2020
2020
—I'm back home—
Dad hat Steve gerade angerufen und gesagt, dass sie wieder da sind und er jetzt kommen könnte.
Es sind wieder nur Wanda und Steve mitgekommen, sie sind die, denen ich unter dem Rest der Avengers am allermeisten vertraue. Und sonst sind es zu viele.
Die beiden haben schon längst aufgehört zu versuchen, mich zu beruhigen, aber ich kann nicht aufhören, mir Gedanken zu machen.
»Noch zehn Minuten«, sagt Steve aus dem Cockpit.
Zehn Minuten.
Nervös laufe ich im Jet hin und her und spiele mit meinen kurzen Haaren. Sie sind ziemlich schnell gewachsen und schon so fünf oder sechs Zentimeter lang.
Der Friseur hat mir gesagt, dass mir ein Pixie Cut gut stehen würde, deswegen hat er mir meine Haare ein bisschen nachgeschnitten. Dann muss ich auch nicht so lange warten, bis sie so lang sind wie vorher. Und ... ich mag es.
Aber werden Mom und Dad es mögen?
Wie werden sie reagieren?
Werden sie sauer sein?
Auf mich?
Oder auf Steve, weil er es nicht vorher gesagt hat?
Wird Morgan mich als ihre Schwester sehen?
Wird alles wieder gut?
»Wir sind da.«
Kaum hat Wanda den Satz beendet, springe ich auf – nachdem ich mich doch noch einmal hingesetzt habe – und warte ungeduldig darauf, dass die Heckklappe herunterfährt. Da fällt mir die Kälte draußen ein, und ich ziehe mir schnell meine Jacke über, die ich mitgenommen habe.
Diesmal haben wir einen kleinen Quinjet genommen, wo kein Auto reinpasst, deswegen können wir nicht so nah hinfahren.
Obwohl sie noch nicht ganz unten ist, springe ich auf den Asphalt und renne los, die beißende Kälte ignorierend.
»Sky, warte!«, ruft mir Steve noch hinterher, aber das ist mir egal.
Ich muss zu ihnen, so schnell ich kann!
Nach ein paar Minuten bleibe ich keuchend stehen. Mein Atem bildet kleine Wolken vor mir.
Da ist es.
Mein Herz klopft so schnell und nervös trete ich von einem Bein aufs andere.
Ich schaue zurück und sehe Wanda und Steve schon kommen, also ... warte ich doch lieber.
Sie kommen bei mir an, und Wanda fragt besorgt: »Hey, was ist denn?«
»Ich traue mich nicht«, flüstere ich.
Als wir vor der Tür stehen, hängt meine Hand vor der Tür in der Luft, um zu klopfen, aber ich bin wie erstarrt. Ich bekomme es nicht hin, mein Arm will sich nicht bewegen.
Also schiebt mich Steve sanft zu Seite und klopft an.
Nach ein paar Sekunden öffnet sich die Tür, aber ich sehe nicht, wer es ist.
»Hey, Tony.«
Es ist Dad.
Was soll ich jetzt machen? Hallo sagen? Wegrennen?
Ich hab keine Ahnung, was ich machen soll!
»Oh, hey Steve, hi Wanda. Wie geht's euch? Und ... den anderen?«
Ein Hauch von Traurigkeit schwingt in seiner Stimme mit, als wäre er noch nicht über meinen Tod hinweg.
»Gut«, sagt Steve und Wanda nickt.
»Was war denn das Wichtige, weswegen du angerufen hast?«
Jetzt. Los, JETZT IST DER MOMENT, du musst nur einen Schritt nach vorne machen, dann sieht er dich.
»Ähh ...«
Steves Augen zucken zu mir, er weiß nicht, was er sagen soll.
Weil ich es auch nicht weiß, springt Wanda ein und legt eine Hand an meinen Rücken.
Sie schiebt mich vor die offene Tür, und ich sehe Dad. Er steht da, geschockt und wie eingefroren.
»Wie ...?«, flüstert er und blinzelt verwirrt.
Da kann ich mich endlich wieder bewegen, ich stürme auf ihn zu und umarme ihn fest.
»I-ich habe dich s-so ve-vermisst, Daddy!«, schluchze ich.
Nach ein paar Sekunden, wo sich Dad immer noch nicht bewegt hat, schiebt er mich von sich, kniet sich vor mich und umfasst mein Gesicht.
Er hat Tränen in den Augen, mit einer Hand wischt er meine eigenen weg.
Überwältigt öffnet er den Mund.
»Skyle ...«
Seine Stimme klingt rau, als hätte er meinen Namen viel zu lang nicht mehr ausgesprochen.
»W-wie? Warum?«, fragt er leise.
Dann legt er eine Hand an meinen Hinterkopf, zieht mich an sich und hält mich fest, als hätte er Angst, mich wieder zu verlieren.
Nach ein paar Minuten, wo wir fest umschlungen da knieten, flüstere ich:
»Wo ist Mom?«
Dad löst sich von mir, streicht mir die Haare aus dem Gesicht und küsst mich auf die Stirn.
Mit leiser Stimme sagt er: »Sie ... sie ist oben im Schlafzimmer. Mit ...«
Er unterbricht sich.
»Morgan«, beende ich den Satz.
Überraschung zeigt sich in seinem Gesicht, aber er fragt nicht nach. Später ist genug Zeit zum Erklären.
»Ihr könnt ... euch da hinsetzen«, sagt Dad zu Wanda und Steve und zeigt auf das Sofa. Sie kommen rein und schließen die Tür hinter sich. Wanda wirft mir noch ein ermutigendes Lächeln zu.
Dad geht vor, ich folge ihm, obwohl ich weiß, wo es hingeht.
Dad öffnet die Tür zum Schlafzimmer und ich gehe direkt hinter ihm rein.
Mom liegt auf dem Bett, von der Tür weggedreht.
Hilflos bleibe ich stehen, unsicher, ob ich zu ihr laufen soll oder nicht. Dad geht auf sie zu.
