Aber letztes Jahr gab es auch schon eine Ausnahme. Weil letzes Jahr sind ja echt viele Menschen gestorben, deswegen gab es so viel Chaos. Aber das musst du doch mitbekommen haben, wenn du doch lebst.

Aber dann müsstest du ja dann auch in der Schule sein. Und die Avengers und dein Vater und so sind doch in New York.

Warum bist du dann allein hier?«

Bisschen gruselig, dass man so viel über mich weiß.

»Lange Geschichte«, sage ich knapp.

»Ich habe Zeit«, sagt sie und fügt hinzu: »Meine Eltern machen einen Spaziergang. Ich darf mich solange hier umgucken. Und ihre Spaziergänge dauern Stunden!«

»Wow«, haucht sie.

»Das ist eine echt krasse Geschichte!Aber jetzt weiß ich, warum du von dem ganzem Durcheinander auf der Erde nichts mitbekommen hast und warum alle denken, du wärst tot.«

Ich habe beschlossen, ihr zu vertrauen und ihr alles erzählt. Das Einzige, was ich weggelassen habe, ist, dass ich Superkräfte habe.

Und sie hat mir erklärt, warum ich so bekannt bin. Eigentlich bin ich das schon seit ich lebe, aber irgendwie haben die Reporter gemerkt, dass ich ... weg bin? Dann haben sie Mom und Dad mit Fragen gelöchert und ich wurde zu einer tragischen Schlagzeile, USA-weit:

Tony & Pepper Stark verlieren ihre einzige Tochter!

oder

Die Chance auf eine Nachfolgerin des berühmten Iron Man – für immer verloren?

(So hat das zumindest Jamie formuliert.)

»Aber du darfst das keinem weitersagen! Auch nicht deinen Eltern, versprochen?«

»Versprochen«, stimmt sie zu.

»Aber warte, wenn du zurück nach New York musst, können wir dich doch mitnehmen!«

Ihre Augen strahlen, als würde es sie echt freuen, wenn wir noch ein bisschen Zeit zusammen verbringen könnten. Ich fände das auch cool, aber ...

»Das geht nicht, sonst erkennen mich deine Eltern, dann stellen sie so viele Fragen und so. Und ich habe meine Familie schon kontaktiert und ihnen gesagt, sie sollen mich hier abholen. Wenn sie herkommen und ich bin nicht da ...«

Jamie lässt den Kopf hängen.

»Schade. Aber vielleicht sehen wir uns ja mal wieder!«

Dann kommen ihre Eltern und sie muss gehen, also umarmen wir uns zum Abschied.

Dass ich hier eine Freundin finden würde, hätte ich echt nicht gedacht.

Ich lege mich auf die Wiese, meine zwei extra-T-Shirts als Kissen und schlafe noch ein bisschen. Das ist viel bequemer als ein Baum.

Plötzlich schießt mir eine Idee durch den Kopf. Wie wäre es, auf das Monument zu klettern? Herunterfallen kann ich nicht, mit den Kräften. Und das hat bestimmt noch niemand ohne Sicherung gemacht! Vielleicht sehe ich dann sogar den Jet schon. Wenn sie überhaupt auf dem Weg hierher sind.

Mein Zeug lege ich an einen Baum und die zwei Shirts wickle ich mir um den Kopf, es soll mich ja keiner erkennen.

Schnell husche ich zu der Schattenseite des Turms, wo keiner ist, weil jeder in der Sonne steht.

Langsam und vorsichtig klettere ich hoch. Von weiter weg sah der nicht so groß aus. Egal. Ich blicke nach unten und sehe schon ein paar Leute auf mich zeigen.

Oben auf der Spitze ist die Aussicht atemberaubend. Ich kann richtig weit sehen! Und da bemerke ich ihn. Den Jet. Er ist schon so nah! Wahrscheinlich bemerken sie mich, der Jet wird nämlich schneller. Nach eineinhalb Jahren sehe ich meine Eltern wieder! Es kribbelt im Bauch und ich spüre mein Grinsen im Gesicht.

Plötzlich merke ich, wie sich meine Füße lösen und ich von der Spitze rutsche.