»Hey Honey, ich nehme sie mal.«
Ich sehe, wie Mom ihm Morgan gibt, der sie sanft in den Arm nimmt.
Das ist meine Schwester.
Aber von den Gedanken zu Morgan werde ich abgelenkt, als Mom fragt:
»Wer war an der Tür?«
Er nickt in meine Richtung.
Mom dreht sich um, erkennt mich und keucht auf.
Sie rappelt sich auf, steigt vom Bett und kommt auf mich zu.
»Oh mein Gott ...«
Ungläubig gibt sie mir einen Kuss auf die Haare, streicht über meine Wange und nimmt mich in die Arme. Ich höre sie leise schluchzen.
»Ich hab dich echt vermisst, Mom«, hauche ich.
Da ertönen quengelnde Laute aus Morgans Richtung, und ich sehe auf.
Morgan zappelt in Dads Armen und streckt ihre Hände in unsere Richtung.
Sie sieht so aus, als würde sie zu Mom wollen.
»Ja, ist ja gut, ich lass dich schon runter, Maguna«, sagt Dad.
Kaum ist meine Schwester auf dem Boden, läuft sie mit wackeligen Schritten auf uns zu.
Mom macht einen Schritt zu Seite, um Morgan den Weg zu mir freizumachen.
Warte ... Morgan will zu mir?
Ja, sie kommt wirklich auf mich zu, statt die Richtung zu Mom zu ändern.
Vor mir bleibt sie stehen, und ich knie mich zu ihr runter.
»Kkai ...?«, fragt sie unsicher und starrt mich mit ihren großen, braunen Augen an.
Sie meint doch nicht mich, oder?
Das war mein Name!
»Hey Morgan«, schniefe ich.
»Ja, ich bin Sky.«
Ihre Augen leuchten auf und sie sagt aufgeregt: »Kaiii!«
Dann geht sie noch ein paar Schritte auf mich zu und streckt ihre Arme zu mir.
Ich denke, das ist wohl das Zeichen dass ich sie hochnehmen soll ...
Auch Mom und Dad nicken mir zu, als ich sie fragend anschaue.
Also nehme ich Morgan unter die Arme, nehme sie hoch und setze mich mit ihr zusammen aufs Bett.
Morgan umarmt mich unbeholfen, sodass wir zusammen umkippen.
Kichernd liegen wir auf dem Bett, während ein Gedanke mich nicht loslässt:
Ich bin wieder Zuhause.
Ich möchte gerade aus dem Bad gehen, nachdem ich meine Zähne geputzt habe, da höre ich leise Stimmen und ... Schluchzen?
Mit leisen Schritten gehe ich den Flur entlang, bis ich Mom und Dad auf der Couch sehe. Mom weint. Sogar Dad läuft eine Träne die Wange herunter.
Ich habe Dad noch nie weinen sehen.
» ... aber wir haben Sky wieder, Pep.«
Dad zieht sie näher zu sich und küsst sie auf die Stirn.
Ich versuche, so leise es geht, die Treppe hochzulaufen, weil ich mich besser nicht einmischen sollte, aber als ich einmal zurückschaue, sehe ich Dad, wie er mir ein Lächeln zuwirft.
Er formt mit den Lippen »Gute Nacht« und macht eine beruhigende Handbewegung, um zu sagen, dass alles gut ist.
Dann wendet er sich wieder Mom zu.
»Und ich verspreche dir, so etwas wird nie mehr passieren. Nie mehr.«
Das war auch ein Versprechen an mich, fällt mir ein, als ich fast oben bin.
Ich starre an die Decke.
Meine Gedanken hindern mich daran, einzuschlafen.
Den Rest des Tages hatten wir damit verbracht, Mom und Dad alles zu erzählen und zu erklären. Am Ende habe ich ihnen auch mein Notizbuch gegeben, damit sie es sich durchlesen können, die Briefe habe ich ja an sie geschrieben.
Dad war ziemlich sauer – nicht auf mich, sondern auf Steve, dass sie mich auf die Hydra-Mission mitgenommen haben und mich danach auch noch zu einem Avenger gemacht haben. Auch dass wir ihnen nicht Bescheid gegeben haben, dass ich noch lebe, hat ihn verärgert. Aber am Ende war alles wieder gut. Zum Glück, ich will nämlich nicht, dass es so einen großen Streit wie 2016 noch mal gibt. Und dann wegen mir!
Als ich erzählt habe, dass ich bei Hydra verschiedene Sprachen gelernt habe, waren sogar Steve und Wanda ziemlich überrascht.
Dann hab ich ein paar Sätze auf Deutsch, Russisch, Französisch und Latein gesprochen, was ziemlich lustig war.
Mit Dad kann ich mich jetzt in Französisch und Russisch unterhalten.
Und auch mit Steve konnte ich in Deutsch, Russisch und Französisch reden.
Da bleibe ich lieber bei Englisch!
Aber Dad ist leider ein lustig gemeinter Witz herausgerutscht.
»Wenn du eine Geheimsprache mit Natasha brauchst, dann könnt ihr euch auf Latein unterhalten. Abgesehen vom Russisch.«
Nur hat er in dem Moment vergessen, dass Tasha nicht mehr da ist, was mich traurig gemacht hat.
Aber es ging nach ein paar Momenten wieder.
Ich habe dann schüchtern gefragt, ob es schlimm ist, dass ich jetzt so kurze Haare hab und ob das okay ist, wenn ich sie so behalte.
Mom und Dad haben mir gleich versichert, dass das sehr cool aussieht und dass es ihnen natürlich gefällt.
»Es symbolisiert ein wenig deine Rückkehr, wie ein Neuanfang«, meinte Mom und hatte dabei wegen den Tränen glänzende Augen.
Dad findet meine Superkräfte ziemlich cool, auch Morgan war begeistert, als ich sie ihr gezeigt habe.
Mom war ein bisschen besorgt. Bestimmt, weil sie Angst hat, dass ich mich in Gefahr bringe.
Ich habe mich nicht getraut, zu fragen, ob ich so ein Superheld wie Dad werden kann.
Aber es gibt jetzt Wichtigeres. Wie zum Beispiel Morgan kennenzulernen und Zeit mit meiner Familie zu verbringen.
Es ist schon ein paar Tage her, seit ich wieder zuhause bin.
Wir hatten eine echt schöne Zeit. Einmal waren wir zusammen Schlitten fahren, oder haben einen Waldspaziergang gemacht.
Einmal waren wir zusammen Eislaufen. Mom konnte mit Morgan nicht mitmachen, deswegen haben sie von außen zugeguckt.
Mit Dad hat es richtig Spaß gemacht. Ich war schon mal mit Mom Eislaufen, deswegen wusste ich, wie es geht, aber Dad ist einfach noch NIE Schlittschuh gelaufen! Das war so lustig! Er musste sich immer irgendwo festhalten und einmal hat er meine Hand genommen, damit er mehr Gleichgewicht hat, aber dann sind wir fast zusammen hingefallen! Das war ihm ein bisschen peinlich, dass es mal was gibt, was er nicht kann. Er hat es sich nicht anmerken lassen, aber ich hab's gemerkt.
Abends saßen wir am Kamin und haben Spiele gespielt.
Es ist fast so, als wäre ich nie weggewesen.
Aber ich kann nicht ewig hier zuhause bleiben. Ich muss zur Schule.
Zumindest hat Dad das gerade gesagt.
»Ich bin dafür, dass wir dir einen neuen Privatlehrer suchen.«
Wieso neu? Was ist mit ...
»Miss Simon ist bei dem Snap gestorben«, sagt Dad, als er meinen fragenden Blick bemerkt.
»Ich will aber nicht wieder einen Privatlehrer! Ich will in eine richtige Schule! Damit ich Freunde finden kann ... und mehr Spaß hab!«, protestiere ich.
Dad schaut mich ernst an und sagt fest: »Wir werden nicht riskieren, dass dir wieder etwas passiert. Wir haben fast zwei Jahre mit dir verpasst, und wenn wir dich jetzt auf eine Schule schicken, bist du wieder in Gefahr!«
Mom nickt und legt ihre Hand auf meine.
»Wir wissen, wie sehr du das brauchst, aber wir wollen dich nicht noch einmal verlieren.«
Ich schüttele ernergisch den Kopf.
»Aber jetzt ist alles anders! Ich hab jetzt Superkräfte und kann mich selbst beschützen!«
Nach einer kurzen Pause füge ich hinzu: »Und außerdem muss es ja nicht eine normale Schule sein. Eine Privatschule ist vielleicht sicherer!«
Mom und Dad schauen sich an.
»Ich weiß nicht, Sunshine«, sagt Mom.
»Aber wir denken darüber nach.«
»Also ... wir haben darüber nachgedacht. Und wir sagen ja–«
Jubelnd unterbreche ich Moms Satz.
Dad erhebt seine Stimme und bringt mich zum Verstummen.
»... mit ein paar Bedingungen. Erstens ... wird es eine Privatschule sein, die unseren Vorstellungen entsprechen. Zweitens ... erzählst du KEINEM von deinen Superkräften. Und drittens erzählst du nicht überall herum, dass du meine Tochter bist. Dich werden Menschen erkennen, aber wenn du zu offen damit umgehst, bist du ein Angriffsziel. Okay? Das ist uns sehr wichtig.«
Mit strahlendem Lächeln gehe ich mit Mom und Dad aus dem Büro.
Eigentlich ist es ja so, dass man sich bei Privatschulen immer so ein Jahr vorher bewerben muss. (Das wusste ich vorher auch nicht, das hat die Frau gerade erklärt.) Aber weil wegen dem Snap so viele gestorben sind, ich einen sehr berühmten Dad habe und hochbegabt bin, wurde ich gerade trotzdem aufgenommen!
(Das mit dem hochbegabt haben sie uns nicht sofort geglaubt, ich musste erst einen kleinen Test machen, den ich ziemlich einfach fand, dafür, dass sie testen wollten, ob ich hochbegabt bin.)
Dad hat gedacht, dass ich mich gleich auf einer Middle School bewerben kann, dann habe ich nach meinem ersten Schuljahr nicht gleich einen Wechsel.
(Weil eigentlich müsste ich in die 5. Klasse, in die Elemantary School, bin jetzt aber schon in der 6., also in der Middle School.)
Und zwar gehe ich an die Bloomingdale Middle School. Es ist auch die Bloomingdale High, aber da gehe ich ja erst danach hin.
Sie ist spezialisiert auf Naturwissenschaften und Technik.
»Perfekt für dich«, hat Dad gesagt.
Das einzige, was nervt, ist, dass sie 45 Minuten mit dem Auto entfernt ist. Aber das macht nichts, weil wir Dads Audi R8 sehr schnell sind und weil die Schule dort ein bisschen später als normal anfängt, weil viele von bisschen weiter weg kommen. Selbst wenn man noch in New York City lebt, kann man dahin eine Stunde brauchen.
Die haben das geändert, damit man, wenn man so weit weg wohnt, nicht noch früher aufstehen muss.
»Und, bist du aufgeregt?«, fragt Mom und stupst mich an.
Sofort nicke ich. Ich darf ab nächste Woche in die Schule. Heute ist Freitag, also nicht mehr lange!
—First Day of School—
Unsicher laufe ich hinter meinem neuen Lehrer, Mr. Cooper, her. Wir sind auf dem Weg zum Klassenzimmer. Es ist kurz nach Schulbeginn, deswegen ist keiner mehr auf den Gängen.
Mr. Cooper hält vor einer Tür und öffnet sie. Die lauten Stimmen, die man vorher durch die Tür gehört hat, verstummen sofort.