Der Fall kommt mir wie Stunden vor, und der Wind pfeift um meine Ohren.

Dann ist der Jet ist direkt über mir, roter Nebel greift nach mir, berührt meine Fingerspitzen uns bremst meinen Fall ab. Wanda? , frage ich mich noch.

Dann nichts mehr.

—Home sweet Home?—

Ein Piepen. Noch ein Piepen. Und noch eins. Ey, das nervt!

Ich versuche  meine Augen zu öffnen, und schließe sie gleich wieder. Das ist viel zu hell, davon bekomme ich ja Kopfschmerzen!

Vorsichtig blinzle ich.

»Wo bin ich denn jetzt schon wieder?«

»Du bist ... zuhause.«

Bruce! Er steht neben meinem Bett an einem Monitor.

»Hi«, sagt er freundlich.

»Du warst so stark verletzt, trotz dass Wanda das Schlimmste verhindern konnte, ich musste dich in ein künstliches Koma versetzen. Du hattest auch eine Wunde am Kopf, deswegen mussten wir dir deine Haare abrasieren, damit wir sie behandeln konnten und damit sie heilen kann. Aber dass du dir die zwei Shirts um den Kopf gewickelt hast, war gut, dadurch hast du den Ausmaß an Schaden verringert und dich hat keiner erkannt«, erklärt er professionell.

Ich fasse mir an den Kopf. Ich spüre kurze Stoppeln.

Meine armen Haare!

»Wie lange war ich im Koma?«, frage ich interessiert.

»Nicht so lange«, sagt er, aber ich merke, dass er lügt.

»Wie lange?«, bohre ich nach.

Er seufzt.

»Eine Woche.«

Er sieht meinen geschockten Blick und hebt abwehrend die Arme.

»Wir mussten deinem Körper lange genug Zeit geben, damit er heilen kann und du, wenn du aufwachst, keine Schmerzen hast.«

Okay, das macht Sinn.

»Du hast uns so eine Angst eingejagt, nachdem wir deine Nachricht bekommen haben und wir dich dann bewusstlos einsammeln mussten. Du bist unglaublich leichtsinnig. Wie dein Vater.«

Das erinnert mich an etwas.

»Wo sind Mom und Dad?«

Bruce weicht meinem Blick aus.

»Sie sind ... nicht hier.«

»W-Warum? S-sind sie to-tot?« stottere ich.

»Am besten sage ich den anderen zuerst, dass du wach bist, dann können alle mal alleine mit dir sprechen. Immerhin warten wir schon eine Woche darauf. Und keine Sorge, deine Eltern leben.«

Rhodey kommt zuerst rein.

»Hey Kleine!«

Er geht zu mir, nimmt meine Hand und schaut mich ernst an.

»Tu das nie wieder, klar? Du kannst nicht einfach entführt werden und uns glauben lassen, du bist tot! Weißt du eigentlich, was Tony und Pep ...«

Seine Stimme versagt. Ich erkenne sogar Tränen in seinen Augen.

»Das Wichtigste ist, dass du wieder hier bist«, sagt er.

Nachdem er nach draußen gegangen ist, kommt Wanda herein.

»Sky!«

Sie streicht mir über die Wange und fängt an zu weinen.

»Hey, nicht weinen!«, sage ich besorgt.

Sie schüttelt den Kopf.

»Ich wollte dich retten, als du gefallen bist, aber ich war zu langsam.«

»Du kannst doch nichts dafür!«, versichere ich ihr.

Und dann setze ich mich auf und umarme sie.

Als es ihr ein bisschen besser geht, geht sie und Thor kommt rein. Er hat ein strahlendes Grinsen im Gesicht.

»Hey kleine Kriegerin! Ich habe jedem gesagt du überlebst! Und wie immer hatte ich recht! Alles okay mit dir? Hast ja ... bisschen kürzere Haare ...«

Ich muss lachen.

»Du auch!«, erwidere ich.

Er streicht sich über den Nacken und nickt nachdenklich.