Neben der Tür hängt ein Schild, darauf steht:
Homeroom 6B
Lehrer: Mr. Cooper
Als Mr. Cooper anfängt zu sprechen, erinnere ich mich, was Dad immer macht, wenn er unsicher ist, also schlucke ich meine Angst hinunter und versuche, sie mir nicht anmerken zu lassen.
»Guten Morgen, Klasse 6B! Wie ihr seht, haben wir eine neue Schülerin.«
Als ich in den Raum blicke, fangen sofort wieder welche an zu tuscheln. Ich höre ziemlich oft meinen Namen.
Aber ein bekanntes Gesicht lässt mein Gesicht aufleuchten.
Da sitzt Jamie!
Sie hat mich – natürlich – auch schon längst entdeckt.
Sie zeigt auf den freien Platz neben sich und ich nicke unmerklich.
»Möchtest du dich vorstellen?«, spricht mich Mr. Cooper an.
Ich nicke selbstbewusst.
»Hi! Ich bin Sky Stark, was ihr eh schon wisst, aber egal. Mein Vater hat mir endlich erlaubt, auf eine Schule zu gehen, statt einen Privatlehrer zu haben, deswegen bin ich jetzt hier.
Und NEIN, ich bin kein Geist, sondern bin am Leben, keine Sorge.«
Einige lachen.
Da streckt ein Junge mit blonden Haaren die Hand hoch, Mr. Cooper ruft ihn auf, und er fragt:
»Aber es haben alle gedacht, du wärst tot. Auch deine Eltern!«
Ich zucke mit den Schultern.
»Jap, aber sie haben mir verboten, irgendwem zu erzählen, was passiert ist. Ist auch nicht so wichtig, weil jetzt bin ich ja wieder da.«
Da traut sich keiner mehr, sich zu melden, aber ich sehe, dass es keiner versteht und bestimmt trotzdem wissen will.
Jamie wirft mir einen verstohlenen Blick zu.
Okay, alle außer sie.
Sie ist die einzige, die davon weiß. Aber sie hat mir versprochen, es keinem weiterzusagen, also ist alles gut.
Bis einer brüllt: »Wenn wir Sky Stark in unserer Klasse haben, werden wir eine voll berühmte Schule!«
Und wieder reden alle mit ihrem Nachbarn. Nur Jamie ist still und wirft mir ein Lächeln zu.
Aber Mr. Cooper beruhigt sie mit erhobenen Händen.
»Nein, keiner wird das irgendjemandem erzählen. Wenn bekannt wird, dass Sky in unsere Schule geht, könnte sie in Schwierigkeiten geraten. Nicht nur sie und ihre Familie, sondern auch wir. Viele Reporter werden an unserer Schule auftauchen und es werden sich viel zu viele für Bloomingdale bewerben, dabei sind es so schon viele. Ihr wollt Sky doch nicht das Leben schwer machen?«
»Nein«, sagt Jamie. Als Einzige.
Dankbar lächle ich sie an. Ich habe gedacht, dass es schwerer sein wird, Freunde zu finden. Jetzt hab ich schon eine!
Als kein anderer was sagt, schaut Mr. Cooper jeden einzelnen meiner neuen Mitschüler – außer Jamie – warnend in die Augen.
»Wenn ich mitbekomme, dass irgendwer der Presse etwas verrät, wird das Konsequenzen haben.«
Alle nicken, flüstern sich aber trotzdem etwas zu und ich sehe manche grinsen. Das sieht nicht so gut.
»Okay, super. Fangen wir mit der Anwesenheit an. Sky, du kannst den freien Platz an der Wand nehmen, wenn du möchtest.«
Ich schüttle den Kopf.
»Wäre es okay, wenn ich neben Jamie sitze?«
»Oh, ich kennt euch schon? Natürlich, ich habe nichts dagegen.«
Schnell laufe ich zu Jamie an die Fensterseite, stelle meinen Rucksack ab und setze mich neben sie.
Mr. Cooper kramt in seiner Tasche rum, schaut dann nochmal hoch.
»Würdest du ihr dann das Gebäude, die Spinde und die Cafeteria und so zeigen?«, bittet er sie.
Jamie nickt.
»Klar.«
Dann wendet sie sich zu mir.
»Voll cool, dass wir einfach in derselben Klasse sind!«, flüstert sie mir aufgeregt zu, während Mr. Cooper anfängt, nacheinander alle Schüler aufzulisten.
»Ja, ich hab das gar nicht erwartet. New York City ist doch sooo groß. Da hättest du auch in Queens sein können«, sage ich leise.
»Stimmt«, kichert sie.
Da ruft Mr. Cooper nach ihr und sie ruft laut: »Ich bin da! Aber mich haben sie doch schon gesehen!«
Mr. Cooper nickt nur und sagt: »Dann dasselbe wohl bei Sky.«
Er tippt auf seinem Laptop herum und ruft den nächsten Schüler auf.
In der großen Pause darf mir Jamie dann die Schule zeigen.
Sie zeigt mir den Spind, dessen Nummer ihr Mr. Cooper vorher gegeben hat, ich stelle einen Code ein und dann gehen wir zu den verschiedenen Fachräume von den Kursen, die ich gewählt habe. Jetzt in der Middle School gibt es noch nicht so viele wie in der High School, aber zwei habe ich am Freitag aussuchen dürfen. Ich habe Robotik & KI (darauf ist Dad ziemlich stolz) und Sport gewählt. Die Fächer die wir alle zusammen als 6B haben, hat mir Jamie erklärt, sind Mathematik, English, Bio/Physik/Chemie, Technik und Geschichte. Ah, und jeder Schüler wählt am Anfang der 6. Klasse eine Sprache, die man dann über die ganze Middle-School-Zeit hat. Zur Wahl stehen: Spanisch, Deutsch und Französisch. Ich habe Deutsch genommen, weil ich da schon mehr weiß, wegen der Schule bei Hydra. Ja, Französisch habe ich dort auch gelernt, aber Deutsch hat mir besser gefallen. Jamie hat auch Deutsch gewählt.