»Ja, als ich auf Sakaar war ... oh, die Geschichte kennst du ja gar nicht. Ich muss sie dir unbedingt erzählen! Jedenfalls hat mir dort ein verrückter Alter eine kürzere Frisur verpasst, mit einem Höllengerät, das sag ich dir! Und als ich wieder hier war, haben mir alle gesagt, dass mir das super steht, deswegen dachte ich mir, ich lass das einfach so.«

»Steht dir auch!«

»Ob dir dein neuer Haarschnitt steht, muss ich noch überlegen ...«, scherzt er und wieder muss ich lachen. Das tut gut.

»Ich habe so lange nicht mehr richtig gelacht, Thor, dankeschön.«

»Immer wieder gern.«

Dann macht er ein Gesicht, als wäre ihm etwas Wichtiges eingefallen.

»Ich muss dir jemanden vorstellen«, sagt er und grinst.

Nachdem er aus der Tür gegangen war und ein paar Minuten nach jemandem suchen musste, kommt er mit einem Mann herein. Er hat lange schwarze Haare und eisblaue Augen.

»Das ist Loki, mein Bruder.«

Hä, aber die sehen sich gar nicht ähnlich ...

»Adoptiert«, ergänzt Loki.

Das erklärt natürlich alles.

»Wir leben hier auf dem Compound seit dem letzten Kampf, weil wir ihn hier«, er schlägt seinen Bruder neckend auf die Brust, »im Blick behalten müssen, damit er nichts anstellt.«

Ich runzle fragend die Stirn.

Thor bemerkt meinen Blick und sucht nach den richtigen Worten.

»Er war das mit New York. Die ... Alienarmee?«

Oh. Das .

Er sagt schnell: »Aber ... er hat sich geändert. Er hat im Kampf gegen Thanos ... oh, davon weißt du auch noch nichts. Wir müssen dich dringend auf den neuesten Stand bringen. Er hat in ein paar Kämpfen mitgeholfen, auf unserer Seite. Und wir hoffen, dass das nicht wieder einer dieser Tricks ist, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.«

Okaay ...

»Du bist Sky, richtig?«, fragt Loki.

Ich nicke.

»Ja, ich habe dich auf einem Foto gesehen, als die Vermissten auf diesem Hologramm angezeigt wurden. Dein Vater ...«

Er verstummt, als Thor ihm einen warnenden Blick zuwirft.

Ich will eigentlich fragen, was er sagen wollte, aber er tritt verlegen einen Schritt an mein Bett und schüttelt meine Hand.

»Schön dich kennenzulernen.«

Irgendwie ist er zu freundlich, um die Weltherrschaft an sich reißen zu wollen.

»Hast du Superkräfte?«, platze ich heraus. Wenn er wie Thor ein Gott ist ...

»Ähh, ja ... die habe ich tatsächlich.«

Thor hebt die Hand vor den Mund, beugt sich zu mir und flüstert grinsend: »Er ist der Gott des Schabernacks.«

»Und was kannst du so?«, frage ich neugierig.

»Ich kann mich in alles verwandeln was ich will, kann Illusionen erzeugen ...«

Er hebt die Hand und lässt darüber ein kleines, buntes Feuerwerk entstehen.

»Woow!«, hauche ich.

Dann verwandelt er sich in seinen Bruder und grinst ihn an. Plötzlich ist Loki auf der anderen Seite meines Krankenbettes, während die beiden Thor immer noch nebeneinander stehen.

»Das ist echt cool!«, sage ich begeistert.

Die zwei verabschieden sich von mir und Steve kommt herein.

»Hey Sky«, begrüßt er mich.

»Hi!«

»Du bist endlich wach. Wir haben uns echt Sorgen um dich gemacht. Wenn wir gewusst hätten, dass Hydra dich festhält, wären wir sofort gekommen«, sagt er ernst.

»Aber dass du auf diesen Turm geklettert bist ... Das war keine gute Idee.«

»Ja, jetzt habe ich keine Haare mehr«, sage ich ernst, kann mein Kichern aber nicht zurückhalten.

»Ich meine das ernst. Über deine Fähigkeiten werden wir noch alle zusammen sprechen, Bruce hat sie gefunden, während er dich untersucht hat, und natürlich haben wir in deinem Notizbuch gelesen. Aber da du sie noch nicht so gut unter Kontrolle hast, hättest du sterben können! Was hätte ich dann deinen Eltern sagen sollen? Dass du gleich zweimal gestorben bist?!«

Er fährt sich durch die Haare.

»Tut mir leid«, sage ich bedrückt.

»Ich wollte schauen, ob ich den Jet schon sehen kann, außerdem konnte ich so weit sehen! Aber als ich mich gefreut habe, weil ich euch gesehen habe, habe ich irgendwie die Kontrolle verloren.«

»Jetzt ist ja alles wieder einigermaßen okay. Oh, ich wollte dir noch Bucky vorstellen, erinnerst du dich an ihn?«

Ich nicke.

Er holt seinen Freund herein. Er hat kurze braune Haare, blaue Augen und ...

»Ist das ein Metall-Arm?! Das ist voll cool!«, sage ich begeistert zur Begrüßung.

Überrumpelt schaut Bucky Steve zögernd an.

Er lächelt ihm aufmunternd zu und Bucky räuspert sich.

»Hi, ähm, ich bin Bucky. Und du bist Sky? Coole Frisur.«

»Oh, danke! Ich habe selbst keine Ahnung, wie ich aussehe, seit 2 Jahren habe ich nämlich keinen Spiegel mehr gesehen.«

»Hydra hat dich doch nicht verletzt, oder?«, fragt er besorgt.

Fragend schaue ich zwischen Bucky und Steve hin und her.

»Ich war auch in Gefangenschaft von Hydra«, erklärt er.

»Sie haben mir eine Gehirnwäsche verpasst und auch diesen Arm. Ich hatte eine Menge Schmerzen.«

»Oh, das tut mir leid. Aber sie haben mir nicht wehgetan, mich nur mit Schule und Sport und so gequält. Aber sie haben mir gesagt, dass sie mir das Super-Soldaten-Serum geben wollen wenn ich zehn bin und mir dann auch meine Erinnerungen wegnehmen. Aber dann konnte ich ja fliehen.«

Erleichtert stößt Bucky die Luft aus, die er angehalten hatte.

»Kann ich mal deinen Arm sehen?«, wechsle ich das angespannte Thema.

Er zögert zuerst, hält ihn mir dann aber hin.

Staunend streiche ich über das schwarz-goldene Metall.

»Und du kannst den steuern? Wie funktioniert das?«

»Hab ich selbst keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es funktioniert wie als hätte ich einen echten.«

»Krass.«

Plötzlich geht die Tür auf und Sam steckt seinen Kopf durch die Tür.

»Ach, hier seid ihr!«

Da bemerkt er mich.

»Oh, hi Dornröschen. Bist du aus deinem 100-Jahre-Schlaf erwacht?«

Ich kichere leise.

»Und du hast meine Frisur kopiert!«

»He, das war ich nicht!«

»Ich weiß doch, war nur ein Scherz.«

Bucky und Sam gehen dann raus, weil ich Steve noch etwas fragen möchte.

»Wartet da draußen noch jemand?«

Traurig schüttelt Steve den Kopf.

»Wer ist gestorben?«, frage ich direkt.

Bitte nicht Tasha und Clint. Lass sie ... Lass sie einfach gerade nicht da sein, auf einer Mission oder so. Bitte.

»Nat und Clint. Seine ganze Familie auch. Und Vision ist gestorben, aber wirklich, nicht wegen dem Snap.«

Nein .

Ich fange an zu schluchzen und vergrabe mein Gesicht in Steves Schulter.

Er streicht mir über den Rücken und murmelt beruhigende Worte.

»Aber wo sind dann meine Eltern?«, frage ich mit zittriger Stimme und hebe den Kopf.

»Wo sind sie, wenn nicht hier?«

Abwechselnd hat das ganze Team – oder zumindest das, was davon übrig ist – mir die ganze Geschichte erzählt. Das mit Thanos, was danach passierte, wie alle glaubten, ich wäre auch gestorben. Dass Dad so lange im All war, erzählten sie auch.