»Die Cafeteria zeige ich dir später«, sagt sie.
»Wenn es dann Mittagessen gibt.«
—E.V.E.—
»Ich möchte eine eigene KI«, sage ich plötzlich.
Dad und ich sind gerade von der Schule auf dem Weg nach Hause. Aber bevor er irgendwas dazu sagen kann, rede ich weiter.
»Heute in Robotik & KI hat mein Lehrer gefragt, was ich so über künstliche Intelligenz weiß, weil du ja selbst welche entwickelt hast und mein Vater bist. Dann habe ich von ein bisschen von Jarvis und Friday erzählt. Aber irgendwann war es mehr als bisschen und er musste mich unterbrechen.«
Dad grinst, als er das hört. Weil ich so begeistert davon bin, dass ich meinen Lehrer die Unterrichtszeit geklaut habe.
»Und dann hat er mir vorgeschlagen, wenn ich über dieses Thema euphorisch reden möchte, kann ich gerne eine Präsentation darüber halten.
Und ich finde die Idee super. Aber es wäre noch cooler, wenn ich eine eigene KI mitbringen könnte. Aber es wäre natürlich auch ohne die Präsentation cool, eine eigene KI so wie du zu haben.«
Dad wirft mir einen belustigten Blick zu.
»Wenn ich jetzt auch was sagen darf ...«, fängt er an und ich grinse verlegen.
»Wann wollen wir anfangen?«
Da muss ich lachen.
»Wir müssen erst mal zuhause ankommen, Dad!«
»Wie willst du sie nennen?«, fragt Dad. Wir haben, seit wir Zuhause sind, an der Kl gearbeitet. Dad hat sein Programm benutzt, dass er auch für Jarvis und Friday genommen hat.
Wir es ein bisschen umprogrammiert. Jetzt hat sie den Charakter, den ich haben möchte.
Außerdem hat sie die Funktionen, die ich brauche.
(Nur kann sie keine Waffen steuern, so wie Jarvis und Friday das konnten.)
Das einzige, was jetzt noch fehlt, ist der Name. Ohne Name geht nix, irgendwie muss sie ja auf etwas reagieren.
Aber ich bin nicht so gut im Ausdenken.
Ich zucke mit den Schultern, tippe auf dem Holoscreen herum, auf dem wir die ganze Zeit gearbeitet haben und frage: »Friday? Ich und Dad machen eine KI und ich brauche so 'ne eine Abkürzung So wie bei dir und Jarvis. Ah, und es soll am besten ein Mädchenname sein.«
Okay, hier ein paar Ideen.
Auf dem Holoscreen erscheinen nach und nach Namen mit Bedeutung.
K.I.M.
Knowledge Integration Module
L.Y.N.
Logical Yield Network
E.V.E.
Enhanced Virtual Entity
N...
»Stopp!«, sage ich, bevor noch mehr Ideen auftauchen.
»Das reicht.«
Ich gehe zurück auf den Holoscreen, wo das Programm mit der KI ist und tippe den Namen in das vorgegebene Feld ein.
Dad schaut mir zu und pfeift leise anerkennend.
Als ich fertig mit Eingeben bin, klopft er mir auf die Schulter und sagt: »Gute Wahl. E.V.E. könnte man auch als Eventually Very Effective bezeichnen. Wissen wir ja noch nicht.«
»Eve?«
Hallo Sky. Ich bin Eve. Was kann ich für dich tun?
»Es funktioniert! Sie hat meine Stimme erkannt!«
»Natürlich funktioniert es«, sagt Dad.
»Und auf deine reagiert sie nicht?«, bohre ich nach.
»Nope. Sie ist ganz für dich allein.«
Ich probiere es aus, ihr verschiedene Fragen zu mir zu stellen.
Wenn das Programm funktioniert, sollte sie ALLES über mich wissen.
Und sie muss Zugriff auf das komplette Internet haben.
Dad hat sogar eingestellt, dass Eve Zugriff auf den Speicher von den Aufnahmen von Jarvis und Friday hat, weil die beiden so viele Fotos und Videos von mir gemacht haben, was woanders nicht existiert, damit ich das abrufen kann.
Ich will gerade auf das Video tippen, wo ich zum ersten Mal gesprochen habe, aber da murmelt Dad irgendetwas davon, Eve in meinem Zimmer zu installieren.
Also nimmt er sich das, was er braucht, wir gehen nach oben und er bringt die Lautsprecher, Mikrofone und die kleinen Geräte für die Holoscreens an.
So kann ich, wie in der Werkstatt, mit Eve überall Holoscreens erstellen und mit ihr sprechen.
Dad hat auch vorgeschlagen, mir ein Holo-Phone einzurichten, wie er es hat. Das sind kleine, durchsichtige Platten, die so was wie ein Handy sind, nur viel besser. Dann kann ich, falls etwas sein sollte, in der Schule oder so, immer anrufen.
Die Tests verlaufen einwandfrei, und am Abend liege ich im Bett und Eve hat einen Wecker für morgen früh gestellt. Dann muss Dad mich nicht mehr wecken.
Morgen kann ich die Präsentation mit Eve machen und üben, dann kann ich nächste Woche schon präsentieren.
»Jarvis war die erste KI von Dad. J.A.R.V.I.S. ist nicht nur die Abkürzung von Just A Rather Intelligent System , so hieß auch der Butler von meinem Großvater, Howard Stark.«
Ich stehe vor der Kursklasse in Robotik & KI und habe gerade mit der Präsentation angefangen. Jeder, wirklich JEDER hört mir zu. Wahrscheinlich ist das Thema KI besonders spannend. Oder sie finden Dad cool. Kann auch sein.
Na ja, ich bin mit einem berühmten Vater und KI aufgewachsen, deswegen kann ich das nicht so nachvollziehen, weil ich es ja gewöhnt bin.
»Jarvis wurde zu Vision, der zu den Avengers gehörte.«
Wenn er noch da wäre, hätte er sich bestimmt dazu bereit erklärt, mit mir in die Schule zu kommen. Das hätten bestimmt alle cool gefunden, er war ja buchstäblich KI und auch sowas wie ein Roboter. Nur menschlicher.
»Nachdem Jarvis dann nicht mehr als Haus-KI dienen konnte, hat Dad Friday benutzt. F.R.I.D.A.Y. ist die Abkürzung von Female Replacement Intelligent Digital Assistant Youth .«
Ich nehme mein Holo-Phone heraus halte es hoch und werfe damit ein blaues, kugelähnliches Hologramm in die Luft, das leise pulsiert.
»Ich habe euch meine persönliche KI mitgebracht, die ich mit Dad zusammen erstellt habe. Sie heißt Eve. E.V.E. steht für Enhanced Virtual Entity , Dad hat gesagt, sie ist Eventually Very Effective .«
Ich sage: »Eve«, und als sie antwortet, bewegt sich die Kugel in einem schnellerem Rhythmus.
Was kann ich für dich tun, Sky?
»Sie reagiert nur auf meine Stimme, aber wenn ihr Lust habt, könnt ihr irgendwelche Fragen stellen und sie kann sie bantworten.«
Sofort strecken sich mehrere Hände in die Luft.
»Wie viele Sprachen kannst du sprechen?«, fragt ein Junge.
Ich wiederhole die Frage an Eve und sie sagt:
Ich kann alle Sprachen sprechen, die du willst. Möchtest du, dass ich Deutsch rede?
Ich sage schnell nein.
Die nächste Frage ist: »Darf ich auch eine Eve?«
Eve antwortet mit:
Mich gibt es nur einmal, und ich bin nicht verkäuflich.
Nach ein paar anderen Fragen sagt mein Lehrer schließlich, dass ich mich wieder hinsetzen kann.
—SkySpider—
»Black Cat wurde immer wieder in NYC gesichtet. Mehrere Diebstähle wurden auch gemeldet« , sagt die Nachrichtensprecherin im Fernsehen.
»Es wird vermutet, dass es zusammenhängt.«
»Wer ist Black Cat?«, frage ich Dad, als er mich abholt.
Ich habe es auf dem Fernseher in der Cafeteria in der Schule gesehen.
Er zuckt mit den Schultern.
»Irgendeine Kriminelle, die irgendwie gut in Akrobatik ist. Hat sich selbst Black Cat genannt.«
Ihr Bild wurde auch auf dem Bildschirm gezeigt: Weiße Haare, schwarzer Anzug.
»Und ... unternimmst du was gegen sie?«, frage ich gespannt.
»Kleinkriminelle sind nicht mein Gebiet, Skylee. Außerdem findet Pepper es besser, wenn ich kein Iron Man mehr bin. Auch wenn ich meine Anzüge ständig verbessere. Das ist für den Notfall, solltet ihr in Gefahr sein. Nicht für eine Diebin, die sich wie eine Katze verkleidet. Die können auch die Cops fangen.«
»Mischt die Lösungen in der richtigen Reihenfolge, damit ihr keine Fehler macht. In Einzelarbeit«, sagt Mrs. Shatterfield, meine Chemielehrerin. Also schaue ich auf mein Protokoll, das wir ausfüllen sollen und schreibe die Namen der Lösungen auf die Materialien. Unsere Aufgabe ist es, Slime aus den Lösungen zu machen. Auf der einen Flasche steht: PVA-X
Auf der anderen Boratlösung.
Dann habe ich noch Stärke.
Die Lebensmittelfarbe kommt ganz am Ende dran.
Also schütte ich zuerst das PVA-X in mein Glas, danach die Boratlösung und schließlich füge ich noch die Stärke hinzu.
Dann rühre ich mit dem Rührstäbchen um.
Häää ... da stimmt was nicht. Eigentlich sollte es etwas Glibberiges, Schleimiges sein. Slime eben.
Aber es ist immer noch eine Flüssigkeit. Für einen Moment zumindest.
Als ich den Rührstab heraushole, scheint die Flüssigkeit mit dem Sauerstoff zu reagieren. Es bildet sich ein langer, klebriger Faden am Stäbchen, der nicht abgehen will.
Es sieht aus wie ein Netz.
Warum hat das nicht normal funktioniert?
Ich schaue mir die Lösungen nochmal genau an. Dann schiele ich zu Jamie rüber. PVA-Lösung (Polyvinylalkohol), steht auf der Flasche. Nicht PVA-X .
Mrs. Shatterfield muss mir aus Versehen das Falsche vorbereitet haben.
Schnell melde ich mich und sage meiner Lehrerin Bescheid.
Sie gibt mir die richtige Lösung und ich mache den Versuch von vorn.
Auf dem Weg zu dem Parkplatz, wo Dad immer auf mich wartet, schlägt dieses Piepen plötzlich an.
Ich brauche dringend einen Namen dafür, ich kann doch nicht ständig »dieses Piepen« dazu sagen, denke ich.
Auf der Straße läuft eine ältere Dame. Sie ist so langsam, dass die Ampel, die gerade noch grün war, auf rot springt.
Und ein Sportwagen kommt rasend schnell angefahren, er wird nicht mehr stoppen können.
Ohne nachzudenken, renne ich auf die Straße, vor die alte Frau und strecke meine Arme nach oben, um das Auto abzufangen.
Beim Rennen rutscht mir meine Mütze ins Gesicht, die ich wegen dem kalten Oktoberwind angezogen habe.
Ich kneife die Augen zusammen, spanne mich an und ...
Die Stoßstange prallt gegen meine Hände, ich fange das Auto ab und lasse es vorsichtig herunter.
Um uns herum hat sich eine Menschenmenge gebildet, überall wird gefilmt und gerufen.
»Wer bist du?«
»Wie hast du das gemacht?«
»Ich hab dich doch schon im Fernsehen gesehen!«
Die ältere Frau starrt mich zuerst erschrocken an, bringt ein zitterndes »Danke« heraus und macht sich dann auf den Weg zur sicheren Straßenseite.