Wie sie mein Paket bekommen hatten und sich sofort auf den Weg gemacht haben, um mich in Washington, D.C., abzuholen. Und wie sie die Ärzte bei meinem Unfall überzeugen mussten, mich mitnehmen zu dürfen, und so weiter.

Bevor ich aber meine Frage zu meinen Eltern wiederholen konnte, forderten sie mich auf, meine ganze Geschichte zu erzählen. Das Buch hatten sie nur durchgeblättert und das haben auch nicht alle gemacht.

Also fing ich damit an, wie mein Pfeil zu weit flog, und endete damit, wie ich den Jet vom Turm aus sah.

»Krasse Story«, kommentiert Sam, als ich fertig bin.

»Du hast jetzt auch Superkräfte? Zeig mal«, fordert er mich auf.

»Nicht jetzt Sam, sie ist doch gerade aus einem Koma aufgewacht«, sagt Steve.

»Doch, ist schon okay.«

Ich klettere die Wand hoch, laufe kopfüber an der Decke rum, nur bald werden meine Kopfschmerzen zu stark und ich muss wieder runterspringen.

»Das funktioniert vermutlich durch Bioelektrizität. Aber das kann ich noch einmal überprüfen«, sagt Bruce.

Ich erzähle dann von diesem Piepen, wenn eine Gefahr droht und von meinen verbesserten Sinnen und meiner Stärke.

»Sie heilt auch extrem schnell. So eine schnelle Zellenwiederherstellung habe ich noch nie gesehen«, fügt Bruce hinzu.

»Das könnte dir auch dein Leben gerettet haben«, schlussfolgert er.

»Ich will Armdrücken machen, um zu gucken, wie stark ich bin!«, sage ich herausfordernd.

Sam lacht. »Nimm einen von den zwei Super-Soldaten da drüben, mal sehen ob du die schlagen kannst.«

»Bucky«, entscheide ich.

An einem Tisch stellt er seinen biologischen Arm in Position, aber ich schüttle den Kopf.

»Den anderen«, sage ich mutig.

»Ich will dich aber nicht verletzen«, meint er.

»Du verletzt mich doch nicht«, widerspreche ich.

Also wechselt er den Arm und wir greifen unsere Hände.

»Gegen eine Zehnjährige habe ich noch nie Armdrücken gemacht«, sagt er grinsend.

Sam zählt runter, und bei null drücke ich sofort gegen seine Metall-Hand.

Ich habe erwartet, dass er stark ist, aber nicht so stark. Ich kann mich ihm ein bisschen entgegenstellen, verliere aber trotzdem nach ein paar langen Sekunden.

»Gar nicht schlecht«, sagt Bucky anerkennend.

»Noch mal«, erwidere ich.

»Wenn du meinst«, sagt Bucky.

Wieder machen wir uns bereit, und als es diesmal losgeht, weiß ich, auf welche Kraft ich mich einstellen muss.

Langsam, aber sicher drücke ich Buckys Hand auf die Tischplatte zu.

»Lass mich aber nicht absichtlich gewinnen, okay?«, frage ich ihn, und sofort spüre ich mehr Widerstand.

»Sky ist am Gewinnen! Bucky, gib nicht auf!«, jubelt Sam.

Aber ich leite noch einmal alle meine Kraft auf meine Hand und drücke die Matall-Hand auf den Tisch.

»Krass«, sagt Bucky verblüfft.

»Herzlichen Glückwunsch!«, sagt Sam und Wanda streicht mir über die Haare. »Das ist unglaublich«, sagt sie lächelnd.

Bruce murmelt: »Wir müssen unbedingt testen, wie viel du heben kannst.«

Ich muss grinsen. Dass ich ihn besiegen kann, hätte ich nicht gedacht.

Auf einmal will Steve auch mit mir Armdrücken machen, und bei ihm ist es sogar leichter. Ich gewinnt schon beim ersten Mal.

Auch gegen Sam schaffe ich es mühelos. Da gibt der Rest gleich auf.

»Sky ist die stärkste Person in diesem Raum, wer hätte das gedacht!«

»Und ihr habt mich wirklich nicht gewinnen lassen?«, frage ich, fast schon streng.

Aber alle schütteln den Kopf, und ich glaube ihnen.

»Also ... bin ich jetzt eine Superheldin?«, frage ich aufgeregt.

Steve schüttelt vorsichtig den Kopf.

»Nicht deine Kräfte machen dich zu einer Heldin, Sky, sondern das, was du damit machst. Das ist ein großer Unterschied.«

»Das ergibt Sinn ...

Hey, eigentlich wollte ich noch meine Frage beantwortet bekommen«, sage ich zu Steve.

Er seufzt.

»Deine Eltern leben hier in New York, am Kensico Lake. Sie haben dort ein Haus gebaut, um dort zu wohnen. Sie konnten es dir nicht mehr zeigen.«

Es macht Klick in meinem Kopf.

»Da war ich schon mit ihnen, bevor sie gebaut wurde!«

Ich springe auf.

»Ich muss dahin!«

Aber Steve hält mich zurück.

»Das ist keine gute Idee. Letzte Woche, als du im Koma warst, haben wir lange darüber nachgedacht, Hydras letzten Stützpunkt anzugreifen, bevor sie dich noch zurückholen können. Und wenn wir jetzt zu deinen Eltern fliegen würden, könnte Hydra das mitbekommen und euch dann dort, wo ihr ungeschützt seid, angreifen. Tony ist ja extra dorthin gezogen, damit so etwas nicht passiert. Wir würden sie in Gefahr bringen, verstehst du?«

Für eine Sekunde wehre ich mich noch, aber dann gebe ich auf.

»Ihr habt recht.«

Dann schaue ich Steve fest in die Augen.

»Dann komme ich aber mit, um zu Hydra besiegen.«

Bucky und Steve sagen gleichzeitig:

»Nein!«

Aber Thor widerspricht: »Wieso denn nicht? Hey, sie hat jetzt Superkräfte. Das ist ihre Chance, zu einer Superheldin zu werden, so wie du es erklärt hast, Cap. Stimmt doch, oder?«

Er zwinkert mir zu.

»Und dann können sich Bucky, Wanda und Sky gleichzeitig bei Hydra rächen«, fügt Sam hinzu. »Wozu heißen wir The Avengers?«

Steves Blicke sagen alles.

Große Hilfe seid ihr, eine Zehnjährige zu überzeugen, nicht mit in einen Kampf gegen eine mörderische Geheimorganisation zu ziehen.

»Ihr habt keine andere Wahl, ich gehe mit, ob ihr wollt oder nicht. Ich habe es geschafft, sie zu überlisten, dann kann ich sie auch besiegen. Und ohne mich findet ihr den Stützpunkt sowieso nicht.«

Steve seufzt wieder.

»Okay. Aber mit zwei Bedingungen: Wir greifen im Oktober an, bis dahin bereiten wir Sky vor. Und du wird keine Aufgabe bekommen, in der du dich verletzen könntest.«

Gegen die Anweisungen vom Captain kann ich sowieso nichts machen, also nicke ich.

»Dein Vater wird mich sowas von umbringen, wenn er davon erfährt.«

Ich bekomme mein altes Zimmer zurück, wo ich erstmal dusche und frische Klamotten anziehe. Erst danach traue ich mich, in den Spiegel zu schauen.

Ich bin total blass, weil ich so lang unter der Erde war und meine kurzen Haarstoppeln schimmern rotbraun. Ich bin mir nicht so sicher, was ich davon halten soll. Zum Glück wachsen Haare nach. Was ich auch bemerke: Ich bin viel durchtrainierter! Da kann man mir auch glauben, dass ich zwei Super-Soldaten im Armdrücken besiegen kann.

Auf meinen Schreibtisch lege ich mein Notizbuch. Mehr habe ich nicht. Die alten Sportklamotten werfe ich in den Müll.

Dann kann ich meine erste Nacht in einem richtigen, bequemen Bett genießen, das sich wie die flauschigste Watte anfühlt. Wie ich das vermisst habe!

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Für alle, die sich fragen, wie Sky mit rasierten Haaren aussieht:

https://1drv.ms/i/c/c0a114388c74db00/IQBG6yuZHbYURYL-SzyigeaOAXLOuf60WTwzvzyTfeG0o7o