Der Fahrer reißt sich die Sonnenbrille von der Nase und schaut mich entsetzt an.
Als er aussteigt, renne ich weg, durch die Menschenmenge, damit mich keiner erkennt.
Als ich meinen Blick zurückwerfe, sehe ich, wie der Mann prüfend auf die Stoßstange des Wangens schaut, keinen Schaden findet und sich erleichtert wieder reinsetzt.
Der macht sich auch nur Sorgen um sein teures Auto, nicht um die Frau, die er überfahren hätte und auch nicht um die, DIE ER ANGEFAHREN HAT. Mich.
Die Menschen rufen mir wieder hinterher, aber ich ignoriere sie wie gerade eben schon und biege um eine Hausecke. Bevor mir noch jemand folgen kann, klettere ich die Hauswand hoch.
Bei der Hälfte schaue ich zurück und sehe, wie mich jemand filmt, also beeile ich mich und komme endlich am Dach an.
Von oben schaue ich mich nach der Straße um, wo der Parkplatz ist und finde ihn schnell.
Dad ist noch nicht da. Zum Glück. Ich setze mich auf die Mauer, auf der ich immer warte und ziehe die Mütze aus, damit keiner denkt, ich wäre das gewesen.
»Schon zum vierten Mal ist diese mysteriöse Person aufgetaucht.
Sie wird auf 12-15 Jahre geschätzt, da die Größe oft unterschiedlich genannt wurde.
Geschlecht: unbekannt. Genaues Alter: unbekannt.
Name: unbekannt.
Man konnte die Person noch nicht identifizieren.«
Verschiedene Videoausschnitte von mir, darunter auch das von gestern.
»Jedoch hat die Person vier mal Zivilisten aus ausweglosen Situationen das Leben gerettet.
Sie scheint tatsächlich Superkräfte zu haben.
Darunter übermenschliche Stärke, Schnelligkeit und Reflexe.
Außerdem wurde in einem Video aufgenommen, wie sie mit bloßen Händen an glatten Wänden klettern konnte.«
Das Video von gestern, dass von mir gemacht wurde, als ich geflohen bin, wurd eingeblendet.
»Deswegen wird auch vermutet, dass es dieselbe Person ist wie beim Washington Monument ist, ein Jahr zuvor.«
Das Bild wechselt zu einem Video, wie ich den Turm hochklettere, bevor ein riesiges Fragezeichen auf dem Bildschirm erscheint.
»Gehört sie zu den Avengers?
Wer ist diese Person?«
In der Cafeteria wird es echt laut, als alle Gerüchte in die Welt setzen, wer wohl diese Person ist.
Jamie beugt sich zu mir rüber.
»Das bist du!«, flüstert sie.
Ich nicke unmerklich.
»Voll cool ... aber dass du Superkräfte hast, hast du mir in Washington gar nicht erzählt«, sagt sie leise.
Ich lege den Finger an die Lippen und sie nickt.
»Ich verrate es keinem«, versichert sie mir.
Dann beugt sie sich doch noch einmal zu mir und fragt: »Wie heißt du? So ... als Superheldin?«
Ich zucke mit den Schultern.
Aber nur, weil ich paar Mal Menschen gerettet habe, muss ich nicht gleich eine Superheldin mit Namen sein.
Es ist nur, ... immer wenn ich jemanden in Gefahr sehe, habe ich das Bedürfnis, demjenigen zu helfen, weil ich die Möglichkeit dazu habe, wegen meiner Kräfte.
Aber ich kann nicht jedes Mal das Risiko eingehen, erkannt zu werden. Erstens, damit Dad es nicht mitbekommt und zweitens, dass es kein Reporter mitbekommt, weil dadurch es Dad auch mitbekommen würde. Ich brauche eine bessere Tarnung.
Irgendwie ... Irgendwas.
Am nächsten Tag gehe ich in der Mittagspause in einen Shop, der Winterkleidung verkauft und suche mir eine dünne Mütze aus, die lang genug ist, um sie mir auch über mein Gesicht ziehen zu können.
Danach hole ich mir eine schwarze Sonnenbrille, wo mich der Verkäufer komisch anguckt, weil wir ja fast Winter haben, keinen Sommer. Bezahlen kann ich mit dem Holo-Phone, da hab ich Zugriff auf Dad's Konto (aber nur begrenzt).
Zuhause schneide ich Löcher in die Mütze, die so groß sind wie die Sonnenbrillengläser sind.
Probehalber ziehe ich es an und da fällt mir auf, dass ich mich mit der Sonnenbrille besser auf bestimmte Punkte konzentrieren kann.
Nicht, dass mich die verbesserte Sicht stört.
Von da an gehe ich immer in der Mittagspause hinaus und halte Ausschau nach Menschen in Gefahr. Eines Abends, an dem ich einen Blick auf mein Notizbuch werfe und es durchblättere, fällt mir beim letzten Eintrag dieser Abschnitt auf:
Weißt du noch, Dad, als wir im Fernsehen gesehen haben, wie dieser Junge von einer Spinne gebissen wurde und ins Koma gefallen ist? Ich habe gesagt, wenn er Spinnenkräfte bekommen hätte, könnte er an Wänden krabbeln und Netze schießen. Du hast gesagt, dass meine Fantasie mit mir durchgeht. Sieht so aus, als hätte ich recht gehabt! Ich habe jetzt die Kräfte einer Spinne!
Netze schießen.
Natürlich!
In Chemie habe ich doch vor ein paar Wochen aus Versehen etwas anderes kreiert als Slime.
Es sah aus wie ein Netz und war echt stark.
Vielleicht könnte ich irgendetwas bauen, womit ich wirklich Netze schießen kann.
Ich krame das Protokoll aus meinem Schulrucksack und schaue mir an, aus was die Formel bestand.
Ich brauche nur diese Lösungen.
»Mrs. Shatterfield?«, frage ich nach einer Stunde in Chemie.
»Ja, Sky?«
Ich stelle mich gerade hin und frage: »Wissen sie noch, als wir Slime zusammenrühren sollten, und ich aus Versehen die falsche PVA-Lösung benutzt habe?«
Als sie nickt, fahre ich fort.
»Na ja, ich fand das so interessant, was rausgekommen ist, deswegen wollte ich fragen, ob ich mit den Lösungen ein wenig experimentieren darf? Also, ob ich die Lösungen mit nach Hause nehmen kann? Wenn es funktionieren sollte, kann ich es auch in der Klasse vorstellen«, biete ich an.
Sie macht ein nachdenkliches Gesicht.
»Eigentlich spricht nichts dagegen, die Lösungen sind ja ungefährlich. Aber ich überlege ein wenig und spreche mit Mr. Cooper.
Morgen haben wir ja wieder Chemie, dann sage ich dir Bescheid.«
Ich bedanke mich und gehe nach draußen zu Jamie, die auf mich gewartet hat.
Am nächsten Tag darf ich es wirklich mitnehmen.
Zuhause mische ich es zusammen, was sehr schnell geht und auch super funktioniert. Es kommt dasselbe raus wie bei meinem Versehen. Dann verschließe ich die Flüssigkeit luftdicht.
Ich habe so viel wie möglich davon zusammengerührt, denn noch einmal werde ich es nicht mitnehmen dürfen.
Ich lüge eigentlich nicht ... aber wenn ich unentdeckt bleiben will, muss ich Mrs. Shatterfield leider sagen, dass es nicht funktioniert hat, damit ich es nicht vorstellen muss.
Man kann halt schnell darauf kommen, dass ich das bin, wenn ich das vor der Klasse vorstelle und dann die mysteriöse Person genau dieses Zeug benutzt.
Die nächsten Tage arbeite ich mit Eve, um ein funktionierenden 'Webshooter' zu bauen.
(So habe ich es genannt.)
Die Teile dafür habe ich aus Dad's Werkstatt genommen.
Ich experimentiere viel herum und nach einer Woche klappt es das erste Mal!
Eve gratuliert mir und ich probiere sie sofort aus.
Die Webshooter liegen an meinen Handgelenken, sie sind ganz leicht zu befestigen.
Die Flüssigkeit fülle ich in eine Öffnung und wenn ich auf den Knopf auf meiner Handfläche drücke, schießt die Netzflüssigkeit blitzschnell heraus, reagiert in einer Millisekunden mit dem Sauerstoff, verfestigt sich zu einem netzartigen Strang und klebt z.B. an der Wand fest.
Ich habe auch bemerkt, dass sie sich nach 12 Stunden auflösen, was ziemlich gut ist, weil ich sie dann nicht aufsammeln muss.
Sie können mich ganz leicht tragen, ich kann sogar hin- und herschwingen.
Ich frage Eve, ob es möglich wäre, damit in der Stadt durch die Luft zu schwingen, und sie bejaht.
Das wäre ein äußerst schnelleres Fortbewegungsmittel, sagt sie.
Mir ist sogar endlich ein Alias eingefallen. Von der Spinne und meinem eigenen Namen inspiriert.
SkySpider.
»Wooohooo!!«, juble ich, als ich das erste Mal an einem Faden durch die Luft fliege.
Mit einem dünnen Faden ein Gebäude herunter zu springen, war zwar ziemlich riskant, aber ich lebe ja noch, und es hat wirklich funktioniert!
So langsam bekomme ich es hin, mich hin und her durch die Straße zu schwingen. Fast wäre ich auf dem Boden gelandet, als ich ein Netz zu spät an das nächste Gebäude geschossen habe, aber es ist gut gegangen.
Es ist nicht dasselbe wie Fliegen mit Flügeln wie Sam oder einem Iron-Man-Anzug, aber es macht trotzdem extrem Spaß!
Ich war vorgestern bei Jamie zu Besuch und sie wollte unbedingt alles über meine Superkräfte wissen. Und falls Mom und Dad fragen, ich hab es ihr nicht erzählt, sie hat es selbst herausgefunden!
Und Jamie hat mir dabei geholfen, diesem Piepen in meinem Kopf einen Namen zu geben.
Wir hatten Ideen wie sechster Sinn (was ziemlich blöd klingt, obwohl es stimmt), aber am Ende fand ich Spinnensinn am besten.
Für das Wandkrabbeln, also, die klebenden Hände, haben wir nichts gefunden. Ich schätze, es bleibt bei Wandkrabbeln. Oder Wandklettern.
Aber dass ich bei Jamie bin, war, ehrlich gesagt, heute eine Ausrede.
Ich habe Dad gesagt, nach der Schule bin ich wieder bei ihr.
Nur dass Jamie nichts davon weiß und ich nur bisschen länger SkySpider sein wollte.
Als ich runterschaue, sehe ich 'ne Menge Leute, die mich filmen.
Irgendwie wird das echt nervig. Aber ich denke nicht, dass ich irgendetwas dagegen machen kann.
———
Eigentlich läuft alles super. Ich schwinge durch die Stadt und rette Leute, die kein anderer außer ich retten kann.
Ich ziehe Leute mit den Netzen von den Straßen, halte Autos davon ab, ineinander zu krachen und wickle Diebe in Netze, sodass die Polizei sie einsammeln kann.
Immer mehr Berichte gibt es über mich im Fernsehen und auch auf YouTube, wie ich in der Schule mitbekomme.
Black Cat ist mir noch nicht begegnet. Aber vielleicht wird sie das bald.
Jetzt im Januar ist es ziemlich kalt, vor allem wenn ich im kalten Wind durch die Stadt schwinge, aber damit werde ich schon fertig.
Dann passiert etwas Unerwartetes.
Ich komme von der Schule, sehe Dad im Auto, sein ernstes Gesicht und erkenne:
Dad weiß es.
———
Skys nachgewachsene Haare seit diesem Kapitel:
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